XV.

Ich glaube nicht, daß eine Liebe, welcher eine große Pflicht, welcher auch

nur das Glück eines Wesens geopfert wurde, ganz glücklich seyn kann.

Sie erfüllt ja das Herz mit so unendlichem Wohlwollen gegen alle, alle

Geschöpfe.

Den ersten heftigen, leidenschaftlichen Ausbrüchen der Seligkeit folgt eine

ruhige Stille. In Gesprächen entfaltet sich die Seele, kein Gedanke bleibt

dem Geliebten verborgen, und ein unendliches Vertrauen tauschet Herz gegen

Herz. Wie lieb und immer lieber wird er in solchen Augenblicken, welchen

Genuß gewährt jedes seiner Worte, jede kleine Gewohnheit, jeder Ausdruck,

den er gern gebraucht, welcher namenloser Liebreiz ist in seinem Sprechen,

seinem Gehen, seinen Bewegungen. Ich könnte Tage lang ihm so mit meinen

Blicken, mit meiner Seele folgen, und in der größten Einsamkeit ganz allein

mit ihm würd' ich glücklich seyn; denn wer ergründet je den geheimnißvollen

Zauber seiner Liebenswürdigkeit? O mein Gott! rufe ich oft mit Thränen

und drücke die Hände auf meine beklemmte Brust, warum mir, mir so viel

namenloses Glück! -- Und der Wunsch, das glühende Gebet, daß solches Glück

allen Seelen werden möge, wirft mich vor den Allmächtigen nieder.

Könnte ich so selig seyn, trübte der Gedanke an eines Geschöpfes Unglück,

das ich verschuldet hätte, mein Bewußtseyn?

Heloise : ein kleiner Roman · 第 16 / 48 题