deutlich den entlegenen Weltteil verraten, so würden sich unsere jungen
Freunde nach Europa zurückversetzt geglaubt haben. Hohe, schlanke
Nadelhölzer, besonders die prächtige Kaurifichte, spendeten kühlen
Schatten, das Gewirre des Unterholzes und der Schlinggewächse fehlte
gänzlich, den Boden bedeckte üppiges Gras, und aus seiner grünen Fülle
hervor sah das bescheidene, deutsche Maßliebchen. Auch die parkartige
Ähnlichkeit der Hölzer unter einander, die gleichmäßigen Stämme und die
Einförmigkeit des ganzen Pflanzenwuchses erinnerten lebhaft an deutsche,
stille Wälder mit ihrem Sonnenschein und ihrem tiefen, nur zuweilen
durch Vogelstimmen unterbrochenen Frieden. Die Vogelwelt freilich bot
wieder ganz fremde und noch dazu neue Erscheinungen, nämlich Strauße so
klein wie Truthühner, aus Erdlöchern hervorsehend und schnell in
dieselben zurückschlüpfend, Papageien und schöne Reiher, die an den
Uferklippen ihrer Beute harrten.
Das Gesamtbild trug den Charakter des ländlichen Stilllebens. Als die
Weißen ausgeschifft waren, kamen ihnen die Wilden vertraulich entgegen
und betasteten sowohl ihre Anzüge als auch ihre Gesichter, wie um sich
zu überzeugen, daß lebende Wesen dahinter steckten; sie lachten laut und
ahmten nicht selten den Gang, die Haltung oder gar die Worte ihrer
plötzlich erschienenen Gäste nach, was jedenfalls auf gänzliche
Unbekanntschaft mit der weißen Menschenrasse schließen ließ. Ebenso
vergeblich war es, ihnen in englischer Sprache irgend etwas zu sagen,
sie verstanden davon keine Silbe, sondern lachten wie Kinder, denen das
Fremde Spaß macht; viele von ihnen sprangen auch sogleich in das Wasser
und versuchten es, den Dampfer zu erklettern, andere eilten zu ihren
Booten und umfuhren das Schiff; nirgends aber trafen sie Vorkehrungen,
den Weißen irgend etwas anzubieten; in dieser Beziehung standen sie
offenbar ganz auf der niedrigsten menschlichen Stufe.
»Wir wollen doch die Insel durchwandern,« erklärte Holm, »unsere Zelte
und Lebensmittel auf den Rücken nehmen und wie die Köhlerkinder des
Märchens Zeichen in die Bäume hauen, um später den Rückweg
wiederzufinden. Es ist gerade angenehm warm, der Boden nicht durch
Hindernisse versperrt, die Tierwelt ungefährlich; also laßt uns sehen,
ob denn tatsächlich keine feste Hütten vorhanden sind.«
Es wurde ein deutsches Lied angestimmt; im kräftigen Chor durchhallte
das »Freiheit, die ich meine« den australischen Wald, und gefolgt von
einer Menge schwarzer, arg bemalter und tättowierter Gestalten zogen
unsere Freunde im hellsten Sonnenschein dahin, vergeblich ein Dorf oder
eine Niederlassung suchend, vergeblich nach genießbaren Baumfrüchten
ausspähend, vergeblich hinter jeder neuen Lichtung, jedem Busch oder
Fluß bebaute Felder erwartend. Nur Fichten und Fichten, dazwischen der
amerikanische Hickory, schönblühende Myrthaceen, Kasuarinen, sowie der
Gummibaum mit seinen steifen, lederartigen, glanzlosen Blättern; aber
nie Fruchtbäume. Am Boden blühten viele schöne Blumen, doch waren sie
geruchlos und von großer Einförmigkeit der Erscheinung, den Tropen
gegenüber geradezu ärmlich.
Dieser helle, lichte, sonnendurchschienene Wald wechselte stellenweise
mit dem berüchtigten, australischen »Busch«, einer Wildnis von Dornen,
Akazien, großen Immortellen und Protaceen, auf deren Boden kein Halm
sproßte, die dagegen aber bewohnt waren und zwar von verschiedenen,
meist unbedeutenden Tiergattungen, namentlich den Dingos (wilden Hunden)
und den zahllosen größeren oder kleineren Beuteltieren, marderähnlichen
Geschöpfen mit langem, buschigen Schwanz und dem bekannten, an der
Unterseite des Körpers liegenden Hautbeutel, worin die Weibchen ihre
Jungen tragen, bis dieselben ausgewachsen sind, und wohin diese selbst
dann noch zurückkehren, wenn ihnen während ihrer ersten Jugend draußen
irgend eine Gefahr droht.
Die behenden Tiere zeigten sich nie im Freien, sondern lugten aus den
Erdlöchern der Buschpartieen vorsichtig herauf, um dann eben so schnell
wieder zu verschwinden; sie ohne Hunde zu jagen, war ganz unmöglich.
Holm postierte bei einer dieser Höhlen die jungen Leute so, daß ihnen
das flüchtende Beuteltier jedenfalls zu Schuß kommen mußte; dann begann
er selbst mit Hilfe des Malagaschen den Erdhügel oberhalb der Wohnung
durch Axtschläge und Spatenstiche abzuräumen, während ein Trupp Wilder
daneben stand und neugierig beobachtete, was die Weißen thaten.
Zuweilen zeigte ein leises Geräusch unter der Erde, daß die Tiere höchst
wahrscheinlich schon in Unruhe gerieten, daß ihnen vielleicht
bröckelndes Gestein auf den Kopf fiel oder die Wahl zwischen Flucht und
Tod ihren erschreckenden Einfluß ausübte; dann geschah etwas, worüber
alle Weißen lachten, bis ihnen der Atem versagte. Das Männchen des
Beuteltieres, der marderähnliche Rotschwanzbeutler, schoß mit einem
plötzlichen, gewaltigen Sprung aus dem Eingang hervor; schon mochte er
glauben, sich durch seine kecke That der Gefahr glücklich entzogen zu
haben, als im selben Augenblick zwei Schüsse krachten und der schlanke,
aufbäumende Körper sterbend zu Boden stürzte, -- außer ihm, den die
Kugeln durchbohrten, waren aber auch alle Wilden wie ein Haufen
Kartenmännchen hingefallen und zumeist auf das Gesicht. Höchst
wahrscheinlich hatten sie die Büchsen für Stöcke gehalten und waren bei
dem doppelten Knall dermaßen erschrocken, daß ihr bißchen Nachdenken sie
vollständig im Stich ließ, ja, daß sie die dämonischen Mächte ihrer
dunklen, halbverworrenen Vorstellungen verkörpert vor sich zu sehen
glaubten.
Es war komisch und bedauernswert zugleich, diese hingestreckten
schwarzen Gestalten zu beobachten, wie sie, weit mehr Tier als Mensch,
so hilflos dalagen, aller vernünftigen Vorstellung bar, außer sich vor
Angst unter dem Eindruck eines Büchsenschusses; der Doktor ging von
einem zum andern, sprach hier deutsch und dort jenes fabelhafte Etwas,
das er englisch nannte; er versuchte auch, die rotbemalten Schultern
aufzuheben und riskierte endlich sogar einen zornigen Befehl, aber das
alles half nichts, bis Holm vorschlug, es mit einem andern Verfahren zu
probieren. »Zeigen Sie einmal die Knöpfe und Metallringe, welche wir
mitgebracht haben, Doktor,« riet er.
Und das half über Erwarten. Der alte Herr setzte sich auf eine Erhöhung
des Weges, in seiner Hand glänzten allerlei Spielereien, womit in
zivilisierten Ländern kleine Kinder belustigt werden, -- und siehe da,
Kopf nach Kopf tauchten aus dem Gras die schwarzen Gesichter herauf.
Hier erhob sich vorsichtig eine Gestalt, deren Ocker und Mennig den
Boden klumpenweise färbte, hier rang sich ein Laut des Entzückens von
den schnalzenden Lippen einer Frau, dort flüsterten Kinder, unfähig, dem
erwachten Verlangen zu widerstehen.
Und der alte Theologe hielt mit einer Hand seine Messingknöpfe in das
Sonnenlicht, mit der andern winkte er den Zögernden. »Nur her, ihr
Ärmsten unter den Armen, nur her, verirrte Wesen, was fürchtet ihr denn
eigentlich? -- Da, da, -- und da! -- Aber nun seht euch auch die Gewehre
an; hier!«
Er hatte die Waffe aus dem Grase genommen und wollte sie jetzt den
Wilden in aller Ruhe zeigen, aber weg, wie vom Wind entführt, war
plötzlich die ganze Schar, der nächste Busch hatte sie verschlungen.
Franz hatte unterdessen seine Jagdbeute in Sicherheit gebracht, worauf
sich sämtliche junge Leute vereinigten, um nun aus dem Bau das
wahrscheinlich noch darin befindliche Weibchen des Rotschwanzbeutlers
lebend hervorzuziehen. Vor allen Dingen wurde zu diesem Zweck der
Ausgang verschüttet und nun vorsichtig weiter und weiter gegraben, bis
die letzte Erdschicht einstürzte und dadurch die Weißen die Möglichkeit
erhielten, das kleine, mit den andrängenden Massen kämpfende Tier
einzufangen. Es sollte seine Freiheit zurück erhalten; nur wollten die
jungen Naturforscher gern den seltsamen Beutel des Muttertieres in der
Nähe sehen und womöglich die kleinen Jungen darin entdecken; daher mußte
es gefesselt und zur Flucht unfähig gemacht werden. Die Sache gelang nur
nach vieler Mühe und einigen von den scharfen Nagezähnen erlittenen
derben Bißwunden, dann aber waren glücklich die Vorder- und Hinterfüße,
je zwei zusammen, mit starken Stricken gebunden, und zum Überfluß die
Schnauze mit einem starken Taschentuch umwickelt. Das Tier pfauchte und
zischte, aber es konnte sich nicht wehren, als zwei von den jungen
Leuten seinen Körper in ausgestreckter Lage erhielten, während Holm den
breiten, unförmlichen Beutel untersuchte.
Diese mit einem engen Spalt versehene Hauttasche umgab rings im Kreise
eine Anzahl sehr langer Milchzitzen, an deren jeder ein
unausgewachsenes, bewegungsloses und nur mit undeutlichen Gliedmaßen
versehenes Junges hing, das dort thatsächlich festgewachsen war und
erst, nachdem das kleine Mäulchen die nötige Weite erreicht haben würde,
die mütterliche Zitze wieder verlassen konnte. Der Spalt wurde sehr
vorsichtig geöffnet, so daß es dem gefesselten Tier keinen Schmerz
verursachte, und dann, nachdem alle die kleinen, saugenden Wesen
bewundert, die geängstete Mutter wieder in Freiheit gesetzt. Ein
einziger, trotz der fünffachen Last gewandter und schneller Sprung
brachte den Pelzträger aus dem Bereich der verfolgenden Blicke.
»Eine neue Höhle mag sich das Tier selbst wieder herstellen,« meinte
Holm, »wir wollen uns jetzt etwas näher an das Ufer zurückbegeben und
dann unsere Zelte aufschlagen. Die Sonne sinkt, es ist Zeit!«
»Da sehe ich Feuer!« rief plötzlich Hans. »Ob es ein Dorf ist?«
»Und da! -- und da!« setzten die übrigen hinzu, als heller Schein von
allen Seiten den Wald durchleuchtete. »Wie seltsam!«
In der That war dieser Anblick ein nie gesehener, und so im Zwielicht,
ohne die Anwesenheit der Wilden, vom kälteren Hauch bereits durchzogen,
trug die Landschaft den Charakter des Nordischen, ja fast des Düsteren,
Unheimlichen. Wie Soldaten in Reihe und Glied standen die schlanken,
astlosen Stämme der Kaurifichten, dicht gedrängt und in den Wipfeln
jenes Rauschen verursachend, das so herbstlich, so wehmütig stimmt, das
wie ein Wiegenlied über den ganzen Wald von Krone zu Krone dahinklingt;
unter ihrem monddurchschienenen Dach erhoben sich die Feuersäulen der
brennenden Holzstöße, wallende Rauchwolken strebten empor zum ewigen
Blau, und ein eigentümlicher, bald heller, bald dunkler leuchtender
Schein traf die ganze Umgebung des Feuers. Hier lag er purpurn auf den
Blüten der Myrthaceen, dort rosig auf den Blättern des Gummibaumes, die
holzigen, ledernen verjüngend, die glanzlosen mit sanftem Schimmer
überziehend; am Fuß der alten Stämme aber fiel sein vollstes Glühen auf
die Gruppe der Schwarzen, welche jedesmal dort im Moos oder Gras lang
ausgestreckt Nachtruhe hielt und sich so nahe als thunlich um die
wärmenden Strahlen geschart hatte. Nicht einmal ein Fell wärmte die
nackten Glieder, nicht einmal einen Haufen trockener Blätter hatten sich
die Wilden als Lagerstatt zusammengetragen; viel weniger besaßen sie
irgend etwas, das einem Dache glich; ja, als die Reisenden näher kamen
und den Raum neben dem Feuer überblicken konnten, sahen sie, daß dort
von den Eingebornen Fische und Vögel sowie die Wurzeln verschiedener
Kräuter in rohem Zustande gegessen wurden.
Als die Weißen ihre kleinen Geschenke auskramten, liefen die Wilden
herzu und nahmen dieselben, ohne zu bitten oder zu danken, wie ein Tier
das Futter nimmt. Sie standen auch umher, ohne begreifen zu können, was
ihre Augen sahen, als später die Weißen Zelte aufschlugen und Decken
ausbreiteten. Von den gebotenen Näschereien wie Cakes, Wein, gebratenem
Fleische und eingemachten Früchten nahmen sie nur zögernd und ließen
nach dem ersten Bissen das übrige wieder fallen. Die Eier, welche sie
roh genossen, wiesen sie in gekochtem Zustande schaudernd zurück.
[Illustration: Das Lager der Papuas im Kaurifichtenwalde.
»... am Fuß der alten Stämme aber fiel sein vollstes Glühen auf die
Gruppe der Schwarzen ...«]
So wurde denn das Lager aufgesucht, auf allen Seiten umgeben von den
Feuern der Wilden, kühl, beinahe kalt selbst unter dem Schutz der
Wolldecken, auf einer waldumsäumten, kleinen Ebene belegen, inmitten
hundertjähriger Baumriesen, deren Kronen das Schlummerlied rauschten.
Hier brauchte keiner für die Sicherheit der anderen zu wachen, nirgend
bot sich die Möglichkeit einer Gefahr; es lebte in der Nähe kein Tier,
das fähig gewesen wäre, den Menschen zu schaden. Nur wenige rote, kleine
Papageien saßen in den Bäumen, in der Ferne bellten wilde Hunde, und
zuweilen segelte durch die Luft ein Tier, das dem fliegenden Hunde der
Sundainseln verwandt war, ein fliegender Fuchs mit spitzer Schnauze und
klugem Gesicht, ein fledermausartiges Beuteltier von rotbrauner Farbe.
Das Hübscheste aber, was die Augen der Weißen vor dem Einschlafen noch
erblickten, war ein großes weibliches Beuteltier mit feinem, grauen Pelz
und einem langen Schwanz, um dessen Ansatz sich die Schwänze mehrerer
Jungen, welche die Mutter auf dem Rücken trug, festgeklammert hatten.
Das Tier kam schnuppernd heran und fraß dann begierig die Überreste der
verschiedenen Mahlzeiten, während seine Sprößlinge auf dem Rücken
hockten und warteten, bis sich die gesättigte Alte ins Gras lagern und
ihnen zu saugen gestatten würde. --
Am andern Morgen ging es wieder in die Wälder, um Jagd auf die Vögel zu
machen, die auf den australischen Inseln sowie auf dem australischen
Festlande in großer Mannigfaltigkeit vorkommen. »Wir werden uns so wenig
als möglich von der Vogeljagd ablenken lassen,« sagte Holm, »und Wald
und Busch auf das sorgfältigste absuchen. Größere Exemplare werden
sofort abgehäutet, kleinere Vögel werden wir an Bord präparieren. Die
neuholländischen Inseln sind eine wahre Fundgrube für den Zoologen in
bezug auf die Vogelwelt.«
Das erste, was ihnen bei ihrer Wanderung aufstieß, war ein Schwarm
prächtiger Kakadus mit blendend weißem Gefieder und gelbem Schopf. »Wir
wollen von diesen herrlichen Geschöpfen keines erlegen,« sagte Holm,
»denn der Kakadu ist in Europa hinreichend bekannt, und wir würden uns
nur unnötig mit den Getöteten beladen. Wenn ihr jedoch einen großen
schwarzen Papagei sehen solltet, so zögert keinen Augenblick und sucht
ihn zu erlegen.«
Der ersehnte Papagei zeigte sich nicht. Wohl aber schoß Franz einen
schön gefärbten Papagei, die Rosella, der bunt war wie ein Harlekin.
Oberkopf, Halsrücken, Brust und Unterschwanzdecke waren scharlachrot,
die Wangen weiß, die Rückenfedern schwarzgelb gesäumt, der Hinterrücken,
die Oberschwanzdeckfedern und der Bauch, mit Ausnahme eines gelben
Fleckes, grasgrün, die Flügelmitte hochblau, die Schwingen dunkelblau
mit blauem Rande, die Schwungfedern grün, blaugrün und am Ende lichtblau
mit weißer Spitze.
Alle waren über diese Beute erfreut, und auch Doktor Bolten äußerte sein
Wohlgefallen über die Farbenpracht dieses Vogels. »Die Natur übertrifft
oft die Phantasie des Menschen,« sagte er. »Kein Seidenweber in Lyon ist
imstande, ein so herrliches Gewand zu weben, als dieser Vogel trägt, wie
denn anderseits noch kein Komponist solche Töne finden konnte, wie die,
mit denen daheim die unscheinbare Nachtigall unser Herz erfreut.« Er
wollte weiter sprechen, als ein Schuß seine Rede unterbrach. Hans hatte
geschossen und stieß einen Freudenruf aus, als er sah, daß sein Ziel
glücklich getroffen war. »Der schwarze Papagei!« rief er, »ich habe ihn
erlegt!«
Er eilte auf die Stelle zu, an welcher der Papagei im Grase lag, und hob
ihn auf.
»Fürwahr,« rief Holm, »ein Rüsselpapagei -- der Kasmalos!« Der Vogel war
größer, als alle bekannten Papageien und übertraf selbst den Arra an
Länge und Flügelweite. Sein Gefieder war gleichmäßig tiefschwarz gefärbt
und schillerte etwas ins Grünliche. Sein Kopf trug eine ebenfalls
schwarze Federholle, der große Oberschnabel bedeckte den kleineren
Unterschnabel vollkommen. Holm zeigte nun den Knaben den eigentümlichen
Bau der Zunge. Diese war ziemlich lang und fleischig, nicht breiter als
dick, aber oben ausgehöhlt und vorne an der Spitze abgeflacht. Sie kann
weit aus dem Schnabel vorgeschoben und von dem Vogel wie ein Löffel
gebraucht werden, mit welchem er die vom Schnabel zerkleinerten
Nahrungsmittel aufnimmt und der Speiseröhre zuführt. Die Ränder der
Zunge sind sehr beweglich und können vorne von rechts nach links her
gegen einander gewölbt werden, so daß sie den ergriffenen Speisebissen
wie in einer Röhre einschließen, in welcher er leicht zum Schlunde
hinabgleitet. Wegen dieser Eigentümlichkeit der Zunge ist ihm der Name
Rüsselpapagei zuerteilt worden. Da der Rüsselpapagei zu den größten
Seltenheiten der europäischen Sammlungen gehört, war Holm besonders froh
über den glücklichen Schuß, den Hans gethan hatte, der seine Beute nicht
ohne Stolz betrachtete.
»Fast könnte ich eifersüchtig auf den Schützen werden, wenn es nicht
mein Bruder wäre,« sagte Franz. »Paßt nur auf, noch ist nicht aller Tage
Abend, vielleicht gelingt es mir, ein zweites Exemplar dieser seltenen
Art zu erlegen, oder ich schieße ein Geschöpf, das eben so wertvoll ist,
wie dieser Rüsselvogel!«
»Ein edler Wettstreit, aus dem die Naturforschung Nutzen ziehen wird,«
meinte Holm lachend.
»Das ist die wahre Konkurrenz,« sagte der Doktor, »sie fördert und regt
an, sie -- --«
Schon wieder fiel ihm ein Schuß in die Rede. »Nehmen Sie's nicht übel,
Doktor, daß ich Sie unterbrach!« rief Franz, »aber hier in der Wildnis
geht leider die Notwendigkeit über die Höflichkeit. Ich mußte schießen!«
Er sprang davon und holte die erlegte Beute -- einen prachtvollen
Leierschwanz.
»Das nenne ich ein Jagdglück,« rief Holm, »denn dieser Vogel mit seinen
wundervollen langen Schwanzfedern, die wie eine Leier gestaltet sind,
kommt nur selten zum Schusse. Mancher Jäger hat sich schon tagelang im
Busche aufgehalten und hörte die laute, helle Stimme der scheuen Vögel,
war aber nicht imstande einen derselben zu Gesichte zu bekommen.
Merkwürdig ist, daß wir diesen Vogel hier antrafen, der sonst in
Gegenden wohnt, die schwer zu erreichen und wegen tiefer, nur mit
vermodernden Pflanzen bedeckter Felsenspalten dem Jäger lebensgefährlich
sind.« Als Holm den Leierschwanz näher untersuchte, ergab sich, daß der
Vogel ein verletztes Bein hatte, was ihn am Laufen verhindert haben
mußte. Holm mahnte zur Vorsicht beim Betreten des Bodens, denn schon oft
sei ein Jäger in die heimtückischen Felsenspalten geraten, in deren Nähe
sich die Leierschwänze aufhalten, und nichts sei dem Unglücklichen übrig
geblieben, als sich vermittelst eines Schusses durch den Kopf vom
langsamen Verschmachten zu befreien, denn auf eine Hilfe von
Menschenhand kann niemand in diesen Einöden rechnen, der tief in eine
steile Felsenspalte geraten ist.
Kaum hatte er diese Warnung ausgesprochen, als der Doktor vor ihren
Augen verschwand und mit einer dichten Masse von moderndem Laub in die
Erde sank. »Hilfe!« rief er aus der Tiefe. Sie eilten rasch an den engen
Schlund, der sich vor ihren Augen öffnete.
»Haben Sie sich verletzt, Doktor?« fragte Holm besorgt.
»Gott sei Dank, nein,« scholl es herauf; »aber die Felsenwände sind so
glatt und schlüpfrig, daß ich mich nirgends anhalten kann. Ich sinke
allmählich tiefer. Helft mir rasch.«
Mit größter Eile wurden die Riemen der Gewehre an einander geknüpft und
hinabgelassen, sie erreichten jedoch den Doktor nicht, da sie nicht lang
genug waren. Was nun beginnen? Woher einen Strick nehmen, um den
Verunglückten heraufzuziehen, der langsam weiter in die Tiefe glitt und
flehend um Hilfe rief? Mit jeder Sekunde nahm die Gefahr zu, die
Felsenspalte konnte unergründlich sein und sich nach unten erweitern.
Dann war der Doktor verloren. In solchen Augenblicken der höchsten Not
kommen dem Menschen jedoch oft Gedanken zur Rettung und zwar so
plötzlich, als hätte sie ihm jemand zugerufen, der unsichtbar ihm zur
Seite stände. Wie mit Wundermacht wird dann das Unscheinbarste zum
wichtigen Hilfsmittel, und wer nur Augen hat zum Sehen und Ohren zum
Hören, der erfährt zu solcher Stunde, daß immer noch Zeichen und Wunder
geschehen, daß Gott den Menschen zur Zeit der Prüfung nicht verläßt.
Franz war es, in dem sich blitzschnell der Gedanke zur Rettung des
Doktors offenbarte. Ehe noch jemand begriff, was er wollte, hatte er den
leichten Rock abgeworfen und sich des starken Leinenhemdes entledigt,
das er rasch mit dem scharfen Jagdmesser in Streifen zerschnitt, die er
wie einen Strick zusammendrehte und an einander knüpfte. »Wenn es nur
ausreicht?« flüsterte er bange.
Rua-Roa hatte sofort begriffen, was Franz im Sinne hatte, und folgte
seinem Beispiele. Auch er warf sein Gewand ab und zerschnitt es mit dem
Messer, das Franz ihm damals geschenkt hatte, als er so tapfer die
Prozedur des Gipsens über sich ergehen hatte lassen. »Ich helfe dir,
mein weißer Bruder,« rief er, »Doktor Bolten muß gerettet werden und
sollte ich meine ganze Habe, ja mein Leben für ihn hingeben. Er hat mich
gelehrt, daß alle Menschen Brüder sind und daß der arme Waisenknabe
Rua-Roa einen Vater im Himmel hat, dessen Kind er ist. Ich wollte sein
Sklave sein, er aber hat mich freigegeben. Retten wir den guten Doktor!«
Die Stricke aus dem Zeug waren in fieberhafter Eile geflochten, alle
legten sie Hand an, und nachdem dieselben an die Lederriemen der Gewehre
geknüpft waren, wurde das so erhaltene Seil in die Felsenspalte
hinabgelassen. »Geben Sie acht, Doktor,« rief Holm, »und suchen Sie das
Seil zu erhaschen!«
Eine ängstliche Pause entstand. »Haben Sie das Seil?« rief Holm.
»Ich halte es!« ertönte die Antwort aus der Tiefe.
»Nun zieht an,« kommandierte Holm.
Alle faßten das Seil und taktmäßig, mit lautem Ahoi, wie auf dem
Schiffe, förderten sie ruckweise den Doktor langsam in die Höhe, bis
nach einiger Zeit der Gerettete wieder festen Boden unter seinen Füßen
hatte.
Doktor Bolten sank auf die Kniee, als er glücklich wieder oben war, und
seine Lippen sprachen ein leises Dankgebet. Dann reichte Hans ihm die
Feldflasche, aus der er einen tüchtigen Schluck nahm, der ihn nach der
überstandenen Angst und Gefahr sichtlich erquickte. Als er erfuhr, auf
welche Weise die Rettung zustande gebracht war, reichte er Franz und
Rua-Roa beiden die Hand. Er war zu bewegt, um sprechen zu können. Dann
faßte er sich und sprach nur die wenigen Worte: »Der Segen eines alten
Mannes ruhe auf eurem Haupte!«
Holm schlug nun vor, diese gefährliche Gegend zu verlassen und den Wald
aufzusuchen, wo kräftiger Baumwuchs von dem Nichtvorhandensein der
tückischen Naturfallgruben Zeugnis ablegte. Alle waren mit diesem
Vorschlage einverstanden, und bald war die Gefahr, in welcher der Doktor
geschwebt hatte, vergessen. Die Jagdlust und das Vorkommen reichlichen
Vogelwildes stellte bald wieder den alten Frohsinn her. Holm erlegte
einige der zierlichen Diamantvögel und einen der schwer zu erlangenden
Emuschlüpfer. Der Schwanz dieses allerliebsten Vogels besteht nur aus
sechs mit zerschlissenen Fahnen besetzten Federn. Seine Behendigkeit
vereitelt fast immer die Nachstellungen, wozu noch kommt, daß er in der
Kunst des Versteckens außerordentlich erfahren ist.
Als sie vorwärts schritten und in eine Niederung gelangten, auf der
immergrüne Zedergebüsche sich ausbreiteten, machte Holm plötzlich Halt
und winkte den andern mit der Hand zu, sich ruhig zu verhalten.
Die Knaben hielten ihre Gewehre in Anschlag. »Ein Raubtier?« fragte
Hans.
»Nein,« erwiderte Holm leise. »Kommt behutsam an meine Seite, uns bietet
sich ein reizendes Schauspiel dar.«
Alle traten mit leisen Schritten näher, und in der That nahmen sie durch
die dichten Zweige, welche Holm vorsichtig zurückbog, einen merkwürdigen
Gegenstand wahr, den sie früher noch niemals gesehen hatten.
Unter einer ziemlich großen Zeder sahen sie aus feinen und biegsamen
Reisern erbaut eine kleine Hütte, die in ihrem Aussehen einer
spitzdachigen Laube glich und an jeder Seite einen offenen Eingang
besaß. Vor der Laube lagen bunte Schneckenschalen, Muscheln,
weißgebleichte Knochen und glänzende Kieselsteine. Das Innere der Laube
war mit roten, gelben und blauen Papageienfedern dekoriert, als sollte
in derselben ein Fest gefeiert werden.
»Sollte das Hüttchen von den Kindern der Eingebornen im Spiel erbaut
sein?« fragte der Doktor.
»Wir haben den merkwürdigen Bau des Atlasvogels vor uns,« erklärte Holm.
»Die Vögel sind soeben davon geflogen, wenn wir uns ruhig verhalten,
wird es uns hoffentlich gelingen, Augenzeuge von ihrem Thun und Treiben
zu sein.« Kaum hatte er diesen Wunsch geäußert, als es durch die Luft
schwirrte und ein Vogel mit einem Reisigzweig im Schnabel sich vor der
Laube niederließ. Sein wie Atlas glänzendes Gefieder war tief
blauschwarz, die Flügel- und Steuerfedern samtschwarz, blau an der
Spitze, das hellblaue Auge besaß einen roten Ring, die Füße waren
rötlich.
Der Vogel, seiner Größe und glänzenden Farbe nach zu urteilen das
Männchen, nahm nun den Zweig und verflocht ihn gar künstlich und
geschickt in die Wand der Laube, und ließ, als er die Arbeit vollbracht,
einige wohllautende Töne hören, als freue er sich des gelungenen Werkes.
Nach einiger Weile kam das minder schön gefärbte Weibchen hinzugeflogen,
das eine hochrote Papageienfeder im Schnabel hielt, die es im Innern der
Laube anbrachte. Als dies geschehen war, lockte es das Männchen, welches
in die Laube hüpfte und durch allerlei Gebärden seinem Wohlgefallen an
dem neu erworbenen Zierat Ausdruck verlieh. Die beiden Vögel hüpften in
der Laube auf und ab, schlugen mit den Flügeln und spielten vergnügt mit
einander in dem kleinen Palast, den sie sich erbaut hatten, so gut ein
Vogel es nur irgend kann.
»Ihr Nest haben die Atlasvögel an einem anderen Orte,« sagte Holm, »dies
hier ist ihr bestes Zimmer oder, wenn wir wollen, ihr Museum, an dessen
Schätzen sie sich erfreuen. Wollen wir die Vögel schießen?«
»Schenkt ihnen das Leben,« bat der Doktor. »Ihr ganzes Betragen hat so
etwas Harmloses und Freundliches, daß es mir fast ein Unrecht erscheint,
sie zu töten.«
»Nun so mögen sie leben bleiben,« versetzte Holm, »obgleich ich gerne
ein Exemplar für unser Museum in Hamburg gehabt hätte.«
In diesem Augenblicke kam ein dritter Atlasvogel angeflogen, der sich
vor der Laube niederließ und eine blanke Muschelschale zu stehlen
suchte, trotz der Abwehr der Eigentümer der Laube.
»Oha,« rief Holm, »du willst hier annektieren. So ein Sozialdemokrat,
der das Eigentum auch teilen will, soll seinen ihm gebührenden Lohn
empfangen.« Ein wohlgezielter Schuß aus der Vogelflinte streckte den
unberufenen Gast und Räuber danieder. »Nun haben wir alle unseren
Willen,« sagte Holm. »Der Doktor sieht das Leben seiner Schützlinge
erhalten und wir haben einen Atlasvogel für unser Museum.« Die beiden
anderen Atlasvögel waren davon geflogen, und die beste Gelegenheit zum
Inspizieren der Laube war gegeben. Franz zeichnete dieselbe, während
Holm sich anschickte ein frugales Mahl zu bereiten. Nachdem dieses
eingenommen, machte man sich auf den Rückweg, und zur rechten Zeit, noch
vor Sonnenuntergang, erreichten sie das Lager.
Am folgenden Tage begann die Durchforschung des Strandes. Schwarze
Austernfische fanden sich reichlich, viele hübsche Reiher und weiße
schwanenartige Vögel, ebenso auf den Klippen der nur in Australien
lebende weiße Hummer und sehr schöne Schnecken und Muscheln, welche die
Flut zu hoch hinauf geworfen, als daß ihnen der Rückzug ins Meer noch
möglich geworden wäre. Hier sah man auch die Makadamas auf dem Gebiet
ihrer eigenen Thätigkeit; sie zimmerten Kanoes, sogenannte Einbäume von
alten umgewehten Baumstämmen und zwar mit den Eisenteilen gestrandeter
Schiffe. Ohne alle Meßinstrumente, ohne Beil oder Säge, nur mit eisernen
Faßreifen, die spitz und scharf geschliffen waren, brachten die Wilden
schlanke, schnell dahinschießende Fahrzeuge zu stande; auch platte
Doppelruder, die blitzartig von einer Hand zur andern flogen und bei
jeder Drehung über den nackten Körper des Schiffers einen Tropfenregen
ergossen, hatten diese Boote, denen die Sitzbretter gänzlich fehlten,
und deren hinterer Teil zollhoch mit Wasser überspült war. Die
dreizackige Harpune des Ruderers brachte nach jedem Stoße einen
zappelnden Fisch aus der Tiefe mit herauf.
Während die Weißen über den klippenreichen, vielfach ganz unpassierbaren
Strand dahingingen und sich an solchen Punkten, deren Ausläufer wie Kaps
bis ins Meer vorsprangen, wieder landeinwärts schlugen, entdeckten sie
in den Kronen der Bäume eine Anzahl längliche Pakete, deren Form
unschwer erkennen ließ, daß hier auf die Weise der Dajaks Leichen dem
Verfall ausgesetzt worden waren, nur insofern anders, als man dort die
Gestorbenen den Raubvögeln preisgab, während hier, wo diese fehlten, der
Körper in Baumrinde gewickelt, mit Bast umschnürt und am Waldrande
aufgehängt wurde, damit ihn die Sonne vertrockne.
Nachdem der Ankerplatz erreicht worden, nahmen die Reisenden, so gut als
dies bei der gänzlichen Unkenntnis der Sprache möglich war, Abschied von
den Wilden, die auch hierher nachgelaufen kamen und sich bei den vielen
Schüssen, welche sie an diesem Vormittag schon gehört, einigermaßen mit
Klang und Wirkung vertraut gemacht hatten. In der Bai, wo das Schiff
lag, apportierten sie sogar, wie gut geschulte Hunde. Sich hinter Bäumen
versteckt haltend, so oft einer der Weißen zielte, sprangen sie in das
Wasser und brachten den getroffenen Vogel zwischen den Zähnen herbei.
Alle blanken Knöpfe, Kattunstückchen, Metallringe und namentlich ein
Spiegel wurden unter die bemalten Gestalten verteilt; -- den kleinen
Rasierspiegel erhielt eine Frau, die sogleich, als sie ihr eigenes, nie
gesehenes Antlitz erblickte, hinter das Glas griff und die vermeintlich
Fremde aus dem Versteck hervorziehen wollte. Erst durch verschiedene
Versuche über den Irrtum dieser Anschauung belehrt, schien sie zu
glauben, daß hier etwas Geheimnisvolles, Geisterhaftes vorgehe; sie gab
das Glas einem der anwesenden Männer, dessen Gesicht sich vor Schreck
zusehends verlängerte. Er legte den Spiegel auf den Rand eines Felsens
und schlich leise herzu, ganz geräuschlos, als wolle er den Zauber da
drinnen überlisten, -- Zoll um Zoll hob sich der schwarze Kopf, endlich
hatten die Augen den Rand des Glases erreicht, zaghaft sah er hinein und
fuhr eben so schnell zurück, -- wieder das feindliche Gesicht!
Und dann machte er es anders. Er trat hinter den Spiegel, er ließ eine
längere Pause vergehen; der Bursche da drinnen sollte offenbar denken,
daß jetzt niemand mehr in der Nähe sei. Ein Lächeln des Triumphes flog
über die wulstigen Lippen; plötzlich wie der Blitz sah er wieder hinein,
noch dazu mit schadenfroh hervorgestreckter Zunge. --
Aber was war das? Vor Schreck und Furcht blieb er zum Ergötzen der
Weißen in seiner einmal angenommenen Stellung unbeweglich stehen. Im
Haar, triefend von Thran, den gelben Ocker, Nase und Kinn feuerrot, am
ganzen Körper streifenweise rot und weiß beschmiert, den einen Fuß
unternehmend vorgestreckt, die Zunge lang heraushängend, so sah er
zornfunkelnden Auges in das Glas. Jener andere unterstand sich, die
Herausforderung zu erwidern; ja mehr noch, er äffte ihn; er machte ihm
alles nach, selbst die kleinste Bewegung.
Das sollte er bereuen. Der Wilde legte den Spiegel platt auf den Felsen
und führte mit einem Ruder, welches sich in der Nähe befand, einen so
wuchtigen Hieb, daß nun nach seiner Berechnung der feindliche Schädel in
Stücke zerschmettert war; dann trat er herzu, um mit der Miene
befriedigter Rache die Splitter noch ein paarmal zu treffen, besonders
einen, welcher der Vernichtung bis auf die Größe eines halben Groschens
entronnen war. Er hob das Stückchen vom Boden und brachte es nahe ans
Gesicht -- wieder der spukhafte Gegner!
Das ging denn doch über den Spaß. Die verhängnisvolle Scherbe mit einem
einzigen Ruck weit hinaus schleudernd in das Meer, floh er hasengleich
zurück zum Walde und verschwand zwischen den Bäumen auf
Nimmerwiedersehn. Wahrscheinlich erfreute sich dieser Tapfere bei seinem
Stamme eines besonders hohen Ansehens, denn nachdem er in der
bezeichneten Weise das Signal gegeben, rannten ihm alle wie die Schafe
dem Leithammel nach, so schnell sie konnten, bis kein einziger mehr zu
erblicken war. Die Weißen riefen und pfiffen, um sich noch länger mit
den Naturkindern zu unterhalten; aber es nützte alles nichts; der Strand
war und blieb ausgestorben.
Man häufte noch einige alte Waffen, Eisengeräte und Ketten als
Abschiedsgeschenke an sicherer Stelle auf, und dann wurde die kleine
Insel umfahren, späterhin aber der Besuch bei den Echaus sehr abgekürzt,
weil sich dort in bezug auf Land und Leute gegenüber der anderen
Inselhälfte durchaus nichts Neues ergab. Hier wälzte sich ein breiter
Fluß vom Walde her bis in den Ozean; die Gelegenheit, das Innere kennen
zu lernen, war also günstiger als vorhin im Lande der Makadamas. Unsere
Freunde bestiegen das große Boot und ruderten, vom schönsten Südwind
getrieben, langsam stromauf in den schweigenden Wald hinein. Der
Matrose, welcher sich als Taucher schon in der Bucht von Celebes bewährt
hatte, war samt dem Apparat mitgenommen worden, und Holm freute sich auf
neue Tiefseegeschöpfe, vorher aber mußte man den Grund kennen lernen, um
zu erfahren, ob er auch nicht etwa verschlammt sei. Das Patentlot glitt
in die Tiefe hinab und brachte günstigen Bescheid; etwa acht Meter
Wasser und fester Kiesboden; außerdem offenbar Korallenbildungen, --
besser konnte es gar nicht sein.
»Wir wollen zweimal nachsuchen,« rief der Matrose, »erst hier, wo noch
das Wasser salzhaltig ist, und später mitten in der Insel. Zwischen den
Korallenstöcken am Strande sitzen gewöhnlich die großen schönen
Muscheln.«
Holm sah bedenklich über das Meer hinaus. »Aber die Haie!« warnte er.
»Bah, die kommen nicht so nahe an die Grenze des süßen Wassers. Wir sind
schon über hundert Schritt in den Fluß hinein. Nebenbei bemerkt man auch
ein solches Ungeheuer zeitig genug.«
Die Rüstung wurde also angelegt und der moderne Ritter über Bord
gelassen. Die Wellen zogen große Kreise, der Apparat that seine
Schuldigkeit und schon nach wenigen Minuten kam das Zeichen zum
Hinaufziehen. Eine Sammlung wundervoller Pflanzentiere gelangte in das
Boot, vielverzweigte, braune Stämme mit goldgelben Blumen und zarten
Rosarändern, Geschöpfe, die in der Naturgeschichte zwischen Korallen und
Quallen stehen, außerdem Schwämme wie feines gesponnenes Glas, große
Seltenheiten in den Museen, und wieder andere wie riesige Handschuhe,
andere wie Blumenkörbe; -- Holm hätte vor Vergnügen gern einen
Luftsprung gemacht, wenn nur ein Boot auf hohen Wellen dazu der
geeignete Schauplatz gewesen wäre. »Da unten sind wahre Unmassen,«
berichtete der Matrose, »ich kann Ihnen ganze Säcke voll heraufschaffen.
Und dieses Getier, diese Spinnen, Krabben, Würmer, Schnecken! -- jeder
Punkt hat seinen Bewohner. Nur die Algen sind ganz dieselben von der
Celebessee.«
Er wurde wieder hinabgelassen, die jungen Leute bewunderten und
sortierten emsig das nasse Durcheinander auf den Brettern; besonders der
Schwamm wie eine Blume aus Glasfäden erregte ungeteilten Beifall; Holm
erzählte eben, daß ihn die Frauen der Südseeinseln als Kopfputz tragen,
da wurde plötzlich von unten her das Signal zum Heraufziehen gegeben,
aber so hastig, so wiederholt, daß der Eindruck des Außergewöhnlichen,
des Erschreckens sich im selben Augenblick bei allen Anwesenden geltend
machte.
»Großer Gott,« rief Holm, »wenn es ein Hai wäre!«
Alle Arme spannten sich an die Taue, alle zogen mit der Kraft der Angst,
-- wie ein Ball hätte nach ihrer Berechnung der Taucher an die
Oberfläche gelangen müssen, -- aber dennoch rührte sich da unten nichts,
dennoch hing es bleischwer in der Tiefe und schien aller Bemühungen der
Matrosen zu spotten. Wieder und wieder kam aus dem Wasser das Signal.
Kalter Schweiß stand auf Holms Stirn. Hatte etwa ein Hai den
Unglücklichen gepackt, und hing er selbst mit seiner ganzen Schwere an
dem nur für einen Menschen berechneten Seile?
»Zieht! Zieht!« rief er mit erstickter Stimme. »Um Gottes willen, thut
euer Möglichstes, den Mann zu retten!«
Diesmal hingen sich sogar der Doktor und Hans mit an die Taue, alle
Hände bluteten, alle Muskeln spannten sich auf das äußerste, langsam,
ganz langsam wurde die Last heraufgehoben. Unheimliche Stille lag auf
dem ganzen kleinen Kreise; es schien, als fürchte jeder, den
entsetzlichen Vermutungen, welche er hegte, durch Worte Ausdruck zu
verleihen. Was würde man binnen wenigen Minuten vielleicht sehen, was
zog man Unheimliches, Vielhundertpfündiges da aus dem verborgenen Schoße
des Meeres hervor?
Jetzt, jetzt mußte es kommen.
Über dem Wasser erschien der Kopf des Tauchers, die Rüstung war
unversehrt, aber als der Mann emporsah, sprachen aus seinem blassen
Gesicht Furcht und Verwirrung. -- Ein Ruck noch, dann zeigte sich aller
Augen das Geschehene.
Um den Körper des Tauchers hatte sich von hinten her eine der größten
Quallen, eine Sepie mit vier furchtbaren Armen festgeklammert. Diese
letzteren, anderthalb Meter lang und von der Dicke eines starken
Ofenrohres, besaßen einen gemeinsamen Mittelpunkt, den mißgestalten
Körper, an welchem der befranste, unförmliche Mund ohne Kopf zwischen
den Vorderarmen saß und immerwährend mit den Fühlern nach einer offenen
Stelle zum Saugen tastete. Offenbar hatte das Ungeheuer der Tiefe den
Mann so fest umfaßt, daß ihm der Atem auszugehen drohte; wenigstens
schien er beinahe leblos.
Die Sepie ließ auch außerhalb des Wassers nicht von ihrem Opfer; sie
mußte aus stärkerem Stoff sein, als ihre kleinen Verwandten; die
Axthiebe, welche jetzt Rumpf und Arme trennten, trafen auf eine ziemlich
widerstandsfähige Masse, die mehr zähe als fest war und unglaublich
viele Saughaken besaß.
Das alles ging zauberschnell, ohne Worte oder Befehle, ohne irgend
welche Hindernisse von statten. Die Rüstung wurde abgestreift, der
Körper des Scheusals am Rumpf zerschnitten und der Taucher von allen
beengenden Einflüssen frei gemacht. Nachdem man ihn gerieben, gewalkt
und ihm etwas Rum eingeflößt, kam er langsam wieder zu sich. Ihm war
außer der erlittenen Todesangst kein weiterer Schaden geschehen. Erst
jetzt wandte sich die Aufmerksamkeit der Reisegefährten dem Untier zu,
Franz legte die einzelnen Glieder wieder aneinander, und Holm maß die
stattliche Länge von drei und einem halben Meter, wobei jedoch der
Matrose versicherte, daß er die häßlichen Geschöpfe schon doppelt so
groß gesehen. Er erzählte nun auch, wie sich der Polyp ihm von hinten
unbemerkt genähert und ihn umfaßt habe, als wolle er ihm alle Rippen
zerbrechen. »Ich versuchte es, den ersten Arm abzulösen,« sagte er,
»aber das war unmöglich; im Gegenteil faßten drei andere nach, und nun
ging mir der Atem aus. Was geschehen ist, nachdem ich ein paarmal das
Zeichen zum Aufziehen gegeben, kann ich mich nicht mehr erinnern,
jedenfalls aber hat mich die Rüstung vor dem sichern Tode geschützt.
Diese Saugapparate lassen gutwillig nichts, was sie einmal erfaßt haben,
wieder los.«
»Fort damit!« rief Franz. »Mag sich ein Hai die Überreste holen.«
Schaufeln halfen das Boot von den Überresten des Tieres reinigen, und
dann wurde die Fahrt fortgesetzt. »Ich tauche doch noch wieder,« meinte
der Matrose, »nur die Rippen thun mir ein bißchen weh, sonst ist nichts
passiert. Langweilige Gegend, was?«
»Düster, düster wie das ganze eigentliche Australien!« versetzte Holm.
»Harte, steife, dunkelgrüne, verholzte Blätter, kein Tierleben, keine
Menschenwohnungen, keine Anfänge der Kultur, -- woher soll da die
Schönheit kommen? Auf dem Festlande, soweit diese Bezeichnung zulässig
ist, wird es nur wenig besser; erst die Inseln des Großen Ozeans bringen
wieder tropische Vegetation und reichere Tierwelt, wenigstens was Vögel
und Insekten betrifft.«
»Hier ist aber auch gar nichts zu finden,« sagte Franz. »Echaus heraus,
damit man euch endlich einmal kennen lernt!«
Niemand beantwortete den Kriegsruf, nur eine Schar Kasuare galoppierte
über die Ebene, und ein wilder Hund bellte, sonst blieb alles still. An
einer von Wald und Busch umsäumten lichten Stelle trafen die Schiffer
die ersten menschlichen Wesen, eine Schar kleiner, krüppelhafter und
affenähnlicher Geschöpfe, die zum Teil aus Erdlöchern hervorsahen, zum
Teil stumpfsinnig im Sonnenschein dalagen, ohne sich um das Boot mit den
Fremden irgendwie zu bekümmern. Holm und auch die übrigen riefen ihnen
verschiedene Worte zu, die indessen unbeachtet verhallten, so daß es den
Weißen zweifelhaft schien, ob diese tierischen Wesen überhaupt eine
bestimmt geordnete Sprache besaßen. Es war sehr begreiflich, daß sich
die Echaus den Makadamas gegenüber in respektvoller Entfernung hielten,
jedenfalls mußten sie, so roh und unkultiviert auch diese letzteren sein
mochten, doch im Kampfe mit ihnen entschieden den kürzeren ziehen.
Ein zweiter Tauchversuch schaffte eine tüchtige Mahlzeit gewöhnlicher
Krebse, weiter nichts; Fluß und Wald waren gleich arm an Produkten wie
an Reiz. So wurde denn die ungastliche Küste der Echaus sehr bald
verlassen und an Bord der Fang des ersten Zuges in Sicherheit gebracht.
[Illustration: Der Taucher und die Sepie.
»... die Axthiebe, welche jetzt Rumpf und Arme trennten, trafen auf eine
ziemlich widerstandsfähige Masse ...«]
Das Schiff steuerte nun in wochenlanger Fahrt um die ganze Osthälfte des
australischen Festlandes und erreichte ohne bemerkenswerte Zwischenfälle
Sidney, die Hauptstadt von Neu-Südwales, noch vor sechzig Jahren ein
elender Ort für deportierte Verbrecher Englands, jetzt eine große Stadt.
Vom Hafen aus wurde sogleich eine Reise in das Innere angetreten, zuerst
mittels der Eisenbahn, dann zu Wagen, und nachdem die Grenze der Kolonie
erreicht, hoch zu Roß unter Führung von Engländern und Deutschen, die
mit den Australnegern im besten Einvernehmen standen und außerdem bis an
die Grenzen des bekannten Innern schon mehrmals vorgedrungen waren.
Aber wie traurig war gegen die schönen Sundainseln, gegen das
entzückende Ceylon hier die ganze Umgebung! Busch und Sand, Sand und
Busch, so wechselte es mehrere Tage lang, bis endlich langgestreckte
Weiden, von Hunderttausenden von Schafen bedeckt, eine geringe
Veränderung boten. Am Saume dieser Grasflächen stand jedesmal das
Hüttendorf des wandernden Stammes, dem die Tiere gehörten, und bei dem
nächsten wurde Halt gemacht. Das Dorf selbst hatte rohgearbeitete,
niedere, wie Maulwurfshaufen neben einander liegende menschliche
Wohnungen, die hier nirgends auf Pfählen standen, sondern viel eher
sogar um einen oder mehrere Fuß tief in den Boden hineingegraben waren.
Das spitze Dach trugen ein paar starke Pfähle; Blätter und Zweige, auch
wohl Stücke von lebendem, lustig wachsendem Gras bildeten die Bedeckung;
Fenster gab es nirgends. Das Seltsamste an diesen Gebäuden aber war, daß
sie sämtlich keine Vorderwände hatten, auch nicht einmal eine Andeutung
derselben, keine Matte oder Vorhang, sondern nur die weit offene Front,
vor der gewöhnlich ein helles Feuer brannte. Jeder Stamm hatte nur einen
losen Verband, an der Spitze eine Art von Häuptling; der des ersten
Dorfes hieß Wi-Tako und war ein großer, starker, alter Australneger,
dessen finstere Blicke, im Verein mit dem unförmlichen durch die Nase
gezogenen Knochen und der dunkelblauen, den ganzen Neger bedeckenden
Malerei ihm ein wenig angenehmes Äußere verliehen. Desto eigentümlicher
war die Kleidung, welche bei ihm und bei allen übrigen, sogar auch den
Frauen, aus einem langen, vom Kopf bis zu den Füßen reichenden Mantel
aus Opossumfell bestand, dazu eine Mütze vom selben Stoff und unter den
Sohlen eine Art von ledernen Sandalen. Die Leute schienen sämtlich
Hirten zu sein; sie zogen in den wasserarmen Gegenden von Busch zu Busch
und fristeten offenbar ein kümmerliches Dasein, obgleich neben den
Dorfhütten auch bebaute Strecken auf eine gute Ernte hinzudeuten
schienen. Mürrisches Wesen, Roheit und Mißtrauen bildeten die Grundzüge
des Volkscharakters.
Häuptling Wi-Tako, der wie die meisten seiner Unterthanen ein leidliches
Englisch sprach, bot den Weißen als Aufenthalt eine gerade leer stehende
Hütte und lud sie ein, an einer großen für den folgenden Tag
festgesetzten Känguruhjagd teilzunehmen; die »Gins« oder Frauen des
Stammes brachten ein steinhartes, bleischweres Brot aus Maismehl,
getrocknetes und wieder gekochtes Schaffleisch, sowie ein Gemüse aus
Bohnen oder Linsen; dann überließ man die Gäste, ohne weiter Notiz von
ihnen zu nehmen, sich selbst, offenbar erstaunt, daß vor ihrer Hütte
kein Feuer entzündet, wohl aber der Eingang mit Wolldecken verhüllt
wurde. Die Frauen betasteten sogar das Gewebe, flüsterten unter einander
und setzten sich dann wieder zu der Wolle, welche verfilzt und verworren
in großen Haufen neben jedem Feuer lag, um mit einer Art von grober,
hölzerner Hechel vorerst des reichlichen Schmutzes entkleidet zu werden.
Sie sahen aus wie eine Gesellschaft zahmer, kränklicher Affen, diese
Weiber, besonders die alten, skelettartig mageren, wie sie
zusammengekauert unter dem formlosen Fellmantel dasaßen und schweigend
Wolle kratzten, anscheinend ohne eine Ahnung, daß aus eben diesem Stoff
die leuchtend roten, zartbraunen und weichen Decken der Reisenden gewebt
seien. Arm, roh und unwissend in einem Lande ohne Schönheit oder
pflanzlichen Reichtum, scheinen sie Stiefkinder der Natur selbst den
nackten afrikanischen Wilden gegenüber.
Kein Wasserstreif unterbrach das Gelbgrün des Bodens, wenig Vögel sangen
im Busch, und selten nur belebte ein lauterer Schall die Öde. Als der
Abend dämmerte, legten sich aller Orten die Schafe in gedrängten Massen
zum Schlaf, große magere Hunde umkreisten die Herden, der Hirte im
Fellmantel entzündete sich ein Feuer und kochte sein Abendbrot, Wald und
Busch verschwammen zum grauen Ganzen; es lief wie die erste Ahnung der
nahenden kalten Zone über den Rücken der Reisenden herab, und fester und
fester hüllten sich alle in ihre Decken.
»So geht es noch Hunderte und Aberhunderte von Meilen fort,« sagte Holm.
»Das Innerste von Australien ist gerade so unbekannt, wie das des
äquatorialen Afrika, es kann aber unmöglich die Forschung in gleichem
Grade anziehen, weil das Tier- und Pflanzenleben keinen Reichtum
verheißt, weil man den Boden als wasserarm und daher den Ertrag als
dürftig kennt. Hier an den Grenzen des der Kultur gewonnenen Landes
betreiben die Einwohner noch Schafzucht und Wollhandel, weiterhin in der
felsigen Gegend hört auch das auf, da lebt man von der mageren Ernte und
vom Raube, da bewohnt man Höhlen und hat den leichtsinnigen, zum
fröhlichen Nichtsthun geneigten Charakter solcher Völker, die gar kein
Eigentum besitzen. Wir werden auch die Eingebornen der Berge kennen
lernen.«
»Wie lange bleiben wir denn hier, Karl?« fragte Franz.
»Hm, übermorgen geht's fort, denke ich. Die große Känguruhjagd müssen
wir doch jedenfalls mitmachen.«
Dem stimmten die übrigen lebhaft bei; es wurde noch eine Zeitlang
halblaut gesprochen; zuweilen wieherte im Busch eins der Pferde,
zuweilen flog eine Fledermaus durch den engen Raum oder ein fliegender
Fuchs mit spitzer Schnauze; dann schliefen alle, bis sie bei
Tagesanbruch durch einen langgezogenen, lautschallenden Ton erweckt
wurden. Häuptling Wi-Tako in eigener Person sammelte seine Scharen zum
großen Treiben, dem die Feinde der bebauten Felder, die überhand
nehmenden Känguruhs, erliegen sollten. Mit einem Muschelhorn vor den
Lippen, ohne Mantel, nur angethan mit dem Nud-le-bul oder breiten Gürtel
aus Tierhaut, ganz kornblumenblau angemalt, auf Brust und Rücken
abscheuliche Tier- und Fratzenbilder von Narben, so stand er da und
blies gellende, unharmonische Töne, die indessen von allen Eingebornen
verstanden und deren Befehle sofort vollzogen wurden. Schar auf Schar
trabte herbei, jeder einzelne Mann bekleidet, bemalt, und tättowiert wie
der Häuptling selbst, jeder bewaffnet mit dem gefürchteten Bumerang,
jener hölzernen, einen Meter langen, krummen und im Fliegen einen Bogen
beschreibenden Waffe, sowie einem Wurfspieß, einem steinernen Hammer und
einem Messer, das in der Scheide vom Nud-le-bul herabhing. Als ein paar
hundert Männer versammelt waren, wurden die Befehle zur Aufstellung
gegeben und mit größter Pünktlichkeit ein Buschgebiet von einer
Viertelmeile im Umkreis des Dorfes förmlich umstellt. Unsere Freunde
hatten, da die Wilden unberitten waren, auch ihrerseits die Pferde
weggelassen und sich bei seiner blaugefärbten Majestät nur ausbedungen,
während der Jagd nicht von einander und nicht von den Führern getrennt
zu werden. So standen sie denn unter den ersten, ziemlich blassen
Strahlen der australischen Sonne im hohen Gras und warteten der Dinge,
die da kommen sollten. Hierher wollten die Neger aus dem Busch heraus
das sonderbare, springende, einer Riesenmaus nicht unähnliche Geschöpf
bis auf die freie Fläche treiben und dort töten; die geladenen Büchsen
harrten ihrer Opfer.
Von ferne erklangen jene greulichen Töne der Muschelhörner; zuweilen
schlüpfte ein Opossum oder eine Ratte, beunruhigt durch die ungewohnte
Störung, eilends vor den Füßen der Jäger vorüber, ein paar Kasuare
reckten die langen Hälse, Erdpapageien sahen aus ihren Löchern hervor,
Trappen, Tauben und Hühner flatterten vom Walde herüber und Dingos
sprangen mit großen Sätzen ins Freie; die Weißen hatten schon hübsche
Beute gemacht, ehe noch die ersten Känguruhs aus den Büschen brachen.
Das Geschrei der Wilden tönte näher und näher; erst zu zehn und zwanzig,
dann zu Hunderten erschienen die aufgescheuchten Tiere und wurden
reihenweise von den Bumerangs, sowie von den Wurfspießen der Australier
niedergemacht. Fast anderthalb Meter hoch, mit unförmlich langen,
fleischlosen Hinterbeinen und einem sehr dicken, meterlangen Schwanz,
der beim Sitzen als Stütze dient, hatten die Känguruhs einen
graubraunen, auf dem Rücken dunkleren Pelz, der am Bauche bräunlichweiß
erschien und in grauen Streifen über das Gesicht lief; die Vorderbeine
waren unverhältnismäßig kurz und der Hinterleib plump; alle weiblichen
Tiere hatten die bekannten Beutel, in denen sich nackte Junge an den
Zitzen ihrer Mütter festhielten.
Etwas vom Kaninchen, etwas von der Maus, ganz eigenartig mit Rücksicht
auf den Stützschwanz, zuweilen mittels der Hinterläufe die kräftigsten
Schläge austeilend, so erregte das im zoologischen Garten oft gesehene
Tier hier in vollster Freiheit das Interesse aller Beschauer, namentlich
durch die enorme Anzahl, in welcher es erschien. Fünf- bis sechshundert
Känguruhs wurden an diesem einzigen Morgen erlegt und von den »Gins«,
nachdem sie ihrer Bälge entkleidet, ins Dorf geschleppt, um dort als
leckerer Bissen in den Topf zu wandern.
Unsere Freunde entschlossen sich erst auf das Zureden der Führer, auch
ihrerseits einen jungen Bock zu braten und zu kosten. Hatten sie doch im
Gefängnis von Madagaskar sogar einen Mückenkuchen genossen, der, wie
Franz erinnerte, sogar ganz vortrefflich geschmeckt, -- es kam nur auf
den ersten Entschluß an.
Das übliche Feuer vor der Hütte flackerte lustig empor, das Känguruh
wurde von den Händen der Führer kunstgerecht ausgeweidet und an den
mitgebrachten Bratspieß gesteckt; dazu kochte man einheimisches Gemüse,
für dessen Bereitung das Wasser weit hergeholt werden mußte, und endlich
jenen Kaffee, der nach der anstrengenden Morgenjagd allen gleich
wohlthat, den zu kosten aber die Eingebornen sich beharrlich weigerten.
Nach dem Frühstück, bei dem das Känguruh als wohlschmeckender Braten von
den Reisenden vollständig aufgezehrt wurde, zeigte Wi-Tako seinen Gästen
die Umgebung des Dorfes und unter anderem auch das Feld, welches während
einer der vorigen Nächte von den Känguruhs überfallen und seiner Früchte
vollständig beraubt worden war. »Wenn es mit den springenden Tieren zu
arg wird, schlagen wir ein paar hundert tot,« sagte er, »dann verläßt
der überlebende Rest die Gegend. Die Felle verbrauchen wir zu Mänteln
und Decken, das Fleisch wird verzehrt oder, wenn die Gelegenheit günstig
ist, nach den Städten hin verkauft. Die Kolonisten bezahlen es teuer.«
»Und sonst habt ihr keinerlei Jagd?« fragte Franz.
»Ein paar Vögel vielleicht,« entgegnete der blaugefärbte, mit einem
gewaltigen Nasenknochen geschmückte Monarch, »aber viel ist es nicht.
Wir leben von der Schafzucht.«
»Und was betreibt ihr denn zur Unterhaltung,« fragte wieder der durch
das Einerlei der Umgebung schon heimlich angefröstelte junge Mann,
»wodurch erfreut ihr euch oder belebt den Mut, die Lust zur Arbeit? Es
muß doch grenzenlos langweilig sein, so fortwährend Schafe zu hüten und
zu scheren.«
Der Häuptling tutete wieder in das Muschelhorn hinein, worauf sich vom
Dorf her ein langer Zug in Bewegung setzte, junge Männer sowohl als
junge Mädchen, alle auf das abschreckendste bemalt, alle nur mit dem
Nud-le-bul bekleidet und mit gewaltigen Masken aus Flechtwerk oder
buntgefärbtem Thon versehen. Nachgemachtes Haar hing von diesen, die
natürliche Größe dreifach überragenden Köpfen in Unmasse herab, die
Gesichter waren scheußliche Fratzen, zum Teil sogar Tierköpfe, zum Teil
feuerrot oder gelb angestrichen. Die affenartig langen, mageren Arme und
Beine der Neger, die sinnlose Farbenverteilung und die Riesenköpfe
bildeten ein Ganzes, das durch Häßlichkeit abstieß, dennoch aber in
seiner Originalität und als nie Gesehenes das Interesse der Zuschauer in
Anspruch nahm.
Die Neger entzündeten mittels Aneinanderreiben zweier dürrer Holzstücke
einen Scheiterhaufen, der vorher schon dort zusammen getragen worden
war; dann bildeten sie um die brennende Masse eine Kette und begannen zu
tanzen, indem die Hände klappernd auf die Kniee schlugen und nach einem
einigermaßen erkennbaren Takt ein geheulartiges Singen oder Schreien,
begleitet von Fußstampfen, die Luft zerriß. Immer schneller und
schneller wurden die Sprünge, immer teuflischer erschienen in der
grellroten Beleuchtung die schwarzen Gestalten, immer rasender drehten
sich im Kreise alle diese gehörnten, mit Vogel- und Mäuseköpfen
verzierten Menschen; hier verschwand in windgetragener Rauchwolke ein
Teil der Tanzgesellschaft, hier erglänzte von Funken übersäet ein
anderer, und zwischen allen diesen tollen Springern stand, auf dem
Muschelhorn tutend, der Häuptling, zuweilen unwillkürlich die Bewegungen
der Tänzer nachahmend, zuweilen von seinen langgezogenen Klängen zu
kurzen, schrillen, schnell auf einander folgenden übergehend und dann
wieder im tiefsten Moll das Geheul der tanzenden Stammesgenossen
begleitend.
Nach diesem Tanz kam ein Kampfspiel, wobei die Bumerangs durch die Luft
flogen, Spieße und Hämmer weidlich geschleudert wurden und ein
Handgemenge mit blitzenden Messern den Einzelkampf versinnlichte. Hier
lag ein Schwarzer scheinbar leblos, dort schwenkten und flüchteten
andere, ganze Scharen drangen im Sturmschritt vorwärts, Gebrüll und
Kampfrufe erschütterten die Luft, selbst das Wehklagen der Sterbenden
wurde nachgeahmt, und endlich näherten sich vom Dorfe her die Gins, um
mit verhüllten Gesichtern, schreiend und weinend bei den Gefallenen in
das Gras zu sinken. Diese ganze Komödie zeigte ein starkentwickeltes
Schauspielertalent der Neger; sie kam in manchen Szenen der Wirklichkeit
bis zur Täuschung nahe und wurde schließlich von den Weißen durch
reichlich gespendete Scheidemünze belohnt.
Es war während der Vorstellung fast Abend geworden; die Scharen der
Tierkopfträger und Bemalten, der Bumerangkämpfer und wiedererstandenen
Toten wanderten zum Dorfe zurück; helle friedliche Feuer und lagernde
Herden begrüßten die Heimkehrenden, nochmals gab es Känguruhbraten, und
dann senkte sich die Nacht herab auf diese armen, aber zufriedenen
Menschen.
Am andern Morgen wurde die Reise in das Innere weiter fortgesetzt. Große
Wälder der gleichen, düsteren, einförmigen Art führten hinauf in das
Gebirge.
Wie arm doch das Tierleben war! Wenig Schmetterlinge und Insekten, wenig
Singvögel, an Vierfüßlern nur die kleinen Opossums und das Schnabeltier,
der Ameisenigel, welcher mit heraushängender, klebriger Zunge wie tot am
Boden lag und die ahnungslosen Tierchen zu Hunderten auf den Leim
lockte, ehe er sie plötzlich mit einem einzigen Ruck in die Tiefe seines
Magens beförderte, um dann dasselbe Spiel von neuem zu beginnen. Auch
das einen halben Meter lange Schnabeltier mit dem rüsselartigen Kopf
lebte in Erdlöchern, die sich zahlreich neben einander befanden und aus
deren Eingängen die tiefliegenden Augen der scheuen Bewohner neugierig
hervorsahen, um dann blitzschnell wieder zu verschwinden. Es kostete
eine ähnliche Anstrengung wie bei den Beuteltieren der Nightinsel, um
ein Männchen zum Schuß zu bringen, schließlich gelang's aber doch, und
Holm präparierte den Balg, um ihn sogleich an Bord der »Hammonia«
auszustopfen und nach Hamburg zu schicken.
So ritt unsere Schar vierzehn Tage lang ins Innere des fünften Erdteils,
oft unter großen Entbehrungen für Menschen und Tiere. Als man endlich
von einem Gebirgsrücken aus unabsehbar weite Ebenen vor sich sah, deren
trostlos trockene Weiten auch keinen grünen Halm für die treuen Pferde
verhießen, da hielt man es doch für geraten, die Küste wieder zu
gewinnen.
Alle Führer rieten das Gleiche, und so zog die wanderlustige Schar über
Berg und Thal den Gestaden des Meeres wieder entgegen, freilich in ganz
anderer Richtung als der des Hafens, wo das Schiff lag, hinunter zu den
Australnegern der wildesten Gegenden. Die Vegetation ging allmählich
über in mehr südlichere Formen, die Vogelwelt wurde mannigfaltiger,
schöne Papageien und die noch nirgends gesehenen schwarzen Kakadus
füllten die Bäume, Palmen tauchten vereinzelt aus dem Fichtenwalde
empor, wildes Zuckerrohr, Kautschukbäume, blühende Theesträuche,
Orchideen und viele Kräuter sowie Schlinggewächse bedeckten den Boden.
Die Führer warnten jetzt die Reisenden, auf der Hut vor der gefährlichen
Schwarzotter zu sein, deren Biß tödlich werden könnte, wenn sie sich im
gereizten Zustande befände oder ihr Giftzahn eine blutreiche Stelle des
Körpers träfe.
Holm erkundigte sich, ob die Buschotter häufig in Australien vorkomme.
»Sie ist in einigen Gegenden eine förmliche Landplage,« ward ihm zur
Antwort. »Wo sie häufig vorkommt, kann man sich ihrer kaum erwehren. Man
mag sich befinden, wo man will, in dem tiefsten Walde oder im dichten
Heidegestrüpp, in den offenen Heiden und Brüchen, an den Ufern der
Teiche, der Flüsse oder Wasserlöcher, man darf sicher sein, daß man
seiner ingrimmig gehaßten Feindin, der Schwarzotter, begegnet. Sie
dringt bis in das Zelt oder die Hütte des Jägers; sie ringelt sich unter
seinem Bettlaken zusammen, sie legt sich unter seinen Stuhl und kriecht
in Kisten und Kasten. Es ist zu verwundern, daß nicht weit mehr Menschen
durch sie ihr Leben verlieren, als wirklich der Fall ist. Gegen Ende des
März verschwindet sie, um ihren Winterschlaf zu halten, im September
aber kommt sie ausgehungert wieder zum Vorschein und ist dann im
höchsten Grade beißlustig und gefährlich. Ihre Bewegungen sind schneller
als die anderer Giftschlangen, nicht selten verläßt sie das feste Land,
um entweder auf Bäume zu klettern oder sich in das Wasser zu begeben.«
»Greift die Schwarzotter den Menschen an?« fragte Franz.
»In der Regel nimmt die Schwarzotter eiligst die Flucht, wenn sie einen
Menschen zu Gesicht bekommt,« wurde ihm Bescheid. »In die Enge getrieben
und gereizt, ja nur längere Zeit verfolgt geht sie ihrem Angreifer
jedoch kühn zu Leibe und hat sich deshalb bei den Ansiedlern auch den
Namen »Sprungschlange« erworben. Die Schwarzen fürchten diese Schlange
ungemein, trotzdem daß sie selten von ihr gebissen werden, und zwar aus
dem einfachen Grunde, weil sie nur mit äußerster Vorsicht ihres Weges
dahin gehen und ihre Adleraugen alles entdecken, was sich vor ihnen regt
und auch nicht regt. Lange Gewohnheit hat sie in hohem Grade vorsichtig
gemacht, so daß sie niemals eine Vertiefung durchschreiten und niemals
in ein Loch treten, das sie nicht genau übersehen können. Sie essen
Schlangen, welche sie selbst getötet haben, niemals aber solche, welche,
wie dies oft geschieht, sich im Todeskampfe selbst einen Biß beigebracht
haben.«
Hans wollte hierauf wissen, ob die Schwarzotter nur kleinen Tieren
nachstellte, oder sich auch an größere Säugetiere wagte?
»Leider beißen sie in ihrer Wut Rinder und Schafe, die sie zu verzehren
nicht imstande sind. Viele Kühe und Schafe, welche man im Sommer
sterbend oder verendet auf den Ebenen liegen sieht, sind durch den Biß
der Schlange zu Grunde gegangen, obgleich die Schafe viele dieser
gefährlichen Geschöpfe töten, indem sie mit allen vier Füßen auf ihren
Feind springen und ihn zerstampfen.«
»Also vorgesehen,« mahnte Holm.
Plötzlich stieß Rua-Roa einen durchdringenden Schrei aus. Alle standen
still.
Vor dem Malagaschen erhob sich eine schwarze Schlange von etwa zwei
Meter Länge. Ihr lebhaft blaßrot gefärbter Bauch schimmerte im
Sonnenlichte, ihre Augen funkelten. Den Kopf hatte sie zurückgelegt, den
Rachen mit den Giftzähnen weit zum Bisse aufgesperrt. Rua-Roa schien
rettungslos verloren.
»Die Schwarzotter!« rief der Führer erschrocken.
[Illustration: Rua-Roa und die Buschotter.
»Plötzlich stieß Rua-Roa einen durchdringenden Schrei aus.«]
Ehe jedoch die Schlange zum Bisse ausholen konnte, hatte Franz in
Blitzeseile die mit Schrot geladene Flinte angelegt und losgedrückt. In
scheußlichen Ringeln wälzte das getroffene Tier sich im Grase. Rua-Roa
sprang zurück und war gerettet. Eine Sekunde später und er wäre dem
giftigen Reptil zum Opfer gefallen.
Die Schlange krümmte sich in ohnmächtiger Wut auf dem Boden, die
Schrotkörner hatten sie zwar verwundet, aber ihrem zähen Leben kein Ende
gemacht. Sie mochte jedoch wohl fühlen, daß sie zu schwer verletzt sei,
um weiter leben zu können und mit einem kräftigen Biß versetzte sie sich
selbst die Todeswunde in ihren Schwanz, worauf sie alsbald verendete.
Der Führer lobte Franzens rasche Entschlossenheit. »Du hast mich jetzt
zum zweitenmale aus Todesgefahr errettet,« flüsterte Rua-Roa ihm zu,
»wie soll ich dir danken?«
»Hättest du nicht dasselbe gethan, wenn ich an deiner Stelle gewesen
wäre?« fragte Franz. »Und sind wir nicht Blutbrüder?« fügte er leise
hinzu.
Der Malagasche konnte nicht antworten, in seinen Augen aber standen
Thränen.
»Was hätten wir beginnen sollen, wenn der Knabe von dem Scheusal
gebissen worden wäre?« fragte Doktor Bolten.
»Das erste wäre gewesen, die Wunde auszuschneiden und mit Schießpulver
auszubrennen,« antwortete der Führer. »Trotzdem aber würde die Wirkung
des Giftes sich in großer Schläfrigkeit geäußert haben, gegen die der
Knabe nur schwer angekämpft hätte. Wir hätten ihn jedoch zwingen müssen,
auf den Beinen zu bleiben, denn aus dem Schlafe wäre er wohl kaum wieder
zum Leben erwacht. Die Bewegung ist das einzige Mittel, den üblen Folgen
des Bisses zu begegnen, nachdem das Gift so sorgfältig als möglich
aus der Wunde entfernt worden. Geschieht keine von diesen
Vorsichtsmaßregeln, so ist der Tod des Gebissenen unvermeidlich.«
»Gibt es kein Mittel, diese abscheulichen Tiere auszurotten?« fragte
Hans.
»In den Kolonien werden sie bereits seltener,« entgegnete der kundige
Führer. »Alljährlich wird daselbst das verdorrte Gras auf den
Weideplätzen angezündet, um den Boden mit der fruchtbaren Asche zu
düngen, und dem Feuer fallen alljährlich Tausende von giftigen Schlangen
und anderem Ungeziefer zum Opfer. Man hofft allgemein, daß mit der
zunehmenden Bevölkerung und einer regelmäßigen Bearbeitung des Landes
die Giftschlangen sich rasch vermindern werden. Auch die Todesotter,
welche selbst in der nächsten Nähe von Sidney häufig vorkommt, wird
durch das Abbrennen der Weiden ziemlich vernichtet. Wenn auch die
Eingebornen diese Schlange, welche bei der Ankunft eines Feindes ruhig
liegen bleibt, um ihn zu erwarten, nicht für todbringend halten, so
haben die Weißen doch schon das Gegenteil erfahren und halten deshalb
die Todesotter für die gefährlichste aller Schlangen Australiens.«
Das soeben glücklich überstandene Begegnis mit der Schwarzotter hatte
die kleine Karawane etwas verstimmt und mißtrauisch auf die Umgebung
gemacht. Man sah sich vor beim Vorwärtsschreiten und vermied das freie
Umherstreifen des einzelnen im Busch, um einer etwaigen Kollision mit
dem gefährlichen Feinde aus dem Wege zu gehen. Während sie so
dahinschritten und der allgewohnte, rechte Humor sich gar nicht wieder
einstellen wollte, ertönte neben ihnen mit einemmal ein lautes
Gelächter, das gerade so klang, als wenn eine Gesellschaft von alten
Kaffeeschwestern sich köstlich über irgend einen Witz amüsierte.
Alle standen unwillkürlich still und horchten. »Wer war das?« fragte der
Doktor. »Sind Wilde in der Nähe oder spottet ein Heer teuflischer
Dämonen über unsere triste Fahrt durch dieses greuliche Australien?«
»O nein,« rief der Führer mit vergnügtem Gesichte, »das ist der lachende
Hans, der beste Freund der Ansiedler, und dort sitzt er auf dem Zweige
eines Baumes, uns neugierig betrachtend.«
Die Reisenden erblickten auf dem Baume, nach welchem hin der Führer
deutete, eine Anzahl großer, grauer Vögel, mit starkem spitzen Schnabel
und buschigem Kopfe, die in ihrer äußeren Gestalt Ähnlichkeit mit dem
Eisvogel besaßen. »Es ist der Jägerliest oder Riesenfischer,« sagte
Holm, »ein wenig scheuer Vogel, der alles genau betrachten muß, was
seine Neugierde reizt; den Ansiedlern ist er überaus nützlich, die den
lachenden Hans oder Jacka, wie ihn die schwarzen Eingebornen nennen,
sehr hoch schätzen. Des Morgens früh weckt er die Kolonisten mit seinem
Gelächter und heißt deshalb auch des Buschmanns Uhr, da er sich
namentlich gerne in der Nähe der Zelte und Wohnungen aufhält. Wegen
seiner heftigen Feindschaft gegen die Schlangen ist er sogar ein
geheiligter Vogel, den zu schießen als ein Verbrechen angesehen wird. Er
tötet die giftige Schwarzotter, sowie die Todesotter, ohne ihrem
Giftzahne zu erliegen, und selbst die Teppichschlange, die drei Meter
lang wird und als die Riesenschlange Australiens angesehen werden kann,
weiß er durch wohlgezielte Hiebe mit seinem scharfen, starken Schnabel
zu verwunden und zu erlegen. Durch ihr Geschwätz und schallendes
Gelächter bezeugen sie ihre Freude über den Tod ihrer Erzfeindinnen. Ob
sie die Schlangen fressen, ist übrigens nicht genau festgestellt, es
scheint vielmehr, als wenn sie sich von Eidechsen und den kleinen
Säugetieren ernähren, so daß ihr ununterbrochener Krieg gegen die
Schlangen aus einem besonderen Haß hervorgeht, den sie auf diese
Geschöpfe geworfen haben.«
»Ein dreimaliges Hoch dem wackeren Vogel,« rief Hans, »auch wir wollen
den prächtigen Burschen nicht erlegen, sondern ihm sein nützliches Leben
unbehelligt lassen, zumal er mein Namensvetter ist.«
Alle leisteten dieser Aufforderung Folge, worauf sie endlich einmal
wieder in ein herzliches Gelächter ausbrachen, in das der lachende Hans
mit seiner Sippe fröhlich einstimmte.
Man nahm sich jetzt auch Muße, den Pflanzen Aufmerksamkeit zu schenken.
Sie begegneten dem Eisenrindenbaum, dessen festes Holz sich vortrefflich
zu haltbaren Zäunen eignet, da es fast gar nicht in der Erde fault. »Das
wäre ein Holz für Eisenbahnschwellen und Telegraphenstangen,« meinte
Franz. »Vielleicht bildet es später einmal einen geeigneten und
nützlichen Handelsartikel.«
»Bravo!« rief Holm. »Ich sehe, die Naturforscherreise hat den Sinn für
deinen künftigen Kaufmannsberuf nicht erstickt.«
Dann fand sich auch der »Stringybark«, dessen langfaserige Rinde in
Streifen von sieben bis zehn Metern niederhängt und dem Baum das Ansehen
eines zerlumpten Bettlers gibt, während die abgefallene äußere
Rindenschicht in langen, trockenen, braunen Rollen wie riesige
Zimtstengel am Boden umherliegt.
Zwischen dem Unterholze bemerkten sie die »Flaschenbürste.« Sie hat
rauhe gedrehte Zweige und ein Blatt, das dem unserer deutschen
Stechpalme sehr ähnlich sieht. Sir Joseph Banks gab ihr den Namen
Banksia, die Bezeichnung Flaschenbürste erhielt sie wahrscheinlich von
dessen Haushofmeister, der am Flaschenputzen mehr Interesse hatte als an
der Botanik.
Die aufrechtstehenden, kugelförmigen Blüten, mit denen dieser
eigentümliche Busch übersäet ist, gleichen in der That jenem nützlichen
Instrument, nach dem er benannt ward. Bei voller Blüte sehen die tief
orangefarbenen Blumen vortrefflich aus; im Winter aber, wenn die
abgeblühten braunen Kegel noch immer an der Pflanze hängen, geben sie
dem Busch ein wildes, wunderliches Aussehen.
Neben der Flaschenbürste standen zwei zierlichere Gewächse das
^Exocaspus^ oder die wilde Kirsche, welche den Kern nicht innen sondern
außen an der einen Seite der Frucht trägt, und der »Wottle« oder die
australische Akazie, die mit gelben Blütenbüscheln bedeckt ist und die
Luft mit balsamischen Wohlgerüchen erfüllt.
Den Eukalyptusbaum fanden die Reisenden häufig. Auch im südlichen Europa
fängt man an, diesen rasch wachsenden Baum zu pflanzen, dessen
aromatische, harzreiche Blätter nicht nur ein Mittel gegen das Fieber
sind, sondern der ferner die herrliche Eigenschaft besitzt, Moräste und
sumpfige Gegenden, welche mit ihren schädlichen Ausdünstungen Fieber und
Typhus erzeugen, durch seinen Anbau in schöne Wälder zu verwandeln, die
dann statt der gefährlichen Miasmen frische, dem Menschen zuträgliche
Luft aushauchen.
Die Kasuarinen, welche die Kolonisten sehr ungerechtfertigt Eiche
nennen, sind von auffallender Form, ihre blätterlosen, dünnen Zweige
geben ihnen das Ansehen baumartiger Schachtelhalme. Die Bewohner der
Südseeinseln verfertigen ihre Kriegskeulen aus dem harten Holz der
Kasuarinen, weshalb dieselben auch wohl Keulenbäume genannt werden.
Der neuseeländische Flachs wuchs in den Niederungen. Die zwei Meter hohe
Pflanze hat viele Ähnlichkeit mit unserer Schwertlilie, jedoch besitzt
sie dickere Stengel und rote Blumen. Aus ihren festen Blättern gewinnt
man eine Pflanzenfaser, die den Eingebornen schon seit undenklicher Zeit
zur Anfertigung von Kleidung, Matten, Netzen und Seilen dient, allein
von weit größerem Nutzen hat sich der neuseeländische Flachs (^Phormium
tenax^) für die Europäer herausgestellt. Er eignet sich zu Tauwerk nicht
nur unendlich besser als der europäische Hanf, sondern die aus ihm
verfertigten Gewebe lassen an Dauerhaftigkeit, Geschmeidigkeit und Glanz
die europäische Leinwand weit hinter sich. Die Engländer führen
namentlich von Neuseeland jährlich neuseeländischen Flachs im Werte von
gegen 20000 Pfund Sterling aus und die Franzosen haben ihn bereits in
Südfrankreich mit Vorteil angepflanzt.
Als sie nun so weiter zogen und die fremdartige Pflanzenwelt dieses
sonderbaren Weltteiles ihrer Beobachtung unterzogen, trafen sie auf
ihrem Gange einen Erdbau an, der fast dem eines europäischen Fuchses
glich.
»Der Bau eines Wombats!« rief der Führer. »Er schläft bei Tage, ohne
sich um den Sonnenschein zu kümmern, an dem sich andere Tiere erfreuen,
denn er ist ein veritables Nachttier, das erst in der Dunkelheit aus
seiner unterirdischen Wohnung humpelt, um sich genügsam von einem
harten, binsenartigen Grase zu ernähren oder Wurzeln zu verspeisen, die
er sich durch kraftvolles Graben erwirbt.«
»Schade, daß jetzt heller Tag ist,« äußerte Hans, »einen Wombat hätte
ich gern geschossen.«
»Zumal er einen delikaten Braten abgibt,« sagte der Führer. »Nun, wenn
er nicht gutwillig kommt, so wenden wir Gewalt an. Seine Wohnung wird
zwei Ausgänge haben und wenn wir in den einen Feuer hineinlegen, so
treibt der Rauch ihn zum andern heraus vor die Gewehre.«
Der zweite Ausgang wurde nach einigem Suchen entdeckt und hierher
postierten sich die beiden Knaben sowie Holm, mit den Flinten im
Anschlag. Rua-Roa und der Doktor bewachten den zuerst gefundenen
Ausgang, in dem der Führer trockenes Holz aufschichtete, das er
anzündete. »Nun wollen wir den Schläfer dort unten räuchern!« rief er
und legte eine Hand voll grünen Grases in die Flamme. Ein fürchterlicher
Qualm entwickelte sich.
»Ich höre etwas schnauben,« flüsterte Hans.
Alle waren gespannt aufmerksam. -- Da kam etwas in dem zweiten Ausgange
der Höhle hervor. Ein dicker Kopf mit kurzen Ohren zeigte sich und ein
unhöflicher, schlaftrunkener Geselle kroch langsam, mit blinzelnden
Augen hervor. Ein wohlgezielter Schuß tötete den Wombat, welcher von dem
Rauche aus seiner gemütlichen Wohnung vertrieben war.
»Ein Prachtkerl,« frohlockte der Führer, »mindestens seine sechzig Pfund
schwer; der soll uns schmecken!« Der Führer weidete das Wildbret
kunstgerecht aus, schnürte seine Beine zusammen und warf es wie eine
Tasche um den Nacken. »Nun vorwärts,« rief er, »damit wir zur rechten
Zeit das Lager erreichen!«
Alle gingen auf diesen Vorschlag ein, und mit neuem Mute durchzogen sie
die Gegend, welche sich immer schöner gestaltete. Es wurde wärmer und
wärmer, endlich drückend heiß und in dem Dorfe an der Küste wieder ganz
tropisch, wie in den früher bereisten Gegenden. Die kleine Karawane zog
über öde Basalt- und Lavafelder, an den Ufern großer Ströme dahin,
vorbei an Seen mit Rohr und Schilf wie daheim in Deutschland, mit weißen
und blauen Wasserrosen und schwarzen, purpurschnabeligen Schwänen; sie
sah zahlreiche heiße Quellen und thätige Vulkane und atmete auf, als das
Erscheinen der Eisvögel den Strand verriet. Diese Reise durch so weite,
menschenleere Strecken, ohne Fleischnahrung, in dem zwischen nächtlicher
Kälte und drückender Tageshitze schwankenden Klima war keine leichte und
keine sehr unterhaltende gewesen. Alle erklärten einstimmig Australien
für das wenigst interessante Gebiet, welches sie bisher betreten. Und
nun stand noch der Südpol bevor!
In den Flüssen an der Küste begegnete ihnen ein alter Bekannter, die
Schildkröte; auf den Klippen saß der große Eisvogel, Papageien zeigten
sich in großer Anzahl; schwarze Gestalten erschienen, Blätterdächer
tauchten auf und Boote schwammen über die krausen Wellen des Meeres
dahin. Dieser Stamm hatte augenscheinlich oft weiße Menschen gesehen;
die Reisenden wurden ohne Erstaunen, aber mißtrauisch aufgenommen, man
schien von ihnen eher Böses als Gutes zu erwarten.
Für Geld erlaubte es der Häuptling, daß die Weißen eine Hütte aus Bambus
und Palmblättern bezogen; man band die Pferde an lange Leinen und ließ
sie das üppige Gras abweiden, während sich ihre Herren nach Möglichkeit
mit den Schwarzen zu verständigen suchten. Der männliche Teil des
Fischervölkchens trug gar keine Kleider, die Frauen dagegen zeigten sich
im Schmuck des Grasgürtels und verschiedener, sehr hübsch gearbeiteter
Zieraten aus Muscheln und Schildkrötenschalen. Sie hatten auch hier
wulstige Lippen, magere Arme und die abschreckende Gewohnheit des
Bemalens, zu der noch das Einreiben ihrer ganzen Personen mit
entsetzlich stinkendem Thran kam. Das Dorf war gewissermaßen in zwei
Teile geteilt; unten am Strande wohnte ein kräftigerer Menschenschlag,
dessen Angehörige Fischerei betrieben und selbst Boote zimmerten; weiter
hinauf dagegen lebten Geschöpfe, deren bloßer Anblick Erbarmen einflößen
konnte. Abgezehrt wie Skelette, gelbgrau von Farbe und mit trommelartig
aufgetriebenem Leibe, wohnten diese Jammergestalten, deren es übrigens
nur wenige zu geben schien, für sich allein im Gebüsch oder in
schlechten, ruinenartigen Hütten, einer einzigen Leidenschaft frönend,
wie etwa der Trinker dem Genusse des Branntweins, -- der des Erdessens.
Man findet diese unselige Gewohnheit, außer an einigen Punkten
Südamerikas, nur bei den Australnegern, obgleich auch dort selten. Die
Erdesser werden vom Stamm als gewissermaßen unrein ausgestoßen, sie
gehen alle dem frühen Tode mit Sicherheit entgegen und sind schwach und
elend, oft kaum im stande, sich aufrecht zu erhalten; aber von ihrer
schrecklichen, so ganz unbegreiflichen Leidenschaft lassen sie nicht,
sondern sterben, wenn ihnen der Genuß einer gelben fettigen Erdart
entzogen wird; jede andere Nahrung weisen sie mit Abscheu zurück.
Holm nahm eine Quantität der Erde mit, um dieselbe später einer genauern
Prüfung zu unterwerfen.
»Wir werden unter dem Mikroskop finden,« sagte er, »daß diese Erde reich
an Diatomeen ist, von denen wir bereits einige Arten kennen gelernt
haben. Es finden sich an vielen Gegenden der Erde große Anhäufungen von
Diatomeenpanzern, die der weißen, staubartigen Beschaffenheit wegen
Bergmehllager genannt werden. In Lappland und dem nördlichen Schweden,
wo der kurze Sommer das Getreide nur spärlich reifen läßt, mischt der
leichtbefriedigte Nordländer das leckere Bergmehl dem spärlichen
Brotteige zu, um eine größere Quantität des kostbaren Nahrungsmittels,
des Brotes, zu erzielen. Obgleich die Kieselpanzer nur wenig Nährstoff
besitzen, werden dennoch ungeheure Mengen derselben verzehrt; von dem
Bergmehl von Lollhapysön werden alljährlich viele Wagenladungen in der
angegebenen Weise verspeist. In Nordasien und Südamerika leben ganze
Völkerschaften, welche ebenso wie diese Australier feine Erdarten
genießen und sogar als Leckerbissen schätzen. Auch in diesen Erden
finden sich unzählige Diatomeen, denen möglicherweise noch eine Spur
nahrungsspendender organischer Substanz anhängen mag, die eine Erklärung
der wenig einladenden Geschmacksrichtung zuläßt.«
Die Erdesser verkrochen sich vor dem Blick der Weißen; diese
Unglücklichen glichen häufig lebenden Leichen und boten mit ihrer
Ungestalt einen äußerst abschreckenden Anblick. Während sie über den
aufgetriebenen Leib nicht hinwegzusehen vermochten, waren ihre übrigen
Körperteile bis auf die Knochen abgemagert.
Die Wilden ernährten sich hier von Fischen, Muscheln und
Schildkröteneiern. Vor jeder Hütte war in die Erde ein Loch gegraben;
zuerst kam das Holz hinein und, wenn dieses brannte, mehrere flache
Steine, die nach ihrer Erhitzung als Pfanne dienten. Die Eier wurden
sofort darauf gar, und der Fisch geriet wenigstens in einen Zustand,
welcher ihn halb verbrannt, halb geröstet einigermaßen genießbar machte.
Auch Kokosnüsse, Brotfrüchte und Taro wurden auf diesen Steinen zu einer
harten, brotartigen Masse gebacken. In dem ganzen, an genießbaren
Pflanzen so armen Australien schien dies Gebiet das ärmste; es fanden
sich hier selbst nicht einmal jene Beerenfrüchte, die in den Wäldern
zuweilen als angenehme Erfrischung gedient hatten.
Ihre Fische fingen die Männer, indem sie dieselben vom Boot oder vom
Strande aus mit langen Spießen geschickt stachen; außerdem tauchten sie
auch wie die Enten und brachten vom Grunde Muscheln in Fülle mit herauf.
Gleich während der ersten Stunden bemerkten die Weißen, daß unter diesem
Stamm wieder einmal wie bei den Alfuren ein bedeutend entwickelter Hang
zum Diebstahl vorhanden war; sie schossen daher mehrere Eisvögel,
kauften einige noch nicht gesehene Schaltiere und beschlossen dann, der
Pferde wegen noch vor Nacht wieder abzureisen. Wenn ihnen durch einen
Handstreich die Reittiere genommen wurden, so waren sie in dem Lande,
das keine Jagd und fast keine wildwachsenden Früchte bot, dem Hungertode
preisgegeben. Einer erzählte ohnehin dem anderen, daß er täglich seine
Kleider enger einschnüren müsse.
Die Führer hielten Wache und verscheuchten bei dieser Gelegenheit mehr
als einmal die Wilden, welche nicht umhin konnten, sich schleichend mit
lüsternen Blicken den aufgestellten Gewehren zu nähern; man hielt es
aber auch nicht für klug, eine offene Fehde heraufzubeschwören, vielmehr
versuchte Mr. Thompson, der Dolmetscher, durch einen Vergleich die Frage
allseitig befriedigend zu lösen. »Komm einmal her, Kamerad,« redete er
den schlangengleich durch das Gebüsch kriechenden Schwarzen im ruhigsten
Tone an, »wie heißt du, Alter?«
Der Wilde erschrak zwar, aber er gehorchte doch dem Rufe. »Heu-Heu,
Master,« versetzte er etwas unsicher. »Was willst du von dem schwarzen
Manne?«
Thompson bot ihm mittels einer Handbewegung neben sich auf der Wolldecke
Platz. »Du sollst mir einen Rat geben, mein lieber Heu-Heu,« fuhr er
fort. »Wie weit ist es von deinem Dorfe bis zur nächsten Niederlassung
weißer Menschen? -- oder wohnen hier herum keine?«
Der Wilde zeigte über seine Schulter hinweg. »Wenn der Kasuar bei
Sonnenaufgang von hier fortläuft, so kommt er am Abend zu den weißen
Männern,« antwortete er.
»Aha! das ist eine gute Nachricht, Freund Heu-Heu! Nun höre weiter.
Kannst du uns bis zu diesem Dorfe den Weg zeigen?«
Der Schwarze überlegte. Sein lauernder Blick wanderte von den weidenden
Pferden zu den Gewehren und von diesen wieder zurück. »Wir werden zu
zwanzig oder dreißig die Führung übernehmen,« versetzte er endlich.
»Weniger können es nicht sein, sonst möchten wir uns verirren.«
Thompson zuckte die Achseln. »Das ist schade, mein lieber Heu-Heu,«
sagte er mit der größten Ruhe, »wirklich schade. Einen Mann brauchen wir
nur.«
In den Augen des Wilden blitzte der Zorn der Enttäuschung.
Wahrscheinlich hatte er es sich sehr leicht und angenehm gedacht, mit
seinen Genossen die Weißen in der Wildnis abzuschlachten und sich ihres
Eigentums ohne Mühe zu bemächtigen. Dazu aber war eine bedeutende
Überzahl ganz unerläßlich.
»Ein einzelner Mann meines Stammes geht nicht mit euch,« setzte er
hinzu. »Einer allein ohne seine Freunde wagt sich so weit nicht hinaus.«
Thompson nickte. »Dann müssen wir es eben ohne Führer versuchen, mein
Bester,« gab er zurück. »Es thut mir leid, dich gestört zu haben,
Heu-Heu. Schlaf wohl!«
Aber der Schwarze blieb sitzen. »Geht ihr allein, so fallt ihr in die
Hände der räuberischen Ara-Punga,« sagte er. »Sie wohnen ganz in der
Nähe und töten jeden, dessen sie habhaft werden können.«
»Hm, hm, was du sagst, Heu-Heu. Da würden ja auch zwanzig oder dreißig
von deinem Stamme nichts ausrichten! Ich sehe schon, wir müssen unsere
Reise allein fortsetzen.«
Damit drehte er den Kopf, wie um zu schlafen, indes der Wilde zögernd,
heimlich knirschend seine Hütte wieder aufsuchte. Er ballte im Dunkel
der Nacht drohend die Faust. »Heu-Heu wird dir zeigen, daß er klüger
ist, als alle weißen Länderdiebe und Schurken zusammen,« zischte er.
»Keiner deiner Gefährten erreicht die Kolonie am Meer, keines eurer
Pferde soll uns entgehen.«
Er blieb während der ganzen Nacht unsichtbar, am frühen Morgen jedoch
erschien er wieder. »Wenn die Weißen langsam reiten wollten, so daß ein
Mann zu Fuß bequem folgen könne, dann sei es ihm doch vielleicht
möglich, unter den Felsen am Ufer einen Weg zu finden, der das Gebiet
der Ara-Punga nicht berühre. Wie viel bei der Sache verdient werden
könne?«
Thompson bot im Namen der Weißen eine anständige Summe, und beide Teile
einigten sich dahin, gleich nach dem Frühstück abzureisen. »Ich traue
dem Frieden nicht so recht,« erklärte der Führer, »da ist irgend ein
Schurkenstreich im Werden begriffen. Wollen wir auf das gute Glück hin
allein fortreiten oder riskieren, daß uns der ganze Stamm nachschleicht,
um Beute zu machen?«
Die Reisegenossen sahen einander an. »Laßt uns lieber das Geld bezahlen
und doch ohne Führer reisen,« antwortete der Doktor. »Wir hatten ja auch
bisher keinen solchen.«
»^Well!^« nickte der Dolmetscher. »Aber auf dem Gebiet der steinigen,
von Klippen durchzogenen, oft aus Sandfeldern bestehenden Küste leben
weder Känguruhs noch wachsen solche Wurzeln, die zur Not einen Menschen
vom Hungertode erretten können. Was wollen wir essen, wenn uns die
Kolonie während mehrerer Tage nicht zu Gesicht käme?«
»Warum trauen Sie denn dem Schwarzen nicht, Thompson?«
»Hm, die Australneger sind durchweg rachsüchtiger Natur. Daß wir ihnen
mittels unausgesetzter Wachsamkeit ihre kleinen Diebereien unmöglich
gemacht haben, verzeihen sie uns nicht.«
»Da gibt es also nur ein einziges Mittel,« entschied Holm. »Die Kolonie
liegt ohne Zweifel am Meer, wie alle Ansiedelungen auf wildem Gebiet;
wir können uns also in der Richtung nicht irren, das ist die Hauptsache.
Eine Partie Schildkröteneier und etwas von dem harten Tarogebäck wird
sich ja kaufen lassen, das reicht für einen Tag; während der Nacht
bleiben wir im Sattel, so daß kein Überfall möglich ist und folgenden
Morgens erreichen wir unser Ziel.«
Der Dolmetscher lächelte. »Ganz gut, Sir, ganz gut,« versetzte er, »aber
den Führer können wir dabei doch nicht entbehren. Die Küste ist so
unregelmäßig, so von Ausläufern und vorspringenden Landzungen
unterbrochen, daß recht wohl in einer dieser versteckten Buchten die
Kolonie unseren Blicken entgehen könnte und daß wir direkt hinter dem
jedenfalls nur unbedeutenden Städtchen vorüberreiten. Besäßen wir
Lebensmittel, dann stände alles anders, so aber stimme ich dafür, den
Schwarzen mitzunehmen.«
»Abgemacht!« rief Franz. »Mr. Thompson und seine Genossen haben nur
übernommen, uns durch das Gebirge zu führen; sie erklärten von vorn
herein, in den Küstendistrikten ganz unbekannt zu sein; wir können ihnen
also jetzt, wo sie uns aus Gefälligkeit unter den schwersten
Entbehrungen hierher begleiteten, nicht zumuten, auch noch Leben und
Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Der Schwarze soll schon gehorchen, wenn
er erst mit uns allein im Walde ist.«
Mr. Thompson erhandelte von den Schwarzen, die sich noch mehr als am
letzten Abend von ihren Gästen zurückzogen, eine tüchtige Anzahl Eier
sowie Taro, beides steinhart gebacken; die Wasserflaschen wurden gefüllt
und die Decken aufgeschnallt, dann ging es unter Heu-Heu's Führung
weiter über den Strand dahin. Ein Versuch, diesen ungastlichen, scheuen
Wilden Lebewohl zu sagen, schlug gänzlich fehl, sie hatten sich in ihre
Hütten zurückgezogen und schienen den Weißen einen tief empfundenen Haß
zu bewahren.
Als Heu-Heu an der Spitze der Reiterschar zum Dorfe hinauswanderte,
wechselte er mit dem vom Meer herübersehenden Häuptling einen Blick, der
den Führern nicht entging. Thompson und die übrigen bedeuteten sich
schweigend. Der Wilde hatte gesagt: »Paß auf!« und der Häuptling
geantwortet: »Es bleibt dabei!« --
»Die Kerle ziehen uns nach, es ist gar kein Zweifel,« raunte der
Dolmetscher.
»Verdammt sollen sie sein. Wir werden ihnen einen heißen Empfang
bereiten.«
»Pst! -- die Fremden erfahren das früh genug, wenn's erst einmal so weit
ist.«
Im schönsten Sonnenschein ritt die kleine Gesellschaft über den Kies
dahin, wurde aber sehr bald durch einen seltsamen Anblick so gefesselt,
daß der schwarze Führer stillstehen und Erklärungen geben mußte. Aus dem
Schoße eines rieselnden, fußtiefen Sandbodens herauf ragten in langen
Reihen die Kiele halbversenkter Boote, deren vorderer Teil mit der
offenen Seite nach unten auf dem Sande lag, während der hintere von
diesem ganz bedeckt war. Der unbeschützte, von keiner Einfriedigung
umgebene Raum bildete den Gottesacker des Stammes; wo ein Mann begraben
lag, da hatten ihm die Überlebenden sein Boot, sein einziges irdisches
Besitztum als Erinnerungszeichen mitgegeben; wo aber eine Frau die
letzte Ruhestätte gefunden, da ragte aus dem Boden die Hälfte des
Weidenkorbes, in dem sie Eier und Brotfrucht gesammelt.
So einförmig, so schmucklos und öde dieser Kirchhof den Blicken der
Europäer auch erschien, einen so guten, versöhnlichen Eindruck brachte
er dennoch bei allen hervor. Wie viel würdiger war es, die Toten der
Mutter Erde zurückzugeben und ihre Gräber durch das Erinnerungszeichen
vor Entweihung zu schützen, als sie auf Bäumen den Sonnenstrahlen und
den Raubvögeln zu überlassen, bis endlich ein Sturmwind die letzten
Überreste auf den Erdboden und damit den Lebenden unter die Füße warf.
--
Die jungen Leute stiegen von ihren Pferden, um diesen seltsamen Friedhof
auf hoher Sanddüne am Meer nach allen Richtungen zu durchwandern; auch
der Doktor und Heu-Heu hatten sich ihnen zugesellt, während die Führer
bei den Tieren Wache hielten.
Der Schwarze deutete auf eine vorspringende Klippe am höchsten Punkt des
ganzen Raumes; seine unverständlichen Reden schienen den Fremden ein
besonderes Schauspiel zu verheißen. Ziemlich neugierig näherten sie sich
dem Winkel, wo in einer Art von Vertiefung unter überhängendem Dache
wirklich ein Anblick, wie sie ihn am wenigsten erwartet, ihrer harrte.
In der natürlichen Nische stand ein grobgezimmertes, unbemaltes Kreuz
mit der Inschrift: »^John Mulgrave^,« darunter die Worte: »Christus ist
mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.«
Es war jedenfalls ein Missionar, der hier schlummerte, das sahen alle;
der Schwarze schien auch die Einzelheiten des Falles zu kennen,
wenigstens redete er immer fort; aber erst als Thompson hinzukam und
vermittelte, konnten ihn die übrigen verstehen. Mr. Mulgrave hatte lange
Jahre unter den Wilden gelebt und war von ihnen hoch verehrt worden,
weil er nur Gutes stiftete und allen Leuten nützliche Kenntnisse
beibrachte. »Die kleinen Kinder begoß er mit ein paar Tropfen Wasser,«
erzählte Heu-Heu, »und dann wußte er auch viel Schönes von einem Manne,
den er gekannt, der ein großes Haus besitze, in welchem sie dereinst
nach ihrem Tode sämtlich wohnen würden, Häuptlinge und Sklaven, Weiße
und Schwarze, und wo auch der große Weltgeist seinen Sitz habe. In
diesem Lande gibt es nicht Hunger noch Durst, die Ara-Punga sind keine
Feinde, und Brotbäume wachsen auf allen Wegen.«
Keiner der Weißen fand im Augenblick Worte diesen rührenden
Auseinandersetzungen gegenüber. Wie hatte der verbannte, auf den
unfruchtbaren, verödeten Küstenstrich vom Schicksal verschlagene Mann so
treulich gestrebt, innerhalb des Gedankenkreises seiner Schüler das
Christentum zu erwecken, wie schwer und mühevoll war sein Los gewesen!
»Wer hat denn für euren Freund das Kreuz gezimmert?« fragte endlich
Holm.
»Er selbst. Er hat auch den Holzkasten, worin er liegt, mit eigener Hand
gemacht; mich trug er auf den Armen, als ich noch ein kleines Kind war.«
»Also ruht er lange schon!« setzte der Doktor hinzu. »Und was er
ausgesäet, ist wieder überwuchert vom Unkraut; die er als Säuglinge
taufte, sind heute Wilde und vielleicht arge Schurken dazu. Aber einen
Kranz auf das einsame Grab wollen wir doch legen, nicht wahr?«
Die jungen Leute hatten schon den gleichen Gedanken gehabt. Schilf und
ein paar spärliche Blüten, wie sie die australische Flora hergab,
bildeten einen schlichten Kranz, der das Holzkreuz rings umflocht.
Nachdem so der tote Mann ihrer eigenen Farbe von den Weißen geehrt
worden war, setzten sie ihre Reise fort, wobei noch der Wilde
eingestand, daß er eigentlich John Eward heiße, später aber nach
Landessitte von den Seinen wieder Heu-Heu genannt worden sei.
»Sind denn außer diesem einen nie mehr Missionare hierhergekommen?«
fragte Franz.
»Doch, noch viele, aber wir haben sie totgeschlagen. Weiße und wir
können nicht zusammenleben.«
»Da hat er recht,« nickte Thompson. »Eigentümlich genug; aber dies Volk
verträgt und mischt sich mit der weißen Rasse nirgends. Wie in
Nordamerika die Indianer, so werden in ganz Australien die Eingebornen
verdrängt und sterben aus, aber sie schließen mit uns keinen Frieden.«
Heu-Heu sah von einem zum andern. Er hörte, daß von seinem Volke
gesprochen wurde, -- der lauernde Blick zeigte, daß er etwas verbarg.
»Nicht so schnell,« ermahnte er schon nach den ersten Wegstunden. »Ich
kann mit euren großen Pferden unmöglich Schritt halten.«
Der Führer zügelte sein Tier. »Komm her,« sagte er, »setze dich hinter
mich, der Gaul verträgt's schon eine Weile.«
Dazu war der Schwarze unter keiner Bedingung zu bewegen, er sträubte
sich aus allen Kräften gegen die Nähe des Pferdes, so daß nichts übrig
blieb, als im Schneckenschritt den Weg fortzusetzen; dafür aber wurden
auch keine Pausen gemacht, zumal nichts zu kochen vorhanden war. Nur als
endlich die Nacht herabsank, mußte notgedrungen den Tieren und dem
Wilden eine Erholung gestattet werden, obgleich freilich die Weißen an
keinen Schlaf dachten.
Die Reiter hielten ihre Tiere an den Zügeln und ließen sie weiden oder
sich ausstrecken, während sie selbst die harten Lebensmittel
hinunterwürgten. Im weiten Kreise umstanden die Führer das Lager, es war
somit an eine plötzliche Überrumpelung nicht zu denken.
»Schlaf!« ermahnte Mr. Thompson den Neger. »Wonach spähst du umher?«
Heu-Heu streckte sich sofort gehorsam auf den Fußboden. »Ich glaubte ein
Geräusch zu hören,« stammelte er. »Dort! -- hinter den Gebüschen regte
sich's.«
Er deutete auf eine in der Richtung des weiteren Weges ziemlich entfernt
stehende Gruppe von hohen, üppigen Farnen. »Gewiß, von daher klangen
Stimmen,« beharrte er.
Die Führer wechselten Blicke. »Hinter uns lauert der ganze Stamm,«
flüsterte Thompson. »Hätte ich es nicht schon längst geglaubt, so wüßte
ich es jetzt. Wenn wir uns von diesem Schurken verleiten ließen, das
Gebüsch abzusuchen, so wäre unser Untergang sicher.«
Einer der anderen näherte sich ihm. »In einer Stunde haben wir
Mondschein, Thompson,« raunte er. »Wie wäre es, wenn wir den Schwarzen
an Händen und Füßen knebeln, ihm das Verrätermaul stopfen und ihn auf
eines der Pferde binden, so daß er den übrigen Teufeln kein Zeichen
geben kann? -- Sie sind hier, das ist vollkommen gewiß.«
»Vollkommen!« bestätigten alle. »Der Schwarze liegt mit offenen Augen,
ich habe ihn fortwährend beobachtet.«
»^Well!^« nickte der Anführer. »Verhaltet euch ganz ruhig, macht euch
mit den Tieren zu schaffen, legt ihnen Decken auf, hört ihr!«
Die Leute zerstreuten sich anscheinend absichtslos. Einer oder der
andere suchte unter den Bäumen eine Stelle, um mit dem Zügel über dem
Arm eine Viertelstunde zu ruhen, die meisten aber breiteten über ihre
Tiere die am Sattelknopf befestigten Wolldecken, ohne indessen den
schlauen Thompson auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu verlieren.
Sie kannten ihn, sie wußten, daß er »mit allen Salben geschmiert« sei
und schon hundert Kämpfe mit den Eingebornen bestanden hatte, aber
dennoch begriffen sie nicht, was er jetzt im Schilde führte.
Auch der Neger beobachtete heimlich. Eine heiße Ungeduld durchflutete
sein Inneres, -- würde denn nicht endlich der Zeitpunkt kommen, wo die
Natur ihre Rechte geltend machte, wo die weißen Männer, eingewiegt in
trügerische Sicherheit, die Augen schließen und in Schlummer versinken
mußten?
Thompson glitt hart an ihm vorüber. Er ging langsamen Schrittes,
wandernd die große Wolldecke auseinander faltend und seinem ruhig
weidenden Pferde einige ermunternde Worte zurufend. »Wollen dich
einhüllen, alter Kerl, damit dir die Nachtkühle nicht schade, he? --
bewahrt ist besser als beklagt!«
Während er im Tone harmloser Gutmütigkeit anscheinend dem Tier diese
Rede hielt, brachte ihn ein plötzlicher, mit staunenswerter Keckheit
ausgeführter Seitensprung in die unmittelbare Nähe des Negers, hatte er
über den Kopf desselben die Decke geworfen und durch handfesten Druck
auf den schwarzen Mund jeden beabsichtigten Schrei im Keime erstickt.
Jetzt sah er lachend zu seinen Genossen hinüber. »Besteigt die Pferde,
meine Herren, es ist Zeit, daß wir uns von hier entfernen; die Kerle
sind ganz in der Nähe, das behaupte ich, -- diesen Burschen nehmen wir
eine Strecke Weges mit uns.«