Edgar ging schnell, er lief, Esther begriff ihn noch nicht, sie eilte ihm
nach, er rannte dahin, sprang über Wurzeln, die hoch bogenförmig sich
spannten über kaum sichtbare Saumpfade. Winterlich schwere Gebüsche trat er
herab, sie folgte ihm, schweigend, ihr Atem jagte, ihr Herz schlug.
Noch waren die Bäume feucht vom Regen, die Erde schwer am Fuße der hohen
Bäume, wo kein Gras wuchs. Er lief weiter, beflügelte sie, verzweifelte
Leidenschaft ließ sie jetzt dahinstürmen, Hand in Hand, er hielt die Zweige
von ihren Augen ab, aber Esther riß er hoch, vor dem Abhang, der Dämmerung,
der Tiefe.
Jetzt hatte sie wieder das alte Gesicht, wollüstig und scheu, Esther, aber
war sie mit neuer Jungfräulichkeit geschwellt, »es« lebte noch, »es« würgte
ihn wie ein Haar, in seiner Kehle tief. Aber Edgar und Esther, gemeinsam
rasend in hingewölbtem Schwung, weiter Wiesen erstes Grün, unter den Füßen
sinkender Hang, rollend in Geröll, fliehender Mond unter spiraligen Wolken,
blasender Wind über der nächtlichen Waldblöße, der kalt versteinerten
Ebene, von einem einzigen Trieb getrieben, schleuderten sie hin auf den
Boden: Brust an Brust, Fleisch an Fleisch: in einer verzweifelten Umarmung
umarmten sie ihre ganze Liebe noch einmal.
Tränen wurden. Überwältigung. Nun war Esther das Wesen ohne Wissen, die
allem Bekannten unbekannte, ein nackter Schoß, eine Seele nackt, nicht der
mütterlich schützende Leib, sondern nur des Geliebten Geliebte, Braut.
Sie schämte sich, ihn anzusehen nachher. Von dem Kinde sprach sie nicht
mehr. Sie zitterte in Schmerzen, war elend, ohne Mitleid grub der Geliebte
seinen Blick in ihr gemartertes Gesicht. In Esthers Gedanken war »es«
zerstört. Sie kam an dem nächsten Tage in ein Privathaus. Sie gab einen
fremden Namen an. Er durfte ihr nicht schreiben, aber sie durfte es. Sie
sagte ihm, er solle sich keine Sorgen machen, das war Hohn und Zärtlichkeit
zugleich. Er ließ sie dort, lange ging er unter den Fenstern hin und her.
Hunde bellten, Kinder schrien, eine Maschine, vielleicht in einer
Druckerei, bewegte sich stöhnend. Ein sehr schönes, sehr junges Mädchen
ging vorbei, so leichte zarte Hüften, so feine Knöchel in glimmernden
Seidenstrümpfen. Zum erstenmal ergriff Edgar Schmerz um die Geliebte, er
wußte, über diesen Tag konnten sie weiterleben, aber nicht mehr so wie
jetzt, eine Esther war auf ewig verloren, wenn auch eine Esther wiederkam.
Am nächsten Tage hatte er nur Angst. Angst vor dem notwendigen »Eingriff«,
Angst, daß Esther im letzten Augenblick Angst vor dem Eingriff bekäme und
»es« zu retten versuchte. Fremde Augen, fremde, robuste Hände, brutale
Worte, ihre, der armen Esther kranke Nacktheit fühlte er als seine eigene
Schande.
Am dritten Tage dachte er nur an ihren Tod. Tausendmal war solches
geschehen, die blühendsten Menschen hatte »es« so hinweggerafft, warum
sollte es nicht sie hinwegraffen, die er liebte? Er liebte sie? Alles,
fühlte er tief erschüttert, tat sie seinetwegen, unauslöschlich war seine
Schuld, ohne Grenzen ihre Liebe.
Was lag jetzt an der Freiheit, an dem ersehnten Alleinsein, an eines neuen
Lebens Beginn? Er konnte sich nicht betäuben, Wein wirkte nicht gegen
Wirklichkeit, die Welt war zu klein für Flucht. Sie sprechen, ihr
schreiben? Esther lag vielleicht schon in dieser Minute auf dem schmutzigen
Seziertisch eines Vorstadtspitals, sie krümmte sich nicht unter der
knochigen Hand eines betrunkenen Sezierdieners, der ihren zerstörten Leib
mit groben Bindfaden zusammennähte. Aber nicht erst der Tod, schon er,
Edgar, hatte diesen Körper aufgerissen, ihn mit einem Atom Lust gefüllt und
mit einem Berg von Schmerz und Tod. In ihren Fenstern war es dunkel.
Gebrochen von Ekel und Wut kam er nach Hause.
Schlaflos saß er die ganze Nacht, eingehüllt in graue Dumpfheit, mit der
Hand ohne Aufhören ein Stück Kerze knetend, bis es, klebrig und grau
geworden, an seinen Fingern hing. Am Morgen ging er zu ihr.