Die Mädchen standen auf, Hanka stimmte an, und alle sangen:
Heil'ge Maria am Rocken spann[51]
Den Flachs gar wunderfein,
Heil'ge Maria saß und sann
Und nähte ein Hemdelein.
Da kamen herein zur Kammertür
Zwei liebliche Engelein:
»Maria, wir wollen spielen mit dir,
Wir sind so jung und klein!«
»Ich kann nicht singen und spielen mit euch,
Die Stund' nicht ferne ist,
Braucht Hemdchen und Windeln und Linnenzeug
Mein Söhnlein Jesus Christ!«
Die Mädchen standen mit gefalteten Händen hinter ihren Spinnrädern und
sangen das Lied andächtig und schön. Das Kaminfeuer warf einen roten
Schein über sie und über das »Gotteskind« in seinem feierlichen, weißen
Kleid.
Nun packte der Weihnachtsmann mit großem Gepolter seine Gaben aus und
fuhr mit einem alten Besen derb unter dem Mannsvolk herum, wodurch er
den Zorn des Hundes »Napolium« erweckte, der beständig nach seinen
Waden schnappte, was viel Hallo gab. Es gab für eine »Vorbescherung«
ganz unerhört kostbare Dinge; denn die eigentliche Bescherung kam
erst am Heiligabend. Die Spinnmädchen bekamen alle kleine silberne
Anhängsel: ein Herzchen, ein Kreuzchen, einen Stern, die Knechte und
Mägde wurden reichlich mit Kleidungsstücken bedacht, Kito erhielt
eine silberbeschlagene Tabakspfeife, der Hausvater bekam die schön
ausgeführten Wappen der Ober- und Niederlausitz, beide unter einem
geschnitzten Lindenkranz vereinigt. Von wem ging diese Bescherung aus?
Die Antwort ergab sich bald.
Zur Tür herein kam Samo. Er war am späten Nachmittag heimlich
angekommen.
»Darf ich auch bei der Bescherung sein?« fragte er, nachdem er gegrüßt
hatte. Hanka wurde blaß und hielt sich an dem Spinnrocken fest.
Errötend gab sie Samo die Hand.
Plötzlich aber stieß sie einen lauten Freudenschrei aus. Ihre Eltern
waren in die Stube getreten. Das Mädchen hing an ihrem Halse und lachte
und weinte vor Freude.
Da stand Kito auf und gebot mit lauter Stimme Ruhe. Er nahm Hanka an
der Hand und sagte:
»Setz dich auf deinen Platz! Es muß Ordnung sein!«
Und dann stellte er sich mitten in die Stube und sprach:
»Ihr kennt alle die Bibel. Als Abraham für seinen Sohn Isaak ein Weib
haben wollte, schickte er seinen Knecht Elieser aus, ein solches zu
suchen; denn er dachte wahrscheinlich, daß Elieser das besser verstände
als er und Isaak. Elieser war nur ein Knecht, aber er hatte doch
dieses wichtige Amt bekommen. Er war ein ~družba~. Hier seht ihr auch
einen ~družba~ stehen. Zehnmal bin ich schon Zurater und Brautwerber
gewesen; siebenmal haben sie mich -- aber davon will ich nicht reden.
Kurz und gut, dreimal ist es geglückt. Und dazu gehört dieses Mal.
Ihr dürft nicht glauben, daß es nur der ~palenc~ war, der meine Zunge
so geschmeidig und siegreich gemacht hat; denn ich habe schon von der
Linde gepredigt. Kurz und bündig: durch Gottes Gnade und meine Hilfe
ist es geglückt, von unserer ehrbaren Jungfrau Hanka für unseren
ehrbaren Junggesellen und Gutssohn Samo das ›Jawort‹ zu bekommen.«
Ein Ruf allgemeiner Überraschung ging durch die Stube. Die Spinnmädchen
umdrängten Hanka, und es wurde ein solcher Lärm, daß Kito sich nur
durch die Anwendung von Grobheit wieder Ruhe schaffen konnte.
»Und so will ich nun die achtbaren Eltern unserer Jungfrau Hanka bitten
und fragen, ob sie in Gottes Namen ihre Einwilligung zu der Verbindung
geben wollen.«
Die Frage wurde bejaht.
»Und so frage ich unseren achtbaren Hausvater, ob auch er in Gottes
Namen seine Einwilligung geben will.«
»Ja!« sagte Hanzo.
»So frage ich nun, ob diese Zeugen hier genügen, oder ob ich noch
andere Zeugen holen soll.«
»Sie genügen.«
»Nun, so bitte ich für meinen Freund Samo alle, die er beleidigt hat,
um Verzeihung. Jetzt aber tretet ihr zwei hierher!«
Samo und Hanka traten in die Mitte der Stube, der Brautwerber legte
ihre Hände ineinander und sprach die vorgeschriebenen Worte:
»Ich verlobe euch öffentlich vor diesen Zeugen in Gottes Namen. Es sei
mit euch beiden der Gott unserer Väter und segne euch mit den Gütern,
mit denen er unsere Väter gesegnet hat. Amen!«
Darauf sangen alle Anwesenden das Lied:
»Lob, Ehr' und Preis sei Gott, dem Vater und dem Sohne
Und auch dem heil'gen Geist im hohen Himmelsdome.«
Als das Lied zu Ende war, trat das weiße »Gotteskind« vor Hanka, gab
ihr einen goldenen Ring und sprach dazu:
»Aus der Erd' stammt das Gold,
Vom Himmel die Treu,
Dein goldenes Ringlein
Breche nimmer entzwei!«
Samo küßte Hanka auf die leise bebenden Lippen. Die zwei waren nach
wendischem Brauch verlobt. --
Nun brach die Tollheit des lebenslustigen Wendenvolkes sich Bahn. Boten
eilten in die anderen Spinnstuben des Dorfes, und nicht lange, so
wimmelte es von Burschen und Mädchen. Die fremden Burschen drangen in
die Stube; einer hatte ein langes Messer in der Hand, damit »erstach«
er den Rocken Hankas. Und nun nahmen die anderen Burschen den Mädchen
die Rocken weg, und aller Flachs, der noch dran war, wanderte ins
Feuer.
Ein Ungetüm sauste in die Stube. Es sollte einen Schimmel darstellen
und hatte einen Kopf aus Stroh. Es wurde weidlich durchgeprügelt und
machte wilde Sprünge und Purzelbäume.
Ein paar wollten anfangen zu tanzen. Da aber trat Kito, der
Brautwerber, wieder auf, und nachdem er sich mühsam Ruhe verschafft
hatte, rief er:
»Hochgeachtete Gäste!«
Er wurde unterbrochen; denn sein Hund »Napolium« hatte sich mit dem
Schimmel verbissen, und es gab ein tolles Gelächter.
»Laßt sie, laßt sie! Es ist wie im Zirkus!«
Nachdem der Kampf der Bestien vorüber war, rief Kito abermals:
»Hochgeachtete Gäste! Dieweilen dies hier ein Trauerhaus ist, seid
ihr gebeten, in den Kretscham zu gehen und euch dort zu Ehren des
Brautpaares etwas zu erfreuen.«
Da zog das Völklein jauchzend ab, und das helle Lachen und Singen klang
vom Kretscham her die ganze Nacht, bis der Tag graute.
Hanka saß indes aufrecht in ihrem Bett. Sie allein lachte nicht.
Auch Juro kam zu den Weihnachtsferien nach Hause. Er traf zwei Tage
später ein als Samo. Als er bald nach seiner Ankunft dem Bruder
begegnete, sagte er:
»Warum hast du mir von deiner Abreise aus Breslau nichts gesagt?
Konnten wir nicht zusammen reisen?«
»Von uns zweien findet jeder den Weg für sich«, antwortete Samo
unliebenswürdig.
»Jawohl, das weiß ich!« sagte Juro und wollte sich abwenden. Aber Samo
sprach ihn noch einmal an.
»Ich will dir etwas sagen, ehe du es von anderen Leuten hörst: ich habe
mich vorgestern mit Hanka verlobt.«
»Was?«
Juro starrte ihn an.
»Ich habe das Mädchen lieb,« fuhr Samo fort, »und es muß die Tradition
in unserer Familie gewahrt werden. Im übrigen bin ich dir ja wohl
weitere Rechenschaft nicht schuldig.«
»Du -- du bist wohl verrückt?«
»Nein, im Gegenteil, recht vernünftig! Ich weiß, was ich will!«
Da faßte Juro sein Zorn.
»Samo -- Mensch -- ist das wirklich wahr? Hast du dich wirklich mit dem
unerfahrenen Mädchen verlobt?«
»Wie ich dir sagte ...«
»Und -- und du schämst dich nicht -- eine so gemeine Komödie ...«
»Hüte dich, du deutscher Lümmel!«
Juro ballte die Faust.
»Noch so ein Wort, und ich schlag' dich nieder, du -- du Erbschleicher!«
Samo lachte ihm höhnisch ins Gesicht.
»Schlag' nur zu! Es ist die deutsche Art, etwas zu beweisen, was nicht
zu beweisen ist. Aber es nützt dir gar nichts! Deine Rolle ist hier
verspielt!«
Er ging aus dem Zimmer und warf die Tür zu.
Juro suchte in höchster Erregung seinen Vater auf.
»Vater, ist das wahr, das von Samo und Hanka ...?«
»Sie sind seit vorgestern verlobt!«
Juro wurde bleich.
»Und du hast das zugegeben?« fragte er fassungslos.
»Ja, ich habe es sogar gewünscht. Ich will nicht, daß ein so braves
Mädchen wie Hanka verachtet wird, ich will mich vor ihren Eltern und
allen Leuten nicht lächerlich machen.«
»Und das Mädchen?«
»Es hat eingewilligt.«
»Aber siehst du denn nicht ein, Vater, was Hanka für großes Unrecht
geschieht, daß Samo sie nur nimmt, weil es in seine Berechnungen
paßt, daß es eine Schmach für das Mädchen ist, so -- so -- als
Spekulationsobjekt behandelt zu werden?«
»Wieso Spekulation?«
»Es liegt doch auf der Hand, daß Samo, der im Grunde genommen immer
alles Bäuerische mißachtet hat, weil seine Gedankenflüge zu hoch
gingen, jetzt durch seine wendische Heirat nichts anderes will, als
sich hier auf dem Gut als künftigen Herrn festsetzen.«
Das Gesicht des Vaters wurde noch ernster, als es schon war.
»Das Gut bekommt er sowieso -- mein Testament ist gemacht.«
»Dein -- Testament -- -- für Samo? Und -- und mit -- mit welchem Recht
schließest du mich aus?«
»Ich schließe dich nicht aus. Was dir zukommt, wirst du bekommen in
barem Geld.«
Juro schlug ein bitteres Gelächter an.
»Bares Geld? Und das Heimatsrecht?«
»Du hast dich selbst von deiner Heimat losgesagt.«
»Das ist nicht wahr!«
»Sprichst du so mit deinem Vater?«
»Ja, auch mit dir! Es ist nicht wahr, es ist beim allwissenden Gott
nicht wahr, daß ich mich von meiner Heimat losgesagt habe.«
»Du willst von den Wenden nichts wissen, Juro; ich habe es selbst
gehört!«
»Ja, ja, ich will von ihnen wissen; ich will ihnen ja mein ganzes
Leben, meine ganze Arbeit, meine ganze Fürsorge weihen, ich will ja
nichts anderes erstreben, als ihnen zu helfen, sie geistig zu heben,
ihre Lage zu verbessern, sie vorwärtszubringen in der Welt.«
»Dadurch, daß du sie deutsch machst«, sagte der Vater finster.
»Jawohl, dadurch! Vater, ich beschwöre dich, ich bitte dich, sieh es
doch ein, gib es doch zu, daß das das Beste, das Richtige ist! Unsere
geringe Anzahl, kaum hundertfünfzigtausend Seelen, sie kann sich doch
nicht halten, sie kann doch ihr Volkstum nicht behaupten in unserer
jetzigen Zeit; wir können doch mit dem Festhalten an alten, längst
überlebten Bräuchen, mit dem Verharren in albernem Aberglauben ...«
»Schweig!« schrie ihn der Vater an; »hier steht der Kral der Wenden,
die du beschimpfst.«
Juro fuhr sich ein paarmal über die Stirn. Dann sagte er erschöpft:
»Der Kral der Wenden bist du; es kann niemand beweisen, daß du es nicht
bist! Aber das Königtum ist uns genommen; der wendische König, der
heute regiert, heißt Wilhelm von Hohenzollern und wohnt in Berlin.«
»Das weiß ich«, sagte der Alte ernst. »Und ich bin sein treuer
Untertan. Ich tue meine Pflicht. Ich bin kein Hochverräter. Aber Gott
führt die Schicksale der Menschen, und ich brauche die Würde, die er
mir gab, im Herzen nicht aufzugeben und die Leute, die zu mir halten,
mir nicht abtrünnig machen zu lassen von meinem eigenen Sohne, solange
unsere alte Krone noch ruht im heiligen Hügel.«
»Ich glaube nicht daran, daß in dem Hügel eine Krone liegt; es ist eine
Sage wie alle. Ich kann nicht an sowas glauben.«
»Und du wagst es, zu sagen, daß du dich nicht von deiner Heimat
losgesagt hast?«
»Nicht von der Heimat, nicht von dir, nicht von allen Wenden. Nur von
dem, was ihnen schadet, was sie tiefhält, was nicht wahr ist! Und das
sage ich dir, Vater, Samo glaubt an alle diese Dinge so wenig wie ich.
Aber er heuchelt und hat den Vorteil, und ich sage die Wahrheit und
verliere dich und verliere alles.«
»Samo lügt nicht. Samo beachtet unsere Gebräuche bis ins kleinste. Für
dich aber ist alles, was uns heilig ist, Aberglaube und Dummheit. Und
deshalb ist Samo an deine Stelle getreten. Mit Fug und Recht, Juro; ich
habe es in vielen schlaflosen Nächten mit mir abgemacht.«
»Und meine Erbfolgeschaft als künftiger Kral?«
»Die vor allen Dingen wirst du an Samo abtreten.«
Da kam der Zorn wieder über Juro, und er richtete sich auf und sagte:
»Das werde ich +nicht+! Dein Gut kannst du vermachen, wem du willst, es
ist dein Eigentum, und die preußischen Gesetze werden dafür sorgen,
daß dein wendisches Testament bis ins kleinste erfüllt wird. Aber das
Recht der Erstgeburt, das kannst du mir nicht nehmen und kein Gericht,
das behalte ich! Das behalte ich!«
»Du, der nicht an das Königtum glaubt?«
»Ja, ich! Ich bleibe doch der künftige Kral. Ich werde den Einfluß, den
ich dadurch habe, nicht aufgeben. Denn ich will der Kral sein, der sein
Volk aus der Gefangenschaft finsterer Vorurteile herausführt, und dazu
brauche ich Ansehen, sei es auch eingebildetes Ansehen. Niemand anders
als der Kral selbst kann den Leuten zeigen, daß es keinen Kral gibt!«
»Du Verräter!«
»Vater, ich bin noch weniger ein Verräter an den Wenden als du ein
Hochverräter am König von Preußen bist, dem du Treue geschworen hast.«
Einige Augenblicke standen sich Vater und Sohn noch gegenüber, Kälte im
Blick, Kälte im Herzen; dann sagte Hanzo:
»Wir sind fertig miteinander!«
Und er ging hinaus.
Juro war allein. Ein paarmal ging er ratlos hin und her mit unsicheren
Schritten, dann sank er auf einen Stuhl und weinte vor Zorn und vor
Schmerz.
Aber es gibt keinen stärkeren Trost in den Bitternissen des Lebens
als die Erkenntnis, daß einem Unrecht geschehen ist. So erhob sich
Juro nach kurzer Zeit, und seine Gestalt straffte sich wieder zu ihrer
schlanken Schönheit.
Er stieg hinauf in seine Kammer und holte Mantel, Stab und Hut.
Und er zog fort aus seinem Vaterhause.
Es war ein trüber Abend angebrochen. Juro ging langsam das Dorf hinab.
Die spitzen Giebel der Häuser schauten ernst auf seinen Weg. Hin und
wieder begegnete ihm ein Bursch, der seine Mütze zog. Starke, gutmütige
Menschen. Aber die Sonne einer höheren Erkenntnis scheint nicht in
ihre Heimat, ihre Gedanken irren nur immer um ihre schmalen Felder,
und ihre Wünsche gehen nicht weiter als bis in eine Mädchenkammer oder
an einen Wirtshaustisch. Und die Hütten der Kleinen! Wie armselig
liegen sie unter ihren Strohdächern. Der kümmerliche Rauch, der aus
dem windschiefen Schornstein steigt, stammt vielleicht von einem
Bündel Holz, das der Mann aus dem Walde des Reichen zur Nachtzeit mit
pochendem Herzen holte, damit die Kinder nicht zu frieren brauchten in
dieser strengen Zeit, damit die Hände nicht steif würden, die spinnen
und weben mußten. Und viele der Kinder, die jetzt auf der Gasse noch
vom Christkind plauderten, hatten am Weihnachtsabend auch nicht die
kleinste Gabe und starrten ins Dunkle und fragten sich, warum der holde
Himmelsgast denn nicht zu ihnen komme, ihnen auch nicht ein einziges
buntes Lichtlein schicke. O ihr Träumer, wacht auf! Draußen ist eine
reichere Tafel für euch und eure Kinder gedeckt, draußen ist eine
weitere, lichtere Heimat! Und hat sie auch noch tausend Mängel, dort
steht doch die Freiheit vor der Tür, dort gibt es hundert Ansätze zum
Sprung auf die Staffel der Menschenwürdigkeit. Wacht auf, ihr Träumer,
seid wie die anderen, fordert wie die anderen euer Menschenrecht,
werdet im Anschluß an die anderen glücklich! Dann aber müßt ihr heraus
aus der Enge; denn eure wendischen Stammelrufe hört niemand, versteht
und beachtet niemand in der Welt. Von Branntwein und Hexengeschichten
könnt ihr nicht leben, und der Sand der Heide macht euch nicht
satt! -- --
Das letzte Haus war vorbei, der holperige Feldweg führte hinaus ins
Dunkle. Da kam wieder ein Schwanken in Juros Gang, da klangen ein paar
Stimmen in seinem Ohr, die ihm einmal lieb waren, da gingen ein paar
Heimatsmelodien traurig durch sein Herz.
Aber er zog den Hut fester auf den Kopf, stampfte mit dem Stock stark
auf die gefrorene Erde und schritt rasch vorwärts.
Zuerst hatte Juro mit Elisabeth gesprochen. Sie hatte ihm in ihren
letzten Briefen immer wieder die eine Frage vorgelegt: ob er nicht zu
stürmisch, zu ungeduldig zu Werke gehe, ob es notwendig sei, immer
seine herausfordernde Meinung so laut zu sagen, oder ob nicht klugem
Abwarten eine bessere Aussicht auf Erfolg beschieden sei.
Nun, da der Bruch geschehen war, sagte sie von allen diesen Dingen kein
Wort. Sie sagte nur, daß sie treu zu ihm halte und hoffe, daß sich
Juro mit seinem Vater werde aussöhnen können, damit er unter diesem
Zwiespalt nicht leide. Und sie sagte das, was der Mann in schweren
Kämpfen vom Weibe hören muß: »Ich glaube an dich; deine Sache ist
gerecht!«
Der alte joviale Herr von Withold nahm die Sache nicht sehr ernst. Mit
Juro und seinen beiden Kindern Heinrich und Elisabeth saß er an dem
runden Tisch der mit alter solider Biederkeit traulich ausgestatteten
Wohnstube seines Herrenhauses, tat einen tiefen Trunk und sagte:
»Also, da wollen wir einen feierlichen Familienrat halten. -- Es sind
Dickköppe!«
Damit meinte er die Wenden.
»Aber sehen Sie, Juro, die Leute imponieren mir auch. Lassen sich
nischt vormachen. Halten am Alten. Sind stockkonservativ bis auf die
Knochen. Eigentlich mein Fall!«
Juro wollte etwas erwidern, aber Herr von Withold winkte ab.
»Nee, jetzt rede ich erst! Also, Juro, das mit dem Deutschreden ist
richtig. Das Wendische hat der Teufel erfunden. Ich krieg' das Niesen,
das Schlucken und den Keuchhusten, wenn ich es sprechen soll. Es ist
ganz verrückt schwer, in jedem Dorfe ist es anders, und für den Verkehr
taugt so was gar nischt. Also Deutsch! Selbstverständlich! Mit dem
Humbug, den sie sonst machen, Volkssitten, Märchen und so -- na, da
soll man nich so strenge sein. Das schadet nischt. Aber das mit dem
sogenannten Vorwärtskommen, das ist gefährlich! Nur keene Parvenüs
züchten! Ich kann meinem Großknecht nich Polstermöbel in die Stube
stellen und meine Kühe nich mit Mandelseife waschen lassen. Das ist
moderner Unfug! Das sind so Schnurrpfeifereien von Leuten, die nischt
verstehen von der Sache. Volkshygiene! In meinem Leben hab' ich von so
was nischt gehört, bis Sie kamen, Juro. Na, Sie wissen, ich bin kein
Unmensch; ich gönne meinen Leuten alles Gute. Bauen wir also jetzt das
neue Arbeiterhaus, gut, soll's größer werden; gut, soll jede Familie
zwei Stuben und 'ne Kammer haben; gut, soll'n sogar große Fenster rein,
obwohl ich das für 'n kolossalen Luxus halte. Aber seh'n Sie, Juro,
da Sie nu eben mal mein zukünftiger Schwiegersohn sind, da möcht'
ich nich gern, daß Sie bei sich denken: der Alte is 'n altmodischer
Furchenklecker. Also, es wird werden!«
Er tat wieder einen Trunk und fuhr fort:
»Und jetzt von dem Königtum. Da haben Sie mich also eingeweiht!
Ehrenwort, ich sag' nischt weiter! Aber, Juro, mit dem Kral, das is
-- das is -- ja, wenn ich sagen würde, es is Blech, wär' es zu grob
-- also sag' ich, es is nich Blech -- bloß, es hat keenen Zweck!
Jawohl, jawohl, ich weiß, unser Großer Kurfürst Friedrich Wilhelm
von Brandenburg, der hat nach dem Kral suchen lassen. Seine Häscher
hatten auch den richtigen Kral rausgespürt, einen jungen, hübschen
Mann. Also so einen Ahnen von Ihnen, Juro. Sie wollten ihn nach Berlin
unter die Soldaten für immer verschwinden lassen. Da kam gerade im
kritischen Moment 'n alter, wendischer Bauer vorbei. Der hieb plötzlich
dem jungen, hübschen Mann 'ne Ohrfeige runter, weil er behauptete,
der hätte ihn nicht pflichtschuldig gegrüßt, und die Häscher sagten
sich: ›Aha, das ist nicht der Kral; denn sonst hätte ihn kein Wende
geohrfeigt.‹ Und der Kral war gerettet, und der Kurfürst in Berlin
saß da mit seiner langen Nase, die ohnehin lang genug war. Jawohl,
das ist Tatsache! Das ist Geschichte! Das hat sich keiner aus den
Fingern gesogen. Und auch der Alte Fritz hat vom Wendenkönig gewußt und
aufgepaßt, daß die Wenden ihm nicht etwa mit den verfluchten Tschechen
›Kaprusche‹ machen. Also das steht alles fest. Und sind Ihre Ahnen,
Juro! Alle Achtung! Wissen Sie, 'n preußischer Edelmann hat für so was
Verständnis. Aber jetzt, Juro, jetzt ist mit dem Kraltum nischt mehr zu
machen. Aus und vorbei ist es!«
»Es ist noch nicht aus und vorbei«, entgegnete Juro. »Fast das ganze
Wendenvolk glaubt noch an den Kral und hängt noch am Kral. Und deshalb
darf nicht mein Bruder Samo der Kral der Wenden werden, weil er ihren
alten Aberglauben aus Selbstsucht erhalten würde, sondern ich muß der
Kral sein, der die Leute aufklärt und sie zu einem menschenwürdigeren
Dasein führt. Ich suche es im Deutschtum, weil es mir am nächsten ist.
Freilich müßte sich die Hinüberführung lohnen.«
»Sie brauchen nicht zu sticheln, Juro; die Fenster im Arbeiterhause
werden groß genug sein. Ich geb' ja zu, früher, wie wir noch die alte
Fronordnung hatten, da ist es ja den Bauern nicht gerade berühmt
gegangen. Aber die Güter waren gut! Gut waren sie! Oh, es war doch eine
schöne Zeit!«
Er versank ins Nachdenken, tat wieder einen tiefen Trunk und schüttelte
ein paarmal wehmütig den Kopf, wie er so an die »gute, alte, liebe
Fronzeit« dachte. Dann raffte er sich auf.
»Na, die alte Zeit ist nu leider mal vorbei. Halten wir uns an die
Gegenwart. Sie sind nu von Hause fortgegangen, Juro. Ich kann's Ihnen
nicht verdenken, wenn es auch nicht gerade erfreulich ist, daß es so
kommen mußte. Aber, Juro, 'n vernünftiger Plan war da überhaupt nich.
Ihre Väterei in Ehren, Juro, sie is 'ne Staatsbesitzung; kein anderer
Wende hat 'ne solche. Aber, Juro, Sie und meine Liese paßten dorthin
wie die Faust aufs Auge. Darein müssen Bauersleute.«
»Das sag ich auch,« warf der junge Heinrich dazwischen, »und deshalb
möchte ich jetzt einen sehr vernünftigen Vorschlag machen.«
»Deine vernünftigen Vorschläge sind unvernünftig«, lehnte sein Vater
ab. »Leute, die Zigaretten rauchen, haben überhaupt keine Vernunft.
Meine Ansicht ist die, Juro, Sie geben die Geschichte da drüben in
Ihrer Heimat auf, setzen sich, wenn Sie Ihr Staatsexamen und Ihren
Doktor gemacht haben, in irgend 'ne große deutsche Stadt als Arzt,
gründen da Ihren Hausstand und pfeifen auf die ganze wendische
Geschichte.«
»Das kann ich nicht und das werd' ich auch nicht, Herr von Withold. Ich
werde meine wendische Heimat nicht im Stich lassen. Es ist mein Ideal,
den Wenden zu helfen, ihnen zu dienen, und das werde ich durchführen.
Ich werde mich als Arzt in irgendeinem wendischen Ort niederlassen und
von da aus wirken.«
Herr von Withold schnitt ein saures Gesicht.
»Arzt im wendischen Ort? -- So 'ne Sache! Wo? In Hoyerswerda oder in
Burg? Kottbus wär' etwas oder Bautzen. Aber da haben sie deutsche
Ärzte, und die Städte sind deutsch, sind da bloß an der Peripherie der
Wendei. Und mitten im Land wird Ihr Bruder Samo als Arzt sitzen wie die
Spinne im Netz und wird Ihnen Ihre Mücken abfangen.«
»Darf ich jetzt endlich meinen vernünftigen Vorschlag machen?« warf
Heinrich wieder ein.
»Donnerwetter, der Junge läßt keine Ruhe. Wenn wenigstens seine
Zigaretten nicht so stinken möchten. Also schieße los!«
Heinrich, der mit seinem Vater sehr kordial stand, blies ihm eine
Rauchwolke ins Gesicht und sagte:
»Stück zwei Dreier!« Dann wurde sein hübsches, weiches Gesicht, das von
einer Fülle wirrer »Künstlerlocken« umrahmt war, sehr ernst, und er
sagte:
»Was ich vorzuschlagen habe, ist mir nicht erst jetzt eingefallen,
sondern meine Lieblingsidee seit langem. Ich will es kurz heraussagen,
einen Sturm gibt's sowieso. Also, mit dem Landwirt ist's für mich ein
für allemal nichts. Ich würde unglücklich werden und es mein Lebtag
zu nichts bringen. Ich habe die ganzen Jahre nebenher Kunstgeschichte
und Musik studiert. Das Vernünftigste ist, ich widme mich ganz und gar
der Musik und erobere mir eine Stellung in der Welt, die mir zusagt.
Juro wird Arzt, heiratet die Liese, wohnt mit ihr hier in diesem
weitläufigen Gespensterbau, doktert ein bißchen (denn viel zu tun
wird er nicht haben), reformiert seine Wenden, richtet sich in die
Gutsverwaltung ein und übernimmt als Eigentümer das Gut, wenn sich der
Vater zur Ruhe setzt. Dann ist uns allen geholfen.«
Da schlug der alte Withold auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.
»Habt Ihr's gehört? -- Er ist verrückt! Jagt mir nichts dir nichts das
väterliche Gut in die Binsen, präsentiert es einem andern wie eine
Zigarette für zwei Dreier. Oho, Bürschchen, oho! Ich werd' schon dafür
sorgen, daß es dir in dem weitläufigen Gespensterbau nicht zu eng wird.
Ja, glaubst du denn, dafür hat man einen Sohn, einen Stammhalter?«
»Lieber Vater, den Stamm kann ich dir ja woanders erhalten; das muß
doch nicht gerade hier sein. Und von Wegschenken ist keine Rede; ich
laß mich natürlich auszahlen.«
»Auszahlen -- wie ein Weib! Pfui Teufel! Das macht der verfluchte
Wagner! Die Liese wird ausgezahlt als Tochter -- verstanden? Du gehörst
hierher! So ist es Brauch und Recht.«
»Es ist natürlich gänzlich ausgeschlossen,« sagte Juro, »daß durch
meine Lebensschicksale die Familiengeschichte Withold in dieser Weise
beeinflußt werden soll.«
»Natürlich, Juro, du bist ja vernünftig. Wir werden uns schon
vertragen. Na, man könnte z. B. das Jagdschlößchen für euch beide
recht hübsch herrichten lassen, und da könntest du von hier aus deinen
ärztlichen Bezirk haben. Das läßt sich ja alles einrichten. Aber wenn
einem sein einziger Sohn so kommt, das ist stark! Das übersteigt alle
Begriffe!«
Er ging aufs höchste verärgert aus der Stube, und bald darauf hörte man
ihn unten im Hofe herumschimpfen.
Heinrich schritt gelassen ins Nebenzimmer, wo ein großer Flügel stand,
und vertiefte sich in die Schönheit der Wagnerschen »Gralserzählung«.
Juro und Elisabeth waren allein. Das Mädchen küßte dem Geliebten
Mund, Stirn und Augen. Dann lehnte sie an seiner Schulter und sprach
tröstende und zärtliche Worte zu ihm. Er lächelte glücklich; nur ein
paarmal irrte sein Blick zum Fenster hinaus. Dort in der Richtung, wo
der bleiche Mond stand, lag das Vaterhaus, das er verlassen hatte.
»So hört, wie ich verrat'ner Liebe lohne:
Vom Gral ward ich zu euch dahergesandt!«
sang Heinrich im Nebenzimmer mit Begeisterung.
Es war am Nachmittag, zwei Tage vor Weihnachten. Frostwetter mit
leichtem Schneefall. Elisabeth von Withold war allein auf der öden
Landstraße. Der Vater war mit Juro und Heinrich auf der Jagd. So hatte
sie unbemerkt von Hause fortgekonnt.
Nach einstündigem scharfen Zuschreiten stand Elisabeth vor dem
Heimatsdorfe Juros. Das Herz schlug ihr heftig, eine brennende Röte
stieg in ihre Wangen, aber ihre Füße wanderten darum nicht weniger
schnell.
Es mußte noch vor dem Heiligen Abend geschehen. Irgend jemand mußte zu
dem alten wendischen Vater gehen und ihm ein gutes Wort geben, damit
sein Herz nicht so vergrämt sei am Fest der Liebe.
Und es mußte Juros wegen geschehen. Sein Stolz fand den Heimweg nicht,
aber seine bange Sehnsucht nach dem alten Manne, der sein Vater war,
irrte oft hin zu der Heimat. Er sollte am Heiligen Abend Frieden haben.
Nun war das erste Gehöft erreicht. Kinder, Burschen, Mägde stürzten in
Fenster und Tür und starrten das fremde Fräulein an, das hier ins Dorf
kam. Ein paar Leute kannten sie, und es entstand ein Tuscheln.
Das Mädchen faßte Angst und Scham. Sie war mit Juro noch nicht einmal
öffentlich verlobt und wagte diesen Schritt. Aber ihr tapferes Herz
trieb sie vorwärts.
Nur als Juros Vaterhaus auftauchte, ging sie langsam. Vor dem kleinen
Hoftürchen blieb sie ein paar Minuten lang stehen und zupfte aufgeregt
an ihren Kleidern und an ihrem Schleier.
»Helfe mir Gott!«
Und sie trat in den Hof. Vor der Haustür stand Hanka und schaute
verwundert auf.
Die Mädchen kannten sich von dem Begräbnis her. Und sie kannten sich
aus ihrem stummen Herzenskampf. Jetzt, da sie sich sahen, erschraken
sie beide tödlich, und das deutsche wie das wendische Mädchen preßte
die Hand aufs Herz und jede stieß einen Schrei aus, und kein Gott
hätte einen nationalen Unterschied in ihrem Empfinden und Gebaren
herausgefunden.
Elisabeth blieb bestürzt stehen, und Hanka rannte wie gehetzt zur
Haustür hinein.
Eine Minute lang war es Elisabeth, als müsse nun auch sie fliehen,
fliehen aus diesem Hof, wo sie nicht nur eine Fremde, wo sie eine
Gehaßte war. Aber die Kraft ihrer starken Frauenseele kam wieder, und
sie trat entschlossen in das Haus.
Ein großer Hund kläffte sie wütend an. Sie blieb ratlos stehen. Kein
anderer Gruß wurde ihr als das Gekläff des Hundes. Da kam jemand
schlürfenden Schrittes die Kellertreppe herauf.
»Napolium, halte die Schnauze! Je, je, ein Fräulein ...«
Der Hund bekam einen Fußtritt.
»Das Fräulein von Withold!«
»Ja. Und Ihr -- Ihr seid wohl Kito?«
»Kito! Kito! Kito!« sagte der Alte in höchster Verlegenheit und machte
eine Menge Verneigungen.
»Ich möchte ein paar Augenblicke mit dem Herrn sprechen.«
»Mit dem Scholta! Der ist zu Haus. Herr Samo ist in der Stadt. Wenn das
gnädige Fräulein so gnädig wäre, ins gute Stübel zu kommen, wir müssen
freilich über die Treppe ...«
»Es ist nicht nötig, Kito! Ich warte hier.«
»Hier im Hausflur? O nein, nein! Auch nicht in der Wohnstube! Ein
gnädiges Fräulein ...«
Hinter der Küchentür hatte Hanka alles mit angehört. Zu dem Schreck,
den sie erlitten, kam jetzt die weibliche Angst, der alte Pulverkopf
Kito möchte wirklich die -- die Fremde ins »gute Stübel« führen. Das
war ungeheizt, und der ganze Fußboden des fast nie benutzten Raumes lag
voll Winteräpfel und Walnüsse. Diese Schande ertrug Hanka nicht. Kurz
entschlossen trat sie in den Hausflur.
»~Pomogaj Bog wam!~« grüßte sie wendisch. »Gott helfe Euch!«
»~Bog žekujscho!~« dankte Elisabeth. »Gott vergelte es!«
»Es -- es -- in der Oberstube ist es kalt«, stammelte Hanka und öffnete
die Wohnstubentür. Elisabeth trat in den großen Raum, in dem das
Kaminfeuer brannte.
»Ich möchte nur einige Augenblicke den Herrn sprechen.«
»Ja. Er wird kommen.«
Die Mädchen standen noch ein paar Augenblicke voreinander. Jede wollte
etwas sagen; keine brachte ein Wort heraus. Endlich sagte Hanka in
deutscher Sprache, aber mit schwerem Akzent:
»Bitte sich zu setzen. Ich werde den Herrn rufen!«
Elisabeth war allein und blieb lange allein. Sie fröstelte am
Kaminfeuer. Als sie endlich einen Männertritt hörte, überfiel sie große
Furcht.
Der alte Hanzo trat ein. Er hatte sich offenbar erst frisch gewaschen
und gekämmt und trug seinen langen blauen Staatsrock. Auch er war
schwer befangen. Als er aber das zitternde Mädchen sah, das sich an die
Stuhllehne klammerte, sagte er in deutscher Sprache:
»In Gottes Namen willkommen! Es ist mir eine große Ehre, daß mich das
gnädige Fräulein besucht.«
Elisabeth ging zwei Schritte auf ihn zu.
»Verzeihen Sie -- verzeihen Sie --«
Dann brach sie in Tränen aus.
Hanzo kam an sie heran, faßte sie an der Hand und führte sie auf einen
Stuhl. Da brachte sie mühsam hervor:
»Ich habe es -- es gewagt, weil -- weil -- es nicht sein kann, daß
Heiliger Abend ist und daß Sie und Ihr Sohn --«
Weiter kam sie nicht.
Der alte Hanzo suchte nach Worten. Endlich sagte er:
»Mein Sohn Juro ist als Gast bei Ihrem Herrn Vater. Er hat es mir
geschrieben.«
Und nach einer kleinen Weile fragte er:
»Weiß es -- weiß es Juro, daß Sie --?«
»Nein, niemand weiß es. Nur Gott weiß es, daß ich nicht anders konnte
als herkommen. Ich -- ich wollte Sie bitten, daß Sie keinen -- keinen
Groll auf mich haben. Sonst könnte ich nicht mehr glücklich sein.«
Da wurden die Augen des alten Hanzo mild und warm.
»Sie sind gut!« sagte er schlicht.
»Aber hauptsächlich komme ich wegen Juro«, fuhr Elisabeth etwas
gefaßter fort. »Er ist unglücklich, denn er hat Sie sehr lieb.«
Hanzo schlug finster den Blick nieder. Eine lange Pause kam.
»Das ist eine andere Sache«, sagte Hanzo endlich.
Hier klopfte es leise an die Tür, und dann trat Hanka ein.
»Ich möchte das gnädige Fräulein fragen, ob ich ein Glas Wein oder ein
Glas Milch bringen darf«, sagte sie schnell heraus.
Elisabeth wehrte freundlich dankend ab. Aber der Hausherr meinte:
»Eines wird uns Wenden immer gelassen, unsere Gastfreundschaft. Es geht
kein Gast von uns, dem wir nicht etwas Bescheidenes anbieten.«
Da sagte Elisabeth:
»Ich werde gern trinken, wenn Fräulein Hanka mit uns trinken will.«
Hanka sah auf, als sie sich beim Namen genannt hörte, und verschwand
eiligst.
Hanzo trommelte leise auf den Tisch, dann sagte er:
»Gnädiges Fräulein, ich habe Sie bis jetzt nicht gekannt. Nur so vom
Sehen habe ich Sie gekannt. Ich hätte auch nicht zugegeben, daß mein
Sohn Juro die Augen zu Ihnen erhebt, aber jetzt sehe ich ein: Gott hat
ihn gesegnet!«
Elisabeth schlug die Augen nieder. Hanzo fuhr fort:
»Juro wird Ihnen alles gesagt haben. Er muß das auch, da er Ihr
Bräutigam ist. Und Sie werden ihm recht geben, nicht wahr?«
Elisabeth blickte angstvoll auf.
»Ich -- ich kann es ja nicht leugnen: -- ja, ich gebe ihm recht.«
»Das ist ganz richtig!« entgegnete Hanzo milde. »Sie als deutsches
Fräulein können gar nicht anders. Sie halten zu Ihrem Volk; das wird
Ihnen niemand verdenken. Aber anders ist es mit Juro. Der ist ein
Wende, oder vielmehr, er war ein Wende; denn er ist abtrünnig!«
Da sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit:
»Er hat seine Überzeugung und handelt nach seiner Überzeugung; wenn er
das nicht täte, wäre er kein Mann.«
Nun schlug Hanzo die Augen nieder. Elisabeth fuhr fort:
»Ich bitte Sie, daß Sie sich mit ihm versöhnen, daß Sie zugeben, er muß
nach seiner Überzeugung handeln.«
»Nein, das kann ich nicht«, sagte Hanzo fest und bestimmt.
»Geben Sie nicht zu, daß er bloß der inneren Macht folgt, die ihn
leitet? Glauben Sie, er sei schlecht?«
Hanzo sah vor sich hin.
»Das ist eine schwere Frage«, sagte er beklommen.
Elisabeth stand auf. Ihre Stimme floß jetzt ruhiger, aber es war ein
bitterer Ton darin, als sie sagte:
»Das hätte ich nicht gedacht. Ich bin noch ein unerfahrenes Mädchen,
aber ich habe immer gehört, man dürfe zwar eine fremde Meinung
bekämpfen, aber man dürfe den, der sie hat, nicht für schlecht halten,
nur weil er anders denkt als man selbst denkt.«
»Wollen Sie sich nicht wieder setzen, gnädiges Fräulein?«
»Ich kann nicht. Wenn Sie glauben, daß ich der Schlechtigkeit das Wort
rede, kann ich ja nicht hier bleiben.«
»Gnädiges Fräulein, ich denke von Ihnen das Allerbeste. Und ich will
auch nicht sagen, daß Juro schlecht ist. Aber er ist so betört, er hat
sich selbst so von uns getrennt, daß er für uns alle verloren ist, auch
für mich.«
»So bin ich umsonst gekommen«, sagte Elisabeth in tiefer
Niedergeschlagenheit und setzte sich langsam wieder auf ihren Stuhl.
»Vielleicht hat es Gott so gefügt, gnädiges Fräulein,« entgegnete Hanzo
bewegt, »daß Sie doch gekommen sind, daß Sie diese gute Tat vollbracht
haben, damit mir altem Mann ein Trost wird, denn ich habe den Trost
sehr nötig.«
Das Mädchen saß regungslos da.
»Das eine können Sie Juro sagen, daß ich über die Verbindung mit Ihnen
glücklich bin und daß ich euch Gottes Segen wünsche.«
»Vater Hanzo!«
Das deutsche Mädchen sprang auf. Zitternd stand sie vor dem wendischen
Bauern, und plötzlich umschlang sie seinen Hals.
»Gott segne Sie, Elisabeth!« sagte Hanzo und küßte das Mädchen
ehrfürchtig, aber auch zärtlich auf die Stirn. Ein schönes, stilles
Weilchen blieben die beiden so, dann sagte Elisabeth:
»Und darf ich ihm auch sagen, daß Sie keinen Groll auf ihn haben?«
Hanzo antwortete ausweichend:
»Sagen Sie ihm, ich wünsche ihm Gottes Segen zu allem, was er tut,
ausgenommen das, was er gegen die Wenden tun will.«
»Er will nach seiner Überzeugung gar nichts +gegen+ die Wenden, alles
+für+ die Wenden tun.«
»Diese Überzeugung verwerfe ich. Gott wird sie zunichte machen.«
Dabei blieb es. Hanka kam. Sie brachte eine Flasche Wein und drei
Gläser. Auf Geheiß des Hausherrn setzte sie sich, aber sie setzte sich
ganz abseits. Der alte Hanzo füllte die Gläser und trank Elisabeth zu:
»Herzlich willkommen!« sagte er warm.
Auch Hanka stieß mit Elisabeth an. Das Glas zitterte leise in ihrer
sonst so kräftigen Hand, und ihr »Willkommen« war kaum vernehmbar. Auch
Elisabeth war wieder verwirrt. Sie suchte nach irgendwelchen Worten.
»Nicht wahr -- Sie -- Sie haben sich dieser Tage verlobt? Darf ich
Ihnen Glück wünschen? Es kommt von Herzen!«
Hanka sah zum Fenster hinaus.
»Ich danke!« sagte sie.
»Es war in derselben Stube,« erzählte Hanzo, nur um die peinliche
Spannung zu unterbrechen, »das ist nämlich unsere Spinnstube!«
Dann fragte er nach der letzten Ernte des Vaters. Elisabeth gab
freundliche Auskunft, und die Spannung ließ etwas nach. Sie sagte
auch, daß der Vater Herrn Hanzo gut kenne; sie seien schon einigemal
Wahlmänner zusammen gewesen, auch einmal Geschworene.
»Ja, das stimmt«, sagte Hanzo. »Ich hätte nicht geglaubt, daß sich der
gnädige Herr darauf erinnert.«
So ging es noch eine kleine Weile. Da stand Elisabeth auf.
»Ich muß jetzt gehen. Es wird so zeitig finster.«
Da ging Hanka rasch hinaus. Nicht lange darauf fuhr ein Wagen vor. Es
war Hanzos guter Glaswagen mit den beiden Kutschpferden, das Staunen
aller wendischen Kleinbauern. Der deutsche Knecht Wilhelm saß auf dem
Bock.
»Elisabeth, erlauben Sie mir, daß ich Sie so weit fahren lasse, bis
Sie in Sicherheit sind, und daß ich Sie begleite. Der Weg ist lang und
einsam.«
»Ich bin Ihnen dankbar,« sagte Elisabeth erfreut, »wenn ich mich auch
nicht fürchte. Es geschieht selten eine Schlechtigkeit in der Wendei.«
Hanzo lächelte, sagte aber nichts. Mit tadelloser Höflichkeit, die
er sich in den langen Jahren eines an öffentlichen Ehren nicht armen
Lebens angeeignet hatte und die auch der Güte seines Charakters
entsprach, geleitete er Elisabeth zum Wagen, nachdem er ihr nochmals
für ihren Besuch gedankt und ihr gesagt hatte, er werde ihr ihn nie
vergessen.
An der Haustür trafen Hanka und Elisabeth noch einmal zusammen.
»Leben Sie wohl, Fräulein Hanka, und haben Sie vielen Dank.«
»Ich wünsche glückliche Heimfahrt, und wir danken für den Besuch«,
sagte Hanka, die die Stelle der Hausfrau vertrat.
Einen Augenblick ruhten die Hände der Mädchen ineinander. Bald darauf
fuhr der Wagen zum Hofe hinaus. Unterwegs plauderte Hanzo mit Elisabeth
über alltägliche Dinge. Erst, als sich der Weg zu Ende neigte, wurden
beide wieder sehr ernst.
»Kommen Sie doch einmal mit zu uns«, bat das Mädchen. »Und wenn es auch
nur auf eine Viertelstunde wäre.«
»Nein, Elisabeth, das kann ich nicht. Das brächte ich jetzt nicht
fertig. Wenn Juro fort sein wird, werde ich Ihnen und Ihrem Herrn Vater
einen Besuch machen.«
»Darf ich -- darf ich -- gar keine Hoffnung mitnehmen?«
Hanzo antwortete nicht gleich.
»Wenn Juro von seiner Idee lassen würde, dann wär' alles gut.«
»Das tut er nicht.«
»Nun, da bleibt uns nichts übrig, als auf die Zeit zu hoffen.«
Sie erreichten einen Seitenweg, der nach dem Witholdschen Schlosse
führte, das jetzt ganz nahe war; da stieg Elisabeth aus, und der Wagen
kehrte um.
Hanzo sah noch einmal aus dem Fenster auf das Mädchen, das ihm in
tiefer Traurigkeit nachschaute.
Samo war aus der Stadt zurückgekehrt und hatte gehört, wer dagewesen
sei und daß der Vater im guten Wagen den Gast nach Hause geleitet. Samo
war mit rotem Kopf nach Hause heimgekommen. Er hatte in einem Gasthaus
für das Slawentum der Wenden große Reden gehalten und dabei viel
getrunken. Nun rief er nach Hanka. Barsch stellte er eine Frage wegen
des Besuches. Das Mädchen gab ihm ruhige Auskunft. Da blitzte es zornig
auf in den Augen Samos. Grimmig fuhr er das Mädchen an:
»Du führst die Deutsche selbst ins Haus, du rufst ihr den Alten herbei,
du trägst ihr Wein zu, du bestellst ihr die Fuhre -- was hat sie dir
denn für Trinkgeld gegeben?«
»Samo!«
Das Mädchen richtete sich beleidigt auf.
»Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich habe nur das getan, was die
Gastfreundschaft gebietet.«
»Gastfreundschaft gegen Deutsche gibt's nicht«, rief Samo.
»Gastfreundschaft gibt es gegen Hottentotten, Indianer, Kannibalen und
sonst noch einigermaßen achtbare Völker, aber nicht gegen Deutsche!
Wendische Gastfreundschaft gegen Deutsche ist die Gastfreundschaft der
Schafe für den Wolf!«
Hanka wandte ihm ohne Antwort den Rücken und ging fort.
Als der Vater nach Hause kam, erneuerte sich der Streit. Der alte Hanzo
wurde blaß.
»Mir scheint,« sagte er, »noch bin ich der Herr in meinem Hause, und
wenn es so anfängt, dann will ich mir doch noch alles anders überlegen.«
Samo zuckte die Schultern.
»Es muß doch anders kommen. Schon fängst du an nachzugeben. Schon
versuchen sie mit List und Schmeichelei das zu erreichen, was sie mit
Gewalt nicht bekommen können. Die Wenden sind dann verloren.«
»Sie sind nicht verloren! Ich habe um keinen Fuß breit nachgegeben.
Was das Mädchen getan hat, war gut und brav, und deine Anschuldigung
fällt auf dich zurück. Mir scheint, Gott hat mir zwei wackere
Schwiegertöchter zugedacht; was ich aber von meinen beiden Söhnen
denken soll, weiß ich nicht mehr.«
Auch der Vater ließ ihn stehen.
Da lief Samo aufs Feld hinaus, wo es bereits dunkelte. Er traf die alte
Wičaz, die mit Paketen aus der Stadt kam.
»Nun, Alte, was sagen die Leute zu meiner Verlobung?«
»Die meisten freuen sich.«
»Die meisten? Nicht alle?«
»Hm -- es gibt doch viele, die schon halb deutsch sind, die beim
Militär gewesen sind oder in deutschen Dienststellungen. Denen gefällt
der Herr Juro gar nicht schlecht.«
»So, er hat also wendischen Anhang? Großen Anhang?«
Die Alte zuckte die Achseln.
»Tu nicht so einfältig, alte Wičaz. Was habe ich dir angetan?«
»Nichts habt Ihr mir angetan. Dem Kito, dem alten Scheusal, habt Ihr
einen Pelz angetan, einen richtigen Kuppelpelz --«
»Ach ja -- ich verstehe -- für dich kommt's auch noch --«
Die Alte sah ihn von der Seite her listig an.
»Was ihm -- dem Juro -- die Leute am meisten übelnehmen, ist, daß er
sich am Kronenhügel vergreifen will.«
Samos Augen glimmten auf. Ein Schein wilder Freude flog über sein
Gesicht.
»Wissen denn die Leute von dieser Absicht?« fragte er möglichst ruhig.
»Es spricht sich so langsam herum.«
»Es könnte nichts schaden, wenn es sich etwas schneller herumspräche«,
sagte Samo und schenkte der Alten einen Taler.
Sie nickte.
»Früher wolltet Ihr das nicht! Aber man kann das schon machen.«
»Also mache es! Daß ich nicht geizig bin, weißt du!«
Er nickte ihr zu und ging allein weiter.
»Oho,« sagte er bei sich, »ich wäre ein Esel, wenn ich es mir so dumm
verderben würde wie Juro. Ich muß sehen, daß ich die Geschichte mit
Hanka und dem Alten wieder ins Geleise bringe.«
Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen, wenn alles so tot und
still ist draußen und dieselben Menschen immer zusammenhocken in
derselben niederen Stube? Zuletzt lachen sie wohl nicht mehr, reden
wohl nicht mehr, wissen sich nichts mehr zu sagen!
Sind sie nicht wie Gefangene? Weg und Steg verschneit, das liebe Brot
schmal, der Beutel leer, das Herz leer.
Dann sind wohl manche wie stumpfe Tiere, die mit der Kette an magerer
Krippe hängen, dumpf hinstarren vor sich in die grausige Langeweile.
Und die anderen, die die Sehnsucht kennen, wandern aus. Im fahlen
Schneelicht reist ihre Seele nach großen Städten, wo die prangenden
Theater sind, wo die schönsten Frauen der Erde in lichtstrahlenden
Sälen tanzen, oder nach den Ländern des Südens, wo jetzt die blauen
Schwalben fliegen über roten Blüten.
Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen? Im Unterland, wo die
Sprewja breit und vielfach verzweigt ist, ist jetzt lustige Zeit. Da
laufen selbst die alten Weiber auf Schlittschuhen, und jeder Bursch
fährt seine Liebste auf dem Schlitten. Die Unterländer sind lustig,
aber leichtsinnig; die ernsteren Oberländer haben das immer behauptet
und immer etwas auf die Spreewaldleute herabgesehen.
Doch auch sie wollen ihr Vergnügen, und auch in ihren stillen Stuben
stirbt das Lachen nicht in der langen einsamen Zeit. -- --
Der alte Kito steht im Hof und unterhält sich mit einem Sperling.
»Was, ~wrobel~[52], was sagst du? ›Lieber Kito, 'ne Ähre‹? Das sagst
du? Und was sangst du im Sommer? ›Dem Kito 'n Strick, dem Kito 'n
Strick!‹ Und was sangst du noch im Herbst: ›Korn ist Dreck, Korn ist
Dreck!‹ Wart, ~wrobel~, ich schmeiß dich tot!« Und er warf nach ihm mit
fünf Haferkörnchen.
Es ist doch gut, daß die Lieder sind und die alten Sagen und die alten
Bräuche. So schläft die Seele nicht ein. Und auch der Magen fühlt sich
wohl dabei. Am Sebastianstag muß auch der Ärmste sein Pfund Fleisch
essen, sonst wird das Vieh krank, muß geschlachtet werden, und es gibt
bald Fleisch in Fülle.
Dann kommt die lustige Faschingszeit. Welcher Spaß ist größer, wo
in der Welt wird herzlicher gelacht, als wenn in den Spinnstuben am
~cazowečor~[53] sich die Burschen und Mädel gegenseitig die Gesichter
mit Ruß schwärzen? Am Faschingsdienstag gar schallt der stille
Föhrenwald wider von jubelndem Lachen, wenn die Burschen »zampern«
gehen, alle als Weiber verkleidet, jeder mit einem großen Korb, in
dem er Speck und Eier einsammelt. Wer ein einziges Mal den alten Kito
in der Tracht eines jungen Mädchens gesehen hat mit dem gestickten
Busentüchlein und der großen Bänderhaube und dem bunt gestreiften
Rock, der vergißt es sein Lebtag nicht. Dieses Jahr ist er aber nicht
als junges Mädel, sondern als alte Wičaz gegangen, hat mit verklebten
Federspulen, in die er gelbe Sandstückchen getan hatte, die wie Wanzen
aussahen, überall Schrecken und Angst erregt, zumal er die Spulen den
Weibern in den Nacken steckte. Auch hat er Karten gelegt und unerhörte
Dinge geweissagt, so, daß auf den Sonntag der Montag treffen wird und
daß ein Dreierlicht auch dann noch einen Dreier kosten wird, wenn das
Wachs aufschlagen sollte. Die wirkliche Wičaz ist ihm nachgegangen, und
die beiden Wičaze, die echte und die unechte, sind sich in die Haare
geraten, und so ein schöner Spaß ist noch nie und nirgends dagewesen.
Oh, es lebt sich lustig und herrlich zur Winterzeit im Föhrenwald! Und
»am Ostermorgen tanzt die Sonne«.
Hanka hat mit ihren Spinnmädchen am Karfreitag draußen gestanden auf
dem freien Feld, sie sind feierlich im Kreise zusammengetreten und
haben gesungen: »~Nět daj moj Jezus dobru noc~«, »Nun gib, mein Jesus,
gute Nacht«, und als am Karsamstag Mitternacht vorbei war, haben die
Burschen in allen Dörfern geschossen; Hanka aber ist, noch ehe die
Sonne aufging, schweigend mit einem Krüglein zur stillen Spree gegangen
und hat Osterwasser geholt; das wird sie nun gesund erhalten das ganze
Jahr. Viele Mädchen und Frauen sind ihr begegnet, keine hat ein Wort
gesprochen.
Ja, am Ostermorgen tanzte die Sonne! Winter war aus, neues Leben kam in
die Heide.
* * * * *
Und auch der Sommer verging.
Hanka war zu ihren Eltern zurückgekehrt, als ihr Bräutigam Samo als
»~Pán doctor~« nach Hause gekommen war.
Mit gewaltigem Respekt betrachteten die Dorfleute den jungen Arzt.
Ja, es kam so weit, daß die Bäuerin Pösch, die die Rose bekam, allen
Ernstes daran dachte, sich den neuen Doktor rufen zu lassen, wenn sie
es zuletzt doch nicht vorgezogen hätte, sich lieber von der Wičaz
»besprechen« zu lassen.
Samo war nicht lange zu Hause geblieben, sondern wieder nach Prag
gefahren. Von dort war er erst nach Monatsfrist zurückgekehrt.
So ging der Sommer vorbei. Wieder spielte der junge Herbst mit
den gelben Blättern, die auf der Spree schwammen, wie mit kleinen
Schifflein. Ein Jahr und einen Tag war es nun her, seit Mariana, die
Frau des Scholta, gestorben war.
Da war die Trauerzeit zu Ende.
Und zwei Tage später war die Hochzeit Samos mit Hanka. Sie fand
in Hankas Heimatsort statt. Kito als Brautführer war schon einige
Wochen vorher daselbst eingetroffen, um alles vorzubereiten. Denn
der Bräutigam hatte ausdrücklich gewünscht, daß bei seiner Hochzeit
alles genau nach der Väter Sitte hergehe. Und alle Leute lobten den
Bräutigam, der, obwohl er ein ~Pán doctor~ war, sich nicht stolz von
ihnen und ihrer Art absonderte.
So erschien Samo in wendischer Bauerntracht, den kleinen Rautenkranz
auf dem Kopf, am Hochzeitsmorgen vor der Tür der Braut. Alle
Männer, die ihn begleiteten, trugen lange, buntbebänderte Stöcke.
Eine Musikbande war auch dabei. Ein Fiedler strich die ~husla~,
die dreisaitige wendische Geige; ein anderer Musikant entlockte
seiner ~tarakawa~ schreiende Oboetöne, die Hauptsache aber war der
Dudelsackpfeifer, dessen ~kozol~ mit einem mächtigen gehörnten
Ziegenbockkopf gekrönt war.
Kito, der ~družba~, klopfte an die verschlossene Tür des
Hochzeitshauses, begehrte Einlaß und verlangte die Braut heraus. Ein
altes Weib mit einem mächtigen Höcker wurde durch die Tür geschoben.
»Was, das soll die Braut sein?« schrie der ~družba~. »Ich schlag' ihr
den Buckel entzwei.«
Und er schlug mit seinem Stock auf den Buckel, der auch wirklich
zersprang, weil er aus einem untergebundenen Topf hergestellt war.
Nun wurde ein junges Mädchen durch die Tür geschoben. Aber auch jetzt
schrie Kito:
»Das ist nicht die Braut! Das ist nur die ~družka~[54]. Der
~zagolka~[55] soll sie bekommen.«
Endlich kam Hanka im Brautstaat. Sie war blasser als sonst, aber
sie lächelte. Mit großem Lärm wurde sie empfangen. Nun ging es ins
Haus hinein zum Frühstück. Der Bräutigam mußte sich von der Braut
fernhalten; nur der ~družba~ hatte das Recht, ihr Kavalier zu sein.
Kito strahlte vor Stolz und Freude. Und er sorgte für alles. Er
fragte die Mutter, ob sie der Tochter auch einen Taler in den Strumpf
gesteckt, ob sie ihr auch Salz in den Schuh geschüttet habe, damit der
Reichtum nicht ausbleibe, und ob sie auch nicht vergessen habe, ihr ein
Äpflein mitzugeben, damit der Kindersegen nicht fehle. Er wolle gewiß
drei Bissen Brotes unterwegs essen, damit die Ehe eine glückliche werde.
Alles war erfüllt. Alle Vorzeichen waren gut. Zunehmender Mond war, und
es war Dienstag, der beste Tag für eine Hochzeit.
Zur Trauung ging es zu Wagen, und wieder war Kito der Begleiter der
Braut. Kinder und große Leute standen am Wege, Zuckerwerk und kleine
Münzen wurden ausgestreut, und es war Jubel aller Enden.
Unterwegs geschah aber etwas, worüber sie alle erschraken. Eine
Kuhherde kreuzte den Weg. Der Brautwagen mußte anhalten. Das war kein
gutes Zeichen. Kito aß nun neunmal drei Bissen trockenes Brot, um den
Zauber abzulenken, und sagte nach dem siebenundzwanzigsten Bissen:
»Jetzt bin ich zwar satt, und das ist schade an einem solchen Tage,
zumal, wenn man sein Lebtag nicht immer an der Bratenpfanne gesessen
hat; aber nun wird doch alles gut gehen in der Ehe.«
Hanka nickte freundlich. Sie war sehr still in allen diesen Tagen und
ließ alles schweigend über sich ergehen.
Bei der Rückkehr aus der Kirche hielt der Wagen vor dem Tor. Die
Mutter kam aus dem Hof. Sie hielt einen neuen Topf mit Milch in
der Hand. Daraus tranken Bräutigam und Braut, und der ~družba~
zerschellte darauf den Topf an einem Stein. Nun ging die ganze
Hochzeitsgesellschaft in den Hof; der ~družba~ hielt eine Rede, in der
er wieder Abbitte leistete für alles etwa geschehene Unrecht, dann
setzte die Musik ein, und es wurde im Hofe getanzt.
Und dann wurde geschmaust und gegessen den ganzen Tag lang und in der
Schenke die ganze Nacht getanzt.
* * * * *
Es waren aber zu dieser Hochzeit Gäste von nah und fern gekommen,
Gäste, die nicht zur Verwandtschaft und nächsten Freundschaft gehörten,
sondern Ehren halber als Vertreter großer Gemeinden oder Bezirke vom
Kral eingeladen worden waren.
Einer von diesen Leuten traf bald nach dem Essen mit Hanzo im
Großgarten zusammen und sagte:
»Höre Kral, ich muß dir etwas sagen. Da wir nun zu diesem frohen und
schönen Feste so viele Dorfväter beisammen sind, so wollen wir etwas
besprechen und abmachen, was allen von uns sehr am Herzen liegt. Dein
Sohn Juro ist nicht hier, obwohl sein einziger Bruder Hochzeit hält.«
Hanzo errötete leicht.
»Juro ist auf einer Reise,« sagte er; »er ist jetzt in Italien.«
»Ja, und er ist vier Wochen vor der Hochzeit dorthin gereist. Aber das
geht uns nichts an. Etwas anderes müssen wir mit dir abmachen. Sieh,
Hanzo, du bist noch nicht alt, und Gott soll dir noch viele Jahre
schenken. Aber deine Frau war auch nicht alt und starb doch. ›Ihr
wisset weder den Ort noch die Stunde‹, sagt die Bibel. Wenn du nun
einmal den Tod finden wirst, müssen unsere Leute wissen, wer ihr Kral
ist. Und ihr Kral kann dann nur Pán Samo sein.«
Hanzo schwieg.
»Er hat heute«, fuhr der andere fort, »die Hanka geheiratet, das
einzige Mädchen, das noch aus der Familie des alten Kral ist. Er hält
zu uns, er beachtet unser Volk; er soll unser Kral sein.«
Hanzo entgegnete darauf:
»Der Erbsohn ist Juro, und er hat sein Recht nicht abgetreten und will
es auch nicht abtreten.«
»So müssen wir ihn absetzen, und zwar werden wir ihn heute absetzen.«
»Nicht heute«, wehrte Hanzo ab.
»Warum nicht heute? Heute ist der richtige Tag. Wann werden wir wieder
so viele beisammen sein, die da mitzureden haben?«
»Wir können uns am Martinimarkt in der Stadt treffen.«
»Wozu willst du den Aufschub?«
»Ich möchte es nicht hinterrücks tun. Ich will meinem Sohn Juro
schreiben, was ihr vorhabt; dann kann er sich verteidigen.«
Der andere sagte mit finsterer Miene:
»Er kann sich nicht verteidigen. Er hat offen und vielmal gesagt, daß
er kein Wende, daß er ein Deutscher ist; er hat sogar gesagt, er werde
den Kronenhügel aufgraben, um den Wenden zu zeigen, daß ihr Glaube
Dummheit ist, daß in dem Hügel keine Krone ist, sondern nur Erde und
Steine. Und das kann ihm nicht verziehen werden.«
»Er hat es doch nicht getan! Er scheut sich doch und weiß, es wäre ein
Verbrechen.«
»Aber er wird es tun«, sagte der andere. »Er hat es bestimmt gesagt.«
»Wissen viele Leute davon?« fragte Hanzo trostlos.
»Alle!« entgegnete der andere.
»Woher wissen sie es? Er schreit es doch nicht auf die Straße.«
»Das kann ich nicht sagen. Es ist in aller Mund. Und alle wissen, was
Juro gegen die Wenden gesagt und getan hat -- alle! Es ist alles gegen
ihn. Und es wird täglich schlimmer.«
Sie schwiegen beide. Dann fuhr der andere fort:
»Bezwinge dich, alter Hanzo! Es mag schwer sein, aber es muß sein!
Treten wir zusammen, die wir hier sind, und machen wir es aus. Einmal
muß es doch sein.«
»Heute nicht! -- ~Njok!~«
Mit diesem »~Njok!~«, diesem messerscharfen, endgültigen: »Ich will
nicht!« schnitt der Kral die Unterhaltung ab. Kein Widerspruch erfolgte
mehr.
War auch die Zeit längst vorbei, wo der Kral eine heimliche Kopfsteuer
erhielt, so war doch sein Einfluß so stark, sein Wille so mächtig, daß
alle anwesenden »Volksvertreter« sich dem »~Njok!~« Hanzos fügten und
die »Absetzung« Juros, sein Ausschluß von der Kralswürde, auf eine
große ~Gromada~ am Martinimarkt vertagt wurde.
* * * * *
Im Kretscham saß Samo auf der Bank und sah dem Tanz zu. Mit seiner
jungen Frau durfte er nicht tanzen. Auch mit den Brautjungfern durfte
er sich nur dann im Kreise drehen, wenn es der allmächtige ~Družba~
erlaubte. Der Bräutigam ist im Wendenland an seinem Hochzeitstag
rechtlos.
Es war Samo ganz lieb so. Am liebsten wäre er fortgegangen, hinaus in
die Nacht. Es war ihm eigen zumute. Wenn er Hanka ansah, die nun seine
Frau war, dann sagte er sich wohl, daß sie ihm gefalle. Von Liebe
wußte er nichts, hatte er nie etwas gewußt. Das war töricht Zeug für
Schwärmer und unreife Menschen, nichts für ihn.
In seiner Brust herrschte nur das eine: maßloser Ehrgeiz. König sein,
wenn auch ein heimlicher König, wenn auch nur ein König über ein
kleines, unterjochtes Volk! Aber im Glauben eines Volkes an erster
Stelle stehen! Der Mann sein, auf den auch die Slawen anderer Länder
mit ehrfürchtiger Scheu sahen, dem alte Leute die Hand küßten und für
den der gelehrte Krok die Krone Przemisls aus dem Tabernakel nahm!
Oh, das war etwas Großes, das zu erstreben sich lohnte! Und dann den
heimlichen, zähen Kampf führen mit dem Soldatenkönig in Berlin! Sich
äußerlich bescheiden und doch wissen: ich stehe auf Vorposten gegen
dich und bahne den slawischen Brüdern einen Weg vor die Mauern deiner
Stadt! Um das zu erreichen, nahm man alles, was Geschmack und Bildung
schwer genießbar machten, willig hin, ließ man sich von einem ~Družba~
tyrannisieren, trank man mit den Burschen ein Glas Branntwein ums
andere. -- --
* * * * *
Am selben Tage, da Samo und Hanka im Wendenlande Hochzeit hielten,
saß Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold auf dem Posilip bei
Neapel. Und er träumte hinüber zu den silbernen Städten Castellamare
und Sorrent und nach Capri und Ischia. Die schönste Inselflur der Welt
lag vor ihm. Weit hinaus dehnte sich das blaue Meer. Da war es ihm,
es geschähen Wunder vor seinen Augen, als seien Märchen zur Wahrheit
geworden, Träume in Erfüllung gegangen; Märchen und Träume, denen seine
junge Seele nachging, als er noch einsam im Wendenwald war.
Ja, hier war die Welt schön und darum groß und reich. Und war auch
das Volk ärmlich gekleidet, es war dennoch reich, denn es hatte immer
Herrlichkeiten leibhaftig vor Augen, von denen selbst Königspaläste nur
mit matten Bildern ihre Wände schmücken konnten.
Aber es geschah, daß die Seele des Wendensohnes beim Rauschen des
blauen Südmeeres und beim Duft der roten Mandelblüten das Heimweh
überkam nach den Sandwegen der Wendei, nach den Föhren an der stillen
Spree. Und das geschah, weil er nicht nur von der Heimat weg eine Reise
getan, sondern weil man ihn aus der Heimat verbannen wollte.
Das Menschenherz lenkt auch im glänzendsten Exil seine Sehnsucht nach
Hause. --
Seit Weihnachten hatte Juro mit seinem Vater mancherlei Briefe
gewechselt. Er war ihm aber dadurch nicht näher gekommen, nein, die
Kluft hatte sich noch vertieft. Schließlich hatte ihm der Vater sogar
gegen seinen Willen sein mütterliches Erbteil auszahlen lassen.
Das war der Bruch; damit sollte Juro völlig ausgeschlossen werden von
dem heimischen Hof.
Eine tiefe Bitternis war über Juro gekommen. Seine frohe,
selbstbewußte Art drohte in finsteren Trotz umzuschlagen. Er war oft
schweigsam und müde wie ein Kranker. Da kam Samos Hochzeit immer näher
heran. Samo lud den Bruder erst auf ausdrücklichen Befehl des Vaters
zu dem Fest; er tat es in der denkbar kältesten Form. Juro schlug
die Einladung aus, und um allen Peinlichkeiten zu entgehen, um sich
andererseits zu zerstreuen und wieder einmal Sonne in die Seele zu
bekommen, begab er sich mit seinem Freunde auf die Reise.
Oh, wohl war es schön in Florenz und Rom, wohl war es ein Genuß, mit
Heinrich, der seit Jahren Kunstgeschichte studiert hatte, durch die
Museen zu wandern, wohl war es herrlich hier am alten Posilip! Aber die
Bitterkeit wich nicht ganz aus Juros Herzen, und als einmal Musikanten
ein italienisches Volkslied sangen, sagte er:
»Wir haben ein ähnliches Lied; ich finde es sogar schöner.«
Und er sang dem Freunde leise das Lied vor -- in wendischer
Sprache. -- -- --
Nach zwei Monaten kehrten sie heim. Da fand Juro in seiner Breslauer
Wohnung einen Brief des Vaters vor. Der Vater machte ihm die
Mitteilung, daß die Vertreter der wendischen Gemeinden beschlossen
hätten, ihm die künftige Kralswürde abzusprechen auf Grund seines
feindlichen Verhaltens gegen das Wendentum und vor allen Dingen auf
Grund seines geäußerten Vorsatzes, den Kronenhügel aufzugraben und
das Nichtvorhandensein der alten Krone der Wenden nachzuweisen. Am
Martinitage mittags solle in dem und dem Lokal die Ausschließung Juros
von der Kralswürde erfolgen. Es sei Juro anheimgestellt, bei dieser
großen ~Gromada~ zu erscheinen und daselbst seine Sache zu führen,
wolle er aber klug handeln und seinem Vater einen Schmerz ersparen, so
solle er vorher durch freiwilligen schriftlichen Verzicht das traurige
Schauspiel unnötig machen.
»So wirf ihnen doch die ganze Geschichte hin«, sagte Heinrich, der
mitanwesend war und den Brief ebenfalls las. »Das ist doch alles
Humbug! Darum wirst du dir doch nicht das Leben verbittern!«
»Nein!« rief Juro, »nein! Ich gebe nicht nach!«
»Aber, Mensch, du siehst doch, daß du sowieso keinen Einfluß auf
die Wenden hast. Wozu also dieses trotzige Festhalten an dieser
phantastischen Würde? Bei denen wirst du nichts ausrichten, auch wenn
du der eingebildete zukünftige Kral bleibst.«
»Ich werde etwas ausrichten, denn ich bin nicht ohne Anhang. Die
Jungen, die einmal ins Land hinausgerochen haben, die sind denn doch
anders als die alten Nesthocker. An die Jungen muß ich mich wenden. Ich
werde jetzt wirklich den Kronenhügel aufgraben!«
»Das laß nur hübsch bleiben! Das könnte dir schlecht bekommen!«
»Mir kann nichts mehr schlechter bekommen als dieser Brief meines
Vaters. Vor allem aber weiche ich meinem Bruder Samo nicht, dessen Hand
ich hinter all diesen Machenschaften deutlich sehe. Die Wenden allein
wären viel zu schläfrig, viel zu indolent, um so vorzugehen. Es ist
einer, der hetzt und das alles leitet, und das ist Samo.«
»Das ist allerdings auch meine Ansicht. Tue also, was du nicht lassen
kannst!«
Ein niederes, aber sonst geräumiges Hinterzimmer in einem wendischen
Gasthof. Um einen ungedeckten Tisch sitzen zwölf Männer, darunter Hanzo
und Samo. Jeder hat ein Glas Wein vor sich stehen, das Hanzo bestellt
hat. Es herrscht bedrücktes Schweigen. Die Rathausuhr draußen schlägt
zwölf. Da tritt Juro ein.
»~Pomogaj Bóg wam!~« grüßt er. Er hat sich nach langem Überlegen zu dem
wendischen Gruß entschlossen.
»~Bóg žekuscho!~« kommt es bedrückt zurück.
Juro geht auf seinen Vater zu und streckt ihm die Hand hin, die dieser
langsam ergreift. Nun reichen auch die anderen Männer zögernd die Hand.
Seinen Bruder Samo übersieht Juro völlig.
»So wollen wir in Gottes Namen beginnen«, sagt der alte Hanzo mit
etwas zitternder Stimme. »Ihr habt mich zum Leiter dieser Versammlung
gewählt. Es ist Klage gegen Juro, meinen ältesten Sohn. Die Klage will
ich nicht selbst vorbringen, sondern das wird der Bur Klin tun.«
Der Bauer Klin war sonst ein Wichtigtuer und Maulheld. Heute aber
stotterte er und versprach sich oft, als er Juro, der für ihn der
gelehrte und gebildete Mann war, die Anklage ins Gesicht sagen
mußte. Aber er stammelte doch die Anklage heraus: Juro sei gegen
das Wendentum, er habe in diesen und diesen Fällen Wenden schwer
beleidigt, er habe die wendischen Gebräuche nicht nur selbst gemieden,
sondern auch gesagt, er wolle sie ausrotten, er habe die wendische
Sprache geschmäht, er habe öffentlich erklärt, er wolle alle Wenden
zu Deutschen machen; endlich, er wolle sich am heiligen Kronenhügel
vergreifen und nachweisen, daß es überhaupt keine wendische Krone
gebe. Darum sei das Volk eines Sinnes, daß ein solcher Mann nicht der
zukünftige Kral sein könne.
»Hat noch jemand der Anklage was hinzuzufügen?« fragte Hanzo.
»Ja«, rief Samo. »Die Hauptsache ist, daß er sich im Wendenland
festsetzen und den Einfluß, den er als erstgeborener Sohn des Kral hat,
dazu mißbrauchen will, unser Kraltum zu vernichten und die Wenden den
Deutschen auszuliefern.«
Nun bekam Juro das Wort.
»Ich möchte zuerst fragen: Ist mein Bruder Samo ansässiger Bürger oder
Bauer der Wendei, hat er in einer Gemeinde bereits Sitz und Stimme?«
»Nein!«
»Also gehört er nicht hierher, und ich bitte, ihn von dieser
Versammlung, in der er nichts zu suchen hat, auszuschließen.«
Es ging ein Tumult los. Es wurde durcheinandergeredet. Der Erfolg war,
daß Samo bleiben durfte.
»Gut,« sagte Juro, »so bleibt er gegen alles Recht. Ich werde annehmen,
daß auf seinem Platze eine Säule nicht ganz reiner Luft sei!«
Samo sprang auf, es gab neuen Tumult; Hanzo verwies Juro die getane
Beleidigung aufs strengste und forderte ihn auf, sich zu der Klage, die
der Bauer Klin im Namen aller hier vorgebracht habe, zu äußern.
Da überkam Juro seine Spottlust.
»Pán Klin,« begann er, »Ihr habt eine gewaltige Rede gegen mich
geführt, und deshalb sage ich: Ihr müßt in den Landtag gewählt werden.«
Hanzo stand auf. Seine Augen funkelten zornig.
»Juro, es ist höchst unangebracht, hier zu spotten; es ist uns heiliger
Ernst!«
»Es ist mir auch Ernst«, erwiderte Juro. »Um aber noch einmal auf den
Landtag zu kommen; warum habt ihr Wenden keinen Vertreter dort, warum
seid ihr politisch so rechtlos? Warum habt ihr nicht einmal versucht,
eure Stimme zu erheben? Weil ihr rückständig seid, weil ihr eure Zeit
verträumt und selbst nicht so viele Rechte in Anspruch zu nehmen wagt
wie alle anderen Kinder des Staates.«
Unwilliges Murren.
»Wenn ihr auch murrt, die Wahrheit muß ich euch sagen. Und wie ihr
keinen wendischen Abgeordneten habt, so habt ihr auch keinen wendischen
Arzt ...«
»Samo!« schrien sie. »Samo!« Juro zuckte die Achseln.
»Habt ihr keinen wendischen Arzt,« wiederholte er, »keinen Advokaten,
keine Gelehrten, kein großes Kaufhaus, kein Theater oder sonstiges
Kunstinstitut. Warum seid ihr so arm? Oh, nicht ihr, die ihr hier seid!
Ich weiß, jeder von euch ist ein Bur und hat soundsoviel Hufen Landes.
Aber die Mehrzahl, warum ist sie so bettelarm? Warum wohnen so viele
in windschiefen Hütten, essen so schmales Brot, haben so wenig Freude?
Weil ihr Wenden seid! Wäret ihr Deutsche, es ginge euch allen zehnmal
besser!«
»So haben uns die Deutschen unterdrückt!« sagte einer.
»Das ist nicht wahr! Die Deutschen haben stets in Frieden mit euch
gelebt und ihr mit ihnen, bis eine gewissenlose Hetze eingesetzt
hat. Ich frage euch, was wollt ihr eigentlich? Ewig sitzen bleiben
auf euren paar Dörfern, da man eure Sprache schon in Bautzen oder in
Kottbus nicht mehr richtig versteht? Da in den Hauptstädten der Länder,
zu denen ihr gehört, in Berlin und Dresden, die meisten Leute nicht
einmal recht wissen, was ein Wende ist, geschweige, daß sie je ein
wendisches Wort gehört hätten?! Könnt ihr paar Leute heutzutage noch
daran denken, einen eigenen Staat zu bilden? Seht ihr nicht ein, daß
das lächerlich ist? Ein Staat, wo ihr nicht einmal einen Abgeordneten
zustande bringt? Aber freilich, ich kenne Leute, die hinüberschielen
zu den Tschechen. Nicht ihr! Ihr habt euch euer Leben lang nicht um
die Tschechen gekümmert, trotz aller Versuche, die von dort gemacht
worden sind. Die Tschechen waren euch hundsegal; es gibt sogar viele,
die dem wendischen Schmied Stosch recht geben, der den Buchdrucker
Schmaler für einen Todsünder erklärt, weil er in eure Gesangbücher die
tschechische Schreibweise eingeführt hat. Ihr seid von Kindheit an
brave, zuverlässige Preußen oder Sachsen gewesen, und so wie ihr waren
es eure Väter und Urväter. Ist das so?«
»Ja, das ist so!«
»Nun denn, wenn ihr gute Preußen oder gute Sachsen seid, warum wollt
ihr es nicht auch äußerlich sein in Kleidung und Sitte, hauptsächlich
aber in der Sprache, damit auch ihr mit euren Kindern besser fortkommt
in der Welt? Und wenn euch jemand zur Vernunft, zum eigenen Nutzen rät,
sagt an, ist er nicht in Wahrheit euer Freund?«
Ein alter Bauer stand auf.
»Ich bin ein guter Preuße, und mein Vater und Großvater waren gute
Preußen. Aber wir waren auch gute Wenden. Und dabei soll es bleiben.«
Juro wurde wieder erregt.
»Das ist die alte -- die alte -- ich will es nicht aussprechen. Niemand
kann zweien Herren dienen! Das wißt ihr schon aus der Bibel! Man soll
nur eines sein und das eine ganz! Alles andere ist Zwiespältigkeit
oder schlimmer: Hinterhältigkeit. Ja, ich glaube, daß der Staat nichts
verliert, wenn er euch euer Wendentum läßt. Er nicht! Er, der Staat,
hat eine fleißige, genügsame, ruhige Bevölkerung in einer Gegend,
wo sonst nicht viel zu holen ist. Oh, der Staat ist zufrieden! Darum
auch nicht die Spur von Unterdrückung, darum das Eingehen auf eure,
ach so bescheidenen Wünsche. Ihr seid ja schon selig, wenn euch das
Dresdener Kabinett einmal eine Verfügung in wendischer Sprache schickt.
Der Staat fährt gut dabei; aber ihr fahrt schlecht, weil ihr nicht die
gleichen Aussichten, nicht die gleichen Möglichkeiten habt wie die
anderen. Nehmt mich zum Beispiel! Ich bin wendischer Geburt. Als ich
auf die Schule kam, ist es mir viel schwerer geworden fortzukommen als
den deutschen Mitschülern, weil ich das mühsam erst lernen mußte, was
diese schon mitbrachten. Solcher Beispiele gibt es Tausende. Denkt an
jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden, ja sogar jeden Rekruten. Die
Sprache, die sonst allen eine Helferin ist, ist uns ein Hemmnis!«
»Und das ist,« rief Samo erregt dazwischen, »weil wir in einem fremden
Lande wohnen. Gehörten wir zu den Tschechen, so verstände eure Sprache
jedermann. Deutschland ist nicht unser Land; wir sind Slawen und
gehören zu den Slawen!«
»Ich will nicht von Hochverrat reden,« sagte Juro, »der euch
vereidigten Ortsvorstehern ja ganz fern liegt; ich bin auch weder
Aufpasser noch Denunziant; ich will nur die ungeheure Dummheit der
Tschechenillusion beleuchten. Hier hängt zu meiner Freude eine Karte
von Europa an der Wand. Nun seht einmal her! Dieses kleine Fleckchen
ist also Böhmen. Darin wohnen Tschechen, d. h. nur zur reichlichen
Hälfte Tschechen. Die anderen sind deutsch. Nähmen wir nun wirklich zu
dem kleinen Fleckchen auch Mähren hinzu, das noch weniger Tschechen hat
als Böhmen, und ein bißchen slowakisches Hinterland -- was käm' heraus?
Ein Weltstaat, nicht wahr?! Eine kolossale Macht?! Nein, ich sage
euch, es wäre ein Kleinstaat mehr, noch dazu sprachlich und national
zersetzt, ein Staat, der für sich gar nichts bedeutete, der im Norden,
Westen und Süden von Deutschen umklammert wäre, im Osten die Polen
hätte, mit denen sich die Tschechen mäßig, und die Ungarn, mit denen
sie sich gar nicht vertragen. So könnte aus dem Ganzen nichts anderes
werden als ein russischer Vasallenstaat, eine russische Provinz, und
da wir wieder nur ein Provinzchen dieser Provinz sein könnten, so
wären wir die Aftermieter der Aftermieter, und der Hausherr säße in
Petersburg. Wir danken für eine solche Ehre! Wir wollen lieber deutsche
Einwohner des großen deutschen Landes sein!«
Nun stand Samo auf.
»Des großen deutschen Landes,« lachte er höhnisch; »wo gibt es ein
großes deutsches Land? Wo gibt es etwas Zersplitterteres, etwas
Uneinigeres als dieses deutsche Land, wo gibt es etwas Lächerlicheres
als diese »Frankfurter«? Wohin deine Sprache weist, da steht dein
Vaterhaus, da ist deine Heimat, da ist dein Vaterland!«
Der Streit hatte sich zu einem Wortgefecht zwischen Juro und Samo
ausgewachsen, das über die Köpfe der Bauern wegbrauste. Die meisten
saßen mit verdrossenen Gesichtern gelangweilt da. Das bemerkte Samo
eher als Juro; darum spielte er einen guten Trumpf aus:
»Wollt ihr jetzt zum deutschen Händler gehen, eure schöne Volkstracht
einhandeln gegen einen schäbigen deutschen Anzug, sollen eure Frauen
und Töchter nicht mehr ihre herrlichen Wendenkleider tragen dürfen,
sollen die Spinnstube, die Kirmes, das Osterreiten aufhören, soll
euer alter wendischer Gruß verboten sein, sollen eure wendischen
Gesangbücher verbrannt, soll ...«
Er wurde unterbrochen.
»Nein, nein, nein! Wir sind Wenden! Wir bleiben Wenden!« schrie es
durcheinander. Alle Schläfrigkeit war vorüber.
»Wir bleiben Wenden!« rief ein alter Bauer zitternd.
»Und -- und wer sich der wendischen Tracht und der wendischen Sprache
schämt, der soll -- der soll gehen ...«
Alle stimmten ihm zu. Juro sah, wie alle seine Behauptungen und deren
Beweise vor alter Gewöhnung in nichts zerflossen.
»Nun, so ist euch nicht zu helfen«, sagte er. »Die Kultur wird
weitergehen auch gegen diese ~Gromada~, und die Betrogenen seid allein
ihr!«
»Und -- unsere alte Krone?« fragte ein Bauer.
Alle sahen gespannt auf Juro.
»Das Kraltum ist eine Sage,« sagte er ausweichend, »eine Sage, die sich
jahrhundertelang erhalten hat, von der sogar hohenzollersche Fürsten
gewußt haben, die aber durch nichts und in nichts anderem begründet ist
als in der Einbildung unseres Volkes.«
Der alte Hanzo sprang auf.
»Du -- du -- du ...«
Die Stimme brach ihm.
»So stellst du mich -- mich -- als einen Lügner, als einen
Theaterspieler hin -- vor diesen -- diesen Leuten ...«
»Gott behüte mich -- nein! Wahr spricht, der das spricht, was er
glaubt!«
»Und du glaubst nicht, daß ich der Kral bin?«
»Ich weiß es nicht!«
Alle standen auf, ein großer Lärm entstand, Gläser wurden umgeworfen,
einzelne Männer liefen gestikulierend in der Stube herum, alle sahen
voll Abscheu auf Juro.
»Und -- unsere alte Krone?« fragte nun Hanzo. »Jetzt weichst du nicht
aus -- jetzt frage ich dich: Unsere alte Krone?«
»Existiert nicht!«
»Der Kronenhügel ...«
»Ist leer!«
»Hast du -- hast du nachgegraben ...«
»Nein! Aber wenn ich es täte, würde ich nichts finden als Steine und
Erde!«
»Gottloser Mensch du!«
Hanzo sank auf seinen Stuhl zurück, unfähig, weiterzusprechen.
Da sprang der älteste der anwesenden Männer auf wie ein Jüngling und
rief:
»Er wird es nie wagen, an den Kronenhügel zu rühren.«
Juro warf trotzig den Kopf zurück.
»Ich werde es wagen! Ich werde es nun bestimmt tun. Ich werde beweisen,
daß ich recht habe!«
»Hinaus mit ihm! Das ist eine Gemeinheit! Hinaus!«
Sie drangen auf Juro ein.
Der wehrte sie ab.
»Ihr habt hier kein Gastrecht«, schrie er sie an. »Wehe dem, der mich
anrührt!«
Da wichen sie zurück. Der alte Wende aber sprach:
»Wie es in der Bibel steht, so frage ich jetzt: Was haben wir noch
Zeugen nötig?«
»Jawohl,« rief Juro, »so könnt ihr fragen. Die in der Bibel so
fragten, waren die Pharisäer, und die Frage geschah vor dem elendesten
Gerichtshof der Welt. Die paßt hierher!«
Der Alte beachtete das nicht. Er sprach mit erhobener Stimme, indem er
auf Juro mit dem Finger zeigte:
»Wer mit mir der Meinung ist, daß dieser da mit den Wenden nichts mehr
zu tun hat und nicht unser künftiger Kral sein kann, der stehe auf!«
Alle erhoben sich.
»So ist er für immer und ewig von uns abgesetzt!«
Juro lachte laut auf.
»Setzt mich doch ab, soviel ihr wollt! Ihr habt gar kein Recht dazu.
Wer gibt euch dieses Recht? Von wem habt ihr's? Von euch selbst oder
von jenem Schleicher da, der euch aufgehetzt hat?«
Es entstand ein solcher Skandal, daß Juros Worte untergingen.
Schließlich hatte er zu tun, einige tätlich auf ihn Eindringende
abzuwehren. Er nahm seinen Hut. An der Tür rief er noch:
»Wenn zwölf über einen herfallen, wird wohl der eine gehen müssen. Aber
das sage ich euch: ich bin und bleibe der zukünftige Kral, der euch
beweisen wird, daß es keinen Kral gibt!«
Es war tiefe Nacht. Nur selten brach ein Mondstrahl durch das dichte
schwarze Gewölk. Es war so still im Föhrenwald, daß man das leise
Murmeln der Spree hören konnte.
In der Nähe des »Kronenhügels« hockten zwei Männer.
»Bis es Morgen ist,« sagte der eine, »bin ich tot vor Angst.«
»Du hast doch eine Axt.«
»Was nutzt mir die Axt, Kito, wenn der Nachtjäger kommt? Ich sage dir,
Morkusky nimmt mir die Axt und spaltet mir den Kopf. Und ich hab' einen
sehr schwachen Kopf!«
»Man soll einen Schneider nicht zum Wächter machen«, sagte Kito.
»Du hast leicht reden, Kito; du bist ein Junggeselle, und ich habe
sieben Kinder.«
»Warum zogst du mit auf die Wache?« fragte der alte Knecht.
»Was soll ich machen -- wenn sie's doch verlangten? Sie sind doch alle
meine Kunden, von denen ich leben muß. Und eine Nacht kommt jeder
daran.«
»Ja, solange noch der Juro drüben sitzt beim Withold, muß hier gewacht
werden.«
»Er ist ein gottloser, schrecklicher Mensch! Wenn er es nun wirklich
tut? Der alte Kral wird aus seinem Grabe aufstehen und ihn mit seinem
Schlangenschwert erstechen. Der alte Kral hat hier die silberne Krone
selbst vergraben vor der Wendenschlacht.«
»Ja,« sagte Kito traurig, »und nur eine Jungfrau mit silberner Schaufel
soll sie heben, und dann wird das Wendenvolk stark sein.«
Er schüttelte schmerzlich den weißen Kopf.
»Er war so ein guter Junge, immer aufrichtig, nie hat er gelogen, auch
immer freundlich, gut zu Mensch und Tier. Und nun -- und nun ...«
Er preßte eine Hand über die Augen. Kito hatte viel Kummer auf seine
alten Tage. Die gute Frau tot, der Herr blaß und schweigsam, Hanka gar
nicht die fröhliche, glückliche Frau, wie er es gedacht und gewünscht
hatte, selbst Samo ein wunderlicher Mann. Er lief so viel in den
Städten und auf den Dörfern herum, saß so viel bei den Männern in der
Schenke, war schon vierzehn Tage nach seiner Hochzeit wieder nach Prag
gefahren. Was wollte er immer in Prag?
»Bis morgen früh bin ich tot vor Angst«, begann der Schneider wieder.
»Horch -- horch -- hörst du's rascheln?«
»Ich höre nichts.«
»O Kito, wenn du allein wachtest! Wenn du mich nach Hause gehen
ließest! Ich würde dir auch gern meine Axt hier lassen.«
»Ich brauche keine Axt. Aber wenn du willst, geh nach Haus. Hier
nützest du doch nichts.«
»Wirst du es auch niemand verraten?«
»Nein!«
»O Kito, ich mache dir deine neue Weste ganz umsonst.« Und fort war er.
Nun Kito ganz allein war, überkam auch ihn Furcht und Grauen. Die Nacht
war so unheimlich still, so unheimlich dunkel. Und alle alten Sagen und
bösen Geschichten wurden lebendig im Herzen des Alten.
Da hörte er ein Geräusch. Hatte er sich getäuscht? Da war wieder das
Geräusch. Jetzt hörte er Tritte, deutliche Tritte. Kito lehnte sich an
einen Baum. Eiskalter Schweiß rann ihm von der Stirn. Mühsam hielt er
sich aufrecht.
Da -- eine dunkle Gestalt, noch eine, noch eine. Drei oder vier.
Kito fing laut an zu ächzen.
»Ist hier jemand?« fragte eine Stimme. Es war die Stimme Juros.
»Da ist ein Mann. Kito -- Kito -- bist du es?«
»Pán Juro!«
Der Alte wimmerte.
»Was wimmerst du? Fürchte dich nicht! Hier ist nichts zu fürchten. Wir
tun dir nichts. Was machst du hier?«
»Ich -- ich soll -- soll bei dem Kronenhügel wachen.«
»Wer hat es dir befohlen?«
»Die ~Gromada~.«
»Aah!«
Juro lachte leise.
»Höre, Kito, ich bin mit diesen drei Männern gekommen, den Kronenhügel
aufzugraben.«
»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«
Der Alte lag vor ihm auf den Knien.
»Steh auf, Kito, ich kann das nicht sehen! Deine Bitten nützen nichts.
Sieh, das sind drei wendische Männer, Ehrenmänner, die haben sich
in der Welt umgesehen, und die werden nun Zeugen sein, daß in dem
Kronenhügel nichts ist als Erde, Sand und Stein. Und so werden die
Wenden von einem alten Aberglauben erlöst werden.«
»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«
»Hör auf zu bitten; ich sagte dir schon, es nützt nichts. Oder willst
du ins Dorf gehen und Skandal schlagen?«
»Ich müßte es eigentlich tun; es wäre meine Pflicht. Aber, ich kann ja
nicht, ich kann ja nicht; die Bauern kämen und schlügen Pán Juro tot.«
»So stelle dich beiseite und warte! In weniger als einer Stunde wirst
du sehen, daß ich recht habe, und dann werden alle Wenden es sehen. Du
bist mir der willkommenste Zeuge.«
»Tut es nicht, Pán Juro; es geschieht ein Unglück!«
Juro schob den Alten beiseite. Er winkte den drei Männern. Jeder hatte
Spaten und Hacke. Auch Juro trug diese Werkzeuge.
»Ans Werk!«
Die drei Wenden zögerten. Da sah Juro sie lächelnd an. Dann sagte er:
»Nun wohl, ich werde die ersten dreißig Spatenstiche selbst tun, und
wenn ihr seht, daß kein Morkusky und kein Kral sich einmischt, wird
euch der Mut schon kommen.«
»Tut es nicht, Pán Juro!«
Kito warf sich auf den kleinen Hügel.
»Nehmt den Alten weg!« befahl Juro. Die drei Männer zogen Kito empor
und führten ihn abseits.
Einen Augenblick später tat Juro den ersten Spatenstich in den heiligen
Kronenhügel.
Weinend kniete Kito beiseite mit gefalteten Händen, die er zum Himmel
hob. Die drei Männer schauten mit ernsten Gesichtern zu. Juro grub und
grub. Da kam erst einer der Männer und half ihm graben, und dann halfen
alle drei. Der Mond brach durch die Wolken, es wurde ganz hell, und man
hörte nichts als das schwere Atmen der Arbeitenden, das leise Wimmern
Kitos.