IV.

Die Veränderlichkeit unsrer Empfindungen, unsrer Meinungen, unsrer

Ansichten, ist mir der demüthigendste Beweis unsrer Unvollkommenheit. Julie

hat zuerst meinen Geist gebildet, bis zu meinem sechzehnten Jahre blieb

ich ihrer Leitung überlassen; und welchen Unterschied der Denkungsart haben

sechs Jahre bewirkt. Vergebens berühre ich Saiten, deren Einklang mich

einst beglückte, vergebens suche ich an ihrer Gestalt alle wohlbekannten

Züge auf: sie ist ganz verändert, auch ich bin nicht mehr dieselbe.

Herausgetreten ist sie in die Welt, ihr Ruhm hat sie schadlos gehalten

für die Marter einer unglücklichen Ehe. Ihres Gatten Reichthum und Rang

ersetzten ihr die Quaal seiner Unerträglichkeit; sie ist ihm treu, und

allen ihren Pflichten.

Doch ein Gut verlangt das menschliche Herz, das seine Ansprüche auf

Glückseligkeit befriedige, woran es mit ganzer Seele hange.

Der Mutter sind das Kinder; wenn alles für sie verloren ist, auf diese

überträgt sie ihre Ansprüche, in diesen erblühn aufs Neue ihre Hoffnungen,

ihre Freuden. Die Jugend, welche ihr Schicksal schon dahin genommen,

besitzen ihre Lieblinge noch als Zukunft; dem sie entsagte, darauf dürfen

ihre Kinder hoffen; sie segnet ihre Leiden, denn die Erfahrungen, welche

sie damit erkauft hat, tragen Früchte für Jene.

Julie blieb kinderlos, und ihr Ansehen in dem Zirkel, der sie umgiebt,

der allgemeine Ruf der Liebenswürdigkeit und Tugend, welcher ihr Haus

zum Sammelplatz des ausgezeichneten Verdienstes, wie der ausgezeichneten

Thorheit macht, die Achtung, der Beifall der Herrschenden, haben sie für

eheliches Glück, für Mutterfreuden schadlos halten müssen.

Auch mir ward beides nicht; doch wie verschieden war unsre Lage. Ich folgte

dem Manne, den ich nicht liebte, nicht lieben konnte, auf ein einsames

Landgut; mich entschädigte die Natur um mich her. Eine süße Schwärmerei,

Sorgen für das Wohl meiner Unterthanen, und das Bild, das verschwebende

Bild jenes Mannes, das bei mir vorüberzog, und eine unendliche Sehnsucht in

mir zurückließ: sie haben mein Herz erfüllt, mich beschäftigt und beglückt.

Ich kannte die Ruhe, und ich hatte sie nicht mit Leiden erkauft: wie

duftige Wolkengebilde schwanden die Tage an mir vorüber, und jeder gewährte

mir den unendlichen Genuß der Sehnsucht. Aus diesem Frieden eilte ich zu

der Freundin, von der ich vor sechs Jahren mit allem Schmerz mich trennte,

und sechs ereignißreiche Jahre liegen zwischen uns, die mit ihrem Wechsel

und ihren Erinnerungen, unserem Wesen eine andre Richtung gaben.

Heloise : ein kleiner Roman · 第 5 / 48 题