Und sie erkannte, daß Juro der zukünftige Kral der Wenden war. --

Da tat sie das, was die Frauen großen Erkenntnissen gegenüber tun --

sie weinte.

Er sah es nicht, er beachtete das Leid der Geliebten nicht. Die

große Idee des Königtums war über ihn gekommen, ein Sonnenmeer von

Erleuchtung war plötzlich über ihn geflutet.

Als er der Erwählten die heimische Sage erschloß, hatte er sie selbst

das erstemal ganz erfaßt, wie wir Menschen ja alle erst dann recht und

wahr und tief lernen, wenn wir uns ehrlich bemühen, zu lehren, wie wir

immer dann den rechten Weg am ehesten finden, wenn wir ihn getreu einem

andern zeigen wollen.

Die Schönheit des Königsgedankens brannte nun im Herzen Juros, und er

sprang auf und ging weit den Waldweg entlang, kam ganz langsam zurück.

Die tote Mutter, die Braut, sein ganzes bisheriges Leben mit allem

Großen und Kleinlichen waren in diesen Augenblicken vergessen, da Juro

den Waldweg auf und ab wandelte.

Endlich blieb er vor Elisabeth stehen.

»Ich will dir einiges sagen,« sprach er mit einer Stimme, die hart

klang; »ich war nahe daran, ein Schwächling und Feigling zu sein.

Drüben bei uns im Wendenland, da ist vieles nicht so, wie es ein

feiner, zarter Träumer sich wünscht. Da ist leibliche und körperliche

Not. Da ist Dummheit und Aberglaube und neben der Knechtseligkeit die

heimliche Großmannssucht. Da sind alte Weiber die Ärzte, unter deren

Plunderformeln die Kranken elend verscheiden. Betrunkene Bauern machen

die Politik. Der alte Webstuhl ist unsere glänzendste Maschine, und die

Leute, die mit langen Ruderstangen im Schlamm der seichten Gewässer

wühlen, daß die Blasen aufsteigen, die halten sich für Schiffer. Mit

ihrer Sprache finden sich die Leute knapp zum nächsten Wochenmarkt,

wo sie der dämlichste deutsche Händler übers Ohr haut. Bücher haben

sie nicht, es seien denn jämmerliche Übersetzungen. Und die sind

noch in fünffacher Orthographie. Da gibt es eine oberwendische, eine

niederwendische, eine tschechische, eine evangelische, eine katholische

Rechtschreibung. Falsch sind sie alle. Es gab eine Zeit, wo es als

ein ehrendes Zeugnis galt, wenn einem jungen Handwerker bescheinigt

werden konnte: er ist kein Wende. Es gab eine Zeit, wo jeder Wende

geschlagen werden durfte. Es ist heute noch nicht viel besser. Immer

in die Heide gedrückt bleibt der Wende, immer auf der mageren Scholle

sitzt er. Und wenn er einen Schweinestall bewohnt, nennt er ihn schon

stolz sein Haus. Die Armut ist der scheußlichste Bundesgenosse dieses

Volkes. Unsere jungen Mütter nähren die Kinder der Reichen in Berlin

oder Breslau, und derweil stirbt das eigene Kind zu Haus aus Hunger

oder unter dem Beistand abergläubischer Quacksalberinnen. Wäre ein

guter Arzt sofort zur Stelle gewesen, meine Mutter lebte noch! So

ist sie gemordet worden durch die gutmütige Unvernunft, die bei uns

Volksreligion ist. Nicht wahr, und einem solchen Volk den Rücken zu

kehren, das ist leicht? Da putzt man sich die Kleider ab, räuspert

sich, bürstet sich den Bart und geht achselzuckend davon. Und ist ein

feiner Mann!«

Juro lachte höhnisch über sich selbst.

»Oh, siehst du, so ein Held war ich! Ich ließ den Widerwillen über mich

kommen. Und weißt du, was Widerwille ist? Widerwille ist Feigheit der

Schwäche gegenüber. Also die elendeste Feigheit. Das weiß ich jetzt.

Aber ich war ein Feigling. Ich wollte Reißaus nehmen; ich wollte mir

ein nettes deutsches Mädel nehmen und in ein recht elegantes Quartier

in der Hauptstadt ziehen und als Arzt unter tausend anderen Ärzten von

reichen Leuten Geld verdienen. Mich mein Leben lang nicht mehr um die

Wenden kümmern! Das wollte ich! Das war eine Schurkerei! Und die ist

mir erst aufgedämmert, als meine Mutter starb, und ist mir jetzt völlig

klar geworden, da ich dir diese Kralssage erzählte.«

Er hielt inne und setzte sich auf die Bank. Aber er sprang bald wieder

auf.

»An meinen Bruder wollte ich das väterliche Gut preisgeben. An Samo!

An ihn, der wie ein polnischer Schlachziz auf dem Gute hausen würde,

ein gnädiger Herr, der sich von ungewaschenen Mäulern die Hand lecken

ließe, der das Volk sorgsam in seinem Aberglauben lassen und sich das

obendrein als eine nationale Tat anrechnen würde. Oh, das ist der

verfluchte Standpunkt, der die slawischen Völker so tief gehalten hat,

daß alle die, die ihm die Fenster der niederen Hütten vernagelten --

die Intelligenten im Lande: Adel, Geistliche, Advokaten, Juden --,

daß die sich als die Führer des Volkes mästeten und sich -- das will

ich ja zugeben -- auch dazu berufen fühlten. Keiner kam, der das Volk

ans Licht führte, keiner, der den Leuten die frohe Kunde brachte:

Ihr, ihr das Volk, seid die Hauptsache, ihr sollt reich, stark,

gesund, klug sein, ihr sollt euch wohlfühlen, und die Regierenden

sollen sich abrackern, wie sie das zustande bringen! Es ziemt sich

nicht, daß der eine Mensch wohne wie ein Gott und der andere wie ein

Tier, und überall, wo das der Fall ist, herrscht ein verbrecherischer

Götzendienst, auch wenn er tausendmal sanktioniert ist. Und wehe am

Ende, wehe vor Gott und allen guten Menschen den gemästeten Götzen!

Arme Slawen!«

Elisabeth weinte nicht mehr, sie hörte Juro zu, wie er so erregt

sprach, sah mit Bewunderung, wie plötzlich eine Mission über ihn

gekommen schien, wie wieder einmal aus dem Brunnen der Tradition ein

Wundertrank geschöpft worden war, der den Blinden sehend, den Träumer

zum Helden machte.

Aber eine tiefe Trauer war in dem Mädchen.

»Alle deine Vorwürfe richten sich gegen die Deutschen?« fragte sie

langsam.

Da besann er sich auf sie, wachte auf wie aus einem Traum.

»Mein deutsches Mädel!« sagte er, »wie kannst du so sprechen? Weißt du

nicht, daß ich die Deutschen lieb habe? Nicht deinethalben! Ich hatte

sie von Jugend auf gern. Ich liebte ihre Stärke, ihre Gründlichkeit

und verlässige Pflichttreue, ihren starken, wunderbaren Fleiß.

Ich vergöttere ihre Kunst und finde auch einiges Hübsche in ihrer

Geschichte. Ich wohne in Preußen, ich habe alles, was ich körperlich

und geistig besitze, von Preußen. Also bin ich ein Preuße! Nicht,

daß ich die Fehler dieses Volkes nicht sähe, daß mich sein plumpes

Spartanertum nicht oft ärgerte; aber es ist besser, menschlich besser

bei ihnen als bei den Slawen, aus deren Blut ich bin. Besser als bei

den Russen, die in jahrtausendelanger Totenstarre liegen, besser als

bei den Polen, die mit all ihren herrlichen Gaben zu lange vor den

selbstgeschaffenen Götzenbildern lagen; besser als bei den Slowaken,

Slowenen, Kroaten und Serben, die trüb und müd in ihrer Armut

dahinleben und nur manchmal kraftlos mit der Bettlerhand drohen; besser

endlich als bei den Tschechen, die es trotz ihres reichen Landes,

trotz der günstigsten Entwicklungsmöglichkeiten auf keinem Gebiet über

die Mittelmäßigkeit hinausgebracht haben. An alle diese soll mein

Wendenvolk keinen Anschluß suchen und sucht auch keinen trotz der

Anstrengungen, die von Moskau, Warschau und Prag her gemacht werden,

trotz der Bemühungen einiger faselnder Panslawisten unter uns.«

Juro hatte hastig, erregt, die Worte oft überstürzend, gesprochen. Er

war einer, der viel dachte, aber auch viel redete, der gern Ideen,

Absichten, Probleme entwickelte: er war bereits ein Deutscher. Das

Mädchen war klug und ernst. Es war wohl fähig, solchen Worten zu

folgen, aber ihr Herz war jetzt weit von den Schicksalen slawischer

Stämme, es war nur bei dem einen, der sprach, und bei ihrem eigenen

Schicksal.

»Juro, du wirst der Kral der Wenden werden«, sprach sie.

Es klang wie ein Schluchzen, das aus gequälter Seele kam.

Juro war zu versonnen, als daß er den Jammer der Geliebten bemerkt

hätte.

»Ja, der Kral!« rief er. »Es ist nur eine imaginäre Würde; ich glaube

nicht an sie; aber die Wenden sprechen sie mir in aller Heimlichkeit

zu. Tausende hängen mit stumpfem Gewohnheitssinn daran, einige

mit kühnen Hoffnungen; alle wünschen die Erhaltung dieser uralten

Tradition. Alle, bis auf mich! Ich halte solche Traditionen viel

eher für ein Hemmnis als für eine gesunde Wurzel. Und deshalb wollte

ich meiner Wege gehen. Wollte Samo neidlos und kampflos den Platz

überlassen. Bis die Mutter starb, bis ich dir, Elisabeth, die alte

Volkssage erzählte und es mich plötzlich überkam, ich müsse wirklich

der Kral werden, der Einfluß hat auf das Volk und der seine Aufgabe

darin erblickt, dem Volk aus Armut und Aberglauben aufzuhelfen, das

Wendenvolk vollends zu Deutschen zu machen.«

Das Mädchen faßte ihn am Arm.

»Erschrick nicht, Elisabeth! Es ist kein Verrat! Es ist die einzig

vernünftige Tat, die geschehen kann. Was ist klüger: eine alte Kaluppe,

die jeden Augenblick vom Wind über den Haufen geworfen werden kann,

immer neu zu stützen, die klaffenden Löcher mit Lehm zu verschmieren,

die zerschlagenen Fensterscheiben mit Papierfetzen zu verkleben --

oder die ganze Bude kurzweg niederzureißen und ein festes, gesundes

Haus an seine Stelle zu setzen? Die Antwort kann nicht zweifelhaft

sein, nicht wahr? Die Wenden üben alle Staatsbürgerpflichten auf das

gewissenhafteste, haben aber nicht vollen Genuß staatsbürgerlicher

Vorteile. Das ist, weil ihnen ihre Tradition anhängt. Ihre schmucke

Volkstracht ist in den Augen der Welt doch weiter nichts als das

Proletenkleid zurückgebliebener Leute; ihre isolierte Sprache macht sie

unfähig zu vielem, macht sie befangen, furchtsam; der alte Aberglaube

hält ihre Stirnen umwölkt. Fort mit all diesem Plunder! Heraus aus dem

Sandwald ins grüne Land! Heran an den großen deutschen Tisch! Gleiche

Rechte! Gleiches Gepräge!«

Mit den flammenden Prophetenaugen begeisterter Jugend stand er vor ihr.

Und sie war auch jung, und ihr Herz erglühte im Glauben an ihn und an

seine Sache.

»Du bist edel, Juro! Du bist klug! Du hast recht!«

Da faßte er sie fest an den Händen.

»Elisabeth, wirst du es mit mir wagen, was ich vorhabe? Wirst du die

Frau des letzten Wendenkrals sein, der sein Volk zur wahren Freiheit

führen will?«

»Ja, Juro! Als ich erkannte, wer du eigentlich bist, erschrak ich und

glaubte, ich könne nicht deine Frau werden. Ich glaubte, wenn du der

König der Wenden bist, müßtest du auch eine Wendin heiraten. Aber so,

wie du es vorhast, ist es doch anders. Wenn du die Wenden zu Deutschen

machen willst, sollst du selbst eine deutsche Frau haben! Und die will

ich von Herzen gern sein!«

Sie küßten sich auch jetzt nicht.

Aber sie ging weit mit ihm über die Felder, als er heimkehrte, und

hielt ihn fest an der Hand.

* * * * *

Als Juro allein war, brannten ihm die Wangen. Und in seiner

Lebhaftigkeit sprach er mit sich selbst von seinen Aufgaben, seinen

Zielen, die ihm klar vor der Seele standen. Er blieb oft stehen, und

seine Arme fuhren durch die Luft, als er so mit sich selbst sprach.

»~Pomogaj Bog wam!~«

Er erschrak und sah eine alte Frau vor sich stehen.

»~Bog žekujscho~«, antwortete er.

»Gott helfe Euch!« hatte sie gegrüßt. »Gott vergelte es!« hatte er

wendisch geantwortet. Er besann sich kurz und redete die Alte in

deutscher Sprache an.

»Nun, Mütterchen, habt Ihr Pilze gesucht? Es gibt heuer recht viele,

weil das Wetter naß ist.«

Sie machte eine Gebärde mit der Hand, die bedeuten sollte, daß sie

nicht Deutsch verstehe. Dann kicherte sie und sagte wendisch:

»Der Sohn des Kral spricht deutsch mit mir!«

Es erschien ihr wie ein Scherz, den Juro mit ihr trieb. Er sah, daß sie

eine alte Frau sei und also wohl wirklich kein deutsches Wort verstehe.

Sie verfiel augenblicklich in einen weinerlichen Ton, klagte, daß nun

die gute Frau gestorben sei, bei der sie hätte sich alle Tage ein

Töpflein Milch holen können. Juro sagte ihr, er wolle anordnen, daß sie

die Milch auch fernerhin bekäme.

Da haschte sie nach seiner Hand, um sie zu küssen. Er aber entzog ihr

die Hand heftig und sagte in wendischer Sprache:

»Mütterchen, habt Ihr ein Kreuz zu Haus, woran dem Herrn Jesus die

Hände genagelt sind?«

Sie nickte.

»Die Hände dürft Ihr küssen, wenn Ihr an die wirklichen Hände des Herrn

Jesus denkt. Aber nicht meine. Ich bin kein Gott!«

»Auch nicht dem Herrn Pastor? Oder dem gnädigen Herrn?«

»Auch diesen nicht! Ihr sollt es durchaus nicht tun!«

»Aber Eurem Herrn Bruder Samo habe ich vor einer Stunde beide Hände

geküßt, weil er mir zwei Dreier geschenkt hat.«

»Ihr sollt es nie wieder tun, weder ihm noch einem andern Menschen.«

Er schenkte ihr eine Silbermünze. Da schnappte sie doch wieder nach

seiner Hand.

»Ihr sollt es nicht!« rief er erzürnt. »Hunde lecken die Hände, nicht

Menschen!«

Da erschrak sie, steckte die Silbermünze ein und sagte wieder:

»~Pomogaj Bog wam!~« Dann huschte sie über eine schmale Wasserrinne in

den Wald. Aber Juro hörte noch, daß sie bei sich brummte:

»Er tut, als ob ich ein giftiges Maul hätte!« -- --

Nach drei Tagen ging in den Dörfern das Gerücht, Juro habe die alte

Domasch einen Hund genannt und halte sich arme Leute stolz vom Leibe.

* * * * *

Langsam ging Juro nach seiner Begegnung mit der alten Frau seines

Weges. Es war, als ob er sich fürchte, heimzukommen zur Mutter. Was

war sie für eine eifrige, gläubige Wendin gewesen! -- Aber seine Seele

straffte sich wieder und schüttelte den Kleinmut von sich.

Da sah er auf einem schmalen Raine, der zwischen den Feldern seines

Vaters hinlief, Hanka, das fremde Mädchen. Die schritt rüstig aus,

hatte die Schürze hochgebunden, hielt in der linken Hand einen Topf

und machte mit der rechten die Bewegung des Säens. Juro wußte, was sie

tat. In dem Topf war das Wasser gewesen, mit dem sie die tote Mutter

gewaschen hatten. Nun hatten sie dem Topf den Boden ausgeschlagen, und

das Mädchen säte durch den Topf Hirsesamen auf die Felder. Da würde im

nächsten Jahr kein Vogel ein Körnlein von diesen Feldern picken. Ein

Widerwille erfaßte den jungen Mann. Er wartete, bis Hanka näherkam, und

rief sie an. Sie erschrak, als sie Juro sah, kam aber zu ihm.

»Was tust du da?« fragte er in deutscher Sprache.

»Ich säe den Totensamen! Es ist besser, wenn es ein Mädchen tut, als

wenn es ein Mann tut!«

Sie hatte wendisch geantwortet.

»Sprichst du nicht Deutsch, Hanka?«

Sie sah ihn verwundert an.

»Warum sollte ich das wohl tun? Ich bin doch eine Wendin!«

»Ja, Hanka! Wir werden noch später darüber sprechen. Ich hoffe, wir

werden uns verständigen, denn du bist ja ein kluges Mädchen. Sag mir,

warum säst du den Totensamen? Glaubst du daran?«

»Glaubst du denn +nicht+ daran?« gab sie verwundert zurück.

»Ich bitte dich, gib mir den Topf!«

Sie reichte ihm den Topf, und Juro warf ihn auf einen nahen

Steinhaufen, daß er zerbrach.

»Was tust du? Ich bin noch lange nicht fertig mit allen Feldern!« rief

sie erschrocken.

»Laß die Felder und laß die Vögel! Siehst du den Schwarm Sperlinge? Sie

werden die Hirse fressen, die du gesät hast.«

»Ja, sie kosten davon und kommen dann nie wieder!«

»Sie kommen wieder, Hanka, davon wirst du dich selbst bald überzeugen

können. Und warum sollten wir sie vertreiben? Der Mensch soll nicht

geizig sein gegen die kleinen Kostgänger des Herrgotts!«

»Ich bin nicht geizig!« sagte sie trotzig, »es sind nicht meine Felder!«

»Ich will dich auch nicht kränken, Hanka!« sagte er milder. »Aber --

nicht wahr, der Nutzen könnte doch nur klein sein, und wir wollen

keinen Nutzen ziehen aus dem Tode eines Menschen!«

»Der Nutzen ist nicht für mich; er ist für euch!«

Sie bückte sich über den Steinhaufen und nahm einen größeren Scherben

auf.

»Was willst du damit, Hanka?«

»Aus dem Scherben weitersäen!«

»Das wirst du nicht tun! Ich will es nicht! Es ist schmählich! Ich

verbiete es dir!«

Er stampfte mit dem Fuß auf. Sie sah ihn mit ihren stahlblauen Augen

hart an.

»Du bist grob!« sagte sie und wandte sich ab.

»Hanka!« rief er zornig, »du wirst das Säen sein lassen! Begreifst du

denn nicht, was du damit ausdrückst? Daß das Wasser, mit dem meine

Mutter gewaschen wurde, kleinen unschuldigen Tieren -- einen -- einen

Ekel einflößen soll? Ich verbiete es dir!«

»Du hast mir nichts zu verbieten! Jemand anders hat mir befohlen, den

Samen zu säen!«

»Wer? -- Wer ist so töricht? -- Ich will ihn zur Rechenschaft

ziehen ...«

Bei dieser Frage erbleichte sie und rannte, so schnell sie konnte, den

Feldrain entlang.

Zornig schritt Juro weiter, dem väterlichen Gehöft zu. Er begegnete

seinem Bruder Samo. Der wartete ab, bis ihn der Bruder grüßte, und gab

eine mürrische Antwort.

»Samo, siehst du das Mädchen dort drüben -- die Hanka? Sie sät aus dem

Topf, aus dem die Mutter gewaschen worden ist, ›Totensamen‹ auf die

Felder! Wer hat ihr diesen greulichen Unsinn befohlen? Ich will ihn zur

Rechenschaft ziehen! Wer hat es angeordnet?«

»Die Mutter selbst!« antwortete Samo kurz und hart.

Juro wich einen Schritt zurück. Samo betrachtete ihn mit einem

schadenfrohen Zucken im Blick.

»Juro, du würdest besser tun, dich nicht in diese Dinge zu mischen, die

Leute bei ihren alten Gebräuchen zu lassen. Sie ehren unsere Toten weit

besser als zum Beispiel dein deutscher Freund heute mit seinem albernen

studentischen Geschwätz!«

Er ließ den Bruder stehen. Wie ein Geschlagener ging Juro den Weg

entlang. Ein Schwarm Schwalben flog hoch in der Luft immer im Kreis

herum. Die Vögel dachten ans Abschiednehmen.

Im Großgarten lehnte der Vater regungslos an einem Apfelbaum und

starrte in die sinkende Abendsonne.

Das Glöcklein vom Kirchturm begann zu läuten.

Dort in der Stube mit dem verhangenen Fenster schlief die Mutter den

letzten Abend auf dieser Erde.

»~Pusty wjecor~«, sagen die Wenden.

»Der öde Abend!«

Der letzte Trauergast war an den schwarzen, weißgeränderten Sarg

getreten, in dem die tote Frau in ihrer Brauttracht lag, hatte sein

stilles Vaterunser gebetet, den Anverwandten sein Beileid ausgesprochen

und war dann nach der großen Gesindestube gegangen, wo Kaffee und

Kuchen, Käse und Branntwein zu haben waren.

Endlich war es Zeit zum Aufbruch. Vater und Söhne nahmen bewegten

Abschied, und die Tote wurde im offenen Sarg aus der Stube getragen,

mit den Füßen voran, damit sie nicht »zurückschauen könne«. Der Spiegel

wurde enthüllt, das Fenster geöffnet, die Stühle, auf denen der Sarg

gestanden hatte, wurden umgestürzt.

An der Haustür wurde der offene Sarg hingestellt. Die tote Bäuerin,

deren Augen halboffen waren, blinzelte noch einmal in ihren Hof hinein.

Es war alles sauber und ordentlich. Die zwei Mägde, die das Vieh im

Augenblick des Abschieds füttern mußten, rannten so eilig mit ihrem

Heu, als fürchteten sie immer noch einen Tadel der Frau. Ein paar junge

Mädchen rückten an ihrer Plachta[6], ob sie auch ordentlich säße;

einige alte Leute nickten der Toten zu: »Du kannst stolz sein, daß du

ein so großes Grabgeleite hast!«

Unter der weißgekleideten Trauergesellschaft standen zwei in schwarzen

Gewändern: Elisabeth und ihr Bruder Heinrich. Samo, der einmal die

Augen aufhob und die beiden Deutschen sah, dachte bei sich: Sie sind

wie schwarze Flecken auf weißen Kleidern.

Die Herbstsonne schien auf den bevölkerten und doch so stillen Hof. Da

trat der alte Scholta an den Sarg heran, nahm den Hut ab und sprach

laut:

»Vater, in deine Hände befehle ich meine Frau!«

Dann wurde der Sarg geschlossen und nach dem hochgelegenen Friedhof

getragen, wo ein Glöcklein mit blechernem Klang läutete. -- -- --

Alle einfachen Menschen haben das Bedürfnis, zu lärmen, wenn sie

einmal eine Zeitlang haben still sein müssen. Nach dem Begräbnis wurde

die Dorfstraße überaus lebhaft.

Die Mägde sprachen von dem »prachtvollen Leichenputz«, den die Tote

getragen, von den blütenweißen Brusttüchern und der breiten gestickten

Seidenschärpe, vor allem aber davon, daß sie in der linken Hand statt

des üblichen Sträußchens eine Zitrone gehabt habe.

»Nun, sie war eine Reiche!«

»Und was für eine! Sie ist sogar im Bette gestorben!«

»Arme Leute könnten das nicht!«

»Dürften es auch nicht. Es wäre gegen die Schicklichkeit.« --

Die Burschen waren noch lebhafter. Sie behandelten insbesondere eine

Standesfrage.

Zu den Leichenträgern gehörten auch ein Halbbauer und ein Häusler;

sogar der Schäfer. Der Großbauer Klin hat nicht mit »Träger« sein mögen

deshalb. Sie haben müssen herumschicken. Da ist der Gregorek für den

Klin eingesprungen.

»Der Klin hat ganz recht. Bauersleute sollen nur von Bauern getragen

werden. Anderen Leuten kommt das nicht zu«, sagte ein junger Bauernsohn

stolz.

»Du schmutziger Bengel, du bist der richtige!« fuhr ein anderer

dazwischen. »Der Tod macht alles gleich. Und dem Toten ist es ganz

gleich, wer ihn trägt.«

Der Bauernsohn geriet in Hitze.

»Wenn ich nicht meinen guten Anzug anhätte,« sagte er, »würde ich

dir eine ›Pflaume‹[7] geben, an der du zu kauen hättest -- du -- du

Demokrat du!«

»Warte nur den Abend ab«, entgegnete der andere. »Die Pflaume kommt

zurecht. Sie wird desto blauer und saftiger werden -- für dich.«

»Pst!« machte ein dritter. »Sie war die Frau des Kral. Da ist es etwas

anderes. Da haben alle Anteil am Begräbnis. Der Branntwein war gut. Es

wird ein Leichenschmaus, wie ihr noch keinen erlebt habt.«

Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald · 第 16 / 38 题