Er und zwei andere banden während dieser Worte die widerstrebenden

Glieder des Schwarzen, der auf jede erdenkliche Weise loszukommen und

namentlich den Gebrauch seiner Stimme wieder zu erlangen suchte. »Ho,

ho, Freundchen,« murmelte er belustigt, »nicht so wild. Beißt der Kerl

wie eine Katze in meine Hand hinein. Na, na, jetzt hast du Ruhe, nicht

wahr?«

Er erhob sich vom Boden und zog das Pferd am Zügel heran. Der Neger, den

Knebel im Mund, bis unter die Nase wie ein Paket zusammengeschnürt,

konnte nur in ohnmächtiger Wut zuweilen gleich dem Fisch auf dem

Trocknen mit halbem Leibe vom Gras emporschnellen und die Augen rollen,

als wolle er alle Weißen verschlingen.

»Thompson,« lächelte Holm, »Sie sehen Gespenster. Es ist ja weit und

breit alles so ruhig wie in einer Kirche.«

Der Führer nickte. »Aufgepaßt, meine Herren!« versetzte er. »Der Beweis

soll sogleich geliefert werden. Sind Sie alle bereit, Ihren Tieren auf

das erste Signal hin die Sporen zu geben?«

»Alle! -- aber da ist nichts zu fürchten, Thompson.«

Statt jeder Antwort drehte der alte Squatter den Kopf in der Richtung

des zurückgelegten Weges und stieß dann mit aller Kraft seiner Lungen

einen tierisch-wilden, furchtbaren Schrei hervor. Es war der Kriegsruf

der Australier. Die versteckten Schwarzen sollten glauben, mittels

dieses langgezogenen, gellenden Tones von ihren Genossen ein Zeichen zu

erhalten, sollten antworten und den geplanten Überfall ins Werk setzen.

Die List gelang vollständig.

Auf der offenen Ebene, die jetzt erreicht war und von dem Strahlen des

aufsteigenden Mondes ringsum hell beleuchtet wurde, hielten in breiter

Reihe, einer neben dem anderen, die Reiter; aller Blicke waren rückwärts

gerichtet.

Und wie das Geschrei von Hunderten von Teufeln brach es los; es zerriß

die Luft und ließ das Trommelfell erzittern unter seiner donnerartigen

Wucht.

Schwarze, nackte Gestalten sprangen aus den Büschen, wilde

Gestikulationen zeigten das rachsüchtige Verlangen nach Raub und Mord.

In jeder Hand wirbelte hochgeschwungen der Bumerang, jede Kehle überbot

sich in wüstem, sinnverwirrendem Geschrei.

»Achtung!« gebot mit Donnerstimme der Führer. »Vorwärts!«

Und dahin über die Ebene jagten fünfzehn Rosse, daß »Kies und Funken

stoben.« Wie durch Zauberei erstarrte mitten im Ansatz beim Erblicken

dieser fliehenden, ihrer Bestialität entzogenen Opfer das Toben der

Wilden. Sie blieben plötzlich stehen, als habe eine feindliche Macht

ihre Glieder gelähmt, der eine mit erhobenem, der andere mit

herabhängendem Bumerang, -- alle totenstill, -- regungslos.

Aber nur sekundenlang währte diese Erstarrung; dann begann wie auf ein

allgemeines Signal die Verfolgung, welche indessen unsern Freunden

keinerlei Befürchtungen einzuflößen brauchte. Brüllend und kreischend,

losgelassenen Teufeln gleich, werfend, sich überstürzend im rasenden

Laufe, folgte die schwarze Schar den ausgreifenden Pferden; matt und

unschädlich fielen ihre Waffen weit hinter den Bedrohten in das Gras,

schwächer und schwächer verhallte das Kriegsgeheul, immer undeutlicher

wurde den Zurückblickenden der tobende Haufe, bis endlich nichts mehr zu

sehen und nichts mehr zu hören war. Nur der Mond schien mit halbem,

wolkenverhülltem Glanz vom Himmel herab, hie und da rauschte im kühleren

Nachtwind eine hohe vereinzelte Kaurifichte, von den Negern aber war

jede Spur verschwunden.

Thompson gebot Halt, die schnaufenden Tiere verfielen in ruhigere

Gangart und standen endlich ganz still; einer der Männer sah stumm den

andern an.

»Nun, meine Herren, war die Gefahr wirklich eine eingebildete?«

Holm reichte ihm über den gebundenen Neger hinweg die Hand. »Wir

verdanken Ihnen das Leben, Thompson,« sagte er. »Die schwarzen Teufel

hätten keinen von uns verschont.«

Der alte Squatter lachte. »Ich kenne die Schufte seit dreißig Jahren,«

versetzte er, »weiß, was sie wert sind und was man von ihnen zu erwarten

hat. Als dieser Kerl hier während der letzten Nacht mehrere Male

vergeblich zu stehlen versuchte, da stand es für mich ganz fest, daß wir

einen Kampf auszufechten haben würden. Die Neger hier herum sind

rachsüchtig; sie vergessen und verzeihen nie.«

»Was wollen Sie denn mit Ihrem Gefangenen machen, Mr. Thompson?« fragte

der Doktor. »Ich hoffe, daß Ihnen blutige Wiedervergeltungspläne

fernliegen.«

Der Squatter lüftete den breitkrempigen Strohhut. »Ich will dem

Schlingel nichts zuleide thun, Ehrwürden,« lächelte er, »die Glieder

schmerzen ihn ohnehin noch acht Tage, und die Wut erstickt ihn beinahe.«

Er sprang vom Pferd und warf den gebundenen Neger wie einen Packen in

das hohe, weiche Gras, dann durchschnitt er die Stricke, welche Arme und

Füße umwunden hielten. »So, nun lauf, du Spitzbube und grüße deine

schwarzen Gesellen. Der weiße Mann sei doch noch klüger als sie.«

Während sich der Neger unter dem lauten Lachen aller Anwesenden mit den

krampfhaftesten Verrenkungen aus seiner Decke hervorschälte, hatte der

Squatter das Pferd wieder bestiegen und die ganze kleine Gesellschaft

setzte in langsamerer Gangart den Weg durch die Ebene weiter fort. Zur

Linken rauschte in einiger Entfernung das Meer, ein kalter Wind strich

über die Klippen dahin und zuweilen war das lächelnde Mondgesicht

derartig unter Wolken versteckt, daß tiefe Finsternis die ganze Umgebung

beherrschte. Nur im Schritt konnte dann die Bahn verfolgt werden; jetzt,

nachdem die nervöse Spannung der letzten Stunden nachgelassen, fühlten

alle Reiter die natürliche Ermüdung des tagelangen und noch dazu unter

den härtesten Entbehrungen zurückgelegten Weges; auch die Pferde

schnauften und schüttelten die Köpfe in zunehmender Ungeduld. Nur an

einer einzigen unbedeutenden Quelle war man seit heute früh

vorübergekommen, nur einmal hatten Menschen und Tiere trinken können;

das machte sich jetzt immer quälender bemerkbar.

Noch eine halbe Stunde wurde schweigend die Reise fortgesetzt, dann riet

Thompson zu einer kleinen Rast, die den Tieren durchaus notwendig sei.

Für die Menschen gab es nichts zu beißen und zu brechen, die Pferde

dagegen fanden wenigstens Gras in Hülle und Fülle, so daß ihnen die

Entbehrung des Trinkwassers etwas erleichtert wurde. Bald ging es wieder

vorwärts, -- wohin, das wußte keiner unter ihnen.

Vielleicht hatte ja Heu-Heu eine Fabel berichtet, als er von der am Meer

gelegenen Kolonie der Weißen sprach, -- vielleicht wohnte hier herum ein

anderer Negerstamm, und die kaum überwundene Gefahr begann von neuem.

Wie bei einem Leichengefolge so ritten langsam und schweigend die

fünfzehn Männer hinter einander durch die Einöde; keiner konnte sich der

schlimmsten Befürchtungen entschlagen; es gab keinen, der nicht

Kopfschmerz und Ermattung fühlte, alle Stirnen brannten, über den Rücken

jedes einzelnen lief es unnatürlich kalt herab, fast wie beginnender

Fieberfrost.

Und dennoch mußten sie vorwärts, keiner durfte zurückbleiben, niemand

den Mut verlieren. Vor ihnen lag eine weite Ebene, nirgendwo ein Baum,

der Früchte lieferte oder nur erquickenden Schatten spendete. Der letzte

Zwieback war gegessen, der Hunger meldete sich ungestüm. Die Männer

schwiegen wie in dumpfer Verzweiflung, und die Knaben, ihrem Beispiele

folgend, äußerten keinerlei Klage, obgleich ihnen jeder ansehen konnte,

wie sehr sie litten.

Hans atmete fieberhaft. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, die

Lippen waren trocken und heiß. »Nur Mut, mein armer Junge,« suchte Holm

ihn zu trösten. »Werde mir nur nicht krank. Mit Gottes Hilfe werden wir

auch diese Prüfung überstehen.«

»Es klingt mir so seltsam vor den Ohren,« flüsterte Hans, »wie ferne

Musik und dazwischen ist mir, als hörte ich die Stimme meiner Mutter,

ich habe sie sogar deutlich gesehen, wie sie mir ein Glas Wasser reichte

und ein großes Butterbrot. Als ich zugreifen wollte, war sie aber

verschwunden.«

Holm blickte den Knaben ängstlich an. »Er ist kränker vor Hunger und

Durst als ich dachte,« sagte er zu sich selbst, »denn er sieht schon die

Traumerscheinungen, welche das langsame Verschmachten zu begleiten

pflegen. Naht sich denn keine Rettung?«

Und weiter ging es vorwärts in der Hitze. Die weite Grasfläche schien

kein Ende nehmen zu wollen. Der baumbekränzte Horizont, den sie vor sich

sahen, wich vor ihnen zurück, wie das Trugbild der Fata morgana. Es war

nicht möglich, die Entfernung bis dahin mit den Augen abzuschätzen. Die

Ebenen täuschen das Augenmaß ähnlich wie das offene Meer.

»Nur ein Stückchen Zwieback,« flehte Hans, »nur ein kleines Stückchen,

der Hunger thut so weh.«

»Habe nur Geduld, mein guter Junge,« sagte Holm. »Du siehst ja dort in

der Ferne Wald und Busch, dort wird es uns besser ergehen.« Er hatte

nicht den Mut einzugestehen, daß der australische Busch arm an eßbaren

Früchten ist, aber er wollte um jeden Preis Hoffnung in dem Gemüte des

Knaben erwecken.

»Wachsen dort so schöne saftige Früchte, wie auf Borneo?« fragte Hans.

Holm schwieg, er konnte in dieser ernsten Stunde keine Zuflucht zu einer

Notlüge nehmen.

Langsam schritten die Pferde vorwärts; es war eine traurige Fahrt. »Wenn

mir nur der Knabe nicht stirbt in dieser Einöde,« dachte Holm und ein

kalter Schauer überrieselte ihn bei diesem Gedanken.

Jetzt hörte der Graswuchs auf und ein dichtes Kraut bedeckte den Boden.

»Sieh dort, unser heimatlicher Klee!« rief Franz. »Hier können

wenigstens die Pferde sich neue Kräfte sammeln, damit sie im stande sind

uns weiter zu tragen.«

»Das ist kein Klee!« rief Holm und sein Antlitz leuchtete freudig. »Laßt

uns Gott danken, daß er uns diese Pflanze erreichen ließ, ehe wir

verschmachteten. Wie der Herr einst das Manna in der Wüste sandte, so

läßt er uns dieses unscheinbare Gewächs zum Heile finden. Steigt alle

ab, laßt die Pferde weiden und sucht selber am Boden, dort werdet ihr

die kleine, schalenförmige Fruchtkapsel der Pflanze finden, welche

stärkemehlhaltige Körner enthält, die uns vor dem Hunger einstweilen

schützen werden.«

Alle thaten, wie Holm geheißen. Reichlich waren die erwähnten

Fruchtkapseln vorhanden und wenn auch klein an Gestalt und mit nur

winzigen Körnchen erfüllt, so boten sie doch wenigstens Nahrung. Wie

köstlich schmeckten ihnen die kleinen Liliputbissen, wie emsig pflückten

sie die unscheinbare Frucht.

»Es schmeckt gut,« sagte Hans, »es erquickt mich wunderbar.«

»Wir grasen mit den Pferden um die Wette,« meinte Franz. »Wenn das die

Hamburger sähen!«

»Es kann denen in der Heimat ein Dutzend Austern nicht besser munden,

als uns in der Öde dieser Klee,« fügte Doktor Bolten hinzu.

»Bester Doktor,« rief Holm, »es ist kein Klee, den wir hier verspeisen,

sondern die wohlthätige Pflanze, welche uns vom Verhungern rettet, ist

die »Marsilea.« Obgleich ihre Blätter denen des Klees ähnlich sind, so

gehört sie wegen ihrer eigentümlichen Fruchtbildung doch zu den

Farnkräutern. Wenn wir auch jetzt unsere Nahrung den Vierfüßlern gleich

auf der Erde suchen, so sind wir doch noch weit davon, Futterkräuter zu

speisen.«

Nachdem der größte Hunger gestillt, pflückte jeder der Reisenden sich

einen kleinen Vorrat der Frucht der Marsilea, worauf die Tiere wieder

bestiegen wurden und die Reise weiter ging. Es war jedoch nur dem einen

Quälgeist etwas gewehrt worden, dem Hunger; der Durst machte sich von

Minute zu Minute peinlicher bemerkbar.

Nach und nach näherte man sich dem Waldsaume. Nirgends war eine Quelle

zu entdecken oder ein Bach, der Wasser enthalten hätte.

Der Malagasche parierte plötzlich sein Tier. »Halt!« rief er ängstlich,

»halt! -- Vor uns ist das offene Meer, -- dicht vor uns!«

Die Tiere standen wie auf Kommando. Sie schaukelten die Köpfe und

schienen offenbar selbst durchaus nicht geneigt, weiter vorzudringen.

Alle horchten.

»Der Schall kommt von links her,« meinte Franz.

»Das glaube ich auch,« fügten mehrere andere hinzu.

Rua-Roa blieb bei seiner Behauptung. »Wir haben das Meer vor uns,«

wiederholte er.

Der alte Squatter unterdrückte einen Seufzer. »Ich glaube dir, Junge,«

sagte er. »Alle Farbigen sind den Weißen in dieser Beziehung überlegen,

-- wahrhaftig, mir selbst scheint, daß sich der Schall gegen früher

etwas verändert hat.«

Er sprang vom Pferde und ermunterte die übrigen, ein Gleiches zu thun.

In der dichten Finsternis schritten nun unter Führung des Malagaschen

die fünfzehn Männer langsam vorwärts, deutlich und immer deutlicher

erkennend, daß vor ihnen die Küste lag, daß nach wenigen Minuten ihrem

Wege ein Halt geboten sein würde, ein unbedingter Halt, -- gleichviel

wohin sich die Verirrten sonst wenden konnten. Der Graswuchs hörte auf,

der Boden wurde erst steinig, dann sandig, Schilf erschwerte das Gehen,

lauter und lauter schlugen die Wellen gegen das Ufer, ein feiner

Staubregen erfüllte die Luft. Und endlich erschien das bewegte

schillernde Element, vom schönsten Leuchten der zahllosen Salpen und

Quallen überglänzt, wie mit Demantstreifen durchflochten, Demanten

spielend auf den Strand rollend, Demanten in jeder seiner Tiefen

bergend. Blau und golden, purpurn und violett schimmerten die Lichter,

in Wellenlinien zog sich's über das Schwarz der Fluten dahin, weiße

Schaumkronen rauschten auf und griffen springend, schrittweit hinein in

das Land.

So schön, so hehr und majestätisch die Schöpfung in ihrer Ruhe, so

friedlich das ganze von tiefster Stille überhauchte nächtliche Bild --

und doch, wie zerriß es die Herzen der kampferprobten, trotzigen Männer.

Dieses Rauschen und Fluten, dieser Sprühregen, diese ganze feuchte, von

Wasserduft erfüllte Luft, sie erregten und erhöhten bis zur körperlichen

Qual den Durst, den unstillbaren, sie wandelten angesichts dieser

unübersehbaren Wassermenge das Verlangen nach etwas Trinkbarem in

förmliche Verzweiflung. Die Reisenden wandten sich ab, sie ertrugen es

nicht, das Salzwasser anzusehen; sie fühlten, wie Müdigkeit und

Hoffnungslosigkeit ihr ganzes Denken gefangen nahmen.

Da vor ihnen kein Durchgang, links kein Durchgang, -- wie weit hinein in

das Land erstreckte sich vielleicht dieser verderbenbringende Meeresarm?

Dann gab es nur eine einzige Möglichkeit, nämlich zurückzureiten,

vielleicht den Wilden entgegen, vielleicht vor Hunger unfähig, sich im

Sattel zu halten.

Sie dachten alle das Gleiche, keiner aber sprach es aus. Nur eins konnte

sich Thompson nicht enthalten, brummend hervorzustoßen: »Wollte, daß ich

den schwarzen Halunken hätte stehlen lassen, was ihm beliebte, dann

säßen wir nicht in dieser unseligen Patsche!«

Der Doktor klopfte ihm auf die Schulter. »Das ist ein Irrtum, alter

Freund,« versetzte er in ermunterndem Tone. »Sie durften das Unrecht,

welches noch verhindert werden konnte, sicherlich nicht geschehen

lassen, Sie würden auch dadurch ganz gewiß keinen Segen gestiftet

haben.«

Der alte Führer nickte. »^Well^, Ehrwürden, aber -- die Frage, wie wir

aus dieser Einöde lebendigen Leibes wieder herauskommen sollen, ist bei

alledem doch noch ungelöst.«

»Aber sie wird sich lösen wie so viele es thaten,« beharrte der Doktor.

»Lassen Sie uns vor der Hand ein paar Bäume suchen, um die Pferde

festzubinden und dann unsere Wolldecken ausbreiten. Die eine Hälfte kann

ja immerhin wenigstens im Schlafe Erholung suchen.«

Niemand antwortete, aber der Rat wurde dennoch befolgt.

»So laßt uns ausharren, Kinder, laßt uns ausharren,« ermahnte der alte

Theologe. »Noch ein paar kurze Stunden und es ist Tag, die Sonne bringt

neues Leben, neuen Mut. Wer wollte denn gleich dem ersten Anlauf

erliegen?«

Während er aber die Worte sprach, fühlte der alte Herr doch selbst, wie

schmerzlich ihm die Augen brannten und wie die Stimme den Dienst

versagte. Er streckte sich in den Sand und behauptete mit dem Aufgebot

seiner letzten Kräfte, daß es ein recht bequemes, weiches Bette sei.

Die übrigen waren eben im Begriff, ihm zu folgen, als von fern her ein

schwacher Schall ihre Ohren traf, nur die Ahnung eines Schalles

vielleicht, aber doch stark genug, um gleich einem elektrischen Schlage

die mutlosen, verzweifelten Männer zu berühren. Es waren Glockenklänge,

die da der Wind herübertrug, -- Glockenklänge, sie hatten es alle

gehört, aber kein einziger unter ihnen wagte, dem Zeugnis seiner Sinne

zu vertrauen.

Und doch, -- es tönte ja fort, es war keine Täuschung möglich, es wurde

stärker und stärker, -- das war das Feuersignal, wie es deutsche

Kirchenglocken in der Nacht den schlafenden Bewohnern des Ortes

mitteilen.

Bum! -- Bum! -- Bum! -- die bekannten Einzelschläge von tiefem Baß! Wie

sie fern im Städtchen die Herzen erbeben lassen mochten, wie sie hier

draußen gleich Engelsstimmen erklangen, -- die deutschen Glocken!

Noch sprach keiner der Verirrten. Fürchteten sie, den Traum, den

wunderbaren, erlösenden, zu scheuchen durch das laute Wort?

Holm streckte die Hand aus. Was er halb unbewußt flüsterte, das kannten

sie alle, das kennt jedes Menschenherz, so weit die deutsche Zunge

klingt -- --

»Soll eine Stimme sein von oben,

Wie der Gestirne helle Schar« -- --

-- Ja, eine Stimme von oben! -- Glockenklang in nächster Nähe, eine

Niederlassung hinter dem Meeresarm, -- was gab es da noch zu fürchten,

zu klagen?

»Sagte ich's nicht, ihr Kleingläubigen,« lächelte der Doktor. »Kommt und

schlaft, ich begann schon in Träume zu verfallen, -- es ist weich und

bequem hier auf dem Sande.«

Er schlief den Schlaf äußerster Ermattung, indes die jüngeren Leute

wachten und sich leise flüsternd unterhielten. Es mußte von hier

jedenfalls einen Weg zum jenseitigen Ufer geben, vielleicht sogar direkt

in Booten, die auf dem Meere lagen. Hunderte von Hoffnungen und

Vermutungen durchzogen die Seelen der eben noch Niedergedrückten; sie

hörten jetzt auch Hundegebell und sahen den Feuerschein gerade vor sich

emporsteigen. Danach konnte der Meeresarm nur sehr schmal sein; -- wenn

sich der Landweg zu weit zeigte, erhielten die Bewohner des Städtchens

unschwer ein Zeichen ihrer bedrängten Stammesgenossen; schon von den

ersten Morgenstunden durfte man mit Recht Erlösung aus dieser qualvollen

Verlassenheit erwarten. Niemand dachte an Schlaf, nur die Pferde lagen

und träumten, gewiß von gefüllten Eimern, denn sie vollführten mit

geschlossenen Augen die Bewegung des Saufens.

»Zuerst nehme ich ein Bad,« meinte Hans, »aber nicht im Meer, sondern im

süßen Wasser. Alles, was ich denke, ist Flüssigkeit, alles, was ich

ersehne, träufelt. Der Platz unter dem Strahl jener Feuerspritzen

scheint mir im Augenblick als der beneidenswerteste auf Erden.«

»Ja, eine Douche,« nickte auch Holm. »Gebückt sitzen und es immer über

sich herabregnen lassen, das wäre schön. -- Wie mir der Gaumen brennt!«

»Meine Haut löst sich ab,« fügte Franz hinzu. »Damals in der

Gefangenschaft bei den Kaffern hatten wir Wein und Branntwein, wir

konnten Gras und Blätter kauen, aber hier gibt es nur Sand und das

entsetzliche Anschlagen der Wellen. An diese Nacht werde ich denken, so

lange ich lebe.«

»Es muß nun sehr bald Tag sein,« tröstete einer der Führer. »Noch eine

Stunde, dann ist wenigstens dies traurige Dunkel gelichtet.«

»Aber solche Stunden sind elastisch, sie dehnen sich so furchtbar!«

versetzte Franz.

Die übrigen lachten; so gut als es eben ging, half man sich über die

zögernden, widerstrebenden Minuten hinweg, und als endlich nach langer

Geduldsprobe das goldene Tagesgestirn am Himmel seine ersten Strahlen

entsandte, da wurde es mit Jubel und unsäglicher Dankbarkeit begrüßt.

Jeder neue Sonnenblick enthüllte neue Schätze. Drüben hinter dem

Meeresarm lag ein Städtchen mit roten Ziegeldächern und einem

bescheidenen, kleinen Kirchturm in der Mitte, ein ganz winziges,

unbedeutendes Städtchen von wenigen hundert, zum Teil nur hölzernen, zum

Teil strohgedeckten Häusern, mit friedlichen Gärten und wallenden

Kornfeldern, mit Schafherden, die rings an den Abhängen das magere

Dünengras weideten, und mit einer ländlichen, einfachen Bevölkerung.

Aber doch, so dörflich, so anspruchslos das ganze Bild sich zeigte, so

innig entzückte es die Herzen der Beschauer. In vielen dieser Gärten,

namentlich wo sie an das Meer herantraten, wehte vom hohen Flaggenstock

die deutsche Flagge, auch das wunderliche Türmchen ohne Stil oder

architektonische Schönheit zeigte am goldenen Knauf das Schwarz-Weiß-Rot

der Heimat, neben dem die Flagge des Einzelstaates dem deutschen Herzen

unbedeutend erscheint, das in der Ferne den Wanderer, wo er es findet,

wie freundliches Grüßen berührt, das in sich, in seiner Vereinigung

alles birgt, was deutsch heißt, gleichviel ob dem Süden oder Norden des

großen Vaterlandes entstammt.

»Auf! Auf!« rief Franz, den Strohhut schwenkend, »da werden auch

Hamburger wohnen.«

»Hurra!« tönte es aus geringer Entfernung, »hurra! ich habe Wasser

gefunden!«

Der alte Squatter war's. Er sah Weidengebüsche und auf ihren Zweigen ein

paar Eisvögel, -- da mußte süßes Wasser sein. In aller Stille, um

niemand zu täuschen machte er sich auf und suchte, und richtig, ein

murmelndes Flüßchen kroch über den Sand, er konnte sein lautes Hurra!

hurra! den Genossen zujubeln.

Menschen und Tiere tranken, Menschen und Tiere badeten unterhalb des

Flüßchens die heißen, eingetrockneten, staubbedeckten Glieder; auch der

Doktor erwachte von all dem Toben und Jubeln, auch er wurde an den

segenspendenden Quell geführt und ihm zum Bade das bequemste Plätzchen

ausgesucht. Es war ein Freuen und Jauchzen überall, sogar die Pferde

ließ man laufen, damit sie sich in der Umgebung ein Frühstück suchten;

Hans dehnte sich im Wasser von einer Seite zur anderen und behauptete,

daß er noch stundenlang so liegen bleiben würde, kurz, alle diese

gehetzten, halbverhungerten Menschen genossen in vollen Zügen die

Seligkeit des frischen Bades und Trunkes, alle steckten sie, Führer und

Reisende, jung und alt, bis an den Hals im Wasser; da plötzlich

erschienen auf der Szene zwei Personen, die zwar durchaus nicht

gefahrdrohend oder schrecklich aussahen, deren Empfang sich aber unter

den gegebenen Verhältnissen nicht bewerkstelligen ließ, -- zwei Frauen

in deutscher Bauerntracht mit großen runden Strohhüten, Körbe am Arm und

derbe Holzpantoffeln an den strumpflosen Füßen.

[Illustration: Die Überraschung im Bade.

»Da plötzlich erschienen auf der Szene zwei Personen, die zwar durchaus

nicht gefahrdrohend oder schrecklich aussahen ...«]

Einen Augenblick schien es, als wollten sie die Flucht ergreifen oder

wenigstens um Hilfe rufen. Kopf an Kopf im Wasser, auf dem Strand die

Kleider, -- was bedeutete das in der Wildnis, wo ihnen noch nie eine

Menschenseele begegnet war?

Holm beruhigte durch seinen freundlichen Zuruf die Erschreckten. Im

Namen aller seiner Gefährten -- gegenwärtig nicht vorstellbar, wie er

beifügte, -- erzählte er den Hergang des Geschehenen und bat um

gastliche Aufnahme im Städtchen.

Die Antwort klang deutsch, norddeutsch sogar; sie entzückte die Hörer:

»Willkommen bei Landsleuten, ihr Herren! Geht nur hinunter und laßt euch

Speise und Trank geben. Gott zum Gruß!«

Damit entfernten sich heimlich lächelnd die Frauen, um weiterhin am

Strande junge Schildkröten aufzulesen; unsere Freunde aber fanden es nun

doch geraten, an dieser Stelle, die sich bei näherer Betrachtung als

gangbare Landstraße erwies, nicht länger in Adams Toilette zu verharren,

sondern sich im ganzen Glanze ihrer vielfach zerrissenen und von Flecken

übersäeten Leinenkleidern den Bewohnern des Örtchens zu präsentieren.

Eine Stunde später hielten sie jenseits der schnell umrittenen

Meeresbucht unter dem kuriosen Türmchen ihren Einzug, und am Abend

dieses so schön begonnenen Tages schliefen sie wie die Bären in

Federbetten, die zwar nicht in Deutschlands Gauen, aber doch nach

deutscher Art gestopft waren. In Federbetten! -- seit Hamburg hatten sie

keine mehr gesehen, seit Hamburg sich nicht so behaglich gestreckt, so

zu Hause gefunden wie hier unter diesen ländlich-einfachen Leuten.

Alles deutsch, deutsch. Früh am Morgen gab es Kaffee und eigengebackenes

Brot, »Stuten«, wie die lächelnde Wirtin sagte; die Kinder mußten ihre

Lektionen wiederholen und wanderten zur Schule; der Schmied und der

Böttcher arbeiteten auf der Straße vor den Werkstätten; hüben und drüben

erklangen deutsche Lieder. Die freundlichen Leutchen ließen sich von

ihren Gästen wieder und wieder erzählen, was sie alles Schönes,

Herrliches in der weiten Welt gesehen, besonders die alte Großmutter

horchte begierig diesen Berichten, aber sie schüttelte doch zuletzt den

Kopf und fuhr mit dem Rücken der mageren zitternden Hand über die

feuchtgewordenen Augen. »Zu Hause ist es am besten,« sagte sie dann, »in

Deutschland ist alles am besten.«

Namentlich Franz erfreute sich ihrer Gunst. »Setze er sich zu mir,

junger Herr,« konnte sie in urwüchsigem Plattdeutsch bitten, »ich möchte

ihn einmal etwas fragen. Sieht er, mein Sohn, der Bauer hier im Hause

sagte zuweilen, daß auf unseres Herrgottes Erde die deutsche Heimat

gerade unter unseren Füßen liege und daß ich, wenn meine Stricknadel

dazu lang genug wäre, hier in den Boden hineinbohren und zu Hause in

Deutschland wieder ans Tageslicht kommen könne. Ist das die Wahrheit?«

Und als der junge Mann lächelnd bejahte, da wiegte sie den eisgrauen

Kopf. »Dann hätte man also gar nicht weiter von Deutschland fortkommen

können, als bis hierher, junger Herr?«

»Zu Lande nicht, Mütterchen.«

Die Alte schwieg lange Zeit. »Grüße er mir das liebe kleine Holstein,

wenn er wieder heimkommt, junger Herr,« bat sie endlich. »Da hat vor

achtzig Jahren meine Wiege gestanden.«

Franz drückte gerührt die faltige Hand. Ihm und allen anderen wurde es

schwer, von diesem traulichen Asyl, das den müden Wanderern Leib und

Seele neu erfrischt, nach einigen Tagen des behaglichen Ausruhens wieder

zu scheiden. Wie eine Art Heimatsgefühl war es über aller Herzen

gekommen; wie von lieben Angehörigen nahmen sie Abschied, und mehr als

ein Seufzer flog zum Städtchen zurück, nachdem die kleine Schar abermals

im Sattel saß und neuen Gefahren, neuen Anstrengungen entgegenging.

Dieser Weg wurde jedoch durch die erhaltene Begleitung mehrerer Bauern,

die Wolle zur Hauptstadt brachten, und durch die mitgenommenen

reichlichen Vorräte bedeutend erleichtert. Vorüber an himmelhohen

Gebirgszügen mit prächtigen Gipfeln an zahlreichen anziehenden Punkten

ging es in bequemen Tagereisen und unter dem Schutze ausreichender

Ortskenntnis langsam durch das reizlose Land zum Schiff zurück, wo schon

der Kapitän und Papa Witt angefangen hatten, heimliche Besorgnis zu

hegen.

* * * * *

Als man am ersten Abend behaglich in der Kajütte saß, warf der Kapitän,

der mit Genugthuung einige Herabstimmung bei unseren Freunden gemerkt

hatte, mit schlauem Lächeln die Äußerung hin: »also morgen nach dem

Südpol?«

Eine längere Pause entstand. Man sah sich gegenseitig an, niemand sagte

ein entschiedenes Ja, von dem sonst so kühnen Franz ward sogar ein

Seufzer gehört.

Da brach Holm das Eis. »Kinder,« rief er, »seien wir ehrlich. Es ist

offenbar, daß niemand mehr rechte Lust zu diesem ausschweifenden

Unternehmen hat, nehmen wir uns nicht selbst unnötig beim Wort, sondern

gehen wir mutig einen Schritt zurück und dampfen wir durchs Korallenmeer

ruhig nach Samoa. Da ist's wärmer und behaglicher, und wir kommen einige

Monate früher nach Hause.«

»Früher nach Hause, das ist das Entscheidende!« jubelten die Knaben, der

Doktor nickte billigend mit dem Haupte und alle atmeten auf, als sie

sich von dem etwas übereilt gefaßten Vorhaben befreit fühlten.

»Damit aber die schönen Wärmemittel nicht umkommen,« rief Holm, »der

herrliche Arrak und die treffliche Zitrone, die uns eure gute Mama für

den Südpol geschickt hat, soll uns auch die warme Zone nicht hindern,

einen herzhaften Punsch zu brauen. Ihr wißt ja: vier Elemente innig

gesellt ...«

Und so geschah es. Das erste Glas galt dem Südpol, vor dem man glücklich

bewahrt geblieben war.

Vierzehntes Kapitel.

Der Dampfer durchschnitt die blauen Fluten des Großen Ozeans. Nach

herrlicher Fahrt durch das Korallenmeer, südlich um Neukaledonien herum,

näherte man sich, quer die Gazelletiefe durchschneidend, dem nächsten

Ziele, als welches die Tongainseln ausersehen waren. Die altgewohnten

Bilder südlich-tropischer Prachtfülle luden wieder alle Sinne zum Genuß.

Hier ragten aus dem Meere die sogenannten Atolls, die schmalen,

unbewohnten, meist bogenförmigen Koralleninseln, auf denen schlanke

Palmen ihre Kronen wiegten, wo große, schöne Seevögel nisteten und ein

reiches, üppiges Grün das Auge des Beschauers entzückte; dort dehnte

sich das Gestade eines kleinen, waldigen Inselchens, auf dessen Rund die

Forscher nur wenige Pflanzen und Insekten, aber keine menschliche

Wohnung fanden, -- überall glänzte Schönheit und höchste Vollentfaltung

der Natur. Auch das Meer selbst zeigte neue Gestalten. In zahlreicher

Fülle umschwamm das Schiff eine Quallenart, wie sie bisher noch nicht

erschienen war, eine Familie von Einzelwesen, die jedoch zusammen ein

geschlossenes Ganzes bildeten, und bei deren Anblick die Reisenden nur

verdroß, daß auch dies farbenschöne Geschöpf nicht eingefangen und

mitgenommen werden konnte.

An einer zarten, milchweißen Schwimmblase hingen mehr als fünfhundert

kleine, weiße Glöckchen, die immerfort auf- und zuklappten und dadurch

das sonderbare Wesen über Wasser erhielten. Sie glichen durchsichtigen

klaren Tröpfchen, deren Reiz nur übertroffen wurde durch den des roten

gewellten Stieles, des eigentlichen mit Saugapparaten versehenen

Nährpolypen, von dessen Rund je eine rosige Kapsel das abwärts geneigte

Tröpfchen wie ein Dach überschattete, der fadenartig dünn auslief und

gegen das Ende hin weniger und immer weniger kleine Glöckchen trug. Das

Ganze glich einer riesigen, aus den zartesten weißen Perlen

zusammengesetzten Traube, es lag in der obersten Wasserschicht wie das

Geschmeide einer Kaiserin, würdig, im Fürstensaale zu prangen, das

Kunstvollste, Reizendste, was auf dem ganzen weiten Gebiet der

schaffenden Natur den Forschern begegnet war -- und doch in Wirklichkeit

nur klebriger Schleim. Holm versuchte nicht, es einzufangen, ebensowenig

die hier im großen Ozean schwimmenden, gleich einem wandernden

Blumenbeet dahinsegelnden Seerosen, deren bunte Farben das Schiff

umgaukelten, während sie in allen übrigen Meeren nur festsitzend auf dem

Grunde angetroffen waren; er machte noch einige Züge mit der den

Orang-Badju so mühsam abgetrotzten, unterseeischen Laterne; aber die

Hauptaufmerksamkeit galt hier doch den Inseln, nicht dem Meeresgrunde,

dessen Bewohner in seinen Sammlungen, so weit möglich, schon alle

vertreten waren.

An den Tongainseln warf das Schiff zum erstenmale nach langer, schöner

Reise wieder seine Anker aus, natürlich nicht in einem Hafen, sondern wo

gerade der überall flache, langgestreckte Strand die Landung gestattete.

Daß es nicht ratsam sei, hier unter den Wildesten aller Wilden, wo

selbst noch Menschenfresser gefunden werden, weite Landreisen zu machen,

wußten die jungen Leute, aber zu zwanzig Mann das Ufer betreten,

wohlbewaffnet und wohlversehen mit allerlei Geschenken, das ging doch

an. Sie nahmen alte Kleider, Lebensmittel, ein paar Säbel und Dolche

sowie etwas bunten Kattun; dann wurde das nächste Dorf aufgesucht. Am

Strande fischten langbeinige Reiher und große kornblumblaue Eisvögel; in

allen Zweigen lebte und wogte es von den schönsten Papageien und

Singvögeln, bunte Schmetterlinge segelten durch die Luft, Bienen flogen

summend umher, und Käfer krochen am Boden; nur Säugetiere sahen die

Reisenden nicht; auch selbst die kleinsten Arten fehlten.

Große, schöne Menschen, hellfarbig mit schwarzen, klugen Augen und

langem, schwarzen, durch Kalk an den Spitzen gelb gefärbten Haar kamen

aus den Gebüschen hervor und besahen neugierig wie harmlose Kinder die

fremden weißen Menschen. Ihre Hütten waren die bekannten Pfahlbauten,

welche Bienenkörben gleich hart neben einander im Kreise standen, und wo

sich nach australischer Weise der Herd in einem Erdloch mitten in der

Wohnung befand; sie zeigten teilweise hübsche, geflochtene Matten,

einige Körbe, Waffen und Schmuckgegenstände aus Korallen, im ganzen aber

blickte doch die Trägheit und Armut der Bewohner überall durch. Trotz

des gesegneten Klimas und des überaus fruchtbaren Bodens war nirgend

eine Spur von Landwirtschaft aufzufinden; vielmehr lebten die Leutchen

von dem, was der Himmel freiwillig spendete, und wenn ja zuweilen irgend

eine Mühe aufgewendet wurde, so war es die, den Meerwurm einzufangen und

das widerwärtige Gericht auf heißen Steinen zu rösten.

Die ganze Insel erschien wie ein einziger, großer, schöner Garten, zum

Teil Park mit hohen, alten Bäumen, zum Teil flaches Land, auf dem nur

die Tierwelt fehlte, um es zum Paradies zu gestalten. Tauben in den

seltsamsten Farben, weiß mit violettem Kopf oder weiß mit rosenroter und

grüner Brust, bevölkerten die Bananenbäume, deren Früchte sie naschten;

Zwergloris, ganz kleine, purpurne und grüne Papageien, zerfaserten die

Nüsse der Kokospalme, blaue und weiße Winden krochen an allen Stämmen

hinauf, die Sandelholzbäume boten kostbaren Wohlgeruch, und

Baumwollenstauden erhoben überall die kapselartigen Häupter.

Es war nicht möglich, sich mit den Wilden zu verständigen, aber dennoch

schienen sie den Begriff des Tauschhandels recht gut zu kennen, so daß

für die Sachen, welche unsere Freunde mitgebracht hatten, ganze Massen

frischer Früchte an Bord kamen. Auch Wasser wurde eingenommen, und

nachdem das Dorf besehen, die hauptsächlichsten Vogelarten erlegt und

ein paar Zweige des Sandelholzbaumes mitgenommen waren, luden unsere

Freunde die schönen, zutraulichen Menschen ein, nun ihrerseits das

Schiff zu betrachten. Eine Menge Kähne, lauter sogenannte Einbäume,

lagen am Strande, und auf ihnen ruderten die Polynesier heran, Männer

und Frauen, Kinder und Erwachsene, sämtlich nackt bis auf den

Grasgürtel; sie untersuchten jedes Stück, schwatzten unter einander ohne

Aufhören und verlangten wie Kinder alles, was ihnen gefiel. Nur vor

Büchern zeigten sie entsetzliche Furcht. Keine Überredung kein

Lockmittel konnte sie bewegen, irgend einen Band mit ihren Händen zu

berühren, ja, wenn die Weißen den Deckel zurückschlugen und so das

Gedruckte ans Tageslicht kam, dann flohen sie bis an das

entgegengesetzte Ende des Schiffes und zuweilen sogar ohne weiteres

köpflings ins Wasser. Es machte sich bei ihnen die ganze Natürlichkeit

des wilden Zustandes geltend, dennoch aber mußten sie von weißen

Eroberern schon gehört haben, mußten wissen, daß Bücher für allerlei

einengende und unbequeme Zwecke ihnen gegenüber das Mittel waren, daß

sie gefährliche Zaubereien enthielten und der gefürchteten Rasse als

Waffen dienten.

Erst die hereinbrechende Nacht zwang die Leutchen, in ihren steuerlosen

Kähnen, deren jeder einen Zwillingsbruder von ganz gleicher Gestalt, nur

unausgehöhlt, wohlbefestigt neben sich führte, ans Land zurückzukehren;

das Schiff dagegen blieb liegen, um vor Antritt der Weiterreise an

gesicherter Stelle auch das nächtliche Naturleben dieser Breiten kennen

zu lernen.

Vom nahen Ufer herüber rauschten die Baumkronen, helle Tropennacht lag

auf der leise rollenden See, und hier und da regten sich die Geschöpfe

des Strandes oder der Tiefe. Schildkröten watschelten schwerfällig auf

dem Kies, große fischende Reiher und Möwen strichen hart über der

Oberfläche des Wassers dahin, und durch die Luft huschten graue,

häßliche Vampire, sogar das Schiff streifend, lautlos mit faltigen,

niedrigen Flügeln und scharfen Krallen. Unzählige kleine Quallen, die

Noktiluken und Salpen verbreiteten, in gewundenen Zügen schwimmend, das

schöne demantartige Meerleuchten, Fische tauchten auf, und flatternde

Nachtvögel jagten einander in den Zweigen. Als die Morgenröte am Himmel

emporstieg, hatte sich das ganze Meer mit kleinen, dünnen Würmern wie

mit einer erdgrauen Schicht völlig bedeckt; vom Lande stießen eine Menge

Boote, in denen die Eingebornen mit großen Körben saßen und geschickt in

einer Art Netz die unappetitliche Speise einfingen. Das Wort »Palolo«

ging von Mund zu Mund, und sobald ein Korb gefüllt war, trugen ihn die

Frauen in das Dorf, um den Inhalt auf heißen Steinen zu rösten.

Dieser Palolofang schien ein besonderes Fest; wahrscheinlich zeigte sich

der Wurm nur selten, weshalb auch die Frauen ihr Haar mit Palmöl,

Sandelholz und Blumen geschmückt hatten, während die Kinder durch Tanzen

und Jubeln ihre Freude zu erkennen gaben. Einige der schönen,

hellfarbigen Gestalten kamen auch an Deck, um die schreckliche Speise

anzubieten, und wurden reich beschenkt mit bestem Dank wieder entlassen,

indes Hühner und Affen den Wurm eilfertig verzehrten, die Menschen

dagegen schaudernd den sonderbar fettig und brenzlich duftenden Pudding

von sich wiesen.

Das Schiff lichtete seine Anker und steuerte den Fidschiinseln zu. Von

diesen sollte es, da fast alle verschiedenen Gruppen einander im

hauptsächlichsten gleichen, nur noch dem eigentlichen Ziele, den

Samoainseln, einen Besuch abstatten und dann die Heimreise antreten.

»Von den drei größeren Unterscheidungsformen der ozeanischen

Völkerschaften, den Melanesiern, Polynesiern und Mikronesiern, sind nur

die Polynesier für uns noch neu,« hatte Holm gesagt, »die beiden andern

dagegen nähern sich der schwarzen genugsam bekannten Rasse, sind --

namentlich in Neuirland, Neuhannover und den Neuhebriden -- falsch und

diebisch, wogegen die Mikronesier ganz in der Unkultur und Armut der

Negervölker dahinleben; wir wollen deshalb ihren Inseln keine weitere

Aufmerksamkeit zuwenden, sondern, lieber den berüchtigten Fidschianern

unsere Visite machen: in Samoa ist dann der Aufenthalt ein längerer und

eingehenderer.«

Damit waren die übrigen einverstanden, und so dampfte das Schiff durch

die heiße, inselreiche See dahin, oft an einzelnen Klippen, oft an

blühenden Ufern vorüber, so recht in dem vulkanischsten, den meisten und

bedeutendsten Erdbeben ausgesetzten Teile unserer Erde, immer zwischen

Korallenfelsen, zwischen den Häuptern rauchender Krater und ganzer Züge

erloschener, ehemals feuerspeiender Berge, aus deren brodelndem Inneren

sich dereinst vor Jahrhunderten die heute so blühende Insel

herausgehoben hatte. Fast alle waren sie von Korallenriffen umgeben,

fast alle von einer Menge kleinerer Inselchen und vorspringender Klippen

wie von einem grünen Gürtel eingeschlossen; zuweilen glitt das Schiff

langsam am Ufer dahin, so nahe, daß die nackten Gestalten der Bewohner

deutlich erschienen, oder daß weiße, nach europäischem Muster

aufgeputzte Gebäude durch das Grün der Bäume hervorschimmerten, jedesmal

ein Anblick, den die gesamte Mannschaft durch lautes Hurra begrüßte.

»Morgen laufen wir in Viti-Levu ein,« sagte nach dreiwöchentlicher Reise

der Kapitän. »Ich hoffe es wenigstens!« --

Holm sah ihn an. »Wenn es nicht heute noch einen Orkan gibt, gelt?«

fragte er. »Himmel und Wasser haben eine eigentümliche Beleuchtung, --

mich deucht, das Meer ist unruhig, obgleich man doch keinen Wind

verspürt.«

Der Kapitän antwortete ausweichend. Eine der Fidschiinseln, eine kleine,

namenlose, mit hohem, rauchendem Vulkan lag zur Rechten des Schiffes und

vor ihr mehrere grüne mit Palmen bestandene Erdfleckchen, mehrere

vulkanische, wildzerrissene Klippen -- auf diese richtete er sein

Augenmerk. Plötzlich deutete er zu dem Krater der Hauptinsel hinüber.

»Da haben wir es, ich dachte mir's bereits!«

Ein rollender, knatternder Ton erfüllte die Luft, eine hohe Feuersäule

schlug gen Himmel, und Ströme gelber, glühender Lava flossen nach allen

Richtungen am Berg hinunter in die Tiefe. Große Steine wurden hoch

emporgeworfen und fielen donnernd wieder hinab in den entsetzlichen

Schlund, die ganze Umgebung war in Rauch und Asche gehüllt. Auf dem

Schiff standen sämtliche Reisende und betrachteten das herrliche

Schauspiel, dem sich jetzt vom Himmel herab ein Gewitter mit blendenden,

zuckenden Blitzen zugesellte. Da plötzlich begann die Unruhe, welche das

Wasser schon seit Stunden beherrscht, in förmliches Toben überzugehen.

Wie im stärksten Sturm hoben sich unter vollkommenster Windstille die

Wellen; auf der Oberfläche erschienen Blasen; das Schiff wurde wie von

unsichtbaren Händen geschüttelt, so daß jeder der Männer, um nicht zu

fallen, nach irgend einem festen Gegenstand griff, und dann, als das

Murren und Grollen, das Zischen und Donnern seinen Höhepunkt erreicht,

dann geschah etwas, dessen Anblick den Weißen wie ein Zauberkunststück

vorkam, das ja unmöglich Wahrheit sein konnte.

Die kleinen Inselchen mit ihren Palmen und Bananen, die Klippen von

sonderbarer phantastischer, fast einem Riesenvogel gleichender Form --

sie alle schienen zu schwanken, sich zu neigen, die vorderste Klippe

drehte sich sogar um ihre eigene Axe -- unmöglich, unmöglich, das konnte

nicht sein, das war ein Blendwerk. -- --

Aber da rauschte es auf, hundertfältiger Donner zerriß den Schoß des

Meeres, mitten aus der Klippe fuhr ein Flammenstrahl, betäubend brüllten

die Wogen, ganze Berge türmend, ungeheure Wassermassen, die das Schiff

wie einen Kreisel drehten, die spritzend, kochendheiß, von Dampf und

Funken umflogen, bis über die Schornsteine hinauf ihren Tropfenregen

entsandten und überall, wohin sie trafen, die Haut der Männer

empfindlich verbrannten. Ein Schrei brach von den Lippen der

Beherztesten, mehrere waren von dem Stoß zu Boden geworfen worden, alle

lähmte Schreck und Verwirrung. Als aber einige Besinnung zurückgekehrt,

und sie wieder hinaus sahen auf den Ort der gespenstigen Katastrophe, da

war von den schwankenden Inselchen, von der brennenden, in helle Gluten

getauchten Klippe nichts mehr zu entdecken; die Tiefe hatte sie für

immer verschlungen; nur große Stücke Schlacken und eine Unmasse grauer

und gelber Asche trieben auf den stiller werdenden Wellen, daneben aber

auch tote, buchstäblich gekochte Fische, Würmer, Schnecken und Muscheln

in großer Anzahl. Binnen wenigen Augenblicken war die ganze Oberfläche

des Meeres davon bedeckt; Krebse im schönsten Todesrot, alle Arten

eßbarer Flossenträger, Tintenfische, selbst ein Hai, dazu kleine

Schildkröten und Muscheln, so trieb es, emporgeworfen von den

unterirdischen, den Boden des Ozeans aufwühlenden Gluten, leblos neben

einander, während drüben die Ausbrüche des Vulkans fortdauerten und aus

den Wolken Blitz auf Blitz herabzuckte.

Ein wahrer Wolkenbruch endete nach einer halben Stunde das furchtbare

Naturschauspiel, dem die Reisenden mit ebensoviel Anteil als Grauen

beigewohnt hatten und das von seiten der wilden Bewohner jener größeren

Insel noch einen höchst unerwarteten Schlußakt erhielt. Die Doppelkähne

setzten sich in Bewegung, die braunen, schöngeschnitzten Ruder aus

Eisenholz wurden eingelegt und große Weidenkörbe mit den toten Fischen

angefüllt. Ohne von den Weißen Notiz zu nehmen, ohne sich Zeit zum

Auflesen zu gönnen, fielen die Eingebornen sogleich über ihren Fang her

und vertilgten die unheimliche Speise mit Haut und Gedärmen da, wo sie

dieselbe aufgriffen. Ohne Zweifel litt also die Insel, wie dies gerade

in der heißen Zone so oft vorkommt, an Hungersnot; die Trägheit ihrer

Bewohner ließ keine Feldarbeit aufkommen; da wo die Ernte eine zehnfache

sein konnte, wurde kein Acker gebaut, kein Fruchtgarten gehalten; -- die

Menschen fielen wie Hyänen über tote, ekle Körper her, um nur den

nagendsten Hunger zu stillen.

Ein paar Säcke Mehl wurden verteilt; dann nahm der Dampfer seinen Weg

wieder auf. Das Gewitter hatte nachgelassen; eine angenehme Kühle folgte

der furchtbaren Hitze, die See ging ruhig wie zuvor. Früh am folgenden

Morgen, als die ganze Gesellschaft, noch das erstaunliche Erlebnis des

letzten Tages besprechend, ergänzend und berichtigend beim Frühstück auf

dem Verdeck saß, etwa gegen neun Uhr, meldete der Mann am Steuer einen

dunkeln Punkt in Sicht. »Ein Schiff ist's nicht,« setzte er hinzu, »es

fehlen Masten und Takelage.«

Auch der Kapitän sah hin. »Sonderbar, das kann nur ein Wrack sein, denn

für ein Boot ist es viel zu groß.«

»Aber wir haben ja gar kein Unwetter, keinen Sturm gehabt! -- hm,

Steuermann, das müssen wir aus der Nähe besehen.«

Der Alte nickte, die nötigen Befehle wurden gegeben und allmählich

schwand der Raum zwischen dem Dampfer und dem treibenden, offenbar

herrenlosen Rumpf, dessen Weg die ganze Gesellschaft mit lebhaftem

Interesse verfolgte. Als für einen Anruf durch das Sprachrohr die nötige

Nähe erreicht worden war, fragte Papa Witt mit lautem Ton nach dem Woher

und Wohin; er wiederholte sogar mehrere Male den Zuruf, aber keine

Antwort klang von der Stätte der Verwüstung zurück, -- auf dem Wrack

konnte sich keine lebende Seele mehr befinden.

Jetzt befahl der Kapitän, den Rumpf des unbekannten Schiffes zu entern

und ihn behufs Feststellung seiner Verhältnisse einstweilen ins

Schlepptau zu nehmen; das geschah auch, die Matrosen zogen mittels

langer Haken das Wrack heran, und mehrere von ihnen sprangen an Bord

desselben, um den Thatbestand zu untersuchen. Das Schiff, die deutsche

Bark »Eintracht«, war offenbar während des gestrigen Gewitters vom Blitz

getroffen worden und bis auf das Deck niedergebrannt. Hier mochten die

stürzenden Regenfluten dem Verderben Einhalt geboten haben, jedenfalls

aber lebte auf den traurigen Überresten des stolzen Baues kein Mensch

mehr; die Mannschaft war entweder verbrannt oder ertrunken, vielleicht

auch dem Ärgsten entronnen, indem sie rechtzeitig die Flucht ergriff;

darüber ließ sich nichts entscheiden. Wo keine Masten, keine Takelage zu

entdecken war, da konnte auch kein Boot sein, -- möglicherweise trieb es

voll hoffnungsloser, verzweifelnder Männer auf offenem Meer,

möglicherweise war es verbrannt und die Besatzung mit ihm.

Nachdem die verkohlten Luken geöffnet und die Ladung als Ballast erkannt

war, löste man jede Verbindung mit dem Dampfer. Mochte das Wrack,

überall angebrannt und total ruiniert, vor Wind und Wellen treiben, bis

es irgendwo von den Eingebornen aufgefangen wurde, -- da unsere Freunde

nie in bekannten Häfen, sondern möglichst immer an irgend einer einsamen

Stelle landeten, so konnten sie es nicht mitnehmen; namentlich jetzt

nicht, wo sie an der Küste von Viti-Levu für sich selbst eine stille,

versteckte Bucht erst suchen mußten.

Hier wohnten die Menschenfresser, es war größte Vorsicht geboten.

Noch vor Abend kam die Insel in Sicht, und am andern Morgen hatte sich

auch schon eine Möglichkeit des Anlaufens gefunden. Obwohl das

Korallenriff ganz Viti-Levu umgab, so zeigte sich doch hier oder dort

eine brandungsfreie Bucht, und in die erste derselben lief der Dampfer

ein. Mangroven und dichtes Gebüsch verhinderten den Blick tiefer

einzudringen, dennoch aber entdeckten unsere Freunde schon sehr bald

etwas ganz Unerwartetes, nämlich ein großes, wohlerhaltenes, keinesfalls

aus den Händen der Fidschianer hervorgegangenes Boot, das mittels einer

starken Kette am Ufer befestigt lag und außer einigen leeren

Trinkgefäßen weiter nichts als die Ruder enthielt. Sobald die Reisenden

ihr eigenes Boot ausgesetzt hatten und dem fremden näher kamen,

erkannten sie am Steuer den Namen »Eintracht«.

Kapitän und Mannschaft sahen einander an. Schiffbrüchige deutsche

Matrosen hatten sich vor der Verheerung durch die Flammen ohne alle

Lebensmittel in das Boot gerettet und waren dann vom Hunger getrieben

hier an Land gegangen, um womöglich irgend etwas Genießbares

aufzufinden; -- durfte man die Landsleute schutzlos den Händen der

Kannibalen überlassen?

Franz beantwortete die stumme Frage. »Auf, Herr Kapitän, auf! ich bin

überzeugt, Sie wollen die ganze Insel durchsuchen, bis diese armen Kerle

gefunden sind!«

Der Doktor klopfte ihn auf die Schulter. »Mein warmherziger Junge,«

sagte er freundlich, »wenn keiner mit dir ginge, so thäte ich es. Eine

Schande für jeden Mann, der seinen Nächsten feige im Stich läßt!«

Hans und der Malagasche erklärten sich ebenfalls einverstanden,

sämtliche jungen Leute suchten schon nach ihren Waffen, nur Holm und der

Kapitän zögerten noch. »Das kann eine blutige Geschichte werden,« meinte

bedenklich der letztere, »diese Wilden sind erwiesenermaßen Kannibalen.«

»Vielleicht kommen wir auch bereits zu spät, um die Unglücklichen noch

zu retten. Es ist bekannt, daß die Fidschianer alle Schiffbrüchigen

verzehren! Wenn auch in den von Weißen bewohnten Küstenstädten, wo das

Christentum Boden besitzt, dergleichen vielleicht seit Jahrzehnten nicht

mehr geschieht, so ist es doch hier in der vollkommensten Wildnis damit

noch ganz wie früher. Die Matrosen von der »Eintracht« können längst bei

einer Kolanfeier verspeist sein.«

Der Doktor schüttelte den Kopf. »Vielleicht aber leben sie noch und

bitten den Himmel, ihnen in höchster Not einen Erretter zu schicken,«

versetzte er. »Es ist nicht von ohngefähr, daß wir dem Wrack, und später

hier dem Boote begegnen mußten; das behaupte ich, -- und nun lassen Sie

uns eilen.«

Der Kapitän legte ihm beide Hände auf die Schultern. »Wollen Sie zu

Hause in Hamburg die ganze Verantwortung übernehmen, Herr Doktor? Wollen

Sie es bei dem Vater vertreten, wenn einem seiner Söhne ein Unglück

geschähe?«

»Da wir nicht im Mutwillen, sondern den heiligen Geboten der

Menschenliebe folgend handeln, ja, Herr Kapitän! Vor dem Vater und vor

Gott will ich vertreten, daß auf mein Zureden die Expedition unternommen

wurde.«

Der Kapitän nickte. »^Well^, dann laßt uns gehen,« entschied er. »Aber

diesmal soll kein einziger fehlen, nur der Maschinenmeister mit zweien

seiner Leute mag als unerläßliche Bedeckung an Bord bleiben. Heda,

Jungens, wollt ihr die Kameraden von der »Eintracht« aus den Klauen der

Wilden retten helfen? Das hier ist ihr Boot und höchst wahrscheinlich

sind sie selbst Gefangene. Ich zwinge keinen; wer nicht mitgehen will,

der kann zurückbleiben!«

Ein allgemeines Hurra war die Antwort. Fünfundzwanzig Männer, vom Kopf

bis zu den Füßen bewaffnet, schlossen sich der Expedition an, es

bildeten sich unter Führung des Kapitäns, des Steuermanns und derjenigen

Holms drei Züge, die zunächst vom Boot aus die Spuren ihrer

unglücklichen Landsleute aufsuchten, um die Richtung, in welcher sie

vordringen wollten, ganz genau festzustellen. Das war freilich keine

leichte Aufgabe! Ohne Beistand des Malagaschen wäre sie wahrscheinlich

überhaupt nicht gelöst worden. Blumen und Blätter bedeckten das Ufer so

dicht, die Pflanzenwelt zeigte so üppige Entfaltung, daß schon Stunden

genügen mußten, um in dieser heißen Luft an Stelle des geknickten Halms,

der zertretenen Blume eine neue Knospe, neues Grün entstehen zu lassen.

Der Malagasche kroch auf Händen und Füßen im Kreise um das Boot herum,

bis er die Spur gefunden hatte. »Hier sind die Weißen gegangen,«

behauptete er, »ich sehe die Abdrücke ihrer Schuhnägel in den Yams- und

Torablättern; sie haben von diesem Baum Früchte gepflückt und dort eine

Kokosnuß zerschlagen. Ach, an den Dornen hängt Blut! Es ist sicher, daß

Menschenhände hineingriffen!«

Der junge Hova war in diesem Augenblick ganz Wilder auf dem Kriegspfad.

Er ging voran durch die wundervolle, mit verschwenderischer Pracht

ausgestattete Schöpfung und fand an hundert kleinen, dem Auge des Weißen

unerkennbaren Spuren den Weg, welchen die jedenfalls vergeblich nach

Wasser suchenden Matrosen genommen haben mußten; immer tiefer hinein in

das Walddunkel marschierte die kleine Schar, deren jeder eine

Kugelbüchse, zwei Pistolen und einen tüchtigen Säbel bei sich führte.

Alle Arten schöner Vögel, besonders der prächtige Tropikvogel und die

großen Papageien, saßen in den Zweigen; Brotfruchtbäume, Bananen auf

hohen korbartigen Luftwurzeln, Kokospalmen, Citrusarten und Orangen

wiegten im lauen Sommerwind ihre Laubkronen und vereinigten dieselben zu

einem förmlichen, alle Sonnenstrahlen abschneidenden Blätterdach, unter

denen ein so schwüles Halbdunkel herrschte, daß viele Blumen in _grauer_

Farbe erblüht waren, und alle lebhafteren Farben fehlten.

»Sie suchen Wasser,« beharrte der Malagasche. »Sie sind früh morgens

hier gegangen und haben aus Durst die Blätter des Yaquota durch den Mund

gezogen, -- auch Orangen haben sie gepflückt.«

Er zeigte einzelne Kerne, kleine Stückchen Schale und hob dann plötzlich

ein kaum fingerlanges Pflänzchen aus dem Boden hervor. »Wasser,«

flüsterte er, »es ist Wasser in der Nähe. Diese Blume lebt nur an

feuchten Stellen.«

Holm hatte den grünen Stengel ergriffen. »Ein Vergißmeinnicht,« sagte er

lächelnd, »ein deutsches Vergißmeinnicht! -- Aber du hast recht, Junge;

dergleichen liebt feuchte Gräben oder mehr noch seichtes, fließendes

Wasser. Vorsichtig also, um Gotteswillen vorsichtig, die Wilden können

ganz in der Nähe ihr Dorf haben.«

Der Malagasche schlich lautlos voran. Den Hut und den Rock hatte er,

sonst an diese Bekleidungsstücke zivilisierter Menschen längst gewöhnt,

schon abgeworfen; jetzt folgten auch die Stiefel, und nur mit Hemd und

Leinenhose angethan, drängte sich der Sohn des wilden Stammes wie ein

schlankes Reh durch die niederen Büsche, den einzelnen kleinen

Vergißmeinnichtstauden folgend, bis an ein Bächlein, das über den

Waldboden dahinrieselte und an seinen Ufern ganze Felder der blauen

Blume umspülte. Hier traten erkennbare Fußspuren zu Tage. Die verirrten

Matrosen hatten knieend getrunken und dann so gut, als es anging,

gebadet; ihr weiterer Weg führte am Fluß hinauf, woselbst denn auch nach

kurzer Wanderung der Malagasche die ersten Anzeichen menschlicher Nähe

entdeckte. Ein Wink befahl den übrigen, zurückzubleiben; Rua-Roa tauchte

geräuschlos wie eine Schlange in das Dickicht und kam nach wenigen

Minuten blaß vor Erregung zurück. »Die Fidschianer sind da,« raunte er,

»und die Weißen auch, sechzehn Männer im ganzen. Ich glaube, wir können

siegen! -- kommt hier herum, -- aber leise, leise!«

[Illustration: Befreiung der Gefangenen aus den Händen der Fidschianer.

»Die Kugelbüchsen schußgerecht in den Händen, die Säbel gelockert und

die Herzen schlagend vor Erwartung, so folgten die Weißen dem jungen

Hova.«]

Die Kugelbüchsen schußgerecht in den Händen, die Säbel gelockert und die

Herzen schlagend vor Erwartung, vor begreiflicher Unruhe, so folgten die

Weißen dem jungen Hova. Bald sahen alle in geringer Entfernung das Dorf

der Fidschianer und diese selbst; den Hintergrund bildeten hübsche

Pfahlbauten, deren Thüröffnungen bunte, geschmückte Decken zeigten, und

über denen auf mäßiger Anhöhe der Ortstempel sich erhob. Dies letztere

Gebäude diente den Häuptlingen als Schlafgemach und umschloß eine Art

von Altar, vor welchem die Priester den Kolan (Göttern) die üblichen

Menschenopfer darbrachten; außerdem aber schienen rings um dasselbe

herum in Friedenszeiten die Wurfwaffen der Insulaner als eine Art

künstlich geordneter Schmuck verwahrt, während auf dem spitzen Dache

eine ungeheure Anzahl von Schädeln zur Pyramide getürmt war.

Die Fidschianer trugen weiße, selbstgewebte Stoffe aus den Fasern einer

Binsengattung; diese Kleider hatten aber keinerlei Schnitt und wurden

weder angezogen noch geschlossen; vielmehr erschienen Männer und Frauen

vom Kopf bis zu den Knieen _hineingewickelt_, so zwar, daß das letzte

Ende des Zeuges je nach dem Range der verschiedenen Personen von einem

bis zu dreißig Fuß nachschleppte. Ihre Farbe war schwarzbraun, ihr Haar

lang und lockig, die Bärte besonders voll entwickelt und ihre Höhe

staunenswert. Manche hatten geradezu riesenhafte Größe.

Alle diese Wilden lagen im Halbkreise um ein Feuer, das soeben zu

glimmen begann, und das die Priester schürten. Vor ihnen hockten am

Boden um eine große, aus einem Holzblock künstlich geschnitzte Schale

eine Anzahl junger Mädchen, die sämtlich beschäftigt waren, den Kriegern

das Material zu ihrer Bowle zu liefern und zwar auf eine ebenso

abscheuliche als nur diesen barbarischen Völkerschaften eigentümliche

Art. Sie kauten nämlich die Wurzeln einer Pfefferpflanze zwischen ihren

Zähnen zu Brei und spuckten diesen letzteren in die große Schale, von wo

er mit Wasser vermischt an das Feuer kommt und abgeklärt den »Kawa«, ein

sehr berauschendes Getränk, gibt.

Hinter den jungen Fidschianerinnen, also in der Nähe der versteckten

Weißen, lagen auf dem Gras, an Händen und Füßen gebunden, die gefangenen

Matrosen am Rande des Gebüsches. Es schien ganz leicht, sich diesen

Männern bis auf Schrittweite zu nähern, schwerer aber war es, ihnen ein

Zeichen zu geben, das nicht auch zugleich die Aufmerksamkeit der Wilden

erregte, -- unsere Freunde berieten leise, was zu thun sei.

»Jedenfalls soll erst das Getränk fertig und der Holzstoß zu Kohlen

verbrannt sein,« flüsterte Holm.

»Wir können also den günstigen Augenblick erwarten.«

»Aber wer schleicht sich hin? Ich kann es nicht thun, da sie mich für

einen Wilden halten und mir nie trauen würden.«

»Ich gehe, Rua,« flüsterte Franz. »Laß mich nur machen. Der Gefangene am

äußersten Ende der Reihe scheint mir ein Schiffsoffizier zu sein,

vielleicht der Kapitän selbst, -- ihm gebe ich mein Messer in die Hand.«

Der Malagasche nickte. »Ich schleiche um das ganze Dorf herum, bis

hinter den Tempel und schieße von dorther mitten in die

Räubergesellschaft hinein,« setzte er leise hinzu. »Die allgemeine

Aufmerksamkeit kehrt sich also jener Seite zu, -- unterdessen können die

Matrosen ihre Fesseln durchschneiden und ihr kommt auf der ganzen Linie

mit Erfolg heran.«

Franz reichte ihm die Hand. »Rua, wie willst du dich den Verfolgern

entziehen?« fragte er gepreßt.

»Ich? -- Die Hovas sind große Krieger, sie lassen sich von keinem Feind

besiegen.«

Der junge Halbwilde lächelte stolz und nahm seine Kugelbüchse in die

Hand. »Wenn drüben ein Papagei in Absätzen dreimal schreit, dann schieße

ich,« fügte er bei. »Aufgepaßt, mein Bruder, dein Freund wird seine

Sache gut machen!«

Er hatte auch das Hemd und die übrigen Waffen von sich geworfen; die

Büchse trug er wie einen Stock. Je mehr seine Fähigkeiten, sein Können

zur Geltung gelangen sollten, desto deutlicher trat die ursprüngliche

Natur in ihre Rechte zurück. Rua-Roa schüttelte das Haar in den Nacken,

seine schwarzen Augen glänzten, er verschwand wie ein Schatten den

Blicken der übrigen; binnen Sekunden hatten die Gebüsche den braunen,

schlanken Körper verschlungen.

Holm lachte. »Der Wilde steckt ihm doch noch tief im Blut,« raunte er.

»Ich wette, unser Freund verlebt, nachdem er mit Rock und Stiefeln die

aufgedrängte Kultur abgeworfen, einen wahrhaft beglückenden Tag.«

Auch die übrigen lächelten, indes sie geräuschlos ihre Schlachtlinie

ordneten. Franz hatte sich so aufgestellt, daß er, ohne selbst gesehen

zu werden, den Anführer der Gefangenen fixieren konnte. Sein Blick

haftete auf der Stirn des bleichen, düster dreinschauenden Mannes, bis

sich dieser, magnetisch gezogen vielleicht, halb umdrehte und in solcher

Weise plötzlich dicht vor sich den jungen Europäer gewahrte. Eben so

schnell aber hatte auch Franz den Finger auf die Lippen gelegt, eben so

schnell hatte der Gefangene begriffen, daß ein einziger Laut genügen

werde, um alles zu verderben. Er regte kein Glied, sondern sah mit dem

gewohnten Ausdruck abweisenden Ernstes vor sich hin, dabei aber immer

den unerwartet erschienenen Fremdling im Auge behaltend und jede seiner

Bewegungen beobachtend.

Die Fidschianer lagen ahnungslos rauchend um das Feuer herum. Sie

konnten sich ja nicht träumen lassen, daß in ihren nie von Weißen

betretenen Wäldern der Feind nur das Signal zum Kampfe erwartete, daß

die nächsten Minuten ein furchtbares Blutbad bringen sollten. Gerade

diese vollständige Ruhe sicherte den Weißen den Sieg.

Franz hatte sein Messer aus der Tasche gezogen und es dem Gefangenen

gezeigt. Jetzt bückte er sich, um es durch das Moos den gefesselten

Händen näher zu bringen. Ein Stöckchen schob nach, eine schlauberechnete

Wendung des Körpers deckte das Unternehmen, und der Schnitt durch die

scharfgedrehten Binsenstricke war glücklich vollbracht. Franz sah an der

Reihe seiner Genossen hinab, sie lagen alle im Anschlag, -- atemlos vor

Aufregung horchte er den verabredeten Zeichen.

Da trat einer der mit Turban und vielfachen Zieraten geschmückten

Priester aus der Mitte der übrigen hervor und näherte sich den

Gefangenen, deren einen er ohne Umstände an den Haaren ergriff und

gebunden, wie der Unglückliche war, nach sich schleifte. Franz fühlte,

wie ihm das Blut in allen Adern kochte; nur mit äußerster Anstrengung

bezwang er sich, nicht sogleich den kecken Übelthäter zu Boden zu

strecken, doppelt angestrengt aber lauschte er dem Signal, das Rua-Roa

zu geben versprochen hatte. So viele Papageien krächzten von den Bäumen

herab, -- wie würde es möglich sein, gerade den einen erkünstelten

Schrei aus der Menge natürlicher herauszuhören?

Die Priester hatten mittlerweile ihr Opfer seiner sämtlichen Kleider

beraubt und schritten nun zur Vollstreckung eines Greuels, wie es nicht

grausamer und fürchterlicher gedacht werden kann, wie es aber im Innern

der Fidschiinseln dennoch bis auf den heutigen Tag, nicht allein

Schiffbrüchigen und Kriegsgefangenen, sondern auch den eigenen

Stammesgenossen gegenüber Sitte ist. Jeder Häuptling bekommt als

Mahlzeit einen in sitzender Stellung gebratenen Menschen; der Gottheit

aber wird vorher ein Gefangener geopfert, dem man Arme und Beine vom

lebendigen Körper geschnitten, und den man gezwungen, Stücke seines

eigenen Fleisches zu verschlucken. Hierfür war der aus der Reihe der

übrigen hervorgesuchte Matrose, ein blutjunger Mensch, ausersehen, und

die Priester holten steinerne Messer sowohl als eine irdene Pfanne

herbei, um die entsetzliche Verstümmelung auszuführen, während sich der

unglückliche junge Mensch aus Leibeskräften gegen die Fäuste seiner

Angreifer sträubte und nicht unterließ, sie mit den ehrenrührigsten

Titeln zu überhäufen.

Franz sah von einem zum andern. Schon schwebte das Messer des Zauberers

über dem rechten Arm des jungen Matrosen, schon schrie dieser vor

Entsetzen laut auf, -- was sollte er thun, um das Fürchterliche

abzuwenden?

Da erklang der Ruf des Malagaschen. Franz hört sofort den bezeichnenden,

warnenden Klang, ein- -- zwei- -- dreimal, und zugleich mit dem letzten

fiel der verabredete Schuß. In den Kopf getroffen stürzte der Priester,

dessen Mordwaffe schon gehoben gewesen, um ein abscheuliches Verbrechen

zu begehen.

Tiefe Totenstille folgte dem Schrei des Getroffenen, der ersten Bewegung

jähen Erschreckens, das alle Wilden ergriffen hatte. Was war das? Woher

kam es?

Aber nur Sekunden währte die allgemeine Erstarrung, dann wandten sich

einige Häuptlinge, die Feuerwaffe erkennend, mit furchtbarem Wutgeschrei

jener Richtung zu, aus der Rua-Roa geschossen. Sie zogen die übrigen

nach sich, der ganze Haufe stürzte gegen die Hütten vorwärts, auch die

jungen Mädchen flüchteten schreiend, kurz, es war eine Szene

furchtbarster Aufregung und des wildesten Durcheinanders.

Jetzt mußte gehandelt werden, die Weißen sahen es alle. Ohne Kommando

fielen auf der ganzen Linie die Büchsenschüsse, während zugleich drinnen

der befreite Kapitän im Fluge die Fesseln seiner Leute durchschnitt und

so die Zahl der Kämpfenden um sechzehn Männer vergrößerte. Auch der zum

Kolanfest bestimmt Gewesene wurde mit Kleidern und Waffen versehen; die

nach allen Seiten flüchtenden, ratlosen, unbewaffneten Wilden erhielten

noch eine zweite Salve, die gleich der ersten nur in ihre Beine traf,

ohne sie zu töten; dann aber benutzten unsere Freunde den Augenblick

panischen Schreckens, um so schnell als möglich zu fliehen. Ein

Papageienruf klang ihnen vom Dorf her nach, laut und spöttisch, nah und

näher, bis endlich der Malagasche aus dem Gebüsch hervorbrach mit

blutenden Armen und Schultern, aber mit triumphierenden Blicken, über

dem Kopf eine Anzahl Wurfspieße schwenkend, die er vom Tempel

herabgerissen, ganz Wilder, ganz der Sohn des Urwaldes. »Ich habe den

Tempel in Brand gesteckt,« rief er, »und das Gewehr liegen lassen, um

die Aufmerksamkeit der Menschenfresser einstweilen abzulenken. Hier

hinunter, hier, -- in fünf Minuten können wir das Riff erreichen,

während uns jene auf der anderen Seite suchen.«

Er stürmte voran und die übrigen drängten nach, nicht ohne von einzelnen

Fidschianern verfolgt zu werden, die aber durch ein paar Kugeln sehr

bald allen Mut zu weiteren Feindseligkeiten verloren und hinkend und

blutend zum Dorfe zurückkehrten. Es konnte indessen nicht zweifelhaft

sein, daß sogleich, nachdem die erste Verwirrung besiegt, auch der ganze

Stamm den Flüchtigen nachsetzen würde; die größte Eile war daher

geboten.

»Wir sind nicht weit vom Ufer entfernt,« rief der Malagasche. »Ich stieg

auf einen Baum und sah dabei ziemlich nahe die See durch das Gebüsch

schimmern. Rasch, rasch, dann erreichen wir das Korallenriff, ehe uns

die Kerle mit ihren langen Schleppen einzuholen vermögen.«

Die ganze Schar folgte der angedeuteten Richtung; schon nach kaum

hundert Schritten blitzte im Sonnengold hinter dem Riff der Ozean auf;

eine weite freie Bucht dehnte sich bis tief in das Land hinein, an

Pflöcken und Baumstämmen lagen hoch heraufgezogen die schönen, schlanken

Doppelkähne der Fidschianer.

»Hurra!« rief Franz, »Hurra, die Ausbeute ist größer, die That

ruhmvoller, als man denken sollte! -- Wir nehmen die Boote der Wilden

und drehen ihnen vom Wasser her eine Nase.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall; über Hals und Kopf wurden die

Taue gekappt, jeder Mann bestieg eins der schlanken Fahrzeuge, und die

übriggebliebenen nahm man, um das Nachsetzen erfolgreich zu verhindern,

ins Schlepptau. Es war aber auch die höchste Zeit. Kaum trieb die

seltsame Flotte in der Entfernung von etwa fünfzig Schritten auf hoher

See, als aus dem Walde die ganze Masse der Kannibalen hervorbrach und

mit einem Gebrüll, das nichts Menschliches hatte, ihre Opfer sich

entgangen sah. Zugleich sollten auch die Kähne verloren sein; das raubte

den Fidschianern alle Überlegung, einige stürzten sich blindlings,

heulend vor Wut, ins Meer, um die Flüchtigen zu verfolgen, andere

tanzten buchstäblich wie die Verrückten am Ufer auf und ab; alle aber

schrieen, daß es klang, als sei eine Herde von Teufeln losgelassen.

Der alte Steuermann bemühte sich voll Ingrimm, mittels des Ruders den

Doppelkahn zu lenken; der nebenher schwimmende Klotz ärgerte ihn über

alle Maßen, und als jetzt einer der Fidschianer seinem Fahrzeug ziemlich

nahe kam, da legte er erbost die Kugelbüchse auf ihn an. »Warte, du

Satan, mit dem Schrecken sollst du davon kommen; aber für deine Art,

Kähne zu zimmern, will ich dir doch einen Denkzettel geben.«

Er zielte und schoß den Turban vom Kopf des Wilden, der vor Schreck

tauchte und erst nach einer Minute in ziemlicher Entfernung wieder zum

Vorschein kam. Die Weißen begrüßten mit lautem Hurra den allgemeinen

Rückzug des farbigen Rachekorps um so mehr, als jetzt auch der Dampfer

in Sicht kam und zum Zeichen des Erkennens einen langhallenden

Kanonenschuß über das Meer dahinsandte. Die Antwort wurde mittels

hochgeschwungener Taschentücher und Hüte gegeben, nur Rua-Roa konnte

nichts dergleichen schwenken, weil er bei seiner Pfadfinderexpedition

alles von sich geworfen hatte und ganz als Wilder den Doppelkahn

regierte. Die Matrosen fischten indessen glücklich den Turban des

Fidschianers und überreichten ihm diesen, der nun tröpfelnd vom Kopf bis

zur Kniebeuge herabhing; es war eine Szene ausgelassener, nach dem

überstandenen Schrecken um desto lebhafter hervortretender Heiterkeit,

die gerade durch den ohnmächtigen Zorn der Eingebornen ihre höchste

Würze erhielt. Während diese in großen Sprüngen am Ufer den Weg der

Boote begleiteten, und während das Schiff in langsamer Majestät den

heimkehrenden Reisegenossen entgegenkam, berieten die Führer, was mit

den Booten der Wilden zu machen sei.

»Wir überlassen sie ihrem Schicksal,« meinte Holm.

Hans protestierte. »Das dürfen wir nicht, Karl. Auch Kannibaleneigentum

ist heilig.«

»Aber wie wolltest du es denn einrichten, mein Lieber?«

»Wir binden die Kähne wie einen Rattenkönig zusammen,« versetzte der

junge Mann. »In unser eigenes Boot steigen sodann sechs Mann mit

geladenen Gewehren, die das ganze kleine Geschwader an Land bringen,

wenigstens bis an das äußere Riff. Die Wilden werden unter der

unmittelbaren Gefahr der Bleikugeln keinen Angriff wagen.«

Doktor Bolten stimmte ihm bei. »Hans hat recht,« entschied er. »Gerade

die menschlichen Bestien, welche im Begriff waren, ihrem Nächsten das

Leben zu stehlen, gerade diese müssen sehen, daß wir die Besitzrechte

anderer respektieren.«

Der Malagasche schüttelte den Kopf. »Diesen Kahn und die Ruder und

sämtliche Waffen behalte ich!« sagte er keck. »Sie sollen in das Museum

in Hamburg.«

Der Kapitän lachte. »Nun gut,« warf er ein, »so wollen wir die Sache

ausgleichen. Durch das große Boot von der »Eintracht« haben wir ein

solches zu viel an Bord, das mag mit einigen anderen Geschenken den

Wilden in Tausch gegeben werden, nicht wahr? Sie besitzen dann ein

Erinnerungszeichen an den Tag des verunglückten Menschenopfers.«

»Und wir haben einen höchst interessanten Doppelkahn von Viti-Levu nebst

Wurfwaffen aus Holz mit Menschenknochen!« rief der junge Gelehrte, jetzt

erst die erbeuteten Spieße genauer betrachtend. »Ich kenne sie freilich

schon aus verschiedenen Sammlungen, aber diese hier sind ganz besonders

schön.«

Er zeigte den übrigen die langen, aus steinhartem Holz gefertigten,

braun gebeizten und in schauerlicher Weise verzierten Speere. Nach oben

rund und kolbenartig zulaufend, hatten mehrere ein strahlenförmig

befestigtes Bündel von Knochensplittern, deren mittlere fußlang und die

äußeren von Reihe zu Reihe etwas kürzer waren, während andere platt und

länglich an beiden Seiten eingelassene Zähne zeigten: alles schwere

Waffen, die den einmal Getroffenen unfehlbar töten mußten.

Der Dampfer war unterdes herangekommen, die Reisenden gingen an Bord und

ließen nur so viele Matrosen, als zur Befestigung der Kähne notwendig

waren, einstweilen unten. Im Boot der »Hammonia« brachten dann zehn

Bewaffnete, die Kugelbüchsen beständig im Anschlag, sämtliche Fahrzeuge

mit Einschluß des vertauschten an Land, ohne daß die Wilden irgend eine

Feindseligkeit gewagt hätten. Als ihre Kähne von den Weißen verlassen

waren, fielen sie wie ein Bienenschwarm darüber her; das fremde Fahrzeug

schien sogleich ein Gegenstand erbitterten Streites zu werden, ja, ehe

noch der Dampfer die hohe See gewonnen hatte, rauften sie sich schon

untereinander auf das lebhafteste.

Jetzt erst, nachdem die Gefahr vorüber und völlige Sicherheit

zurückgekehrt war, kam es zwischen den Geretteten und ihren Rettern zu

Mitteilungen. Rua-Roa blieb der Held des Tages, obgleich ihm Holm

lächelnd riet, den zivilisierten Menschen wieder anzuziehen; er

erzählte, daß im Dorf die Weiber und Kinder ihn für einen bösen Geist

gehalten haben müßten, da sie bei seinem Erscheinen mit dem Gesicht auf

den Fußboden gefallen und vor Schreck liegen geblieben seien, jetzt aber

schien er sich doch seines früheren Rausches einigermaßen ungern zu

erinnern und schlüpfte eilends in die Kajütte, um Toilette zu machen.

Der Kapitän der »Eintracht« berichtete, daß er von Bremen nach Lewuka,

der Hauptstadt von Viti-Levu, bestimmt gewesen und daß er mit seinen

Leuten die brennende Bark habe verlassen müssen, um nur das nackte Leben

zu retten. Vom Erd- oder besser gesagt vom Seebeben hatte er nichts

bemerkt, sondern nur von dem heftigen Gewitter, dessen erster Schlag den

Großmast zersplitterte und das ganze Schiff in Brand setzte; er

erzählte, daß ihn und die Seinen jene räuberischen Wilden nach einer

unter allen Qualen des Durstes im Walde vollbrachten Nacht am heutigen

Morgen aufgegriffen und zum Opfer bestimmt hätten, daß man ihnen

keinerlei Nahrung gereicht und sie gänzlich ausgeplündert. Trauringe,

Taschenmesser, Portemonnaies, Schlüssel, Taschenbücher, ja sogar die

Papiere des verbrannten Schiffes, alles war in den Händen der

Fidschianer geblieben.

Man beschloß daher, Lewuka anzulaufen und hier die Geretteten den

zuständigen Behörden unter Mitteilung aller Einzelheiten ihrer

Auffindung zu überliefern; das paßte auch Holm und den jungen Leuten

gut, da sie bei der schleunigen Flucht aus dem Walde auf jede Ausbeute

für ihre wissenschaftlichen Zwecke hatten verzichten müssen. Als das

Schiff nach wenigen Tagen den sicheren, hübschen Hafen erreicht hatte,

als auf derselben Insel, die in ihrem entlegenen, bergigen Innern noch

Kannibalen beherbergte, jetzt eine elegante Stadt mit schönen Gebäuden

und glänzenden Läden sich zeigte, da begriffen sie kaum, wie auf

verhältnismäßig so engem Raume solche Gegensätze nebeneinander bestehen

konnten. Hier ließ sich ein Ausflug in die nächste Umgebung ohne alle

Gefahr wagen, nur ein paar Eingeborne wurden mitgenommen, um als

Lastträger zu dienen.

Wie schön war die Landschaft ringsumher! Wie belebt von großen

Schmetterlingen, von Riesenspinnen, Skolopendren und Käfern, von Tauben,

Drosseln und Kakadus. Auf einer grünen Ebene sahen unsere Freunde sogar

Termitenbauten, die Holm als bewohnt erkannte. Diesen Fund wollte er

sich natürlich nicht entgehen lassen. Es wurde Halt gemacht und man

bearbeitete mit kurzen Beilen die Hügel so lange, bis der innerste

Mittelpunkt derselben, die Wohnung der Königin, den Blicken bloßgelegt

war. Ein Geschöpf, so seltsam wie kein anderes, kam zum Vorschein, das

Termitenweibchen mit dem zum unförmlichen Sack verlängerten Hinterkörper

der Tausende von Eiern barg und wenigstens viermal so groß erschien als

das Tier selbst. Nachdem unsere Freunde diesen Fang in Sicherheit

gebracht, verließen sie das Termitendorf, um nicht mit den Bewohnern

desselben in Konflikt zu geraten. Noch wurden große Fruchttauben,

schwarze Glanzstare und viele andere Tiere erlegt, auch eine grün und

rot gefleckte große Wanzenart.

Fünfzehntes Kapitel.

Nach mehrtägigem Aufenthalt, nach beglückendem Stillleben inmitten der

abenteuerreichen Reise wurde die Fahrt nach den Samoa- oder

Schifferinseln fortgesetzt, zunächst nach Tutuila, einem schönen Garten

gewissermaßen, wo die Eingebornen, nackte, hellfarbige Polynesier, in

regelrecht gebauten Dörfern lebten und sowohl Landwirtschaft als

Viehzucht betrieben, obgleich ihnen Schafe, Ziegen, Hunde und Schweine

erst aus den Kulturländern zugeführt worden waren. In den dichten

Palmenhainen standen unter grünem Blätterdach die hübschen, runden

Hütten, neben denen Ställe aus Bambus, Vorratsschuppen und wohlgepflegte

Gärten das Auge angenehm berührten. Wo sich offene Stellen zeigten, da

waren Yams, Taro, süße Kartoffeln oder Gemüse und Gewürze angebaut,

während in den Wäldern die aus Steinen errichteten Feuerstellen durch

ihre reichliche Asche verrieten, daß unablässig Palmöl gekocht wurde.

Alle diese gutmütigen Menschen schienen große Freunde von Tieren,

namentlich Geflügel, das in ganzen Massen jeden Hausstand belebte.

Scharen stolzer Hühner, Pfauen, Tauben und Fasanen bewohnten den Hof,

Papageien, zahm wie bei uns, hingen in Holzkäfigen, und allerlei

Singvögel schmetterten lustig vom Dach herab.

Obgleich die Eingebornen meistens nur mit dem Gürtel einhergingen, so

gab es doch für sie auch einen Staatsanzug, der bei festlichen

Gelegenheiten übergeworfen wurde, und der bei den Männern aus einem

Gewand von den Blättern der Drauma, bei den Frauen aus einem Mantel von

weißem Faserwerk bestand. Eines Morgens erschienen sie sämtlich in

diesem Kostüme; durch die Dorfstraße ging ein Mann mit einem großen,

hohlen Holzklotz, auf dessen Boden er mit zwei Stöcken taktmäßig schlug

und dadurch die Reisegefährten auf etwas Außergewöhnliches vorbereitete.

Sie wohnten hier für die Tage ihres Besuches mitten unter den

Eingebornen, schliefen auf Matten aus feinem Flaum, aßen die

bescheidenen Gerichte außer dem auch hier beliebten Palolo und sammelten

ebensowohl die verschiedenen Arten vulkanischen Gesteins als der

einzelnen kleineren Pflanzenformen und Insekten, -- jetzt aber war alles

das vergessen. Schleunigst folgten sie dem Trommler zu einer mäßigen

Anhöhe vor dem Dorfe, wo bereits der Häuptling mit seinem Hofnarren

Platz genommen hatte, und wo sich junge Mädchen und Burschen mit dem

beliebten Ballspiel unterhielten.

Aller Köpfe schmückten granatrote und weiße Blüten; die Männer hatten

sich durch an Brust und Rücken befestigte Palmenzweige auf das

wunderlichste herausgeputzt; Frauen und Kinder trugen die langen,

zottigen Mäntel, in denen sie wie vermummt erschienen. Die

possierlichste Figur bildete der Hofnarr, den bunte Federn, Steine,

Blumen, ausgeschnittene Stücke Perlmutter, aufgereihte Muscheln und die

greulichsten Malereien in einen menschlichen Teufel verwandelten. Er

verbarg sein Gesicht hinter einer ungeheuren, gelb und rot bemalten

Maske mit ellenlangem Flachshaar, er tutete auf einem hölzernen,

gewundenen Instrument und vollführte die seltsamsten Sprünge, wobei sich

sein überall angestrichener Körper wie der eines Verrückten drehte und

wendete.

Dieser Narr war keineswegs ein Priester oder Zauberer, sondern lediglich

für die Unterhaltung des Königs bestimmt; er durfte alles thun, was ihm

eben einfiel, selbst den alten Monarchen necken oder am Ohr zupfen, die

Kinder in Schrecken setzen und den Ort, wo des Häuptlings Hütte stand,

nach Belieben betreten. Für alle übrigen war die unter hohen, alten

Brotbäumen belegene Stelle unzugänglich; es lag auf ihr das »Tabu« oder

die Heiligsprechung, welche fast allen Südseeinseln, einschließlich

sogar des großen Neuseeland, eigentümlich ist. Die Wohnungen der

Priester und Häuptlinge, die Tempel und zuweilen ganze Orte sind tabu,

d. h. der gemeine Haufe darf sie nicht betreten, er wird durch dies

Gesetz von jedem Mitbesitz, jedem Recht ausgeschlossen. Wie viel

Mißbrauch daraus entsteht, ist begreiflich, weil eben jeder Gegenstand,

den die Mächtigen, Reichen für sich zu behalten wünschen, bis herab auf

einen besonders schönen Fruchtbaum, eine Hütte oder ein Tier, einfach

für tabu erklärt und dadurch der Berührung entzogen wird.

Die Wohnung des alten Königs lag patriarchalisch-friedlich im Schatten

hoher Bäume, während rings anstatt jeder Einfriedigung kreuzweis

gebundene Palmenzweige die geheiligte Grenze bekundeten. Beide

Majestäten, der Häuptling Le-Le und seine Gemahlin Li-Ho saßen auf

kostbaren, von weißen und bunten Federn zusammengesetzten Matten mit

untergeschlagenen Beinen und ziemlich gleichgültigen Gesichtern, die

sich selbst bei den Kapriolen ihres Narren nur sehr selten zum Lächeln

verzogen. Als sich die weißen Gäste dem Herrscherpaare unter

Überreichung verschiedener, sehr anständiger Geschenke vorstellten, da

geschah etwas für die Einwohner des Dorfes nie Dagewesenes; König Le-Le

hob den Fremden zu Ehren das Tabu seines Hauses auf und lud alle ein,

sich neben ihn zu setzen und mit ihm aus einer Schüssel zu speisen.

Letztere Vergünstigung hatte allerdings wenig Lockendes, denn das Gefäß

bestand aus einem Holznapf und der Inhalt aus gerösteter Yamswurzel,

wobei mittels spitzer Holzstückchen gegessen wurde, während sich die

Teilnehmer des Schmauses um die auf dem blanken Fußboden stehende

Schüssel gruppierten; dennoch aber erwiesen sich unsere Freunde äußerst

höflich, so daß nach und nach der alte Le-Le ganz vertraulich wurde und

vor allem die Weißen bat, ihm doch gegen seine quälenden rheumatischen

Schmerzen ein Zaubermittel zu schenken, er wolle dafür auch alles, was

ihnen etwa erwünscht sei, sogleich zur Verfügung stellen.

Während draußen die Jugend den Mekitanz aufführte, Ball spielte,

Taubenschießen hielt und endlich das Fest des Tättowierens beging (die

Weißen kannten es von Australien her), kramte der alte Häuptling unter

seinen Sachen und förderte Schätze zu Tage, die sowohl Holm als auch die

jüngeren Besucher förmlich entzückten.

»An Bord haben wir noch verschiedene Büchsen mit Opodeldok und

Nervensalbe,« meinte der Doktor; »damals in Hamburg nahm ich's für alle

Fälle mit, und jetzt kann es diesem alten Herrn wenigstens als

Linderungsmittel dienen. Tauscht nur in Gottes Namen ein, was ihr wollt,

morgen schicke ich einen Boten mit ein paar Worten an den Kapitän nach

Pangopango, wo dann die Kleinigkeiten verabfolgt werden.«

[Illustration: Beim Häuptling von Tutuila.

»Die Wohnung des alten Königs lag patriarchalisch-feierlich im Schatten

hoher Bäume ...«]

Das übersetzte der als Dolmetscher mitgenommene Eingeborne dem alten

Häuptling, welcher indessen von solcher Verzögerung nichts wissen

wollte. »Einer seiner Sklaven könne gleich hinlaufen,« antwortete er,

weshalb denn der Doktor ein Blatt aus der Brieftasche riß und unter

andächtigem Staunen aller die Bitte an den Kapitän niederschrieb. Der

junge Bursche erfaßte das Blatt mit den fremden, zauberhaften Strichen

so zaghaft, als sei es heißes Eisen, dann aber, nachdem er für etwaiges

Verlieren oder Versäumen auf kürzeste Weise mit dem Tode bedroht worden

war, machte er sich schleunigst davon, indes nun der Häuptling,

wahrscheinlich um den Zauber wirksam zu erhalten, seinen Gästen

schenkte, was sie eben zu besitzen wünschten, eine Tapa aus Perlmutter,

Federn und Pflanzenfasern, in der er früher als junger Mann den Mekitanz

mitgemacht, und die, wie eine Art von faltigem Mantel, am Hals

beginnend, über Brust und Rücken herabfiel, während die Arme frei

blieben und der Kopf hindurchgesteckt wurde, -- einen hölzernen,

schöngeschnitzten Schläger, eine Rolle Bast des Papiermaulbeerbaumes,

ein Steinbeil mit Holzgriff aus uralter Zeit, ehe noch das Eisen von

Europa und Amerika eingeführt worden, und ein eben so altes, vom Vater

auf den Sohn vererbtes Tättowierinstrument, von dem freilich Seine

Majestät berichtete, daß es aus Menschenknochen hergestellt sei.

Scharfe, kammartige Spitzen waren an einem Schildpattgriff befestigt und

das Ganze sehr alt, es hatte vielleicht Jahrhunderte lang gedient, um

die Zeichen der Häuptlingswürde den zuckenden Gliedern einzuprägen,

jetzt aber war seine Laufbahn beschlossen. »Die Häuptlinge lassen sich

nicht mehr tättowieren,« setzte Le-Le hinzu, »sie sind fast alle

Christen, -- ich bin es auch.«

Unsere Freunde hüteten sich, daran zu zweifeln. Der gute, jeden

Augenblick vor Schmerz blinzelnde alte Mann war zwar durchaus ein

Wilder, aber dennoch mochte das Christentum viel dazu beigetragen haben,

auf seinem Gebiet so geordnete wirtschaftliche Zustände ins Leben zu

rufen.

Der Kamm aus den Knochen geschlachteter und von früheren Generationen

ohne Zweifel verzehrter Menschen wurde als Andenken vergangener, hier

für immer besiegter Greuel dankbar entgegengenommen, ebenso die Spenden,

welche jetzt Li-Ho, die Königin, denen ihres Gemahls hinzufügte, ein

Stirnband ihrer Mädchentage aus aufgereihten, geschliffenen

Rosamuscheln, »Pale« genannt, nur den Töchtern und Frauen der Häuptlinge

gestattet, -- die dazu gehörigen Armringe und die »Fau«, ein Gewand aus

den Blättern des Papiermaulbeerbaumes, das um den mittleren Teil des

Körpers bei hohen Festlichkeiten getragen wird, ebenso lange, über Brust

und Rücken herabhängende, mit vielen Perlmutterstückchen verzierte

Schnüre aus Menschenhaaren.

Das alte Paar hatte keine Kinder, es sah also seine Heiligtümer recht

gern in solche Hände übergehen, die wenigstens den empfangenen Wert zu

schätzen wußten; erst spät, nachdem nochmals bei der Beleuchtung langsam

brennender, halbdürrer Blätter (die auf den Samoainseln als Lampen

dienen) der wunderliche Mekitanz, ein wahrer Höllenreigen

halbbekleideter und nicht selten vom Kawagenuß mehr als halbberauschter

Gestalten, vollführt worden war, spät am Abend unter Sternenschein und

dem sanften Wehen des Nachtwindes kehrten die Fremden durch den

Palmenwald zu ihrer Hütte zurück. Auf diesen glücklichen Inseln, wo man

arbeitete, um zu essen, wo die Natur reichlich spendete, was eine

geringe Bevölkerung verbrauchte, wo weder wilde menschliche

Leidenschaften noch gefährliche Raubtiere den Frieden störten, auf den

schönen, von mildester Luft durchhauchten Inseln mußte es sich leben wie

einst im Paradiese; selbst die Angehörigen des Kulturstaates rasteten

hier beglückende acht Tage, indem sie das Eiland nach allen Richtungen

durchforschten und von den friedliebenden Einwohnern alle möglichen

Gebrauchsgegenstände gegen Eisenwaren und bares Geld erhandelten, --

Holzgeräte, Perlenschnüre, Waffen, die ungeheuerlichen Beratungsmasken,

hölzerne Kopfkissen, Farben und geschnitzte Formen, mittels derer das

Grün und Rot den Stoffen aufgedruckt wird. Für den Häuptling kamen von

Pangopango nicht allein die versprochenen Medikamente, sondern Franz

ließ auch die Zimmerleute, mit Gerät und ein paar großen Glasscheiben

ausgerüstet, vom Kapitän erbitten, worauf dann die Hütte Le-Les das

wirksamste Mittel gegen Rheumatismus, nämlich dichtschließende Wände,

Thüren und Fenster erhielt. Letztere beide Gegenstände waren den

Dorfbewohnern durchaus fremd, sie gingen fortwährend an der königlichen

Behausung vorüber, um das Wunder der Fensterscheiben anzustaunen,

während Le-Le seinerseits nicht müde wurde, von außen und innen das Glas

zu betasten und sich selbst zu fragen, ob es denn wirklich möglich sei,

daß man einen festen, harten Gegenstand vor sich habe und doch

hindurchschauen könne, als sei dieser nur leere Luft.

Die geschenkten Wolldecken, die Medikamente und die erhöhte Wärme in der

jetzt überall wohlverwahrten Bambushütte bewirkten so angenehme

Veränderung, daß der alte Häuptling den Abschied von seinen weißen

Wohlthätern wie einen wahren Verlust empfand. Mehrere Knechte mußten

ihnen die schönsten, erlesensten Früchte, die seltensten Vögel und

Pflanzen bis Pangopango nachtragen, und so verließen sie eines Tages,

von wohlwollenden Wünschen begleitet, das kleine paradiesische Eiland,

um dafür die Insel Sawaii, die hochgelegene, einem breiten Felsrücken

gleichende, unzugängliche größte Insel der Samoagruppe, aufzusuchen.

Auch Tutuila hatte Berg an Berg; auch hier befanden sich thätige und

erloschene Vulkane; lag doch der kleine Hafen Pangopango zwischen 250

Meter hohen Felswänden; dazwischen aber befanden sich reizende,

fruchtbare Thäler mit üppig tropischer Vegetation, während auf Sawaii

neben vorhandenem Wassermangel der entschieden schroffe Gebirgscharakter

mehr hervortrat.

Es ist bekannt, daß um die Insel Sawaii herum ein Korallenriff ohne

Unterbrechung fortläuft und daß Schiffe keinen Hafen finden. Unsere

Freunde besuchten mittels des Bootes die Ostküste, wo alles von braunen,

nackten Klippen und Geröllen starrte. Über ihnen erhoben sich die

ungeheuren Kuppen der Gebirge, unter ihnen dröhnte der hohle, von

vulkanischen Erschütterungen gehobene und zerrissene Boden; stellenweise

grünte kein Halm und sang kein Vogel, die ganze Umgebung war mit Blöcken

von Lava und Gestein überdeckt. An anderen Punkten ragte dichter,

ununterbrochener Hochwald, in dem sich wie auf Tutuila die Palmen am

meisten vertreten fanden.

»Wir wollen uns hier nicht aufhalten,« hatte Holm gesagt. »Nicht nur

alle Samoainseln, sondern überhaupt alle im Großen Ozean besitzen eine

in den wesentlichsten Punkten übereinstimmende Tier- und Pflanzenwelt,

die zwar nach dem Äquator hin üppiger und artenreicher wird, sonst aber

doch die gleiche ist. Neues, anderes begegnet uns nicht, auch wenn wir

alle Häfen anlaufen; laßt uns daher erst auf Opolu längere Rast machen

und dort Felsen besteigen, dort die Schlünde und Untiefen alter Krater

durchforschen, namentlich da hier die wenigen Bewohner an der Nordküste

leben und für uns weder Führer noch Lebensmittel aufzutreiben wären.«

Der Vorschlag wurde angenommen und die beschwerliche Kletterpartie über

ungangbare Pfade nach wenigen Stunden wieder aufgegeben. Schöne,

malerische Felshöhlen hatten die Reisenden gesehen, eine großartige,

wildromantische Natur, ein selten berührtes einsames Gebiet, auf dem

fast alles noch ursprünglich und von keiner Kultur beeinflußt erschien;

aber lebende Wesen waren ihnen außer vielen Strandvögeln nicht begegnet.

Ein eigentümliches Gefühl beherrschte die Teilnehmer der jetzt gegen

drei Jahre dauernden Weltreise, als sie von Sawaii aus wieder an Bord

gingen. Auf Opolu wartete ihrer ein halbes Zuhause; bekannte,

befreundete Gesichter würden sie empfangen, deutsche Laute, deutsches

Wesen ihnen entgegenkommen; da war der Name Gottfried in jedermanns

Mund, da standen die großen Faktoreien des Hamburger Handelshauses und

hatte deutsche Bildung, deutscher Unternehmungsgeist aus der Wildnis ein

kleines, blühendes Gemeinwesen erschaffen, eine hübsche Stadt, die ihre

Bewohner gut ernährte, und von wo aus sich europäische Gesittung

erfolgreich immer weiter verbreitete. Aber mehr als alles das! -- Die

Söhne des Gottfriedschen Hauses würden hier in ihrem Eigentum sein, auf

väterlichem Grund und Boden wohnen, höchst wahrscheinlich sogar auch

mehrere Schiffe der väterlichen Firma antreffen, -- das ließ die Herzen

höher schlagen, das stimmte weich und fröhlich, wie man es seit langer

Zeit nicht empfunden hatte.

Schon folgenden Tages kam Opolu in Sicht, schöner als irgend eine Küste,

der die Vielgereisten bis dahin begegnet waren. Das erste, was die

Blicke aller magnetisch fesselte, war ein Wasserfall. Von schwindelnder

Höhe herab und in die krausbewegten Meereswellen fiel ein mächtig

breiter Wasserstrahl über eine natürliche Terrasse aus Felsen, die ihre

Vorsprünge und Klippen, ihre Pfeiler und Stufen nur vorzustrecken

schien, um den Lauf des flüssigen Elementes in hundert und aberhundert

Einzelwege zu teilen, in Ströme und Bäche, die sich dennoch um einige

Stufen tiefer wieder zum Ganzen vereinten, breiter und breiter,

schäumend, rollend und donnernd, ewig verändert und ewig dasselbe,

wunderbar schön im Sonnenglanz, blau und golden überhaucht, ein

lebendes, bewegliches, majestätisches Etwas, von dem sich das Auge nicht

wieder loszureißen vermochte, zu dem es zurückkehrte, so oft auch andere

landschaftliche Schönheiten versuchten, mit diesem höchsten Reiz des

Bildes zu konkurrieren.

Hoch über der schäumenden, silberhellen Welt erhob sich die Reihe

erloschener Vulkane, auf deren einst so verderbenbringenden Gipfeln

heute die Riesen des Waldes ihre grünen Arme ausstrecken, wo Palme an

Palme den schlanken Stamm wiegt und Blätter und Blüten im Winde

flüstern. Bis in die Wolken hinein, unerreichbar dem Blick, ragte der

Krater Tafna, der Riesenwächter, der uralte ernste, der höchste Punkt

auf viele Meilen ringsumher.

Schweifend, ziellos wanderte von Schönheit zu Schönheit der entzückte

Blick. Rauschender Hochwald im ewigen Blau beginnend und allmählich sich

senkend, stufenweise vom hellsten bis zum dunkelsten Grün schattiert in

tropischer wechselnder Fülle; darunter der Wasserfall und tiefer im Thal

das Städtchen von fester Kaimauer umzogen, mit friedlichem Hafen, mit

Kirchen und hohen ragenden Bauten, versteckt im Laubgrün, geschmückt mit

bunten Wimpeln wie mit großen, leuchtenden, weithin sichtbaren Blumen im

Kranze. Allen voran wehte von hoher Stange an einem weißen Hause unweit

des Hafens die hamburgische Flagge -- rotweiß in heller Pracht glänzten

die heimatlichen Farben den Augen der Näherkommenden entgegen; jetzt

wurden am Kai auch Menschen sichtbar, der Kapitän begrüßte mit drei

Kanonenschüssen die Kolonie seines Chefs, und von einem anderen im Hafen

liegenden Dampfer schallte Antwort zurück. Auch das war ein

Gottfriedsches Schiff, dessen Steuermann die »Hammonia« erkannte und zur

Bewillkommnung derselben ein Boot ausschickte.

Deutsche Worte schallten herauf; hier und da feierten zwei Matrosen ein

Wiedersehen; am Strande hatten sich auf die erste Nachricht vom

Eintreffen des Naturforscherschiffes auch schon mehrere Angestellte des

Gottfriedschen Hauses eingefunden, und bald sahen sich die Weltumsegler

von Bekannten umringt, hörten die jungen Leute Worte des Erstaunens wie:

»Ist das Hans? Unmöglich! Nur seine Augen sind's, der blasse Junge ist

ja ein brauner Jüngling geworden!« -- oder: »Herr Franz, darf man noch

du sagen? Sie sind wahrhaftig dem Herrn Papa über den Kopf gewachsen!«

»Und das ist der Hova mit dem unmöglichen Namen!« rief ein dritter, dem

verlegenen Malagaschen kräftig die Hand schüttelnd. »Willkommen, junger

Herr, Sie werden finden, daß man in Hamburg bestens für Ihre Zukunft

gesorgt hat. Bleiben Sie bei uns oder gehen Sie mit nach Europa?«

So schwirrte es durch einander, und während dessen waren die Reisenden

ausgeschifft und ans Land gestiegen. Die Packhäuser, welche sich hier

stattlich und gedehnt den Blicken zeigten, bildeten gleich einen Teil

des Gottfriedschen Eigentums, und eine Menge von farbigen Arbeitern ließ

den Umfang des Geschäftsbetriebes erkennen. In helle, leichte Stoffe

gekleidet, Strohhüte auf den Köpfen und mit dem Wesen zivilisierter

Menschen gingen hier mehr als hundert Polynesier aus und ein, Fässer und

Ballen rollend, Wagen abladend oder an Neubauten arbeitend, kurz alles

verriet das fröhliche Wachsen der Kultur, den Aufschwung, welchen die

Verhältnisse der Insel, sämtlichen anderen voran, dauernd nahmen.

Man konnte glauben, sich in einer kleinen deutschen Stadt zu befinden.

Überall Läden, hübsche Wohnhäuser, gut erhaltene Straßen und Fuhrwerke,

nette Gasthöfe und größte Sauberkeit der Bewohner. Die jungen Leute

bezogen Zimmer in dem großen Verwaltungsgebäude ihres Vaters und wurden

von den Familien seiner Angestellten natürlich wie liebe Freunde

aufgenommen. Einer derselben hatte sich vor Jahr und Tag eine junge

Hamburgerin nach Opolu heimgeholt, und in eben dieser liebenswürdigen

Wirtin erkannten die Gottfrieds eine ehemalige Schulgenossin von der

Fibelzeit her; man feierte mit deutschem Wein und deutschem Händedruck

das Wiedersehen, dem dann eine tüchtige, nach Hamburger Art bereitete

Mahlzeit folgte; die Gäste kamen gar nicht zu sich, da doch auch so

viele Briefe gelesen werden mußten, da hier und da ein deutscher

Landsmann einsprach, um die Weitgewanderten, Langerwarteten zu begrüßen;

kurz, der Tag hätte doppelt so lang sein können und wäre doch für alle

diese verschiedenen angenehmen und erfreuenden Eindrücke noch nicht lang

genug gewesen.

Erst am folgenden Morgen gewannen unsere Freunde Zeit, ein wenig Umschau

zu halten. Sie hatten in einem mit allen Bequemlichkeiten des

verfeinerten Daseins ausgestatteten Zimmer geschlafen, hatten Kaffee und

frisches Brot gefrühstückt, auch die heutige Nummer des

»Samoan-Reporter« dazu erhalten, mit einem Wort, sie fühlten sich, wie

Franz lachend behauptete, unterwegs zur fast eingebüßten Ordnung

zivilisierter Menschen; sie wollten sogar nach jahrelanger Entsagung

heute, als an einem Sonntag, die Kirche besuchen und standen am Fenster,

um den Strom der Vorübergehenden zu beobachten.

»Alle Welt scheint diesem Gottesdienst beiwohnen zu wollen,« sagte

Franz. »Man sieht vornehm und gering in seinen besten Kleidern, --

herrscht hier ein so religiöser Sinn, Herr Frank?«

Der Buchhalter schüttelte den Kopf. »Es ist sonst leider nicht immer so,

Herr Gottfried, -- aber heute, wissen Sie, da will im nationalen Gefühl

kein Deutscher und aus Neugier kein Amerikaner oder Eingeborner gefehlt

haben.«

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 15 / 21 题