II.

Er wollte sie besitzen, immer zu ihr zurückkehren können. Aber auf die

Dauer konnte er mit ihr nicht leben. Er konnte überhaupt nicht dauernd mit

Menschen Wand an Wand, Mund an Mund, Brust an Brust leben. Es beengte ihn

bis zur Angst des Erstickens: er haßte, er verfluchte, stampfte in die Erde

Vater, Mutter. Die Samtmöbel im Zimmer, die Geliebte, den Hauch ihres

Atems, den etwas vergilbten Einsatz ihres Hemdes, ihr Haar, das er am Tage

nachher in seinem Kamm fand oder auf dem Grunde seines Waschbeckens, alles

reizte ihn zum Erbrechen, als ziehe es sich durch seinen Hals die Kehle

herab! Wie als Kind trieb er sich viel herum auf steinigen Bergen, sprach

zu sich, sang stundenlang zu dem Takte seiner Schritte, zu dem Stampfen der

Lokomotiven, zu dem Surren der Zentrifuge in seinem Laboratorium, während

er umherging.

Er liebte die Freiheit über alle Worte, aber er liebte auch die Menschen,

und zwischen beiden schwankte er. War die Geliebte verreist, dachte er an

sie in allerinnigster Sehnsucht, schwoll an mit der schwersten Qual des

gierigen Geschlechts. Wieder sah er, und die Wehmut jugendlicher Tage kam

nie mehr, die rauschende Halle des Fernbahnhofes, Eisen und gebräuntes

Glas, die überstickte Schwüle des Wartesaales, in Wehmut preßte sich der

kleine Hügel ihrer unbewehrten Brust an seine Schulter beim Abschied des

Abends, feucht und schwer machte der sich verdichtende Nebel ihr sanft

fallendes Haar, rührend rauschte es an seinen Lippen vorbei, demütige

Liebkosung! Wenn sie gerade entschwinden wollte, fühlte er sie ganz: die

holden Brüste, die schräg gleitende Falte, von der Schulter abwärts, ihren

kleinen Fuß, den er wie ein Stück warmes Elfenbein zwischen seinen Händen

rollte, und ihr Duft, unvergeßlich war ihr Duft zu Anfang ihrer Liebeszeit,

scharf und sommerlich zugleich, ein fremdes Gewürz, das sie mit ihrer

Unschuld dahingab, das ihn dann nie mehr zu Tränen überwältigte. Aber wenn

sie wiederkehrte, etwas blieb auf immer verloren.

So erlebte er, daß nicht nur das Sterbliche am Menschen verwesen konnte,

sondern auch das Unsterbliche, die glühende Flamme, Duft von Seele zu

Seele, die letzte, die einzige Wirklichkeit, wie ein Pfeilerbogen gespannt

über zwei Säulen, unerschütterlich dem Blick, aber nicht der Zeit!

An manchen Tagen verblaßte auch das stärkste bei ihnen beiden, das letzte

kam nicht, war nicht zu erreichen, mit den Spitzen der Zähne nicht zu

erraffen.

Schon vorher hatte er sie nackt gesehen, in der schwankenden Kühle ihrer

Gestalt am weißen Porzellanofen, schon früher hatte er ihre Hände in den

seinen gehalten, während sie langsam erkalteten in der beginnenden Glut

ihrer Begierde. Wußte er nicht um ihr Zittern, wie ein Mond wuchs auf der

lichte Stern ihrer Augen, etwas schräg in dem Dunkel des weißwolkigen

Gesichts, und überall war Licht. Unendliche Vereinigung, zweier

Sterngebilde gleichmelodisch schwebender Tanz, Ehe der Ehen, das ersehnte

er. Esther aber war das verführte Kind, der geschlagene Feind, der

bestochene Besitzer, ärmer jetzt als der Bettler, in dessen Hut er seinen

Heller hatte fallen lassen.

Sie waren beide jung, das war ihr letzter Besitz, und er schien

unerschöpflich. Gesundheit lebten sie wie Unsterblichkeit.

Der Sommer war schön, schön war es, auf der Terrasse des Kaffeehauses zu

sitzen nachts, ohne Bewußtsein der Zeit, hinter den verstaubten

Oleanderbüschen gedeckt, Nacht schwebte um sie, sie saßen noch, als das

Licht verlöscht war, und im Dunkel, im Schweigen glaubte der Mann zu sehen,

wie die starren Spitzen ihrer eisenschweren Brüste durch den weißen Batist

ihres Kleides stachen, das, wie bei einem Kinde hoch geschlossen sich

kräuselte um ihren wild pochenden Hals.

Das herrlichste war jetzt nicht mehr das allein mit ihr im dunklen Zimmer,

im Widerschein des dunkelpurpurnen Seidenteppichs, sondern im Freien mit

ihr zu leben, nie hatte er Tage, Nächte empfunden wie jetzt, der Mai, der

Juni, immer wolkenlos, wolkenlos, weit ging er mit ihr, ohne zu reden, bis

in die Nacht, in der Nacht schimmerte ihr weißes Kleid, ihr bloßer Nacken,

wie zart stieg alles an ihr empor! Sie gingen schnell, sie liefen, die

goldene Kette um ihren Hals klirrte, aus ihrer noch von der

Nachmittagshitze erregten Brust schwamm Duft, bitter und süß, duftend ihr

feuchter Mund nach Niewiederkehr, ganz war sie umwölkt von dem quellenden

Safte vieler gepflückter Pflanzen.

Nie fühlte er Müdigkeit, alle Glut entzitterte ihm zu unbeschreiblichem

Entzücken, er liebte sie wie ein hochgeschwungener Ton von der tiefsten

Tiefe aufrührend ihr sommerfeuchtes Fleisch, und beide waren, wie ein

unhörbar hohes, durchdringendes Schwingen am Ende ihrer Liebe am Ende der

erreichbaren Welt. Sein Schweigen nachher eins mit dem Schweigen des

Waldes, ihr Zittern, so mädchenhaft, eins mit dem Zittern der

windgestreiften Birke. Immer neu, immer jungfräulich erwachte unter Bäumen

der nächste Tag den Liebenden. Als sie nach der Reise wiederkehrte, war es

nicht mehr die gleiche Luft, die gleiche Zeit. Sie fühlte tiefer, tiefer

gruben sich ihre Frauenschritte in den Boden.

Ihn hatten diese Monate des Fernseins jünger gemacht um Jahre, er hatte

Esther ersehnt, anders als sie ihn verlassen hatte, leidenschaftlicher,

dunkler, mit krallenden Wünschen, entflammenden Gebärden, wild alles

emporreißend zu dem Unsagbaren, nicht einen nackten Körper bloß, eine

nackte Seele. Sie aber war verwandelt in das Mädchen von einst, geschlossen

zurück zur Knospe, stark im Schweigen. Jungfrau war sie nicht mehr, sondern

einer Mutter Seele, eine mütterliche Zärtlichkeit. Sie war nicht mehr

Esther, er war Edgar nicht mehr, sie lebten hintereinander, stets auf der

Flucht einer vor dem anderen, stets beisammen in unselig verzaubertem

Kreis. Soviel sie zusammen waren, soviel sie einander sagten, sie wurden

einander fremd und seine Treue zu Esther schien ihm Untreue zu sein gegen

sich selbst.

Für kurze Zeit nur, dachte er, mußte er zu der alten Geliebten

zurückkehren, dann erst begann eine neue Zeit, umsoviel herrlicher als das

Jetzt, als Esther in ihren schönsten Sommertagen herrlicher gewesen war als

die »alleinige Zeit« vorher. Aber war es noch Esther? Nur eine Woche oder

zwei hatte er sie gemieden, nun erkannte er sie kaum mehr wieder. Ganz grau

wurde die alte Geliebte neben ihm. Jetzt war sie nichts als die Vernunft,

der tägliche Tag, die kleine Entzauberung, die Wirklichkeit. Ihre Haare

waren noch lastend und blond, aber Esther selbst, in ihrem innersten Wesen

schien ihm furchtbar ergraut.

Die Verdorrten · 第 5 / 16 题