sich umzukleiden. Am andern Morgen wollte die Fontäne im Garten nicht
springen, und es fand sich, das jemand eine Röhre verrückt hatte,
augenscheinlich um nach dem Kopfe eines vor vielen Jahren hier
verscharrten Pferdegerippes zu suchen, der für ein bewährtes Mittel
wider allen Hexen- und Geisterspuk gilt. »Hm,« sagte der Gutsherr, »was
die Schelme nicht stehlen, das verderben die Narren.«
Drei Tage später tobte ein furchtbarer Sturm. Es war Mitternacht, aber
alles im Schlosse außer dem Bett. Der Gutsherr stand am Fenster und sah
besorgt ins Dunkle, nach seinen Feldern hinüber. An den Scheiben flogen
Blätter und Zweige her; mitunter fuhr ein Ziegel hinab und schmetterte
auf das Pflaster des Hofes. -- »Furchtbares Wetter!« sagte Herr von S.
Seine Frau sah ängstlich aus. »Ist das Feuer auch gewiß gut verwahrt?«
sagte sie; »Gretchen, sieh noch einmal nach, gieß es lieber ganz aus! --
Kommt, wir wollen das Evangelium Johannis beten.« Alles kniete nieder,
und die Hausfrau begann: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei
Gott, und Gott war das Wort.« Ein furchtbarer Donnerschlag. Alle fuhren
zusammen; dann furchtbares Geschrei und Getümmel die Treppe heran. -- »Um
Gottes willen! brennt es?« rief Frau von S. und sank mit dem Gesichte
auf den Stuhl. Die Türe ward aufgerissen, und herein stürzte die Frau
des Juden Aaron, bleich wie der Tod, das Haar wild um den Kopf, von
Regen triefend. Sie warf sich vor dem Gutsherrn auf die Knie.
»Gerechtigkeit!« rief sie, »Gerechtigkeit! mein Mann ist erschlagen!«
und sank ohnmächtig zusammen.
[Illustration]
Es war nur zu wahr, und die nachfolgende Untersuchung bewies, daß der
Jude Aaron durch einen Schlag an die Schläfe mit einem stumpfen
Instrumente, wahrscheinlich einem Stabe, sein Leben verloren hatte,
durch einen einzigen Schlag. An der linken Schläfe war der blaue Fleck,
sonst keine Verletzung zu finden. Die Aussagen der Jüdin und ihres
Knechtes Samuel lauteten so: Aaron war vor drei Tagen am Nachmittage
ausgegangen, um Vieh zu kaufen, und hatte dabei gesagt, er werde wohl
über Nacht ausbleiben, da noch einige böse Schuldner in B. und S. zu
mahnen seien. In diesem Falle werde er in B. beim Schlachter Salomon
übernachten. Als er am folgenden Tage nicht heimkehrte, war seine Frau
sehr besorgt geworden und hatte sich endlich heute um drei nachmittags
in Begleitung ihres Knechtes und des großen Schlächterhundes auf den Weg
gemacht. Beim Juden Salomon wußte man nichts von Aaron; er war gar nicht
dagewesen. Nun waren sie zu allen Bauern gegangen, von denen sie wußten,
daß Aaron einen Handel mit ihnen im Auge hatte.
Nur zwei hatten ihn gesehen, und zwar an demselben Tage, an welchem er
ausgegangen. Es war darüber sehr spät geworden. Die große Angst trieb
das Weib nach Haus, wo sie ihren Mann wiederzufinden eine schwache
Hoffnung nährte. So waren sie im Brederholz vom Gewitter überfallen
worden und hatten unter einer großen, am Berghange stehenden Buche
Schutz gesucht; der Hund hatte unterdessen auf eine auffallende Weise
umhergestöbert und sich endlich, trotz allem Locken, im Walde verlaufen.
Mit einem Male sieht die Frau beim Leuchten des Blitzes etwas Weißes
neben sich im Moose. Es ist der Stab ihres Mannes, und fast im selben
Augenblicke bricht der Hund durchs Gebüsch und trägt etwas im Maule: es
ist der Schuh ihres Mannes. Nicht lange, so ist in einem mit dürrem
Laube gefüllten Graben der Leichnam des Juden gefunden. --
Dies war die Angabe des Knechtes, von der Frau nur im allgemeinen
unterstützt; ihre übergroße Spannung hatte nachgelassen, und sie schien
jetzt halb verwirrt oder vielmehr stumpfsinnig. »Aug um Auge, Zahn um
Zahn!« dies waren die einzigen Worte, die sie zuweilen hervorstieß.
In derselben Nacht noch wurden die Schützen aufgeboten, um Friedrich zu
verhaften. Der Anklage bedurfte es nicht, da Herr von S. selbst Zeuge
eines Auftritts gewesen war, der den dringendsten Verdacht auf ihn
werfen mußte; zudem die Gespenstergeschichte von jenem Abende, das
Aneinanderschlagen der Stäbe im Brederholz, der Schrei aus der Höhe. Da
der Amtsschreiber gerade abwesend war, so betrieb Herr von S. selbst
alles rascher, als sonst geschehen wäre. Dennoch begann die Dämmerung
bereits anzubrechen, bevor die Schützen so geräuschlos wie möglich das
Haus der armen Margret umstellt hatten. Der Gutsherr selber pochte an;
es währte kaum eine Minute, bis geöffnet ward und Margret völlig
gekleidet in der Türe erschien. Herr von S. fuhr zurück; er hatte sie
fast nicht erkannt, so blaß und steinern sah sie aus. »Wo ist
Friedrich?« fragte er mit unsicherer Stimme. --
»Sucht ihn«, antwortete sie und setzte sich auf einen Stuhl. Der
Gutsherr zögerte noch einen Augenblick.
»Herein, herein!« sagte er dann barsch; »worauf warten wir?« Man trat in
Friedrichs Kammer. Er war nicht da, aber das Bett noch warm. Man stieg
auf den Söller, in den Keller, stieß ins Stroh, schaute hinter jedes
Faß, sogar in den Backofen; er war nicht da. Einige gingen in den
Garten, sahen hinter den Zaun und in die Apfelbäume hinauf; er war nicht
zu finden. --
»Entwischt!« sagte der Gutsherr mit sehr gemischten Gefühlen: der
Anblick der alten Frau wirkte gewaltig auf ihn. »Gebt den Schlüssel zu
jenem Koffer.« -- Margret antwortete nicht. -- »Gebt den Schlüssel!«
wiederholte der Gutsherr und merkte jetzt erst, daß der Schlüssel
steckte. Der Inhalt des Koffers kam zum Vorschein: des Entflohenen gute
Sonntagskleider und seiner Mutter ärmlicher Staat; dann zwei
Leichenhemden mit schwarzen Bändern, das eine für einen Mann, das andere
für eine Frau gemacht. Herr von S. war tief erschüttert. Ganz zu unterst
auf dem Boden des Koffers lag die silberne Uhr und einige Schriften von
sehr leserlicher Hand, eine derselben von einem Manne unterzeichnet, den
man in starkem Verdacht der Verbindung mit den Holzfrevlern hatte. Herr
von S. nahm sie mit zur Durchsicht, und man verließ das Haus, ohne daß
Margret ein anderes Lebenszeichen von sich gegeben hätte, als daß sie
unaufhörlich die Lippen nagte und mit den Augen zwinkerte.
[Illustration]
Im Schlosse angelangt, fand der Gutsherr den Amtsschreiber, der schon am
vorigen Abend heimgekommen war und behauptete, die ganze Geschichte
verschlafen zu haben, da der gnädige Herr nicht nach ihm geschickt. --
»Sie kommen immer zu spät«, sagte Herr von S. verdrießlich. »War denn
nicht irgendein altes Weib im Dorfe, das Ihrer Magd die Sache erzählte?
und warum weckte man Sie dann nicht?« -- »Gnädiger Herr,« versetzte
Kapp, »allerdings hat meine Anne-Marie den Handel um eine Stunde früher
erfahren als ich; aber sie wußte, daß Ihre Gnaden die Sache selbst
leiteten, und dann,« fügte er mit klagender Miene hinzu, »daß ich so
todmüde war!« -- »Schöne Polizei!« murmelte der Gutsherr, »jede alte
Schachtel im Dorf weiß Bescheid, wenn es recht geheim zugehen soll.«
Dann fuhr er heftig fort: »Das müßte wahrhaftig ein dummer Teufel von
Delinquenten sein, der sich packen ließe.«
Beide schwiegen eine Weile. -- »Mein Fuhrmann hatte sich in der Nacht
verirrt,« hob der Amtsschreiber wieder an; »über eine Stunde lang
hielten wir im Walde; es war ein Mordwetter; ich dachte, der Wind werde
den Wagen umreißen. Endlich, als der Regen nachließ, fuhren wir in
Gottes Namen darauflos, immer in das Zellerfeld hinein, ohne eine Hand
vor den Augen zu sehen. Da sagte der Kutscher: ›Wenn wir nur nicht den
Steinbrüchen zu nahe kommen!‹ Mir war selbst bange; ich ließ halten und
schlug Feuer, um wenigstens etwas Unterhaltung an meiner Pfeife zu
haben. Mit einem Male hörten wir ganz nah, perpendikulär unter uns die
Glocke schlagen. Euer Gnaden mögen glauben, daß mir fatal zumut wurde.
Ich sprang aus dem Wagen, denn seinen eigenen Beinen kann man trauen,
aber denen der Pferde nicht. So stand ich, in Kot und Regen, ohne mich
zu rühren, bis es gottlob sehr bald anfing zu dämmern. Und wo hielten
wir? dicht an der Heerser Tiefe, und den Turm von Heerse gerade unter
uns. Wären wir noch zwanzig Schritt weiter gefahren, wir wären alle
Kinder des Todes gewesen.« -- »Das war in der Tat kein Spaß«, versetzte
der Gutsherr, halb versöhnt.
Er hatte unterdessen die mitgenommenen Papiere durchgesehen. Es waren
Mahnbriefe um geliehene Gelder, die meisten von Wucherern. -- »Ich hätte
nicht gedacht,« murmelte er, »daß die Mergels so tief drin steckten.« --
»Ja, und daß es so an den Tag kommen muß,« versetzte Kapp; »das wird
kein kleiner Ärger für Frau Margret sein.« -- »Ach Gott, die denkt jetzt
daran nicht!« Mit diesen Worten stand der Gutsherr auf und verließ das
Zimmer, um mit Herrn Kapp die gerichtliche Leichenschau vorzunehmen.
-- Die Untersuchung war kurz, gewaltsamer Tod erwiesen, der vermutliche
Täter entflohen, die Anzeigen gegen ihn zwar gravierend, doch ohne
persönliches Geständnis nicht beweisend, seine Flucht allerdings sehr
verdächtig. So mußte die gerichtliche Verhandlung ohne genügenden Erfolg
geschlossen werden.
Die Juden der Umgegend hatten großen Anteil gezeigt. Das Haus der Witwe
ward nie leer von Jammernden und Ratenden.
[Illustration]
Seit Menschengedenken waren nicht so viel Juden beisammen in L. gesehen
worden.
Durch den Mord ihres Glaubensgenossen aufs äußerste erbittert, hatten
sie weder Mühe noch Geld gespart, dem Täter auf die Spur zu kommen. Man
weiß sogar, daß einer derselben, gemeinhin der Wucherjoel genannt, einem
seiner Kunden, der ihm mehrere Hunderte schuldete und den er für einen
besonders listigen Kerl hielt, Erlaß der ganzen Summe angeboten hatte,
falls er ihm zur Verhaftung des Mergel verhelfen wolle; denn der Glaube
war allgemein unter den Juden, daß der Täter nur mit guter Beihilfe
entwischt und wahrscheinlich noch in der Umgegend sei. Als dennoch alles
nichts half und die gerichtliche Verhandlung für beendet erklärt worden
war, erschien am nächsten Morgen eine Anzahl der angesehensten
Israeliten im Schlosse, um dem gnädigen Herrn einen Handel anzutragen.
Der Gegenstand war die Buche, unter der Aarons Stab gefunden und wo der
Mord wahrscheinlich verübt worden war. -- »Wollt ihr sie fällen? so
mitten im vollen Laube?« fragte der Gutsherr. --
»Nein, Ihro Gnaden, sie muß stehenbleiben im Sommer und Winter, solange
ein Span daran ist.« -- »Aber wenn ich nun den Wald hauen lasse, so
schadet es dem jungen Aufschlag.« -- »Wollen wir sie doch nicht um
gewöhnlichen Preis.« -- Sie boten zweihundert Taler. Der Handel ward
geschlossen und allen Förstern streng eingeschärft, die Judenbuche auf
keine Weise zu schädigen.
Darauf sah man an einem Abende wohl gegen sechzig Juden, ihren Rabbiner
an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend und mit
gesenkten Augen.
Sie blieben über eine Stunde im Walde und kehrten dann ebenso ernst und
feierlich zurück, durch das Dorf B. bis in das Zellerfeld, wo sie sich
zerstreuten und jeder seines Weges ging. Am nächsten Morgen stand an der
Buche mit dem Beil eingehauen:
אִם תַּעֲמוֹד בַּמָּקוֹם הַזֶּה יִפְגַּע
בָּךְ כַּאֲשֶׁר אַתָּה עָשִׂיתָ לִי
[Illustration]
Und wo war Friedrich? Ohne Zweifel fort, weit genug, um die kurzen Arme
einer so schwachen Polizei nicht mehr fürchten zu dürfen. Er war bald
verschollen, vergessen. Ohm Simon redete selten von ihm, und dann
schlecht; die Judenfrau tröstete sich am Ende und nahm einen andern
Mann. Nur die arme Margret blieb ungetröstet.
Etwa ein halbes Jahr nachher las der Gutsherr einige eben erhaltene
Briefe in Gegenwart des Amtsschreibers. --
»Sonderbar, sonderbar!« sagte er. »Denken Sie sich, Kapp, der Mergel ist
vielleicht unschuldig an dem Morde. Soeben schreibt mir der Präsident
des Gerichtes zu P.: ›_Le vrai n'est pas toujours vraisemblable_; das
erfahre ich oft in meinem Berufe und jetzt neuerdings. Wissen Sie wohl,
daß Ihr lieber Getreuer, Friedrich Mergel, den Juden mag ebensowenig
erschlagen haben als ich oder Sie? Leider fehlen die Beweise, aber die
Wahrscheinlichkeit ist groß. Ein Mitglied der Schlemmingschen Bande (die
wir jetzt, nebenbei gesagt, größtenteils unter Schloß und Riegel haben),
Lumpenmoises genannt, hat im letzten Verhöre ausgesagt, daß ihn nichts
so sehr gereue, als der Mord eines Glaubensgenossen, Aaron, den er im
Walde erschlagen und doch nur sechs Groschen bei ihm gefunden habe.
Leider ward das Verhör durch die Mittagsstunde unterbrochen, und
während wir tafelten, hat sich der Hund von einem Juden an seinem
Strumpfband erhängt. Was sagen Sie dazu? Aaron ist zwar ein verbreiteter
Name usw.‹ -- Was sagen Sie dazu?« wiederholte der Gutsherr; »und weshalb
wäre der Esel von einem Burschen denn gelaufen?« --
Der Amtsschreiber dachte nach. -- »Nun, vielleicht der Holzfrevel wegen,
mit denen wir ja gerade in Untersuchung waren. Heißt es nicht: der Böse
läuft vor seinem eigenen Schatten? Mergels Gewissen war schmutzig genug
auch ohne diesen Flecken.«
Dabei beruhigte man sich. Friedrich war hin, verschwunden, und --
Johannes Niemand, der arme, unbeachtete Johannes, am gleichen Tage mit
ihm. -- --
[Illustration]
Eine schöne lange Zeit war verflossen, achtundzwanzig Jahre, fast die
Hälfte eines Menschenlebens; der Gutsherr war sehr alt und grau
geworden, sein gutmütiger Gehilfe Kapp längst begraben. Menschen, Tiere
und Pflanzen waren entstanden, gereift, vergangen, nur Schloß B. sah
immer gleich grau und vornehm auf die Hütten herab, die wie alte
hektische Leute immer fallen zu wollen schienen und immer standen. Es
war am Vorabende des Weihnachtfestes, den 24. Dezember 1788. Tiefer
Schnee lag in den Hohlwegen, wohl an zwölf Fuß hoch, und eine
durchdringende Frostluft machte die Fensterscheiben in der geheizten
Stube gefrieren. Mitternacht war nahe, dennoch flimmerten überall matte
Lichtchen aus den Schneehügeln, und in jedem Hause lagen die Einwohner
auf den Knien, um den Eintritt des heiligen Christfestes mit Gebet zu
erwarten, wie dies in katholischen Ländern Sitte ist oder wenigstens
damals allgemein war. Da bewegte sich von der Breder Höhe herab eine
Gestalt langsam gegen das Dorf; der Wanderer schien sehr matt oder
krank; er stöhnte schwer und schleppte sich äußerst mühsam durch den
Schnee.
An der Mitte des Hanges stand er still, lehnte sich auf seinen
Krückenstab und starrte unverwandt auf die Lichtpunkte. Es war so still
überall, so tot und kalt, man mußte an Irrlichter auf Kirchhöfen denken.
Nun schlug es zwölf im Turm; der letzte Schlag verdröhnte langsam, und
im nächsten Hause erhob sich ein leiser Gesang, der, von Hause zu Hause
schwellend, sich über das ganze Dorf zog:
Ein Kindelein so löbelich
Ist uns geboren heute,
Von einer Jungfrau säuberlich,
Des freun sich alle Leute;
Und wär das Kindelein nicht geborn,
So wären wir alle zusammen verlorn:
Das Heil ist unser aller.
O du mein liebster Jesu Christ,
Der du als Mensch geboren bist,
Erlös uns von der Hölle!
Der Mann am Hange war in die Knie gesunken und versuchte mit zitternder
Stimme einzufallen; es ward nur ein lautes Schluchzen daraus, und
schwere, heiße Tropfen fielen in den Schnee. Die zweite Strophe begann;
er betete leise mit; dann die dritte und vierte. Das Lied war geendigt,
und die Lichter in den Häusern begannen sich zu bewegen. Da richtete der
Mann sich mühselig auf und schlich langsam hinab in das Dorf. An
mehreren Häusern keuchte er vorüber, dann stand er vor einem still und
pochte leise an.
»Was ist denn das?« sagte drinnen eine Frauenstimme, »die Türe klappert,
und der Wind geht doch nicht.« -- Er pochte stärker. -- »Um Gottes
willen, laßt einen halberfrorenen Menschen ein, der aus der türkischen
Sklaverei kommt!« -- Geflüster in der Küche. -- »Geht ins Wirtshaus,«
antwortete eine andere Stimme, »das fünfte Haus von hier!« -- »Um Gottes
Barmherzigkeit willen, laßt mich ein! ich habe kein Geld.« -- Nach
einigem Zögern ward die Tür geöffnet, und ein Mann leuchtete mit der
Lampe hinaus. -- »Kommt nur herein,« sagte er dann, »Ihr werdet uns den
Hals nicht abschneiden.«
[Illustration]
In der Küche befanden sich außer dem Manne eine Frau in den mittlern
Jahren, eine alte Mutter und fünf Kinder. Alle drängten sich um den
Eintretenden her und musterten ihn mit scheuer Neugier. Eine armselige
Figur! mit schiefem Halse, gekrümmtem Rücken, die ganze Gestalt
gebrochen und kraftlos; langes schneeweißes Haar hing um sein Gesicht,
das den verzogenen Ausdruck langen Leidens trug. Die Frau ging
schweigend an den Herd und legte frisches Reisig zu. -- »Ein Bett können
wir Euch nicht geben,« sagte sie; »aber ich will hier eine gute Streu
machen; Ihr müßt Euch schon so helfen.« -- »Gotts Lohn!« versetzte der
Fremde; »ich bins wohl schlechter gewohnt.« -- Der Heimgekehrte ward als
Johannes Niemand erkannt, und er selbst bestätigte, daß er derselbe sei,
der einst mit Friedrich Mergel entflohen.
[Illustration]
Das Dorf war am folgenden Tage voll von den Abenteuern des so lange
Verschollenen.
Jeder wollte den Mann aus der Türkei sehen, und man wunderte sich
beinahe, daß er noch aussehe wie andere Menschen. Das junge Volk hatte
zwar keine Erinnerungen von ihm, aber die Alten fanden seine Züge noch
ganz wohl heraus, so erbärmlich entstellt er auch war.
»Johannes, Johannes, was seid Ihr grau geworden!« sagte eine alte Frau.
»Und woher habt Ihr den schiefen Hals?« -- »Vom Holz- und Wassertragen
in der Sklaverei«, versetzte er. --
»Und was ist aus Mergel geworden? Ihr seid doch zusammen fortgelaufen?«
--
»Freilich wohl; aber ich weiß nicht, wo er ist, wir sind voneinander
gekommen. Wenn Ihr an ihn denkt, betet für ihn,« fügte er hinzu, »er
wird es wohl nötig haben.«
Man fragte ihn, warum Friedrich sich denn aus dem Staube gemacht, da er
den Juden doch nicht erschlagen? -- »Nicht?« sagte Johannes und horchte
gespannt auf, als man ihm erzählte, was der Gutsherr geflissentlich
verbreitet hatte, um den Fleck von Mergels Namen zu löschen. »Also ganz
umsonst,« sagte er nachdenkend, »ganz umsonst so viel ausgestanden!« Er
seufzte tief und fragte nun seinerseits nach manchem. Simon war lange
tot, aber zuvor noch ganz verarmt, durch Prozesse und böse Schuldner,
die er nicht gerichtlich belangen durfte, weil es, wie man sagte,
zwischen ihnen keine reine Sache war. Er hatte zuletzt Bettelbrot
gegessen und war in einem fremden Schuppen auf dem Stroh gestorben.
Margret hatte länger gelebt, aber in völliger Geistesstumpfheit. Die
Leute im Dorf waren es bald müde geworden, ihr beizustehen, da sie alles
verkommen ließ, was man ihr gab, wie es denn die Art der Menschen ist,
gerade die Hilflosesten zu verlassen, solche, bei denen der Beistand
nicht nachhaltig wirkt und die der Hilfe immer gleich bedürftig bleiben.
Dennoch hatte sie nicht eigentlich Not gelitten; die Gutsherrschaft
sorgte sehr für sie, schickte täglich das Essen und ließ ihr auch
ärztliche Behandlung zukommen, als ihr kümmerlicher Zustand in völlige
Abzehrung übergegangen war. In ihrem Hause wohnte jetzt der Sohn des
ehemaligen Schweinehirten, der an jenem Abende Friedrichs Uhr so sehr
bewundert hatte. --
»Alles hin, alles tot!« seufzte Johannes.
Am Abend, als es dunkel geworden war und der Mond schien, sah man ihn im
Schnee auf dem Kirchhofe umherhumpeln; er betete bei keinem Grabe, ging
auch an keines dicht hinan, aber auf einige schien er aus der Ferne
starre Blicke zu heften. So fand ihn der Förster Brandis, der Sohn des
Erschlagenen, den die Gutsherrschaft abgeschickt hatte, ihn ins Schloß
zu holen.
Beim Eintritt in das Wohnzimmer sah er scheu umher, wie vom Licht
geblendet, und dann auf den Baron, der sehr zusammengefallen in seinem
Lehnstuhl saß, aber noch immer mit den hellen Augen und dem roten
Käppchen auf dem Kopfe wie vor achtundzwanzig Jahren; neben ihm die
gnädige Frau, auch alt, sehr alt geworden.
»Nun, Johannes,« sagte der Gutsherr, »erzähl mir einmal recht ordentlich
von deinen Abenteuern. Aber,« er musterte ihn durch die Brille, »du bist
ja erbärmlich mitgenommen in der Türkei!« --
[Illustration]
Johannes begann: wie Mergel ihn nachts von der Herde abgerufen und
gesagt, er müsse mit ihm fort. -- »Aber warum lief der dumme Junge denn?
Du weißt doch, daß er unschuldig war?« -- Johannes sah vor sich nieder:
»Ich weiß nicht recht, mich dünkt, es war wegen Holzgeschichten. Simon
hatte so allerlei Geschäfte; mir sagte man nichts davon, aber ich
glaube nicht, daß alles war, wie es sein sollte.« -- »Was hat denn
Friedrich dir gesagt?« -- »Nichts, als daß wir laufen müßten, sie wären
hinter uns her. So liefen wir bis Heerse; da war es noch dunkel, und wir
versteckten uns hinter das große Kreuz am Kirchhofe, bis es etwas heller
würde, weil wir uns vor den Steinbrüchen am Zellerfelde fürchteten; und
wie wir eine Weile gesessen hatten, hörten wir mit einem Male über uns
schnauben und stampfen und sahen lange Feuerstrahlen in der Luft, gerade
über dem Heerser Kirchturm.
Wir sprangen auf und liefen, was wir konnten, in Gottes Namen geradeaus,
und wie es dämmerte, waren wir wirklich auf dem rechten Wege nach P.«
Johannes schien noch vor der Erinnerung zu schaudern, und der Gutsherr
dachte an seinen seligen Kapp und dessen Abenteuer am Heerser Hange. --
»Sonderbar!« lachte er, »so nah wart ihr einander! aber fahr fort.« --
Johannes erzählte nun, wie sie glücklich durch P. und über die Grenze
gekommen.
Von da an hatten sie sich als wandernde Handwerksbursche durchgebettelt
bis Freiburg im Breisgau. »Ich hatte meinen Brotsack bei mir,« sagte er,
»und Friedrich ein Bündelchen; so glaubte man uns.« -- In Freiburg
hatten sie sich von den Österreichern anwerben lassen: ihn hatte man
nicht gewollt, aber Friedrich bestand darauf. So kam er unter den Train.
»Den Winter über blieben wir in Freiburg,« fuhr er fort, »und es ging
uns ziemlich gut; mir auch, weil Friedrich mich oft erinnerte und mir
half, wenn ich etwas verkehrt machte. Im Frühling mußten wir
marschieren, nach Ungarn, und im Herbst ging der Krieg mit den Türken
los. Ich kann nicht viel davon nachsagen, denn ich wurde gleich in der
ersten Affäre gefangen und bin seitdem sechsundzwanzig Jahre in der
türkischen Sklaverei gewesen!« -- »Gott im Himmel! das ist doch
schrecklich!« sagte Frau von S. -- »Schlimm genug; die Türken halten uns
Christen nicht besser als Hunde; das schlimmste war, daß meine Kräfte
unter der harten Arbeit vergingen; ich ward auch älter und sollte noch
immer tun wie vor Jahren.«
Er schwieg eine Weile.
»Ja,« sagte er dann, »es ging über Menschenkräfte und Menschengeduld;
ich hielt es auch nicht aus. -- Von da kam ich auf ein holländisches
Schiff.« -- »Wie kamst du denn dahin?« fragte der Gutsherr. -- »Sie
fischten mich auf, aus dem Bosporus«, versetzte Johannes. Der Baron sah
ihn befremdet an und hob den Finger warnend auf; aber Johannes erzählte
weiter.
Auf dem Schiffe war es ihm nicht viel besser gegangen. »Der Skorbut riß
ein; wer nicht ganz elend war, mußte über Macht arbeiten, und das
Schiffstau regierte ebenso streng wie die türkische Peitsche.«
»Endlich,« schloß er, »als wir nach Holland kamen, nach Amsterdam, ließ
man mich frei, weil ich unbrauchbar war, und der Kaufmann, dem das
Schiff gehörte, hatte auch Mitleiden mit mir und wollte mich zu seinem
Pförtner machen. Aber« -- er schüttelte den Kopf -- »ich bettelte mich
lieber durch bis hieher.« -- »Das war dumm genug«, sagte der Gutsherr.
Johannes seufzte tief: »O Herr, ich habe mein Leben zwischen Türken und
Ketzern zubringen müssen, soll ich nicht wenigstens auf einem
katholischen Kirchhofe liegen?« Der Gutsherr hatte seine Börse gezogen:
»Da, Johannes, nun geh und komm bald wieder. Du mußt mir das alles noch
ausführlicher erzählen; heute ging es etwas konfus durcheinander. Du
bist wohl noch sehr müde?« -- »Sehr müde«, versetzte Johannes; »und«, er
deutete auf seine Stirn, »meine Gedanken sind zuweilen so kurios, ich
kann nicht recht sagen, wie es so ist.« -- »Ich weiß schon,« sagte der
Baron, »von alter Zeit her. Jetzt geh. Hülsmeyers behalten dich wohl
noch die Nacht über, morgen komm wieder.«
[Illustration]