Samo ging allein durch die Seitengasse. -- -- --

Der Kral schritt hochaufgerichtet seines Weges. Sein Gesicht war

ebenmäßig feierlich. An diesem schweren Tage seines Lebens brach

eine rote Sonne durch graue Nebel des Schmerzes, zeigte sich seine

Königswürde.

Bis von Muskau her im Nordosten waren Trauergäste gekommen, viele

aus dem Spreewald von Burg, Leipe und Lehde, auch von den Städten

Lübbenau und Kottbus. Dann welche aus Wittichenau und den Dörfern um

Hoyerswerda, endlich viele aus dem Sächsischen, und sogar der berühmte

und gelehrte Herr Buchdrucker Schmaler aus Bautzen hatte den weiten

Weg nicht gescheut. Er ging jetzt neben dem Kral, und seine Brille

funkelte, und sein Slawenherz freute sich dieser einmütigen Kundgebung

des Wendenvolkes. Er sprach vom reinen Slawentum, und daß es wohl

vereinbar sei mit der preußischen Königstreue.

Alle aber, die von weither gekommen waren, drängten sich an den Kral

heran, wollten genau sehen, wie er ausschaue, und daheim Kunde geben

vom König, dessen Bild auf keiner Münze und in keinem Buche stand.

Eine Röte stieg dem Kral in die Wangen und verdrängte die bleiche

Trauer. Und Dankbarkeit war in seinem Herzen für die Frau, die jetzt

eingescharrt wurde. Zweimal in seinem Leben hatte er durch sie sein

Königtum deutlich gefühlt, am Hochzeitstag, da er sie bekam, und heute

am Begräbnistag, da er sie verlor. Beide Male hatte das Wendenvolk

seine Vertreter zum Kral geschickt aus allen Dörfern und Städten.

»Gebt uns die Ehre!« hatte der Kral zu allen gesagt, die ihn begrüßten.

Der König lud sein Volk zum Mahle. Im Großgarten waren lange Tafeln

aufgeschlagen; in allen Stuben, selbst in der Scheune waren Tische und

Stühle. Das war kein gewöhnlicher ~zakopowane~[9] mit gelber Suppe und

etwas Branntwein und Butterbrot, das war ein großes Mahl mit gekochtem

und gebratenem Fleisch. Es gab Bier, Branntwein und Tabak für die

Männer und Kaffee mit Kuchen und Schokolade für die Frauen. Selbst

Zuckererbsen für die Kinder gab es wie bei einer Hochzeit. Der Kral

ging ein paarmal durch die Reihen der Schmausenden, hörte viel Gerede

an und sprach selbst selten ein Wort.

Samo setzte sich der Reihe nach zu allen Leuten aus fremden

Ortschaften, war freundlich und vertraulich mit ihnen.

Hanka herrschte über die Küche und die Speisenträger. Die Burschen

sahen sie mit Entzücken, die Mädchen mit Neid. »Ob sie heut abend im

Kretscham mittanzen wird? Denn getanzt muß werden bei einem so großen

Begräbnis.«

»Jawohl! Aber das Mädchen ist zu nahe verwandt, sie wird nicht tanzen.

Sie wird Juros Frau werden. Deswegen ist sie hier.«

»Wo ist Juro?«

»Der ist nicht zu sehen. Sein Bruder macht sich viel

gemeiner«[10]. -- -- --

Juro ging einsam durch die Felder. Der Totenschmaus war ihm zuwider.

Kaum, daß das Totengeläut verhallt ist, geht das Klingen der Gläser an.

Barbarisch ist das, abscheulich! Es ekelte ihn.

Er ging weiter den Feldrain entlang und hing in Gedanken der Mutter

nach, dachte an lichte Kindertage, da ihre Liebe sein junges Leben

vergoldet hatte.

Schließlich mußte er doch umkehren.

Da sah er ein bewegliches Männlein den Weg entlangkommen. Juro kannte

den Mann sehr gut. Schmaler, der Buchdrucker aus Bautzen, war er.

Juro wußte seine ganze Geschichte. Wie er mit einem Stipendium des

preußischen Königs studiert, wie er dann seine ganze Lebensarbeit

der Erhaltung des wendischen Slawentums gewidmet hatte. Ein Mann,

der seine kleine Buchhandlung hatte, der ein wendisches Blättchen

herausgab, selbst redigierte, die meisten Artikel selbst schrieb,

das Blatt selbst druckte und versandte. Ein seltsamer Mann. Wenige

seiner großen buchhändlerischen Kollegen waren so weit bekannt wie

dieser Zeitungs- und Bücherkrämer. In Moskau kannte man ihn, aus Prag

wallfahrteten tschechische Politiker, Schriftsteller, Studenten zu

ihm. Er trug auch heut am Begräbnistag an seinem schwarzen Rock den

russischen St. Annenorden zweiter Klasse. Er war der Mann, auf den die

Panslawisten aller Völker für das »Slawentum an der Sprewja«[11] ihre

Hoffnungen setzten.

Inzwischen trafen sich die beiden Männer, Schmaler, der wirkliche,

geistige Kral der Wenden, und Juro, der nominelle Erbe des wendischen

Königtums.

»Sie werden sehr vermißt!« sagte Schmaler in wendischer Sprache.

»Ich kann diese Totenschmausereien nicht ertragen«, antwortete Juro

deutsch.

Schmaler sah überrascht auf ihn.

»Sie sprechen deutsch mit mir?«

»Ja, Sie sind aus Bautzen, und Bautzen ist, denke ich, eine deutsche

Stadt.«

»Sie wissen sehr wohl, wer ich bin, werter Herr, und Sie wissen auch,

daß Budissin[12] eine uralte wendische Stadt ist. Was verdrießt Sie an

den Wenden? Man hat mir schon gesagt, daß Sie kein Freund der Wenden

sind.«

Schmaler hatte ruhig und mild gesprochen; Juro entgegnete heftig:

»Ich bin kein Freund der Wenden? Wer Ihnen das gesagt hat, Herr

Schmaler, ist ein Lügner! Wer Ihnen das gesagt hat, ist ein Schuft!«

»Nun, nun, es kommt viel auf die Auffassung an. Wir können ja ganz

ruhig miteinander sprechen. Und wenn Ihnen heute eine Aussprache nicht

paßt, so verstehe ich das wohl und will Sie gewiß nicht quälen.«

»Wir können miteinander sprechen, Herr Schmaler, aber ich fürchte,

wir werden uns nicht verstehen. Ich kenne Sie und Ihr Werk, und ich

habe Hochachtung vor Ihren Talenten, Ihrer Ausdauer, Ihrem Opfermut.

Sie sind ein Freund der Wenden in Ihrem Sinne, ich bin ein Freund der

Wenden im gerade entgegengesetzten Sinne. Ich glaube nicht, daß so

scharfe Gegensätze, wie sie zwischen uns sind, sich oft wiederholen.«

»Das soll heißen,« sagte Schmaler düster, »daß Sie alle meine

Bestrebungen um die Erhaltung sorbischen Slawentums in der Lausitz

verwerfen, wenn nicht gar bekämpfen wollen.«

»So ist es!« sagte Juro aufrichtig.

Schmaler schwieg eine Weile, dann sagte er:

»Ich könnte Sie um die Begründung Ihres Urteils fragen, aber ich kenne

alle Einwände, die gegen mein Werk erhoben werden. Sie halten es für

vergeblich.«

»Ja! Für so vergeblich, wie wenn Sie in heißen Frühjahrstagen mit einem

eisernen Haken eine Eisscholle in der Spree festhalten wollten. Die

Wenden schwimmen im deutschen Fluß, und unter der deutschen Kultursonne

wird Ihnen die Scholle, die Sie festzuhalten sich bemühen, trotz aller

Haken und Anstrengungen zerrinnen.«

Wieder entgegnete Schmaler nicht gleich. Dann sagte er:

»Sie wissen, daß alle Gleichnisse hinken. Ich könnte Ihnen hundert

andere entgegenstellen, z. B. daß es mir lieber ist, als armer Häusler

in eigener Hütte zu wohnen, als daß ich als Dominialknecht zu einem

großen Herrn zöge.«

»Knechte sind die Wenden nur so lange, als sie Wenden bleiben. Werden

sie Deutsche, so sind sie freie Kinder des freien Hauses.«

»Mein Gott, so spricht der zukünftige Kral!«

»Herr Schmaler, Sie wissen, daß unser Königtum eine Illusion ist.«

»Nehmen Sie die Illusion aus der Welt, und die Staaten und die

Gemeinschaften und die Familien und alles individuelle Leben geht in

Trümmer. Fällt Ihnen nie ein, was für Kulturwerte versinken, wenn

dieses Volk untergeht? Glauben Sie nicht, daß nur im Individualismus

die Welt schön und liebenswürdig sein kann? Glauben Sie nicht, daß es

zum Sterben langweilig wäre, wenn auf der Welt überall dieselbe Art

Menschen wohnte?«

»In der Welt ja; aber ein Reich ist nur in einer Einheit

bewundernswert. Das weiß sonst niemand besser als die Panslawisten.«

Juro sagte es mit einem Seitenblick auf Schmaler. Der entgegnete ruhig:

»Ich bin ein Panslawist. Es sind mir oft in slawischen Ländern gute,

wohlbesoldete Stellen angeboten worden; ich bin im sächsischen

Budissin geblieben, habe dort meine Kraft, meine Gesundheit, mein

Vermögen zugesetzt im Dienst der wendischen Sache. Aus Eitelkeit,

werden meine Feinde sagen, aus der Sucht heraus, ein Eigenbrötler zu

sein, der Beachtung findet. Das mögen sie sagen; ich verachte es.«

»Ich meine, daß Ihre ehrlichen Gegner an Ihren Idealismus glauben, Herr

Schmaler; ich jedenfalls gehöre zu diesen.«

»Danke! Das eine kann man mir auch jedenfalls nicht bestreiten, daß ich

ein loyaler sächsischer Untertan bin.«

»Sehen Sie, Herr Schmaler, das würde ich bestreiten. Ich glaube, daß

Sie Ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, aber Ihre Seele gehört

hinüber zu den Tschechen, mit denen Sie eine Spracheinheit anstreben,

mit denen Sie ständig sympathisieren.«

»Was soll ich tun? Sie selbst sagen, daß meine Scholle zerbröckelt.

Festigkeit, geistigen Inhalt für meine Sache kann ich nur bei unseren

slawischen Brüdern suchen. Ich suche Stärkung bei den Slawen für unser

wendisches Volkstum, aber ich suche keinen politischen Anschluß an

sie. Ich will die Erhaltung des sorbischen Slawentums innerhalb der

bestehenden Staatsverbände. Ist das Landesverrat?«

»Landesverrat nicht! Nein! Sicherlich aber auch nicht Patriotismus,

der die Wurzeln seiner Kraft nicht im Auslande hat.«

»Vaterland? -- Welches Blut haben uns unsere Väter vererbt? Wo zieht es

uns hin?« --

Sie waren inzwischen nahe an das Gehöft gekommen, wo festliches Treiben

war. Mitten aus dem Lärm hob sich das widerliche Geschrei eines

Betrunkenen ab:

»~Njet hordujo ta kóža přepita!~«[13]

»Hören Sie! Hören Sie!« keuchte Juro. »Ist das nicht eine Roheit

sondergleichen? Ist das nicht gemeiner Kannibalismus! Wenn ich den Kerl

erwische, schlage ich ihn nieder!«

Er wollte voran. Schmaler faßte ihn am Arm und hielt ihn fest.

»Es ist roh! Ja, es ist widerlich roh! Aber der Mann ist betrunken!«

»Oh, es wird nicht lange dauern, da brüllen sie alle dieselbe

Gemeinheit!«

»Nicht doch! Denken Sie daran, daß solch arme Leute jeden öffentlichen

Anlaß zu einer Festlichkeit benutzen, weil ihr Leben so wenig Feste

hat.«

»Da sind sie voll von diesem eklen Kannibalenfraß, da dürfen sie von

einer edlen Toten sprechen wie von einem geschlachteten Tier! Ich halte

es nicht aus! Ich werfe sie hinaus; ich werfe sie alle hinaus!«

»Es sind die Gäste Ihres Vaters! Roheiten kommen überall vor. Beruhigen

Sie sich! Es ist ein ungebildetes Volk! Sie denken sich nichts so

Schlimmes dabei!«

»Prosit! Prosit!« scholl es vom Großgarten her, und wieder kam der rohe

Satz:

»~Njet hordujo ta kóža přepita!~«

Da überfiel Juro ein starker physischer Ekel; ein Brechreiz würgte ihn,

dann riß er sich los und eilte nach dem Großgarten. Er sah eine Gruppe

zechender Männer.

»Prosit, Juro, prosit!« schrien sie. »~Njet hordujo~ ...«

»Wollt ihr schweigen, ihr -- ihr -- Schweine!«

Juro brüllte es.

»Ist das ein Sauffest? Dürft ihr so von meiner Mutter sprechen? Hinaus,

sage ich, hinaus mit euch besoffenem Pack!«

Die Gesellschaft erschrak. Blöde, ernüchtert sahen sie den tobenden

jungen Mann an.

»Was -- Was sagt er?« grunzte einer.

»Was ich sage? Daß ihr eine besoffene Horde seid, die sich benimmt wie

die Wilden!«

Nun ging ein Skandal los.

»Wir haben doch den Branntwein nicht gestohlen!«

»Wir sind doch nicht zum Spaß so weit hergelaufen!«

»Er ist ein aufgeblasener Bengel!« -- »Er hat uns beim Totenschmaus der

eigenen Mutter verjagt!« -- »Pfui, er ist geizig!«

»Da -- da hast du dein Fett!«

Und es warf einer das Schnapsglas nach Juro, das haarscharf an seinem

Kopf vorbeisauste. Mit einer unflätigen Beleidigung stampfte der Kerl

davon. Eine Anzahl anderer warf die Gläser ebenfalls ins Gras und ging

davon.

Der Kral kam schnell heran und sagte laut:

»Ich bin hier der Herr! Wer mein Gast ist und wem es hier gefällt, der

bleibt!«

Aber wenige blieben. Juro ging zitternd vor Aufregung ins Haus.

Schmaler trat an den Scholta heran und sprach einige aufklärende Worte.

»Es hat mir auch wehgetan, wenn sie so brüllten«, sagte der alte Hanzo;

»aber es ist eine Redensart seit alters her. Und Gäste soll man nicht

vertreiben.«

»Juro ist kein Wende mehr«, sagte Samo, der auch herangetreten war. »Er

hat sich so mit Haut und Haaren den Deutschen verschrieben, hat sich so

an geschniegelte Kreise angeschlossen, daß ihm alles in der Heimat zu

roh ist, daß er sich zimperlich benimmt wie ein Frauenzimmer. Mit den

Deutschen ist er gegangen; mit einem Wenden hat der feine Herr nicht

gesprochen.«

»Nur mit mir!« sagte Schmaler. »Freilich haben wir gestritten.

Ich kehre bedrückten Herzens heim, weil ich gesehen habe, wie der

zukünftige Kral über das Wendentum denkt.«

Ein Seufzer kam aus der Brust des alten Hanzo, und er wandte sich, ohne

weiter ein Wort zu sagen, wieder zu seinen Gästen. Eine Anzahl kam

zurück. Es wurde weiter geschmaust und getrunken, aber es ging stiller

her. -- Schmaler und Samo gingen nun ein Stück den Feldweg entlang. Sie

verstanden sich besser.

Schmaler erzählte mit Begeisterung von Prag.

»Ich kann es nicht begreifen«, sagte Samo, »daß mein Vater darauf

bestand, ich müsse in Breslau studieren. Mir ist das deutschgewordene

Nest, das Slawen gegründet haben, zuwider. Wir wendischen Studenten

gehören nach Prag. Denn die Lausitz gehört ebenso wie Schlesien

geschichtlich und rechtlich zur ›~Koruna ceska~‹«[14].

Schmaler schüttelte den Kopf.

»Ich gehe nicht so weit, ich fasse unsere Stellung zu den verwandten

Tschechen anders auf!«

»Was man will, muß man ganz wollen, Meister Schmaler. Los von den

Deutschen! Die deutsche Länderkrume, die uns von den tschechischen

Brüdern trennt, ist dünn genug, daß man sie durchbrechen kann. Wir

müssen nur ausharren, festhalten, hier treu bleiben auf dem slawischen

Vorposten. Jahrhundertelang hat unser armes Volk den deutschen Druck

ertragen und ist slawisch geblieben im fremden Joch, im fremden Land.

Sehen Sie dagegen auf die Deutschen! Alle fremden Sprachfetzen lesen

sie auf, die vom Schneidertisch anderer Nationen fallen, behängen sich

damit und glauben sich geschmückt. Ihre Nationalität hält im fremden

Land nicht vom Vater auf den Sohn. Weil sie nichts taugt! Und deshalb

werden unsere tschechischen Brüder Tag um Tag weiter vordringen gen

Norden, und eines Tages werden wir mit ihnen vereinigt sein. Dann

wird man sowohl vor den Mauern Berlins wie vor den Mauern Wiens die

slawische Sprache hören.«

»Sie gehen zu weit, Sie gehen viel zu weit in Ihren Plänen und

Hoffnungen«, sagte der vorsichtige Schmaler besorgt.

»Ich setze mir ein Ziel: Erhaltung des Sorbentums als Vorposten der

siegreich vordringenden Slawen.«

Schmaler schwieg. Er mochte sich zu solch kühnen Worten nicht äußern.

»Liegt es nicht an der Feigheit unserer Intelligenz, wenn das Sorbentum

leider Gottes zurückgeht?« fuhr Samo fort. »Wenn wir solche Führer

haben wie meinen Bruder Juro, dann Gnade uns Gott!«

»Auch ich fürchte von ihm viel«, sagte Schmaler.

»Er darf kein Führer werden; er darf es nicht! Ich werde es verhindern.

Gott sei Dank, ich glaube, er will es auch nicht. Er ist zu feig

und oberflächlich dazu. Ich sah mit scheelen Augen darauf, daß er

hinter einer Deutschen herlief. Ich war ein Esel. Ein Glück ist diese

Liebschaft! Er soll sich nur sein bleichsüchtiges Ding nehmen, nach

Berlin ziehen und alle zehn Jahre einmal nach Hause zur Kirmeß kommen.

Öfter gehört er auf unsern Hof nicht! Da ist er unmöglich! Vollends mit

seiner deutschen Zierpuppe. Auf unsern Hof gehöre ich!«

»Er ist der Erbsohn«, warf Schmaler ein. »Er ist auch nach der

Tradition der zukünftige Kral.«

»Haben nicht andere abgedankt als er, wenn sie unfähig waren für ihre

Sache? Er wird abdanken!«

»Ich will mich in einen Familienstreit nicht mischen«, sagte Schmaler

wieder vorsichtig.

»Das ist kein Familienstreit, das ist eine Sache, die alle angeht und

die Sie unterstützen sollten, wenn eine Unterstützung nötig wird.«

»Ihr Vater ist noch jung. Wir müssen die Entwicklung der Dinge

abwarten.«

»Die Dinge werden sich rasch entwickeln. Denken Sie an Hanka! Sie ist

das letzte Mädchen aus dem Geschlechte, das uns als das königliche

gilt. Meine Eltern und ihre Eltern haben sie für Juro bestimmt. Und

wenn er sich um seiner deutschen Liebsten willen weigert, das Mädchen

zu nehmen? Wenn er mit seiner deutschen Frau als Arzt nach irgendeiner

Stadt zieht? Nach allen seinen Äußerungen glaube ich bestimmt, daß er

das tun wird. Nun, irgend jemand wird wohl die Sache hier übernehmen

müssen.«

Schmaler drückte Samo die Hand.

»Sie wissen, daß ich Sie hundertmal lieber als Herr auf dem Hofe sehen

würde als Ihren Bruder.«

»Das genügt mir!« sagte Samo, und seine dunklen Augen funkelten.

Dann sprach er von der Zeitung, die Schmaler herausgab, von der

»~Sorbske Nowiny~«. Er lobte Schmalers Bestreben, die deutschen

Fremdwörter und Lehnformen aus der wendischen Sprache auszurotten

und überall da, wo ein rein wendisches Wort nicht vorhanden war,

tschechische Formen einzuführen. Er versprach auch, selbst an der

»~Sorbske Nowiny~« mitzuarbeiten, zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche

und wies auf einen Artikel.

»Den müssen Sie abdrucken. Der trifft das Richtige!«

»Sie lesen Russisch?« fragte Schmaler.

»Ja, ich habe mich von Kindheit an mit dieser Sprache befaßt.«

Schmaler, der ebenfalls des Russischen mächtig war, las:[15] »Wir

Slawen bewundern den Genius der Semiten auf dem Gebiete religiöser

Schöpfungen, den der Griechen auf dem Gebiete der Wissenschaften

und Künste, den Genius der Römer auf dem Gebiete des Rechts und

der Politik; wir bewundern den begeisterten Schwung des Spaniers

und Italieners, das gesellschaftliche Talent und den Geschmack

des Franzosen, die schöpferische Kraft und die Erfindungsgabe des

Engländers. Was kann dagegen der Deutsche für sich beanspruchen? Was

ist an ihm genial, was ideal, was vollendet? Ist sein Glaube nicht

abstrakt und sein Unglaube kühl, seine Philosophie phantastisch und

seine Poesie philosophisch? Seine soziale Existenz, sein Feudalismus,

sein Junkertum, sind sie nicht die Negation der Menschenrechte, die

organisierte Gewalttat? Können seine gute militärische Disziplin, seine

Mäßigkeit und Akkuratesse, sein kaltes, herzloses, maschinenartiges

Ausführen dessen, was ihm befohlen wird, selbst auf Kosten der

geheiligten Gefühle der Großmut und des Mitleids -- können sie

dieses Volk erheben und Liebe erregen? Können seine Arbeitsamkeit

und Pünktlichkeit den Mangel an Humanität und schöpferischer Kraft

ersetzen? Möge die geschichtliche Vorsehung die Slawen vor dem Wege der

Entwicklung bewahren, auf dem sie den Deutschen ähnlich werden könnten!«

»Haben Sie das selbst geschrieben?« fragte Schmaler.

Samo zuckte die Achseln.

»Geschrieben oder nicht, es ist meine Meinung. Und Sie sollen den

Artikel abdrucken.«

»Nein«, sagte Schmaler, »er ist zwar geistreich, aber er schießt über

das Ziel hinaus. Die Russen können unmöglich den Deutschen den Vorwurf

kalter Herzlosigkeit, Unfreiheit und schöpferischer Unproduktivität

machen. Solche Angriffe verfehlen ihren Zweck.«

Samo zuckte die Achseln.

»Wer dieses Volk angreift, hat immer recht. Die ›~Nàrodni listi~‹ in

Prag sollten Sie sich zum Muster nehmen. Das Blatt nennt das Ziel,

stellt die Aufgabe klar, wenn es schreibt: ›Wir werden immer auf seiten

jenes Volkes stehen, das gegen die Deutschen den Krieg unternimmt,

weil der Feind unseres Feindes stets unser Freund ist.‹ Sehen Sie, Pàn

Schmaler, das ist stark und zielbewußt! Für Ihre ›~Sorbske Nowiny~‹

aber werde ich nichts schreiben können, weil ich fürchte, dies Blatt

ist zu deutschfreundlich.«

Das mußte sich der alte Wendenführer von dem jungen Manne sagen lassen.

Als er gen Bautzen nach Hause fuhr, mußte er sich eingestehen, daß

er sich mit keinem der beiden Söhne des Kral verstanden hatte, mußte

er sich sagen, es sei doch eine mißliche Sache, in Prag und Moskau

als Vertrauensmann zu gelten und daheim dem König von Preußen ein

Wendenbuch zu widmen.

An dem Begräbnis hatten auch Hankas Eltern, wohlhabende Bauersleute

aus dem Sächsischen, teilgenommen. Am Abend noch sprach der Scholta

zu ihnen: »Herr Vetter und Frau Muhme, ich hätte euch eine herzliche

Bitte auszusprechen. Meine Frau hat sich eure Tochter Hanka auf ein

paar Wochen zum Besuch ausgebeten. Es war unser beiderseitiger Wille,

daß die Jungfer und mein Sohn Juro sich wiedersehen sollten, damit,

wenn Gott es will, ein Paar aus ihnen werde. Nun ist mir die Frau

gestorben ...!«

Er hielt nach dieser langen Rede müde inne und machte eine

Handbewegung, die bedeuten sollte: alles andere könnt ihr euch wohl

selbst denken. Die Mutter Hankas verstand ihn auch.

»Der Herr Vetter meint, weil das Hauswesen jetzt ohne Frau ist, so

sollten wir in Gottes Namen die Hanka auf längere Zeit hierlassen, daß

er nicht ganz allein ist, wenn die Herren Söhne wieder fortziehen, und

daß eine weibliche Aufsicht wäre.«

Hanzo nickte der Frau dankbar zu. Er freute sich, daß sie ihm das

weitere Sprechen und Bitten ersparte.

Die Frau aber schwieg jetzt, und auch ihr Mann schwieg. Sie brauchten

sich ihre Gedanken nicht mitzuteilen. Sie dachten alle drei dasselbe:

daß Hanka an einem Unglückstage in dies Dorf eingezogen, daß ihr

unterwegs die Smjertniza begegnet war. Der alte Scholta suchte endlich

die Bedenken zu zerstreuen, indem er sprach:

»~Bog te swoje žiwńe gromadu zwežo!~«[16]

Diesem Spruche dachte die Frau nach, und ihr Mann wartete, wie sie sich

entscheiden werde.

Endlich sprach die Mutter Hankas:

»So wollen wir das Mädchen in Gottes Namen hierlassen, bis der Herr

Vetter seine Wirtschaft gerichtet hat.«

Der Mann sah seine Frau an, als wollte er sagen: Ich hätte erwartet,

daß wir uns anders entscheiden würden. Aber die Frau sagte: »Gott hat

das Kind behütet und auch mit tollen Pferden gesund hierher geführt, es

mag hierbleiben.«

Hanka wurde nun herbeigerufen, und der Familienbeschluß wurde ihr

mitgeteilt. Da rannen ein paar helle Tränlein über die roten Wangen des

Mädchens.

»Es war so schön zu Haus. In der Spinnstube war ich schon die Kantorka!«

»Du wirst hier auch die Kantorka werden!« tröstete die Mutter. Das

Mädchen aber hielt die Hände vors Gesicht. Da stand die Mutter auf und

sagte recht barsch:

»Höre, Hanka, ich will nicht hoffen, daß dir ein Kerl von zu Haus im

Kopfe steckt.«

Das Mädchen sah sie groß an.

»Nein! Wie wäre das möglich? Ich denke, ich soll den Juro heiraten!«

Da nickten sich die drei Alten befriedigt zu: »Sie ist ein folgsames

Kind!«

Ein Weilchen war's still, dann seufzte die Frau und sagte:

»Der Herr Juro hat ein gar hitziges Blut!«

Ihr Mann wollte nun auch was sagen und sprach:

»Das muß so sein bei den Herren Studenten.«

Die Frau sah ihn an und sagte nichts. Aber der Mann wußte, daß sie

bei sich dachte: Was faselst du? Du hast in deinem Leben keine fünf

Studenten gesehen. Das war wahr, und der Mann nahm sich vor, ein

andermal mit Reden nicht so voreilig zu sein.

»Er wird ein schweres Leben haben, wenn er erst auf dem Gut ist und so

hitziges Blut hat«, nahm die Frau das Thema wieder auf.

»Er wird älter werden!« sagte der Kral.

»Und er hatte ganz recht«, rief Hanka, halb noch in Tränen. »Ich habe

auch einem von den Kerlen, die so lärmten, eine Flinka[17] gegeben.«

»Du?!«

»Ja, es kam einer an die Küchentür und sagte den gemeinen Spruch:

›~Jana stawa baba~‹.«[18]

»Der Kerl! Da hattest du recht, daß du ihm eine Flinka gabst. Was sagte

er?« fragte die Mutter.

»Ach, er lachte und meinte: Ei sieh, das Kätzchen gibt die Pfote!«

»Und du?«

»Ich gab ihm noch einmal die Pfote!« sagte Hanka und lachte auch.

Die Eltern sahen stolz auf den Scholta: »Sieh, was für eine

Schwiegertochter du bekommst!«

»Juro ist streng!« sagte Hanka nachdenklich, »er hat auch auf mich

schon sehr geschimpft. Aber er ist schöner als alle!«

Da sahen die Eltern wieder auf den Scholta: »Nehmt euch diese Perle

wahr!« Hanzo nickte.

Als die Eltern Hankas an die Heimreise gingen, schieden sie in

Zufriedenheit, obwohl sie sich von ihrem zukünftigen Schwiegersohn Juro

nicht einmal verabschieden konnten, weil er nirgends zu finden war.

So hatte Juro mit ihnen außer einer kurzen Begrüßung bei der Ankunft

überhaupt kein Wort gesprochen.

* * * * *

Der Scholta brauchte drei Tage und drei Nächte, ehe er sich zu dem

Entschluß aufraffte, mit seinen Söhnen Rücksprache über die Zukunft zu

nehmen. Endlich saß er mit ihnen in dem kleinen Stübchen, in dem sein

uralter Schreibtisch stand, der so hoch war wie ein Schrank.

Der alte Hanzo schloß das Fenster und verriegelte die Tür. »Meine

Söhne,« sagte er dann mit der ihm eigenen Feierlichkeit, »es hat sich

in unserer Familie ein so großes Unglück ereignet, daß wir jetzt daran

denken müssen, wie in Zukunft alles werden soll. Ich habe hier auf

dem Papier alles aufgeschrieben, was die Mutter eingebracht hat, und

es kommen jetzt nach ihrem Tode auf jeden von euch sechstausend Taler

Mutterteil.«

Die Söhne sagten übereinstimmend, daß sie das Geld vorläufig aus dem

Gute nicht herausziehen wollten.

»So werde ich euch jedem eine Hypothek auf das Geld eintragen lassen;

denn es muß Ordnung sein«, sagte der Vater.

Damit -- meinte er -- sei alles erledigt, und er wollte die Tür wieder

aufriegeln. Aber beide Söhne sagten, sie hätten noch mit dem Vater zu

reden und wollten bald alles abmachen.

»Nun, so kommt zuerst Juro an die Reihe«, sagte der Scholta. Er sah

gespannt auf den Sohn. Der redegewandte Juro stockte erst und brachte

auch dann seine Sätze nicht ganz glatt heraus.

»Vater, du weißt, daß ich in meinem Berufsstudium hinter Samo zurück

bin, obgleich ich ein Jahr eher auf die Universität kam als er. Er hat

gleich von Anfang an Medizin studiert, und ich habe erst zwei Jahre

mit der Jurisprudenz verloren, ehe ich auch zur Medizin umsattelte.

Ich konnte aber nicht Advokat oder Richter werden; ich hatte mich in

mir getäuscht. Nun wird Samo schon vor nächsten Ostern fertig, und ich

werde noch ein und ein halbes Jahr brauchen, ehe ich approbiert bin.

Es kommt dazu, daß ich auf deinen und der Mutter Wunsch nebenbei auch

landwirtschaftliche Vorlesungen höre.«

»Wozu erzählst du das?« sprach Samo dazwischen, »das wissen wir doch.«

»Es gehört zum Ganzen«, sagte Juro. »Du weißt, Vater, daß ich mich

für die Landwirtschaft bisher wenig interessiert habe; ich habe euch

zuliebe diese Vorlesungen gehört, obwohl ich es für ganz unnütz hielt,

und ich will dir gestehen, daß ich im Ernst gar nicht daran dachte,

einmal Landwirt zu werden.«

Der Vater entgegnete nichts; er kannte die Interesselosigkeit des

Sohnes an der Landwirtschaft.

»Aber, Juro, weshalb erzählst du das?« fragte Samo wieder. »Wir alle

wissen, daß du kein Landwirt bist und also auch später einmal das Gut

nicht übernehmen kannst.«

Juro wandte sich seinem Bruder zu, und der Haß blitzte auf in seinen

Augen, und ein Lächeln der Schadenfreude spielte um seine Lippen.

»Und wer wird es übernehmen?« fragte er kalt. »Fremde Leute?«

»Ich bin auch noch da -- ich --«

Juro brach in ein Gelächter aus.

»Du?! -- Ja, du! -- Ich verstehe! -- Ich konnte es mir denken!«

Dann stand er auf und schrie den Bruder an:

»Nein, du wirst es nicht übernehmen! Ich bin der Erbsohn! Ich!! Ich bin

der zukünftige Kral der Wenden!«

»Das bist du!« sagte der Vater und stand auf und sah mit leuchtenden

Augen auf seinen Sohn, der ihm wie ein Wunder erschien in seiner

plötzlichen Verwandlung.

Samo aber sah seinen Bruder ganz erschrocken an.

»Du -- du -- was fällt dir auf einmal ein?«

»Jetzt rede ich erst!« sprach der Vater mild, aber fest, und wandte

sich an seinen ältesten Sohn.

»Dir hat Gott geholfen, Juro, er hat dir gezeigt, was du tun sollst,

weil du der Kral der Wenden sein wirst. Die Mutter hat sich großen

Kummer gemacht. Sie wollte noch mit dir reden, aber sie starb zu rasch.

So werde ich dir sagen, was nötig ist. Wir wollen, daß du ein guter

Hausvater und ein treuer Kral wirst, und wir haben bestimmt, daß du

unsere Jungfer Hanka zur Frau nimmst.«

»Ich -- was? -- Ich -- Hanka? -- --«

Der Jüngling brachte keinen Satz zustande. Er stand blaß vor dem Vater,

und es war, als ob sein Hirn lahm und seine Glieder starr geworden

wären.

Samo schlug ein lautes Gelächter an.

Der Vater verwies Samo dieses Lachen mit strenger Gebärde.

Juro gewann endlich die Herrschaft über sich zurück. Er sprach

nicht gleich, aber man sah an seinem Gesicht, wie rasch die Gedanken

arbeiteten.

Schließlich sagte er mit ruhiger Stimme, durch die kaum ein merkliches

Beben lief:

»Vater, der Eltern Wille ist in Ehren! Und das Mädchen, die Hanka, ist

in Ehren! Aber ich werde Hanka nicht heiraten, denn ich habe bereits

eine Braut.«

Der Vater sah ihm steif ins Gesicht und sprach:

»Du kannst keine Braut haben, Juro, denn ich weiß nichts davon. Es ist

Sitte von alters her in unserer Familie, daß der Sohn mit seinem Vater

spricht, ehe er mit einem Mädchen von der Ehe redet, und es ist Sitte,

daß kein braves Mädchen mit sich von der Ehe sprechen läßt, ehe sie

weiß, daß der Bursch mit seinem Vater einig ist.«

Juros Gesicht wurde dunkelrot. Aber er sprach mit ruhiger Stimme:

»Die Zeiten ändern sich, Vater! Unsere Zeit macht die Menschen schnell

selbständig. Unselbständige Leute vernichtet sie. Ich bin schon lange

mündig, ich habe so viel gelernt, um zu wissen, was ich tue, und ich

werde nur das Mädchen heiraten, das ich mir selbst gewählt habe. Es ist

Elisabeth von Withold.«

»Wer?«

»Elisabeth, die Tochter unseres Nachbarn!«

»Des Rittermäßigen?«

»Ja!«

Da ging der Vater auf den Sohn zu, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf

die Brust und sagte:

»Weißt du, daß du ein Bauernjunge bist?«

»Ich weiß, daß ich ein gebildeter Mensch bin!«

»Das vergiß nicht, Vater!« rief Samo höhnisch dazwischen.

Der Bauer setzte sich an den Tisch. Er sah starr auf Juro und fragte

dann:

»Und du hast es wirklich gewagt, das dem deutschen Edelmann zu sagen?«

»Ich habe es ihm noch nicht gesagt, weil es noch nicht möglich war,

aber ich werde es alsbald tun!«

Da sprang der alte Wende auf, und eine Energie kam über ihn, die

seltsam von seiner Art abstach. Seine sonst so ruhige Stimme wurde

scharf:

»Du wirst es nicht tun! Du wirst uns die Schande nicht machen, daß

der deutsche Edelmann den wendischen Bauernjungen mit den Hunden

hinaushetzt!«

»Das wird er nicht! Das kann er nicht!« lächelte Juro.

»Er wird es tun! Er gehört zu den Deutschen, die die Wenden verachten!

Er ist ein Ritter, und wir sind Bauern!«

»Laß das meine Sorge sein, Vater!«

»Nein, es ist +meine+ Sorge. Ich bin der Vater! Die Schande kommt über

uns alle!«

Da hielt Juro eine lange Rede. Er sprach von der Emanzipation des

Wendenvolks, von seiner Gleichberechtigung mit den Deutschen, von dem

Ausgleich zwischen den Ständen. Er sprach mit herzlicher Liebe und mit

großer Begeisterung von Elisabeth und von ihrer Liebe zu ihm. Und er

schloß:

»Wendin oder Deutsche -- es ist gleich; adelig oder nicht adelig,

es ist kein Hindernis für die Liebe! Wir lieben uns, weil wir uns

lieben müssen, unsere Herzen haben zusammengeschlagen, ohne daß alte

Vorurteile es hindern konnten. Die Zeiten, wo Menschen ihr Glück mit

selbstgeschaffenen Ketten erwürgten, sind gottlob vorbei!«

Der alte Wende hörte ihm starr zu. Zuletzt schlug er die Hände vor's

Gesicht und sagte:

»Ich wollte, ich wäre bei der Mutter!«

Juro sah ihn erschüttert an.

»Willst du mich nicht verstehen, Vater?«

»Nein, ich verstehe eure Welt nicht, in der alles ohne Sitte und

Ordnung ist, alles von unten nach oben gedreht wird!«

»Vater, du warst immer gerecht. Du kannst kein hartes Urteil fällen

über ein Mädchen, das du nicht kennst. Oder hast du je etwas Schlimmes

von ihr oder ihrer Familie gehört?«

»Nein! Aber es sind Edelleute. Und ein Fräulein paßt nicht zu einem

Bauernsohn!«

»Warum hast du uns studieren lassen, Vater? Doch darum, daß wir

vorwärts kommen sollen in der Welt!«

»Ja, aber nicht so! Die Wenden haben keinen Arzt, keinen Advokaten, der

ihre Sprache spricht, nicht einmal genug Geistliche und Lehrer, die

Wendisch können. Da war es doch meine Pflicht als Kral, daß ich euch

auf die Schule gab. Einer sollte Advokat werden, einer Arzt!«

»Nun werde ich auch Arzt. Aus innerer Neigung. Und ich werde mich ganz

den Wenden widmen, die der ärztlichen Hilfe so nötig bedürfen!«

Samo, der mit feuerrotem Gesicht der Unterredung zuhörte, sagte nun

dazwischen:

»Er wird die Kranken kurieren oder auch nicht kurieren -- je nachdem

--, und das gnädige Fräulein von Withold, die dann eine Bauernfrau

geworden ist, wird indes zu Hause die Schweine füttern!«

Juro sah den Bruder kalt an.

»Wir haben uns nicht vertragen, als du noch glaubtest, ich würde dir

Platz machen; wir werden uns natürlich erst recht nicht vertragen,

nachdem du weißt, daß ich nicht dir zu Lieb' auf mein Erbe verzichte!«

Samo sprang auf.

»Bin ich ein Erbschleicher?«

Juro sah ihn mit strengen Augen an und zuckte die Achseln. Da holte

Samo zum Schlage gegen ihn aus. Der alte Scholta aber hieb mit der

Faust auf den Tisch.

»Wie benehmt ihr euch? Was erdreistet ihr euch in meiner Gegenwart?

Geht hinaus! Beide!«

Die Söhne mußten das Zimmer verlassen, und der Vater blieb allein und

sprach drei Tage lang mit keinem Menschen ein Wort.

Dann aber ließ er die Söhne wieder zu sich rufen.

»Ich will dich fragen, Juro, ob du es dir überlegt hast, daß ein

adliges Fräulein nicht in unseren Hof als Bäuerin ziehen kann!«

»Elisabeth wohnt jetzt auch auf dem Hofe ihres Vaters. Sie

interessiert sich für die Landwirtschaft und verträgt sich aufs beste

mit allen Leuten!« entgegnete Juro kleinlaut.

»Sie haben ein herrschaftliches Schloß, einen Park!«

»Das brauchen wir nicht! Aber ich wollte dich allerdings bitten, Vater,

daß ich mir hinter unserem Großgarten ein neues Wohnhaus bauen darf:

nicht groß und prunkvoll, aber gesund und bequem!«

»Das soll heißen, Vater,« fiel Samo ein, »er baut nebenan ein deutsches

Herrenhaus, und du darfst hier in der wendischen Kaluppe weiterwohnen

und seinen Großknecht spielen!«

Es drohte wieder ein Streit auszubrechen, aber die Gegenwart des

strengen Vaters hielt die Brüder im Zaum.

»Ich beabsichtige,« sagte Juro, »von hier aus meine ärztliche Praxis

auszuüben und mich -- soweit mir Zeit bleibt -- unter deiner Leitung in

die Verwaltung des Gutes einzurichten.«

»Und das Fräulein?«

»Sie wird zufrieden sein und dir eine gute Tochter sein.«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Sie ist eine Deutsche!«

»Gott sei Dank!« sagte Samo.

»Was meinst du damit?« fragte ihn der Vater.

»Ich meine, es ist gut, daß sie eine Deutsche ist. Sie paßt zu Juro,

denn er ist auch ein Deutscher, ein Stockdeutscher.«

Der Vater sah mit forschenden Augen dem Sohne ins Gesicht.

»Er hat die Wenden oft unfreundlicher behandelt, als ich wünschte, aber

deshalb kann noch kein Mensch behaupten, daß er ein Deutscher geworden

ist«, sagte der Alte.

Juro, der erkannte, auf welches Geleise ihn der Bruder geführt,

verschmähte es, sich zu verstecken.

»Ja, ich bin ein Deutscher«, rief er. »Ich will es, ich mag es, ich

kann es nicht verheimlichen.«

»Und -- und dein Wendentum?«

»Ich liebe die Wenden; aber ich sehe kein anderes Heil für sie, als daß

sie Deutsche werden.«

»Ihre Sitte, ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihr Volksglaube?«

Juro wartete einige Sekunden. Dann sagte er fest:

»Sie sind dem wahren Fortschritt der Wenden hinderlich. Darum müssen

sie ausgetilgt werden.«

»Juro -- Juro, bist du das -- ist das mein Sohn, der so redet?«

»Ich kann nicht anders. Bei Gott, Vater, es ist meine Überzeugung!«

Er wollte auf ihn zugehen; aber der Vater wehrte mit beiden Händen ab.

Bleich und gesenkten Hauptes ging der alte Mann zur Tür. Dort blieb er

stehen und sagte noch:

»Das ist das Schwerste, was ich im Leben hören mußte! Da gehört viel

Zeit dazu, ehe ich das fassen kann.«

Juro streckte die Hände nach ihm aus, aber der Vater schloß die Tür von

draußen. -- --

Birnbaum steht im weiten Felde[19].

Weiße Steine liegen drunter,

Unter all den weißen Steinen

Liegt ein rotes, gold'nes Ringlein.

Durch das Ringlein wachsen Halme,

Und die Halme tragen Blüten.

Kommt ein Pfau dahergeschritten,

Läßt die schönsten Federn fliegen,

Kommt ein Mädchen hergegangen,

Nimmt die Federn, flicht ein Kränzlein ...

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Birnbaum steht im weiten Felde,

Gold'nes Ringlein schläft darunter,

Von dem Turme schallt die Glocke,

Mädchen macht ein Rautenkränzlein.

»Das ist ein schönes Lied, Töchterchen«, sagte die alte Wičaz zu Hanka.

Sie saß mit ihr im Hofe.

»Ein schönes Lied, und du hast eine schöne Stimme.«

»Zu Hause war ich schon die Kantorka«, erwiderte Hanka und seufzte.

»Hier singt man wenig.«

»Wer soll singen?« sagte die Wičaz. »Ich weiß einen, der singt schöner

als alle Burschen; das ist mein Sohn Lobo.«

»Dein Lobo trinkt zu viel Branntwein. Wäre er nicht betrunken gewesen,

hätte vielleicht der Wagen mit der Tante nicht umgeworfen. ~Palenc je

walenc!~«[20]

Die alte Wičaz schüttelte den grausträhnigen Kopf. Sie war als die

Sprichwörter-Wičaz bekannt, da sie beständig Sprichwörter in lehrhaftem

Ton gebrauchte, ärgerte sich aber, daß ihr jetzt das Mädchen mit dem

verdrießlichen Vers: »~Palenc je walenc~« kam, denn sie hielt auf ihren

Sohn Lobo.

»Töchterchen, das redest du so«, meinte sie ärgerlich. »Du kennst gewiß

nicht den richtigen Spruch:

»~Woda wšitko zhloda!~«[21]

»Hättet ihr mit einem verhungerten Kutscher fahren wollen? Mein Lobo

ist gut und stark und hat eine schöne Stimme. Gegen die Smjertniza

konnte er euch freilich nicht helfen, obwohl er stark war. Sonst -- ist

er so fromm wie der Kater beim Quarge.«

* * * * *

»Sie hacken, sie pflügen --

Da bleib ich hübsch liegen;

Sie fressen und saufen --

Da komm ich gelaufen.«

»Da -- da habt Ihr Euren Sohn! Er singt schöne Lieder!«

»Töchterchen, der Gesang muß lustig sein; sonst ist er kein guter

Gesang. Es muß Schmalz darin sein! Siehst du, dort kommt er, mein Lobo.

Er ist doch ein schöner, starker Bursch!«

»Betrunken ist er schon wieder am Vormittag. Pfui! Ich gehe ins Haus!«

Sie verschwand.

»Ich sehe dich, Mutter!«[22] rief Lobo von weitem, trank aus einer

Flasche und kam dann heran. Er blieb vor der alten Frau stehen, sah sie

beinahe schadenfroh an und sagte unvermittelt:

»Mutter, wir müssen fort!«

»Wir? Fort? Was? Was faselst du? Wohin?«

»Das weiß ich nicht. Der Neue, der Juro, will uns rausschmeißen.«

»Rausschmeißen? Uns? Mich?«

Das alte Weib grunzte vor Überraschung.

»Ich bin mein Lebtag auf diesem Hofe gewesen. Ich gehöre hierher! Bist

du verrückt, du Süffling?«

Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald · 第 19 / 38 题