Jetzt blinzelte sie ins Sonnenlicht und dachte nach. -- --

»Birnbaum steht im weiten Felde,

Weiße Steine liegen drunter ...«

Hanka sang im Hause. Die Alte hörte aufmerksam zu und sprach bei sich:

»Mit dem Mädel wird vielleicht etwas zu machen sein.«

Nun hörte sie drinnen ein Gespräch. Samo unterhielt sich mit Hanka.

»Das ist ein hübsches Lied. Wir singen es etwas anders. Du hast es von

den Böhmischen«, sagte Samo.

»Ich weiß es nicht, ich habe es so gelernt«, erwiderte Hanka.

»Weißt du, was es bedeutet?«

Sie lachte.

»Meinst du, ich bin so dumm, daß ich nicht weiß, was ich singe?«

»Oh, das Lied ist gar nicht so leicht zu verstehen. Oder was denkst du

dir unter dem Pfau, der seine Federn verliert, und unter dem Mädchen,

das den Rautenkranz flicht?«

»Nichts! Es ist eben ein Pfau. Ich weiß, daß es eigentlich etwas

Trauriges ist, weil der Rautenkranz sowohl der Brautkranz wie der

Totenkranz ist; aber ich will nicht daran denken.«

»So -- ja so! Ich finde, Hanka, du bist blässer, als du sonst warst.

Schläfst du nicht gut oder fehlt dir sonst etwas?«

Sie seufzte.

»Ich weiß nicht, was mir fehlt. Ich kann nicht mehr so lustig sein.

Vielleicht habe ich die Heimkrankheit.«

»Hanka, ich möchte so gern, daß es dir bei uns gefällt. Ich möchte dir

alles verschaffen, was du willst, dir alles von den Augen absehen.«

»Ja, Samo, du bist ein guter Mensch!«

Er lachte bitter.

»Guter Mensch! Ich habe kein Glück. Ich bin nicht so schön und fein und

geschniegelt wie -- wie zum Beispiel mein Bruder Juro. Nicht wahr, der

gefällt dir gut?«

»Er muß mir wohl gefallen. Es ist ja meine Pflicht, da ich ihn doch

heiraten soll!«

Das Mädchen sagte es mit stockender, beklommener Stimme.

»Kein Mensch kann dich dazu zwingen, kein Mensch«, sagte Samo erregt.

»Es ist dein freier Wille. Du kannst ebensogut einen -- einen andern

nehmen.«

Das Mädchen stieß einen langen Seufzer aus. Da trat jemand in die

Stube, und das Gespräch brach ab.

* * * * *

Am Nachmittag desselben Tages traf die alte Wičaz wie von ungefähr Samo

auf einem Feldweg.

»Laß die Geschichte mit den Wanzen,« sagte er zu ihr; »mein Bruder

Juro will euch rauswerfen; aber ich werde schon sehen, daß ihr eure

Kamorka[23] behaltet.«

»~Druga ruka

Druga gluka!~«[24]

sagte die Sprichwörter-Wičaz. »Der Herr Samo ist ein freundlicher Herr.

Vielleicht kann ich ihm dankbar sein. Ich habe die Karten aufgeschlagen

und weiß wohl manches, was für den Herrn Samo gut wäre, auch zu wissen.«

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

»Laß nur das mit den Karten! Ich will das nicht!«

Das Weib ging ein Weilchen schweigend neben Samo her. Plötzlich sagte

sie halblaut:

»Zwei Adler fliegen aus dem Wendenland. Einer kommt zurück und baut

sein Nest. Einer stürzt in den Lóbjofluß«[25].

»Was meinst du damit?« fragte Samo überrascht.

Die Alte antwortete mit einem Spruch:

»Wem Gott wohl will,

Dem kommt's im Schlafe;

Wem Gott nicht wohl will,

Dem fällt's vom Löffel.«

Samo blieb stehen und sah der Alten scharf ins Gesicht.

»Ich glaube, daß ich dich verstehe. Aber ich weiß nicht, ob ich dir

trauen darf.«

»So erlaube mir der junge Herr, daß ich ihm die Karten lege. Ich werde

dann in seine Seele sehen und er in meine.«

Samo sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Er setzte sich also auf

einen Rand des tiefen Feldweges und wies mit stummer Gebärde der Alten

ihren Platz gegenüber an. Sie zog ein Päckchen schmutziger Karten, auf

die allerhand mystische und allegorische Bilder gezeichnet waren, aus

der Tasche, mischte sie und ließ Samo abheben. Er tat es und wischte

sich gleich darauf die Hand am Grase ab.

Die Alte breitete die Karten vor sich auf den Wegrand, kniete davor,

fuhr mit dem Finger über die Karten, brummte allerlei vor sich hin und

sagte dann:

»Der junge Herr wird bald sein Examen sehr gut bestehen.«

Samo lachte.

»Das denkst du dir. Da hast du was davon läuten hören.«

»Es steht in den Karten«, sagte die Wičaz ernst.

Dann suchte sie wieder lange mit ihrem dürren gelben Finger und fuhr

fort:

»Der junge Herr liebt ein wendisches Mädchen!«

Sie sah dabei Samo an, der sehr rot wurde. Da war die Alte schon wieder

bei den Karten.

»Das Mädchen ist für einen andern bestimmt; der junge Herr wird viel

Kämpfe bestehen müssen, aber er wird das Mädchen erringen, weil es das

Volk will.«

»Was heißt das: weil es das Volk will?«

Samo fragte es schnell und erregt.

»Der junge Herr wird der Kral werden!« sagte die Alte sehr ernst.

Da sprang Samo auf, und seine flackernden Blicke suchten die Umgebung

ab.

»Bist du toll, Wičaz,« sagte er im Zischton, »du weißt, daß ich einen

älteren Bruder habe.«

»Mit dem Kopfe werfen wie ein Herrenpferd, das frommt nicht zum Glück.

Das Volk wird ihn nicht mögen, es wird den Herrn Samo wollen. Zwei

Adler fliegen aus vom Wendenland. Einer kommt zurück und baut sein

Nest, der andere ertrinkt im deutschen Fluß.«

»Du redest ja wie eine Weise, Weib!« rief Samo in höchster

Überraschung. »Woher hast du diese Gedanken?«

Die Alte lächelte.

»Ich lese in den Karten und ich lese auch in den Herzen. Ich komme weit

herum. Ich kenne viele Leute und sage ihnen ihre Zukunft. Soll ich Euch

noch mehr prophezeien?«

Er wehrte ab. In angestrengtem Nachdenken saß er da. Ein tiefes, grünes

Feuer glimmte in seinen Augen, die einen neuen Weg sahen.

Eine ganze Weile sagte er nichts.

»Ihr legt vielen Leuten die Karten?« fragte er dann.

»Es sind wenig Bauern auf dem Wege von hier nach der Stadt, und es

ist keine Bäuerin, der ich nicht die Karten gelegt hätte. Alle jungen

Männer kommen zu mir, auch viele Burschen, und in der Stadt habe ich

eine Stube, wo ich alle Freitage und an jedem 7., 13. und 17. des

Monats die Karten aufschlage; da sind oft an die dreißig, ja fünfzig

Leute bei mir.«

»Wenden?«

»Ich spreche nicht Deutsch.«

Samo nickte.

»Ihr verdient viel Geld?« fragte er leichthin.

Sie lächelte.

»Vom Botengehen wollte ich nicht leben. Die Bäuerin gibt mir für

einen schweren Korb, den ich ihr aus der Stadt mitbringe, einen

Silbergroschen, und wenn ich ihr auf ein paar Minuten die Karten

aufschlage, gibt sie fünf Silbergroschen. Nur mein Lobo darf nicht

wissen, was ich verdiene. Ich will ihm einmal eine kleine Wirtschaft

kaufen, wenn er erst ein ordentliches Weib hat.«

»Wenn Ihr Geld habt, warum wohnt Ihr in der kleinen Kamorka bei uns?«

Die Wičaz lächelte überlegen.

»Die Kartenlegerin muß arm sein,« sagte sie, »muß in einer Kamorka

wohnen. Und sie muß Wanzen haben. Das gehört dazu. Und in Eurer Kamorka

wohne ich, weil ich eben beim Kral wohne.«

»Ah -- ich verstehe Euch!«

Samo betrachtete das Weib mit steigender Verwunderung und mit großem

Interesse. Aber er beherrschte sich und sagte wieder leichthin, ja

spöttisch:

»Nun, ich kann mir wohl denken, was die Leute auf dem Herzen haben und

was Ihr ihnen weissagen müßt: ob man das ~čelatko~[26] großziehen oder

besser dem Fleischer verkaufen soll, wieviel Junge die ~ranca~[27]

bekommen wird, und vor allem, ob der Jakub der Maruška treu ist und ob

der Pilip die Marja kriegen wird.«

Die Alte war nicht gekränkt.

»Ja, das fragen sie wohl. Die Burschen fragen mich, ob sie beim Militär

Gefreiter werden können, und die Mädel, ob sie im grünen Rautenkranz

zum Traualtar gehen werden; die Männer, ob ihre Wirtschaft in die

Höhe gehen wird, und die Weiber, was sie tun sollen, daß sie der Mann

nicht prügelt. Und ich sag' ihnen immer das Richtige. Sie fragen mich

auch, wo der billigste und beste Kaffee zu haben ist und von welchem

Kaufmann die Schürzenbänder am besten halten. Sie zahlen immer fünf

Silbergroschen dafür. Und die Kaufleute wissen mich zu schätzen. Ich

habe stets besseren Kaffee getrunken als die Frau Mutter.«

Samo staunte über die menschenkundige Alte.

»Ihr seid ein siebenmal schlaues Beest«, sagte er. »Aber warum wollt

Ihr nur durchaus beim Kral wohnen?«

»Alles, was vom König kommt, hat Ansehen.«

»Habt Ihr auch manchmal Botschaften zu bringen -- ich meine wendische

Nachrichten?«

»O ja -- der Herr Vater hat mir immer vertraut. Ich habe manches

auszurichten gehabt, und einmal hat ein Deutscher in der Stadt auf

mich gesagt: Sieh da -- das ist der wendische Staatskurier, das ist

die Geheimrätin Wičaz! Ich habe ihn ausgelacht und gesagt, der Scholta

vertraue mir nicht einmal an, ein paar Hühner zu verkaufen.«

»So seid Ihr verschwiegen. Nun sagt mir, von wem habt Ihr das Gleichnis

von den zwei Adlern?«

»Ich habe es aus den Karten gelesen.«

Samo machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Nun, so nehmen wir an, es ist mir eingefallen, wenn ich auf den weiten

Wegen allein war, und es fiel mir immer ein, wenn ich in den Hof des

Kral kam. Da sah ich es mit offenen Augen.«

»Erzählt Ihr dieses Gleichnis auch anderen Leuten?«

»Ich habe es noch nicht erzählt. Ich wollte es nicht sagen, daß der

eine in dem Lóbjofluß ertrinken wird; sie würden sich sonst zu sehr

freuen.«

»Freuen? Über diesen Untergang?«

»Ja; denn der eine Adler hat scharfe Krallen und läßt sie die Wenden

fühlen, wo er nur kann. Er kratzt, bis es blutet.«

Samo nickte und sah die Alte versonnen an.

»Und der andere?« fragte er leise.

»Der andere wird im Wendenland wohnen und herrschen.«

Sie schwieg. Und er schwieg.

»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, alte Wičaz«, sagte er endlich und

gab ihr einen Taler.

Da sah sie ihn durchdringend an und sprach:

»Ich werde die Geschichte von den zwei Adlern jetzt überall erzählen,

in allen Bauernstuben, allen Kleinbauern und Häuslern -- auch den

Wenden in der Stadt.«

Er gab ihr noch einen Taler.

Eine Woche später trat Juro durch das Feldtürchen in den Großgarten.

Es war Abendzeit. Die stille Melancholie des Herbstes war über allen

Feldern und Wegen und war auch in dem Herzen des jungen Mannes, der

drüben bei der Geliebten gewesen war und von ihr Abschied genommen

hatte.

Morgen reiste er nach Breslau zurück. Die Ferien neigten sich dem Ende

zu.

Er hatte wieder mit Elisabeth gesprochen: von seinen Plänen, von der

Zukunft. Er hatte ihr nicht gesagt, wie sehr der Vater gegen die Heirat

sei; denn er hoffte, den stillen Mann schon noch für sich zu gewinnen,

aber er hatte ihr doch wieder schwere Kämpfe in Aussicht gestellt.

Und da hatte sie ihn das erstemal gefragt: ob er denn sein Werk nicht

zu heftig angreife, ob er nicht mit mehr Geduld und Nachsicht die

Herzen der Wenden eher gewinnen und besser an sein Ziel kommen werde.

Herzlich hatte er gelacht, als sie sagte, sie ängstige sich oft um

ihn; denn es gebe doch rohes, rachsüchtiges Volk. Nein, hatte er

gesagt, er wolle nicht mit Geduld ans Ziel kommen. Geduld sei etwas

für müde, rückständige Leute. Die Geduld, mit der die Regierung diesen

Verhältnissen seit Jahrhunderten zuschaue, die Geduld, mit der der

Wende seit tausend Jahren schläfrig und denkfaul in seinem Waldwinkel

hocke, sie sei schuld an diesen Zuständen. Er kämpfe wie ein Deutscher,

er erkläre laut und rücksichtslos den Krieg und greife dann den Gegner

von vorn an ohne Maske und Schliche, nachdrücklich und kaltblütig.

So hatte er wieder einmal in Worten und Ideen geschwelgt.

Dann aber war die fernere Zukunft ganz in die Ferne entwichen und in

ihrem jungen Herzen nur das lebendig gewesen, was ihnen unmittelbar

bevorstand.

Seufzer und Küsse, Zärtlichkeiten und Treueschwüre, die Vereinbarung

einer Stunde, in der sie täglich aneinander denken würden, wo und in

welcher Lage sie sich auch befänden, eine Blume, ein blaues Band, eine

Locke -- alle diese Dinge, die in den Abschiedsstunden junger deutscher

Liebesleute ihre süßschmerzliche Rolle spielten, sie hatten auch hier

nicht gefehlt.

Und nun, als Juro in den heimischen Garten trat, war er wie in

der Fremde, das Herz war ihm so voll von Liebe und Leid und

Zukunftsträumen, und die Gedanken gingen die abendlichen Wege zurück zu

der Geliebten, die ihm nun mit ihrer süßen Mädchenliebe gewiß traurig

nachschaute. -- -- --

»Birnbaum steht im weiten Felde,

Gold'nes Ringlein schläft darunter,

Von dem Turme schallt die Glocke,

Mädchen macht ein Federkränzlein.«

Der leise Gesang schreckte Juro auf. Er sah Hanka drüben in der Nähe

der Haustür unter einem Baume sitzen. Sie bürstete Schuhe ab. Und

als er näher kam, sah er, daß es seine eigenen Schuhe waren, die er

tags zuvor getragen hatte, als er bei Elisabeth war, und die auf

regendurchweichtem Wege recht schmutzig geworden waren.

Es war ihm arg unangenehm, das zu sehen, und ob er sonst wenig, fast

nie mit dem Mädchen sprach, blieb er jetzt bei ihr stehen und sagte

halb freundlich und halb ärgerlich:

»Das sind ja meine Schuhe! Warum bürstest du sie ab? Das kann doch ein

anderer machen. Wozu sind denn die Dienstleute da?«

Sie war bei seiner Ankunft erschrocken. Nun wurde sie so knallrot, daß

er bei sich dachte, sie habe doch eigentlich ein recht gewöhnliches

Gesicht. Sie gab keine Antwort.

»Warum machst du das?« fragte er wieder und nahm ihr den Schuh aus der

Hand. Er wußte gar nicht, daß er wendisch mit ihr sprach.

»Mache ich es nicht gut?« fragte sie.

»Darauf kommt's nicht an! Es ist keine Arbeit für dich. Du bist meine

Verwandte!«

Da sah sie ihn groß an, und ihr Gesicht wurde blässer und schöner, und

sie sagte:

»Laß mich's nur tun! Ich tue es gern.«

Und dann schluckte sie ein paarmal und brachte heraus:

»Denn ich bin doch deine Braut!«

Da trat er langsam einen Schritt zurück und lehnte sich an den Baum.

»Was sagst du? Wer -- wer hat dir das gesagt? Hat dir das wirklich

jemand gesagt?« fragte er mit erstaunter, schmerzlicher Stimme.

Nun kam die Scham über sie, und sie wollte ins Haus laufen. Er hielt

sie aber zurück.

»Bleib, Hanka, es ist gut, wenn wir miteinander reden. Morgen muß ich

fort.«

Sie nickte traurig.

»Du hast fast nie mit mir gesprochen. Du bist so fein und so stolz!«

»Ich bin nicht fein und stolz. Ich will mit dir alles ordentlich und

vernünftig besprechen. Komm mit, dort unter den Nußbaum!«

Sie gingen tiefer miteinander in den Großgarten hinein. Unter dem

Nußbaum war eine Bank. Er setzte sich und lud sie ein, neben ihm Platz

zu nehmen. Aber sie weigerte sich und blieb mit gesenktem Haupte vor

ihm stehen. Durch das Gezweig des Baumes fielen rote Lichtfunken

auf ihren schlichten, blonden Scheitel, und Juro sah, daß Hanka ein

kraftvolles, gesundes, hübsches Mädchen war. Da faßte ihn ein Unbehagen

und eine Trauer, und er sagte:

»Ich finde es unerhört, dir solche Dinge vorzureden. Nicht wahr, Hanka,

du selbst hast nie daran gedacht?«

»Wie sollte ich wohl? Ich habe dich gar nicht gekannt!«

»Und wer hat dir das vorgeredet?«

»Deine Mutter hat es mit meinen Eltern besprochen, als sie mich

abholte, und dein Vater hat es auch gesagt.«

Er nahm den Hut ab und fuhr sich nervös durch die Haare.

»Wie alt bist du, Hanka?«

»Achtzehn Jahre.«

»Das ist sehr jung! Aber das weißt du doch, daß zwei Menschen nicht von

Vater und Mutter miteinander verheiratet werden können, daß es auf sie

selber ankommt?«

»Ich habe meinen Eltern immer gehorcht.«

Er haschte nach ihrer Hand. Hart und schwer lag sie in seiner feinen

Rechten.

»Du bist ein gutes Kind, Hanka! Aber sieh mal, wenn man sich heiraten

soll, muß man sich doch liebhaben, nicht wahr? Du hast gewiß einen

schönen Burschen in deiner Heimat lieb.«

Sie erglühte.

»Siehst du, Hanka, und du brauchst mir das gar nicht zu sagen. Aber ich

verspreche dir, daß ich dafür sorgen werde, daß dich niemand mehr mit

solchen Dingen belästigt; ich verspreche dir, dafür einzutreten, daß du

deinen Liebsten heiraten kannst.«

Da sagte sie:

»Ich habe keinen Liebsten!«

»Du hast keinen?«

»Nein, ich habe immer gehört, daß ich -- daß ich ...«

»Daß du mich heiraten mußt!« vollendete er. »Aber, Hanka, das ist nicht

so, dazu kann dich kein Mensch zwingen, auch dein Vater und deine

Mutter nicht. Dazu bist du nicht verpflichtet, weder vor Gott noch vor

den Menschen! Am wenigsten bist du es mir schuldig! Damit du aus allen

Zweifeln herauskommst, will ich dir sagen, Hanka: ich habe schon eine

Braut!«

Da hob sie jäh den Kopf und starrte ihn erschrocken an.

Sie brachte kein Wort heraus.

»Ja, Hanka, ich muß es dir sagen, daß du im klaren bist. Freust du dich

denn nicht, daß du jetzt frei bist, daß du mich los bist?«

Er versuchte in scherzhaftem Tone zu fragen.

»Ja, liebes Mädel, jetzt bist du frei, jetzt kannst du alles auf mich

schieben. Auf meinem Rücken hat viel Platz!«

Sie zupfte an ihrem Brusttuch und sagte kein Wort. Er fragte betroffen:

»Ja, bist du denn nicht einverstanden? Freust du dich nicht?«

Da stammelte sie:

»Ja, -- ja -- ich freue mich -- ich wäre ja auch viel -- viel zu

gewöhnlich ...«

»Hanka, davon ist nicht die Rede! Ich hatte doch meine Braut schon, ehe

ich dich sah!«

Ihre Augen flogen noch mit ein paar flackernden Blicken zu ihm hin,

dann sagte sie:

»Ich muß hinein!«

Und sie ging trotz seines Zurufes.

* * * * *

Am späten Abend lehnte Juro am offenen Fenster seiner Giebelstube.

Die Herbstnacht war dunkel, ein müder Wind ging durch welkes Laub und

dürres Gras.

Dort vom Berge her grüßte der Hochwald.

Dahinter lag das Haus der Geliebten.

Morgen war er weit.

Wie still es war! Einmal nur klagte ein Vogel, dann war tiefe Ruhe.

Da drang leises Weinen an Juros Ohr.

Unten aus dem Garten.

Lehnte nicht dort ein Mädchen?

War das nicht Hanka?

»Hanka!« rief Juro leise hinab. »Hanka!«

Eine Gestalt huschte in tiefes Dunkel, und nichts regte sich mehr. Juro

lehnte noch eine Weile am Fenster, ehe er es fröstelnd schloß.

»~Budže bohu skoržene! Zrudna wutoba!~« sagte er in seiner wendischen

Muttersprache zu sich.

»Gott sei es geklagt: Ein trauriges Herz!«

Ehe der Kral in die große Wendenschlacht zog, vergrub er die Krone,

die er zu Burg vor allem Volk getragen hatte, an einem sicheren Orte.

Im tiefsten Wald hat der Kral die Krone vergraben, an einer Stelle,

wohin kein Weg noch Fußpfad führt. Einen kleinen Hügel hat er über dem

Grabe des Königsschmuckes errichtet. Den haben die Kiefern mit langen,

braunen Nadeln zugedeckt.

Der Kronenhügel ist ein heiliger Ort.

Der Holzschläger achtet seinen geweihten Bannkreis auf hundert Schritt.

Was am Kronenhügel wächst und steht, welkt oder fällt, entsteht und

vergeht nach den Gesetzen des Urwalds.

Kein Jäger schießt am Kronenhügel ein Wild. Dort ist Gottesfriede für

Mensch und Tier.

Die alten Weiblein, die Pilze suchen, die Kinder, die im Walde spielen,

fürchten sich, allein zum Kronenhügel hinzugehen.

Selten steht ein ernster Wende sinnend an dem Hügel; die meisten wissen

gar nicht den Weg zu ihm. Sie wissen nur, in welchem Walde er liegt,

und mancher, dem sonst die Kappe fest auf den Ohren sitzt, lüftet sie

in heimlicher Stunde, wenn er einsam an dem Walde vorbeikommt. Auf

dem Hügel ist ein einzelner Stein. Er sieht aus wie ein altersgrauer

Grenzstein. Ein Hufeisen ist darauf eingedrückt.

Der Nachtjäger hat einmal Sturm geritten gegen den Hügel; aber als das

Roß den Huf auf den Stein setzte, ist ihm das Eisen glühend geworden,

und es ist mit dem Nachtjäger davongerast, und der wilde Jäger hat sich

nimmer getraut an selbigen Ort.

Seit tausend Jahren liegt die Krone des Kral in jenem kleinen Hügel.

Wann wird die Jungfrau mit der silbernen Schaufel kommen, nach ihr zu

graben?

Gott weiß es! Aber dann wird Wendenland groß und mächtig werden.

Indessen schlafe in Gottes Hut, alte Krone! Das Volk denkt an dich!

Der Schiffer tief drunten an der Spree träumt manchmal von dir, wenn

er in langsamer Fahrt durch das stille Wasser zieht; der Pflugtreiber,

der sich auf sandigem Hügelfeld im Oberland um geringen Lohn quält und

müht, ermißt in seinen einsamen Gedanken deinen Wert; im heimlichen

Kreis der winterlichen Spinnstuben wird von dir geraunt und geflüstert,

und keines dieser treuen armen Menschenkinder wird dich je verraten.

Schlaf in Gottes Hut, alte Krone, bis der junge Morgen tagt, da du

auferstehst aus deinem ehrwürdigen tausendjährigen Grabe!

Inzwischen wird die weiße Wolke, die über Wendenland segelt, oft über

dir halten und im Abendrot auf dich herniederglühen, wird der weiße

Fisch in der Sprewja im stillen Wasser stehen und nach dem grünen Walde

hinüberlugen, wo du schläfst.

* * * * *

Samo und die alte Wičaz, die sich wieder einmal von ungefähr auf dem

Felde getroffen hatten, sahen von ferne den grünen Kronenwald.

Da wies die Alte nach dem Walde hin und sagte:

»Daran will er sich auch vergreifen!«

»Woran? Doch nicht an dem Kronenhügel?«

»Ja, an dem Kronenhügel.«

»Wer? Juro?«

»Ja!«

»Pah! Das ist Unsinn! Daran wagt sich keiner!«

Die Wičaz zuckte die Achseln.

»Ich weiß es!«

»Das ist nicht möglich. Aber erzähle, was du weißt!«

Er gab ihr wieder ein Geldstück.

Die Alte duckte sich ein bißchen zusammen, wandte den grauen Kopf zu

Samo hin und sagte:

»Drin in der Stadt hat ein Kaufmann hinter seinem Laden eine Weinstube.

Da hat der Herr Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold gesessen.

Und sie haben fünf Flaschen Wein zusammen getrunken. Ihi! Die Wenden

saufen. ~Palenc je walenc~! Die Deutschen saufen nicht. Wein ist

wohl kein Umwerfer -- wie? Wein ist teuer, die Deutschen sind reich;

Branntwein ist billig, der Wende ist arm.«

»Alle Völker saufen!« sagte Samo verächtlich. »Halte mich nicht auf,

erzähl, was ich hören will!«

»Wie sie schon etwas betrunken waren, hat der Herr Juro wieder davon

gesprochen, daß er die Wenden deutsch machen will, hat über das

Wendische geschimpft und hat auch vom Kronenhügel angefangen. Das sei

ein blöder Ameisenhaufen, hat er gesagt.«

»Das hat er nicht gesagt«, fiel Samo ein, »dafür ist er zu klug.«

»Er hat es gesagt. Und dann hat er von einem deutschen Bischof

angefangen, einem ganz alten, der hat einmal eine Eiche umgehackt.«

»Bonifacius?«

»Jawohl -- so hieß er. Ich konnte den deutschen Namen nicht behalten.

Die Eiche ist den Leuten dort heilig gewesen. Und der Bischof hat sie

umgehauen, daß die Leute sehen sollten, die Geschichte mit der Eiche

sei Lüge und Plunder.«

Samo tat drei rasche Atemzüge.

»Und so -- so will sich Juro an dem Kronenhügel vergreifen? Etwa

nachgraben? Den Leuten beweisen, daß keine Krone in dem Hügel liegt,

dadurch ihren Volksglauben, ihre ganze Hoffnung, ihre Nationalität

zerstören?« Er sprach mehr zu sich selbst. Aber die alte Wičaz

antwortete:

»Ja, er wird den Hügel aufreißen. Er hat es gesagt.«

»Wer hat es gehört?«

»Der Kaufmann. Sonst niemand! Denn der Lehrling, den er hat, versteht

nicht Deutsch.«

»Und der Kaufmann -- wird er es nicht weitererzählen?«

»Nein. Er hat gewartet, bis ich in seinen Laden kam, und es erst mir

erzählt; denn ich verschaffe ihm viel Kundschaft. Und er weiß, daß Juro

der Sohn vom Kral ist, bei dem ich wohne. Ich habe ihm gesagt, er dürfe

es niemand weitererzählen, was er gehört hat.«

»Warum?«

Die alte Wičaz zuckte die Achseln.

»Ich wollte Euch erst fragen, Pan Samo!«

Er antwortete nicht. Er blieb stehen, und seine Augen hafteten am Boden.

»Wenn Ihr wollt, Pan Samo, so wissen es in acht Tagen alle Wenden«,

sagte sie in lauerndem und vertraulich klingendem Tone.

Er wehrte heftig ab.

»Nein! Es darf niemand wissen, -- niemand -- hörst du? -- Oder du

fliegst aus dem Hof, -- hörst du? -- Ich will es nicht! -- Er ist mein

Bruder! -- Und ich -- ich glaube überhaupt nicht, daß er das gesagt

hat. Geh jetzt!«

Er machte wieder seine wegwerfende Handbewegung. Die alte Wičaz starrte

ihn an und wußte nicht, was sie zu dieser Veränderung sagen sollte.

»~Tý plundrawa!~[28] Scher' dich zum Teufel!«

Sie wandte sich erschreckt ab.

Da rief er sie noch einmal an.

»Ich will keine Vertraulichkeiten mit dir, verstehst du? Das ist

selbstverständlich! Das gibt es nicht! Ich habe mit dir nichts zu

schaffen. Gar nichts! Natürlich nicht! Und was du mir gesagt hast, ist

alles Unsinn! Altweiberquatsch! Wičaz, ich sage dir, halte dich fern

von Juro und mir! Sage nicht so -- sage nicht anders. Sage gar nichts!

Dann kannst du auf dem Hof wohnen bleiben, und es bleibt alles, wie es

war. Sonst -- du weißt, ich bin der einzige, der dich halten kann.«

Er wandte sich ab und schlug rasch einen Seitenpfad ein. »Herrendienst

ist rund«, sagte bestürzt die »Sprichwörter-Wičaz«. Aber nach einer

Weile, als sie nachgedacht hatte, sprach sie schlau blinzelnd bei sich

selbst: »~Stóž je z kóčdu wločil, najljepe wje kak čelńe.~«[29]

Über die ehrwürdige Karlsbrücke im »goldenen Prag« gingen zwei junge

Männer. Es war bereits Nacht. Die »argandischen Lampen« der damaligen

Straßenbeleuchtung erhellten den Weg nur schwach und unvollkommen; hin

und wieder nur blitzte die Laterne eines Kahns vom dunklen Moldauwasser

herauf; der Hradschin aber, die heilige Akropolis von Prag, lag in

Sternenlicht und hob sich zauberisch schön von dem dunkelblauen

Nachthimmel ab.

»Wie fühlst du dich in der Tschamarka?« fragte der eine der jungen

Männer.

»Ich bin glücklich!« sagte darauf der andere.

Es war Samo. Er war, ehe er nach Breslau zurückkehrte, nach Prag

gefahren, um einige Tage bei guten Freunden zu sein, die er

früher in Breslau kennengelernt und mit denen er einer slawischen

Geheimverbindung angehörte.

Der andere betrachtete ihn von der Seite.

»Sie kleidet dich trefflich. Ha, sie haben uns auch diese

Nationaltracht nehmen wollen; jahrelang durften wir uns in der

Tschamarka nicht sehen lassen, -- jetzt wird es wieder anders!«

Samo betrachtete sich. An dem bunten, mit vielen Schnüren, Bändern und

Litzen verzierten Rock schaute er hinab bis auf die Stiefel, die ihm

bis an die halbe Wade reichten. Und er rückte an dem runden slawischen

Hut, den er trug.

»Ich fühle mich wohl in diesem slawischen Ehrenkleide, und ich

wünschte, daß alle Böhmen es trügen«, sagte er.

»Hab nur Geduld; bald wird es so sein.«

Bei der Nepomuk-Statue blieben sie stehen.

»Es ist eigentlich schade, daß ihr Protestanten seid«, sagte der Prager.

Samo zuckte die Achseln.

»Religion läßt sich ändern, Nationalität nicht«, sagte er gleichgültig.

»Das heißt, -- verstehe mich nicht falsch«, rief der zweite darauf,

»ich meine nur, es ist schade für die Einheitsbestrebungen! Sonst weißt

du wohl, daß ich kein Freund der Pfaffen bin. Ach du, -- wenn wir noch

Hussiten wären! Da wäre alles anders!«

Sie lehnten sich an die Brückenbrüstung und schauten hinunter zur

dunklen Moldau.

»Ich sage dir, Samo, ich kann keine Hussitenfahne sehen, ohne daß ich

toll werde. Und wenn die ~pamatka mistra Jana Husi~[30] kommt, da weiß

ich, da wissen Tausende und aber Tausende hier im Lande, zu welcher

Religion wir eigentlich gehören sollten. Dann wallt sie wieder auf,

die schwarze Fahne mit dem roten Kelch, und ich sag' dir, Tausende

von treuen Papisten kommen in inneren Zwiespalt, weil sie den als

religiösen Ketzer verdammen sollen, den sie als nationalen Helden

vergöttern müssen. Denn so wie Jan Hus hat selten einer die Deutschen

gehaßt.«

»Keiner, es sei denn Ziška«, sagte Samo. »Wie Hus mit Hilfe Wenzels

alle deutschen Studenten aus Böhmen verjagte, wie er am Tage ihrer

Vertreibung einen Jubelhymnus von der Kanzel sprach, das war herrlich!«

Der andere seufzte.

»Die Jesuiten haben die vertriebenen deutschen Hunde wieder

zurückgebracht, und heute bellen sie frecher als je.« Eine Weile

schwiegen die Jünglinge. Da schlang der Prager den Arm um Samos Nacken

und sprach: »Oh, Samo, wenn ich den Brüdern sagen könnte, wer du bist!

Wenn ich jetzt auf unserer großen Beseda den Brüdern zurufen könnte:

Sehet da einen slawischen Königssohn, sehet da den zukünftigen Kral der

Lausitzer Sorben, sehet da den König unserer unerlösten Brüder an der

Sprewja!«

»Ich bin es nicht«, entgegnete Samo finster; »mein Bruder ist es, der

Renegat.«

»Du bist es, und dein Bruder wird es nie sein!« sagte der andere

feierlich.

Darauf gingen sie weiter und traten zuletzt in den hell erleuchteten

Hausflur eines Gasthauses der Altstadt. An der Treppe bereits kamen

ihnen einige Leute entgegen, die auch die tschechische Tschamarka

trugen, und begrüßten sie mit Herzlichkeit. Die Tür eines großen Saales

war mit Lindenzweigen und vielen kleinen rot-weiß-blauen Fähnchen

geziert. Die Wände des Saales waren festlich geschmückt. Überall rot

und weiß, die tschechischen Nationalfarben, überall Zweige von der

Linde, dem heiligen Baum der Slawen. Das rote und gelbe Herbstlaub nahm

sich bunt und schön aus auf dem grünen Untergrund von Tannenzweigen. An

einer Wand war ein Podium mit einer Rednertribüne aufgeschlagen. Über

der Podiumswand prangte die goldene Wenzelskrone; darunter waren die

Wappen der »slawischen« Länder: der böhmische weiße Löwe, der Adler

Mährens, der schwarze schlesische Aar, der gekrönte weiße Adler Polens,

auch das Schachbrettwappen der Kroaten und der doppelköpfige Aar der

südslawischen Serben. Was aber Samo mit tiefer Rührung erfüllte, war,

daß auch die Wappen seiner wendischen Heimat nicht vergessen waren,

die Oberlausitzer goldene Mauer im blauen Feld und der Niederlausitzer

rote Stier auf weißem Grund. Auf einer Seite des Podiums die rot-weiße

böhmische Flagge, auf der anderen die rot-weiß-blaue »slawische

Trikolore«.

Ein buntes Menschengewühl im Saal. Viele Männer in der böhmischen

Tschamarka, viele in der komödiantenhaft bunten Tracht der nationalen

Sokolvereine, hier ein Pole in der Konfederatka, dort ein Hanak

in grellrotem Gewand mit blauem Mantel, da ein Bulgare mit der

Tschubaramütze aus Pelzwerk; sogar ein Montenegriner ist da, dem Dolch

und Pistole im Gürtel stecken. Die Mädchen tragen slawische Mieder, mit

rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen geschmückt, viele haben Kränze

von Lindenlaub im Haar.

Man spricht nur das Tschechische, das auch die anderen slawischen

Stämme notdürftig verstehen. Samo, der die tschechische Sprache völlig

beherrscht, wird von seinem Freunde Bohuslaw vielen Leuten vorgestellt,

von allen mit großer Freundlichkeit und vielem Interesse behandelt.

Wie es mit der deutschen Bedrückung bei den sorbischen Brüdern an

der Spree stehe, ob es wahr sei, daß Budissin in Sachsen noch eine

ganz slawische Stadt sei, und ob die Lausitzer auch nie vergessen

würden, daß sie zu Böhmen gehören, slawisches Blut zu slawischem Blut,

slawisches Land zu slawischem Land? Hier im »goldenen Prag« seien die

nördlichen Brüder unvergessen, wie ja auch ihre Wappen an der Wand

andeuteten. Samo redete wenig, aber er drückte allen mit leuchtenden

Augen die Hand.

Dann begann die Feier. Sie wurde mit dem alten Wenzelsliede

eingeleitet, das alle Anwesenden stehend sangen: »~Svaty Václave~«.

»Heiliger Wenzeslaus,

Herzog des Böhmerlands,

Du unser Fürst,

Bitt für uns bei Gott!«

Stolz stehen sie da und singen das alte Kirchenlied. Aber sie denken

wohl nicht an den frommen, milden Heiligen, der so demütig war, daß er

den Weizen selbst säte, erntete, mahlte, aus dem er die Hostien buk,

daß er den Wein selbst kelterte, den er zum heiligen Opfer brauchte.

Vergessen das Bild frommen Friedens; Wenzeslaus ist diesen Leuten

der geistige, politische Führer geworden, weil er der Träger der

Wenzelskrone war.

Und die glühenden Augen hängen an dem Abbild der alten Krone, die dort

zwischen Heimatsfahnen und Lindenlaub zu sehen ist; der milde Heilige

ist zum Bannerträger geworden, zum Schutzpatron im Kampfe gegen die

Deutschen; und in dem Liede, das vom Heiligen Geist spricht und von

der Schönheit des Himmels, bitten diese Leute um irdisches Heil, um

politischen und sozialen Sieg.

Das Lied verhallt. Die Menge setzt sich nieder. Ein ziemlich junger

Mann besteigt die Rednertribüne.

»Heil dem slawischen Volke!« beginnt er und begrüßt »die slawischen

Brüder«, die zum Teil weither gekommen seien vom fernen Südland, wo

der rohe Türke die Brüder knechte seit Jahrhunderten, und vom Norden,

wo es am Fluß der Sprewja den Slawen nicht viel besser ergehe.

Die Menge klatscht Beifall; viele Leute sehen auf Samo. Der sitzt

regungslos da. Er möchte mit dem Kopf nicken; aber er bringt es nicht

fertig, weil ihm im gleichen Augenblick sein Vater einfällt, der ein

zufriedener Preuße ist.

Bedrückung überall, fährt der Redner fort, Ungerechtigkeit,

Vergewaltigung durch die rohe Übermacht! Nicht die geistige Übermacht!

Denn geistig waren die Slawen den Germanen immer überlegen!

Ein starker Beifallssturm der anwesenden Slawen bestätigt diese

bescheidene Behauptung.

Als die Deutschen noch lebten wie die Tiere, als sie Eicheln fraßen,

sich in Felle hüllten und Ochsenhörner auf dem Kopfe trugen, waren die

Slawen längst in viel höherer Kultur. Und wir Slawen sollen unseren

geistigen Besitz den Deutschen verdanken?

Stürmischer Widerspruch.

Eingenistet haben sie sich in dieses Land, das Gastrecht haben sie

gemißbraucht! Denn den Slawen ist der Gast heilig. »Hast du einen Gast

im Haus, so hast du Gott im Haus«, das ist immer und ewig der slawische

Grundsatz gewesen. Aber der Gast betrog uns, er machte sich zum Herrn!

Er betrog uns um die Herrschaft, um unser leibliches Gut. Wie haben

aber die Deutschen erst geistig gestohlen und gefälscht! Wer ist der

Feldherr Wallenstein, der ihr Land vor den Ausländern rettete? Ist er

nicht der Tscheche ~Valdstyn~? Wer ist ihr gefeierter Feldmarschall

Radetzky, dem sie so ungeheuer viel verdanken? Ist er nicht unser

slawischer Bruder Hradecky? Hat nicht ein Tscheche die Buchdruckerkunst

erfunden? War nicht der große Jan, der diese unsterblichste aller

Künste erfand, ein Ausgewanderter aus unserer böhmischen Stadt

Kuttenberg? War es nicht eine Frechheit sondergleichen von den

Deutschen, ~anno~ vierzig die Buchdruckerkunst als +ihre+ Erfindung zu

bezeichnen, aus einem Jan Kuttenberg einen Johann Gutenberg zu machen?

Aber laßt sie nur ihr ›Gott erhalte Franz den Kaiser‹ brüllen; Joseph

Haydn hat die Melodie den Tschechen gestohlen, und das wird noch an

den Tag kommen! Was haben die Deutschen nicht alles von uns! Stammt

nicht ihr Dichter Lessing aus dem wendischen Dorfe Kamenz; ist er also

nicht ein Slaw? Hat nicht Karl Maria von Weber seinen »Jungfernkranz«

den Tschechen gestohlen? Und da wollen die Deutschen sagen, wir hätten

keinen großen Dichter, keinen großen Musiker?« Es gab wieder starken

Beifall. Nur Samo und sein Freund Bohuslaw saßen mit niedergeschlagenen

Augen da. Bohuslaw wußte, daß die kuriose Beweisführung des Redners

seinem klugen Freunde peinlich war.

Der Redner fuhr fort: »Wofür sollen wir uns bei den Deutschen bedanken?

Dafür, daß sie uns zu knebeln versuchten, daß sie unsere Sprache,

unsere Sitte, unsere Freiheit verfolgten, unsere Söhne auf ihre

Schlachtfelder schleppten, dafür, daß der preußische Barbar Friedrich

~II.~ unseren heiligen Hradschin beschoß, allein an einem Tage

eintausendfünfhundert Kugeln gegen unseren Dom richten ließ, dafür,

daß wir selbst die Gebeine des heiligen Jan von Nepomuk vor ihm in

Sicherheit bringen mußten?«

Tosende Zwischenrufe. Der Redner erhob die Stimme zu größter

Kraftentfaltung. Er brüllte:

»Sollen wir uns bei den Deutschen dafür bedanken, daß sie uns unseren

großen Magister Jan Hus heimtückisch ermordeten?«

Brausende Bewegung.

»Warum haben sie ihn ermordet? Wegen seiner kirchlichen Lehre etwa?

Manch einer hat freiere Dinge gelehrt und blieb am Leben und blieb in

Ehren. Warum haben sie Luther geschont und Jan Hus verbrannt? Weil

Luther ein Deutscher war und Jan Hus ein Böhme!«

Jetzt sprangen viele auf. Auch Samo und Bohuslaw. Und sie standen

da mit wogender Brust und leuchtenden Augen. Spazierstöcke mit dem

Ziška-Knopf wurden hochgehoben, und das Symbol der Hussitenkeule

schwebte in der Luft.

»Darum haben sie ihn ermordet«, rief der Redner, »weil er die Deutschen

haßte, wie sie es verdienten, weil er eines Sinnes, einer Seele war mit

dem slawischen Volk, weil seine Donnerstimme die deutschen Studenten

aus dem Lande scheuchte, weil er den deutschen Ratsherren in Prag das

Handwerk legte, weil er für unsere Muttersprache eintrat, weil er

gesagt hat: ›So wie Nehemias, als er hörte, jüdische Kinder sprächen

halb Azotisch und könnten nicht mehr rein Jüdisch sprechen, diese

geißelte, so verdienen die Prager gegeißelt zu werden, die halb Deutsch

reden!‹ Hatte er nicht recht, meine Brüder?«

Stürmische Zustimmung.

»Slawische Brüder! Jan Hus ist verbrannt worden, weil er der Feind der

Feinde seines Vaterlandes war!«

Der Redner griff blitzschnell in die Rocktasche und zog eine kleine

schwarze Fahne heraus, die Hussitenfahne mit dem roten Kelch.

Ein Teil der Versammelten heulte laut auf vor Jubel, ein anderer

schwieg. Ein katholischer Priester sprang auf das Podium, verschaffte

sich durch eine Handbewegung Schweigen und rief:

»Im Namen der heiligen Kirche muß ich protestieren gegen die Entfaltung

dieser Fahne!«

Der Redner sah ihn an.

»Nun gut«, sagte er, »ich will nicht Zwietracht säen unter die Brüder.

Ich stecke die Fahne ein. Aber ich sage, es ist notwendig, an ein

Konzil zu appellieren, daß die Akten des Jan Hus noch einmal revidiert

werden. Wir können uns in nationaler Beziehung von diesem großen Mann

nicht trennen.«

Niemand widersprach.

Noch einmal kam der Redner zu sprechen auf die großen welt- und

kulturgeschichtlichen Leistungen der Slawen. Belisar, der dem Kaiser

Justinian die Schlachten gewann, war ein Slawe, eine Unmenge deutscher

Städte sind slawische Gründungen, ja die erste Kultur Oberitaliens war

slawisch. Venedig ist weiter nichts als eine ursprünglich slawische

Stadt.

Samo rückte wieder ungeduldig auf dem Stuhle hin und her. Weiter

prahlte der Redner. Es sei heute eine Binsenweisheit, daß vor Christoph

Kolumbus längst ein polnischer Seefahrer von Island aus Amerika

entdeckt habe; in der Geschichte Christians ~II.~ von Dänemark sei

das nachzulesen. Neuerdings würde auch geprüft, ob das berühmte Buch

»Von der Nachfolge Christi« nicht einem Slawen statt Thomas a Kempis

zuzuschreiben sei. Schließlich kam der Redner auf Rußland zu sprechen,

von dessen Stärke allein die Auferstehung slawischer Macht zu hoffen

sei. Hoffen wir auf den Zaren!

»~At' žije!~«[31] rief die Menge begeistert dazwischen.

»Ja,« schrie der Redner, »ich halte es mit unserem großen

Havlitschek-Borowsky: ›Lieber die russische Knute als die deutsche

Freiheit!‹«

Es gab Beifall, in den allerdings die anwesenden Russisch-Polen nicht

einstimmten.

Eine Schlußapotheose des Slawentums, die dem sprachgewandten Redner

gut gelang, und in der sich die Schönheit und der Reichtum der

tschechischen Sprache offenbarte.

Und der Redner schloß, indem er zu singen anhub:

»~Kde domov muj?~«

»Wo steht mein Vaterhaus?«

Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald · 第 21 / 38 题