folgenden Tage war überlegt worden, wo man ihn einmieten könne; essen
sollte er täglich im Schlosse, und für Kleidung fand sich auch wohl Rat.
»Herr,« sagte Johannes, »ich kann auch noch wohl etwas tun; ich kann
hölzerne Löffel machen, und Ihr könnt mich auch als Boten schicken.«
Herr von S. schüttelte mitleidig den Kopf: »Das würde doch nicht
sonderlich ausfallen.« -- »O doch, Herr, wenn ich erst im Gange bin --
es geht nicht schnell, aber hin komme ich doch, und es wird mir auch
nicht so sauer, wie man denken sollte.« -- »Nun,« sagte der Baron
zweifelnd, »willst du's versuchen? Hier ist ein Brief nach P. Es hat
keine sonderliche Eile.«
Am folgenden Tage bezog Johannes sein Kämmerchen bei einer Witwe im
Dorfe.
Er schnitzelte Löffel, aß auf dem Schlosse und machte Botengänge für
den gnädigen Herrn. Im ganzen gings ihm leidlich; die Herrschaft war
sehr gütig, und Herr von S. unterhielt sich oft lange mit ihm über die
Türkei, den österreichischen Dienst und die See. --
»Der Johannes könnte viel erzählen,« sagte er zu seiner Frau, »wenn er
nicht so grundeinfältig wäre.« -- »Mehr tiefsinnig als einfältig,«
versetzte sie; »ich fürchte immer, er schnappt noch über.« »Ei bewahre,«
antwortete der Baron, »er war sein Leben lang ein Simpel; simple Leute
werden nie verrückt.«
Nach einiger Zeit blieb Johannes auf einem Botengange über Gebühr lange
aus. Die gute Frau von S. war sehr besorgt um ihn und wollte schon Leute
aussenden, als man ihn die Treppe heraufstelzen hörte. --
»Du bist lange ausgeblieben, Johannes,« sagte sie; »ich dachte schon, du
hättest dich im Brederholz verirrt.« -- »Ich bin durch den Föhrengrund
gegangen.« --
»Das ist ja ein weiter Umweg; warum gingst du nicht durchs Brederholz?«
--
Er sah trübe zu ihr auf: »Die Leute sagten mir, der Wald sei gefällt,
und jetzt seien so viele Kreuz- und Querwege darin, da fürchtete ich,
nicht wieder hinauszukommen. Ich werde alt und duselig«, fügte er
langsam hinzu. -- »Sahst du wohl,« sagte Frau von S. nachher zu ihrem
Manne, »wie wunderlich und quer er aus den Augen sah? Ich sage dir,
Ernst, das nimmt noch ein schlimmes Ende.«
Indessen nahte der September heran. Die Felder waren leer, das Laub
begann abzufallen, und mancher Hektische fühlte die Schere an seinem
Lebensfaden. Auch Johannes schien unter dem Einflusse des nahen
Äquinoktiums zu leiden; die ihn in diesen Tagen sahen, sagten, er habe
auffallend verstört ausgesehen und unaufhörlich leise mit sich selber
geredet, was er auch sonst mitunter tat, aber selten. Endlich kam er
eines Abends nicht nach Hause. Man dachte, die Herrschaft habe ihn
verschickt; am zweiten auch nicht; am dritten ward seine Hausfrau
ängstlich. Sie ging ins Schloß und fragte nach. -- »Gott bewahre,« sagte
der Gutsherr, »ich weiß nichts von ihm; aber geschwind den Jäger gerufen
und Försters Wilhelm! Wenn der armselige Krüppel«, setzte er bewegt
hinzu, »auch nur in einen trocknen Graben gefallen ist, so kann er nicht
wieder heraus. Wer weiß, ob er nicht gar eines von seinen schiefen
Beinen gebrochen hat! -- Nehmt die Hunde mit«, rief er den abziehenden
Jägern nach, »und sucht vor allem in den Gräben; seht in die
Steinbrüche!« rief er lauter.
[Illustration]
Die Jäger kehrten nach einigen Stunden heim; sie hatten keine Spur
gefunden. Herr von S. war in großer Unruhe. »Wenn ich mir denke, daß
einer so liegen muß wie ein Stein, und kann sich nicht helfen! Aber er
kann noch leben; drei Tage hälts ein Mensch wohl ohne Nahrung aus.« --
Er machte sich selbst auf den Weg; in allen Häusern wurde nachgefragt,
überall in die Hörner geblasen, gerufen, die Hunde zum Suchen angehetzt
-- umsonst! -- Ein Kind hatte ihn gesehen, wie er am Rande des
Brederholzes saß und an einem Löffel schnitzelte; »er schnitt ihn aber
ganz entzwei«, sagte das kleine Mädchen. Das war vor zwei Tagen gewesen.
Nachmittags fand sich wieder eine Spur: abermals ein Kind, das ihn an
der andern Seite des Waldes bemerkt hatte, wo er im Gebüsch gesessen,
das Gesicht auf den Knien, als ob er schliefe. Das war noch am vorigen
Tage. Es schien, er hatte sich immer um das Brederholz herumgetrieben.
»Wenn nur das verdammte Buschwerk nicht so dicht wäre! da kann keine
Seele hindurch«, sagte der Gutsherr. Man trieb die Hunde in den jungen
Schlag; man blies und hallote und kehrte endlich mißvergnügt heim, als
man sich überzeugt, daß die Tiere den ganzen Wald abgesucht hatten. --
»Laßt nicht nach! laßt nicht nach!« bat Frau von S.; »besser ein paar
Schritte umsonst, als daß etwas versäumt wird.« -- Der Baron war fast
ebenso beängstigt wie sie. Seine Unruhe trieb ihn sogar nach Johannes'
Wohnung, obwohl er sicher war, ihn dort nicht zu finden. Er ließ sich
die Kammer des Verschollenen aufschließen. Da stand sein Bett noch
ungemacht, wie er es verlassen hatte; dort hing sein guter Rock, den ihm
die gnädige Frau aus dem alten Jagdkleide des Herrn hatte machen lassen;
auf dem Tische ein Napf, sechs neue hölzerne Löffel und eine Schachtel.
Der Gutsherr öffnete sie; fünf Groschen lagen darin, sauber in Papier
gewickelt, und vier silberne Westenknöpfe; der Gutsherr betrachtete sie
aufmerksam. »Ein Andenken von Mergel«, murmelte er und trat hinaus,
denn ihm ward ganz beengt in dem dumpfen, engen Kämmerchen.
[Illustration]
Die Nachsuchungen wurden fortgesetzt, bis man sich überzeugt hatte,
Johannes sei nicht mehr in der Gegend, wenigstens nicht lebendig. So war
er denn zum zweitenmal verschwunden; ob man ihn wiederfinden würde --
vielleicht einmal nach Jahren seine Knochen in einem trockenen Graben?
Ihn lebend wiederzusehen, dazu war wenig Hoffnung, und jedenfalls nach
achtundzwanzig Jahren gewiß nicht.
Vierzehn Tage später kehrte der junge Brandis morgens von einer
Besichtigung seines Reviers durch das Brederholz heim. Es war ein für
die Jahreszeit ungewöhnlich heißer Tag; die Luft zitterte, kein Vogel
sang, nur die Raben krächzten langweilig aus den Ästen und hielten ihre
offenen Schnäbel der Luft entgegen. Brandis war sehr ermüdet. Bald nahm
er seine von der Sonne durchglühte Kappe ab, bald setzte er sie wieder
auf. Es war alles gleich unerträglich, das Arbeiten durch den kniehohen
Schlag sehr beschwerlich. Ringsumher kein Baum außer der Judenbuche.
Dahin strebte er denn auch aus allen Kräften und ließ sich todmatt auf
das beschattete Moos darunter nieder. Die Kühle zog so angenehm durch
seine Glieder, daß er die Augen schloß.
»Schändliche Pilze!« murmelte er halb im Schlaf. Es gibt nämlich in
jener Gegend eine Art sehr saftiger Pilze, die nur ein paar Tage stehen,
dann einfallen und einen unerträglichen Geruch verbreiten. Brandis
glaubte solche unangenehme Nachbarn zu spüren, er wandte sich ein
paarmal hin und her, mochte aber doch nicht aufstehen; sein Hund sprang
unterdessen umher, kratzte am Stamm der Buche und bellte hinauf. -- »Was
hast du da, Bello? eine Katze?« murmelte Brandis. Er öffnete die Wimper
halb, und die Judenschrift fiel ihm ins Auge, sehr ausgewachsen, aber
doch noch ganz erkenntlich. Er schloß die Augen wieder; der Hund fuhr
fort zu bellen und legte endlich seinem Herrn die kalte Schnauze ans
Gesicht. -- »Laß mich in Ruh! was hast du denn?« Hiebei sah Brandis, wie
er so auf dem Rücken lag, in die Höhe, sprang dann mit einem Satze auf
und wie besessen ins Gestrüpp hinein.
Totenbleich kam er auf dem Schlosse an: in der Judenbuche hänge ein
Mensch; er habe die Beine gerade über seinem Gesichte hängen sehen. --
»Und du hast ihn nicht abgeschnitten, Esel?« rief der Baron. --
»Herr,« keuchte Brandis, »wenn Euer Gnaden dagewesen wären, so wüßten
Sie wohl, daß der Mensch nicht mehr lebt. Ich glaubte anfangs, es seien
die Pilze!« Dennoch trieb der Gutsherr zur größten Eile und zog selbst
mit hinaus.
Sie waren unter der Buche angelangt. »Ich sehe nichts«, sagte Herr von
S. -- »Hierher müssen Sie treten, hierher, an diese Stelle.« --
Wirklich, dem war so: der Gutsherr erkannte seine eigenen abgetragenen
Schuhe. --
»Gott, es ist Johannes! -- Setzt die Leiter an! -- so -- nun herunter! --
sacht, sacht! laßt ihn nicht fallen! -- Lieber Himmel, die Würmer sind
schon daran! Macht dennoch die Schlinge auf und die Halsbinde.« -- Eine
breite Narbe ward sichtbar; der Gutsherr fuhr zurück. --
»Mein Gott!« sagte er; er beugte sich wieder über die Leiche,
betrachtete die Narbe mit großer Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile
in tiefer Erschütterung.
Dann wandte er sich zu den Förstern: »Es ist nicht recht, daß der
Unschuldige für den Schuldigen leide; sagt es nur allen Leuten: der da«
-- er deutete auf den Toten -- »war Friedrich Mergel.« --
Die Leiche ward auf dem Schindanger verscharrt.
Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September
des Jahrs 1789. --
Die hebräische Schrift an dem Baume heißt:
»Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir
getan hast.«
End of Project Gutenberg's Die Judenbuche, by Annette von Droste-Hülshoff