Und Lobo erzählt von den Feuermännern, von dem Hund und dem Reh, von
der Todesgöttin Smjertniza.
»Ich dachte, es wär' Tyra, unser Hund. Es hat mich aber genarrt, es
war nicht Tyra. Es war auch kein richtiges Reh. Es waren Tiere von der
bösen Meute.«
»Gott schütze uns!«
Tiefe Stille. In den niederen Wendenstirnen arbeiten die Gedanken. Der
Riesenarm des Ziehbrunnens streckt sich drohend zum Himmel.
Da flattert eine Gestalt über den Hof. Eine Magd ist es, die aus dem
Herrenhause kommt.
»Wie geht es, Anna, wie geht es der Frau?«
Die Magd macht eine klagende Gebärde. Dann sagt sie flüsternd:
»Wir wollen die Probe machen.«
Sie zeigt ein Stück Speck.
»Du hast ihr die Fußsohle damit gerieben?«
Die Magd nickt.
Da stehen alle wie auf ein heimliches Kommando auf, gehen auf den
Zehenspitzen und schleichen den Stall entlang bis zur Hundehütte.
Tyra fährt knurrend aus dem Schlafe, beruhigt sich aber, als er die
bekannten Gesichter sieht.
Die Magd wirft ihm das Speckstück hin.
»Zeig' es an, Tyra, zeig' es an! Friß!«
Der Hund beschnuppert den Speck und läßt ihn liegen.
Da geht ein leiser Schreckensruf durch die kleine Schar.
»Er frißt ihn nicht! Die Frau muß sterben.«
»Tyra ist krank!« wendet der deutsche Knecht ein. »Er frißt schon zwei
Tage lang nichts.«
Sie sehen ihn zornig an und schleichen nach dem Laubengang zurück.
»Die Frau muß sterben!«
»Sie ist erst fünfzig Jahre. Sie könnte noch viel arbeiten. Sie muß
noch lange nicht in den Auszug. Was stirbt sie schon?«
»Man sollte es ihren Söhnen nach Breslau schreiben.«
»Sie haben vielleicht jetzt keine Ferien.«
»~Ty bamlak!~ Braucht man Ferien, wenn die Mutter stirbt? Und
überhaupt, richtige Studenten haben immer Ferien.«
»Der Großbauer will morgen früh einen Brief an die Söhne schreiben.«
»Ja, und indes vergehen die drei Tage, die ihr die Smjertniza noch
läßt, und die Söhne kommen zu spät.«
»Wie Gott will!«
Der eine Knecht entkorkt eine Branntweinflasche, nimmt einen tiefen
Schluck und reicht die Flasche weiter.
»Wie Gott will!« sagt der letzte, als er getrunken hat.
»Und nun müssen wir alle neue weiße Trauerkleider haben.«
»Die kauft der Großbauer.«
Als die Mägde von den neuen Kleidern hörten, mischte sich in ihren
jungen Herzen mit der Trauer um die Frau ein heimliches Entzücken.
»Grinst nicht so vergnügt, ihr eitlen Frauenzimmer«, fuhr der alte
Knecht Kito sie an. Er war sonst der lustigste Patron trotz seines
Alters; aber heute war er völlig gebrochen.
»Erzähl' es noch einmal, Lobo, wie es war.«
»Wir wissen es schon!«
»Nein, wie es dort war, in dem Dorfe, von wo ihr kamet.«
»Es war gut. Es gab viel zu essen. Drei Tage sind wir dort gewesen. Es
gab reichlich zu essen; nur der Schnaps war etwas zu wässerig. Es war
kein Rum darin.«
»Und dann fuhr das fremde Mädchen mit?«
»Sie ist eine Verwandte vom Großbauern, freilich, das Wasser von der
siebenten Windel. Und sie heißt Hanka.«
»Warum hat die Frau die Reise gemacht, zwei Tage mit dem Wagen hin,
drei Tage dort, zwei Tage mit dem Wagen zurück? Mit der Eisenbahn fährt
sie nicht. Eine ganze Woche war sie fort, jetzt in der Arbeitszeit.«
»Sie kann tun, was sie will, sie ist die Frau. Und es sind Verwandte.
Das fremde Mädchen bleibt jetzt hier.«
»Ja, sie wird den Juro heiraten, den Erbsohn«, sagte eine junge Magd,
»denn sie ist aus dem könig --«
Eine Hand preßte sich dem Mädchen auf den Mund, und alle Wenden sahen
auf den deutschen Knecht.
Der stand auf und machte eine abweisende Handbewegung.
»Tut nicht so albern! Ich weiß soviel wie ihr!«
Er entfernte sich langsam und ging über den Hof.
Die anderen fielen über die junge Magd her.
»Wie kannst du, Worsla, du Plappermaul? -- Vom König spricht man nicht!
Noch dazu, wenn ein Fremder dabei ist. Das ist das heilige Geheimnis!«
Das hübsche junge Mädchen brach in Tränen aus.
»Ich wußte es nicht. Ich glaubte, er gehört zu uns.«
»Er ist ein guter Kerl,« sagte einer, »aber er ist ein Deutscher.«
»Ein ~hognity kjandros~ ist er«, lallte Lobo, der bereits wieder
betrunken war.
»Sie ist verliebt in Wilhelm,« sagte giftig eine Magd; »sie hat ihm
drei Haare vom Nacken und ein Stück Haut vom Knie in den Osterkuchen
gebacken. Nun ist er in sie vernarrt.«
»Es ist nicht wahr«, schluchzte Worsla, »es ist nicht wahr!«
»Ruhe!« kommandierte der alte Kito. »Heute ist keine Zeit für
Liebessachen!«
Es entstand eine Pause. Man hörte nichts als gelegentlich den
glucksenden Ton, wenn einer Branntwein trank.
Da sprach der Alte:
»Ich will nicht, daß die Frau stirbt. Sie ist noch jung und sie ist
gut. Vor dreißig Jahren bin ich mit ihr auf den Hof gekommen. Ich will
nicht, daß sie stirbt. Ich werde sie anräuchern. Noch ehe die Sonne
aufgeht, werde ich auf den Kirchhof gehen und Gras abschneiden von
einem Kindergrabe. Und ich werde dabei zählen: neun, acht, sieben,
sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins. So werde ich zählen. Und am Morgen
werde ich das Gras anzünden und die Frau beräuchern. Das wird ihr
helfen. Das wird ihr helfen, oder -- oder ...«
Er machte eine Handbewegung. Starr blickte er vor sich hin und fuhr
dann fort:
»Ich bin alt. Ich weiß nicht, ob ich zurückkomme, oder ob mich die
Toten dort behalten. Zeit ist es längst. Es gibt auch Leute, die mir
das Leben nicht mehr vergönnen. Wenn eines mit mir auf den Kirchhof
gehen will, so soll er es sagen. Er darf aber auf dem Wege kein Wort
sprechen.«
Sie duckten sich alle zusammen, als ob plötzlich ein eisiger Wind sie
gefaßt hätte.
Nur die junge Magd Worsla sagte:
»Vater Kito, ich gehe mit dir. Du bist sonst so lustig und immer gut.«
Der Alte nickte und sah sie an.
»Wenn sie -- wenn sie mich dort behalten, dann lege mir gleich zwei
Steine auf die Augen.«
Schritte klangen über den Hof. Wilhelm, der deutsche Knecht, kehrte
zurück.
»Will keiner einspannen und nach dem Doktor fahren?« fragte er.
Sie wehrten alle ab. Der Arzt bringe den Tod. Der Bader sei bei der
Frau, die Smjertniza sei auf dem Felde, der Doktor solle fortbleiben.
Der Deutsche wurde wütend.
»Gebt mir den Schlüssel zum Pferdestall!« rief er zornig.
»~Hognity kjandros!~« fuhr Lobo auf.
Da erhielt er eine Ohrfeige, daß er taumelte.
Mit Mühe wurden die beiden auseinandergebracht. Aber vergebens
versuchte der deutsche Knecht, den Schlüssel zum Pferdestall zu
erlangen.
»So werde ich nach der Stadt laufen.«
»Das Hoftor ist zu. Den Schlüssel bekommt er nicht!«
Wilhelm lächelte verächtlich. Aber er fuhr zusammen, als er leises
Weinen hörte. Worsla, die junge Magd, hob die Hände zu ihm.
»Geh nicht! Die Smjertniza geht um! Geh nicht! Es ist nicht nötig!
Ich gehe mit Kito zum Friedhof. Wir holen heiliges Gras von einem
Kindergrab. Da räuchern wir die Frau an, und sie wird gesund werden.«
Sie streckte ihm, alle Scheu vergessend, beide Hände hin, er aber
wehrte sie unwirsch ab und sagte:
»Du bist auch so eine Gans!«
Ging über den Hof und schwang sich über die Mauer.
Die weiten Matten des Riesengebirges sind dort am breitesten und
schönsten, wo der große Elbstrom seine Quellen hat. Runde dichte
Knieholzgebüsche sind über den kurzen Rasen verstreut wie dunkelgrüne
Kränze.
Ein leichter milder Abendwind ging über die sich weit hindehnende
Elbwiese und erquickte einige Wandersleute, die, vom Gipfel des Hohen
Rades herkommend, sich am Boden lagerten.
»Kolossale Fläche«, sagte ein stattlicher Fünfziger und ließ die
fröhlichen, stahlgrauen Augen rundum schweifen.
»Grandiose Fläche! Und das liegt nun alles hier oben viertausend Fuß
hoch und hat keinen Zweck.«
»Aber, Papa, das ist doch so schön!« entgegnete ihm seine schlanke
Tochter; »sieh mal, wie sich diese weiten Wiesen hindehnen und eine so
friedlich schöne Brücke sind zwischen den zwei großen Gebirgskämmen ...«
»Jawohl«, unterbrach sie der Alte sarkastisch und mit imitiert
flötender Stimme. »Diese epische, ruhige Breite, nur hin und wieder
unterbrochen durch die Lyrismen winziger märchenhafter Knieholzwälder,
deren Baumstämmchen nur so groß sind wie die Kinder und so verträumt
sind wie die Kinder.«
»Papa!«
»Tja! Herrschaften, denken Sie nu ja nicht etwa, die Stelle von der
epischen Wiese und von den lyrischen Kniehölzern is von mir. Keine
Spur! Hier steht sie, die diese Stelle gedichtet hat -- meine Tochter
Elisabeth von Withold. Es hört sich großartig an sowas. Man kann sich
zwar nischt dabei denken, aber es klingt nach was!«
»Papa, du hast ...«
»Ich habe jar nischt. Dein Papa ›hat‹ nie! Nämlich spioniert! Er
hat sich lediglich erlaubt, direkt auf dem Wege ein Notizblatt zu
finden, das seine poetische Tochter verloren hatte und das er hiermit
submissest zurückerstattet, weil er keine Verwendung dafür hat.«
»Gnädiges Fräulein, die Stelle von der epischen Ruhe dieser großen
hohen Wiesenflächen und ihrer lyrischen Unterbrechung durch die kleinen
Büsche mit ihren bizarren Zwergstämmchen und den wunderlichen Kronen
ist herrlich. Bitte, schenken Sie mir das Blatt!«
Der das sprach, war ein junger, schlanker Mann. Der Alte lachte
fröhlich.
»Bravo, Herr Juro, bravo! Man hört Ihnen gleich an, daß Sie Ackerbau
studieren und künftiger Scholta und Großbauer im Wendenland sind.
Jawohl, das ist unsere moderne Landwirtschaft! Der Landwirt stellt
sich an die Wiese und phantasiert von epischer Ruhe und lyrischer
Unterbrechung, und die Ochsen zu Hause verhungern und die Wirtschaft
geht sachte zum Deibel.«
»Lieber Vater ...«
»Lieber Sohn?! Sei du man stille! Denn du bist erst der rechte!«
Heinrich von Withold, ein zweiter junger Mann, nickte seinem Vater
gemütlich zu und pfiff eine kurze musikalische Sentenz.
»Pfeif nur, Bürschel, pfeif nur! War wohl wieder von dem verrückten
Kerl, von dem Wagner? Ich sage -- einmal und nicht wieder!«
Niemand fragte, was er meine. Alle wußten, er meine, einmal habe er
eine der neuen Wagnerschen Opern angehört und tue das nie wieder.
»Auf keinen Fall!« fuhr Herr Withold zornig beteuernd fort. »Jetzt
-- was soll ich machen, daß der Junge, der Heinrich da, sich viel
mehr mit musikalischen Faxen abgibt, als daß er Volkswirtschaft und
Agrikultur studiert, wofür ich ihn, Himmeldonnerwetter, nach Breslau
zur Universität geschickt habe?! Was soll ich machen?«
»Ach, wir können die Kinder nach unserm Sinn nicht formen. So wie Gott
sie uns gab, muß man sie halten und lieben,« entgegnete Heinrich, der
Jüngling. »Siehst du, Papa, diese Verse sind auch dichterisch, zwar
nicht von meiner Schwester Elisabeth, aber von Goethe, von Johann
Wolfgang von Goethe.«
»Affe!« sagte der Alte. (Er meinte seinen Sohn Heinrich, nicht
Goethe.) »Affe!« wiederholte er, »ihr habt Glück, daß ihr so einen
schafsgutmütigen Vater habt, sonst -- Donnerschlag ja ...! Ich amüsier'
mich schon immer, wenn ich so 'ne Visitenkarte von einem Studenten
sehe: ›~stud. med.~‹, ›~stud. jur.~‹, ›~stud. phil.~‹, ›~stud.
agric.~‹ und was da alles draufsteht. -- Da sag ich mir immer, das
erste ›~stud.~‹, das is das, was der Kerl im allgemeinen nicht macht,
und das, was dahinter kommt, das is das, wovon er sich ganz besonders
drückt. Herr Gott, dahier stehen zwei Studenten, ~cives academiae~, wie
es so stolz heißt -- Herr Juro und Herr Heinrich, mein vielbegabter
Herr Sohn; beide sollen in Breslau Agrikultur studieren, beide sollen
ja einmal große Güter übernehmen. Gut! Kommen wir also hier an diese
kolossalen Bergwiesen. Müßte man denken -- halt -- Studenten des
Ackerbaues -- halt! -- was werden die machen? Werden sich gewiß
hinstellen und sagen: Bis zu dem Gebüsch da soundsoviel Huben, bis zur
Baude soundsoviel Huben und so weiter. Und dann: Verflixt ja, wenn ich
diese Prachtwiesen unten im Gelände hätte -- das Kroppzeug von Knieholz
rodete ich aus -- Klee? -- Ruchgras? -- Luzerne? -- Zum mindesten
Buchweizen? -- Wollen mal sehen! -- Aber die Wiesen liegen nu mal hier
oben. Viertausend Fuß hoch. Nichts zu machen mit Talbepflanzung. Aber
mit Almenwirtschaft, zum Donnerwetter, mit rationeller Almenwirtschaft!
Schande und schade um so herrliche Flur! Jawohl, so müßte man denken,
würden zwei Studenten sagen, die Ackerbau studieren. Ach, du oller
Döskopp! Einer spricht von epischer Breite und lyrischer Unterbrechung
und einer pfeift 'ne Melodie, nach der nicht mal sein letzter
Pferdeknecht tanzen mag.«
»Herr von Withold, Sie haben ganz recht. Was mich angeht, so befinde
ich mich sicher an ganz falschem Platze. Ich habe eben für die
Landwirtschaft nicht das mindeste Talent.«
»Na, Juro, so schlimm wird ja das nicht sein. Hauptsache, Sie geben
sich Mühe. Seh'n Sie mal, das schöne Gut wartet doch auf Sie! Ein
Rittergut können Sie aus der alten wendischen Scholtisei machen, wenn
Sie's vernünftig anstellen. Ihr Großvater und Ihr Vater haben ja
kolossal zugekauft. Wie groß ist denn Ihr Väterliches jetzt?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Juro achselzuckend.
»Sie -- Sie wissen das nicht? Ja, erlauben Sie mal, das -- das ist arg!
Studiert Ackerbau und weiß nicht mal, wie groß das väterliche Gut ist.
-- Das ist ja unglaublich! Als ich so alt war wie Sie, kannte ich auf
unserem Gute sozusagen jedes Rind, jedes Schaf, jeden Hahn persönlich
mit seiner ganzen Lebens- und Familiengeschichte. Und Sie wissen nicht
mal -- ja, dann ist's allerdings am besten, Sie hängen die Geschichte
an den Nagel.«
»Ich möchte wohl, wenn ich es könnte.«
»Aber Mensch, Christ, Bürger, Sie haben doch Traditionen zu erfüllen!
Sie können doch nicht mir nichts dir nichts eine so wunderbare Sache
fahren lassen. Donnerwetter, bei Ihnen ist ja von Bauernwirtschaft gar
keine Rede mehr, das ist doch ein großes Gut! Ja, Mensch, wollten Sie
denn lieber ein ärmlicher Stubenhocker sein, als über eigenen Grund und
Boden schreiten als freier Mann, dem niemand auch nur ein Wörtlein zu
sagen hat, der lebt wie ein König?«
»Wie ein König der Wenden!«
»Red' mir nicht hinein, Heinrich! König der Wenden, das gibt's nich!
Das is eine von den vielen alten Sagen, die die Wenden haben. Unsere
Wenden sind gute Preußen, haben ihren König in Berlin, wie andere
Preußen, ihren Bramborski Kral. Aber ein König in seiner Art ist jeder
freie Landwirt, und nur er, alle anderen bis zum Minister und General
hinauf sind abhängige Diener.«
Er nahm einen Schluck aus der Reiseflasche und fuhr fort: »Und Heimat
-- ist Heimat gar nichts mehr? Irgendein Tand, den man leichten Herzens
aufgibt? Sehen Sie, Juro, Ihre Wendenheimat ist schön! Nicht lauter
Kernboden -- nein, viel Sand und auch Moor dazwischen. Aber doch gutes,
treues Land, auf das man sich immer noch verlassen kann. Ja, und ich --
ich bin ja eigentlich ein Fremder dort zu Lande. Na, schütteln Sie nich
den Kopp! Ich bin ein deutscher Rittermäßiger, der sich im Wendenland
sein Gut gekauft hat. Ja, ich kann mich nicht beschweren, die Wenden
sind gute Leute. Saufen ja 'n bissel -- das tun wir auch -- sind auch
sonst nicht gerade große Säulenheilige -- das sind wir auch nicht --,
aber sind fleißige Arbeiter und ehrliche Leute. Juro, ich bin ein
Deutscher, aber ich möcht aus dem Wendenland nicht raus; es is mir zur
Heimat geworden, wenn ich mir auch jetzt noch mit jedem wendischen Wort
die Zunge verrenke. Und Sie -- Sie sind doch ein geborener Wende!«
Juro ließ den Kopf sinken und zupfte mit den Fingern an dem kurzen
Grase. Der Wind spielte leicht mit seinen schlichten blonden Haaren,
und eine tiefe Röte bedeckte seine Wangen. So sprach er:
»Ach, Herr von Withold, Sie wissen nicht, woran Sie da rühren. Das sind
ja die Kämpfe, die ich seit vielen Jahren führe mit meiner Mutter, mit
meinem Vater, mit mir selbst, auch mit meinem Bruder Samo. Daß ich für
die Landwirtschaft kein Talent und kein Interesse habe, ist ja von
meiner Nationalität ganz unabhängig und hat damit gar nichts zu tun.
Ich studiere ja auch in der Hauptsache Medizin und höre nur nebenbei
einige landwirtschaftliche Vorlesungen. Was mich grämt, ist aber, daß
sie mich zu Hause alle als einen Abtrünnigen ansehen, als einen, der
sein Wendentum verrät und ein Deutscher wurde.«
Der junge Mann stand auf. Eine große Erregung überkam ihn.
»Ich will's ja nicht leugnen, ich bin ein Deutscher in meinem Herzen.
Aber ich wehre mich dagegen, daß ich das Wendentum verraten haben
soll. Was sind die Wenden noch? Ein winziges Häuflein, eingesprengt
ins große deutsche Volk. Und wie ist ihnen zu helfen? Dadurch, daß
sie sich feindselig und eigensinnig absperren? Dann müssen sie
verhungern, vor allen Dingen auch geistig verhungern. Wir haben keine
große Nationalliteratur, keine nationale Kunst, keine nationale
Wissenschaft, keine großen nationalen Schulen, nicht einmal nationale
Geschäftsbetriebe. Auf unseren Walddörfern sitzen wir in Armut, und
wenn einer hinauskommt und nichts kann als seine wendische Sprache,
die niemand versteht, dann wird er ein Helot, und das ganze Volk wird
ein Helotenvolk werden. Das will ich nicht, dagegen wehr' ich mich,
eben weil ich die Meinigen liebe, und darum müssen wir, die selbst zu
schwach sind, uns an ein stärkeres und reicheres Volk anschließen,
müssen wir eine Sprache haben, die ins weite Land klingt und auf vielen
Märkten und in vielen Hörsälen verstanden wird.«
Er hielt inne und blickte hinunter ins tiefe Elbtal, das den
preußischen und den böhmischen Kamm des Riesengebirges trennt. Steil
fallen die Felsenwände des böhmischen Krokonosch hinab zum Fluß. Juros
Blicke schweiften hinüber zum böhmischen Land. Und er sprach das, was
in seinem jungen Grüblerherzen sich in vielen einsamen Stunden gebildet
und immer wiederholt hatte, was er wie sein eigenes Evangelium konnte:
»Anschluß an ein glücklicheres Volk, als wir sind, denen das Schicksal
durch alle Jahrhunderte die Größe und Selbstherrlichkeit versagt hat!
Kapitulation in Ehren! Aussöhnung mit gegebenen Notwendigkeiten,
Aussöhnung, die uns nicht schändet, die uns vorwärts führt.
Heimatsuchen in weitem Gefild, Heimatsuchen, das meinen stillen,
gutmütigen Brüdern und Schwestern nicht schwerfallen wird ... Aber
nicht dort drüben, nicht bei den Tschechen, die unsere Vettern heißen,
die viel glücklicher waren als wir, in viel reicherem Lande wohnen und
die doch trotz aller Großmannssucht den Weg zu einer hohen Staffel
der Menschheit nicht fanden. Wir wollen Deutsche sein, im Deutschtum
vorwärtskommen und ehrlich mithelfen, das, was uns am Deutschtum nicht
gefallen kann, zu ändern und zu bessern.«
Der alte Withold reichte Juro gerührt die Hand, und der Mund des
jungen, leidenschaftlich erregten Wenden zuckte.
* * * * *
Im Silberlicht des Mondes spielte die junge Elbe auf der Bergwiese. Und
sie plauderte harmlos wie alle Bächlein, die mit Gräsern spielen und
mit lachendem Glick-Glack und Hopp-Schlock über wichtigtuende Hölzchen
wegsetzen, die sich ihnen neckend in den Weg legen. Das spielende
Königskind, das zu Großem berufen ist, zur Beherrscherin weiter Lande
und mächtiger Städte, tändelt hier in seiner Jugendheimat, lacht, tanzt
und plaudert wie ein armes Wiesenwässerchen, das im nächsten Dorfteich
mündet.
Aber eine ungestörte Jugend haben Königskinder nicht. Alte Leute,
die von ihrer großen Mission wissen, nehmen sie von Zeit zu Zeit vom
Spielplatz weg, bekleiden sie mit Größe und Würde, mit Brokatgewändern
und goldenen Kronen, trichtern ihnen ein trutzig und altklug Sprüchlein
ein und stellen sie so dem Volk zur Schau.
»Seht da, das Königskind! Seht die Würde und Größe, die in ihm ruht!«
Also geschieht es auch mit der jungen Elbe. Ihre Wässerchen werden in
einem großen Wasserbehälter aufgefangen, der dicht an einem felsigen
Abgrund liegt, und wenn der ganze Behälter voll ist und wenn genug Volk
da ist, das geneigt ist, seinen Tribut zu entrichten, dann zieht der
Wärter, der Gouverneur des jungen Königskindes, eine Schleuse, und das
Kind, das eben noch silbern lachte, spricht plötzlich mit donnernden
Herrscherworten, entrollt seinen tausendfaltigen Demantmantel, steigt
mit Riesenschritten hinab ins Tal.
Freilich, es ist nur ein höfisches Theater, es ist nur, um dem Volk
ein Schaustück zu stellen. Kaum ist das Königskind im Tal angelangt,
so zieht es den wallenden Demantmantel wieder aus, hört auf, seinen
eingelernten Donnerspruch zu sagen, und spielt tändelnd wieder wie
andere Kinder. -- --
Einsam lag die Gebirgsbaude an der Felsschlucht, wo der alte Wärter am
Wasserbassin lehnte und wartete, ob er um ein Stücklein Trinkgeld den
»Elbfall« noch einmal »ziehen« können würde. In der Baude saßen Gäste,
lachten beim böhmischen Wein. Ein Fiedler spielte, sein Weib schlug die
Gitarre. Sie sangen »Gott erhalte Franz den Kaiser« und »Heil dir im
Siegerkranz«.
Die drei Künstlermenschen, das Geschwisterpaar Withold und der junge
Wende Juro, wanderten draußen durch den lichten Abend, sahen den
Himmelskuß des Sternenlichtes auf den Stirnen der Berge, sahen das
tiefe dunkle Elbtal hinab einen weißen Nebelschwaden fahren, der
war wie ein silberner Kahn auf dunklem Strom. Als die drei zu einem
schmalen, steinigen Fußsteig kamen, der in die Elbschlucht führt, sagte
Heinrich zu Juro und Elisabeth:
»Steigt ein Stücklein da hinab. Ich gehe hinüber zum Wärter, er muß
den Fall noch einmal ablassen. Das wird schön aussehen jetzt im
Mondenschein.«
Da standen Juro und Elisabeth erst zögernd still, dann gingen sie
beklommen den dunklen, schmalen Felsenweg hinab. Sie waren jung. Sie
waren Träumer. Sie liebten sich, und ihre Seelen waren unverdorben. Da
war die herzschlagende Scheu in ihnen, die bange Furcht und doch auch
die schmerzliche Sehnsucht: jetzt in dieser lichten Abendstunde möge
die Zeit gekommen sein, wo das goldene Tor zum Allerheiligsten ihrer
Seele aufspringen und sich das Wunder offenbaren würde, das wohlgehütet
da wohnte -- ihre Liebe.
Langsam stiegen sie den holprigen Pfad hinab, und wenn der Mann dem
Mädchen die Hand reichte, dann glühten die Hände ineinander wie im
Fieberfeuer, oder sie trafen sich kalt wie in Schreck und Angst.
Als sie endlich stehenblieben, war ein Baumstamm zwischen ihnen, aber
sie fühlten ihre Nähe, und es war, als ob tausend weiche Wunderfäden
sich um sie und den Stamm rankten und sie in weltferne Wonnen
einspännen. Ein Nachtvogel huschte vor ihnen auf; sonst war alles in
tiefer, feierlicher Ruhe.
Da kam ein Plätschern, ein Rauschen, dann ein Brausen, und donnernd
fiel eine Silberflut vor ihren Augen durch die Nacht, und eine
Siegeshymne dröhnte an ihr Ohr. Eine Fülle von Schönheit, Größe, Kraft
ward vor ihnen aufgetan, ein Siegesjubel, ein jauchzender Glaube an
Glück und Freude durchschütterte sie ...
Der Strom überdröhnte den Schlag ihrer Herzen, und sie lagen sich in
den Armen zum ersten langen heißen Kuß.
Sie sprachen kein Wort. Den ganzen großen jubelnden Inhalt ihrer Herzen
sang der silberne Fluß in gewaltiger Melodie.
Erst als der Strom versiegte, als ein dünnes Rinnlein einen leisen
Epilog zu dem großen Schauspiel sprach, da erwachten sie zur
Menschensprache und gaben sich in stammelnden Fragen und wirren
Antworten, mit leisem Seufzen und glückseligem Lachen Kunde von ihrer
Liebe.
»Ich gehöre dir für immer und ewig!«
Diese Worte sprach Juro fest und mit feierlichem Ernst. Es war ein
Gelöbnis, das aus der Gegenwart herauswuchs und an keine Kämpfe der
Zukunft dachte.