Die Veränderlichkeit unsrer Empfindungen, unsrer Meinungen, unsrer
Ansichten, ist mir der demüthigendste Beweis unsrer Unvollkommenheit. Julie
hat zuerst meinen Geist gebildet, bis zu meinem sechzehnten Jahre blieb
ich ihrer Leitung überlassen; und welchen Unterschied der Denkungsart haben
sechs Jahre bewirkt. Vergebens berühre ich Saiten, deren Einklang mich
einst beglückte, vergebens suche ich an ihrer Gestalt alle wohlbekannten
Züge auf: sie ist ganz verändert, auch ich bin nicht mehr dieselbe.
Herausgetreten ist sie in die Welt, ihr Ruhm hat sie schadlos gehalten
für die Marter einer unglücklichen Ehe. Ihres Gatten Reichthum und Rang
ersetzten ihr die Quaal seiner Unerträglichkeit; sie ist ihm treu, und
allen ihren Pflichten.
Doch ein Gut verlangt das menschliche Herz, das seine Ansprüche auf
Glückseligkeit befriedige, woran es mit ganzer Seele hange.
Der Mutter sind das Kinder; wenn alles für sie verloren ist, auf diese
überträgt sie ihre Ansprüche, in diesen erblühn aufs Neue ihre Hoffnungen,
ihre Freuden. Die Jugend, welche ihr Schicksal schon dahin genommen,
besitzen ihre Lieblinge noch als Zukunft; dem sie entsagte, darauf dürfen
ihre Kinder hoffen; sie segnet ihre Leiden, denn die Erfahrungen, welche
sie damit erkauft hat, tragen Früchte für Jene.
Julie blieb kinderlos, und ihr Ansehen in dem Zirkel, der sie umgiebt,
der allgemeine Ruf der Liebenswürdigkeit und Tugend, welcher ihr Haus
zum Sammelplatz des ausgezeichneten Verdienstes, wie der ausgezeichneten
Thorheit macht, die Achtung, der Beifall der Herrschenden, haben sie für
eheliches Glück, für Mutterfreuden schadlos halten müssen.
Auch mir ward beides nicht; doch wie verschieden war unsre Lage. Ich folgte
dem Manne, den ich nicht liebte, nicht lieben konnte, auf ein einsames
Landgut; mich entschädigte die Natur um mich her. Eine süße Schwärmerei,
Sorgen für das Wohl meiner Unterthanen, und das Bild, das verschwebende
Bild jenes Mannes, das bei mir vorüberzog, und eine unendliche Sehnsucht in
mir zurückließ: sie haben mein Herz erfüllt, mich beschäftigt und beglückt.
Ich kannte die Ruhe, und ich hatte sie nicht mit Leiden erkauft: wie
duftige Wolkengebilde schwanden die Tage an mir vorüber, und jeder gewährte
mir den unendlichen Genuß der Sehnsucht. Aus diesem Frieden eilte ich zu
der Freundin, von der ich vor sechs Jahren mit allem Schmerz mich trennte,
und sechs ereignißreiche Jahre liegen zwischen uns, die mit ihrem Wechsel
und ihren Erinnerungen, unserem Wesen eine andre Richtung gaben.