So kam er an die Baude heran. Mit finsterem Blick schaute er dem
fröhlichen Tanze zu, blickte er besonders auf Juro, der mit Elisabeth
tanzte und die Ankunft des Fremden gar nicht bemerkte.
Da faßte ihn dieser am Arm, hielt das Paar an.
»Hör auf zu tanzen!«
Er sagte es in der fremden Sprache.
Juro wandte sich ihm bestürzt zu.
»Was -- was ist? -- Samo -- du? -- Du -- Samo? -- Ja -- was -- was
willst du denn?«
»Daß du aufhörst zu tanzen!«
»Was fällt dir ein? -- Wo kommst du her? -- Kennst du denn Fräulein
von Withold nicht, die Tochter von Herrn von Withold aus unserem
Nachbardorf?«
Der Fremde machte Elisabeth eine leichte, mürrische Verneigung.
»Ich habe mit meinem Bruder zu reden«, sagte er kurz.
»Samo, ich verbitte mir diesen Ton! Ich verbitte mir, daß du mich
hier mitten im harmlosen Tanz überfällst.«
»So tanze weiter! Indes liegt unsere Mutter daheim im Sterben!«
»Du bist -- du bist wohl wahnsinnig?«
Der andere reichte ihm ein Depeschenblatt hin.
»Mutter tödlich verunglückt --«
»Samo -- was -- was -- das ist ja nicht möglich -- o Gott, Samo, das
ist doch nicht wahr? Sag doch, was das ist -- sag doch, was du weißt --«
»Ich weiß, daß ich das Blatt in Breslau bekam, daß ich hierhergefahren
bin und daß ich dich den ganzen Tag gesucht habe.«
Juro brach in ein mühsam unterdrücktes Schluchzen aus und wollte sich
dem Bruder an die Brust werfen. Der wehrte ihn ab.
»Hol deine Sachen und komm!«
Eine Weile stand Juro fassungslos da, indes seine Hände das böse Blatt
zerknitterten, dann wandte er sich zu Elisabeth.
Die stand mit todblassem Gesicht neben ihm. Die anderen drängten heran,
die Musikanten brachen das Spiel ab, eine kurze Auskunft wurde gegeben,
eine Flut bedauernder Worte wogte durcheinander.
Da ging Juro nach der Baude, holte sein geringes Reisegepäck. Als er
vor Elisabeth zum Abschiednehmen stand, sagte er leise zu ihr:
»Nun bleib mir treu! Jetzt brauche ich dich mehr als früher!«
Sie wollte etwas sagen, aber ihre Lippen zuckten nur. Doch sie drückte
ihm die Hand.
Bald darauf wanderten die beiden Brüder der preußischen Grenze zu.
Drüben im Wendenland kämpft die verunglückte Frau mit dem Tode.
»Es geht zu Ende! -- Nehmt mich aus dem Bett! Holt frisches Stroh. --
-- -- Weine nicht so sehr, Hanka! -- Wenn ich tot bin, weine nicht auf
meinen Sarg -- -- sonst müßte ich kommen und dich zu mir holen -- --«
Eine lange, bange Pause. Dann fährt die Kranke fort: »Kommt Juro? --
Habt ihr ihm geschrieben? -- -- Ich muß noch mit ihm reden -- -- und
ich will ihn sehen --«
Der alte Scholta tritt ans Bett seiner Frau.
»Juro kommt und auch Samo kommt.«
Die Kranke lächelt und reicht ihrem Gatten die Hand.
»Hanzo! Ich danke dir, daß du mich zu deiner Frau genommen hast! Das
war eine Gnade von Gott!«
Über das scharfgeschnittene, bartlose Gesicht des alten Wenden geht ein
tiefer Schmerz; aber er sagt nichts als: »Gott helfe dir!«
Die Frau richtet den Blick nach der Wand, wo der Glasschrank steht.
Er ist aus gelbgestrichenem Kirschbaumholz und hat eine Tür mit drei
Glasscheiben, durch die man ein Gewirr bunter Dinge steht. Da sind
Porzellan- und Glasgefäße vom Ahn und Urahn her. An alle knüpfen sich
Familienerinnerungen, auf manchem steht ein alter Name, eine alte
Jahreszahl, ein alter Segensspruch, der noch immer wirkt, wenn man
ihn liest. Da sind noch die Tabaksdose und die Korallenkette, die
der Alte Fritz den Urgroßeltern geschenkt hat, als er einmal in der
Scholtisei gerastet hat; da ist Großvaters eiserner Ehering vom Jahre
1813. Wie die Kaffeetassen glitzern mit ihren goldenen oder hellroten
Aufschriften! Dazwischen liegt ein altes Stück Holz. Es stammt von
der uralten Hejka, der Hammerkeule, die der erste Scholta der Familie
als Zeichen seiner Macht führte, mit der er sich verteidigte, als er
in bösen Zeitläuften des langen Krieges von Kroaten überfallen wurde.
Die Kroaten erschlugen ihn, zerschlugen seine Hejka. Aber das Holz der
Hejka liegt immer noch als Heiligtum im Glasschrank unter den schönen
feierlichen Kaffeetassen, das Andenken des Urahnen ist immer noch im
Segen, und die Kroaten werden wohl gestorben und verdorben und verloren
sein, wie alle bösen Menschen verlorengehen.
Die schlimmen Schmerzen kommen wieder, die Kranke verliert das
Bewußtsein.
Hanka, das junge Wendenmädchen, schreit laut auf, Hanzo tritt ruhig ans
Bett und schiebt das jammernde Mädchen beiseite. Der alte Knecht Kito
schleicht durch die Tür herein. Er hat ein Büschel Kirchhofgras in der
Hand.
Die Kranke erwacht wieder zum Leben. Und nachdem ihre Augen lange in
Fieber und Schmerz an der Stubendecke herumgeirrt sind, richtet sie
wieder den Blick nach dem Glasschrank und reicht ihrem Manne die Hand.
»Hanzo, es war eine Gnade --!«
Dort im Glasschrank ist noch der kleine Rautenkranz, den Hanzo bei der
Hochzeit auf dem Kopfe trug. Weil er »~cysty~« war -- ehrbar. Und der
Kranz ist ihm nicht abgefallen den ganzen Tag, nicht einmal beim Tanze.
Nun ist der Kranz freilich braun und dürr, aber die grünen und weißen
Seidenfäden, die von ihm herunterhängen, sind noch immer weiß und grün.
Da steht noch ihre eigene farbengeschmückte Brauthaube, da ist noch
ihr eigener Kranz, da ist noch der Taler, den ihr die Mutter in den
Brautstrumpf steckte, damit sie immer im Leben Geld habe. Da sind noch
zwei Kerzenstümpfe, die gebrannt haben von dem Augenblick der Geburt
ihrer beiden Söhne Juro und Samo an bis zu deren Taufe. Nun kann der
Teufel keine Macht über sie haben ihr Leben lang.
Grüne, schöne Zeit! Die scheidende Seele geht am letzten Herbsttag
immer zu ihrem Frühling zurück.
»Sie stirbt! Sie stirbt!« schreit Hanka, das Mädchen, wieder
leidenschaftlich auf und neigt sich über die bleiche Kranke. Die fährt
mit irren Fingern nach dem Verband an ihrem Kopf, und ein rotes Rinnsel
fließt über Auge und Wange.
»Sie stirbt! Sie stirbt!«
»Geh weg, Mädel!«
Der alte Knecht Kito steht am Bett. Er hat Gras geholt vom Kirchhof
und es trocknen lassen. Nun zündet er die dürren Gräser und Blumen an,
läßt den Rauch hingehen über die Kranke und spricht:
»Ich sehe einen heiligen Baum.
Er hat kostbare Frucht getragen.
Er trägt nicht mehr.
Blut stehe still und tue nicht weh: