2. _Tabak_.

Von allen betäubenden Mitteln, die zugleich aufregend wirken, ist wohl

keines verbreiteter als Tabak, und wenn man zu der Annahme berechtigt

ist, daß die Tabakpflanze sich _nur_ von Amerika aus verbreitet hat,

Amerika aber erst seit einigen Jahrhunderten für die übrige Welt

erschlossen wurde, so muß man noch mehr staunen. Afrika, dieser compacte

Erdtheil, der sich allen Culturbestrebungen bis jetzt verschlossen

gezeigt hat, hat die Tabakspflanze bis zu seinem innersten Centrum

dringen lassen. Nicht etwa, daß der Tabak, einmal eingeführt, sich

selbst den Weg gebahnt hätte, wie gewisse Culturpflanzen und auch

Unkraute es thun, indem sie mit unwiderstehlicher Macht _von selbst_

vorwärts dringen, es sind die Menschen, die Eingeborenen dieses

Erdtheiles selbst die Träger und Verbreiter dieser Pflanze gewesen. Und

es giebt wohl keine Art und Weise, den Tabak zu nehmen, die nicht in

Afrika Anwendung fände; hier raucht man, dort wird geschnupft, hier kaut

man, dort wird Tabak als medizinisches Heilmittel gebraucht. Ja,

Duveyrier[15] behauptet sogar, "daß arabische Frauen, mit elf Jahren

verheirathet, Mütter mit zwölf Jahren, mit zwanzig Jahren schon

Greisinnen, den Tabak als ein Aphrodisiacum gebrauchen, indem sie sich

gewisse Körpertheile mit pulverisirtem Tabak bestreuen".

Von verschiedenen Forschern ist die Frage ausgeworfen worden, ob bei der

in Afrika durchgängigen Verbreitung des Tabaks die Pflanze nicht dort,

wie in Amerika, _ureinheimisch_ gewesen sein könne. Ich wage hierüber

kaum eine Meinung, vielweniger noch eine Entscheidung abzugeben. Am

verbreitetsten in Afrika ist jedenfalls der Bauerntabak, =Nicotiana

rustica=; aber auch der virginische Tabak, =N. tabacum L.=,

findet sich in Afrika. Schweinfurth fand ihn bei den Monbuttos und im

Tell von Algerien wird er durchweg gebaut. Indeß ist es, meine ich, kaum

ein Grund, zu glauben, Nicotiana rustica dürfe darum ureinheimisch in

Afrika sein, weil einige Völker ein eignes Wort dafür in ihrer Sprache

besitzen und nicht eins, welches von "Tabak" abgeleitet sei oder damit

in Verbindung stehe; auch für andere Gegenstände, von denen wir bestimmt

wissen, daß sie ihnen von Außen zugebracht sind, haben sie oft genug das

Originalwort verworfen und dafür ein neues, von ihnen erfundenes oder

aus ihrer Sprache entlehntes an die Stelle gesetzt. Sodann kommt noch in

Betracht: kann die =Nicotiana rustica= auf anderem Boden und unter

anderen klimatischen Verhältnissen sich in tabacum veredeln oder ist

eine Rückbildung von einer zur anderen Seite unmöglich? Verschiedene

Tabakbauern haben mir gesagt, daß derartige Beobachtungen gemacht wären.

Am allgemeinsten ist unter den verschiedenen Weisen den Tabak zu

nehmen, das Rauchen verbreitet, und wenn es auch Stämme und Völker

giebt, die blos schnupfen oder kauen, so giebt es andererseits auch

Völker in Afrika, bei denen Männer und Frauen, ohne Ausnahme, der

Gewohnheit des Rauchens huldigen. So z.B. die Kadje- und Bussa-Neger,

die Tuareg. "=Chez les Touareg=," sagt Henry Duoeyrier S. 184,

"=hommes et femmes fument et quoique la fumée du tabac rustique soit

très acre, hommes et femmes la rendent par le nez=."

Unsere Damen in Europa könnten also an den afrikanischen in dieser

Beziehung lernen, denn mit Ausnahme der polnischen Aristokratie rauchen

bei den _übrigen_ europäischen Völkern nur die Damen des =demi

monde=.

Während aber wir Europäer zum größten Theile den Tabaksrauch nur in die

Mundhöhle einziehen, saugen die afrikanischen Völker den Rauch derart

ein, daß die _ganze Lunge_ davon erfüllt wird: der immer mehr oder

weniger mit Nicotin geschwängerte Tabak tritt also bei ihnen vermittelst

der Lungenbläschen und der Capillarblutgefäße direct ins Blut über.

Natürlich folgt daraus, daß bei diesen Leuten ein schneller Rausch

eintritt. Dieser Tabaksrausch scheint aber aller angenehmen

Eigenschaften zu entbehren, vielmehr nur in einer Art von

Bewußtlosigkeit zu bestehen.

Für die allgemeine Verbreitung des Tabaks spricht auch noch der Umstand,

daß man in Afrika die einfachsten Gefäße, um den Tabak "rauchen" zu

machen, nebst dem raffinirtesten, der Narghile, im Gebrauch hat. Ed.

Mohr sagt aus, daß die Matchele-Neger einen Kegel aus Thonerde auf dem

Boden formen, oben eine topfartige Höhlung hineindrücken, diese mit

Kohlen etwas trocken brennen und siehe da, der Pfeifenkopf ist fertig.

Sie füllen Tabakblätter hinein, bohren seitwärts ein Rohr ein, und

nachdem nun das Kraut entzündet, kann das Rauchen beginnen. Weit

complicirter ist das von Fritsch u.A. beobachtete Rauchen aus

Antilopenhörnern, die schon eine rohe und primitive Narghile-Flaschen

andeuten. Ganz auf ähnliche Art rauchen Abessinier und Galastämme aus

Thonkrügen oder Flaschenkürbissen. Von den Monbutto sagt Dr.

Schweinfurth[16]: "Sie rauchen aus einer Pfeife primitivster, aber

durchaus praktischer Art, indem sie als Rohr die Mittelrippe eines

Bananenblattes verwenden. Die vornehmsten unter ihnen lassen sich indeß

von ihren Schmieden ein eisernes Rohr, gleichfalls von den Dimensionen

des aus Bananenlaub geschnittenen (etwa fünf Fuß lang), herstellen. Das

untere Ende dieses Rohrs ist geschlossen und statt dessen seitlich, kurz

vor dem Ende, ein Einschnitt gemacht, in welchen eine mit Tabak gefüllte

_Düte von Bananenlaub_ gesteckt wird, die als Pfeifenkopf dient."

Aber wer wollte alle die Arten und Weisen aufzählen, auf welche

afrikanische Völker Tabak rauchen. Ich führe nur noch an, daß die an den

Ufern des Bénue lebenden Stämme den Tabak aus Thonköpfen rauchen,

ähnlich den unsern, und daran haben sie so lange Rohre, daß die Pfeife

im Stehen geraucht werden kann. Diese Stämme, namentlich die

Bassa-Neger, sind so verpicht auf's Rauchen, daß sie z.B., gehen sie zu

Boot, eigens im Schiffe ein Feuer unterhalten, um jederzeit ihre Pfeife

wieder anzünden zu können. Die in den Berberstaaten nomadisirenden oder

seßhaften Berber und Araber bedienen sich ohne Ausnahme eines

_Röhrenknochens_ vom Schafe oder von einer Ziege. In das eine Ende der

Knochenröhre wird der Tabak eingestopft und dann direct durchs andere

Ende der Dampf eingesogen. Die Städtebewohner Nordafrika's huldigen der

Narghile oder den Papiercigaretten. Die eigentliche Cigarre, also das

Tabakrauchen unmittelbar, hat bei den Eingeborenen Afrika's bis jetzt

wenig Anklang gefunden.

Weniger gebräuchlich ist in Afrika die Sitte des Tabakkauens. Ich selbst

beobachtete das Tabakkauen nur bei Tebu und einigen Negerstämmen am

Tschad-See. Man nimmt dazu keinen besonders präparirten Tabak, sondern

dieselben Blätter, welche Andere auch geraucht haben würden. Aber

allgemein ist Brauch, den Saft des zerkauten Tabaks noch dadurch zu

verschärfen, daß man Trona (kohlensaures Natron), welches in vielen

Theilen Afrika's gefunden wird, hinzusetzt. Besondere Behälter, des

Beschreibens werth, um Tabak und Trona aufzubewahren, haben die

Eingeborenen nicht; irgend ein alter Lappen oder der Zipfel eines

Kleides dient dazu.

Noch weniger gebräuchlich ist das Prisen, es ist gewissermaßen

Privilegium vornehmer Eingeborener. Der zu schnupfende Tabak wird

äußerst fein gestoßen und sodann mischen die meisten dazu noch ein

Achtel kohlensaures Natron. Reiche und angesehene Leute in Marokko

erlauben sich heute auch den Gebrauch einer europäischen

Schnupftabaks-Dose oder sie haben eine aus Ebenholz gefertigte große

Birne, welche den Schnupftabak birgt. Aber in letzterer ist immer nur

ein kleines Loch, verschlossen durch einen hölzernen Stöpsel. Und

hierbei bemerke ich, daß die frommen mohammedanischen Leute wie bei

uns[17] das Rauchen für sündhafter halten, als das Schnupfen. In Marokko

rauchen selten die Schriftgelehrten, aber alle schnupfen. Zum

Aufbewahren des Schnupftabaks haben die Völker von Mandara eine

ausgehöhlte Bohne, Schotensame eines Baumes. Diese Bohnen haben

anderthalb bis zwei Zoll Durchmesser, sind aber ganz glatt; durch eine

kleine Oeffnung bringt man den Tabak hinein und heraus. Eine sehr

beliebte Methode, den Schnupftabak aufzubewahren, ist, ihn in ein Stück

Zuckerrohr zu schütten, dessen eines Ende mit einem alten Lappen

verschlossen wird.--Afrika hat jedenfalls eine bedeutende Zukunft für

den Anbau des Tabaks. Die in Algerien gezogenen Tabakssorten sind

vortrefflich, aus Centralafrika von mir mitgebrachte Sorten (auf dem

Markte von Kuka gekauft) wurden in Bremen für ausgezeichnet erklärt. Und

der Tabak scheint in Afrika überall zu gedeihen, denn selbst in den

heißesten Oasen der Sahara findet man Tabaksfelder und jeder Neger zieht

in der Regel seinen Tabaksbedarf in seinem eigenen Garten.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 27 / 40 题