Und er wies auf die Schrift über dem Altar: »Pán Krystus!«

»Herr Krystus, mächtigster Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis

zum letzten Tage!«

»Das ist das Wort vom Karlstein,« sagte Krok, »das Wort, das über

meiner Wohnung und über meinem ganzen Leben schwebt.«

Und Tränen rannen in seinen grauen Bart.

Scheu gingen die Jünglinge die Wände entlang, betrachteten die Bilder.

Der Alte schritt zum Altar, kniete nieder und preßte die Hände vors

Gesicht, wie zu inbrünstigem Gebet. Auch Bohuslaw kniete nieder. Samo

stand mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf.

Da stieg der alte Krok die Stufen des Altars hinauf und öffnete den

Tabernakel. -- --

In dem Tabernakel lag auf einem seidenen Kissen eine alte silberne

Krone ...

Und Krok wandte sich mit der Krone um. Mit bewegter, tränenerstickter

Stimme sagte er:

»Seht da, das Kleinod! Das ist die silberne Krone Przemisls ~I.~, des

Königs vom Pflug. Das ist die Urväterkrone unseres böhmischen Volkes!«

Die Hände des Alten zitterten so, daß er die Krone auf den Altar

niederlegen mußte. Langsam beruhigte er sich:

»Zweifelt nicht an der Krone! Sie ist die echte, heilige Krone

Przemisls! Ehrwürdige Urkunden ehrwürdiger Männer bestätigen sie bis in

die älteste Zeit.«

Bohuslaw trat einige Schritte näher. Samo stand regungslos wie eine

Statue.

Da rief ihm der alte Krok zu:

»Pán Samo, kommt an den Altar.«

Mit schweren Schritten gehorchte ihm Samo.

»Pán Samo, zukünftiger Kral der Lausitzer Sorben, ich begrüße Euch an

dieser heiligen Stätte. Bin ich auch kein geweihter Diener Gottes, so

habe ich doch die Weihe einer Familie, die von der Vorsehung ausersehen

war, durch Jahrhunderte dieses Heiligtum zu hüten und zu hegen. Samo,

ich setze Euch diese Krone aufs Haupt, nicht daß ich Euch zum König

von Böhmen kröne, sondern als ein Unterpfand Eurer eigenen zukünftigen

Würde.«

Und Krok setzte Samo die Krone aufs Haupt. Das alte Silber berührte

kühl die heiße Stirn des Mannes. Ein paar Herzschläge lang stand Samo

so im königlichen Schmuck; dann ergriff er die Krone, küßte sie, legte

sie auf den Altar und ging eilends aus der Kapelle.

Krok und Bohuslaw fanden ihn bald darauf im vordersten Zimmer

fassungslos in einem Lehnstuhl sitzen.

»Pán Samo,« sagte Krok, »nicht umsonst weihte ich Euch in das größte

Geheimnis meines Lebens ein. Alles hat einen Sinn, und alles geht

darauf hin, unserem Slawentum zu dienen. Pán Samo, vergeßt dieses

nicht: Symbole sind nötig; Gedanken, vom Symbol losgelöst, verfliegen

im Wind. Kommt noch einmal allein zu mir, ehe Ihr abreiset; ich habe

Euch etwas zu sagen, das mir in dieser Nacht eingefallen ist.«

Spätherbst droben im Wendenlande.

Die letzten Sommerfäden nahm der Wind; der letzte Singvogel zog fort.

Irgendwo in der Welt gibt es sonnige, glänzende Fluren, irgendwo gibt

es laute, große Städte.

Das muß weit von hier sein. Denn hier wohnt die graue Einsamkeit. Spät

dämmert der müde Tag, früh geht er zur Rüste. Oft liegt der Waldweg die

ganze Woche einsam. Kein Wanderer kommt daher.

Und doch wäre es ein Weg, wo einer den Frieden suchen könnte, wo müde

Augen ruhen und wilde Herzen stille werden könnten.

Hier wandeln in den tiefen Wäldern, wie im Traum hinhören auf die

knisternden Sagen der Föhren, am alten Heidenhügel früherer Zeit

nachdenken, an die Lutchen denken, die Zwergmännlein, die jetzt selbst

zur Mittagszeit die Zipfelkappe fest über die dicken Köpfe ziehen und

bei sinkender Sonne fröstelnd in ihr warmes Haus flüchten tief unter

der Erde! O ja, das täte den klugen, unglücklichen Menschen draußen gut!

Nur wer eine wehe Reue im Herzen trägt, dürfte hierher nicht kommen;

die Smjertniza könnte ihm begegnen. --

Drunten im Spreewald führte ein junger Bursch zur Abendzeit seinen Kahn

heim. Ihm gegenüber saß seine einzige Schwester. Sie war von großer

Schönheit; aber nun war sie traurig und blaß und sah immer ins Wasser

hinein, in dem die letzten bunten Blätter des Waldes schwammen.

Da fing der Bursche an zu singen:

»~Sla je holčka po wodu ...~«

Das Mädchen sah den Bruder bittend an, er möge schweigen; aber er sang

das Lied:

»Gingen nach Wasser drei Mägdelein

In den weißen See hinein ...

Die erste schöpfte die Kanne ein

Und verlor ihr Ringelein.

Mädchen an zu weinen fing --

Ihr Liebster kauft einen neuen Ring.

Die zweite schöpfte die Kanne ein,

Verlor ihr seiden Tüchelein.

Das Mädchen weinte und klagte genug --

Doch ihr Liebster kauft ein neues Tuch.

Die dritte schöpfte die Kanne ein,

Verlor ihr Rautenkränzelein;

Das Mädchen wollte vor Jammer vergehn --

Ihr Liebster ließ sie am Wasser stehn.«

Der Bursche schaute finster auf den Boden des Kahnes, das Mädchen saß

gebrochen vor ihm und hatte die Hände vor dem Gesicht.

Die Abendglocke läutet. Oh, der Küster weiß nicht, daß der Bursch auf

den Kirchturm geschlichen ist und in die Glocke den Namen des Mannes,

der seiner Schwester Glück und Ehre nahm, geschrieben hat, dort, wo

der Klöpfel anschlägt. Nun geht mit jedem Glockenschlag der Name des

Schelmen über alles Land und hinauf zum Himmel, und wenn Liza stirbt

und die Glocke läutet, dann wird durch ihr Wimmern der Name des

Verführers an Gottes Ohr klingen.

* * * * *

Nicht überall ist es zur Herbstzeit so trüb im Wendenlande.

Droben im Oberland der alte Weber Domasch ist ein friedlicher Mann.

Vor seinem Häuschen steht ein wilder Apfelbaum, der einzige Baum, den

er besitzt. Domasch läßt die Holzäpfel immer bis tief in den November

hängen. Dann verlieren sie zwar etwas an Saft, sagt er, aber sie werden

mürber und lassen sich besser beißen. Nun ist er mit seinem Weibe auf

den Apfelbaum gekrochen. Die beiden Alten hocken sich auf zwei Ästen

gegenüber.

»Eine schöne Ernte!« lächelt der Weber.

»Eine Gottesernte!« sagt das Weiblein.

»Wenn's nur der Küster nicht zu kurz macht, daß wir sie gut

herunterkriegen. Siehst du, Mutter, weil wir unsere Äpfel nur immer

beim Abendläuten geschüttelt haben, deshalb hat uns auch Gott alle

Jahre so reichlich beschert.«

»Ja, so ist es!« sagt die Frau.

Nun beginnt die Glocke zu läuten, und nun fangen die beiden an zu

schütteln. Die verrunzelten kleinen Äpflein prasseln zur Erde; die

beiden verrunzelten Alten schütteln, so viel sie können. Denn der

Küster läutet gewöhnlich nicht lange, und wenn der letzte Ton verhallt,

muß die Arbeit beendet sein. Deshalb herrscht eine ganz bestimmte

Strategie, eine genaue Einteilung; jedes von den zweien weiß, welche

Äste es zu schütteln hat.

Oh, wie das prasselt! Hastig steigen Mann und Frau von einem Ast zum

andern und schütteln mit ihren dünnen Armen. Endlich sagt der Alte:

»Hör auf, Mutter, für die Eichhörnchen muß auch noch was drauf bleiben;

der Mensch soll nicht genußsüchtig sein und nicht alles für sich haben

wollen.«

Und sie klettern die Äste und die kurze Leiter hinab. Noch immer tönt

die Glocke.

»Der Küster macht's aber heute lang«, sagt die Frau.

»Ja,« lächelt der Mann schlau, »das weißt du gar nicht: Ich hab' ihm

heut früh gesagt, daß ich Äpfel schütteln will, und hab' ihn einmal

schnupfen lassen.«

Darauf lesen die beiden glücklich ihren sauren, armen Herbstsegen

zusammen, aber in ihrer goldenen Zufriedenheit finden sie ihn süß und

reich.

»Es hat schon zu Abend geläutet«, sagte der alte Knecht Kito, als er zu

Hanka in die Stube trat.

Das Mädchen, das ganz allein war, saß am Tisch bei der Lampe und war

mit einer Näharbeit beschäftigt.

»Ja, Kito, ich habe es gehört, wenn wir auch schon die Doppelfenster

haben.«

»Es ist erst fünf, es wird jetzt zeitig Abend.«

»Ja, bis zur ~pšaza~[35] sind noch zwei Stunden Zeit. Füttern die Mägde

schon?«

»Sie haben angefangen. Deine Spinnstube ist gut, Hanka. Du bist die

einzige Kantorka hier, die keine schlechten Lieder duldet.«

Das Mädchen errötete.

»Ich mag solche Lieder nicht leiden; ich habe sie auch zu Hause nicht

zugegeben.«

Der Alte nickte.

»Ja, es geschieht an den Spinnabenden mancherlei. Voriges Jahr sind

drei Mädchen aus unserem Dorf unglücklich geworden. Eine hat noch

geheiratet, die anderen ...«

Er machte eine bedauernde Handbewegung.

»Wie ich noch jung war,« fuhr er fort, »da hab' ich auch solche

Schelmenlieder gesungen. O ja -- was für welche! Wenn man dann alt ist,

gefällt einem das nicht mehr. Aber du bist noch jung, Hanka, jung und

hübsch!«

»Was soll das bedeuten?« sagte Hanka und sah verwundert auf. Der

Alte stand auf, redete hin und her, dies und das, von der Wirtschaft

allerlei.

»Du hast etwas auf dem Herzen, du willst etwas«, sagte Hanka.

Kito wandte sich ab und stopfte seine Tabakspfeife. Endlich setzte er

sich wieder. Aber er richtete die Augen starr auf die Tischplatte.

»Hanka, du kennst die Bibel. Du weißt, daß Abraham seinen Knecht

Elieser ausgesandt hat, um für seinen Sohn Isaak eine Frau zu suchen.

Elieser war nur ein Knecht, aber er bekam doch dieses wichtige Amt.«

»Wo soll das hinaus?«

Kito zündete sich aufs neue seine Pfeife an, stand wieder auf und

spuckte dreimal hinter den Ofen, ehe er weitere Worte fand.

»Ich sagte dir, Hanka, daß ich auch einmal jung war. Ich habe bei der

~kremuša~[36] drei Tage lang gegessen und getrunken und drei Nächte

lang mit den Mädeln getanzt. Ja, das habe ich! Ich hab' bei der

›verheirateten Männerkirmes‹ als lediger Bursch auf einem fremden Dorf

getanzt, und es ist nicht herausgekommen. Jawohl, das war ich! Ich war

der Anführer der ›Wurstbrüder‹, und wehe dem Bauern oder der Schenke,

wo wir nicht unseren Speck bekommen hätten, wenn wir ankamen! Jawohl,

das war ich! Und weißt du, wer ich noch war? Der Jan beim Johannisfest

war ich! Der tollste Reiter! Bei den Husaren habe ich gedient, und

wenn ich der Jan war, da hatte ich aus Birkenrinde eine Larve[37]

vorm Gesicht und den ganzen Buckel voll Blumengirlanden -- ei ja,

schön war ich! Über und über Blumen, bis zum Hute! Und dann aufs beste

Pferd! Ohne Sattel und ohne Zaum! Wie der wilde Reiter durchs Dorf!

Beim letzten Hause hat sich das ganze Dorf aufgestellt. Sie machen

eine Kette. Sie woll'n mich aufhalten. Ich aber wie der Blitz durch

die Kette! Sie schreien, sie laufen. Ich kehre blitzschnell um. Vom

Pferd runter. Alle Weiber fall'n über mich her. Jede will 'ne Blume.

Die verheirateten, daß sie starke Kinder kriegen, die ledigen, daß

sie 'n Mann kriegen. Und ich immer rechts und links mit beiden Armen

und Händen das ganze Weibsvolk abgestreift. Und hinauf auf die Linde

geklettert bis zum obersten Aste. Und von oben eine Predigt gehalten.

Dunderwetter, eine Predigt gehalten! Ich bin ein Prediger, hab' ich

gesagt! Denkt ihr, ein Prediger wie der invalide Unteroffizier, den

der alte Fritz den Wenden schickte? Drei Jahre lang predigte dieser

Mann alle Sonntage dieselbe Predigt, die er sich auswendig gelernt

hatte. Und als drei Jahre um waren, gingen die Wenden zum alten Fritz

und sagten, sie wollten einen anderen Prediger, weil der Alte bloß

immerfort dasselbe predigte. Nun, was predigt er denn? fragte der alte

Fritz. Ja, da kratzten sie sich auf dem Kopfe und wußten nichts. Nun,

sagte da der alte Fritz, so soll nur der Mann noch ruhig seine zehn

Jahre weiterpredigen! Dunderlitzen, so ein Prediger war ich nicht! Ich

hab' von meiner Linde gepredigt, daß sie unten rot und blau wurden,

daß sie manchmal schrien: ›Pfui Deibel!‹ Die Frauvölker, die Kerle,

der Schulze, die Schöffen, ja sogar die Frau Pastorin, alle kriegten

was ans Bein. Rot und blau wurden sie. ›Hurra!‹ schrien die einen,

›Haut ihn!‹ die andern. Ja, so ein Prediger war ich! Bis ich mich

selbst von der Linde herunterpredigte. Dunderlitzen, wie ich gerade

eine Kraftstelle sage, daß die eine Hälfte lacht und die andere Hälfte

flucht, fall' ich runter von meinem blätterigen Predigtstuhl und breche

mir die Hüfte. Und wenn man die Hüfte gebrochen hat, sage ich dir, ist

es mit dem Reiten und kräftigen Predigen vorbei.«

Kito seufzte schwer und trommelte mit seinen stumpfen, dicken Fingern

auf dem Tisch. Hanka sah ihn lächelnd an. »Hanka, denke nicht an den

~palenc~[38]. Drei Gläschen habe ich getrunken; aber drei Gläschen sind

nötig zu dem, was ich vorhab'.«

»Ja, was hast du denn eigentlich vor, alter Kito?«

Kito stand auf, stieß mit dem Mittelfinger dreimal in die abermals

erloschene Pfeife, ging zum Feuer, um einen neuen Span zu entzünden,

spuckte dreimal hinter den Ofen und sagte dann passend:

»He, was ich vorhab'? Wenn das so glatt rauszukriegen wäre, da säß ich

doch nicht so lange hier und versäumte bei einem Mädel dummerweise

meine Zeit!«

Er setzte sich wieder an den Tisch.

»Ja, Hanka, das Lied ist auf mich gemacht:

»~Moja mač jo wúdowa,

Ja som liderlich škrodawa.~«[39]

Herr, meine Zeit, was habe ich als Junge alles angerichtet! Es ist

schwer zu glauben. Da muß ich dir einen Witz erzählen, Hanka! Es waren

einmal drei Jungen, die hatten einen Käse gefunden. Und weil sie nicht

einig wurden, wem der Käse gehören sollte, so wollten sie wetten. Und

sie machten es also aus: Wer von uns dreien die größte Lüge sagt, der

kriegt den Käse! Sie logen nun die Sterne vom Himmel herunter, aber sie

konnten nicht einig werden, wer den Käse bekommen sollte. Da kam der

Herr Pastor gerade vorbei und fragte die Jungen aus, um was sie sich

so händelten. Und da er alles angehört hatte, machte er die Stirn

runzelig und sagte: ›Pfui, ihr Lügner! Als ich ein Junge war, wie ihr,

hab' ich +nie+ gelogen!‹ Und richtig -- so ein frecher Schlingel gibt

ihm den Käse und sagt: ›Sie haben gewonnen, Herr Pastor.‹ Ja, und diese

Range war ich!«

Hanka sah überrascht auf.

»Ih, du bist ja ein kurioser Kauz gewesen, Kito!«

Kito schüttelte melancholisch den Kopf.

»Kauz hin -- Kauz her -- es ist doch aus! Jetzt -- jetzt lauert bloß

die alte Wičaz, daß sie mir ihre Wanzen in den Sarg stecken kann.

Aber ich werd' ihr was ... Hanka, ich schlag' mit allen vieren aus,

daß der ganze Sarg umkippt, wenn die alte Schraube mit ihrer wanzigen

Federspule angerückt kommt.«

Hanka suchte ihn zu beruhigen.

»Ach, Kito, du bist noch rüstig. Du machst es noch länger als die

Wičaz.«

Kito wehrte ab.

»Nein, nein! Was nutzt alles! Die Frau habe ich mit heiligem Gras

angeräuchert, weil ich das so gehört habe, aber genutzt hat es nichts.

Siebzig Jahre laufe ich hier im Wendenland herum. Eigentliche Wunder

habe ich wenig bemerkt. Den Vampyr habe ich manchmal gesehen -- jawohl,

aber nur, wenn ich lange in der Schenke gesessen hatte. Da hatte ich am

nächsten Morgen blasse Lippen. Da hatte er mir das Blut ausgesaugt. Und

oft bin ich geprellt worden. Wenn man nachts um zwölf Uhr auf der Wiese

kleine Flämmchen brennen sieht, da brennt Geld. So hat es mir meine

Großmutter erzählt. Da braucht man dann bloß sein Erspartes zwischen

die Flämmchen zu werfen und fortzugehen. Am anderen Morgen hebt man

einen Schatz. Ja, ich hab' mein Vierteljahreslohn unter die Flämmchen

geworfen, und am anderen Morgen war alles futsch -- der Schatz und der

Lohn.«

»So hast du den Ort vergessen«, warf Hanka ein.

»Ort hin -- Ort her! Ich bin auf meine alten Tage ungläubig geworden.

Seit das Gras bei unserer guten Frau nichts geholfen hat, denk ich mir

das meine. Und siehst du, der ~domjacy~[40], der Juro, der glaubt auch

nicht an solche Dinge und ist doch bald ein ~Pán doctor~.«

»Schlimm genug, daß er nichts glaubt«, sagte Hanka.

»Mädchen, der Juro ist der allergrößte Prachtkerl. Das war er schon als

Kind. Da war ich doch sozusagen sein Erzieher. Offen und ehrlich ist

er, ein bißchen Hitzkopf und Eigensinn, aber auch gutherzig. Und ein

richtiger Kerl. Der könnte den Jan beim Johannisfest machen!«

Hanka seufzte tief und schwer. Kito lachte plötzlich über sich selbst.

»Das heißt, ich bin schon wirklich der allerdümmste Kerl auf Gottes

weiter Welt. Red' ich nicht dahier gegen mein eigenes Maul?«

Er schwieg. Dann brachte er stoßweise heraus:

»Hanka, schenke mir einen Branntwein ein!«

Das Mädchen war ganz verwundert über den Alten.

»War es das, was du auf dem Herzen hattest?«

»Nein, Hanka, nein! Der Branntwein ist bloß dazu, daß ich es leichter

herauskriege, was ich zu sagen habe. Ich versitz' dahier sonst bloß

unnütz meine Zeit.«

Hanka schloß einen Wandschrank auf, goß ein Glas Branntwein ein, nippte

der Sitte gemäß erst selbst davon und stellte es dann vor den Alten.

»Ich sehe dich, Hanka«, sagte der und trank ihr zu.

»Nun komm aber auf das, was du vorhast«, sagte das Mädchen.

»Jawohl, jawohl! Es ist gar nicht so einfach, wie du wohl bemerkt hast.«

Er zündete sich erst seine Pfeife wieder an und spuckte hinter den Ofen.

»Also, Hanka, du kennst die Geschichte vom Elieser. Er war nur ein

Knecht und hatte doch ein wichtiges Amt: er sollte für den Sohn

seines Herrn die Braut werben. Als ich noch jung war, bin ich auch

oft Brautwerber gewesen. Du kennst das ja. Im Oberlande heißt man's

~družba~, im Niederlande ~pobratz~ (Brautwerber). Na, du kannst

glauben, Hanka, es ist nicht so einfach, wenn man für einen anderen

auf die Brautschau geht. Man kann nicht mit der Tür ins Haus fallen.

Man muß erst über alles mögliche andere schwatzen, und dann muß man

politisch und fein und sachte hintenrum mit seiner Absicht rausrücken.

Und man geht immer so um die Abenddämmerung. Da fällt's nicht so auf,

wenn man rausgeschmissen wird.«

Hanka stand auf. Ganz erregt sagte sie:

»Ich frag' dich jetzt, Kito, was soll das ganze Gerede bedeuten?«

»Immer sachte, Jungfer, immer sachte, man kann doch nichts überstürzen.

Neunmal bin ich Freiwerber und Zurater gewesen in meinem Leben;

siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, aber zweimal ist was aus der

Sache geworden. Nun, man hat seine Erfahrungen!«

»Kito, jetzt sprichst du endlich oder ich gehe hinaus!«

Da stand Kito erschrocken auf, und sein Gesicht wurde plötzlich sehr

ernst, und er faltete die Hände auf dem Tische. Er stockte noch eine

Minute lang, dann sagte er mit bewegter Stimme:

»Wie der Elieser um die Rebekka geworben hat, so werbe ich in Gottes

Namen um dich, Jungfrau Hanka, für unseren Gutssohn Samo.«

Hanka saß regungslos hinter dem Tisch. Sie schluckte ein paarmal, und

ihr Gesicht war bleich.

»Bist du -- bist du toll?« fragte sie stockend.

»Es ist heiliger Gottesernst, Hanka«, entgegnete der Knecht.

Er setzte sich die Brille auf, zog einen Brief aus der Tasche und las

mit feierlicher Stimme:

Breslau, am 20. November 1860.

Mein lieber alter Freund Kito!

Nach dem alten, schönen Brauche unseres lieben sorbischen

Volkes bitte ich dich, daß du der Freiwerber für mich bist

bei unserer ehrbaren Jungfrau Hanka. Wir sind von derselben

Abstammung und gehören zueinander, nachdem mein Bruder Juro ein

Deutscher geworden ist und auch ein deutsches Mädchen heiraten

wird. Aber ich wähle auch die Hanka, weil ich sie von Herzen

lieb habe, weil sie ein braves sorbisches Mädchen ist. Du

sollst erst mit meinem Vater sprechen und dann für mich werben.

Ich werde dir stets dankbar sein. Gott möge dir helfen!

Samo.

Dem Alten rannen die Tränen übers Gesicht, wie er so las. Ohne auf das

fassungslose Mädchen zu achten, sprach er dann:

»Ein braver Bursch! Ich bin bloß ein Knecht, aber er nennt mich ›mein

alter Freund‹. Er hält sich an die alte Sitte. Das werden ihm alle

Leute hoch anrechnen, wenn sie es hören werden.«

Hanka stand auf.

»Wo willst du hin, Hanka?«

»Hinaus!«

»Und gibst du mir keine Antwort?«

Sie war schon draußen. Der alte Kito steckte seinen Brief ein. Betrübt

senkte er den weißen Kopf.

»Und ich glaubte, ich hätte es so lustig, so ausführlich und so gut

gemacht!«

Die Spinngesellschaft war abgesagt worden. Die Gutstochter Hanka war

krank.

Fünf Tage schon war das Mädchen allein in ihrer Stube. Eine Magd

brachte ihr Essen, das fast immer unberührt zurückkam. Tee wollte die

Kranke nicht trinken; alle Hilfsmittel verschmähte sie.

Am sechsten Tage schlich sich die alte Wičaz bei Hanka ein. Das

Mädchen wollte anfangs nichts von ihr wissen; aber schon nach einer

Viertelstunde lagen die Wahrsagekarten ausgebreitet auf dem Tisch.

Hanka sah mit großen Augen vom Bett her auf die Alte. Ihr Gesicht war

in der kurzen Zeit blaß und schmal geworden.

»~Wuše stupaš, dale widžiš~«, begann die Alte; »je höher du steigst, je

weiter du siehst.«

Dann machte sie eine lange Pause, bohrte die grauen Augen in die

Kartenbilder, fuhr mit den gelben, knochigen Fingern darüber, zuckte

mit den Lippen.

Dann sprach sie:

»Ich sehe zwei junge Adler und ein junges Adlerweibchen. Der eine

Adler kommt an das Nest des Weibchens, kreischt es an und hackt es

mit seinem scharfen Schnabel, daß es blutet. Dann fliegt er fort und

paart sich mit einer Krähe. Und sie fliegen bis an den Lóbjofluß. Da

werden sie erschossen und sinken ins Wasser. Der andere Adler gewinnt

das Adlerweibchen, und sie bauen sich ein gutes Nest auf dem höchsten

Baume und verjagen alle Krähen. ~Wuše stupaš, dale widžiš.~ Je höher du

steigst, je weiter du siehst.«

Hanka hörte der Alten staunend zu.

»Woher weißt du das?«

»Ich lese es in den Karten, und mehr kann ich nicht sagen.«

Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald · 第 24 / 38 题