Ein älterer Mann stieg auf die Rednertribüne. Er sprach gemäßigter,
sprach von den strengen tschechenfeindlichen Erlassen Josephs ~II.~,
erörterte allerhand schikanöse Anordnungen der Wiener Regierung,
unter anderem, daß die Tschechen in ihrem eigenen Lande nicht in
tschechischer Sprache telegraphieren dürften, während dies in allen
möglichen fremden Sprachen erlaubt sei. --
Da erscheinen zwei männliche Gestalten auf dem Podium, die das
Erstaunen aller aufs höchste erregen. Der eine ist bunter als ein
Pfau. Er trägt einen stechend grünen Rock, knallrote Weste, hellgelbe
Hose, braune Stiefel, eine riesig lange weißrote Krawatte und einen
scheckigen, rot-weiß-blauen Hut. Sein Begleiter hat einen Zottelpelz
an, Holzschuhe und trägt auf dem Kopf eine riesige Pudelmütze.
»Slawische Brüder,« schreit der Bunte mit krähender Stimme, »nehmt es
nicht übel, wenn wir hier reden und wenn uns eure schöne Sprache nicht
so gut vom Munde fließt, wie es bei euch Göttlichen der Fall ist!
Wundert euch nicht über uns! Ich bin ein Masur, und dieser mein Bruder
in der Pudelmütze ist ein Lette. Und das, was wir hier anhaben, sind
unsere neuen Nationaltrachten, die erst in diesem Jahre ein berühmter
und sinnreicher Schneider in Warschau für uns erfunden hat. Ich hoffe,
wir Slawen aus dem gottvergessenen Ostpreußen dürfen uns in eurem edlen
Kreise einfinden.«
Der Bunte und die Pudelmütze wurden akklamiert.
»Slawische Brüder, mit Staunen haben wir in diesem gelehrten Kreise von
unseren berühmten slawischen Männern gehört, von dem slawischen Dichter
Lessing und von dem herrlichen Nasensammler Sobeslaw. Unser Herz hat
höher geschlagen. Heil den Polen, die Amerika entdeckt haben! Heil
den Tschechen, die die Buchdruckerkunst erfanden! Ich komme aber, um
euch Kunde zu sagen von ganz neuen Entdeckungen, die ein berühmter und
eifriger Forscher und Gelehrter unseres masurischen Volkes, das gleich
eurem stets der Wissenschaft diente, gefunden hat ...
... Nero, das römische Kaiserscheusal, war ein Deutscher!«
Bewegung.
»Wohl war Agrippina seine Mutter, aber das verbuhlte Weib hat ihn
gezeugt mit einem deutschen Söldling aus der Umgegend von Köln. Weiter:
Pontius Pilatus, der den größten und schändlichsten Mord der Welt auf
dem Gewissen hat, war ein Deutscher!«
Einige Stirnen im Saal runzeln sich, einige Augen werden scharf.
Der Bunte fährt unbeirrt fort:
»Das heißt eigentlich auch nur ein Halbdeutscher. Aber was für einer!
Er war der heimliche Sohn des Kaisers Augustus und Thusneldas, der
gefangenen Gattin Hermanns des Cheruskers!«
Einige tschechische Studenten treten dicht vor das Podium und sehen den
Redner scharf an. Harmlos spricht der weiter:
»Ich berichte hier nur das, was unser Forscher entdeckt hat. Die
Beweisführung muß ich seiner Weisheit und Gewissenhaftigkeit
überlassen. Aber wenn auch seine Resultate verblüffend sind, wenn sie
auch unsere Feinde, die bluthündischen Deutschen, schwer ärgern müssen
-- sollen sie deshalb unausgesprochen bleiben? Nein, nein, nein!«
Zustimmung. Die Studenten treten vom Podium zurück.
»Und so sage ich euch: auch Judas Ischariot war ein Deutscher! Es ist
klar erwiesen, daß sein Großvater als Kriegsgefangener von Julius
Cäsar nach Rom gebracht wurde und durch Abschiebung nach Kairot ins
Morgenland kam; denn Judas Ischariot ist eben Judas aus Kairot. Ich
will die Ehrenliste deutscher Helden hier nicht verlängern; die
Forschungen unseres Meisters, ob nicht auch der bethlehemitische
Herodes deutsches Blut in den Adern hatte, sind noch nicht
abgeschlossen!«
Wieder treten einige Studenten erregt vor.
»Laßt mich ein Wort sagen, slawische Brüder, über die Knechtung
unseres Volkstums in Ostpreußen. Über neunzig Prozent unserer Kinder
unterliegen dem Schulzwang; im slawischen Dalmatien brauchen bloß zwei
Prozent der eingestellten Rekruten lesen zu können!«
»Was soll das heißen?« rief ein Student dazwischen.
»Das soll heißen, daß wir Slawen uns nicht in die deutsche
Bildungszwangsjacke pressen lassen wollen. Haben wir das nötig?
Neuerdings hat ja sogar ein Wiener Gelehrter zugegeben, daß das
tschechische Gehirn das relativ schwerste ist, fünfzig Gramm schwerer
als das deutsche!«
»Stimmt! ~Dr.~ Weisbach in Wien!« schrie einer.
Einige Studenten fixieren den Redner scharf.
»Ich bin fertig!« sagte dieser; »ich danke, daß Sie mich meine
bescheidenen Ausführungen haben machen lassen. Vergönnen Sie nun auch
meinem lettischen Bruder und Nachbar einige wenige Minuten!«
Der Lette wiegt die riesige Pudelmütze hin und her und sagt stockend:
Als Lette sei er, wie man wohl wisse, ein Germanoslawe. Aber jetzt
habe er den Germanen abgestreift und stehe als Slawe hier. (Lebhafter
Beifall.) Leider beherrsche er sehr wenig die tschechische Sprache,
wolle aber nicht zurückhalten mit einer Entdeckung, die ein berühmter
und eifriger Forscher seines Stammes gemacht habe. Das Grundgesetz, auf
dem alle moderne Kultur beruhe, in dem das Judentum, das Christentum
und der Islam eine gemeinsame Grundsäule hätten, seien offenbar die
zehn Gebote Mosis. »Sie alle wissen, daß der Finger Gottes die Gebote
auf zwei steinerne Tafeln geschrieben hatte, daß aber Moses die Tafeln
zerschlug, als er die Israeliten beim goldenen Kalbe erwischte. Nun,
unser Forscher hat jahrelang am Sinai nachgegraben, hat die Scherben
der Tafeln gefunden, hat sie zusammengesetzt und entdeckt: Die zehn
Gebote waren von Gott in urslawischer Sprache geschrieben!«
»Was soll das heißen? Was sagt er?«
Stühle rücken. Eine große Bewegung greift Platz. Samo spricht erregt
auf seinen Freund ein.
»Ja, wenn ich nicht sagen darf, was mein Volk glaubt!« fährt der Lette
fort, »so will ich schweigen. Sie wissen, daß viele Polen glauben, der
Papst spreche Polnisch. Und haben Sie die Argumente unseres Forschers
schon nachgeprüft? Haben wir Ihnen nicht auch die Erfindung der
Buchdruckerkunst geglaubt? Man hatte uns gesagt, auf der tschechischen
Beseda könne man reden, was man wolle. Ich danke Ihnen, daß Sie mich
bis hierher angehört haben!«
Er verließ verärgert mit seinem masurischen Freunde das Podium, und
beide gingen der Tür zu. Alle sahen den beiden nach. An der Tür stieg
der Lette auf einen Stuhl und rief:
»Eines bitte ich noch sagen zu dürfen: Die zehn Gebote, wie Sie sie
kennen, haben eine Lücke: Es muß heißen: Siebentes Gebot: du sollst
nicht stehlen; achtes Gebot: du sollst kein falsches Zeugnis geben
wider deinen Nächsten, das heißt also: du sollst kein Tscheche sein!«
Ein Schrei! Der Masur reißt die Pudelmütze ab. Eine deutsche
Studentenkappe kommt zum Vorschein.
»Leben Sie wohl!« schreien die beiden in deutscher Sprache und sind zur
Tür hinaus. Ein wahnwitziges Geschrei geht los. Hunderte von Menschen
drängen zur Tür. Sie verlegen einander den Weg. Unten auf der Straße
fährt ein Wagen rasch davon. Im Saale herrscht die grimmigste Empörung.
Mehr als eine halbe Stunde vergeht in ohnmächtigem Toben und Fluchen.
Viele Frauen weinen. Da steigt einer aufs Podium.
»Slawische Brüder! Laßt eure Feier nicht stören durch diese deutschen
Lausbuben!«
Großer Beifall!
»Sind sie nicht ausgerissen wie Feiglinge?«
Stürmischer Beifall.
»Wir werden sie und ihresgleichen zu treffen wissen!«
Geschrei.
»Wieder einmal ist es erwiesen, daß die Deutschen die Friedensstörer,
die Provokateure sind, die sich selbst zu so friedlichen Slawenfesten
wie dieses heimtückisch einschmuggeln. Lasten wir uns nicht stören; der
Tag der Vergeltung kommt.«
»~Šusnelka nám piše.~«
Er stimmte den beliebten Gassenhauer an, der davon redet, die Deutschen
hätten alle gefährliche Bauchschmerzen, und die Versammlung sang mit.
Die Erregung legte sich allgemach etwas; nur einzelne Studentengruppen
führten unter sich aufgeregte Debatten. Man beschloß eine große
Demonstration vor der Karlsuniversität.
Und nun trat »~Plzenske piwo~« in seine gewaltigen Rechte. Pilsener
Bier. Je erregter der Mann, desto tiefer der Trunk. Nur, daß der
köstliche Trank das innere Feuer nicht löschte, sondern immer mehr
anfachte.
»Diese elenden Frankfurter!«[32]
»Jauche haben sie gegossen in unseren slawischen Verbrüderungswein!«
»Der eine sah aus wie ein bunter Hanswurst, der andere wie ein Urmensch
aus der Eiszeit. Und das nannten sie slawische Nationaltracht! Und
der Kerl, der Lette, sagte ausdrücklich, eigentlich bin ich ein
Germanoslawe, aber ich habe den Germanen abgestreift und stehe jetzt
als Slawe hier. Und wir klatschen Beifall dazu. Eine Schmach! Eine
Schmach!«
Der junge Student, der das sagte, vergoß Tränen.
Da stimmte jemand das Lied von der Aussiger Schlacht an: »~Bitwa před
Ustim.~«
»Gedankt sei Gott! O preiset ihn,
Er hat uns hilfereich verlieh'n,
Die Deutschen ruhmvoll zu schlagen
Und aus dem Lande zu jagen!«
Die Studenten hörten mit finsteren Gesichtern zu. Heut war der Ruhm,
wie sie die Deutschen aus dem Felde geschlagen hatten, klein.
Selbst als ein paar hübsche Mädchen etliche der wunderherrlichen
Volkslieder der Tschechen vortrugen, die für Trauer und Sehnsucht
des Menschenherzens in stillen Worten und tiefen reichen Melodien so
ergreifenden Ausdruck finden, kam keine rechte Stimmung mehr zustande.
Die Beseda war verunglückt.
Es war kaum zehn Uhr, als Samo aufbrach. Sein Freund Bohuslaw folgte
ihm. »Ich ersticke in diesem Saal!« sagte Samo draußen. »So ist es
selten einmal durchtriebenen Hallunken geglückt, die Gegner zu äffen.«
»Mein Herz leidet, daß es geschah, Samo«, antwortete der sanfte
Bohuslaw. »Wenn es nun einmal geschehen sollte, dann doch nie in
deiner Gegenwart. In dir ist der slawische Königsgedanke beleidigt
worden.«
Der junge Mann hing an Samo mit einer Art ehrfürchtiger Liebe. Er ehrte
in ihm mit tiefer Überzeugung den heimlichen Königssohn.
Schweigend gingen die beiden jungen Männer weiter. Als sie in eine
schmale, winklige Straße kamen, zeigte Bohuslaw auf das Erkerfenster
eines Eckhauses. Mattes Licht schimmerte durch die kleinen bleigefaßten
Scheiben des Fensters.
»Dort wohnt mein Onkel Krok, von dem ich dir erzählte. Wenn es dir
gefällt, so gehen wir zu ihm hinauf. Wohin sollen wir jetzt in dieser
Stimmung?«
»Es ist zu spät für einen Besuch.«
»Mein Onkel Krok würde um Mitternacht aufstehen und dir sieben Meilen
entgegengehen, wenn er wüßte, du wolltest ihn besuchen. Erlaubst du,
daß ich klopfe?«
Samo zuckte die Achseln.
»Tu, was du willst.«
Bohuslaw klopfte mit dem eisernen Schläger an die Tür, und bald
erschien an dem Erkerfenster der Kopf eines alten Mannes.
»Wer klopft? Bist du es, Bohuslaw? Und wer ist der andere?«
»Das ist Samo. Unser Samo!«
»Unser -- unser ...«
Dem Alten stockte die Stimme. Er warf den Fensterflügel zu und erschien
bald in der Tür mit einem Licht. Eine in einen weiten Schlafrock
gehüllte schmächtige Gestalt eilte auf Samo zu und beugte sich tief vor
ihm.
»~Fjersta! Fjersta!~«[33] rief der Alte zitternd, und ehe es sich
Samo versah, küßte er ihm ehrfurchtsvoll die Hände. »In Gottes Namen,
willkommen! Gesegnet der Tag, da meinem Hause diese goldene Ehre
widerfährt!«
Samo war bestürzt, daß er kaum etwas zu antworten wußte. Wie im Traum
trat er durch die schmale Tür, stieg er eine schmale Stiege hinauf.
Der Alte, der ihm leuchtete, stammelte unausgesetzt Worte freudigen,
ehrfurchtsvollen Willkommens.
Sie traten in das sehr geräumige Erkerzimmer. Es war erhellt durch
eine große Hängelampe von auffällig schöner Schmiedearbeit. Der große
Tisch unter der Lampe war mit Büchern und Manuskripten bedeckt. Sonst
machte das Zimmer den Eindruck des Lagerraums eines Altwarenhändlers
oder des ungeordneten Saales eines Museums. Alte Möbel, Waffen, Bilder
standen und lagen umher, von der Decke hingen seidene Tücher mit bunten
Malereien, an den Wänden waren kostbare Stickereien, in Glaskästen
allerhand kleine historische Pretiosen, geschichtliche Reliquien und
Sonderbarkeiten.
»Heilige Madonna, ich danke dir, daß ich diesen Tag erlebte! ~O
Fjersta! Fjersta!~«
Und wieder wollte der Alte Samo die Hand küssen.
Dieser wehrte ihn freundlich ab.
»Ich freue mich, daß ich bei Euch bin; aber ich bin nichts als ein
wendischer Student.«
»Ich weiß, wer Ihr seid! Der ~sorbski kral~, der kommen wird. O seht,
wenn ich auf unserer heiligen slawischen Erde reise und sehe, wie schön
und reich sie ist, ich finde alles: ich finde große Berge und weite
Ebenen, Städte mit alten Domen und heiligen Gräbern, Wiesenflächen
mit singenden Dörfern, ich finde alte Nationalschätze und habe davon
manches gesammelt, ich finde eine stolze Jugend, die an ihr Slawentum
glaubt, ich finde Dichterwerke und Weisheitswerke und Silber und Gold
und Edelstein -- aber ich finde das nicht, wonach ich mit meinen alten
Augen immer noch suche: ich finde keinen slawischen König. Und nun ist
er hier! Und nun ist er hier!«
Der Alte fing so heftig an zu zittern, daß ihn sein Neffe nach einem
der großen Lehnstühle führen mußte. Auch Samo faßte es an wie ein
Taumel, und er setzte sich langsam und schwer auf einen Stuhl an dem
großen Tisch.
Eine tiefe, tiefe Stille kam. Der Alte blickte auf den jungen
Königssohn wie ein Vater, dem in frühen Jahren ein Sohn, das Kleinod
seiner Ehre und seiner Hoffnung, geraubt worden ist, dem die goldene
Wahrheit und Gewißheit seines Lebens in graue, neblige Ferne entwich,
der mit heißen Augen und nimmermüdem Fleiß suchte durch die besten
Jahre seines Lebens und endlich müde heimkehren mußte mit winzigen
Andenken und ungewissen Anhalten, ein Träumer sitzt am einsamen Tisch
-- und dem mitten in der Nacht im Sternenschein der Sohn als ein
kommender Sieger wiederkehrt.
»~Fjersta!~«