Eine weiße Wolke stieg von dem Leichnam des Kral zum Himmel. Diese
weiße Wolke wandert immerzu über das Wendenland. Auch an ganz
sonnenhellen Tagen ist sie tief im Blauen am Himmel zu sehen.
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Die Königin Rinetta aber hatte am Tage der Wendenschlacht ein weißes
Roß bestiegen und war über die Heide gejagt, um dem geliebten Gemahl
beizustehen, wenn er in Not sei. Als sie an die Spree kam, traten ihr
drei wendische Männer entgegen, klagten und riefen: »Unser Kral ist
tot!« Da sprang das Roß der Königin in die Spree und versank mit ihr.
Nichts war mehr von beiden zu sehen. Nur ein weißer Fisch schwamm im
Wasser.
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Und der weiße Fisch sah aus dem Wasser, und die weiße Wolke hielt still
am Himmel, wenn der junge Königssohn am Uferrande spielte.
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Es geschah aber, daß die Deutschen, als sie hörten, der Kral sei
gefallen und sein Schloß sei versunken, in das Land kamen und es unter
ihre Herrschaft brachten. Die Wenden waren zu schwach, um ihnen zu
widerstehen. Die Deutschen forschten nach dem Königskinde, aber niemand
hat es verraten, obwohl alle Leute im Wendenlande es kannten.
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Und der Sohn des Kral wurde ein Bauer. Er hatte sechs Söhne, und dem
ältesten von ihnen zeigte er den Ort, wo die silberne Krone begraben
lag, und sprach:
»Bewahre das Geheimnis, und vererbe es auf den ältesten Sohn! Wenn die
Zeit erfüllt ist, wird die weiße Wolke in den Himmel verschwinden,
wird der weiße Fisch ins Meer schwimmen bis dorthin, wo das Meer in
den Himmel fließt, und eine reine Jungfrau wird kommen und mit einer
silbernen Schaufel die Krone ausgraben. Der, der dann Kral sein wird,
wird die Krone tragen und unser Volk zum ersten der Erde machen. Wenn
ich tot bin, bist du der Kral. Und wenn du tot bist, wird dein ältester
Sohn der Kral. So soll es sein und bleiben durch alle Zeit.«
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Der Nachtjäger aber wagt sich nur noch in den sieben bösen Nächten, die
zwischen Weihnachten und Neujahr sind, ins Wendenland. Dann ist die
weiße Wolke hinter undurchdringlichen Nebeln verborgen, der weiße Fisch
wohnt in einem festen Haus von Eis, und die silberne Krone liegt tief
unter dem Schnee im Walde.
Das ist die Sage vom Kral, die durch tausend und viele Jahre im
Wendenvolk lebt und die an dem Abend, da Hanzos Frau am Sterben war,
wieder lebendig wurde, von den Heidewiesen des Oberlandes an bis tief
hinunter in die Strohhütten an der Spree, so daß sich die Fischer im
Niederland wie die Hirten im Oberland es zuraunten: »Die Frau des Kral
stirbt.«
Wieder einmal stand das Volk an einer Wende. Nur wenig änderte der
schmale Weg, den seine Geschicke durch das Land der Geschichte nahmen,
seine Richtung.
Nur die Frau des Kral starb. Ein derbes, tüchtiges Bauernweib ging
dahin. Der Kral selbst lebte.
Er ging durch den Hof und durch die Zimmer so steiffeierlich wie immer.
Nichts war anders an seiner hohen Gestalt. Und die schmalen Lippen des
bartlosen Gesichtes waren so fest, so ohne sichtbare Linie des Grams
zum Schweigen aufeinandergepreßt wie in den Tagen der Freude, wo auch
kaum ein leises Lächeln um seinen Mund, ein heimliches Leuchten in
seine Augen kam.
Nur die Frau des Kral starb!
Aber sie war für den Königsgedanken wichtiger als alle. Ihre
Frauenseele hatte das große Geheimnis am besten betreut. Weil ihre
Kindlichkeit an alle jene nationalen Wunder am festesten glaubte.
Nicht, daß sie die Hoheit des Gedankens erfaßt hätte. Sie war keine
Heldin, sie war eine Hausfrau. Sie hütete den Königsgedanken wie ein
kostbares Erb- und Prunkstück.
Es war ein Unglück für wendisches Volkstum, daß diese Frau starb. Die
alte Art fing an zu vergehen. Die jungen Burschen lachten über den
Nachtjäger; und wer bei der Garde gedient hatte, erwartete vielleicht,
daß ihn sein Kral grüße. Die Mädchen, kaum fürchteten sie noch. Und die
alten Sagen standen nur lebendig wieder auf, wenn etwas Schreckliches
kam: ein wildes Wetter, der bleiche Tod oder die bleiche, unglückliche
Liebe.