Da tritt ein Mann aus dem Wald. Er trägt einen Pilgermantel und einen
Stecken als Stab.
»Hallojoho! Ich reite dich zu Blut und Knochenbrei, und meine Hunde
fressen dir Auge und Herz!«
Der Fremdling aber hebt seinen Stab und steht plötzlich in großer
Stille, steht in silbernem Mondenlicht und lächelt. Da bäumt das Roß
des Nachtjägers hoch auf, da dreht sich der Kopf des wilden Reiters in
wüstem Wirbel, da heulen die Hunde wie unter grausamer Peitsche, da
wendet sich der böse Troß zu jäher Flucht.
Die Wolken zerreißen, Mondenschein und Sonnenlicht fällt auf die Wiese,
der Wald richtet sich auf, und der Wanderer geht auf ein kleines Haus
zu, in dem ein Licht brennt.
* * * * *
Am knorrigen Ast des Apfelbaumes vor dem Hause hing ein alter Mann. Die
Glieder zuckten noch im Todeskampf. Der Fremdling knüpfte den Gehenkten
los, stellte ihn auf die Füße, stützte ihn mit jugendstarkem Arm und
fragte nach einer Weile:
»Warum wolltest du sterben?«
Der Greis keuchte etwas von Not und Elend, von Krankheit unter dem
Vieh, vom harten Winter und harten Hunger.
»Der Nachtjäger hat dich betört! Komm ins Haus!«
In der Hütte saß die Frau des alten Mannes. Sie war blind.
»Warum bist du blind?« fragte der Fremdling.
»Weil ich so viel geweint habe!«
»Und warum hast du geweint?«
Sie machte eine müde Gebärde.
Da zog der Fremdling eine goldene Schale aus der Tasche, darin war eine
kristallklare Flüssigkeit, und er strich mit der Flüssigkeit über die
Augen des alten Weibleins, und sie jauchzte und lachte mit ihren wieder
geöffneten Augen.
Der alte Mann aber kniete am Tische nieder und sagte: »Du bist der
König der Wenden!«
Und das alte Weiblein kniete am Tische nieder und sagte: »Du bist unser
Kral.«
»Ja, ich bin der Kral der Wenden«, sagte der Fremde mit Feierlichkeit.
Dann zog er eine Spindel aus der Tasche und ein Säckchen mit Leinsamen
und belehrte die alten Leute, wie sie Flachs bauen und spinnen sollten.
Und wenn erst alle Leute Flachs bauten und spännen, dann würde die Not
fort sein aus dem Wendenlande.
Diese Leute hatten aber eine schöne Tochter. Sie war groß gewachsen
und üppig gebildet, hatte helle Haare und ein rotes Gesicht; ihre Arme
waren stark und ihre Füße flink.
Sie trat nun in die Stube und sah den Fremdling, und er sah sie. Und
sie sahen beide ihre junge Gesundheit und ihre schöne Kraft und liebten
sich alsobald.
»Ich höre, daß die Krankheit unter dein Vieh gekommen ist«, begann der
Fremde.
»Ja, es ist so«, antwortete das Mädchen.
»So komm mit mir in den Stall!«
Sie gingen in die Winternacht hinaus nach dem Stalle, in dem die Kühe
krank die Köpfe hängen ließen.
Der Fremde ließ die Tiere an einem Salz lecken, hob dann die Hand und
sagte:
»Neun Brunnen sind im Mittagsland,
Neun Würmer nagen am Ufersand.
Die Brunnen versiegten beim Morgenrot,
Die Würmer waren am Mittag tot,
Zu Abend und Nacht ich spreche dies Wort:
All' Krankheit weiche von diesem Ort!«
Da wurden die Tiere gesund.
Am nächsten Tage, als es Mittag war und die Sonne klar über das weiße
Feld strahlte, nahm der Fremde das Mädchen an der Hand, führte es in
den kleinen Garten vor der Hütte und sagte:
»Ich schenke dir diesen Stab, den ich hier in die Erde stoße. Er wird
zu einem Baume werden, an dem tausend Blumen blühen werden. Und der
böse Jäger wird nimmermehr Macht haben über euch.«
Das Mädchen dankte ihm, und als sie der Fremde so sah in ihrer
Schönheit und Stärke, sagte er:
»Du bist schön und gefällst mir wohl, und ich möchte dich zum Weibe
nehmen, wenn du mir in Wahrheit sagen kannst, daß du eine reine Jungfer
bist.«
Da erglühte das Mädchen, und dann wurde es blaß, und es sah auf den
herrlichen Jüngling und zögerte noch drei Herzschläge lang und sagte
dann:
»Wohl, ich bin eine reine Jungfrau!«
Er fragte weiter:
»Sage mir noch, wer der Mann war, den ich gestern abend von deinem
Hause schleichen sah, ehe ich bei euch eintrat.«
Sie antwortete:
»War es keiner vom wilden Heer, so war es wohl ein Dieb.«
Darauf nahm er sie in seine Arme, küßte sie und sagte: »Am Tage des
nächsten Vollmondes soll unsere Hochzeit sein.« --
Nach drei Tagen war aber im Kretscham des Dorfes Spiel und Tanz. Da war
auch der Fremde dabei, und er tanzte mit seiner Braut bald zierlich,
bald keck und feurig, bis die Sterne hoch standen.
Dann aber fielen die Burschen des Dorfes, die von einem eifersüchtigen
jungen Manne aufgehetzt waren, über den Fremden her, um ihn zu töten.
Er aber warf sie -- hundert an der Zahl -- mit Riesenkräften der Reihe
nach auf die Straße, und den einen, der das Messer nach ihm zückte,
schlug er mit einem Fausthieb nieder.
Da riefen die draußen auf der Straße: »Weh', er hat ihren Buhlen
erschlagen!«
Der Fremde sagte zu den Spielleuten, der Tanz sei aus, und ging in den
Wald.
Am anderen Tage, als wieder die Mittagssonne klar übers Feld schien,
kam er zurück in die Hütte seiner Braut, nahm das Mädchen bei der
Hand und führte sie nach dem Garten, wo der Wanderstecken in der Erde
steckte.
Und er fragte sie mit strenger Stimme:
»Hatten jene recht, die sagten, ich habe deinen Buhlen erschlagen?«
Weil aber das Mädchen nicht »nein« sagen konnte, riß er den Stecken aus
der Erde und schlug sie nieder.
Noch ehe sie starb, fragte er:
»Warum hast du mich belogen?«
Da sagte sie, daß sie ihn ja früher nicht gekannt hätte, daß sie ihn
aber mit Treue geliebt hätte, als sie ihn sah. Und sie starb.
Der Fremdling stand drei Stunden neben ihr in tiefem Nachdenken. Dann
holte er eine Schaufel, begrub das Mädchen und steckte den Stecken auf
ihr Grab. Am selben Abend noch zog er fort in die Welt.
Als der Frühling kam, wuchs aus dem Stecken ein Fliederbaum. Und der
Flieder war fortan im Wendenland. Die Blüten waren hold und lieb in
jedem Jahr, und ihr Duft war süß und zart; aber wer sie pflückte, dem
welkten sie an der Brust, noch ehe die Frühlingssonne unterging.
* * * * *
Nach vielen Jahren kam der König wieder ins Wendenland. Als er die
Heimat betrat, wurde sein Antlitz rot und jung; er war wieder ein
Jüngling.
Auf dem Sandwege im Föhrenwald begegnete ihm ein wendisches Mädchen.
Sie war zierlich und schlank und trug ein Bündel unter dem Arm.
»Wie heißest du? Woher bist du? Wohin gehst du? Und was trägst du unter
dem Arm?«
»Das sind viele Fragen. Ich heiße Trudetzka, ich bin aus Burg und reise
nach der reichen Stadt, um mein Garn zu verkaufen.«
»Zeige mir dein Garn.«
Er prüfte es und fand es fein und regelmäßig gesponnen.
»Wer hat euch diese Kunst gelehrt?«
Sie erzählte ihm vom Kral.