Die Wičaz stand auf und ließ Hanka allein. -- --

Am Nachmittag desselben Tages kam der alte Scholta zu Hanka.

»Kannst du es nicht über dich bringen?« fragte er.

Hanka schlug die Hände vors Gesicht.

»Juro ist für uns verloren,« sagte der Alte traurig; »nicht bloß für

dich, auch für mich, auch für uns alle. Was er will, kann ich nie

zugeben.«

Der Scholta stand am Fenster und schaute in den herbstlichen Großgarten.

»Ich brauch' dich so notwendig hier wie das tägliche Brot«, sagte er

nach einer Weile. »Das weißt du wohl, Hanka. Wo keine Frau im Hof, da

ist der Böse im Hof. Ich müßte aber doch jetzt sagen: ›Fahr wieder

heim, Hanka!‹ Doch ich schäme mich, ich schäme mich!«

Er legte den Kopf an die Fensterscheiben. Das Mädchen begann bitterlich

zu schluchzen. Der alte Hanzo fuhr fort:

»Meine selige Frau hat es mit deinen Eltern ausgemacht, die Leute hier

auf dem Hofe wissen es; ich mag dich nun so nicht heimgehen lassen.«

Da richtete sich das Mädchen halb auf.

»Ja, es wär' -- es wäre eine Schande für mich! Sagt mir, sagt mir das

eine in Gottes Wahrheit: will mich Samo bloß aus Barmherzigkeit nehmen,

weil mich Juro nicht mag?«

Da leuchteten die Augen des Alten auf.

»Nein, weil er dich gern hat, weil er dich lieb hat! Wer sollte dich

auch nicht gern haben? Er hat es mir geschrieben, und er hat es mir

schon gesagt, als er noch hier war.«

Drei Minuten wohl lag das Mädchen mit geschlossenen Augen, dann sagte

es leise:

»Ich werde dankbar sein und den Samo nehmen.«

Hanzo ergriff freudig ihre beiden Hände und küßte Hanka dreimal auf die

Stirn.

Dann stand er aufrecht und feierlich da, und er, der sonst scheu und

schweigsam war, sprach:

»Hanka, wenn du einen Sohn bekommst, wird er der Herr auf diesem

Hofe und der Kral der Wenden sein! Wenn auch Juro darauf vergißt,

wir anderen wollen es nicht vergessen, daß du in Wahrheit eine

Königstochter bist, aus älterem Geschlecht als manche Prinzessin. Darum

sollst du den Kopf hochtragen und nicht mehr weinen.«

»~Nan!~«[41]

Das eine Wort sagte das Mädchen und schlang die Arme um den Hals des

Alten ...

Hanzo stieg glücklich in den Hof hinab. Unten traf er seinen Altknecht

Kito.

Er drückte ihm die Hand und sagte:

»Kito, sag den Leuten, nächsten Sonntag ist noch eine kleine Kirmes.

Tanzen dürfen sie hier im Hof nicht, weil Trauerjahr ist, aber im

Kretscham werde ich alles bezahlen.«

Kito erschrak aufs heftigste und versuchte dann einen kleinen

Freudensprung, der infolge seiner lahmen Hüfte mißriet.

»Hat sie -- hat sie?«

»Ja, sie wird ihn nehmen! Du kannst es Samo schreiben, denn er hat dich

zum Brautwerber gemacht.«

Kito ging freudetrunken über den Hof, wackelnd wie ein lahmer Enterich.

Am Ziehbrunnen blieb er stehen.

»Zehnmal bin ich jetzt ~družba~ gewesen; siebenmal haben sie mich

rausgeschmissen, dreimal ist es geglückt. Schade, daß ich schon so alt

bin; ich könnte noch viel Gutes stiften.«

Zum Unglück kam die alte Wičaz daher. Kito, der sonst ihr erklärter

Widersacher war, ging auf sie zu, erfaßte unversehens ihre rechte

Hand, hob die Hand über ihren Kopf und drehte die Frau etliche Male

blitzschnell um ihre Achse.

»Was fällt dir denn ein, du verrückter Kerl?« fragte die Alte

schnaufend.

»Ach, ich wollte wieder mal mit einem jungen Mädchen ~serska reja~[42]

tanzen und sehe eben, daß ich mich vergriffen habe.«

Die Alte sah ihn neugierig forschend an und ging dann schimpfend davon.

Kito aber begab sich nach dem Kretscham, der gleichzeitig das Kaufhaus

des Dorfes war, trank erst drei Gläser Schnaps, kaufte dann Tinte,

Feder und Papier und schrieb am selben Abend noch an Samo folgenden

Bericht:

Lieber Freund Samo!

Ich habe es mir ehrenvoll entledigt. Drei Gläser ~palenc~ hatte

ich getrunken, und eines hat die Hanka gegeben und selbst

zugetrunken. Sie ist nicht übel. Über den alten Fritz und den

Pastor mit dem Käse hat sie sehr gelacht. Die alte Wičaz hat

mit mir ~serska reja~ tanzen müssen. Oh, die hat geflucht! Aber

sie soll nur mit ihren Wanzen kommen! Ich fühle mich wieder

ganz jung. Ich sterbe noch sehr lange nicht. Und sie wird schon

wieder gesund werden. Denn solche Mädel haben solche Mucken,

das war immer so. Die Spinnstube ist abbestellt. Aber auf den

Sonntag ist eine kleine Kirmes. Wenn ich noch auf die Linde

könnte, würde ich schon eine starke Predigt halten. Womit ich

schließe als dein treuer Freund und Brautwerber

Kito.

Die Spinnstube Hankas war wieder eröffnet. Zwei Mädchen, denen die

ehrbare ~pšaza~ Hankas zu »langweilig« war, hatten die Unterbrechung

benutzt, sich einer lustigeren Spinngesellschaft anzuschließen. Für die

eine kam die Reue gar bald und gar schmerzlich. Hanka war verändert.

Ihre große Kindlichkeit war ausgelöscht, der wissende Ernst lag auf

ihrer Stirn, eine leise Trauer, aber auch eine feste Entschlossenheit

leuchtete aus ihren Augen. Sie war stiller geworden. Eine Herbheit war

in ihrem Wesen, die oft in Stolz überging. Sie weinte nie mehr, auch

nicht, wenn sie allein war. Mit Samo wechselte sie alle Wochen einen

Brief. Er schrieb zärtlich, sie antwortete freundlich-kühl.

Um sieben Uhr des Abends kamen die zehn Mädchen, die noch zu ihrer

~pšaza~ gehörten, mit ihren Spinnrädern und Flachsrocken. Bald saßen

alle Mädchen in einer Reihe im Halbkreis, und die Rädlein schnurrten

und die Mäulchen schnurrten noch mehr. Erzählen, lachen, singen und

dabei spinnen, spinnen!

Ein schönes Bild. Rote, jugendfrische Gesichter, gesunde, kernige

Gestalten, schmucke Gewandung. Bunt gestreifte, weite Röcke haben sie

alle, pralle Sammetmieder, zierliche Brusttüchlein, manche hat einen

besonders feinen Brustlatz aus Brokat. Große Tücher sind um die Köpfe

gewunden mit weitausgreifenden Flügeln nach beiden Seiten. Wenn eine

schöne Strümpfe ihr eigen nennt, so steckt sie bald den linken, bald

den rechten Fuß unauffällig unter dem Kleid hervor.

Ein lustiges Kienspanfeuer im Kamin liefert die Beleuchtung; außerdem

brennen noch zwei Öllämpchen. Heimlich und traulich ist es in der

Spinnstube, indes draußen der Sturm über die Heide pfeift oder der

Regen an die kleinen Fenster klopft, leise wie mit Geisterfingerlein.

Die Mädchen schwatzen von der Dorfchronik. Die Gromada[43] des

Thomastages steht bevor. Da läuft das Amtsjahr des Gemeindedieners, des

Dorfschmiedes und des Nachtwächters ab. Entblößten Hauptes müssen sie

am 21. Dezember im Kretscham vor der Gromada erscheinen und um ihre

Wiederanstellung bitten, sich auch fein höflich bedanken, wenn sie

solche erhalten haben.

Nun hat sich der Nachtwächter als ein Rebell erwiesen. Er hat zwar im

Vorjahre bei der Gromada die Mütze abgenommen und etwas gebrummt, was

man bei viel gutem Willen für eine Bitte um Wiederanstellung hätte

halten können, aber er ist, nachdem ihn das Wohlwollen der Dorfväter

auf ein neues Jahr bestätigt hatte, ohne Dank und Gruß davongestampft,

ja er soll eine Äußerung getan haben, die mit Respekterzeigung in einem

greulichen Gegensatz steht. Er ist ein roher Kerl, dieser Nachtwächter!

»Diesmal wird er abgesetzt«, sagt ein Mädchen, die Tochter eines der

~starsi~[44].

»Hurra!« schreit da der alte Kito, der in der ›Ofenhölle‹ sitzt, »da

werd' ich ein Spitzbube. Denn einen neuen Nachtwächter kriegen sie

nicht, wo er bloß sechs Dreier auf die lange Nacht bekommt. Dafür

möchte ja nicht mal mein Napolium wachen.«

Er wies auf einen großen Hund, der neben ihm lag. »Napolium« gähnte und

schüttelte sich, so daß alle Mädchen laut auflachten.

»Sechs Dreier sind auch Geld«, sagte die Schöffentochter verärgert.

»Überhaupt, mein Vater sagt, es ist eine ganz schlechte aufsässige

Zeit. Unser Knecht hat sich Strümpfe gekauft! Strümpfe! Ein Knecht! Wo

mein Vater in Fußlappen geht oder auf Stroh in den Stiefeln, kauft sich

der Knecht auf dem Jahrmarkt ein Paar Strümpfe!«

Kito nickte nach dem Feuer hin.

»Ja, ja,« seufzte er, »der Untergang der Welt kann nicht mehr weit

sein. Napolium, scharr dich nicht!«

Die Mädchen waren des politischen Gesprächs schon wieder müde. Eine

Liebesgeschichte machte tuschelnd die Runde, und es wurde viel heimlich

gelacht und viel Spott getrieben. Ein Mädchen wurde durchgehechelt.

»So eine Schlafliese hat Glück. Die stieß die ~Dřemotka~[45] schon

immer um halb neun in den Nacken. Und kriegt einen solchen Burschen!«

»Sie hat sich sogar abkonterfeien lassen.«

Kaum war das Wort gefallen, so stimmte Kito ein Lied an. Mit meckriger

Stimme sang er:

»Wer hoch und angesehn will sein[46],

Der muß sich lassen konterfein,

Schön weiß und rot fürs liebe Geld,

Wie's Mode ist,

Wie's Mode, Mode ist,

Wie's Mod' ist in der Welt!

Kaum hatt' sie mir ihr Bild geschickt,

Da wurd' ich ganz und gar verrückt,

Um mein Genie ist's schlecht bestellt,

Wie's Mode, Mode ist,

Mode ist auf der Welt!«

»O du Hund! Kaum fang' ich an zu singen, so beißt mich dieser Lump von

Napolium in die Waden.«

»Ach, Kito, du hast doch gar keine Waden mehr«, lachte ein Mädchen.

»Soll ich sie zeigen?«

Kito machte Miene, einen Stiefel auszuziehen.

»Pst, keinen Unfug!« wehrte Hanka ab. Kito seufzte.

»Napolium, Napolium, heutzutage sind die Jungen frumber als die Alten.

O jerum!«

Auch die Mädchen seufzten verstohlen. Eine wendische Spinnstube nach

ihrem Geschmack war das nicht. Da mußte es schon anders hergehen. Nun

ja, zweimal waren die Burschen zu Besuch dagewesen und hatten auch

Branntwein mitgebracht, aber tanzen durfte man hier nicht, und sonst

war auch nicht viel Spaß erlaubt. Am ersten Spinnabend hatte es einen

feinen Gänsebraten gegeben, das ist wahr! Und alle Abend um dreiviertel

neun Uhr gab es Kaffee. Das konnten sich nur so reiche Leute leisten.

Und die schönsten Lieder gab es hier. Ganz neue Lieder hatte das fremde

Mädchen mitgebracht. Auch heute versprach Hanka, zwei neue Lieder zu

singen. Es waren aber diese:

+Die entlaufene Mutter.+[47]

Kathinka aus Gurich lief davon

Dem Ehemann, dem Saufpatron.

Sie lief bis Malschwitz in toller Hast,

Dort macht sie müde am Hügel Rast.

Mit trübe geweinten Äugelein

Sah sie in Gottes Sonne hinein.

»O Hanzo, Hanzo, mein lieber Sohn,

Hast du wohl jetzt dein Frühstück schon?«

»O Maja, Maja, du Blümlein rot,

Wer kocht dir heute dein Mittagbrot?«

»Und du, mein Merten, du Kleinster, mein,

Wer singt dich heut in den Schlummer ein?«

Da weinte sie laut, da stand sie auf

Und nahm gen Gurich den raschen Lauf:

»Und schlüg er mir auch das Leben heraus,

Ich kehre um und gehe nach Haus!«

Und das andere Lied war dieses:

+Die Leichtsinnige.+[48]

Und als der junge Bursche erfuhr,

Daß andere liebet sein Schätzelein,

Zog aus der Scheide er sein Schwert

Und bohrt sich's tief ins Herz hinein.

Zur Kirche ging das Mägdelein

Und sprang dann in das Feld hinaus,

Da lag ihr Liebster hinterm Busch

Und ruht' von Leid und Untreu aus.

Das Mädchen weinte, und ihm war bang

-- Fast eine ganze Woche lang.

Die Lieder wurden gelobt, der Text wurde gelernt, die Weise eingeübt;

noch am selben Abend wurden die beiden Lieder gemeinsam gesungen.

Dann wurde Kito aufgefordert, Scherze zu erzählen.

Er wollte vom Alten Fritz und dem Prediger anfangen, aber alle wehrten

ab. Das sei eine ganz alte Geschichte. Auch der Pastor mit dem Käse

wurde abgelehnt sowie die Erzählung, wie Kito von der Linde predigte.

Schließlich sagte er: »Ein Deutscher sagte einmal zu einem Wenden im

Kretscham: ›Aus vier Wenden[49] baut man einen Schweinestall‹.«

»Ja, und er sperrt ein deutsches Schwein hinein!« riefen die Mädchen

alle zusammen.

»Oh, Kito, bei deinen Geschichten hat Adam zu Paten gestanden!«

Kito schüttelte den grauen Kopf.

»Die Welt ist neuerungssüchtig und verderbt. Der Knecht kauft sich

Strümpfe, und wendische Mädel woll'n neue Geschichten!«

Er fing nun an zu singen:

»Nach Jenkwiz gehn wir nicht zum Biere,

Dort kriegten die Burschen von den Mädeln Schmiere«;

aber auch dieses schöne Lied fand keinen Beifall, weil es alt und

abgeleiert sei.

Selbst einer seiner schönsten Späße wurde mäßig gelobt, daß er nämlich

einer Herde von Weibern, die neugierig durch ein Gasthausfenster dem

Tanze zusahen und dichtgedrängt standen, heimlich die bauschigen Röcke

aneinandergenäht hatte und daß sie am Ende nicht auseinander konnten,

was viel Geschrei und Spektakel ergab.

»Wer weiß eine Gespenstergeschichte?«

Das war etwas. Die Mädchen rückten näher zusammen. Und eine sprach halb

im Flüsterton:

»Bei Leipa drunten in der Mühle hat es gespukt. Alle Nächte sind eine

greuliche Menge Katzen gekommen und haben um Mitternacht einen großen

Spektakel gemacht. Alle Leute aus der Mühle sind ausgezogen. Da ist

einmal ein Scharfrichter durch Leipa gekommen, der hat von der Mühle

gehört. Und er ist hineingegangen, hat sich in der großen Stube an den

Tisch gesetzt, zwei Lichter vor sich gestellt und sein Richtbeil vor

sich gelegt und um den ganzen Tisch mit Kreide einen Kreis gezogen. Und

so hat er gewartet. Dann haben draußen alle Wächter zwölf gepfiffen,

und da ist es losgegangen. Das hat gerasselt und gepoltert und

gefaucht, und an die hundert böse Katzen sind hereingekommen und haben

sich alle auf den Scharfrichter stürzen wollen. Aber keine einzige hat

sich über den Kreis getraut. Geh du rüber! Geh du rüber! haben sie

zueinander gesagt. Aber keine hat sich's getraut. Bloß eine große,

gelbe Katze hat die Pfote in den Kreis hineingestreckt. Da hat schnell

der Scharfrichter sein Beil genommen und sie blutig gehackt. Da sind

alle Katzen winselnd fortgelaufen. Und am andern Tag hat die Frau des

Amtmanns von Leipa eine verbundene Hand gehabt und hat gesagt, sie

hätte sich aus Versehen mit einem Messer einen Finger abgeschnitten.

Aber die Leute haben jetzt gewußt, daß sie eine Hexe war!«

»Da werd' ich auch etwas von einer Hexe erzählen«, sagte eine andere.

»Die hat in einem Dorfe gewohnt, und abends hat sich immer ihr Geist

auf den Feldern und in den Gassen herumgetrieben, während ihr Leib im

Bette lag, und der Geist hat die Leute geängstigt. Da ist einmal der

Schulmeister von Saßleben dem Gespenst begegnet und hat es mit einem

Stock jämmerlich durchgeprügelt. Am andern Morgen hat eine Bauersfrau

nicht aufstehen können, weil sie ganz grün und blau geprügelt war. Und

das war die Hexe.«

Kito seufzte in seiner Ofenhölle.

»Ja, ich bin auch einmal so eine Hexe gewesen.«

»Du, eine Hexe? Das ist nicht möglich!«

»Doch! Und es war auch so ein Abenteuer mit einem Schulmeister. Ich

ging damals noch in die Schule und saß auf der Schulbank. Das heißt, es

sah nur so aus, als ob ich dort säße. In Wirklichkeit spukte ich. Denn

der Mensch besteht aus Leib und Geist. Und mein Geist, der war nicht

mit in der Schule, der war im Walde und fing mit Sprenkeln Rotkehlchen.

Da fing plötzlich der Schulmeister an zuzuhauen. Aber er hieb nicht auf

den Geist ein, sondern der Leib bekam die Hiebe persönlich. Grün und

blau war er aber auch.«

Kito wird ein alter Narr genannt und ausgescholten. Teufelsgeschichten

kommen an die Reihe: wie der Teufel Asche in Gold verwandelte, wie er

als dreibeiniger Hase herumhüpfte, wie er mit zwei schwarzen Ochsen die

Spree pflügte und die Ochsen immer so ungebärdig hin und her sprangen,

daß die Spree ganz krumm geworden ist.

Und mit scheuen Augen erzählt eine von dem Mädchen, das im Rautenkranz

zur Kirche ging und mit Rosen geschmückt auf einem Stuhl vor dem Altar

saß. Da kam plötzlich ein Kind vom Altar her, setzte sich dem Mädchen

auf den Schoß und sagte: »Ich will bei meiner Mutter sein!« Da gestand

die erbleichende Braut, daß sie heimlich ein Kind geboren und getötet

habe. Und das Kind nahm die Seele ihrer Mutter mit. Die Braut fiel tot

vom Stuhl, der Rosenkranz aber flog auf den Kirchhof hinaus. Dort wuchs

ein großer Rosenbusch, der noch heute zu sehen ist. Und das ist in

Gahlen geschehen vor zweihundert Jahren.

Lauter schaurige Geschichten erzählen die Mädchen, indes der Wind an

die Scheiben poltert und das Feuer im Herde knistert.

Wißt ihr die Geschichte von dem Schatz im Totenkopf? Wißt ihr, wie der

Tod in Luckau den Dreißigjährigen Krieg vorhergesagt hat?

Wer weiß die Geschichte von dem Riesen, der ein dreieckiges Gesicht

hatte? Er hat viel Übles getan. Die kleinen Ludki haben ihn im Schlaf

erschlagen. Und er wurde begraben, aber er spukte in jeder Nacht, und

alle Leute fürchteten sich sehr. Da haben die Leute die Leiche des

Riesen ausgegraben, ihr einen Nagel in den Kopf und einen Pfahl durchs

Herz getrieben, und dann hatten sie Ruhe.

Von brennendem Feld wird erzählt, von weißen Männchen, von dem

unglücklichen Mädchen, das der Nix in sein Wasserschloß holte, von der

Mittagsgöttin, die allen denen mit der Sichel den Kopf abschneidet, die

sie zur Mittagszeit im Felde trifft und die ihre vielen Fragen nicht

beantworten können, von unverwundbaren Wölfen, gespenstigen Kälbern.

»Heda! Kito, der Swinigel, sucht dem Hunde Flöhe ab!« Die Mädchen

kreischten, sprangen auf, traten zurück.

»Was schreit ihr?« sagte Kito gemütlich. »Eure Geschichten sind so

blutig, daß ich mir dazu eine blutige Arbeit gesucht habe.«

Die Mädchen schimpften alle auf ihn ein. Er sei ein unerhörter

Swinigel. »Pfui, pfui!«

»Tut nur nicht so,« verteidigte sich der Alte; »ich werfe sie alle

ins Feuer, und wenn ja einer der Schwarzen zu einer von euch springt,

die kann ihn morgen wiederbringen, wenn sie ihn unter den eigenen

herauskennt.«

Ei, wie gingen die Mäulchen! Hanka tat einen Schiedsspruch; Kito mußte

das Liebeswerk an seinem »Napolium« einstellen, und bald schnurrten die

Rädchen wieder und ging das Erzählen.

Da knurrte der Hund, und von draußen kam ein feines Läuten.

»Hört, hört, was ist das? Hört ihr es läuten?«

»~Bože džječo! Bože džječo!~«[50] rief da ein Mädchen, und alle Rädlein

standen still, und über alle jungen Gesichter ging der helle Schein der

Freude.

»~Bože džječo!~ Still, still! Fleißig, fleißig, daß wir es nicht

verscheuchen!«

Und die Rädlein schnurrten wie nie zuvor, und die Mäulchen standen ganz

still.

Da wurde die Tür geöffnet, liebliches Schellengeläut ertönte im

Hausflur, und eine feine Stimme fragte:

»Sind fleißige, gute Mädchen in der Spinnstube?«

»Nein!« schrie Kito von der Ofenhölle aus, und sein »Napolium« bellte.

»Ja, ja, ja!« riefen die Mädchen, »gute, fleißige Mädchen!«

Da kam das Gotteskind in die Stube. Es war ganz weiß gekleidet, das

Gesicht verschleiert, auf dem Kopf trug es eine Krone aus Goldpapier.

In der einen Hand hatte es die Schelle, in der anderen eine Rute. Es

war von einem Weihnachtsmann begleitet, der einen großen Korb in der

Hand und einen Sack auf dem Rücken trug und sich ganz greulich vermummt

hatte. Das Hofgesinde drängte in die Stube, auch der Hausherr Hanzo

erschien. Hanka machte erstaunte Augen; sie hatte von der Veranstaltung

nichts gewußt.

»Hausvater,« fragte das Gotteskind, »sind das fleißige, brave

Spinnmädchen?«

Der Hausvater bejahte es.

Da ging das Gotteskind von einem Spinnrad zum andern, prüfte das Garn,

lobte die, die wenig, und tadelte die, die noch zuviel Flachs am Rocken

hatten.

Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald · 第 25 / 38 题