Er wollte sie besitzen, immer zu ihr zurückkehren können. Aber auf die
Dauer konnte er mit ihr nicht leben. Er konnte überhaupt nicht dauernd mit
Menschen Wand an Wand, Mund an Mund, Brust an Brust leben. Es beengte ihn
bis zur Angst des Erstickens: er haßte, er verfluchte, stampfte in die Erde
Vater, Mutter. Die Samtmöbel im Zimmer, die Geliebte, den Hauch ihres
Atems, den etwas vergilbten Einsatz ihres Hemdes, ihr Haar, das er am Tage
nachher in seinem Kamm fand oder auf dem Grunde seines Waschbeckens, alles
reizte ihn zum Erbrechen, als ziehe es sich durch seinen Hals die Kehle
herab! Wie als Kind trieb er sich viel herum auf steinigen Bergen, sprach
zu sich, sang stundenlang zu dem Takte seiner Schritte, zu dem Stampfen der
Lokomotiven, zu dem Surren der Zentrifuge in seinem Laboratorium, während
er umherging.
Er liebte die Freiheit über alle Worte, aber er liebte auch die Menschen,
und zwischen beiden schwankte er. War die Geliebte verreist, dachte er an
sie in allerinnigster Sehnsucht, schwoll an mit der schwersten Qual des
gierigen Geschlechts. Wieder sah er, und die Wehmut jugendlicher Tage kam
nie mehr, die rauschende Halle des Fernbahnhofes, Eisen und gebräuntes
Glas, die überstickte Schwüle des Wartesaales, in Wehmut preßte sich der
kleine Hügel ihrer unbewehrten Brust an seine Schulter beim Abschied des
Abends, feucht und schwer machte der sich verdichtende Nebel ihr sanft
fallendes Haar, rührend rauschte es an seinen Lippen vorbei, demütige
Liebkosung! Wenn sie gerade entschwinden wollte, fühlte er sie ganz: die
holden Brüste, die schräg gleitende Falte, von der Schulter abwärts, ihren
kleinen Fuß, den er wie ein Stück warmes Elfenbein zwischen seinen Händen
rollte, und ihr Duft, unvergeßlich war ihr Duft zu Anfang ihrer Liebeszeit,
scharf und sommerlich zugleich, ein fremdes Gewürz, das sie mit ihrer
Unschuld dahingab, das ihn dann nie mehr zu Tränen überwältigte. Aber wenn
sie wiederkehrte, etwas blieb auf immer verloren.
So erlebte er, daß nicht nur das Sterbliche am Menschen verwesen konnte,
sondern auch das Unsterbliche, die glühende Flamme, Duft von Seele zu
Seele, die letzte, die einzige Wirklichkeit, wie ein Pfeilerbogen gespannt
über zwei Säulen, unerschütterlich dem Blick, aber nicht der Zeit!
An manchen Tagen verblaßte auch das stärkste bei ihnen beiden, das letzte
kam nicht, war nicht zu erreichen, mit den Spitzen der Zähne nicht zu
erraffen.
Schon vorher hatte er sie nackt gesehen, in der schwankenden Kühle ihrer
Gestalt am weißen Porzellanofen, schon früher hatte er ihre Hände in den
seinen gehalten, während sie langsam erkalteten in der beginnenden Glut
ihrer Begierde. Wußte er nicht um ihr Zittern, wie ein Mond wuchs auf der
lichte Stern ihrer Augen, etwas schräg in dem Dunkel des weißwolkigen
Gesichts, und überall war Licht. Unendliche Vereinigung, zweier
Sterngebilde gleichmelodisch schwebender Tanz, Ehe der Ehen, das ersehnte
er. Esther aber war das verführte Kind, der geschlagene Feind, der
bestochene Besitzer, ärmer jetzt als der Bettler, in dessen Hut er seinen
Heller hatte fallen lassen.
Sie waren beide jung, das war ihr letzter Besitz, und er schien
unerschöpflich. Gesundheit lebten sie wie Unsterblichkeit.
Der Sommer war schön, schön war es, auf der Terrasse des Kaffeehauses zu
sitzen nachts, ohne Bewußtsein der Zeit, hinter den verstaubten
Oleanderbüschen gedeckt, Nacht schwebte um sie, sie saßen noch, als das
Licht verlöscht war, und im Dunkel, im Schweigen glaubte der Mann zu sehen,
wie die starren Spitzen ihrer eisenschweren Brüste durch den weißen Batist
ihres Kleides stachen, das, wie bei einem Kinde hoch geschlossen sich
kräuselte um ihren wild pochenden Hals.
Das herrlichste war jetzt nicht mehr das allein mit ihr im dunklen Zimmer,
im Widerschein des dunkelpurpurnen Seidenteppichs, sondern im Freien mit
ihr zu leben, nie hatte er Tage, Nächte empfunden wie jetzt, der Mai, der
Juni, immer wolkenlos, wolkenlos, weit ging er mit ihr, ohne zu reden, bis
in die Nacht, in der Nacht schimmerte ihr weißes Kleid, ihr bloßer Nacken,
wie zart stieg alles an ihr empor! Sie gingen schnell, sie liefen, die
goldene Kette um ihren Hals klirrte, aus ihrer noch von der
Nachmittagshitze erregten Brust schwamm Duft, bitter und süß, duftend ihr
feuchter Mund nach Niewiederkehr, ganz war sie umwölkt von dem quellenden
Safte vieler gepflückter Pflanzen.
Nie fühlte er Müdigkeit, alle Glut entzitterte ihm zu unbeschreiblichem
Entzücken, er liebte sie wie ein hochgeschwungener Ton von der tiefsten
Tiefe aufrührend ihr sommerfeuchtes Fleisch, und beide waren, wie ein
unhörbar hohes, durchdringendes Schwingen am Ende ihrer Liebe am Ende der
erreichbaren Welt. Sein Schweigen nachher eins mit dem Schweigen des
Waldes, ihr Zittern, so mädchenhaft, eins mit dem Zittern der
windgestreiften Birke. Immer neu, immer jungfräulich erwachte unter Bäumen
der nächste Tag den Liebenden. Als sie nach der Reise wiederkehrte, war es
nicht mehr die gleiche Luft, die gleiche Zeit. Sie fühlte tiefer, tiefer
gruben sich ihre Frauenschritte in den Boden.
Ihn hatten diese Monate des Fernseins jünger gemacht um Jahre, er hatte
Esther ersehnt, anders als sie ihn verlassen hatte, leidenschaftlicher,
dunkler, mit krallenden Wünschen, entflammenden Gebärden, wild alles
emporreißend zu dem Unsagbaren, nicht einen nackten Körper bloß, eine
nackte Seele. Sie aber war verwandelt in das Mädchen von einst, geschlossen
zurück zur Knospe, stark im Schweigen. Jungfrau war sie nicht mehr, sondern
einer Mutter Seele, eine mütterliche Zärtlichkeit. Sie war nicht mehr
Esther, er war Edgar nicht mehr, sie lebten hintereinander, stets auf der
Flucht einer vor dem anderen, stets beisammen in unselig verzaubertem
Kreis. Soviel sie zusammen waren, soviel sie einander sagten, sie wurden
einander fremd und seine Treue zu Esther schien ihm Untreue zu sein gegen
sich selbst.
Für kurze Zeit nur, dachte er, mußte er zu der alten Geliebten
zurückkehren, dann erst begann eine neue Zeit, umsoviel herrlicher als das
Jetzt, als Esther in ihren schönsten Sommertagen herrlicher gewesen war als
die »alleinige Zeit« vorher. Aber war es noch Esther? Nur eine Woche oder
zwei hatte er sie gemieden, nun erkannte er sie kaum mehr wieder. Ganz grau
wurde die alte Geliebte neben ihm. Jetzt war sie nichts als die Vernunft,
der tägliche Tag, die kleine Entzauberung, die Wirklichkeit. Ihre Haare
waren noch lastend und blond, aber Esther selbst, in ihrem innersten Wesen
schien ihm furchtbar ergraut.