Er hörte versonnen zu und fragte am Schlusse nur: »Blüht der Flieder?«

»Ja, der Flieder blüht im ganzen Lande.«

Darauf besann sich der König eine Weile lang und sagte dann:

»Verkaufe dein Garn nicht an die Deutschen. Behalte es und gehe heim.

Ich werde mit dir gehen und dir das Geld geben, das du verdienen

wolltest.«

Das Mädchen ging mit ihm, und sie kamen nach langer Wanderung nach

Burg, das an der Spree liegt. Dort kaufte sich der Wendenkönig ein

Haus. Und er baute alsbald mit kundiger Hand einen Webstuhl und wurde

ein Leinweber.

Da kamen die Wenden aus allen Häusern und Wäldern. Sie kamen auf Kähnen

und auf Rossen, besahen sich den Webstuhl und kehrten heim. Viele aber

erkannten den starken, klugen Mann, und sie flüsterten unter sich: »Er

ist unser Kral.«

Es geschah aber, daß Boten des Markgrafen Johannes, der an der Grenze

herrschte, in das Haus des Kral traten und ihn fragten, ob er nicht

Dienste nehmen wolle bei den deutschen Kriegern. Ein Obrist solle er

sein mit goldenem Stern und funkelndem Degen.

Der Kral wies das Angebot stolz von sich. Er wollte kein Diener sein

und sich auch nicht trennen von Trudetzka, um deren Lieblichkeit willen

er nach Burg gekommen war.

Sein Ansehen wuchs von Tag zu Tag, und bald sagten die Leute in den

Spinnstuben:

»Der Leinweber in Burg ist der König der Wenden. Er ist uns

nachgekommen aus dem fernen Asia. Er wird uns reich und groß machen.«

Trudetzka aber, die goldene Münzen am Mieder trug, die ihr der Kral

geschenkt hatte, sie führte den Kral an einem rotseidenen Faden wie

einen Narren, und einmal lockte sie ihn in eine einsame Waldgegend und

verriet ihn an Häscher des Markgrafen Johannes.

Der Kral schlug die Häscher tot. Das Mädchen aber trug er sieben

Stunden weit bis an den tiefsten Sumpf. Dort senkte er Trudetzka hinein.

Und er tat einen Fluch gegen Wendenland und ging in die Welt.

* * * * *

Nach drei Menschenaltern saß der Kral in einer Herberge des

Morgenlandes. Er war zum Greise geworden. Ihm gegenüber saß ein Mann

mit dunklem Haar und stechend schwarzen Augen.

Der Kral hob den Kopf und sagte zu dem Fremden:

»Bist du aus Armenia?«

Da lachte der Dunkle und wies gen Norden:

»Droben im Nordland ist meine Heimat. Ich bin ein Sorb, ein Slaw; denn

ich habe ›~slovo~‹, das Wort, und die Deutschen sind ›~njemski~‹, das

ist stumme Hunde, denn sie können meine Worte nicht sprechen.«

Da erschrak der Kral und sagte:

»Erzähle mir von deiner Heimat!«

Und der Fremde begann:

»Es ist ein Fluß, der heißt Sprewja, und es ist ein Ort daran, der

heißt Burg. Weithin bis nach der berühmten Stadt Budissin dehnen

sich Felder, Wälder und Wiesen. Dort wohnen die Sorben, die von den

~njemski~ Wenden genannt werden. Das Volk war arm, aber nun ist es

reich und stark, denn ein Kral ist erstanden, ein Retter und Erlöser,

der hat das Volk nützliche Künste gelehrt, die es groß und reich

gemacht haben.«

»Ein Kral sagst du?« fragte der Alte. »Ist er noch unter euch? Ist er

jung und stark?«

Die Stirn des Fremden umwölkte sich.

»Der Kral ist lange nicht mehr bei uns. Er ist aufgegangen an unserem

Himmel wie eine Sonne und ist untergegangen hinter zwei schwarzen

Wolken!«

»Hinter zwei schwarzen Wolken?«

»Ja! Siehe, der Mann ist ein Stern, der auf die Erde scheint, und das

Weib ist die Wolke, die von ihm vergoldet wird, die ihn weiß umrahmen,

die ihn aber auch nächtlich verdecken kann. Es standen zwei schwarze

Wolken an unserem Himmel, das waren zwei unwürdige Töchter unseres

Volkes. Dahinter verschwand der Kral.«

Der Alte seufzte und fragte:

»Ist nun das Land ohne Fürsten?«

Da schwieg der Fremde lange, als kämpfe er mit tiefem Gram. Dann

berichtete er:

»Das Land war so groß und reich, daß es einunddreißig Fürsten hatte.

Aber an der Grenze lauerte der stumme Hund. Der ~njemz~! Der Deutsche.

Es war ein Markgraf, Gero mit Namen --, der tat freundlich den Wenden.

Der lud die einunddreißig Fürsten auf sein Schloß zu üppigem Mahl und

flößte ihnen einen Teufelswein ein, der sie trunken und ihre Hände

schlaff machte, und er ließ dreißig erschlagen. Ein einziger entkam.«

Aufsprang der Kral in weher Wut.

»Und der eine -- der letzte -- er hat das Volk gesammelt, er hat an dem

~njemz~ Rache genommen, sein Blut vergossen, seine Burg zerstört, sein

Land verwüstet -- gesiegt --«

»Schweig, ehrwürdiger Greis -- schweige, denn ich ertrage deine Worte

nicht -- die Schamröte verbrennt meine Wangen, wenn du so redest -- --

der letzte, der einunddreißigste, floh vor hundertfacher Übermacht und

sitzt, ein beschämter Pilger, an deinem Tisch.«

»Du bist es?«

»Ja, ich!«

Still und traurig ging die Stunde weiter. Der Dunkle legte den Kopf auf

den Tisch, der Alte deckte die Hände über die Augen, und seine Tränen

tropften.

»So ist das Volk ohne Führer?« fragte er endlich mit tiefer

Traurigkeit.

»Es ist allein. Wer bin ich, ihm zu helfen? Ein einziger könnte ihm

helfen -- -- der Kral. Aber die Sonne ist untergegangen, und die Flur

der Wenden liegt in Nacht.«

Da stand der Alte auf und sprach mit Feierlichkeit:

»Ich bin der König der Wenden.«

Und der Fremde sah ihn erschrocken an und sank am Tisch in die Knie und

fragte erschüttert:

»Du bist der König der Wenden?«

»Ich bin es! Und wenn mich mein Alter trägt durch die fremden Länder

bis zur Heimat, dann will ich für mein Volk kämpfen und dann sterben!«

* * * * *

Sie saßen lange beisammen in der Herberge des Morgenlandes. Und der

Fremde sagte:

»Großer Kral! Das Volk wartet auf dich. Ich bin nichts als Morkusky,

dein Diener. Aber Morkusky ist ein nützlicher Diener. Er ist jahrelang

bei einem großen Meister gewesen und nun selbst geheimer Kräfte

Meister.«

Am folgenden Morgen reiste der Kral mit Morkusky gen Norden.

Als er in seine Heimat kam, wurde er mit jedem Tage um ein Jahr jünger.

Dieses Heimatwunder dauerte so lange, bis der Kral wieder ein starker,

schöner Jüngling war. -- --

Auf seiner Reise kam er gen Schorbus. Dort ist ein Berg, auf dem zwei

Felsblöcke liegen. Auf dem einen Stein saß Bely Bog, der weiße Gott,

der den Menschen, die über den Berg wanderten, die Hände mit guten

Gaben und das Herz mit guten Gedanken füllte; auf dem andern Stein saß

Zarny Bog, der den Menschen die guten Gaben nahm und in den Schmutz

warf, die guten Gedanken in alle Winde stieß.

Und der Kral wußte nicht, zu wem er sich wenden sollte. Denn ob er

gleich wieder ein Jüngling war von Gestalt und Aussehen, so war doch

sein Herz alt und kalt geblieben, hatte böser Jahre und bösen Verrats

nicht vergessen und war hart und ohne Liebe.

Und der Kral stand mitten zwischen den beiden Göttern, nicht um

Haaresbreite dem einen näher oder entfernter.

Da kam von der anderen Seite her den Berg herauf ein junger Mann, fast

noch ein Knabe. Er war blond und schön, und seine Augen blühten wie

blaue Blumen. Er ging nach der Seite des guten Gottes hin und grüßte

nach Art der Deutschen.

»Wohin willst du, deutscher Jüngling?« fragte finster der Kral.

»Ich suche den König der Wenden.«

»Was willst du vom Kral?«

»Ich komme für Gero, den Markgrafen. Er lud dreißig wendische Fürsten

zu sich auf sein Schloß. Er sprach gütlich mit ihnen. Sie aber tranken

und prahlten mit der Deutschen Tod. Da wurden sie getötet.«

»Er hat sie gemeuchelt«, schrie der Kral und trat einen Schritt nach

der linken Seite.

»Er hat sie alle dreißig im Kampf selbst erschlagen.«

Da trat der Kral drei Schritt weiter auf den schwarzen Gott zu.

»Was faselt der Knirps? Ein Deutscher hätte dreißig Wenden erschlagen?

Drückt ihn der ~Plon~?[4] Was willst du hier, Knabe?«

»Ich bin kein Knabe; ich bin fünfzehn Jahre alt. Aber Gero ist alt

geworden. Alle Nächte kämpfen die dreißig Wenden mit ihm. Er ist in

sieben frommen Klöstern gewesen, er ist nach Rom gewallfahrtet und

findet doch keine Ruhe. Darum suche ich den Kral.«

»Was willst du vom Kral?«

»Ich will, daß er meinem Vater das gibt, wonach er alle Nächte seufzet:

die Versöhnung mit den Wenden.«

Als die Menschen so redeten, schwiegen die Götter. Nun aber erhob sich

Bely Bog, der gute Gott, und er streckte seine weißen Hände aus, die

eine über Wendenland, die andere dem Lande der Deutschen zu, und hob

dann die Hände über sein Haupt und wob aus Sonnenschein zwei goldene

Ringe der Eintracht. Die hielt er wortlos den beiden hin.

Zwei zögernde Schritte ging der Kral auf den guten Gott zu. Aber auch

der deutsche Jüngling nahm nur zögernd den Ring.

Und er sagte dabei:

»Es ist um Geros Ruhe willen!«

»Um Geros Ruhe willen, sagst du? Verabscheust du selbst die Tat nicht?«

fragte der Kral.

»Nein, Gero ist krank geworden am Gemüt. Wäre ich wie er gewesen, ich

hätte in Mannentreue die Wenden erschlagen und es nie bereut.«

Da schrie der Kral auf, da stürzte er zum schwarzen Gott; da griff

Zarny Bog unter seinen Steinsitz und zog eine Schlange hervor, die sich

in ein Schwert verwandelte, und gab das Schlangenschwert dem Kral.

Der stieß es dem Jüngling ins Herz.

»Hier steht der Kral der Wenden!« --

Das junge Herzblut rann, die blauen Augen verblühten, und eine

Knabenstimme sprach:

»Ich bin Geros einziger Sohn.« --

Der gute Gott schlug seine weißen Hände vors Angesicht, der Zarny Bog

aber wuchs wie eine schwarze Wolke zum Himmel, und der Kral lachte ein

schmerzliches wildes Gelächter.

Die goldenen Ringe rollten die zwei Bergseiten hinab und sanken ins

tiefste Wasser.

Gero, der Stadt und Kloster Gernrode gebaut hatte und mit müdem,

krankem Sinn daselbst alter Blutschuld nachhing, erfuhr von dem

grausamen Tod seines Sohnes.

Oft zertritt die Göttin des Leids mit schwerem Tritt das Gewürm

nagender Zweifel.

So auch hier. Gero erwachte aus langem Angsttraum, der alte Mut, der

alte Haß lohte auf in seiner Brust, und sieben Tage, nachdem die

Todeskunde nach Gernrode gedrungen war, rauchten im Wendenlande die

ersten Trümmerhaufen.

Gero verwüstete das Land, und seine Mannen verfolgten den Kral durch

die Heide, durch alle Wälder und verborgensten Winkel, über Seen und

Moräste.

Und der Kral hatte weder ein Roß noch einen Kahn. Wie ein Hirsch floh

er durch die Wälder, wie ein Fisch schwamm er durch den Fluß. Kam er

aber an ein Wendenhaus und bat um Schutz und Einlaß, dann schlossen

die Leute die Tür vor ihm und jagten ihn fort, denn sie fürchteten die

Rache des Markgrafen und fluchten dem Kral, um dessentwillen alles

Unheil über das Land gekommen sei.

Gehetzt von den Deutschen, verraten von seinem Volk, mit zerrissenen

Füßen, mit durchnäßten, zerfetzten Kleidern, die Augen fieberglänzend

von Anstrengung und Hunger, so brach einmal bei herandämmernder Nacht

der Kral zusammen, als dreißig deutsche Reiter hinter ihm her waren.

Aber noch ehe der erste vollends herankam, brach in donnerndem Ritt ein

schwarzer Reiter aus dem Gebüsch, erfaßte den Kral, hob ihn auf sein

Roß und ritt durch die Luft mit ihm davon.

Und der schwarze Reiter drehte das Gesicht in den Nacken und bleckte

den Deutschen eine lange behaarte Zunge heraus, und als er das

Gesicht dem Kral wieder zuwandte, war es Morkusky, sein Begleiter aus

Morgenland.

»Morkusky, du bist der Nachtjäger?« rief der Kral entsetzt.

»Ich bin wer ich will«, zischte der Schwarze. »Willst du keine

Gemeinschaft mit mir? Willst du es mit den Wenden oder mit den

Deutschen halten?«

»Ich fluche den Wenden wie den Deutschen!« schrie der Kral. Da lachte

der Nachtjäger.

* * * * *

An der Spree türmte der Nachtjäger einen Berg, grub einen tiefen See

rundum, ließ gelbe giftige Lichter um den Uferrand erbrennen und baute

in einer Nacht für den Kral auf dem Berge mitten im See ein festes

Schloß.

Zum jenseitigen Ufer führten nur eine lederne Brücke und ein blutroter

Kahn. Die Deutschen wollten das Schloß erstürmen, aber die meisten von

ihnen gingen in einem Sumpf elend zugrunde.

* * * * *

Der Wendenkönig wurde nun ein Räuber. Er sammelte eine Horde

verkommener Leute um sich, raubte, brannte und mordete und feierte

mit seinen Spießgesellen, mit Hexen und schlechten Weibern auf seiner

Burg teuflische Feste. Weit breitete er seine Macht aus. Die Wenden

plünderte und unterdrückte er, den Deutschen aber stahl er Kinder. Die

Mädchen schlachtete er und fraß sie auf, die Knaben steckte er in sein

Räuberheer und machte sie zu Unholden. Zuletzt wurde er so schlimm wie

Morkusky, sein Meister.

Und als dieser ganz zufrieden mit ihm war, verließ er ihn, um nach

anderen Ländern zu reiten und dort Zwietracht zwischen die Völker zu

säen -- zwischen Wenden und Deutschen war Morkuskys Werk getan.

Der Kral wurde oft verfolgt von Wenden wie von Deutschen. Aber er

schlug seinem Rosse die Hufeisen verkehrt auf, so daß er seine

Verfolger täuschte. In höchster Not flüchtete er in sein Schloß, indem

er über die lederne Brücke ritt, die sich hinter ihm aufrollte.

* * * * *

Da geschah es, daß der König einmal ein wunderholdes Mädchen raubte.

Das hieß Rinetta und war zehn Jahre alt. Und es saß unter einem

Fliederbaum, als er es stahl. Während nun der Kral heimritt mit seiner

jungen Beute, war eine blühende Nacht. Alle Wege grün und bunt, die

Sterne so träumerisch am Himmel, der sanfte Wind wie ein heiliger,

heilender Strom.

Das Kindlein weinte in des Räubers Arm, aber allgemach schlief es ein,

ruhte an der Brust seines Mörders und sagte im Traum zu ihm: »Du guter

Vater!«

Da sah der König erschrocken auf das Kind. Er sah es mit finsterem Auge

an. Aber er sah es zweimal und dreimal, und durch die Mainacht kamen in

Sternenglanz und Mondschein alte Freunde, Jugendfreunde seiner Seele:

reine, wundersame Gedanken. Nur weil er so versonnen war, nur weil er

wie in müdem Traum durch den Wald ritt, wies er sie nicht ab.

Und er sah das Kindlein noch einmal an, wie es im Glanz des

Himmelslichtes in seinem Arm lag, und wandte in Sinnen versunken

langsam sein Roß und trug das Kind in das Haus seiner Eltern zurück.

Die schrien, als sie den Kral erkannten. Das erwachte Kind aber, als es

sich wieder bei seinen Eltern sah, lächelte und sagte:

»Oh, er hat mir nichts getan; er hat mich nur ein wenig auf seinem

Pferde reiten lassen.«

Da ging der Kral rasch von dannen.

* * * * *

Und die gute Tat ging dem Kral nach in sein böses Leben. Wohl blieb

er ein wilder Räuber, aber er stahl keine Kinder mehr. Und wenn das

bittere Heimweh kam, das alle bösen Herzen von Zeit zu Zeit überkommt,

wenn es nicht wich bei Raubzug und Zechgelag, dann lenkte der Kral sein

Roß zu dem Hause der Rinetta, die lieblicher aufblühte von Jahr zu Jahr.

Zuletzt faßte den Kral eine so verzehrende Liebe zu dem Mädchen, daß er

einsam wurde und wochenlang aus seiner Burg nicht herauskam.

Seine Spießgesellen murrten. Viele jagte der Kral davon, andere zogen

auf eigene Faust in die Fremde. Am Ende war der Kral allein, und am

nächsten Tage kam Rinetta zu ihm als seine Frau. Von da an tat er

keinen Raubzug mehr.

* * * * *

Und es geschah ein großes Wunder im Wendenland, als Rinetta dem Kral

einen Sohn schenkte. Da ward der Kral dem Lande ein gütiger Vater. Er

verteilte von den ungeheuren Geldschätzen, die er gesammelt hatte,

er baute Weiler und Dörfer, er wurde ein Feind und Vernichter aller

Räuber, die noch im Lande waren.

Einmal, als der Kral auf einer Wiese ein Fest feierte, fiel vor ihm

eine silberne Kugel vom Himmel. Alles Volk sah das Wunder. Und es kam

ein Mann aus dem Walde, der hob die Kugel auf und fing an, sie zu

kneten und zu drücken, als sei sie aus Wachs, und er formte aus dem

Silber eine Krone.

Die Krone übergab er kniend dem Kral. Der setzte sie aufs Haupt, und

alle Wenden jauchzten ihm zu.

Der Mann, der die Krone geformt hatte, verschwand und ist nicht mehr

gesehen worden.

* * * * *

Einzelne von den ehemaligen Spießgesellen des Kral aber hatten in der

Welt Morkusky, den Nachtjäger, getroffen und hatten ihm gesagt: »Freue

dich, es ist Friede zwischen den Deutschen und den Wenden, und der Kral

sitzt bei seiner Frau und singt ihrem Sohne Wiegenlieder.«

Da brach der Nachtjäger zornschnaubend auf und sammelte in allen

verrufenen Spelunken der Welt, in den Felsgründen wilder Gebirge und

auf unwirtlichen Straßen ein großes Räuberheer. Damit fiel er im

Wendenlande ein. Als er an die Spree kam, verwandelte er sich in einen

Adler, der so groß war wie ein Pferd, flog zwölfmal um die Burg und

tat beim dreizehnten Mal einen Zauberspruch, durch den das Schloß mit

allem, was darin war, in die Erde sank und der See austrocknete, so daß

nur einige kleine Wässerchen übrigblieben.

Der Kral aber, der durch einen guten Geist gewarnt worden war, war mit

seiner Frau und seinem Sohne ausgezogen.

Er wanderte mit ihnen in einen tiefen Wald. Dort vergrub er die Krone

in einen Hügel und sprach:

»Hier soll die Krone liegen, bis eine Jungfrau sie mit einer silbernen

Schaufel ausgraben wird.«

* * * * *

Es kam zu der großen Schlacht der Wenden gegen die Räuber. Das Blut

floß derart in Strömen, daß es eine Wassermühle in Bewegung setzte, die

die Blutmühle heißt bis auf den heutigen Tag. Und die Heide färbte sich

rot und bleibt rot für alle Ewigkeit. Die Verwundeten selbst kämpften,

auf ihre Schilde gestützt. Die Wenden siegten; alle Räuber wurden

getötet. Der Kral selbst erschlug ihrer hundertundeinen.

* * * * *

Zuletzt aber sprengte der Nachtjäger gegen den Kral an, wie er es

schon einmal vor vielen Jahren getan, als der junge König nur den

Fliederstecken trug.

Auch jetzt hob der Kral den Arm gegen den wilden Jäger. Aber das

Schwert, das er aufhob, triefte von Blut, und der Nachtjäger floh nicht

wie damals, sondern schrie höhnisch:

»Wiegenliedsänger! Kinderfresser! Sieh, was ich habe!« Er hatte das

Schlangenschwert, mit dem der Kral ehemals seine Untaten vollführt und

das er nach seiner Bekehrung in einen Sumpf geworfen hatte.

Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald · 第 13 / 38 题