Lange schon fühlten sie beide, daß sie einander nicht mehr mit Liebe von
einst liebten, aber sie wußten zuviel voneinander, sie waren einander
gewohnt.
Seine chemische Fabrik, die er in einem Vorort hatte, ging schlecht. Es kam
eine gute Gelegenheit, sie teuer zu verkaufen, und in dem in eine
Aktiengesellschaft umgewandelten Unternehmen noch eine fast leitende
Stellung zu erhalten. Aber war das ein glücklicher Zufall, so bewährte sich
das Glück auf der Börse, wo er zu spielen begann, nicht so sehr. Er verlor
die Hälfte seines Vermögens an drei aufeinanderfolgenden schrecklichen
Tagen, das letzte ließ sich nur abwenden, weil er mit dem seine Geschäfte
führenden Bankier seit Kindeszeiten befreundet war und der Bankier keine
weitere Deckung verlangte, so daß das Engagement vielleicht bei einer
Besserung der Konjunktur doch noch ohne großen Schaden abgewickelt werden
konnte. Auf alle Fälle hatte er die fast leitende Stellung in der Fabrik,
es war zwar sicheres, aber doch fremdes Brot und manchmal bitter für ihn.
Es waren kleine Verhältnisse, in denen er lebte.
Die alte Geliebte war ihm auch jetzt treu. Sie hatte nie an besondere
Glücksfälle geglaubt, sie war die Wirklichkeit, die Vernunft. Immer blieb
die Sorge bei ihr, die Angst bewachte jede Umarmung. Das Keuscheste wurde
schamlos, wenn sie, die Geliebte des Verarmten, daran dachte, daß sie ein
Kind bekommen könnte.
Sie suchte und fand einen »Gelderwerb«. Leicht war es ihr nicht, die an
fremden Türen zu klopfen nicht gewohnt war, aber es war leichter, als Edgar
»zur Last zu fallen«. Das Böse der bösen Tage draußen, trieb ihn und sie zu
ihr und ihm.
Verzweiflung kam nach Jahren, kam nach lange geduldig getragenen
Enttäuschungen. Er verzweifelte an ihr, sie am Leben.
Aber nach erbitterten Faustkämpfen mit Worten, denn zur Gewalt liebte er
sie nicht genug, nach Hieben mit alten Beschuldigungen, längst verjährten
Sünden, gab es Umarmungen, es rauschten wortlose unbeschreibliche Nächte.
Auch er erwachte aus ihrer Schwäche nicht mehr strahlend wie einst und
herrlich verjüngt -- beide entstiegen sie der Dunkelheit gealtert,
verwüstet, entgöttert. Aus einer dieser Nächte wurde das Kind.
Sie dachten lange nicht daran, daß »es« möglich sein könne, aber dann kam
eine Zeit, da sie einstimmig lachten, wenn sie davon sprachen, aber allein
gelassen Gelübde ablegten für den Fall, daß das »Unglück« nicht einträfe.
Es war mehr als Unglück, es erschien ihm als völlige Vernichtung seines
Lebens, Erstickung jeder besseren Zukunft. Esther aber hatte sich endlich
daran gewöhnt, die Schwefelsäure in ihrem Zusammenleben mit ihm zu
ertragen.
Sie war reifer geworden, denn sie fürchtete nichts mehr. Anderen Männern,
wie dem Bankier, trat sie mit Sicherheit entgegen, es war ihr trauriger
Triumph, daß niemand von ihrer Verbindung mit Edgar wußte. Sie spielte mit
den anderen, und so tränenselig sie bei Edgar war, so konnte sie doch in
großer Gesellschaft verführerisch lächelnd am Klavier stehen, leicht über
die Tafel des Instrumentes gebeugt, sehr schlank in der zarten Linie ihrer
an den Flügel geschmiegten Hüften. Oft sprach man von Liebe und Ehe und sie
erzählte mit mädchenhafter Schwärmerei von einem edlen Jugendgeliebten, der
nun in Afrika oder sonst an einem Ende der Welt als Elefantenjäger lebte.
Edgar konnte nicht jeden Tag mit der ungeliebten Geliebten zusammensein,
aber auch Einsamkeit ertrug er nicht, sie machte ihn irr, wahnsinnig, jagte
ihn in ewige Flucht durch die ewige Verfolgung des eigenen Ich, in Furcht
vor dem Wahnsinn fieberte er, wie in der Zeit vor Esther. Er konnte nicht
ohne Bücher, Zeitungen leben. Mußte er einmal eine Stunde allein sein, dann
las er, rechnete, schrieb, blieb lange über die Arbeitszeit in dem ganz
verlassenen Laboratorium, zündete die Gashähne der Bunsenbrenner an,
stellte sie wieder klein, nutzloses Werk, Werk des nutzlosen, endlich warf
er sich auf ein Sofa, zog den Rock über das Gesicht, tat sich Gewalt an,
langsam zu atmen, irgendwie sich zu schützen vor der großen Angst, dem
idiotischen Verhängnis, das an unrechter Stelle »Feuer gefangen hatte«.
Gebrochen, zermalmt kam er abends zu Esther, die in seiner Wohnung auf ihn
gewartet hatte. Auch da war es unerträglich. Sie hatte, rührend und
unerträglich sanft wie immer, mit dem Abendbrot auf ihn gewartet, nun trieb
er sie hungrig zu einem Spaziergang, rannte sich müde, schleppte sie durch
unbekannte Gassen, durch Fabrikhöfe, über Schutt- und Schlackenhaufen,
endlose Straßenbahngeleise entlang. Er sprach nun, redete hemmungslos ins
Unmögliche, übertäubte alles, endlich war er müde genug, um sie zu küssen.
Endlich doch, und nachher, in einem befreiten Aufatmen gestanden sie
einander ihre Sorgen ein, und als sie lange genug einander eingeredet
hatten, daß »es« unmöglich sei, begannen sie Pläne zu schmieden. Jetzt, da
er neben ihr lag, und ihr mattes Haar schimmern sah im Licht der Laterne
draußen, da seine Finger sich um ihre nackten, wie Pfirsiche zu tastenden
Knie spannten, jetzt lebte sie in ihm, unverlierbar.
Er mußte fort, die Stadt beengte ihn, jetzt hatte er eine brutale
Arbeitslust, er mußte eine neue Freiheit haben. Er sprach nicht für sich,
sondern doch für beide? Es war das beste, das einzige für sie, es handelte
sich nur um Monate, um wenige Jahre, um wenige tragende Ideen, die Ideen
waren einfach, das Geld lag auf der Straße, der Bankier glaubte auch daran,
aber hier konnte er sie nicht zuende bringen, da er sich zu sehr um seinen
Liebling, um Esther sorgen müsse. Vor allem mußte doch für sie gesorgt
werden, er wollte viel Geld verdienen, »Brüsseler Spitzen handbreit um das
da« flüsterte er, während er mit falscher Schmeichelei ihr nacktes Knie
umfaßte.
Nach einem langen Schweigen sagte er leise, wenn sie beide alt geworden
wären und müde, dann könnten sie einander heiraten.
Für alles war ein Ausweg, ein guter Trost, nur diese unheimliche
Möglichkeit mußte fort, dieses Gespenst einer Familie, einer Kinderschar
bei einem Einkommen von 2 800 für alle. Dieses Gespenst erst mußte fort,
alles stand ja gut, morgen konnte man in Sicherheit sein, auch sie, die
vielumsorgte Esther, morgen oder spätestens in einer Woche.
Aber es kam nicht zum Aufatmen, von neuem gab es Kämpfe, hartnäckigen
Widerstand gegen das ungeborene Kind. Die mathematische Wahrscheinlichkeit,
die klare Vernunft, der höhere Sinn des Lebens wurden dagegen zu Hilfe
gerufen. Sah die Geliebte gut aus, dann sprach ja ihr rosiger Teint
dagegen, hatte sie ein verfallenes Gesicht, dann war sie eben krank, und
diese Krankheit täuschte das Kind vor, das nicht da war, weil es nicht da
sein durfte.
Aber es war doch da. Er schickte sie zum Arzt, nur zur Beruhigung, um seine
Sorgen loszuwerden. Sie kam sehr bald zurück, setzte sich still und ruhig
zu ihm, so ruhig, daß er aufatmete. Waren sie befreit? Nein. Es war da. Es
gab keinen Zweifel mehr.
Und warum weinte sie nicht?
Sie weinte, er hatte ihre Tränen nicht bemerkt. Seitdem sich ihre Liebe so
sonderbar geändert hatte, hatte Edgar verlernt, sie zu trösten. Nur er
konnte es, sagte sie. Einmal war sie von einem Wagen beinahe überfahren
worden, der Kutscher hatte sie in den Kot gestoßen und nachher noch gemein
beschimpft. In zerrissenen, mit Straßenkot getränkten Kleidern war Esther
zu ihm gekommen, ihr krampfhaftes Weinen war jammervoll. Er hatte sie wie
ein Kind getröstet, in zehn Minuten hatte sie gelacht und in seinen Armen
vor Lust sich gekrümmt, während die Kleider am Herd trockneten.
Auch jetzt tröstete er sie. Aber sie wollte nicht Lust. Sie war still, seit
langem hatte sie »es« gefühlt, daß es kommen mußte, gewußt seit der ersten
Nacht, vor so langer Zeit. Aber sie hatte sich nie mit Schmerzen an dieses
»es« in Gedanken geklammert, vielleicht es immer gewollt, »es« allein. Aber
sein Unglück war nicht zu ermessen? War es so schwer?
Sie liebte ihn jetzt mit einer so sublimen, außerirdischen Liebe, ganz ohne
Grund, denn wenn Gründe gegolten hätten, wie hätten sich die Verstummten
jetzt in die Augen sehen können?
Draußen regnete es im Gewitter. Es war ein später Apriltag und ungewöhnlich
warm. Als sie auf die Straße kamen, hörte der Regen auf. Sie gingen in den
Park. Langsam hoben sich die Blätter in der abendlichen Sonne, befreit von
der Feuchtigkeit. Goldfarbene Regenwürmer schlängelten sich über
ockerfarbigen Sand, die zart gestrichelten Glieder schienen sich neu aus
dem Innern der Würmer zu gebären. Die Vögel sangen, am Abhang sah man einen
Knaben einen weißen Reifen vor sich hertreiben, Liebespaare schwankten
seitwärts in tiefen Schatten. Von überall kamen die Regenwürmer hervor,
schwer war es, sie nicht zu zertreten. Während der Mann sein ganzes Wollen
hinzwang, zu schonen die goldenen Windungen der schädellosen Tiere, fühlte
er mit Entsetzen, daß etwas ebenso wortloses, ebenso lebendiges im Schoße
Esthers lebe und nicht zertreten sein dürfe. Er wollte »es« also zertreten?
Er wollte es, er wußte in seiner Seele, daß er dieses ungeborene Kind
haßte. Er konnte nicht ertragen, dieses gegen seinen Willen Lebende lebend
zu wissen. Es sprach nichts. Sie sah ihn von der Seite an, nicht anders als
sonst, sie lehnte an seinem Arm, mit der gleichen unerträglich sanften
Wärme wie sonst.
Er führte sie zur Vorortbahn; noch war es Zeit, hinauszukommen, bevor es
dunkel wurde. In schwebendem Entzücken hatte er sonst die rußbeschwerte
Luft der Lokomotive eingeatmet. Wie wundervoll waren die schwarzen Berge,
an den Konturen leicht gezähnt, wie herrlich weiße Blütenbäume zur Nacht,
Wirtshäuser mit Blechmusik am Sonntagnachmittag, Wege, wie Wurzeln sich
krümmend, in die Täler gezielt, Waldgründe in Sommerfeuchtigkeit gewölkt,
lichte Blumen, gestützt auf leichte Moose. In allem hatte er sich
wiedergefunden. Daß anderes lebte, machte auch ihn aufs tiefste leben.
Alles war jung, blühend, glücklich um ihn, den Glücklichen. Bis auf den
heutigen Tag. Nun war schon das Abteil wie ein Krankenzimmer. Alles war
erfüllt von Berechnung, von Enge, von ewigem Absorgen. Endlich waren sie im
Freien. Aber noch nicht frei genug. Er fragte sie, ob sie in ihrem Zustand
gehen könne, ob ihr die Feuchtigkeit nicht schade, mußten sie langsam
gehen, oder noch nicht?
Die Nacht war tief. Verborgen die Lichter des Ortes hinter schwankenden
Zweigen. Ein Vogel schrie, pickte auf dem schon trocken gewordenen
Waldboden hin und her, Bäume traten über einem kleinen Weg zusammen, die
Kronen verschlangen sich, der Himmel verschwand, der Pfad war ein Tunnel.
Weit vorne, jenseits der Lichtung, führte die Landstraße, ein Wagen
knarrte, wie Honig schimmerte das Licht der Laterne.
Sie hatten von der Schweiz gesprochen, wenn er angegesichts der sicheren
Sorgen auf alle großen Pläne verzichtete, gab es ja eine Möglichkeit. Er
machte sich klein, er war im Augenblick der Mitleidwürdige, er wollte
verzichten für sich, wenn es dann für Esther und das Kind reichte. Er
stellte eine Bilanz auf, rechnete Ziffern zusammen auf seiner bloßen Hand,
gut, ein ganzes Leben voll von Geldsorgen, eine elende Existenz auch für
das Kind, aber es mußte ja sein? Kinder proletarischer Eltern, für die
nicht vorgesorgt war, nicht einmal Wäsche war vorbereitet für Esthers Kind,
hatten keine starken Lebensaussichten, aber ein Zufall konnte es doch am
Leben erhalten? Sie ließ ihn reden, atmete schnell, sagte nichts.
Seit diesen drei Stunden sah ihr jeder die Schwangerschaft an.
Zusammengeklumpt ihr sonst so zartes Gesicht, schwer ihr Gang, nichts mehr
von dem Mädchen Esther, dem knabenschlanken.
Frühere Tage! Einst verlebte Herbststunden, so kühl, Wintertage, klar
belebt, schwarz der Himmel in seiner tiefsten Bläue! Erwachendes Frühjahr,
die Zweige geschwellt, warme Luft und warme Blätter, Esther voraus am Wege,
rechts und links zugleich, von überallher ihr zwitscherndes Lachen, von
überallher die Überraschung ihrer herrlichen Jugend, immer auf der Flucht,
bis es plötzlich neben ihm aufrauschte, lautlos aufschwellend neben ihn
sich drängte, scheu, wollüstig, Esther.
Heute, am siebenundzwanzigsten April, im vierten Jahre ihrer Gemeinschaft
war Esther die unentrinnbare. Gegen seinen Willen zerrte ihn das
unsinnigste Verhängnis zu der alten Geliebten, er mochte sich wie immer
seine Zukunft vorstellen, irgendwo kroch doch dieses Kind umher. Er sah es
immer im Alter von drei Jahren, ein halbes Tier, ohne Sprache, zudringlich,
drohend, es zwang ihn, es zu hassen, wie es sich erzwungen hatte, auf der
Welt zu sein. Aber die anderen, Esther und dieses Kind, wie fühlte er, daß
diese anderen einander lieben würden ohne ihn! Er entschloß sich. Er
zerstörte dieses Kind in seinen Gedanken, dann erst konnte es in Esthers
Gedanken zerstört werden, und am Ende in Wirklichkeit.