So hat denn der Tod das Band einer unglücklichen Ehe gelöset, und ich bin
Wittwe, bin frei. Ist es Betrübniß, was ich empfinde? Die Freude wenigstens
ist meinem Herzen ferner, als der Gram: ich bin sanft zur Wehmuth gestimmt.
Auch wenn man nicht glücklich im ehelichen Verhältniß war: so schlingen
doch tausend Erinnerungen, worin des Gatten Bild verwebt ist, tausend
kleine Gewohnheiten, die auf ihn Bezug hatten, ein Band um Vermählte,
dessen Auflösung dem fühlenden Herzen schmerzlich wird. Das Licht der
gesenkten, verlöschenden Fackel, fällt auf das Gute des Sterbenden, auf
unser Unrecht gegen ihn; und der Schatten des Todes bedeckt seine Fehler.
Ich habe nie am Abend meinen Gemahl verlassen können, wenn er mich
beleidigt oder gekränkt hatte, ohne ihm versöhnt eine gute Nacht zu
wünschen; und nun sollte er den langen Todesschlaf schlummern, ohne daß
ich ihm vergäbe, ihn von ganzem Herzen beweinte? Ich habe nie seinen
Tod gewünscht: das Gefühl des Daseyns, das ich am Busen der ewigen Natur
dankbar mit jedem Athemzug der balsamischen Luft in meine Seele trank; das
Geräusch der leisen ahnungsvollen Stimmen der lebendigen Schöpfung, das
mich oft in Träume wiegte, und meinen Geist in schwellender Sehnsucht nach
einem unbekannten Etwas, durch das weite Weltall hinauf zum Vater der Liebe
trug; dies alles soll er nicht mehr empfinden? diese Luft nur das Gras auf
seinem Hügel berühren? diese Töne sollen über sein Grab verklingen, ohne
daß sie ihn wecken; und ich soll ihn nicht beklagen? mich nicht anklagen,
daß durch mich sein Daseyn nie so süß ward, als ich es ihm hätte machen
können? Nein, Guter! ich darf nicht sagen, Geliebter! wenn dein Geist von
mir weiß, so nimm in meinen Thränen, in Deinem unentweihten Andenken, den
letzten Zoll der Freundschaft, der Achtung!
Es ist mir, als müßte er in jenen Gefilden, eine Ahnung von meinem Kummer,
und Freude daran haben. Wir alle scheiden doch ungern aus dem Lebensreiche,
ohne betrauert zu werden; und sanft und freundlich geleitet der Gedanke an
den Schmerz der Hinterlassenen, uns hinab in das stille Land des Friedens.