Samo eilte auf den Alten zu -- sie liegen sich in den Armen. -- -- --

Endlich sagte Samo:

»Ihr überschätzt mich! Ich bin nur der zweitgeborene Sohn des ~sorbski

kral~.«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Die, die sich um die Slawen kümmern, wissen, wer Ihr seid. Euer

Bruder, der den slawisierten Germanennamen Juro trägt, ist nicht der

Kral. Ihr heißet Samo, Ihr tragt den Namen, der als einziger aus dem

ersten Schöpfungstag tschechischer Geschichte zu uns herüberleuchtet.

Samo, der Slaw, der die Avaren schlug, an die sich Kaiser Karl

vergeblich gewagt hatte, Samo, der die Tschechen heimisch machte in

diesem Lande Gottes -- Ihr könntet keinen schöneren Namen haben als

diesen!«

»Der Name macht es nicht; obwohl ich zugebe, daß Ihr, der Ihr Krok

heißt, gewiß mit dem alten Tschechenherzog Krok, dem Klugen und

Gerechten, vieles gemeinsam habt.«

»Ich bin ein alter Mann, der nicht viel mehr für seine slawischen

Brüder tun konnte, als daß er sein Leben lang um sie litt. Und der ein

wenig sammelte. Freilich, es sind nicht die Schätze vom Karlstein.«

Der Alte wies auf seine Raritäten.

»Waret Ihr im Karlstein, Pán Samo?«

»Nein, ich komme erst zum zweitenmal in meinem Leben nach Böhmen.«

»Zürnet nicht, Herr, wenn ich sage, daß das nicht gut ist.«

»Ich weiß es. Ich hätte in Prag studieren sollen, nicht in dem

deutschen Nest Breslau. Hier in Prag ist der Nährboden für starkes,

echtes Volkstum. Aber ich war nicht unabhängig. So habe ich auch den

Karlstein noch nicht gesehen.«

Das Auge des Alten strahlte.

»Der Karlstein! Vieles ist zerfallen, viele Edelsteine, die die Mauern

bedeckten, sind ausgebrochen, die Fenster sind jetzt aus Glas, aber

doch ist der Karlstein noch immer unsere Gralsburg, wie sie Meister

Mathias von Arras schuf. Ich denke jetzt nicht an die Rittersäle, die

großen Höfe; an eine der Kapellen denke ich, an die Kreuzkapelle. Und

ich sehe, wie Karl ~IV.~ barfüßig in das Heiligtum tritt, nachdem vier

eiserne Türen, neunzehn Schlösser geöffnet worden sind. Und die Kapelle

erstrahlt im Glanz von eintausenddreihundertunddreißig Lichtern, indes

der Probst die Messe zelebriert. Die vergoldeten Wände funkeln, die

Jaspise und Karneole blitzen, durch die Halbedelsteinfenster fällt das

Licht hinaus ins Land, bis an den Fluß hinunter. Rund herum, als wenn

sie lebten, die großen Bildnisse von einhundertfünfundzwanzig Heiligen,

die aus ihren reinen Augen nach dem Altar schauen; und im Hochaltar,

hinter goldenen Gittern, die alte, heilige Wenzelskrone, die Insignien

des Reichs. Karl, der Böhmenkönig, der als Kaiser das ganze deutsche

Reich beherrscht, liegt hier auf den Knien, betet zu Gott um Schutz für

die Krone, und draußen ruft der Wächter am Tor alle Stunden ins Tal:

›Bleibet der heiligen Burg fern, ihr Wanderer, sonst ereilt euch Unheil

und Tod!‹«

Über der Kapelle prangt die Schrift:

»Herr Christus, mächtiger Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis

zum letzten Tage[34]!«

»War das nicht eine große, schöne Zeit?«

Samo blickte den Alten, der so begeistert redete, versonnen an. Sein

Gesicht war finster. Der alte Krok erzählte nun von vielen anderen

Schätzen der Burg Karlstein, von kirchlichen und weltlichen Reliquien

kostbarer Art.

»Haltet Ihr diese Dinge für echt?« fragte Samo.

»Ja! Und wenn mir ein Zweifel kommt, jage ich ihn eilends davon.

Zweifel macht arm und verödet das Herz; er ist der Bilderstürmer im Dom

unserer Seele, dessen Altäre er entkleidet und von dessen Wänden er

Glanz und Schönheit nimmt. Was dann übrigbleibt, ist kahle Armut, sind

harte, nüchterne Trümmer. Und der rauhe Wind, den sie Wahrheit nennen,

der dann schneidend durch die zerschlagenen Fenster fährt, kann uns

nicht trösten, wenn der Tabernakel des Heiligsten beraubt ist und die

ewigen Lampen verlöscht sind. Oh, Pán Samo, an alten Symbolen hängt

der Gedanke, und der Gedanke stirbt mit dem Symbol; denn wir Menschen

schauen aus leiblichen Augen.« Samo stand auf und ging ein paar

Schritte hin und her. »Es mag schön sein, so zu glauben und zu träumen

wie Ihr, Pán Krok. Ich kann es nicht. Ich habe ohne Neid von dem Glanz

der Wenzelskrone gehört, ich habe mit Freude davon gehört; aber es ist

doch bitter, wenn ich daran denke, wie bettelarm dagegen mein eigenes

Volk war. Kennt Ihr die Sage vom Wendenkönig?«

»Ich kenne sie.«

»Seht, Pán Krok, der Wendenkönig konnte sich keine bleibende Burg

bauen, keine goldene Kapelle errichten, wo er seine Schätze verwahrte,

für ihn gab es noch keinen Pán Krystus, dessen Schützernamen er über

seine Tür schreiben konnte. Als er in die entscheidende Schlacht zog,

hatte er niemand, der seine Krone verwahrte; in den armen Sand der

Heide mußte er sie vergraben, unter die Bäume des Waldes. Eine Grube

zwischen Erde und Steinen war unsere Kronenstätte.«

Der Alte stand auf, und seine milden Augen ruhten liebevoll auf Samo.

»Gott selbst hat einen blauen Dom über Eure Krone gewölbt, Pán Samo,

und seine Sterne werden nicht weniger hell gefunkelt haben als unsere

Karneole. Und hat Euch nicht Gott wunderbar erhalten? Unser Königtum

ging verloren, das Eure blieb!«

»Es wird verloren sein für immer und ewig«, sagte Samo düster.

»Das darf nicht sein, Pán Samo, das darf nimmer geschehen! Ihr werdet

es aufrechterhalten; denn Ihr müßt der Kral werden, geschehe auch, was

wolle!«

Die milde Hoheit war von dem Alten gewichen, ein fanatischer Eifer

sprühte aus seinen grauen Augen. --

»Die Deutschen verseuchen unser Volkstum«, fuhr Samo fort; »sorbisch

geht der Bursch zum Militär, verdorben, deutsch kommt er zurück; der

deutsche Gutsherr, der deutsche Krämer, der deutsche Gastwirt bohren

sich wie die Maden in die slawische Frucht; unsere Gebildeten liegen

in einem Halbschlummer; sie träumen noch ein wenig vom Slawentum,

aber vor der Welt sind sie gehorsame Diener des deutschen Herrn. Die

wendischen Geistlichen und Lehrer sterben aus; sie waren die besten

und letzten Hüter unseres Volkstums, ihre Nachfolger sind Pioniere des

Deutschtums. Das Volk kehrt sich vom heimischen Ackerbau ab, strebt in

den Frondienst deutscher Fabriken. Es ist -- es ist aus mit uns droben

in der Lausitz!«

»Das ist ein düsteres Bild, das ist ein zu düsteres Bild!«

»Schreien möchte ich, Pán Krok, daß es so ist! Tausend Jahre lang hat

unser sorbisches Volk der Lausitz seine slawische Art bewahrt mitten

in Kampf und Not. Die Herren haben gewechselt, die Bedrücker sind

geblieben, aber auch das Slawentum ist geblieben. Keine Gewalt, keine

List, keine leibliche und geistige Aushungerung hat es vernichtet.

Der arme, starke Sandwald hat es geschützt. Und welche Hoffnung blieb

uns? Unsere Zahl schmolz zusammen. Wir konnten nicht mehr hoffen, ein

eigenes Reich zu errichten, wie es die alte Sage verheißt.«

»Ihr müßt das hoffen, Pán Samo,« rief der Alte; »Ihr dürft diese

Hoffnung im Herzen des Volkes nicht untergehen lassen. Man darf einen

Stern nicht ableugnen, weil man nicht nach ihm greifen kann. Genug,

wenn er leuchtet. Der felsenfeste Glaube an die große Zukunft muß

dem Volk erhalten bleiben. Ohne großes Ziel keine Religion, kein

aufstrebendes Volkstum, nicht einmal irgendein gutes Einzelwerk!«

Samo zuckte die Achseln.

»Wir müssen uns an die realen Verhältnisse halten. Was zu tun ist

und immer zu tun war, ist das eine: das Slawentum in der Lausitz zu

erhalten, bis die deutsche Kluft, die zwischen uns und den Tschechen

liegt, überbrückt ist, mit einem Wort, das Wendentum zu konservieren,

bis das deutsche Nordböhmen slawisiert ist und wir Lausitzer Sorben

unmittelbaren territorialen Anschluß an die böhmischen Tschechen haben.«

»Und das kommt doch! Das kommt doch!« rief der alte Krok begeistert.

»Tausend Jahre habt ihr ausgehalten, wollt ihr in letzter Stunde

unterliegen, da der Sieg so nahe ist? Ja, ihr seid auf einem

gefährlichen, auf dem bedrohtesten Vorposten; aber, ihr Brüder,

ihr seht doch, daß euch die siegreiche Hauptarmee Stunde um Stunde

näherkommt!«

Samo entgegnete finster:

»Die Pflicht erkenne ich so wie Ihr, Pán Krok. Aber die Verhältnisse

liegen so, wie ich Euch sagte. Und es fehlen uns die stolzen

Erinnerungen, die großen Symbole. Was wir davon haben, wird

angezweifelt, soll vernichtet werden.«

»Laßt nur das nicht geschehen, nur das nicht, Pán Samo! Nur nicht an

die Tradition tasten! Ich muß noch einmal von ihrem unermeßlichen Wert

reden. Gestattet, daß ich in einem Gleichnis spreche. Seht, da war

eine Edelfamilie, die hegte als großen Schatz einen alten, goldenen

Ring. Den Ring, so erzählte die Familiengeschichte, habe ein Ahn von

einem edlen Moslem erhalten, in dessen Gefangenschaft er zur Zeit der

Kreuzzüge geraten war. Der Ahn war von so herrlicher, edler Art, er war

in allen Dingen von so bezwingender Menschlichkeit, daß er das Herz

seines Kerkermeisters gewann und dieser ihm eines Tages die Freiheit

schenkte und ihm den Ring mitgab mit den Worten: »Denke meiner in

deiner Heimat, du bewunderungswürdiger Mann, gönne mir ferner deine

Freundschaft, die ich ehren werde bis zu meinem letzten Tage.« Und in

der Familie wurde der Ring geachtet und geliebt. Der Vater hielt ihn

dem Kinde aufs Haupt, wenn es getauft wurde; der Jüngling gelobte bei

dem Ringe, brav und edel zu sein, ehe er in die Welt ging; die Jungfrau

bekam ihn bei der Trauung an den Finger gesteckt; der Sterbende trug

ihn an der Hand, wenn er sie zum letztenmal um Erbarmen zu Gott

aufhob. -- -- Da erschien eines Tages ein Mann, der sagte, er sei ein

Gelehrter, prüfte das Kleinod und wies nach, der Ring stamme gar nicht

aus der Zeit der Kreuzzüge, er sei aus einem späteren Jahrhundert und

offenbar fränkische Arbeit. Und er ging davon mit stolzgeblähter Brust

und dem eitlen Gedanken, er habe diesen Leuten die historische Wahrheit

gebracht. -- Wißt Ihr, Pán Samo, daß dieser Mann ein Verbrecher war?

Was war der Unbekannte, der das Symbol erfand und ihm durch einen

tiefen Gedanken eine Wundermacht verlieh, die durch viele Generationen

wirkte, doch für ein besserer Mensch als dieser Aufklärer!«

Samo sagte dazu nicht »Ja« und nicht »Nein«. Er schwieg eine Weile,

dann aber sagte er mit gepreßter Stimme:

»Und mein Bruder Juro wird den Sorben ihren goldenen Ring entwerten.«

»Das darf er nicht!« rief der Alte vor Zorn bebend. »Eher sei er

geächtet! Eher werde er getötet! Ihr müßt ihm, Pán Samo, mit allen

Mitteln entgegenstehen!«

»Das werde ich!« sagte Samo und reichte dem alten Krok die Hand.

* * * * *

Die ganze Nacht saß Samo mit seinem Freunde Bohuslaw beim alten Krok.

Die betagte Wirtschafterin hatte so köstlichen Wein gebracht, wie Samo

noch nie zuvor getrunken hatte. So war auch er mitteilsamer geworden

und hatte von seinen letzten Erlebnissen im wendischen Vaterhause

erzählt. Der kluge Alte hörte ihm mit glühendem Interesse zu, und

so wie seine Zuneigung für den alten Hanzo, für Hanka, vor allem

aber für Samo selbst wuchs, so loderte sein Haß auf gegen Juro, den

»Renegaten«. Bis in die Einzelheiten mußte Samo erzählen, selbst seine

Unterredungen mit der alten Wičaz verschwieg er nicht.

Später zeigte und erläuterte Krok einen großen Teil seiner Sammlungen.

Er tat es mit dem Feuereifer des überzeugten Slawen, aber auch mit der

strahlenden Freude des erfolgreichen Sammlers, dem die Eitelkeit nicht

fremd ist.

Oh, es war ein hoher Genuß für die beiden jungen Männer, den Worten

des begeisterten Alten zu lauschen, der an oft unscheinbaren Dingen

in leuchtenden Einzelbildern böhmische Geschichte entwickelte.

Andenken aus der Zeit der Kämpfe des Christentums und Heidentums;

ein Pilgerstecken, den der heilige Cyrillus trug, der große Heilige,

große Held, große Gelehrte, der Moses der Slawen; das Hufeisen, das

das Roß Swatopluks von Mähren verlor, als er vor den Böhmen flüchten

mußte; ein Gürtel der gottlosen Königin Drahomira, die von der Erde

verschlungen wurde; Kriegstrophäen aus den Kämpfen mit den Polen und

Ungarn; eine Pergamentschrift des ersten böhmischen Chronisten Cosmas;

ein Stein aus dem Schwertgriff des unglücklichen Ottokar, der im

Kampfe gegen den ersten Habsburger Krone und Leben verlor; ein Schild

aus der ruhmreichen Zeit, da Heinrich von Kärnten verjagt wurde; ein

Evangelienbuch der ketzerischen Beguinen; viel Andenken an den Vater

Böhmens, Karl ~IV.~, darunter ein Teil der Biographie, die dieser

Herrscher über sich selbst schrieb. Endlich vielerlei historische

Andenken aus der Zeit der Hussitenkriege und des Dreißigjährigen

Krieges: Waffen, Trommeln, Panzerhemden, Keulen, Pistolen, ein

silberner Hussitenkelch, eine eigenhändige Handschrift Wallensteins;

dazu viele Dinge von kulturhistorischem Wert: alte Stickereien, alte

Gewebe, Glasmalereien, Goldschmiedearbeiten, bunt gemalte Abschriften

aus Benediktinerklöstern, Möbel-, Haus- und Feldgeräte, Wappen, Münzen,

Petschafte.

Alle diese Dinge waren in dem geräumigen Erkerzimmer und einem

anstoßenden großen Raum untergebracht.

Samo staunte über den Reichtum.

»Mein Familiengut«, lächelte Krok. »Das andere ist in alle Winde; aber

dieses, das Wertvollste, hat sich erhalten!«

Er brachte eine große Familienchronik heran. Die Eintragungen reichten

in sehr alte Zeit zurück. Insonderheit war über Erwerb und Herkunft der

historischen Reliquien genau und treulich berichtet.

»Meine Ahnen«, sagte Krok, »hatten Sinn für das Alte, Kostbare,

Wesentliche. Mein Vater war ein lustiger Herr; er lebte mehr in Wien

und Paris, als unserem Familiengut günstig war. So ging es verloren.

Burg, Dorf, Wald, Feld mußten verkauft werden; mir, dem Sohn, blieb

gerade genug, nach dem Tode meines Vaters das Leben zu fristen. Aber

mir blieb auch diese Sammlung. Alles hat mein Vater preisgegeben,

nur dieses da nicht. Er hat nicht so gehandelt wie der leichtsinnige

Sigismund, der den Karlstein entweihte, dessen kostbare Steine er

ausbrach und an Händler verkaufte, um Geld für sein Schlemmerleben zu

haben, oder gar wie jener deutsche Braunschweiger, der die silbernen

Apostelfiguren zu Talern einschmelzen ließ und dabei die lästerlichen

Worte sprach: ›Gehet hin in alle Welt und predigt den Heiden!‹ Mein

Vater hat mir keine andere Herrschaft hinterlassen als diese; aber ich

bin ein glücklicher, zufriedener Mensch.«

Als die Zeiger der alten Uhr schon in die Morgenstunden hineinrückten,

wurde Krok plötzlich schweigsam. Die Jünglinge wollten fortgehen, aber

der Alte hinderte sie und wurde heftig, als sie abermals davon sprachen.

Lange und unverwandt blickte er oft von seinem Lehnstuhl aus auf Samo.

Als draußen der Tag schon graute, sprach er:

»Jeder Mensch hütet ein Geheimnis in seinem Herzen. Ist es nur für

ihn, so mag es sterben, wenn er stirbt; ist es aber für andere, dann

muß der Mensch Erben seines Geheimnisses suchen. Ich bin alt, und

eines Morgens, wenn der Tag graut, wird er mich tot finden bei diesen

Reliquien, ich selbst eine Reliquie, das geringwertige Überbleibsel

einer alten Zeit. Was Wissenswertes ist von diesen Dingen, die hier

verwahrt sind, ist aufgeschrieben. Eines aber möchte ich in eure

Herzen schreiben, ihr edlen Jünglinge, und da soll es verwahrt sein

für den Fall meines Todes.«

Der Alte stand auf und stellte sich ans Fenster. Das Licht des

aufdämmernden Tages spielte blaß um seinen grauen Kopf. Und Krok sprach

langsam und feierlich:

»Ehe ich euch mein Geheimnis überliefere, müssen eure Seelen mit meiner

Seele rückwärts wandern den ganzen heißen, arbeitsreichen Tag der

böhmischen Geschichte entlang bis zu der Stunde, da das herandämmernde

Licht der beginnenden Tschechenherrschaft seine ersten Strahlen über

das Land schickte, wie jetzt da draußen die Sonne über unser heiliges

Prag. Samo, der Gewaltige, schlug die Avaren, Krok, der Gerechte, gab

das erste Gesetz. Krok hatte drei weisheitsvolle Töchter. Als er zum

Sterben kam, wußte er nicht, welcher der drei Töchter er das Reich

vererben sollte. Und er warf das Los, und das Los fiel auf Libussa,

die weiseste und machtvollste der Königstöchter. Libussa gründete die

Stadt Prag und regierte klug und streng. Die Böhmen waren glücklich

unter ihr, aber eines Tages verlangten sie, die Königin solle einen

Gatten nehmen, der mit ihr regiere. Da sandte Libussa eine Reiterschar

ab und befahl dieser: ›Wo ihr einen Mann findet, der von einem eisernen

Tische ißt, so bringet ihn; er soll mein Gatte und soll König sein!‹

Der Reiterschar gab sie ihr eigenes Roß mit, und dieses Roß setzte sich

an die Spitze der Schar und schlug den Weg ein gen Staditz.

Es war aber an die fünfzigtausend Schritt von Prag, da saß ein Bauer

auf dem Felde. Es war just ein schöner Frühlingsmorgen; die Lerchen

sangen, das Gras und die junge Erde dufteten. Der Bauer saß lachend

auf dem Felde und aß sein Frühstück von der blanken Pflugschar. Da

wieherte das Königsroß und fiel auf die Knie, und alle Rosse knieten

nieder, und die Reiter stiegen ab und knieten nieder und riefen dem

Bauern zu: ›Du bist unser König!‹ Der Bauer, welcher Przemisl hieß,

stand auf, ließ Acker und Pflug im Stich, zog nach Prag und wurde der

Gatte der Königin. Libussa ließ ihm eine silberne Krone machen; sie

selbst aber trug eine goldene Krone, denn sie war an Macht über ihm.

Jahrhundertelang haben die Nachkommen von Przemisl und Libussa die

Schicksale Böhmens gelenkt.

Libussa aber hatte eine Schar von Dienerinnen sorgsam erzogen, und die

Schönste und Klügste von ihnen, Wlasta, empörte sich gegen die Herrin,

gewann ein Heer von Frauen und führte den Mägdekrieg. Libussa flüchtete

bis ins Riesengebirge, und weil sie verfolgt wurde, warf sie ihre

goldene Krone in den Zackenfluß, der in donnerndem Fall von den Bergen

springt, und unter diesem Wasserfall liegt die Krone noch jetzt. --

Przemisl kehrte in seine Heimat zurück. Die Mägde suchten nach seiner

silbernen Krone, aber sie fanden sie nimmer.« --

Krok schwieg. Er senkte das Haupt und stand in tiefem Nachdenken da.

Dann sagte er:

»Wartet ein Weilchen, bis ich wiederkomme!«

Er verschwand durch die Tür und kam nach nicht langer Zeit zurück.

»Kommt.«

Sie gingen durch den Nebenraum, der auch mit Altertümern angefüllt war,

und kamen an eine eiserne Tür, die jetzt sichtbar war, weil Krok eine

große, alte Stickerei an dieser Stelle fortgenommen hatte. Krok öffnete

die Tür, und die Jünglinge blickten in eine Kapelle.

Eine große Anzahl von Kerzen brannte, in drei silbernen Lampen

glimmte rotes Licht, ein Altar stand in einer Nische, darauf war ein

Tabernakel. Rundum die Wände waren mit Stickereien und seidenen Tüchern

behangen, ein großer Teppich bedeckte den Fußboden. Viele Bilder

schmückten die Wände. Gestalten aus der Heiligen- und der profanen

Geschichte Böhmens: Wenzeslaus mit der Fahne, Cyrillus und Methodius,

die heilige Ludmilla, Johann von Nepomuk, dann das große Bild Karls

~IV.~, ein Bild von Libussa und von Przemisl am Pflug. Diese Gemälde

hingen über dem Altar; in der Mitte war ein altes, eisernes Kreuz.

An den Seitenwänden die Taufe Borzivois, die Gründung des Bistums

Prag durch Boleslaw den Frommen, Herzog Udalrich bei der Kaiserwahl

Konrads ~II.~; die deutschen Kaiser Heinrich ~IV.~ und Barbarossa, die

Böhmen die Königswürde verliehen; einzelne hervorragende Äbte berühmter

Orden, die sich um das Land verdient machten; mehrere Bilder des

großen Ottokar: als Herr in Kärnten, als Gründer der Stadt Königsberg,

sein Tod auf dem Marchfeld; dann die Ermordung Wenzels ~III.~, des

letzten Przemisliden. Aus der späteren Geschichte hauptsächlich wieder

Erinnerungen an Karl ~IV.~: die Moldaubrücke, der Karlstein, die

Unterwerfung von Brandenburg und Schlesien, die slawische Universität.

Wallensteins Bildnis fehlt nicht, auch einige Dichter und Redner sind

vertreten: der Psalmensänger Streyc, Kotwa, der »böhmische Cicero«, der

Hofpoet Simon Lomnicky.

Ganz nahe der Tür, halb im Dunkel hängen einige Bilder aus der

Hussitenzeit: Jan Hus, Ziska, Prokop, Wecleff, Amos Comenius, der

Brüderbischof. --

Manche der Bilder haben einen beträchtlichen Wert, manche sind billige

Reproduktionen, nur ihres Inhalts, nicht ihres Kunstwertes wegen da. --

Hoch an der Altarwand, dicht unter der Decke, sind die Worte

geschrieben: »~Pán Krystus, neymnocnegssj pán, racz techto klenotuw,

ostrzjhati sam, až do neypos ednegssho dne!~«

Der alte Krok blieb mit seinen Begleitern dicht an der Tür stehen.

Die jungen Männer waren so überrascht, daß sie kein Wort zu sprechen

vermochten. Auch Krok stand stumm neben ihnen. Erst nach langer Zeit

sagte er in tiefer Ergriffenheit, leise flüsternd:

»Mein Karlstein! Meine Kreuzkapelle!«

Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald · 第 23 / 38 题