1. _Goro- oder Kola-Nuß_.

Die Goro- oder Kola-Nuß, =cola acuminata R. Br.= oder =sterculia

acuminata Pal.=, ist eines der verbreitetsten Reizmittel bei den

centralafrikanischen Völkern. Diese Nuß, von der Größe einer dicken

Kastanie, wächst auf einem staudenartigen Baume, welcher ähnlich dem

Kaffeebaume ist. Die Blätter desselben sind gummibaumartig. Man findet

diesen Baum oder diese Staude an der ganzen Westküste von Afrika,

hauptsächlich auf dem sogenannten Kong-Gebirge, aber nach dem Innern zu

scheint dieselbe nicht weit vorgedrungen zu sein; auf dem Gora-Gebirge

z.B., einem Gebirgsstock, zwischen Tschad-See, Bénue und Niger gelegen,

fehlt die Goro-Staude. Wild wächst sie in einer Oertlichkeit, Namens

Gondja. Oestlich von Sierra Leone scheint aber die Goro-Staude auch

durch die Neger angebaut zu werden.

Heinrich Barth sagt, daß die in Timbuktu vorkommende Goro- oder, wie er

schreibt, Guro-Nuß aus den Provinzen von Tamgrera, von Tente und Koni

komme, daß die auf dem Markte von Kano vorkommende hingegen aus der

nördlichen Provinz Assanti's komme, von einer Stadt, Namens Sselga.

Man unterscheidet die echte Goro-Nuß, deren Inneres dunkelrosenfarbig,

von angenehmem bitteren Geschmacke und nicht schleimartig ist, mit einer

Abart derselben, ebenfalls inwendig roth, aber weniger bitter und einen

gummiartigen Schleim beim Zerkauen abgebend. Diese beiden sind bekannt

unter dem Namen =sterculia acuminata=. Sodann die weiße oder

unechte Goro-Nuß, die nur an der Küste vorkommt und am wenigsten bitter

ist. Es ist dies die =sterculia macrocarpa=.

Nach Barth unterscheidet man sodann in Kano je nach der Größe der Frucht

vier besondere Arten: =guria=, die größte, oft 1-1/2 bis zwei Zoll

im Durchmesser haltend, die =marssakatu=, die =soara-n-naga=

und die =mena=. Nach ihm (Band V. S. 28) unterscheidet man in Kano

dann die je nach der Jahreszeit geernteten: die =dja-n-karagu=, die

erste, welche Ende Februar, die =gummaguri=, die später und die

=nata=, welche zuletzt gesammelt wird und die sich am längsten

halten soll. In Timbuktu fand Barth drei verschiedene Arten. Aber alle

diese Unterschiede sind nicht durch wesentliche Verschiedenheiten der

Nuß selbst bedingt, sondern bestehen nur in willkürlich oder durch

Gewohnheit angenommenen Merkmalen der Neger.

Wird die Goro-Nuß alt und trocken, so wird die Oberfläche mehr runzlig

und das Fleisch erhärtet fast wie Holz und nimmt eine braunrothe Färbung

an. In diesem Zustande wird sie Kola-Nuß genannt, denn nur frische Nüsse

heißen Goro. Der Geschmack der Nuß ist aromatisch bitter, etwas

adstringirend und zerkaut färbt sie den Speichel gelb-röthlich. Sie

hinterläßt einen süßlichen, süßholzartigen Nachgeschmack. Es unterliegt

keinem Zweifel, daß die Goro-Nuß auch tonisch wirkt. Dieser angenehme,

bitter-süße Geschmack ist aber nur bei frischen Nüssen zu bemerken,

getrocknet verlieren die Kola-Nüsse fast jeden Geschmack, es ist dann

fast, kaut man sie, als ob man ungebrannte Kaffeebohnen kaute. Aber auch

in diesem Zustande müssen sie noch wirksame Bestandtheile besitzen, denn

nur so kann man es sich erklären, daß die Kola-Nüsse noch eine so große

Verbreitung und Anwendung haben.

Die Araber, welche mit den Sudanländern Verbindung haben, schreiben der

Goro-Nuß aber auch eine starke erotische Kraft zu und gerade dieser

Eigenschaften wegen kauen sie dieselbe; außerdem behaupten sie, und dies

gewiß mit Recht, daß die Nuß Appetit erregend sei und namentlich der

Tabak besonders gut darauf schmecke.

Natürlich kann sich, was räumliche Verbreitung anbetrifft, die Goro-Nuß

keineswegs mit Thee, Kaffee, Tabak, Opium oder gar alkoholartigen

Getränken messen; wenn wir aber bedenken, daß mehr oder weniger alle

Bewohner des nördlichen und nordcentralafrikanischen Continents von

diesem Stimulans Gebrauch machen, so liegt doch wohl die Frage nahe,

_weshalb_ ist die Goro-Nuß so allgemein in Aufnahme gekommen, _warum_

ist dieselbe heute gewissen Stämmen centralafrikanischer Völker ebenso

unentbehrlich geworden, wie den meisten civilisirten Völkern der Thee

oder Kaffee?

Die meisten Individuen, die Gebrauch von Thee oder Kaffee machen,

wissen nichts von den eigentlichen chemischen Eigenschaften dieser

Vegetabilien. Sie haben wohl nie von Koffein gehört; sie würden gar

nicht verstehen, wollte man ihnen sagen, daß unsere Physiologen und

Chemiker dem Thee und Kaffee directe Wirkungen auf das Gehirn

zuschreiben, und dennoch genießen sie unablässig entweder das eine oder

das andere Getränk oder auch beide; sie würden sich vollkommen

unglücklich fühlen, wollte man sie dieser Genüsse berauben. Die schon

mehr Verständigen versuchen wohl die Ausrede, der Kaffee wirke tonisch,

der Thee adstringirend, aber der große Haufe nimmt Kaffee und Thee zu

sich, weil beide Getränke ihm _unbewußt_ ein _undefinirbares_ Vergnügen

und Wohlbehagen verschaffen.

Als ich von meiner Reise nach Centralafrika auf dem Rückwege Sierra

Leone berührte, fand ich in der Hauptstadt dieser Halbinsel, in

Freetown, auf dem dortigen Markte einen großen Vorrath Goro-Nüsse beider

Arten. Ganz auf dieselbe Art verpackt, wie die Neger sie von den

Küstenländern in das Innere von Afrika forttransportiren, d.h. zwischen

feuchtem Moose gelagert und das Ganze in einem Bastkorbe verpackt, nahm

ich einen solchen Korb voll mit nach Europa; die Nüsse hielten sich

vortrefflich frisch. In Deutschland angekommen, schickte ich denn auch

sogleich an meinen Gönner und Freund, unseren berühmten Chemiker, Baron

Liebig, eine Partie Nüsse. Eine davon, welche gepflanzt wurde (im

botanischen Garten der Universität), gedieh bis zum Jahre 1869 zu einer

kräftigen Staude mit prächtigen, saftgrünen Blättern. Aber am

interessantesten war für mich, daß v. Liebig mir mittheilte, daß er in

den Goro-Nüssen mehr Koffeïn gefunden habe, als verhältnismäßig in den

Kaffeebohnen selbst vorkomme. Man kann also dreist sagen, daß auch bei

der Goro-Nuß, wie beim Kaffee oder Thee, das unbewußt Anziehende der

Koffeïnstoff ist.

Der Preis der Goro-Nuß ist sehr verschieden, je nach der Oertlichkeit

und je nach der Größe und Art der Frucht. Weiße Nüsse gelten an der

Küste Westafrika's 3000 Stück einen M.-Th.-Thaler, also das Stück eine

Muschel. Rothe, namentlich wenn sie groß sind, gelten aber auch hier

oder in der eigentlichen Heimath das Stück fünf Muscheln. Nach Barth

schwankt je nach der Jahreszeit, nach ihrer Größe und Güte der Preis

einer Nuß in Timbuktu zwischen 10 und 1000 Muscheln. In Kuka steigt der

Preis bei schlechten Ernten, bei mangelhaftem Transport (ein Esel kann

circa 6000 Nüsse transportiren), oder bei gehemmtem Karawanenverkehr,

manchmal auf 500, ja auf 1000 Muscheln für eine einzelne Nuß. Aber so

groß ist die Begierde der Neger nach diesem Artikel, daß auch dann sich

noch Käufer finden. Unter solchen Umständen theilt man sich gegenseitig

die kleinsten Stücke mit, ja unter den gewöhnlichen Leuten ist so wenig

Ekel, daß sie keineswegs Anstoß daran nehmen, von einem besser Situirten

ein schon halb ausgesogenes und abgekautes Stückchen Nuß zu empfangen,

es in den Mund zu nehmen, um es vollends seiner bittern und aromatischen

Substanz zu berauben.

In allen Ländern Bornu's, Socoto's, Gando's, Yoruba's &c. ist die

Uebersendung eines mit Goro-Nüssen gefüllten Korbes Seitens des Sultans

oder Fürsten an den Fremden das Zeichen der Freundschaft und des

Willkommens. Je größer die Nüsse, je gefüllter der Korb ist, eines um

so besseren Empfanges kann man versichert sein. Und wie der Türke jeden

Besucher mit einer Pfeife und einer Tasse Kaffee ehrt, so gehört es mit

zum guten Ton in den civilisirten Negerländern, dem Fremden mit einer

Goro-Nuß aufzuwarten. Sind die Nüsse selten oder wegen der Jahreszeit

oder des Transportes theuer, so theilt man sie mit seinem Gefährten.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 26 / 40 题