Franz sah ihn an. »Heute? -- Warum gerade heute mehr als sonst?«

Der Buchhalter schlug sich vor die Stirn. »Ja du lieber Gott, Sie kommen

direkt aus der Wildnis und können daher nicht wissen, was inzwischen die

zivilisierte Welt aller Länder in Abscheu und Entrüstung versetzt hat.

So hören Sie denn, Herr Gottfried! Auf unseren ehrwürdigen, alten Kaiser

ist kürzlich von zwei Verbrechern nach einander geschossen worden,

während er wie gewöhnlich ohne Begleitung und im offenen Wagen in Berlin

unter den Linden spazieren fuhr. Der erste Meuchelmörder, ein

verkommenes Subjekt von Hause aus, traf glücklicherweise die Person

Seiner Majestät gar nicht, der zweite aber verletzte den

einundachtzigjährigen Greis durch nicht weniger als dreißig

Schrotkörner, die an den verschiedensten Stellen des Körpers eindrangen,

freilich ohne das Leben ernstlich zu gefährden. Für diese so überaus

glückliche zweimalige Rettung des Monarchen ist in ganz Deutschland ein

Dankgottesdienst abgehalten worden und wird jetzt auf Anregung mehrere

hier lebender Deutscher auch in Apia abgehalten werden. Deshalb sehen

Sie die ganze Bevölkerung unterwegs.«

Franz eilte in sprachloser Entrüstung zu den übrigen, die er schon

unterrichtet fand, und die alle wie er selbst sich freuten, hier zur

rechten Zeit eingetroffen zu sein, um an einer so tief empfundenen

nationalen Feier teilzunehmen. Als die jungen Leute auf der Straße

erschienen, wurde ein Flüstern und heimliches Bezeichnen bemerkbar;

offenbar wußte schon jedermann, wer sie waren, und mancher Blick ruhte

wohlgefällig auf den schlanken, hübschen Gestalten.

Der erste Gottesdienst nach jahrelanger Entbehrung erhielt für unsere

Freunde noch seine besondere Weihe durch das Dankgebet für die

glückliche Errettung des Kaisers, mit welchem heute der Geistliche seine

Predigt eröffnete und dem sich die aus dem Herzen kommende Fürbitte

unmittelbar anschloß. Das Vaterlandsgefühl der am anderen Ende der Erde

lebenden Deutschen wurde so mächtig erregt, daß manches Auge in feuchtem

Schimmer glänzte und daß sich jeder einzelne eben so sehr und eben so

innig als Unterthan des beleidigten Heldenkaisers fühlte, wie dies nur

immer in Berlin, in seiner nächsten Umgebung der Fall gewesen sein

konnte. Auch auf der fernen Insel des Stillen Meeres waren und blieben

sie Deutsche, auch unter fremden Völkern lebend bewahrten sie die Liebe

zu Kaiser und Reich, das empfanden alle, das gestaltete sich während

dieser erhebenden Feier in vielen Herzen zu einem Entschluß, dem die

beiden Brüder Gottfried nach beendetem Gottesdienst zuerst Worte liehen.

Aus Apia mußte eine Adresse an den Kaiser abgesandt werden und alle

Deutschen mußten sie unterschreiben.

Die Idee fand ungeteilten Beifall. Noch selbigen Tages entwarf Doktor

Bolten das Schriftstück, von dem schon in der ganzen Stadt gesprochen

wurde und das der Kontordiener allen Deutschen ins Haus tragen sollte.

Franz war der Held des Tages geworden, ehe er selbst es wußte.

Nachmittags wurde der erste Spaziergang unternommen. Heute als am

Sonntag arbeitete natürlich niemand, aber desto reger gestaltete sich

das Treiben der Eingebornen, ihre Spiele, ihre Jagd, selbst die Art und

Weise wie sie Vorräte für das Haus sammelten. Weiterhin im Rücken der

deutschen Niederlassung lag ein Arbeiterdorf, dessen Hütten, kreisrund

mit spitz zulaufendem Dache, eng an einander gedrängt, großen

Bienenkörben glichen. Hier war alt und jung in Bewegung zum Strande

hinab, es wurden Messer und Körbe, Kochtöpfe und große Stangen aus den

Häusern hervorgeholt, die Männer trugen zu zweien ihre, einen halben

Meter breiten und bis zu siebzehn Meter langen Kähne, an deren Seiten

aus Zähnen sehr hübsche Verzierungen angebracht waren, kurz, alles

schien einem besonderen Vergnügen, einer aufregenden Thätigkeit

entgegenzugehen.

»Was haben die Leute?« fragte Franz.

»Wahrscheinlich sind an der Küste Haifische gesehen worden,« versetzte

ihr Begleiter. »Sie gehen ins Wasser, um dieselben zu fangen.«

»Aber doch nicht die Frauen, die Kinder?«

»Ebensowohl diese. Wir werden es ja gleich sehen.«

Unsere Freunde folgten dem Zuge und so kamen alle hinab an den Strand,

wo heute die Sonne auf sehr stille, regungslose Wasserfluten brannte, wo

aber gerade aus diesem Grunde der Fischfang bestens bewerkstelligt

werden konnte.

Doktor Bolten wandte sich an den Kommis, der als Führer die kleine

Expedition leitete. »Aber sagen Sie mir, lieber Freund, woher kommen die

vielen preußischen Infanterieuniformen hier auf der Südseeinsel? Jeden

Augenblick taucht so ein zerschlissenes, zerfetztes Gewand aus den

Büschen am Wege auf.«

Der junge Hamburger lächelte. »Das sind die Kleider, welche wir den ganz

Wilden der Kingsmillinseln geben, wenn diese zuerst, nur mit einem

Grasgürtel bekleidet, hierherkommen, um in unseren Faktoreien Arbeit zu

suchen. Sie kennen weder den Begriff des geordneten Staatswesens, noch

den des Anstandes, aber eben darum suchen wir sie zu gewinnen. Wer drei

Jahre lang unter Christen als arbeitender und verdienender Mensch lebte,

den gelüstet es nicht mehr, wieder in den Urzustand zurückzukehren.«

Franz sah mit stolzem Blick umher. »Und das alles schuf mein Vater!«

sagte er. »Tausende verdanken ihm Glück und Wohlstand.«

»Weil er ein so ganz ausgezeichneter Kaufmann ist, ja!«

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 16 / 21 题