II.

Meine Lage wird sich verändern, und ungern vertausch ich das Land mit der

Stadt, ungern meine stille Freiheit mit den Fesseln, worin die Gesellschaft

mich schmieden wird. Hier sah ich Menschen, wann ich wollte, und kehrte in

meine Einsamkeit wieder zurück, so bald es mir gefiel. Diejenigen, welche

mich umgaben, waren lebendig genug, mich so lange zu fesseln, als sie

gegenwärtig waren; doch ihre Abwesenheit ließ keine Leere in meiner Brust

zurück. Ich fand mich immer gern selbst wieder, unter meinen Bäumen, meinen

Blumen, am Busen meiner ewigen Freundin, der Natur. Wenn vor mir die Sonne

groß und glänzend hinuntersank; wenn leichte Abendflocken sich um sie

drängten, und von ihrem Scheideblick angelächelt, sanft verglühend durch

den stillen Himmel zogen; vor mir alles Glanz und Glut war, und hinter

mir das Thal von dunkelblauen Bergen eingeschlossen, in duftiger, ruhiger

Dämmerung schwamm, wie eine schöne Vergangenheit; zu meiner Rechten

der Strom den Abendhimmel in klaren Wellen zwischen den üppigen Ufern

dahintrug: wie habe ich mich da selig, näher allem Großen und Guten

gefühlt! Wie strebte mein innerstes Wesen, hinauszudringen aus dem Kerker,

sich ganz in sie zu ergiessen, sie ganz zu fassen, die göttliche Natur.

Diese Freuden muß ich nun entbehren, und welchen Ersatz beut mir die Stadt?

Ich bin ungerecht! komme ich nicht zu einer Freundin, die meine Jugend

erzog?

Schönes Land, das ich verlasse, freundlicher Fluß, ahnungsvolle Berge,

schönes himmlisches Land, ein Land der Sehnsucht wirst du mir seyn, wenn

ich entfernt von dir nun leben werde.

Heloise : ein kleiner Roman · 第 3 / 48 题