In lichten Augenblicken, wenn das Fieber etwas nachließ, betete die
Frau mit lauter Stimme zu ihrem Herrn und Heiland Jesus Christus. Sie
hatte jenes Christentum, das den Alten eigen war, die im Walde immer
noch ihre heidnischen Geister huschen hörten, wenn sie gläubig zur
christlichen Kirche schritten, oder wie jene Heilandsleute, die in
Christus den größten Helden und in seinen Aposteln Ritter und Reisige
voll Kraft und Mut verehrten.
Und zwischen ihrem Beten lenkte die Kranke das Ohr lauschend nach dem
Hoftor, ob die Söhne nicht kämen.
»Ich muß mit Juro reden wegen Hanka und vom Kral.«
Dann kam das Fieber wieder, und sie sprach von ihrer Brauthaube, von
der Heyka des Urvaters und von Morkusky, dem bösen Zauberer.
Es war schon tief in der Nacht, als ein Wagen in den Hof fuhr. Das
Hoftor war seit dem Morgen weit geöffnet geblieben.
Die Dienstboten huschten aus dem Gesindehaus; der alte Scholta erschien
in der Haustür.
Juro und Samo, mit Staub bedeckt, entstiegen dem Wagen. Sie waren die
ganze Nacht gewandert, den ganzen Tag gefahren.
Der Scholta ging seinen Söhnen entgegen.
»Ihr kommt noch zur rechten Zeit. Morgen früh wäre es zu spät gewesen.«
Da schmiegten sich die Söhne an den Vater, und er schlang die Arme um
sie, und es war ein Bild einträchtiger Liebe zu der einen.
Leise gingen sie dann nach der Krankenstube, und die jungen Männer
knieten nieder am Bett der kranken Frau, die bewußtlos war. Sie
weinten, wie heimkehrende Söhne weinen, wenn sie die Mutter im Sterben
finden.
Bis an die zartesten Wurzeln unseres Seins rührt der Tod, wenn er uns
die nimmt, die uns das Leben gaben oder denen wir das Leben gaben. Aber
wenn beim Tode einer Frau der Gatte mehr leidet als ihre Kinder, ist
das Entartung?
Wer litt hier am tiefsten? Samo, der sich leidenschaftlich schluchzend
an den Bettpfosten klammerte -- Juro, dessen Brust zuckte und dessen
Hände irr über das blasse Gesicht fuhren -- oder der alte Scholta, der
am Tische lehnte, seine Frau betrachtete und sich nicht rührte?
Diese drei dort, die beiden Jünglinge und die Frau, sind ein Fleisch
und ein Blut, sind sich innig verbunden von der ersten Sekunde ihres
Seins an.
Er, Hanzo, ist nicht ihr Fleisch und Blut, er hat sie vor kaum dreißig
Jahren nicht einmal gekannt.
Und wenn sie jetzt geht? Wenn ihr Leben ausgelöscht wird wie eine
Kerze? Wird nicht dennoch auf dem Wege jener beiden bald ein neues
Licht leuchten, und wird nicht der alternde Mann seine dunkle Straße
allein ziehen?
Feine, stille Grenzen sind im Menschenland. Und die volle
Lebenskameradschaft hat doch ein weiteres Gelände, als die Erbgebiete
des Blutes sind. --
Die Söhne erhoben sich, setzten sich auf zwei Stühle. Sie waren müde.
Müde von der langen Reise und von Angst und Groll, die sie gequält
hatten.
Hanka trat ins Zimmer. Die Jünglinge reichten ihr die Hand. Sie kannten
sie kaum. Vor vielen Jahren hatten sie das Mädchen einmal gesehen, als
sie noch heranwachsende Burschen waren und die Hanka noch ein Kind
war. Aber sie wußten, daß sie eine entfernte Verwandte war, drüben aus
dem Sächsischen. Eine aus der Familie, die nach der Tradition als die
königliche galt. Auch die Mutter war von dort her. Wie kam das Mädchen
hierher?
Der Vater gab flüsternd eine kurze Aufklärung. Nun erst erfuhren die
Söhne, auf welchem Wege die Mutter verunglückt war.
Beklommen standen sie dem Mädchen gegenüber.
Die Kranke begann wieder zu sprechen.
»Eine reine Jungfer muß es sein -- die mit der silbernen Schaufel nach
der Krone gräbt ...«
»Nicht die, die unter dem Flieder liegt ...«
»Ja, der Lobo ist ein Süffling -- ja ...«
»Aber Juro -- Juro und Hanka ...«
»Ich will mit ihm reden -- wegen Hanka und vom Kral.«
»Ach, bleib mit deiner Gnade
Bei uns, Herr Jesu Christ!«
Da erwachte sie.
»Juro! -- Samo! -- Seid ihr da? Seid ihr gekommen? -- Seid ihr gesund?
-- Geht es euch gut? Habt ihr schon zu essen bekommen?«
Sie herzte die Söhne, sie hörte ihre Liebesworte. Sie herzte sie
wieder. Sie sah Juro forschend an.
»Ich wollte -- wollte -- etwas mit dir reden -- ich weiß es nicht mehr
-- was wollte ich doch mit dir reden ...?«
Dann plötzlich schrie sie:
»Macht das Fenster auf!«
Und sie versank in den Todeskampf.
Der Scholta wurde blaß bis auf die Lippen. Aber er ging ohne Schwanken
zum Fenster und öffnete es.
Noch als er sich an dem einen Flügel festhielt, starb die Frau.
Und der Mann glaubte zu fühlen, wie die erlöste Seele vom Bette
herschwebte, ihm noch einmal die Stirn berührte und sich dann durch das
geöffnete Fenster aufschwang zum Firmament, das mit Millionen winkender
ferner Heimatlichter herniedergrüßte.
Hanka und die Söhne knieten weinend am Bette.
Der alte Hanzo trat heran und drückte der Toten die Augen zu. Er nahm
ihre rechte Hand zwischen seine beiden Hände zum Abschied und zum
Gebet. Dann wandte er sich ab, nahm ein großes Tuch, verhängte den
Spiegel, der an der Wand hing, und hielt die Uhr an. Das alles tat er
mit ruhiger Gewissenhaftigkeit.
Zuletzt ging er in den Hof und rief das Gesinde zusammen.
»Die Frau ist gestorben!« sagte er schlicht und stand hochaufgerichtet
im mondbeschienenen Hofe. Nach den wenigen Worten ging er nach dem
Hause zurück. Der alte Knecht Kito aber trennte sich von dem jammernden
Weibsvolk, ging nach den Viehställen, trieb die schlummernden Tiere auf
und rief mit seiner alten Stimme durch den Stall:
»Die Frau ist gestorben!«
Da brüllten ein paar Kühe auf, und die Pferde klirrten mit den
Halfterketten.
Kito ging weiter bis in den Großgarten, wo die Bienenstöcke standen,
klopfte dreimal an jedes Bienenhaus und sagte dann laut und deutlich:
»Die Frau ist gestorben!«
Da kam es wie ein leise summendes Geflüster aus den Bienenstöcken.
Kito ging an die Hundehütte.
»Tyra, die Frau ist gestorben!«
Das Tier rührte sich nicht. Es war tot.
Zitternd ging der alte Knecht in seine kleine Stube, wo in einem
kleinen Bauer ein schlafender Kanarienvogel saß. Er weckte das
Tierchen, das ihn müde anblinzelte, und sagte ihm:
»Die Frau ist gestorben!«
Da sang der Vogel eine wehmütige kurze Melodie und schlief wieder ein.
Am Tage vor dem Begräbnis ritt Heinrich von Withold, Elisabeths Bruder,
in den Hof des Scholta. Er sprang vom Pferde und reichte die Zügel
einem Mädchen hin, das eben in die Haustür trat. Es war Hanka.
»Bind mal den Gaul an einer passenden Stelle fest, schönes Kind!« sagte
Heinrich leutselig.
Das Mädchen errötete, und ihre hohe Gestalt straffte sich.
»Ich werde einen Knecht oder eine Magd rufen«, sagte sie.
Da sah Heinrich von Withold ein, daß er wohl eine Unhöflichkeit
begangen habe. Er stammelte eine Entschuldigung und band sein Roß
selbst fest.
»Ich bitte um Verzeihung, verehrtes Fräulein«, sagte er dann; »ich
bin ja hierzulande nicht fremd, aber ich kann mir die Abzeichen
der Wendentracht partout nicht merken. Wollen Sie mir sagen, meine
Gnädigste, ob ich den Herrn Scholta sprechen kann?«
»Da kommt er schon.«
Der wendische Großbauer und der deutsche junge Edelmann traten sich
gegenüber. Heinrich geriet in Verlegenheit, aber dann nahm er all
seinen Schliff zusammen und sagte:
»Herr Scholta, ich erlaube mir, Ihnen namens meiner Familie einen
Kondolenzbesuch abzustatten und Ihnen anläßlich des Hinscheidens Ihrer
Frau Gemahlin unser herzlichstes Beileid auszudrücken. Mein alter
Herr würde dieser traurigen Pflicht selbst nachgekommen sein, aber
er ist noch verreist. Wollen also mit dieser Stellvertretung gütigst
vorliebnehmen.«
Auf diese geschniegelte Rede hin wußte der alte Wende nichts zu sagen.
Er nahm verlegen seine Kappe ab und sagte:
»Ja -- ja, die Frau ist gestorben!«
Darauf wußte wieder Heinrich von Withold nichts zu sagen. Und so
entstand eine peinliche Pause. Zum Glück kam Juro aus dem Hause.
Heinrich eilte auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn und drückte ihm dann
warm die Hände.
»Alter Junge, das hat mir aber scheußlich leid getan!« sagte er bewegt.
Nach diesem studentischen Freundschaftsausbruch besann er sich aber
gleich wieder auf seinen höflichen Ton und erklärte Juro:
»Ich habe mir erlaubt, dem Scholta, deinem alten Herrn, anläßlich des
Hinscheidens deiner Frau Mutter die Kondolation unserer Familie zu
überbringen.«
Es entstand wieder eine Pause, und Heinrich erklärte also, er habe bloß
seine Mission ausrichten wollen, werde jetzt nicht weiter stören und
gestatte sich also, sich zu empfehlen. Darauf begann endlich Hanzo,
der Scholta, zu reden. Er sagte wohl an die zehnmal: »Nein, nein!«
Der gnädige junge Herr müsse ins Haus treten und dürfe eine kurze
Gastfreundschaft nicht verschmähen. Der Scholta selbst band Heinrichs
Pferd los, um es nach einem Stall zu führen. Der höfliche junge Mann
suchte diesen Dienst auf alle Weise zu hindern, was ihm aber mißlang,
und ging schließlich selbst mit nach dem Stall, wo er über die dort
befindlichen Pferde enthusiastische Urteile abgab, die in der Mehrzahl
Unsinn waren und von gar keiner Sachkenntnis zeugten und die der
Scholta schweigend anhörte.
»Und der Blauschimmel, Herr Scholta, der Blauschimmel! Ein Götterroß!«
Der alte Hanzo rückte verlegen an seiner Kappe.
»Ich habe das Pferd für eine Forderung eingetauscht«, sagte er. »Es
wird wenig benutzt. Ich brauche es nur fürs Osterreiten. Und sonst ist
es für die Jungen, wenn die mal zu den Ferien sind.«
»Ein Götterroß, Herr Scholta! Ich kann mir's denken; es ist vom alten
Hinzberg, von dem deutschen Rittermäßigen, der überall Schulden hatte,
natürlich auch bei Ihnen.«
Hanzo antwortete nicht. Sie verließen den Stall.
»Ich möchte riesig gern noch etwas mehr von Ihrer Musterwirtschaft
sehen, Herr Scholta«, sagte Heinrich darauf. »Wissen Sie, wenn man nun
mal Landwirtschaft studiert, interessiert einen das mächtig. Aber die
Veranlassung meines Besuches ist zu trauriger Art.«
Hanzo machte eine Handbewegung und führte dann Heinrich durch sämtliche
Wirtschaftsräume, zeigte ihm alle Wirtschaftsgeräte, führte ihn bis
hinter das Gehöft, von wo man einen großen Teil der Felder übersah, und
erklärte alles mit einer ihm sonst ganz ungewöhnlichen Gesprächigkeit.
Hanzo wäre kein wendischer Bauer gewesen, wenn er das nicht getan hätte.
Und als er seinen Gast endlich in ein kleines Stübchen geführt hatte,
wo seine Söhne und Hanka mit einem Frühstück warteten, ging er selbst
nach »der guten Stube«, wo seine Frau aufgebahrt war. Und es war, als
ob die tote Bäuerin lächelte.
»Hast du ihm auch alles gezeigt? Nicht wahr, es hat ihm gefallen? Es
muß ihm ja gefallen!«
Juro begleitete seinen Freund nach Hause. Sie legten die gute Wegstunde
zu Fuß zurück. Das Reitpferd führte Heinrich am Zügel. Sie gingen lange
schon über die Felder, da fragte Heinrich:
»Ist das hier noch euer Besitz, Georg?«[5]
»Ich glaube wohl; aber es ist erst dazugekauft worden von meinem Vater
und Großvater. Das waren tüchtige Landwirte. Und deshalb muß ich ja
durchaus landwirtschaftliche Studien machen, obwohl ich doch Mediziner
bin.«
»Ja, ich weiß es. Sie wollen einen gelehrten Herrn auf großem Besitz
aus dir machen. So 'ne Art kleinen ›König der Wenden‹.«
Juro errötete und schwieg.
»Und was wird jetzt werden?«
»Ich möchte -- wenn das möglich wäre -- Jura studieren und Theologie
und Medizin und möchte alles tun für die braven Leute, die hier
wohnen, und möchte sie so recht heimisch machen und vorwärtsbringen im
deutschen Vaterland.«
Heinrich lachte.
»Ein guter Prediger würdest du sein. Wenn du willst, sprichst du mit
Schwung. Und ernst bist du. Eigentlich doch ein Grübler. Es ist ein
reines Wunder, daß du mit einem so leichten Huhn, wie ich bin, dich
befreundet hast.«
Er wartete keine Antwort ab.
Ȇbrigens, dein Bruder Samo -- du, der hat mir heut wieder Augen
gemacht! Höflich war er ja -- na ja, weil ich der Gast war, aber Augen
-- -- du, wenn der mich fressen könnte, mich und alle Deutschen!«
»Es ist seine unglückliche Art«, sagte Juro.
»Und dem willst du dieses ganze Königreich abtreten?«
»Ich weiß es nicht. Ich bin so unentschlossen. Ich passe sicher besser
in die Stadt. Und dann -- dann ist es wegen Elisabeth.«
»Stimmt! Die paßt allerdings besser in die Stadt als in eure
Scholtisei. Obwohl sich das Mädel für alles interessiert. Sie spricht
sogar ziemlich gut wendisch, was z. B. mein Vater und ich nie kapieren.
Übrigens, das Fräulein aus eurer Verwandtschaft, die Hanka, ist ein
süperbes Mädel. Ein Urbild von Gesundheit. Leider habe ich es mit ihr
gleich von vornherein verdorben. Erstens halte ich Esel sie für eine
hübsche Magd und sage ihr, sie solle mein Pferd anbinden, zweitens
faselte ich von Irrlichtern und Nebelgebilden, als sie so gläubig von
den brennenden Gespenstern und dieser weißen Todesgöttin sprach. Sie
glaubt daran.«
»Ja, sie glaubt daran, wie meine Mutter daran geglaubt hat.«
»Und dein Vater?«
»Er hat noch keinen in sein Herz sehen lassen. Wie Samo! Vor dessen
Verstand und Bildung hielt natürlich der ganze alte Aberglaube nicht
stand, aber im innersten Herzen hängt er daran wie der einfachste
Wende. Aus Nationalität -- jawohl! So etwa, wie die Schweizer am Tell
hängen oder alle Völker an mancherlei Geschehnissen, Heldentugenden,
Herrschertaten, die nie gewesen sind.«
»Alle diese Selbsttäuschungen machen doch aber sehr glücklich.«
Juro wehrte heftig ab.
»Nein, sie halten auf, sie hemmen! Sie sind toter Ballast, der die
Schiffe der Völker unnütz beschwert. Es sind vorgespiegelte Reichtümer,
erträumte Erbschaften, die den Nationen einen falschen Begriff von
ihrer Größe geben und in denen der Chauvinismus, der größte Feind aller
Völkerverbrüderung und des menschlichen Fortschritts, am tiefsten
wurzelt.«
»Sprechen wir von etwas anderem«, sagte Heinrich, der des schweren
Themas schon müde war.
* * * * *
Im Park der Witholdschen Besitzung traf Juro mit Elisabeth zusammen und
blieb mit ihr allein. Heinrich hatte sein Pferd davongeführt.
»Du bist sehr blaß, Elisabeth? Du trauerst um meine Mutter.«
Sie saßen auf einer Holzbank unter einem alten Baume.
»Erzähle mir von deiner Mutter«, bat das Mädchen. »Ich habe sie nur
zweimal in meinem Leben gesehen. Sie hatte sehr gute Augen.«
Er erzählte. Er sprach wie ein guter Sohn. Und das deutsche Mädchen
sah mit feuchten Augen der Seele der wendischen Frau nach in das blaue
Dämmern, das über ihnen war.
Sie küßten sich nicht. Aber sie hielt seine Hand. Und der Schmerz, der
in ihm war, wurde milder und stiller in der Gegenwart dieses lieben
Mädchens.
Er sagte es ihr. Da antwortete sie:
»Wenn es anders wäre, würde ich wohl nicht für dich taugen.«
»Du bist viel klüger, viel erfahrener, als sonst Mädchen in deinem
Alter sind«, meinte er.
»Das ist, weil ich keine Mutter gehabt habe! Weil sie so früh starb! Da
muß ein Mädchen vieles, was ihm sonst die Mutter abnähme, selbst tragen
und selbst erleben.«
Er schwieg eine Weile und sagte dann:
»Elisabeth, ich werde dich in ein Geheimnis einweihen, das du wissen
mußt. Du könntest mich sonst nicht ganz verstehen und auch nicht die
schwere Aufgabe ermessen, die dir werden wird, wenn du meine Frau sein
wirst.«
Und Juro erzählte Elisabeth die Sage vom Wendenkönig. Er entrollte
ihr das alte, ehrwürdige Gemälde, das, im Allerheiligsten des Tempels
wendischen Volkstums gehütet und gehegt, sonst kein »~Njemz~« zu
ersehen bekam. Das Mädchen hörte zu mit verwunderter Seele, und
allmählich kam eine Angst und plötzlich kam ein Schreck über sie ...