geben? ich komme von M.« -- Als Frau Mergel das Verlangte brachte,
fragte er: »Wo ist Friedrich?« Sie war gerade beschäftigt, einen Teller
hervorzulangen, und überhörte die Frage. Er trank zögernd und in kurzen
Absätzen. »Wißt Ihr wohl,« sagte er dann, »daß die Blaukittel in dieser
Nacht wieder im Masterholze eine ganze Strecke so kahl gefegt haben wie
meine Hand!« -- »Ei, du frommer Gott!« versetzte sie gleichgültig. --
»Die Schandbuben«, fuhr der Schreiber fort, »ruinieren alles; wenn sie
noch Rücksicht nähmen auf das junge Holz, aber Eichenstämmchen wie mein
Arm dick, wo nicht einmal eine Ruderstange drin steckt! Es ist, als ob
ihnen andrer Leute Schaden ebenso lieb wäre wie ihr Profit!« -- »Es ist
schade!« sagte Margret. Der Amtsschreiber hatte getrunken und ging noch
immer nicht. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. »Habt Ihr nichts
von Brandis gehört?« fragte er plötzlich. -- »Nichts; er kommt niemals
hier ins Haus.« -- »So wißt Ihr nicht, was ihm begegnet ist?« -- »Was
denn?« fragte Margret gespannt. -- »Er ist tot!« -- »Tot!« rief sie,
»was, tot? Um Gottes willen! er ging ja noch heute morgen ganz gesund
hier vorüber mit der Flinte auf dem Rücken!« -- »Er ist tot,«
wiederholte der Schreiber, sie scharf fixierend; »von den Blaukitteln
erschlagen. Vor einer Viertelstunde wurde die Leiche ins Dorf gebracht.«
Margret schlug die Hände zusammen. -- »Gott im Himmel, geh nicht mit ihm
ins Gericht! er wußte nicht, was er tat!« -- »Mit ihm!« rief der
Amtsschreiber, »mit dem verfluchten Mörder, meint Ihr?« Aus der Kammer
drang ein schweres Stöhnen. Margret eilte hin, und der Schreiber folgte
ihr. Friedrich saß aufrecht im Bette, das Gesicht in die Hände gedrückt,
und ächzte wie ein Sterbender. -- »Friedrich, wie ist dir?« sagte die
Mutter. -- »Wie ist dir?« wiederholte der Amtsschreiber. -- »O mein
Leib, mein Kopf!« jammerte er. -- »Was fehlt ihm?« -- »Ach, Gott weiß
es,« versetzte sie, »er ist schon um vier mit den Kühen heimgekommen,
weil ihm so übel war. -- Friedrich, Friedrich, antworte doch, soll ich
zum Doktor?« -- »Nein, nein,« ächzte er, »es ist nur Kolik, es wird
schon besser.«
Er legte sich zurück, sein Gesicht zuckte krampfhaft vor Schmerz; dann
kehrte die Farbe wieder. -- »Geht,« sagte er matt; »ich muß schlafen,
dann gehts vorüber.« --
»Frau Mergel,« sagte der Amtsschreiber ernst, »ist es gewiß, daß
Friedrich um vier zu Hause kam und nicht wieder fortging?« -- Sie sah
ihn starr an. -- »Fragt jedes Kind auf der Straße. Und fortgehen? --
wollte Gott, er könnt es!« -- »Hat er Euch nichts von Brandis erzählt?«
-- »In Gottes Namen, ja, daß er ihn im Walde geschimpft und unsere Armut
vorgeworfen hat, der Lump! -- Doch Gott verzeih mir, er ist tot! --
Geht!« fuhr sie heftig fort; »seid Ihr gekommen, um ehrliche Leute zu
beschimpfen? Geht!« -- Sie wandte sich wieder zu ihrem Sohne; der
Schreiber ging. -- »Friedrich, wie ist dir?« sagte die Mutter; »hast du
wohl gehört? schrecklich, schrecklich! ohne Beichte und Absolution!« --
»Mutter, Mutter, um Gottes willen laß mich schlafen; ich kann nicht
mehr!«
In diesem Augenblick trat Johannes Niemand in die Kammer; dünn und lang
wie eine Hopfenstange, aber zerlumpt und scheu, wie wir ihn vor fünf
Jahren gesehen. Sein Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich.
»Friedrich,« stotterte er, »du sollst sogleich zum Ohm kommen; er hat
Arbeit für dich; aber sogleich.« -- Friedrich drehte sich gegen die
Wand. -- »Ich komme nicht,« sagte er barsch, »ich bin krank.« -- »Du
mußt aber kommen,« keuchte Johannes; »er hat gesagt, ich müßte dich
mitbringen.« --
Friedrich lachte höhnisch auf: »Das will ich doch sehen!« -- »Laß ihn in
Ruhe, er kann nicht,« seufzte Margret, »du siehst ja, wie es steht.« --
Sie ging auf einige Minuten hinaus; als sie zurückkam, war Friedrich
bereits angekleidet. -- »Was fällt dir ein?« rief sie, »du kannst, du
sollst nicht gehen!« -- »Was sein muß, schickt sich wohl«, versetzte er
und war schon zur Türe hinaus mit Johannes. -- »Ach Gott,« seufzte die
Mutter, »wenn die Kinder klein sind, treten sie uns in den Schoß, und
wenn sie groß sind, ins Herz!«
[Illustration]
Die gerichtliche Untersuchung hatte ihren Anfang genommen, die Tat lag
klar am Tage; über den Täter aber waren die Anzeichen so schwach, daß,
obschon alle Umstände die Blaukittel dringend verdächtigten, man doch
nicht mehr als Mutmaßungen wagen konnte. Eine Spur schien Licht geben zu
wollen: doch rechnete man aus Gründen wenig darauf. Die Abwesenheit des
Gutsherrn hatte den Gerichtsschreiber genötigt, auf eigene Hand die
Sache einzuleiten. Er saß am Tische; die Stube war gedrängt voll von
Bauern, teils neugierigen, teils solchen, von denen man in Ermangelung
eigentlicher Zeugen einigen Aufschluß zu erhalten hoffte. Hirten, die in
derselben Nacht gehütet, Knechte, die den Acker in der Nähe bestellt,
alle standen stramm und fest, die Hände in den Taschen, gleichsam als
stillschweigende Erklärung, daß sie nicht einzuschreiten gesonnen seien.
Acht Forstbeamte wurden vernommen. Ihre Aussagen waren völlig
gleichlautend: Brandis habe sie am Zehnten abends zur Runde bestellt, da
ihm von einem Vorhaben der Blaukittel müsse Kunde zugekommen sein; doch
habe er sich nur unbestimmt darüber geäußert. Um zwei Uhr in der Nacht
seien sie ausgezogen und auf manche Spuren der Zerstörung gestoßen, die
den Oberförster sehr übel gestimmt; sonst sei alles still gewesen. Gegen
vier Uhr habe Brandis gesagt: »Wir sind angeführt, laßt uns heimgehen.«
-- Als sie nun um den Bremerberg gewendet und zugleich der Wind
umgeschlagen, habe man deutlich im Masterholz fällen gehört und aus der
schnellen Folge der Schläge geschlossen, daß die Blaukittel am Werk
seien. Man habe nun eine Weile beratschlagt, ob es tunlich sei, mit so
geringer Macht die kühne Bande anzugreifen, und sich dann ohne
bestimmten Entschluß dem Schalle langsam genähert. Nun folgte der
Auftritt mit Friedrich. Ferner: nachdem Brandis sie ohne Weisung
fortgeschickt, seien sie eine Weile vorangeschritten und dann, als sie
bemerkt, daß das Getöse im noch ziemlich weit entfernten Walde gänzlich
aufgehört, stillegestanden, um den Oberförster zu erwarten.
[Illustration]
Die Zögerung habe sie verdrossen, und nach etwa zehn Minuten seien sie
weitergegangen und so bis an den Ort der Verwüstung. Alles sei vorüber
gewesen, kein Laut mehr im Walde, von zwanzig gefällten Stämmen noch
acht vorhanden, die übrigen bereits fortgeschafft. Es sei ihnen
unbegreiflich, wie man dieses ins Werk gestellt, da keine Wagenspuren zu
finden gewesen. Auch habe die Dürre der Jahreszeit und der mit
Fichtennadeln bestreute Boden keine Fußstapfen unterscheiden lassen,
obgleich der Grund ringsumher wie festgestampft war. Da man nun
überlegt, daß es zu nichts nützen könne, den Oberförster zu erwarten,
sei man rasch der andern Seite des Waldes zugeschritten in der Hoffnung,
vielleicht noch einen Blick von den Frevlern zu erhaschen. Hier habe
sich einem von ihnen beim Ausgange des Waldes die Flaschenschnur in
Brombeerranken verstrickt, und als er umgeschaut, habe er etwas im
Gestrüpp blitzen sehen; es war die Gurtschnalle des Oberförsters, den
man nun hinter den Ranken liegend fand, grad ausgestreckt, die rechte
Hand um den Flintenlauf geklemmt, die andere geballt, und die Stirn von
einer Axt gespalten.
Dies waren die Aussagen der Förster; nun kamen die Bauern an die Reihe,
aus denen jedoch nichts zu bringen war. Manche behaupteten, um vier Uhr
noch zu Hause oder anderswo beschäftigt gewesen zu sein, und keiner
wollte etwas bemerkt haben. Was war zu machen? sie waren sämtlich
angesessene, unverdächtige Leute. Man mußte sich mit ihren negativen
Zeugnissen begnügen.
Friedrich ward hereingerufen. Er trat ein mit einem Wesen, das sich
durchaus nicht von seinem gewöhnlichen unterschied, weder gespannt noch
keck. Das Verhör währte ziemlich lange, und die Fragen waren mitunter
ziemlich schlau gestellt; er beantwortete sie jedoch alle offen und
bestimmt und erzählte den Vorgang zwischen ihm und dem Oberförster
ziemlich der Wahrheit gemäß, bis auf das Ende, das er geratener fand,
für sich zu behalten. Sein Alibi zur Zeit des Mordes war leicht
erwiesen. Der Förster lag am Ausgange des Masterholzes, über dreiviertel
Stunden Weges von der Schlucht, in der er Friedrich um vier Uhr
angeredet und aus der dieser seine Herde schon zehn Minuten später ins
Dorf getrieben. Jedermann hatte dies gesehen; alle anwesenden Bauern
beeiferten sich, es zu bezeugen; mit diesem hatte er geredet, jenem
zugenickt.
[Illustration]
Der Gerichtsschreiber saß unmutig und verlegen da. Plötzlich fuhr er mit
der Hand hinter sich und brachte etwas Blinkendes vor Friedrichs Auge.
»Wem gehört dies?« -- Friedrich sprang drei Schritt zurück. »Herr Jesus!
ich dachte, Ihr wolltet mir den Schädel einschlagen.« Seine Augen waren
rasch über das tödliche Werkzeug gefahren und schienen momentan auf
einem ausgebrochenen Splitter am Stiele zu haften. »Ich weiß es nicht«,
sagte er fest. -- Es war die Axt, die man in dem Schädel des
Oberförsters eingeklammert gefunden hatte. -- »Sieh sie genau an«, fuhr
der Gerichtsschreiber fort. Friedrich faßte sie mit der Hand, besah sie
oben, unten, wandte sie um. »Es ist eine Axt wie andere«, sagte er dann
und legte sie gleichgültig auf den Tisch. Ein Blutfleck ward sichtbar;
er schien zu schaudern, aber er wiederholte noch einmal sehr bestimmt:
»Ich kenne sie nicht.« Der Gerichtsschreiber seufzte vor Unmut. Er
selbst wußte um nichts mehr und hatte nur einen Versuch zu möglicher
Entdeckung durch Überraschung machen wollen. Es blieb nichts übrig, als
das Verhör zu schließen.
Denjenigen, die vielleicht auf den Ausgang dieser Begebenheit gespannt
sind, muß ich sagen, daß diese Geschichte nie aufgeklärt wurde, obwohl
noch viel dafür geschah und diesem Verhöre mehrere folgten. Den
Blaukitteln schien durch das Aufsehen, das der Vorgang gemacht, und die
darauffolgenden geschärften Maßregeln der Mut genommen; sie waren von
nun an wie verschwunden, und obgleich späterhin noch mancher Holzfrevler
erwischt wurde, fand man doch nie Anlaß, ihn der berüchtigten Bande
zuzuschreiben. Die Axt lag zwanzig Jahre nachher als unnützes
Korpusdelikti im Gerichtsarchiv, wo sie wohl noch jetzt ruhen mag mit
ihren Rostflecken. Es würde in einer erdichteten Geschichte unrecht
sein, die Neugier des Lesers so zu täuschen. Aber dies alles hat sich
wirklich zugetragen; ich kann nichts davon- oder dazutun.
[Illustration]
Am nächsten Sonntage stand Friedrich sehr früh auf, um zur Beichte zu
gehen. Es war Mariä Himmelfahrt und die Pfarrgeistlichen schon vor
Tagesanbruch im Beichtstuhle.
Nachdem er sich im Finstern angekleidet, verließ er so geräuschlos wie
möglich den engen Verschlag, der ihm in Simons Hause eingeräumt war.
In der Küche mußte sein Gebetbuch auf dem Sims liegen, und er hoffte, es
mit Hilfe des schwachen Mondlichts zu finden; es war nicht da. Er warf
die Augen suchend umher und fuhr zusammen; in der Kammertür stand Simon,
fast unbekleidet, seine dürre Gestalt, sein ungekämmtes wirres Haar und
die vom Mondschein verursachte Blässe des Gesichts gaben ihm ein
schauerlich verändertes Ansehen. »Sollte er nachtwandeln?« dachte
Friedrich und verhielt sich ganz still. -- »Friedrich, wohin?« flüsterte
der Alte. -- »Ohm, seid Ihrs? ich will beichten gehen.« -- »Das dacht
ich mir; geh in Gottes Namen, aber beichte wie ein guter Christ.« --
»Das will ich«, sagte Friedrich. -- »Denk an die zehn Gebote: du sollst
kein Zeugnis ablegen gegen deinen Nächsten.« -- »Kein falsches!« --
»Nein, gar keines; du bist schlecht unterrichtet; wer einen andern in
der Beichte anklagt, der empfängt das Sakrament unwürdig.«
Beide schwiegen. -- »Ohm, wie kommt Ihr darauf?« sagte Friedrich dann;
»Eur Gewissen ist nicht rein; Ihr habt mich belogen.« -- »Ich, so?« --
»Wo ist Eure Axt?« -- »Meine Axt? auf der Tenne.« -- »Habt Ihr einen
neuen Stiel hinein gemacht? wo ist der alte?« -- »Den kannst du heute
bei Tag im Holzschuppen finden.«
»Geh,« fuhr er verächtlich fort, »ich dachte, du seist ein Mann; aber du
bist ein altes Weib, das gleich meint, das Haus brennt, wenn ihr
Feuertopf raucht. Sieh,« fuhr er fort, »wenn ich mehr von der Geschichte
weiß als der Türpfosten da, so will ich ewig nicht selig werden. --
Längst war ich zu Haus«, fügte er hinzu. -- Friedrich stand beklemmt und
zweifelnd. Er hätte viel darum gegeben, seines Ohms Gesicht sehen zu
können. Aber während sie flüsterten, hatte der Himmel sich bewölkt.
»Ich habe schwere Schuld,« seufzte Friedrich, »daß ich ihn den unrechten
Weg geschickt -- obgleich -- doch, dies hab ich nicht gedacht, nein,
gewiß nicht. Ohm, ich habe Euch ein schweres Gewissen zu danken.« -- »So
geh, beicht!« flüsterte Simon mit bebender Stimme; »verunehre das
Sakrament durch Angeberei und setze armen Leuten einen Spion auf den
Hals, der schon Wege finden wird, ihnen das Stückchen Brot aus den
Zähnen zu reißen, wenn er gleich nicht reden darf -- geh!« --
Friedrich stand unschlüssig; er hörte ein leises Geräusch; die Wolken
verzogen sich, das Mondlicht fiel wieder auf die Kammertür: sie war
geschlossen. Friedrich ging an diesem Morgen nicht zur Beichte. Der
Eindruck, den dieser Vorfall auf Friedrich gemacht, erlosch leider nur
zu bald. Wer zweifelt daran, daß Simon alles tat, seinen Adoptivsohn
dieselben Wege zu leiten, die er selber ging? Und in Friedrich lagen
Eigenschaften, die dies nur zu sehr erleichterten: Leichtsinn,
Erregbarkeit und vor allem ein grenzenloser Hochmut, der nicht immer den
Schein verschmähte und dann alles daransetzte, durch Wahrmachung des
Usurpierten möglicher Beschämung zu entgehen. Seine Natur war nicht
unedel, aber er gewöhnte sich, die innere Schande der äußern
vorzuziehen. Man darf nur sagen, er gewöhnte sich zu prunken, während
seine Mutter darbte.
Diese unglückliche Wendung seines Charakters war indessen das Werk
mehrerer Jahre, in denen man bemerkte, daß Margret immer stiller über
ihren Sohn ward und allmählich in einen Zustand der Verkommenheit
versank, den man früher bei ihr für unmöglich gehalten hätte. Sie wurde
scheu, saumselig, sogar unordentlich, und manche meinten, ihr Kopf habe
gelitten. Friedrich ward desto lauter; er versäumte keine Kirchweih oder
Hochzeit, und da ein sehr empfindliches Ehrgefühl ihn die geheime
Mißbilligung mancher nicht übersehen ließ, war er gleichsam immer unter
Waffen, der öffentlichen Meinung nicht sowohl Trotz zu bieten, als sie
den Weg zu leiten, der ihm gefiel. Er war äußerlich ordentlich,
nüchtern, anscheinend treuherzig, aber listig, prahlerisch und oft roh,
ein Mensch, an dem niemand Freude haben konnte, am wenigsten seine
Mutter, und der dennoch durch seine gefürchtete Kühnheit und noch mehr
gefürchtete Tücke ein gewisses Übergewicht im Dorfe erlangt hatte, das
um so mehr anerkannt wurde, je mehr man sich bewußt war, ihn nicht zu
kennen und nicht berechnen zu können, wessen er am Ende fähig sei. Nur
ein Bursch im Dorfe, Wilm Hülsmeyer, wagte im Bewußtsein seiner Kraft
und guter Verhältnisse ihm die Spitze zu bieten; und da er gewandter in
Worten war als Friedrich und immer, wenn der Stachel saß, einen Scherz
daraus zu machen wußte, so war dies der einzige mit dem Friedrich ungern
zusammentraf. -- --
[Illustration]
Vier Jahre waren verflossen; es war im Oktober; der milde Herbst von
1760, der alle Scheunen mit Korn und alle Keller mit Wein füllte, hatte
seinen Reichtum auch über diesen Erdwinkel strömen lassen, und man sah
mehr Betrunkene, hörte von mehr Schlägereien und dummen Streichen als
je. Überall gabs Lustbarkeiten: der blaue Montag kam in Aufnahme, und
wer ein paar Taler erübrigt hatte, wollte gleich eine Frau dazu, die ihm
heute essen und morgen hungern helfen könne. Da gab es im Dorfe eine
tüchtige, solide Hochzeit, und die Gäste durften mehr erwarten als eine
verstimmte Geige, ein Glas Branntwein und was sie an guter Laune selber
mitbrachten. Seit früh war alles auf den Beinen; vor jeder Tür wurden
Kleider gelüftet, und B. glich den ganzen Tag einer Trödelbude. Da viele
Auswärtige erwartet wurden, wollte jeder gern die Ehre des Dorfes oben
halten.
Es war sieben Uhr abends und alles in vollem Gange; Jubel und Gelächter
an allen Enden, die niedern Stuben zum Ersticken angefüllt mit blauen,
roten und gelben Gestalten, gleich Pfandställen, in denen eine zu große
Herde eingepfercht ist. Auf der Tenne ward getanzt, das heißt wer zwei
Fuß Raum erobert hatte, drehte sich darauf immer rundum und suchte durch
Jauchzen zu ersetzen, was an Bewegung fehlte. Das Orchester war
glänzend, die erste Geige als anerkannte Künstlerin prädominierend, die
zweite und eine große Baßviole mit drei Saiten von Dilettanten _ad
libitum_ gestrichen; Branntwein und Kaffee im Überfluß, alle Gäste von
Schweiß triefend; kurz, es war ein köstliches Fest.
Friedrich stolzierte umher wie ein Hahn, im neuen himmelblauen Rock, und
machte sein Recht als erster Elegant geltend. Als auch die
Gutsherrschaft anlangte, saß er gerade hinter der Baßgeige und strich
die tiefste Saite mit großer Kraft und vielem Anstand.
»Johannes!« rief er gebieterisch, und heran trat sein Schützling von dem
Tanzplatze, wo er auch seine ungelenken Beine zu schlenkern und eins zu
jauchzen versucht hatte. Friedrich reichte ihm den Bogen, gab durch eine
stolze Kopfbewegung seinen Willen zu erkennen und trat zu den Tanzenden:
»Nun lustig, Musikanten: den Pagen van Istrup!« -- Der beliebte Tanz ward
gespielt, und Friedrich machte Sätze vor den Augen seiner Herrschaft,
daß die Kühe an der Tenne die Hörner zurückzogen und Kettengeklirr und
Gebrumm an ihren Ständern herlief. Fußhoch über die andern tauchte sein
blonder Kopf auf und nieder wie ein Hecht, der sich im Wasser
überschlägt; an allen Enden schrien Mädchen auf, denen er zum Zeichen
der Huldigung mit einer raschen Kopfbewegung sein langes Flachshaar ins
Gesicht schleuderte.
»Jetzt ist es gut!« sagte er endlich und trat schweißtriefend an den
Kredenztisch; »die gnädigen Herrschaften sollen leben und alle die
hochadeligen Prinzen und Prinzessinnen, und wers nicht mittrinkt, den
will ich an die Ohren schlagen, daß er die Engel singen hört!« -- Ein
lautes Vivat beantwortete den galanten Toast. -- Friedrich machte seinen
Bückling. -- »Nichts für ungut, gnädige Herrschaften, wir sind nur
ungelehrte Bauersleute!«
In diesem Augenblick erhob sich ein Getümmel am Ende der Tenne,
Geschrei, Schelten, Gelächter, alles durcheinander. »Butterdieb,
Butterdieb!« riefen ein paar Kinder, und heran drängte sich, oder
vielmehr ward geschoben, Johannes Niemand, den Kopf zwischen die
Schultern ziehend und mit aller Macht nach dem Ausgange strebend. --
»Was ists? was habt ihr mit unserem Johannes?« rief Friedrich
gebieterisch.
»Das sollt Ihr früh genug gewahr werden«, keuchte ein altes Weib mit der
Küchenschürze und einem Wischhader in der Hand. -- Schande! Johannes,
der arme Teufel, dem zu Hause das Schlechteste gut genug sein mußte,
hatte versucht, sich ein halbes Pfündchen Butter für die kommende Dürre
zu sichern, und ohne daran zu denken, daß er es, sauber in sein
Schnupftuch gewickelt, in der Tasche geborgen, war er ans Küchenfeuer
getreten, und nun rann das Fett schmählich die Rockschöße entlang.
[Illustration]
Allgemeiner Aufruhr; die Mädchen sprangen zurück, aus Furcht, sich zu
beschmutzen, oder stießen den Delinquenten vorwärts. Andere machten
Platz, sowohl aus Mitleid als Vorsicht. Aber Friedrich trat vor:
»Lumpenhund!« rief er; ein paar derbe Maulschellen trafen den geduldigen
Schützling; dann stieß er ihn an die Tür und gab ihm einen tüchtigen
Fußtritt mit auf den Weg. Er kehrte niedergeschlagen zurück; seine Würde
war verletzt, das allgemeine Gelächter schnitt ihm durch die Seele, ob
er sich gleich durch einen tapfern Juchheschrei wieder in den Gang zu
bringen suchte -- es wollte nicht mehr recht gehen. Er war im Begriff,
sich wieder hinter die Baßviole zu flüchten; doch zuvor noch ein
Knalleffekt: er zog seine silberne Taschenuhr hervor, zu jener Zeit ein
seltener und kostbarer Schmuck. »Es ist bald zehn«, sagte er. »Jetzt den
Brautmenuett! ich will Musik machen.«
»Eine prächtige Uhr!« sagte der Schweinehirt und schob sein Gesicht in
ehrfurchtsvoller Neugier vor. --
»Was hat sie gekostet?« rief Wilm Hülsmeyer, Friedrichs Nebenbuhler. --
»Willst du sie bezahlen?« fragte Friedrich. -- »Hast =du= sie bezahlt?«
antwortete Wilm. Friedrich warf einen stolzen Blick auf ihn und griff in
schweigender Majestät zum Fidelbogen. -- »Nun, nun,« sagte Hülsmeyer,
»dergleichen hat man schon erlebt. Du weißt wohl, der Franz Ebel hatte
auch eine schöne Uhr, bis der Jude Aaron sie ihm wieder abnahm.« --
Friedrich antwortete nicht, sondern winkte stolz der ersten Violine, und
sie begannen aus Leibeskräften zu streichen.
Die Gutsherrschaft war indessen in die Kammer getreten, wo der Braut von
den Nachbarfrauen das Zeichen ihres neuen Standes, die weiße Stirnbinde,
umgelegt wurde. Das junge Blut weinte sehr, teils weil es die Sitte so
wollte, teils aus wahrer Beklemmung. Sie sollte einem verworrenen
Haushalt vorstehen, unter den Augen eines mürrischen alten Mannes, den
sie noch obendrein lieben sollte. Er stand neben ihr, durchaus nicht wie
der Bräutigam des Hohen Liedes, der »in die Kammer tritt wie die
Morgensonne«. -- »Du hast nun genug geweint,« sagte er verdrießlich;
»bedenk, du bist es nicht, die mich glücklich macht, ich mache dich
glücklich!« -- Sie sah demütig zu ihm auf und schien zu fühlen, daß er
recht habe. -- Das Geschäft war beendigt; die junge Frau hatte ihrem
Manne zugetrunken, junge Spaßvögel hatten durch den Dreifuß geschaut, ob
die Binde gerade sitze, und man drängte sich wieder der Tenne zu, von wo
unauslöschliches Gelächter und Lärm herüberschallte. Friedrich war nicht
mehr dort. Eine große, unerträgliche Schmach hatte ihn getroffen, da der
Jude Aaron, ein Schlächter und gelegentlicher Althändler aus dem
nächsten Städtchen, plötzlich erschienen war und nach einem kurzen,
unbefriedigten Zwiegespräch ihn laut vor allen Leuten um den Betrag von
zehn Talern für eine schon um Ostern gelieferte Uhr gemahnt hatte.
Friedrich war wie vernichtet fortgegangen und der Jude ihm gefolgt,
immer schreiend: »O weh mir! warum hab ich nicht gehört auf vernünftige
Leute! Haben sie mir nicht hundertmal gesagt, Ihr hättet all Eur Gut am
Leibe und kein Brot im Schranke!« -- Die Tenne tobte von Gelächter;
manche hatten sich auf den Hof nachgedrängt. -- »Packt den Juden! wiegt
ihn gegen ein Schwein!« riefen einige; andere waren ernst geworden.
-- »Der Friedrich sah so blaß aus wie ein Tuch«, sagte eine alte Frau,
und die Menge teilte sich, wie der Wagen des Gutsherrn in den Hof
lenkte. Herr von S. war auf dem Heimwege verstimmt, die jedesmalige
Folge, wenn der Wunsch, seine Popularität aufrechtzuerhalten, ihn bewog,
solchen Festen beizuwohnen. Er sah schweigend aus dem Wagen. »Was sind
denn das für ein paar Figuren?« -- Er deutete auf zwei dunkle Gestalten,
die vor dem Wagen rannten wie Strauße. Nun schlüpften sie ins Schloß.
-- »Auch ein paar selige Schweine aus unserm eigenen Stall!« seufzte Herr
von S. Zu Hause angekommen, fand er die Hausflur vom ganzen
Dienstpersonal eingenommen, das zwei Kleinknechte umstand, welche sich
blaß und atemlos auf der Stiege niedergelassen hatten. Sie behaupteten,
von des alten Mergels Geist verfolgt worden zu sein, als sie durchs
Brederholz heimkehrten. Zuerst hatte es über ihnen an der Höhe gerauscht
und geknistert; darauf hoch in der Luft ein Geklapper wie von
aneinandergeschlagenen Stöcken; plötzlich ein gellender Schrei und ganz
deutlich die Worte: »O weh, meine arme Seele!« hoch von oben herab. Der
eine wollte auch glühende Augen durch die Zweige funkeln gesehen haben,
und beide waren gelaufen, was ihre Beine vermochten.