»~To pomogaj si bóg wósc, bóg syn a bóg swety duch~«, wiederholt der
alte Scholta. -- --
Da fährt ein Wagen in den Hof. Ein Herr springt heraus, stellt draußen
einige Fragen und tritt in die Stube.
»Tag! Also, was ist los?« So fragt er barsch.
Die beiden alten Wenden und das junge Mädchen starren den Fremdling an.
Der geht auf das Krankenbett los ...
»Also, wollen mal sehen!«
Und streckt die Hand nach der Kranken aus.
»Herr, wer sind Sie? Was wollen Sie hier?« fragt der alte Scholta.
»Ja, Mann, ich bin doch der Arzt -- ~Dr.~ Brehler. Sie haben mich doch
rufen lassen.«
»Ich habe Sie nicht rufen lassen.«
»Na, hört sich alles auf! Kommt so'n Kerl, Wilhelm Tielscher oder so
ähnlich -- also Ihr Knecht -- kommt der mitten in der Nacht, klingelt
mich raus und sagt, ich müsse sofort zu seiner verunglückten Frau
kommen. Na, ich hab' den Morgen abgewartet und bin nun hier. Die Fahrt
durch Ihre Sandgruben und Schlammgräben ist doch kein Vergnügen. Ist
das nu Ihre Frau?«
»Ja! Und verunglückt, schwer verunglückt ist sie auch -- ja! Aber Sie
rufen lassen habe ich nicht -- nein!«
»Das ist stark! Mich hierher in dieses weltverlorene Nest -- Ja, Mann,
sehen Sie nicht, daß die Frau stirbt?«
»Ja, das sehe ich!« sagt der Scholta ganz leise.
»Und Sie lassen die Frau so liegen? Was ist denn das für ein
schauderhafter Qualm hier?«
Der alte Kito tritt vor.
»Ich habe die Frau angeräuchert und das Blut besprochen«, sagt er mit
großem Ernst.
»Beräuchert? Besprochen? Ja, Menschenkinder, gibt's denn im neunzehnten
Jahrhundert wirklich noch solch schafsdämliche Gesellschaft? Seid ihr
denn verrückt?«
»Herr Doktor! -- Herr Doktor! -- Herr Doktor!«
Mehr bringt der weißhaarige Alte nicht heraus. Aber mit seinem
angebrannten Grasbüschel fährt er dem Arzt vor dem Gesicht herum.
»Herr Doktor -- ich habe -- im Namen Gottes --«
»Im Namen Gottes wird der hellste Blödsinn vollführt seit ewigen
Zeiten!« schrie der Doktor. »Macht das Fenster auf! -- Und Sie -- Sie
sind doch der Mann von der Frau? Soll ich sie nun untersuchen oder
nicht?«
Der Scholta senkte den Kopf und schwieg.
»Also -- da -- da macht doch, was ihr wollt!«
Zornschnaubend wandte sich der Arzt nach der Tür. Da eilte ihm Hanzo
nach.
»Herr Doktor -- können Sie -- können Sie meiner Frau wirklich das Leben
retten?«
»Natürlich kann ich. Dafür bin ich Doktor! Aber ihr mit eurem
blödsinnigen Quatsch macht ja alles zuschanden. Adieu!«
»Herr Doktor! Herr Doktor! Ich bitte so sehr! Ich gebe alles, was Sie
wollen, wenn Sie es wirklich können!«
»So! Auf einmal! Erst wird man behandelt wie'n Schuhputzer, und dann --«
Er kehrte um, tat einige barsche Fragen und enthüllte dann die
bewußtlose Frau, um sie zu untersuchen.
Der alte Hanzo wandte sich ab. Er schluchzte, und seine Brust krampfte
sich zusammen. Der Sohn der Heide litt darunter, daß ein fremder Mann
seine Frau sah. Der alte Kito schlich mit seinem Grasbüschel hinaus.
Eine lange schmerzliche Pause. Die Sonne sah zum Fenster herein
und vergoldete den Rautenkranz, den der Scholta bei seiner Trauung
getragen, und in dem alten Glasschrank war Licht und Glanz, und in der
keuschen Seele des Bauern war Nacht und Qual.
»Hm! Da ist nichts mehr zu machen! Da ist es vorbei!«
»Herr! -- Und da -- da -- da -- haben Sie erst --«
»Was habe ich?«
»Sie -- Sie -- Mariana --«
Der alte Scholta sinkt am Bett nieder und deckt alles, was er mit
seinen zitternden Händen erlangt, hastig über seine Frau.
»Ja, Mann, was wollen Sie eigentlich?«
Der Scholta springt auf.
»Können Sie -- können Sie ihr nicht helfen?«
»Nein! -- Es ist vorbei --!«
»Und Sie haben --«
»Was habe ich?«
»Sie erst -- erst -- erst --«
»Also, Mann, brüllen Sie mich nicht an! Ich hab' die Sache endlich
satt. Adieu!«
Mit kraftlos herabhängenden Armen, an denen sich die Fäuste ballten,
sah der alte Wende dem Arzte nach. -- --
Oh, es war schade!
Es war schade, daß kein besserer Arzt, kein besserer Deutscher, kein
besserer Mensch in diese wendische Krankenstube trat. Und es war
schade, daß der deutsche Knecht Wilhelm Tielscher sechs Wochen lang ins
Gefängnis gesteckt wurde, weil er den Arzt, den er auf der Heimfahrt
begleitete, unterwegs aus dem Wagen gezogen, durchgeprügelt und zu Fuß
hatte heimgehen lassen.
Als der Abend kam, sagte die kranke Frau: »Nehmt mich aus dem Bett.
Holt das Sterbestroh und legt mich darauf!«
Alle wehrten ab.
»Ich muß sterben,« sagte die Frau, »und es möchte niemand mehr in den
Betten schlafen, in denen ich gestorben bin. Legt mich auf das Stroh!«
Sie verlangte den alten wendischen Brauch, der das Bettzeug nicht
unbrauchbar werden lassen will, weshalb der Kranke vor seinem
Verscheiden neben das Bett auf Stroh gelegt wird.
»Es ist schade um die Betten!« sagte die sparsame Frau. »Ihr müßtet sie
verbrennen!«
Hanzo neigte sich über sie und sagte:
»Weißt du nicht, wer du bist?«
Da flog ein stolzes Lächeln über das Antlitz der Kranken, und sie sagte
wieder:
»Hanzo, es war eine Gnade!«
Dann sprach sie stolz zum alten Kito und zu Hanka:
»Ich sterbe im Bett, weil mein Mann der Kral[3] ist.«
Sie nahm ihn an der Hand und flüsterte:
»Ich werde noch so lange leben, bis Juro kommt. Ich muß noch mit ihm
reden wegen Hanka und vom Kral.«
Er nickte und saß am Bette und hielt ihre Hand.
Und so warteten die beiden auf ihre Söhne und auf den Tod.
Aber zwischen alles schwere Leid und alle Erwartung mischte sich immer
der Königsgedanke. Der Königsgedanke war im ganzen Haus -- bei der Frau
als die stolzeste Erinnerung ihres entfliehenden Lebens, bei dem Manne
und bei allen Wenden in Haus und Hof.
Es war die Gewißheit, hier geschehe etwas anderes, Größeres, als wenn
sonst eine wendische Frau starb.
Die Frau des Kral starb, die heimliche Königin der Wenden schied aus
dem Leben.
Dieser Gedanke ging durchs Dorf: der alte Briefträger trug ihn über
die Heide; ein Händler fing die Kunde auf und trug sie weiter; am
Ackerpflug, am Webstuhl wurde er besprochen, und bald sagten sich
die Schiffer und Fischer drunten im Niederland an der Spree wie auch
die Schafhirten im Oberlande heimlich und scheu: »Die Frau des Kral
stirbt!«
Als dieser Abend weiter vorschritt und der Nachtwind ans Fenster
klopfte, schrie die Frau auf:
»Oh -- der Nachtjäger!«
Die Mägde stürzten mit neuem Tee herbei, mit Wohlverleih und
Schwarzwurzel, die da gut sind für die Wunden, und sie brachten
Bitterklee gegen das Fieber.
Im Wundfieber sprach die Frau vom König der Wenden. Wirr waren ihre
Worte: vom verblühten Flieder sprach sie, von der ledernen Brücke, von
toten Kindern und vom Spinnen und Weben -- abgerissene, harte Worte vom
Untergang, und dann lachte sie dazwischen, rief nach Juro und Samo, gab
Befehle für die Milchwirtschaft und kam wieder auf den Kral und sprach
von einer silbernen Schaufel, von einer weißen Wolke und einem weißen
Fisch ...
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