Holm näherte sich dem Dajak. »Laß ab von deiner Rache, Freund Solani,«
sagte er überredend. »Wir wollen dir eine große Summe Geldes geben, wenn
du uns unbehindert unseres Weges gehen läßt.«
Der Dajak schüttelte den Kopf. »Kaufst du mit deinem Gelde das Leben
Alteis zurück, weißer Mann?« fragte er, »kaufst du die Verzweiflung
seiner Kinder, die in Kohlengruben und unter den Peitschenhieben
grausamer Gebieter elend zu Grunde gingen? -- Das war Solanis Vater, das
waren seine Schwestern und Brüder!«
Holm klopfte die Schulter des Erregten. »Nein, Solani, nein,« sagte er
eifrig. »Du bist in den Deinigen unheilbar gekränkt und verletzt, aber
was nützt es dir, wenn du jetzt einen Mord begehst? Wird dadurch die
Sache besser?«
Der Dajak neigte den Kopf. »Ja!« gab er einfach zurück. »Der Ermordete
schläft nicht, bis der Mörder bestraft wurde, und wäre es erst nach
vielen Ernten (der einzige Begriff der Zeitrechnung bei den Wilden auf
Borneo!), ja wäre es erst in seinen Ur-Urenkeln. Bassar nimmt meinen
Kopf, oder ich nehme den seinen! -- komm heraus, Sohn Hawalles!«
Der alte Theologe hob die Hand zum Himmel, von dem Mond und Sterne so
friedlich herabsahen auf die Greuel des Hasses, welche sich da unten
vollzogen. »Verblendete,« rief er in eindringlichem Tone, »laßt ab von
euren abscheulichen Plänen, euren wahnwitzigen Folgerungen! Die Toten
bedürfen keiner Erdenhilfe mehr, die Blutrache ist vor Gott eine
Todsünde!«
Auch das übersetzte der Dolmetscher, aber ohne damit Eindruck zu machen.
»Komm!« wiederholte Solani, und als Bassar keine Folge gab, entstand ein
Handgemenge, bei dem sich zwar die Weißen zu gunsten ihrer Führer
beteiligten, woraus aber die Dajaks nach kurzem Ringen als Sieger
hervorgingen. Immer mehr Kopfjäger drängten nach, die Weißen wurden
abgeschnitten zwischen ihnen und den Dajaks bildete sich eine dichte
Mauer, die Malaien befanden sich draußen und in der Gewalt ihrer Gegner,
ehe noch wenige Minuten vergingen.
Vor der Hütte hatten sich Hunderte versammelt, teils Punan, teils
Mankeian, sie wußten offenbar alle, um was es sich hier handelte, keiner
von ihnen streckte die Hand aus, um das beabsichtigte Verbrechen zu
hindern.
Als sich die Weißen in der verlassenen Hütte allein sahen -- nur der
Dolmetscher war geblieben! -- da erfüllte ein einziger Gedanke die Seele
aller. Zum Panglima! er mußte Hilfe schaffen.
Die königliche Behausung war bald erreicht und der alte Nigura aus dem
Schlaf erweckt. Ein paar Kienspäne sandten ihre flackernden Lichter,
ihre dichten, blauen Rauchwolken zum Himmel empor; im Gras zirpten und
huschten glänzende Insekten die Blüten dufteten stärker, der Mond
spiegelte sein lächelndes Antlitz im Flusse, und über den Himmel eilten
im schnellen Fluge schimmernde Sternschnuppen.
So tiefer, tiefer Schöpfungsfriede, so stille, träumende Mondnacht, --
und in nächster Nähe mordete der Mensch den Menschen, wurden einem
furchtbaren Irrwahn blutige Opfer gebracht, starben in diesem Augenblick
fünf Männer wehrlos unter den Fäusten eines ganzen erbitterten Stammes.
Der Doktor eilte allen voraus dem alten König der Mankeian entgegen.
»Panglima,« rief er, »hilf uns, hilf uns, man mordet die Malaien, denen
du Schutz zusagtest.«
Der Greis schüttelte den Kopf, auch er wußte offenbar alles. »Das thun
nicht die Mankeian, Fremder,« versetzte er, »sondern die Punan, und
diese sind im Recht. Bassar wollte hieher kommen, um eine uralte Fehde,
einen Kampf der ersten Besitzer mit den ersten Eindringlingen, für sich
auszubeuten, indem er, gestützt auf die Gastfreundschaft der Mankeian
und euern Beistand, ein paar junge Leute in die Sklaverei entführte; es
traf sich aber, daß bei den Punan ein anderer Stamm weilte, und daß
unter diesen ein Mann lebte, dessen ganze Familie jener Malaie aus
Habsucht ins Verderben stürzte, -- das ahnte der Schuldige nicht, er
würde sich sonst gehütet haben, die Rache herauszufordern! Im
Augenblick, als Bassar aus den Hütten der Punan seine Opfer stehlen
wollte, sandte Dewata-Dugingang den Sohn Alteis, -- ich kann nichts
thun, um ihn an seinem gerechten Vorhaben zu verhindern. Nur für eure
Sicherheit werde ich sorgen.«
Der Doktor hatte mehrfach versucht, den alten Häuptling zu unterbrechen.
Jetzt, als er schwieg, ergriff er dessen Hand. »Ich bin ein Liau,
Panglima,« sagte er, mit innerem Widerstreben seinen heiligen Stand in
der Weise dieser Barbaren bezeichnend, »ich bin ein Liau, und als
solcher frage ich dich, ob du glauben kannst, daß Dewata-Dugingang den
einen seiner Söhne erschaffen habe, damit er den andern morde? Ist das
vernünftig, ist das gut und erlaubt?«
»Nicht immer, Fremder, und nicht wenn der eine des anderen Genosse, oder
wenn er ihm ganz unbekannt ist, wohl aber, sobald sich der Dajak und der
Malaie gegenüberstehen. Es ist den Göttern wohlgefällig, daß wir den
gelben, falschen Stamm ausrotten, das Gleiche lehren auch die Liaus
deines Volkes, Fremder! Nigura ist ein großer König, er hat viele
Küstenländer besucht und mit den weißen Seefahrern Handel getrieben; er
hat gehört, daß auch in ihren Hütten Feindschaft entbrennt, so oft ein
Stamm den anderen überfällt.«
»Aber das ist etwas durchaus anderes, Panglima! Die --«
»Still!« winkte der Alte. »Du weißt nicht, Fremder, welches Elend die
Malaien über unser friedliches Volk gebracht haben, du weißt nicht, was
es heißt, ganze Stämme, die bisher glücklich und zufrieden lebten, in
Sklaverei geraten zu sehen. Der Malaie kam und zerstörte unsere Häuser,
nahm unsere Felder und Herden, nahm unsere jungen Kinder und trieb
hinein in den Wald, wo nichts wächst, was den Menschen ernährt, alle die
seinen Peitschenhieben entflohen, die nicht in seinen Kohlengruben
lebendig verscharrt werden wollten, -- Fluch den Malaien!«
Der alte Geistliche seufzte mutlos. »Das ist das Volk, welches bislang
alle Missionare ermordete und allem Eindringen des Christentums einen
Damm entgegensetzte,« sagte er leise in deutscher Sprache. »Ich halte
weitere Bitte für verschwendet.«
»Panglima,« wandte er sich dann nochmals an den greisen Häuptling,
»willst du für Geld unsere Führer in Schutz nehmen? Ich biete dir große
Summen.«
In den eingesunkenen Augen des Fürsten blitzte plötzlich ein heißer
Strahl. »Mehr als alles Geld der Erde ist es wert, den Kopf eines
Malaien abgeschnitten zu haben,« versetzte er mit düsterem Ernst. Dann
aber, die Hand erhebend, fügte er hinzu: »Hört ihr?«
Die Weißen horchten und vernahmen voll inneren Grauens einen Ton, der
wie Drohung, wie wildes Flehen klang, und der endlich in schauerliches
Röcheln überging. --
»Kommt!« mahnte Holm, »kommt, wir haben das Unsrige gethan. Es ist
vergebens, bei so eingefleischtem Hasse Erbarmen zu suchen.«
Die kleine Schar verabschiedete sich stumm grüßend von dem alten
weißhaarigen Heidenkönig, der inmitten seiner Getreuen, durchaus nicht
ohne persönliche, angeborene Herrscherwürde, die Gäste entließ, indem er
mehreren Unterhäuptlingen leise Befehle gab. Die Malaien waren tot,
daran ließ sich nicht zweifeln; unsere Freunde befanden sich also
vollständig in der Gewalt der Eingebornen, sie konnten nicht zuviel auf
die versprochene Sicherheit bauen. Das Gepäck wurde aufgeschnallt, die
Dolmetscher abgelohnt und in Begleitung von vier bewaffneten Dajaks die
Weiterreise angetreten. Schon graute der Tag, als die kleine Karawane
das Zeltlager der Punan durchschritt; überall standen und saßen in
Gruppen die Männer, man flüsterte und zischelte, obgleich keinerlei
Angriffe oder Beleidigungen stattfanden; schon war fast das ganze Dorf
passiert, als an der letzten Hütte desselben die Dajaks stehen blieben
und zum Mittelbalken hinauf Worte riefen, aus deren Ton sich der
haßerfüllte, beschimpfende Inhalt unschwer erraten ließ. Sie schwangen
die Waffen und ballten die Fäuste, wildes gellendes Jauchzen erfüllte
die Luft. -- --
Holm sah hinauf, nicht ohne eine Vorahnung dessen, was seinen Blicken
begegnen würde, -- er versuchte es, die Knaben so schnell als möglich
vorüberzuführen, aber der Doktor verhinderte ihn daran, indem er selbst
stillstand und den Strohhut vom Kopfe nahm.
Da oben über dem Eingang hingen, umspielt von den ersten Strahlen der
jungen Morgensonne, die abgeschnittenen Köpfe der fünf Malaien, noch
blutend, noch wie im Leben mit offenen Augen -- grauenhaft, entsetzlich
zu sehen. Wo die Körper geblieben, das verriet kein Zeichen; nur der
Kopf ist es ja, nach dem des Dajaks brennender Ehrgeiz trachtet.
Der alte Theologe sprach unbeirrt von den drohenden Gefahren des
Augenblicks auf Deutsch ein Gebet für die Seelenruhe der Ermordeten, und
während dieser in ernstem, würdevollem Ton gehaltenen Rede schwiegen
selbst die rohen Heiden, wagten sie keinen Widerspruch, keine
Beleidigung, sondern hielten sich still, als sei der »fremde Liau« ein
Priester ihres eigenen Volkes. Der Greis sprach zu den Göttern,
Dewata-Dugingang verweilte ungesehen in ihrer Mitte, -- sie regten kein
Glied, um nicht die Gewaltigen zu erzürnen. --
Das ist die erhabene Macht des Gottesgedankens, daß selbst die wildesten
Wilden sich ihr widerstandslos beugen! Kein Volk so niedrig, kein Volk
so vertiert -- es betet doch. -- --
* * * * *
Fast ohne alle Unterhaltung, ohne die alte frische, fröhliche Reiselaune
wurde der erste Teil des Weges zurückgelegt. Gewiß waren große Sünder
jählings im Augenblick ihrer kecksten, verbrecherischen Pläne vom
Schicksal ereilt worden, gewiß war frevlem Übermute hier von Gottes Hand
ein Ziel gesetzt, aber dennoch ließ das Grauenhafte der ganzen
Begebenheit zunächst diesem Gedanken noch keinen Spielraum; erst als am
Abend ein neues Dorf der wandernden Mankeian erreicht war und hier dem
Unterpanglima von König Nigura der Befehl überbracht wurde, die
Reisenden in Schutz und Geleit zu nehmen, als die vier Dajaks den
Rückweg antraten und somit die äußere Erinnerung an den fünffachen Mord
nicht unwillkürlich in jedem Augenblick aufgefrischt ward, da fingen die
Weißen an, das schauderhafte Ereignis zu vergessen oder wenigstens doch
sich aus dem Bann desselben freizumachen. Auf anderem Wege als dem,
welcher sie hierhergeführt, durch lachende Thäler und üppiges Weideland
verfolgten sie von Dorf zu Dorf ihren Zug über den ganzen Mittelrücken
der Insel. Viele Tausende von Dajaks wohnten im Inneren, und alle
gehorchten ohne Widerspruch dem Befehl Niguras, jeder Stamm gab bis zu
den nächsten Hütten der kleinen, wandernden Schar einige seiner Krieger
zum Geleit, so daß die Weißen von Hand zu Hand bis in die Nähe der
Malaiengrenze gelangten; dann freilich hüteten sich die Dajaks, noch
weiter vorzudringen, um nicht etwa für jene ersten Schuldigen, hundert
Meilen tiefer im Urwalde, zur Rechenschaft gezogen und als willkommene
Beute in die Kohlengruben gesteckt zu werden.
Im Angesicht der ersten malaiischen Pflanzung waren sie ohne Abschied
wie in den Boden hinein verschwunden.
Die Reisegenossen saßen am Wege und hielten Rat. Holm war verdrießlich,
weil er bei der übereilten Flucht seinen kleinen Orang-Utang im Stich
lassen mußte, der Doktor riet ernstlich, nun mit den Malaien keine
Verbindung wieder anzuknüpfen, nur die drei jungen Leute wollten von
keinem Zurückweichen oder Aufgeben hören.
»Wir gehen direkt nach Celebes zu den Alfuren!« sagte Franz.
»Ich will nach Lombock, um die _nur dort_ wachsende Palme kennen zu
lernen, welche, nachdem sie einmal getragen hat, stirbt,« warf Holm ein.
»Eine Expedition unter Malaienführung mache ich nicht noch einmal wieder
mit,« beharrte der Doktor. »Ihr könnt allein reisen.«
»Laßt uns den Kapitän hören,« schlug Hans vor. »Vielleicht kann er Gutes
raten.«
Und das geschah denn auch. Die letzten paar Meilen durch das
Malaiengebiet wurden in langsamen Märschen zurückgelegt, und in der
Stadt dem holländischen Gouverneur die ganze Angelegenheit zu Protokoll
gegeben, ebenso das bedungene Geld den Hinterbliebenen Bassars
ausgezahlt; dann steuerte das Schiff nach Lombock, einer der kleinen
Sundainseln, an dessen von steilen Gebirgswänden umgebenen Küsten es
tagelang warten mußte, ehe die fast unmögliche Landung zu glücklicher
Stunde bewerkstelligt werden konnte.
Zwölftes Kapitel.
Wie ein Kranz von wutentbrannten Raubtieren mit drohend offenem
Todesrachen umgab die Brandung das verhältnismäßig kleine Eiland,
haushohe Wogen, schillernd in grün und blau, sprangen an kahlen Klippen
hinauf, nirgends zeigte sich ein Hafen, nirgends war vom Schiff aus Wald
und wohlthuendes Grün zu sehen, nur Bergspitzen ragten hoch über den
Wolkenrand hinaus, leichte Rauchwolken auf einzelnen Punkten zeigten die
thätigen Vulkane, grau und düster zogen sich Felsketten nach allen
Seiten.
Es war verabredet worden, weder hier auf Lombock, wo gar keine
bemerkenswerten Tiere leben, noch später auf Celebes weitere Touren in
das Innere zu unternehmen. Tiere und Pflanzen sind auf den Sundainseln,
wenn man Java und Borneo gesehen hat, mit sehr unbedeutenden Ausnahmen
alle einander gleich, die großen Vierfüßler fehlen namentlich auf
Celebes und der Gruppe der »kleinen Sundainseln« gänzlich, die
Erzeugnisse des Bodens sind dieselben, wenn auch in etwas abweichenden
Arten der Baumwolle, der Farbehölzer u. s. w. Die Annahme des englischen
Naturforschers Wallace, daß alle diese zerstreuten Erdflecke zusammen in
vorgeschichtlicher Zeit ein Weltteil gewesen, erhält dadurch eine
entschiedene Bestätigung.
Nachdem das Schiff auf einer sehr schlechten, offenen Reede vor Anker
gegangen, begaben sich alle, die an Bord entbehrlich waren, zum Ufer,
ohne jedoch daselbst irgend eine Spur von Menschen oder
Menschenwohnungen zu entdecken. Im Gegensatz der entzückend schönen
Landschaften Javas und namentlich Borneos war hier die Küste sandig,
pflanzenarm und von niederem, reizlosen Buschwerk stellenweise bedeckt.
Der vulkanische Ursprung zeigte sich auf jedem Schritt; die hohen
Felsmauern, welche das ganze Land umgaben, fielen nach innen keineswegs
ab, sondern bildeten eine breite Hochebene, die in der Weise eines
Deiches unabsehbar dahin lief. Zahllose Käfer belebten den Sand,
Schmetterlinge wiegten sich auf den Büschen, und stellenweise kletterten
große Krebse über das steile Ufer schleunigst in das Meer zurück oder
ließen sich ohne weiteres hineinfallen. In einiger Entfernung zeigte
sich der Wald, weshalb die Reisenden dorthin ihre Schritte lenkten und
auch bald des sonderbaren Anblicks, um den sie überhaupt einzig und
allein hierher gekommen, teilhaftig wurden. Die grünen Wipfel standen
äußerst undicht; aller Orten lagen zwischen den schlanken Stämmen der
Fächerpalmen die gestürzten, fünfzig und mehr Meter hohen Baumriesen,
oder starrten die grauen Überreste abgestorbener Exemplare, deren
lebende, im besten Gedeihen befindliche Brüder ein ganz seltsames
Aussehen zeigten. Die Palmen von Lombock, eine der höchsten Arten,
blühen nämlich nur ein einziges Mal, werfen im Augenblick der Entstehung
dieser Blüte sämtliche Blätter ab und tragen auf kahlem Stamm Früchte.
Sind diese reif, so stirbt der Baum.
Dieses Bild von Zerstörung war eigentümlich, aber durchaus ohne allen
landschaftlichen Reiz und von herbstlicher Grundfarbe. Hier oder da
stand eine Palme im vollen Schmuck ihrer grünen, fächerförmigen Blätter;
dann folgte eine mit kleinen unansehnlichen, ja kaum erkennbaren
Blütenbüscheln auf dem nackten Holz; dann eine mit langen Ähren, in
denen die glatten, grünen, ovalen Früchte wie Pflaumen bei einander
lagen und zwischen diesen das Heer gestorbener Stämme, deren Holz in
weniger als einem Jahr zu Staub zerfällt.
Die Früchte schmeckten erfrischend, waren aber sehr schwer zu erlangen
und wurden außerdem verteidigt von einer Menge großer Kakadus, deren
weißes Gefieder von allen Zweigen glänzte. Holm erlangte durch die
Geschicklichkeit der im Klettern geübten Matrosen einige Blüten und
Blätter des merkwürdigen Baumes, den die Erde nur an dieser einen
kleinen Stelle trägt; dann wurde, nachdem der Hauptzweck so schnell
erreicht, das nächste Dorf aufgesucht. Wald schien die Insel nicht
besonders viel zu haben, nur ödes, häßliches Buschwerk versperrte den
Weg; nach einigen Stunden fortgesetzten Vordringens dagegen zeigten sich
Baumwollenfelder und in einer sumpfigen Niederung üppiger Reisbau, die
gewohnten Baumarten, Schlinggewächse, Affen, Papageien und Insekten
aller Art. Zerstreute Gebäude auf Pfählen, etwa fünf bis sieben Familien
fassend, lagen unregelmäßig zwischen den Äckern, die weißen Turbane und
die blaugestreiften Lendentücher verrieten die Bekenner des Islam.
Unsere Freunde lagerten an einer schattigen Stelle, entzündeten ein
Feuer und begannen die vom Schiff mitgebrachten Vorräte zuzubereiten,
wobei sich der Kreis ihrer Zuschauer mehr und mehr verdichtete. Hierher
nach Lombock kam sehr selten ein Schiff, viel weniger aber die Besatzung
desselben in die Dörfer der Malaien; es war ersichtlich, daß die meisten
dieser halbnackten Wilden nie weiße Menschen, nie Schußwaffen oder
überhaupt Spuren der Zivilisation kennen gelernt hatten; sie hielten
sich in respektvoller Entfernung, die Kinder flüchteten bei jeder Anrede
erschreckend zu den Müttern, und selbst die Männer zeigten eine Scheu,
welche nur ganz Wilde den Europäern gegenüber an den Tag legen.
Hier auf Lombock konnten wieder wie in Westafrika kleine Spiegel, Knöpfe
und Perlen als Geschenke dienen; am meisten aber belustigte die Art und
Weise, in welcher unsere Freunde ihre Mahlzeit verzehrten, das gelbe
zusehende Völkchen, und als endlich einige Männer nach langem Ermuntern
und Bitten an der Tafel auf Gottes grüner Erde mit Platz nahmen und sich
von den vorhandenen Lebensmitteln vorsetzen ließen, da wagten es die
übrigen, langsam näher zu kommen. Die Messer schienen den Leuten
bekannt, nicht aber die Gabeln, vor deren Berührung sie sich
kopfschüttelnd zurückzogen; ebensowenig die Löffel. Das Fleisch spießten
sie mit einem spitzen Holzstäbchen, und den Reis warfen sie mittels
dreier Finger in die Luft, um ihn dann geschickt mit den Lippen wieder
einzufangen.
Die Matrosen kannten das schon; den Knaben dagegen war es ganz neu,
weshalb denn auch beide Parteien, die Wilden und die Weißen, einander
beim Essen neugierig beobachteten und nicht selten laut lachten, wenn z.
B. die Aufmerksamkeit des Speisenden abgelenkt war und ihm die
Reisportion anstatt auf die Lippen, vielmehr auf die Nase fiel, oder
wenn die jungen Leute versuchten, das malaiische System nachzuahmen und
durchaus den halbflüssigen Reis zwischen ihren Fingern nicht halten
konnten.
Es war im ganzen ein gutmütiges, gastfreies, wenngleich scheues Volk,
das von Lombock; erst nach längerem Verweilen der Fremden gelang es, die
Leutchen einigermaßen vertraulich zu machen und sie zum Sprechen zu
bringen, wobei freilich das gegenseitige Verständnis nicht besonders
weit hinaus ging, denn auf der ganzen Küste gab es keinen englisch
redenden Eingebornen; das was die Matrosen durch häufigen Aufenthalt in
Batavia und Surabaja von der malaiischen Mundart erlernt hatten, blieb
das einzige Mittel zur Unterhaltung. Der Radscha von Lombock war der
holländischen Regierung von Java tributpflichtig; er mußte für den
Baumwollen- und Reisertrag der Insel alljährlich eine bedeutende Steuer
zahlen und verkaufte seine Waren an einige Holländer und Amerikaner, die
weiterhin an der Küste ihre Faktoreien besaßen; sonst aber wohnten von
den »Menschen mit weißen Gesichtern« auf dem Eiland keine, und
ebensowenig kamen jemals Fremde hierher, um das Innere zu durchforschen.
Alle Einwohner bauten Baumwolle und Reis.
Holm fragte nach Raubtieren, er beschrieb ihre Größe, er zeichnete auf
ein Blatt Papier die Gestalt eines Leoparden, eines Büffels, aber keiner
der neugierig beobachtenden Eingebornen hatte ein solches Geschöpf
jemals gesehen, Hirsche dagegen waren vorhanden und auch der
Orang-Utang, -- die Malaien machten ihm eine Faust, als sie das Bild
sahen. »Er stiehlt unsere jungen Mädchen,« sagten sie, »und nimmt die
geängstigten mit sich in seine unerreichbaren Felsenschlupfwinkel;
unsere Knaben zerdrückt er an seiner Brust wie Strohhalme.«
Auch Pferde kannten die harmlosen Leutchen nicht, wohl aber schöne
Ziegen und Schafe; ebenso kletterten auf allen Zweigen die Papageien und
Kakadus, deren lautes »Arra! Arra!« in der Umgegend widerhallte. Die
grüne Art schien hier sehr zahm, sie flog, wie bei uns das
Sperlingsvölkchen, ganz nahe heran, um womöglich von der Mahlzeit ihren
Teil zu erhalten, und als einmal Hans ein Stück Schiffszwieback nahm und
es einem der Vögel zuwarf, da entstand eine höchst lebhafte Balgerei.
Nachdem alles in Augenschein genommen, wurde der Rückzug zum Schiff
angetreten, unter dem Geleit sämtlicher Wilden, die nie ein solches
Fahrzeug kennen gelernt hatten. Was sie besaßen, war eine sogenannte
Prau, ein flaches, schlechtes Boot, mit dem sie oft von einer der
zerstreuten kleinen Inseln zur anderen fuhren.
Nur die Kecksten wagten es, mit an Bord zu gehen; wie Kinder betasteten
und bewunderten sie jeden Gegenstand, die Wanduhr hielten sie sogar für
göttlichen Ursprunges, und als Franz in der Kajütte anfing, das Piano zu
spielen, da verstummten die harmlosen Hörer vor lauter Staunen. Auf den
Zehenspitzen schlich sich einer heran und dicht hinter den Stuhl des
Knaben, der seine Absicht schon ahnte. »Vierhändig?« sagte er zum
Ergötzen der anderen in deutscher Sprache.
Der Malaie nickte. Behutsam den Zeigefinger ausstreckend vollführte er
einen plötzlichen, heftigen Schlag gegen eine Taste, und als der Ton
hell erklang, sah er triumphierend seine Landsleute an. Der Geist hatte
für ihn gesprochen.
»Gib acht,« lächelte Franz, »jetzt werden sie alle ihre Kunst probieren
wollen.«
Und so geschah es wirklich. Der eine wagte nur mit spitzen Fingern das
Instrument zu berühren, der andere legte die ganze Hand darauf, der
dritte fuhr langsam von oben bis unten über alle Tasten und lachte vor
Vergnügen über die »verschiedenen Stimmen, die ihm geantwortet hatten.«
Aber auch ein Ehrgeiziger fand sich darunter, einer, der den Bock
einnehmen und mit beiden Händen spielen wollte, wie er es von Franz
gesehen; dieser rötliche, in Adams Staatsanzug erschienene, aber dabei
mit Bogen und Köcher wohlbewaffnete Jüngling mußte sehr genau beachtet
haben, was vorging, denn er ahmte vollständig die Handbewegungen des
jungen Weißen nach, schlug auch energisch auf die Tasten, vollführte
aber dabei natürlich einen solchen Höllenlärm, daß sich unsere Freunde
am liebsten die Ohren zugehalten hätten. Franz lachte, daß ihm die
Thränen aus den Augen liefen: so urkomisch war das Bild des entzückten,
emsig hämmernden Malaien.
Und dann kam bei Wein und allerlei Geschenken, unter denen namentlich
blanke Knöpfe sehr begehrt waren, der Abschied, den Papa Witt mittels
einiger Kanonenschüsse verherrlichte. Zuerst erschraken die Wilden, so
daß einige unter ihnen laut aufschrien, andere sich köpflings über Bord
ins Wasser stürzten, dann aber überzeugten sie sich, daß ihnen kein
Schade geschehen war und kamen wieder, um den Geist nochmals reden zu
hören. Als die letzten an Land gesetzt waren und das Schiff seine Fahrt
begann, da stürzte sich der ganze Stamm, Männer und Frauen, ohne
weiteres in das Meer und gab dem langsam dahingleitenden Koloß, noch
eine Strecke schwimmend und laute Zurufe ausstoßend, das Geleit; erst
als der Dampfer seine volle Kraft entfaltete, blieben sie natürlich im
Kielwasser desselben weit zurück.
[Illustration: Das Klavier und die Eingebornen von Lombock.
»Aber auch ein Ehrgeiziger fand sich darunter, einer der den Bock
einnehmen und mit beiden Händen spielen wollte.«]
Die Weißen waren von diesem Besuch unter den harmlosen Naturkindern sehr
befriedigt; sie wollten bei den Alfuren auf Nordcelebes ebenso verfahren
oder doch höchstens eine einzige Nacht am Lande bleiben, zumal man dort
keineswegs diese kindliche Unbekanntschaft mit den zivilisierten Völkern
der Welt mehr voraussetzen konnte, die Alfuren vielmehr wegen ihres
schlechten, hinterlistigen und durch den Umgang mit ihren weißen
Unterdrückern mißtrauisch gewordenen Charakters berüchtigt waren.
»Wir dürfen dorthin gar nichts mitnehmen,« erklärte Papa Witt, »wir
müssen in unseren Kleidern schlafen und die Waffen in der Hand behalten,
denn alle diese schwarzen Kerle stehlen wie die Raben, haben Ungeziefer
und sind zu jeder Schandthat fähig, säbeln auch ebenso wie die Dajaks
mit großer Vorliebe anderer Leute Köpfe herunter, ohne jeglichen
Unterschied der Farbe, die weißen sowohl als die gelben. Führer können
wir nicht brauchen, sie würden uns vielleicht in den nächstbesten
Hinterhalt locken und ermorden.«
»Sind Sie dagewesen, Alter?« fragte Holm.
»Ich? Wo wären wir beide nicht gewesen, der Kapitän und ich? Wer so
seine dreißig und mehr Jahre auf der See >schwalkt<, der hat am Ende
alle Küsten der Erde gesehen. Ich sage Ihnen, da bei den Schmutzmenschen
in Menehasse ist nichts Erfreuliches zu holen.«
»Einerlei, Papa! haben wir nun nach einander alle möglichen
westafrikanischen Negersorten, die Hottentotten, Buschmänner und
Kaffern, die Malagaschen, Singhalesen, Javanen, Dajaks und Malaien von
Lombock gesehen, dann dürfen schließlich auch die Alfuren nicht fehlen.
Zwei oder drei Tage auf Celebes machen nichts aus.«
»Zwei oder drei Tage!« knurrte der Alte. »Und darum einen ganzen
Breitengrad segeln, ohne Sinn und Verstand im Zickzack, es ist zum
Tollwerden. Mit Naturforschern reise ich all mein Lebtage nicht wieder.
Die gebahnten Straßen sind ihnen ein Greuel, den sicheren Handelshäfen
gehen sie weit aus dem Wege und landen da, wo rechtes Diebsgesindel
wohnt, und wo das Schiff kaum eine Stelle findet, um seine Anker
auszuwerfen. -- Nun, da ihr doch einmal nicht zu bessern seid, will ich
euch in der Bucht von Lomini eine Stelle zeigen, wo ihr mit dem Boot
über die Spitzen eines unterseeischen Waldes dahinfahren und eine kleine
Pflanzung von lauter Algen ansehen könnt. Es ist lange her, seit ich
hier war, -- wir begruben damals im Meer einen Kameraden, der von den
Alfuren ermordet wurde, -- mitten in der Nacht, denn der Kapitän hatte
uns verboten, an Land zu gehen, aber wir wollten natürlich unseren
Genossen nicht ohne Seemannsehren dem nassen Grabe überliefern und
machten daher die Sache heimlich. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?«
»Gewiß!« nickte der. »Damals waren wir junge schlanke Leichtmatrosen,
unternehmungslustige Hamburger Schlingel, die zu fünfen das Schiff
verließen, um mit den Eingebornen Händel zu suchen. Einer von uns wagte
sich im besten blauen Anzug, mit Uhr und Kette allein in ein solches
verdammtes Wohnhaus hinein, noch dazu mit der Harmonika, spielend wie
ein Neapolitaner, tanzend und aller Thorheiten voll, der arme Junge! --
Als wir ihn nach stundenlangem, ängstlichen Suchen wiederfanden, da war
er bis auf die Haut entkleidet und des Kopfes beraubt. Aus Furcht vor
Strafe fuhren wir weit in die Bucht hinein und versenkten ihn da, der
Kapitän hat niemals erfahren, wo wir in jener Nacht gewesen, und wohin
der fehlende Leichtmatrose gekommen.«
»Hört ihr's?« ermahnte Doktor Bolten. »Also vorsichtig, solchen Menschen
gegenüber. Hier und in den Australischen Inselgruppen können wir keine
weiten Landreisen unternehmen; es kommen zu wenig Weiße hin, als daß die
Eingebornen wie in Afrika und auf Madagaskar oder Java an eine
Bestrafung ihrer Mordthaten denken sollten. Celebes hat, so viel ich
weiß, nicht einmal einen namhaften Hafen?«
»Nur Makassar!« nickte der Kapitän. »Dahin aber kommen wir nicht. Unser
Weg führt uns zu den Orang-Badju, welche in einer stillen Bai auf dem
Wasser leben und zwischen ihren Pfahlbauten nur in Booten verkehren, und
zu den Alfuren nach Menehasse.«
»Und wann gelangen wir etwa dorthin?« fragten neugierig die jungen
Leute. Der Gedanke an ein Dorf auf dem Meer hatte ihr Interesse im
höchsten Maße erweckt.
»In acht bis zwölf Tagen,« war die Antwort.
Das schien zwar vorerst eine lange Zeit, aber Borneo hatte hinreichendes
Material geliefert, das präpariert werden mußte, und so war nicht zu
fürchten, daß Langeweile ihren Aufenthalt an Bord nehmen würde.
Einige der geschossenen Vögel mußten abgebalgt werden und anderseits
galt es, die an Ort und Stelle gewonnenen Häute tüchtig mit Arsenikseife
einzureiben, denn in etlichen zeigten sich schon zerstörende Maden und
Würmer. Auf Borneo hatte Holm den Baya erlegt, den berühmtesten aller
Webervögel, der aus Grashalmen ein Nest zusammenflechtet, das aussieht
wie die Retorte des Chemikers. Meistens hängt er sein Nest an die Palmen
an, in Birma aber, wo dieser Vogel auch vorkommt, nistet er an den
Häusern und Hütten, ohne Furcht vor den Menschen zu äußern, und oft
sieht man dort an den Wohnungen der Eingebornen zwanzig bis dreißig
solcher Nester hängen.
»Ähnlich wie bei uns die Nester der Schwalben,« warf Hans ein, »denen
niemand etwas zuleide thut und die sogar auf dem Flur der Bauernhäuser
sich friedlich ansiedeln.«
»Merkwürdig ist noch der Umstand, daß dieser Vogel Lehmklumpen in sein
Nest einträgt, die oft ein Gewicht von hundert Gramm haben,« sagte Holm,
»und deren Zweck zu sein scheint, das Nest im Gleichgewicht zu halten,
wenn der Wind heftig daherweht.«
Prachtdrosseln waren in mehreren Arten erlegt; darunter der Pulih,
dessen Oberseite metallisch grün, Schwanz und Flügel schwarz, Spitzen
der Flügel und des Schwanzes mattblau, Kehle rosenrot, Oberbrust
gelblich, Unterbauch scharlachrot ist. Der nur auf Borneo lebende
seltene Kellenschnabel war von Franz geschossen worden, der ihn auch
eigenhändig abbalgte und einseifte. Von Taubenarten war man so glücklich
gewesen, die reizende Sperbertaube und die prachtvolle Mähnentaube zu
schießen, die in den glänzendsten Farben prangt. Der Kopf, der Hals und
die ganze Unterseite sowie die Schwingen sind schwarzgrün, die Federn
der Unterseite kornblumenblau gesäumt und die langen, mähnenartigen
Federn des Halses grasgrün und goldschimmernd. Das Auge ist licht
rotbraun. Auch hatte Hans glücklicherweise ein Exemplar des Maleo
erlegt, ein Buschhuhn, das ähnlich wie der Strauß seine Eier in den Sand
legt und von der Sonnenwärme ausbrüten läßt.
An gefangenen Buschhühnern hat man das Brutgeschäft genau beobachten
können. Das männliche Buschhuhn beginnt beim Herannahen der Brutzeit
innerhalb seines Geheges alle nur irgendwie vorhandenen Pflanzenstoffe
zusammenzuscharren, indem es dieselben mit dem Fuße nach hinten wirft,
und zwar immer einen Fuß voll auf einmal. Da es seine Arbeit stets am
äußeren Rande des Geheges anfängt, so wird die Masse nach innen in den
Kreis geworfen und allgemach zum Haufen aufgetürmt. Sobald dieser eine
Höhe von etwas über einen Meter erreicht hat, machen sich beide Vögel
daran, ihn zu ebnen, und wenn dies geschehen, höhlen sie im Mittelpunkte
eine Vertiefung aus. In letzterer werden zu bestimmten Zeiten die Eier
niedergelegt und ungefähr vierzig Zentimeter unter dem Gipfel in einem
Kreise geordnet. Die verfaulenden organischen Stoffe entwickeln nun, in
ähnlicher Weise wie im Mistbeet, eine nicht unbeträchtliche Wärme. Das
Männchen beaufsichtigt den Hergang der Entwickelung und namentlich den
Zustand der Wärme des natürlichen Brütofens sehr sorgfältig. Es bedeckt
gewöhnlich die Eier und läßt nur eine runde Öffnung, durch welche die
den in der Brut befindlichen Eiern unumgänglich notwendige Luft nach
unten gelangt und durch welche eine übermäßig gesteigerte Wärme
gemildert wird. Bei heißem Wetter aber nimmt es zwei- oder dreimal
täglich fast die ganze Decke weg, damit die Eier nicht zu heiß werden.
Diese Mitteilung interessierte die Knaben in hohem Grade, und sie
bedauerten nur, daß die Verhältnisse es nicht gestatteten, brutfähige
Eier des Maleo nach Hamburg zu senden, damit im dortigen zoologischen
Garten Beobachtungen an diesen Verwandten des Buschhuhns gemacht werden
könnten.
»Ich sehe immer mehr ein,« bemerkte Franz, »wie ungemein schwer es ist,
einen zoologischen Garten mit seltenen Tieren zu versehen. Wenn auch der
Fang, trotz der vielen Gefahren und Schwierigkeiten gelingt, so kommt
hinterher noch erst der Transport der Tiere, durch Wüsten und unwegsame
Gegenden, über Meer und über Land, bis sie den Ort ihrer Bestimmung
erreichen. Wie viele Tiere sterben unterwegs aus Mangel an geeignetem
Futter und weil es ihnen an allem fehlt, was ihnen sonst zum Gedeihen
notwendig ist.«
»Und doch,« unterbrach Holm ihn lächelnd, »besuchen viele Menschen die
zoologischen Gärten nur -- um ein Konzert zu hören oder ihren neuen
Anzug bewundern zu lassen. Doch das soll uns jetzt nicht viel kümmern.
Wir haben hier eine Anzahl schöner Schmetterlingsraupen, die präpariert
werden müssen.«
»Legen wir sie in Spiritus?« fragte Hans.
»Nein,« erwiderte Holm, »im Spiritus verlieren sie zum Teil ihre Farbe
und zuweilen auch ihre Form. Wir müssen sie in Mumien umwandeln und zwar
dadurch, daß wir sie mit Tabakssaft töten und dann in gelinder Hitze
rasch trocknen.«
Er nahm eine der eingefangenen Raupen und tötete sie mit einem Tropfen
Tabakssaft, wie er die Knaben gelehrt hatte die Schmetterlinge zu töten.
Dann spießte er die Raupe vorsichtig auf einen feinen Eisendraht, der
mit Nickelmetall überzogen war, damit er nicht verroste, und über dem
Feuer einer Spiritusflamme wurde die Raupe hierauf unter fortwährendem
Drehen und Wenden langsam getrocknet, bis sie keine Feuchtigkeit mehr
enthielt und fast zerbrechlich geworden war.
»Das ist eine Arbeit für mich,« rief Doktor Bolten, »sie erfordert keine
größere Geschicklichkeit, als ich mir zutrauen darf.«
»Nehmen Sie sich nur in acht, daß Sie mit den rauhhaarigen und borstigen
Raupen der Flamme nicht zu nahe kommen,« rief Holm lachend, »denn
abgesengte Exemplare haben keinen Wert mehr für uns.«
»Ich will meine Sache schon gut machen,« antwortete Doktor Bolten.
»Während Franz und Hans ihre Journale vervollständigen, werde ich
Raupenmumien präparieren, denn mit meinen Aufzeichnungen bin ich
fertig.«
»Gut,« sagte Holm, »hier ist eine recht große fette Raupe, nun zeigen
Sie einmal ihre Geschicklichkeit.«
Der Doktor tötete und spießte die Raupe und brachte sie über die Flamme.
»Seht ihr,« rief er, »ich verstehe mich ausgezeichnet auf solche
Sachen!«
Kaum aber hatte er sich dieses frühzeitige Lob erteilt, als die Raupe
anfing sich dick aufzublähen. Dann aber sagte sie laut »Paff« und war
auseinandergeplatzt.
»Was ist das?« fragte der Doktor und machte eine bestürzte Miene.
»Sie haben die Raupe der Flamme zu nahe gebracht, teuerster Doktor,«
antwortete Holm. »Sie hätten bedenken müssen, daß eine Raupe kein
Bratapfel ist.«
Alle lachten, auch der Doktor stimmte mit ein. »Von jetzt an werde ich
vorsichtiger sein,« sagte er. »Jedenfalls hat ein mißlungener Versuch
das Gute, daß man aus ihm lernt, wie man es nicht zu machen hat.«
Die getrockneten Raupen wurden in Watte gehüllt und gut in Blechdosen
verpackt. Reichliche Mengen von Kampfer wurden dazwischen gelegt, um
zerstörende Insekten von ihnen fernzuhalten.
So vergingen die Tage auf dem Schiffe in voller Beschäftigung, bis an
einem schönen Morgen die massigen Umrisse eines weit hinausreichenden
Vorgebirges in blauer Ferne aus dem Wasser auftauchten; die
langgestreckte, skelettartige Form von Celebes zeigte einen ihrer Arme,
das Kap Rivers; ein ungeheurer Höhenzug trug rauschenden Wald und
thätige, von Wolken umwirbelte Vulkane; darunter aber in stiller enger
Bucht, gleichsam an die Brust des Felsens geschmiegt, lag das Pfahldorf.
Die Bauten unserer ersten Eltern, die Uranfänge aller Menschenwohnungen,
die nächsten, natürlichsten Schutzmittel gegen wilde Tiere! -- ein
sonderbarer Anblick, so Hütte an Hütte auf muschelbedeckten, von
Schnecken und Austern bewohnten Pfählen, unter denen das seichte Wasser
kaum zwei Meter tief dahinfloß. Selbstverständlich konnte der Dampfer
nicht bis in die Nähe gelangen, aber er setzte Boote aus, und die ganze
kleine Gesellschaft fuhr in die schmalen Straßen zwischen den Häusern
hinein. Fahrzeug nach Fahrzeug kam ihnen entgegen: Fische, Krebse,
Austern, Schneckenhäuser und hundert kleine, zierliche Arbeiten aus
Muscheln, Schildpatt, Korallen und Perlen wurden zum Kauf angeboten; die
Menschen zeigten sich als eine Mischlingsrasse, sowohl den Malaien als
den Chinesen verwandt, waren hell und hübsch, und in ihrem Auftreten
äußerst bescheiden und friedliebend. Aber wie arm, wie eng schienen
diese Hütten! Das Boot von der »Hammonia« steuerte hindurch, die jungen
Leute kauften von jedem Händler etwas, sahen bei Gelegenheit in jede
Thür hinein und entdeckten dort immer nur ein Blätter- und Mattenlager,
Fischgerät, einen rohen Tisch und ein paar Decken; gekocht wurde draußen
in den Booten. Überall war es lebendig, überall wimmelte es in
chinesischer Überfüllung von Kindern und Erwachsenen; nur eine schmale
Fahrstraße lief zwischen den engbewohnten Bienenkörben dahin,
Seitengänge zweigten sich ab, manche Familie schien sogar nur das offene
Boot als Heimstätte zu besitzen und hinter einer vom Mast flatternden
Decke auf bloßen Brettern zu schlafen.
Wie doch die Orang-Badju auf den Gedanken kamen, so ihr ganzes Dasein in
dieser Bai zu verbringen? Meilen und abermals Meilen standen ihnen auf
der schönen fruchtbaren Insel offen, unbegrenzte Ebenen lieferten
Weideplätze und Ackerland, unbegrenzte Wälder den Schutz und die Früchte
ihrer Riesenstämme; aber das handeltreibende Völkchen zog es vor,
abgeschnitten von allen Schönheiten der Natur, aller Freiheit der
Bewegung und des Verkehrs, hier auf dem Wasser in feuchten, unbequemen
Käfigen sein Dasein zu verbringen, wahrscheinlich ohne jemals selbst die
Möglichkeit einer Änderung ins Auge gefaßt zu haben. »Derartige
Niederlassungen in Buchten und schmalen Wasserstraßen gibt es hier herum
viele,« sagte der Kapitän. »Die Leute sind Fischer und treiben
Tauschhandel mit allen benachbarten Küsten.«
»Aber im Sturm,« fragte Hans, »wie machen sie es im Sturm?«
»Dann schlagen vielleicht die Wellen zur Thür hinein, spülen Kinder und
Greise mit sich weg oder reißen die ganze Hütte in ihren Schoß hinab,
daran läßt sich eben nichts ändern. In China hat man ja engbevölkerte,
schwimmende Städte, die oft über Nacht meilenweit stromab getrieben
werden, von denen im Orkan ein Dritteil aller Bewohner zu Grunde geht;
-- es bleiben immer noch mehr als genug Menschen übrig. Die
Familienliebe, die Zärtlichkeit der Eltern für ihre Kinder ist wenig
entwickelt, da wo es großen Massen am Notwendigsten fehlt; in den
unteren Schichten des Volkes verkauft der Chinese mit Vergnügen seine
Sprößlinge für billiges Entgelt, verschenkt sie auch wohl gar, um nur
die hungrigen Mäuler loszuwerden. Ich glaube, die Orang-Badju machen es
nicht besser.«
Wirklich sollte Holm mit dieser Vermutung recht behalten. Mehr als ein
gelber, verschmitzt blickender Fischer kam in seinem Boote heran und
deutete vertraulich blinzelnd auf einen größeren oder kleineren Jungen,
den er mit sich führte. Ob nicht der fremde Herr einen Schiffsjungen
brauche, einen Diener oder sonst einen Knecht irgend einer Art; ganz
wohlfeil sei er zu haben, für geringe Bezahlung, er sei ein so
geschicktes, anstelliges Kind, so klug und so sanft wie ein Mädchen, der
Herr möge ihn nur erst einmal mitnehmen!
Und wenn dann der Kapitän den Kopf schüttelte, bot der brave Vater
seinen Sohn ganz umsonst an, meistens wurde erst eine entschiedene
Drohung notwendig, ehe die beharrliche Verfolgung ein Ende nahm.
Etwas weiter hin, außerhalb des Gebietes der Pfahlbauer, begann dann an
der Küste im seichten Wasser die Algenfischerei, zuerst mittels der
herabgelassenen Lampe, die ohne Schleppnetz oder eine andere Vorrichtung
zum Fang nur als Beleuchtungsmittel diente. Während das blaue,
bewegliche Element auf hohem Meer bis zu zehn und zwölf Meter Tiefe ganz
durchsichtig bleibt, ist diese Eigenschaft an der Küste selbst nicht
mehr bis zu einem Meter vorhanden, die Strahlen der Laterne waren also
erforderlich, um dem tauchenden Matrosen den Weg zu zeigen. In einen
Taucheranzug gehüllt, wurde der Mann hinabgelassen, nachdem der Schlauch
der Luftpumpe wohl gefüllt, und dann die Laterne nachgesandt. Das Wasser
war vielleicht sechs Meter tief, einige Augenblicke hätten genügt, um
auf das leiseste Zeichen hin den Taucher an die Oberfläche zu bringen,
die Sache konnte daher ganz ungefährlich genannt werden und machte
hauptsächlich den Knaben großes Vergnügen.
Auch die Orang-Badju kamen auf ihren Booten von allen Seiten heran,
vielleicht bei dem Erblicken des Tauchers an Zauberei denkend,
vielleicht in der stillen Hoffnung, den Schatz, welchen nach ihrer
Ansicht die Weißen aus dem Meere hervorholen wollten, ohne viele Mühe an
sich zu bringen, jedenfalls aber voll Erwartung, im tiefsten Schweigen
und in dichtgedrängter Menge. Eine förmliche Flotte umgab das große Boot
von der »Hammonia«, und als sich der Grund des Wassers zu erhellen
begann, da stiegen zu den »Empong« oder Göttern der Insel doch allerlei
Stoßgebete empor. Sie selbst kannten nicht einmal ein Mittel, am Abend
die trockene Luft zu beleuchten, diese Weißen dagegen verstanden es,
sogar das Wasser anzuzünden. -- --
Ein Gemurmel durchlief die Menge. Den Zauber sollten die Weißgesichter
herausgeben, -- einer verständigte sich mit dem anderen durch Blicke; um
jeden Preis mußte man das Feuer, welches tief unter dem Wasser brannte,
besitzen.
Unsere Freunde hatten inzwischen ein reiches Lager von Algen entdeckt.
Was auf hohem Meere vielleicht eben so schön und mannigfaltig vorhanden
war, das ließ sich doch nur sehr selten und meistens in zerrissenen oder
abgestorbenen Exemplaren einsammeln; hier aber wuchs es nahe der
suchenden Hand in üppigster Vielgestaltung; manche ganz neue Art sah
Holm zum erstenmale, manche bekannte, lang vermißte fand er endlich
wohlerhalten vor, während die jungen Leute und der Doktor in ein wahres
Zauberland zu blicken glaubten.
Die Welt da unten glich der des Märchens, es war der Palast und der Wald
des verwünschten, in einen Frosch verwandelten Königssohnes; allerlei
kriechendes, sonderbares Getier bildete die Dienerschaft, das Bett war
von grünen, ganz kleinen, aber üppig dicht neben einander stehenden
Pflänzchen, und zur Wache thronten an beiden Seiten große Krebse mit
weit heraustretenden Augen. Das waren die wie Samt aussehenden
Konserven, die dichten Teppiche, auf denen sich Würmer mit roten Ringeln
und Federbüschen am Kopf behaglich dehnten; aus ihrer Mitte heraus wuchs
der Meersalat mit breiten, grünen Blättern und zuweilen hier oder da die
rosa und scharlach gefärbten Irideen in der Pracht ihrer riesigen,
mantelförmig gefalteten Blätter, dann der gewöhnliche, olivenfarbene
Tang und die seltsamen, netzförmig durchbrochenen Thalassiephyllen und
Agaven. Diese letzteren bildeten in des Zauberprinzen Königreich schon
die großen Baumarten; sie sahen aus wie ein tropischer Wald und
schillerten zuweilen sogar auf einer und derselben Blattfläche in allen
Farben. Gelb, grün, rot und blau in Verbindung mit sämtlichen
Zwischenstufen dieser verschiedenen Grundtöne, dehnten sich die
meterlangen und ebenso breiten, von Gestalt unförmlichen Blätter unter
dem Wasser, gestickten Maschen gleich, ganz glattfest, knorpelig oder
wie Gallerte, je nach ihrer besonderen Eigenart, tief unter dem Schatten
der großen Riesen des Wasserwaldes. Diese letzteren waren die Laminarien
mit ihren zehn Meter langen, dem Auge unübersehbaren, wie breite wellige
Bänder dahinflatternden Blättern, die Makrocystisarten mit
birnenförmigen Blasen, die langgestielten Alarien, deren Stamm von einem
schmalen Blattbüschel wie von einer Manschette umfaßt, in das einzige
riesige, auf hohem Meer bis zu zwölf, hier freilich nur bis zu fünf
Metern anwachsende Blatt auslief. Erst fadenförmig, dann stärker und
stärker werdend, endete dieses Blatt als plumpe, runde Keule, auf der
ein ganzer Büschel langer, schmaler Blattstreifen sich nach allen Seiten
ausbreitet. Zwischen und unter den genannten großen Gattungen wuchsen
zahllose, purpurne Florideen, und endlich und zuletzt erschienen als die
Blumen dieser weitgedehnten Busch- und Baumanlagen die schönen zarten
Seerosen aller Farben, von den kleinsten, die wie Fingerhüte an jeder
vorspringenden Klippe hafteten, bis zu den größten, deren Umfang den der
Rose weit hinter sich ließ, von weiß bis dunkelrot, violett und hochgelb
in allen Schattierungen.
Das ganze Bild im schwankenden Licht der Laterne hatte etwas wunderbar
Phantastisches, Märchenhaftes; die Gestalt des Tauchers, vom Wasser
vergrößert und auseinandergezogen, erschien wie die eines Riesen, der
raublustig einbricht in das stille Reich und ganze Wälder, ganze Fluren
auf einen Griff verwüstet. Wenn die große Hand solch unterseeische
Pflanze erfaßte und in den mitgebrachten Sack steckte oder zum Boukett,
dessen letzte Ausläufer zehn Schritt weiter hin im Wasser lagen,
zusammenraffte, dann flüchteten Krebse und Käfer, Schnecken und Muscheln
nach allen Seiten. Die Seerosen wurden verschont; man hatte sie oft
genug gesehen und wußte ja, daß ihnen die freie Luft sofort tödlich war;
ebenso die kleinen Krebse und Muscheln.
Die Winde am Deck begann zu arbeiten, langsam erschien auf der
Oberfläche des Meeres der Taucher mit dem Sack voll Algen, und
vorsichtig wurde ihm dieser, sowie das gesammelte Boukett der größeren
Pflanzen aus der Hand genommen. Holm zog die langen Blätter an sich wie
Schätze, die ihm der nächste Hauch entführen könnte; er ließ die
Laternen aufwinden und gab Befehl, so schnell als möglich zum Schiff
zurückzukehren; dann aber, als seine Blicke der feindlichen Haltung
aller dieser Wilden begegneten, stutzte er. Was bedeutete das?
Der vorderste Gelbe streckte die Hand aus. »Das Feuer, welches unter dem
Wasser brennt,« sagte er in englischer Sprache, »wir wollen es haben.«
»Die Laterne?« rief erschreckend der junge Gelehrte. »Das ist unmöglich,
ich kann mir während dieser ganzen Reise keine zweite verschaffen und
muß sie behalten!«
Der Orang schüttelte den Kopf. »Sie soll uns Fische und Krebse zeigen,
wir wollen sie auf alle Fälle haben.«
Der Kapitän erhob sich vom Sitz. Bisher war ihm bei dem interessanten
Schauspiel da unten nicht in den Sinn gekommen, die Boote der
Eingebornen zu beobachten, er sah erst jetzt die nahende Gefahr. »Ich
gebe euch eine solche Laterne, Leute!« rief er mit hallender Stimme.
»Kommt zum Schiff, und ihr sollt sie haben.«
Die Orang-Badju flüsterten. An ihrer Haltung ließ sich leicht erkennen,
daß sie dem Versprechen nicht trauten, sie antworteten mit einer neuen
energischen Forderung.
Der Kapitän übersah die augenblickliche Lage. Vom Schiff wenigstens
fünfhundert Schritte entfernt, von einer gedrängten Anzahl bewaffneter
Männer umgeben, war die Lage der kleinen Schar so ungünstig wie nur
möglich. Alle diese Orang-Badju hatten Bogen und Pfeile, schwere mit
Eisenspitzen versehene Harpunen und nicht selten auch noch lange Spieße;
wenn sie sich ernstlich gegen das Boot der »Hammonia« kehrten, so war
dasselbe verloren.
»Die Gewehre in Anschlag!« kommandierte er. »Keinen Schuß, ehe ich das
Zeichen gebe.«
Dann trug der Wind den Schall der Signalpfeife über das Wasser dahin;
jedenfalls aber mußte an Bord die Bedrängnis der Gefährten schon bemerkt
worden sein, denn im selben Augenblick stießen die beiden letzten Boote
voll bewaffneter Matrosen vom Schiffe ab, und an Deck brummte die
Kanone. Eine Kugel flog über alle diese Pfahlbauten hinweg weit in das
grüne Ufer hinein, riß die Krone eines Baumes fort und brachte so den
Wilden von der verheerenden Macht des Geschosses einen ungeahnten
Begriff bei. Sie stutzten, vergaßen im Augenblick die gewohnte, für ihre
Absichten so durchaus notwendige Vorsicht und ermöglichten es dadurch
dem Kapitän, mittels schneller Bewegung des Steuers aus dem umgebenden
Kreise heraus und an die Seite ihrer Fahrzeuge zu gelangen.
Ohne weiteren Befehl legten sich die Matrosen mit vereinten Kräften in
die Riemen, das Boot schoß wie eine Möwe über die blaue Flut dahin, --
die List der Weißen schien gelungen.
Aber nur sekundenlang währte die Überraschung der Orang-Badju, dann
brach von ihren Lippen ein Wutgeheul gleich dem Toben wilder Tiere los,
überall schwirrten Pfeile durch die Luft, ja sogar Harpunen wurden
geworfen, und wieder einmal erhielten unsere Freunde verschiedene nicht
unerhebliche Wunden; sie selbst aber schossen nur auf die leichten
Fahrzeuge, nie auf die Eingebornen, deren Wut sich vergrößerte, je mehr
Vorsprung ihre Feinde gewannen. Hier oder dort sank eines der schlechten
Boote; die Matrosen vom Dampfer vereinigten ihre Kräfte mit denen der
Kameraden, und um endlich die Sache gründlich zu behandeln, schlug eine
zweite Kanonenkugel derartig ins Meer, daß die Mehrzahl der Wilden von
dem gewaltigen Spritzwasser, welches sie überschüttete, zu Boden oder
häufig gar über Bord geworfen wurde. Es war eine Szene bodenlosester
Verwirrung und des Aufruhrs sondergleichen. Hochgehende Schaumwellen,
schwimmende Wilde, leer treibende und versinkende Kanots, dazu Spieße,
Ruder, Pfeile und Harpunen, alles nickend und tanzend, wie die Wogen
kamen und gingen. Inmitten dieses Trödelmarktes auf den Wellen drangen
die Boote mit den Matrosen weit genug vor, um sich erfolgreich zwischen
beide Parteien zu werfen; man schoß auch hier nicht, aber dennoch
hielten die Kugelbüchsen und vor allen Dingen die Schiffskanone den
ganzen Schwarm der Orang-Badju dermaßen in Respekt, daß kein weiterer
Versuch zu Feindseligkeiten gewagt wurde. Wie im schweigenden
Einverständnis hatte man allerseits das Leben der Wilden verschont und
doch seine Zwecke erreicht; Papa Witt nickte grimmig, als die kleine
Expedition blutend und mit bleichen Gesichtern wieder an Bord kam. »Die
gelben Hunde!« sagte er. »Wär's nicht unchristlich gedacht, ich möchte
wohl ein paar Vollkugeln in das Dorf hineinschicken und die Banditen
unter ihren eigenen Dächern begraben.«
Dann aber verband er mit des Kapitäns Hilfe die verschiedenen
schmerzenden Glieder und legte Salben auf das von den Pfeilen zerrissene
Fleisch; erst nachdem der erste Schreck überwunden, konnten die jungen
Leute ihre Erinnerungen sammeln und sich alle Einzelheiten des kleinen
Abenteuers ins Gedächtnis rufen. Das war so schnell, so überraschend
gekommen, sie wußten selbst nicht recht wie. Nur daß die Wilden geglaubt
hatten, diese Lampe sei ein Zauber, der das unter dem Wasser Befindliche
zu entdecken und zu heben vermöge, schien klar; kein Wunder also, daß
sie lebhaft wünschten, für ihre Fischerei und ihren Perlenfang den
Fetisch zu besitzen.
Als das Schiff am Ausgang der Bai vorüberfuhr, hielten sich die Gelben
sämtlich versteckt, wahrscheinlich aus Furcht, eine dieser entsetzlichen
großen Kugeln in ihr Dorf einschlagen zu sehen. Die Fahrzeuge waren an
Pfählen befestigt, alles Treiben ruhte, alle diese Wasserstraßen voll
Kinder und Frauen, diese Boote voll handelnder Männer schienen plötzlich
ausgestorben, dafür aber gewann, nachdem Kap Rivers umschifft worden,
die Landschaft des Ufers einen immer anziehenderen Charakter. Auf
weiten, freien, von üppigstem Graswuchs bedeckten Ebenen weideten
zahllose Herden von kräftig gebauten Büffeln, Antilopen und namentlich
auch kleinen, äußerst feurigen wilden Pferden, die ersten, welche die
Reisenden in freiem Zustande angetroffen. Es gab ein hübsches Bild, die
gewaltigen, plumpen Büffel und die leichtfüßigen Pferde so über das
ebene Land dahingaloppieren zu sehen, zwischen ihnen schlanke Antilopen
und den Annang, ein Mittelding des Rinder- und Antilopengeschlechtes,
über ihnen auf allen Bäumen die schönsten, farbenprächtigsten Vögel,
namentlich den Tropikvogel mit seiner wunderbaren, gebogenen, einzeln
dastehenden Schwanzfeder und verschiedene Arten des Paradiesvogels,
ebenso die großen samtglänzenden Schmetterlinge der Tropen.
Wäre nicht die Hitze beinahe unerträglich und dadurch die
Schmerzhaftigkeit der Wunden bedeutend verstärkt gewesen, so hätten die
Reisenden an manchem Punkt dieser einsamen Nordküste von Celebes schon
angelegt und die friedlichen Wälder streifend durchforscht; so aber gab
es viel zu leiden, Franz hatte sogar Fieber, und der Malagasche hinkte
wie ein Stelzfuß; die Wunden waren noch nicht völlig geheilt, als einige
Boote die Abenteurer an dem nördlichen Punkt der Insel, in Menehasse, an
Land setzten. Absichtlich hatte man eine ganz versteckte, unbewohnte
Ecke gewählt; hoch und steil ragte in scharfer Biegung das Ufer bis in
die Wellen hinaus; eine schmale enge Bucht, am Felsen dahinlaufend und
langsam im Grün des Bodens verschwindend, führte durch schattiges Dunkel
auf einer Seite in den etwas versumpften dichten Wald und auf der
anderen zum sandigen, der Sonne preisgegebenen Strande.
Diesmal war alles, was das Schiff entbehren konnte, mitgenommen worden,
um die Alfuren von Feindseligkeiten zurückzuschrecken; auf Führer
verzichtete man, Häuser wollte man nicht besuchen und auch nicht
Tauschhandel anbahnen, sondern einzig und allein Pflanzen und Tiere
sammeln. Zwei Tage und Nächte waren für diese gefährliche Expedition
bestimmt, und jeder einzelne Mann trug Waffen für zwei. So ausgerüstet,
verproviantiert und mit Munition und Wolldecken reichlich versehen,
schlugen die kecken Abenteurer zunächst den Weg ein, der sie in das
kühlere, schattige Innere des Waldes führte. Welch eine Labung nach der
langen, brennend heißen Fahrt durch die Celebessee! Mit welchem
Entzücken ließen die jungen Leute den stäubenden Wasserfall über sich
dahinströmen; mit welchem Hochgenuß verzehrten sie die Beeren, deren
reiche Fülle auf jedem Schritt zum Pflücken einlud! Hier brachte der
Wind unter den undurchdringlichen Laubkronen die ersehnte Kühlung, hier
lockte das dichte Moos des Bodens zum Ausruhen, der Gesang in den
Zweigen, der Duft der Blumen zum Träumen auf weichem Blätterlager. Das
Fleisch war gebraten vom Schiff mitgenommen, eine tüchtige Portion Brot
und Cakes steckte in den leinenen Taschen, Käse und Rum befanden sich
wohlverpackt daneben, ebenso gekochte Eier in Unzahl; man brauchte also
für den Magen nicht zu sorgen, sondern konnte sich ganz den Neigungen
überlassen.
Papa Witt war an Bord geblieben, nach langem Widerstand zwar, aber doch
endlich besiegt. Die jungen Leute wollten ihn nicht mit sich nehmen, um
unbehindert ihre Streifpartie hierhin und dorthin ausdehnen zu können,
wobei ihnen der Alte im Wege gewesen wäre. »Es geht über Stock und
Stein,« hatte Holm gesagt, »die höchsten Berge hinauf und die tiefsten
Schluchten hinunter, -- wollen Sie das wagen, Steuermann?«
Und er wagte es nicht, aber er schärfte noch allen ein, sich vor den
Alfuren zu hüten, besonders den Matrosen, deren Neigung für Reibereien
und kleine Ausschreitungen er aus Erfahrung kannte. »Ihr geht in kein
Haus hinein, Jungens,« befahl er, »oder ich lasse euch im nächsten Hafen
für Ungehorsam in aller Form bestrafen. Und noch eins -- die
Handharmonika bleibt hier auf dem Schiff!«
Sein ernster Blick suchte den des Kapitäns. »Ist mir's doch, als sei es
gestern gewesen, wo wir unseren Kameraden ohne Kopf wiederfanden,« sagte
er heimlich schauernd. »Gleich hier hinter der Ecke liegt das Dorf, --
ich erkenne die Bucht und die scharfe Biegung; da hat sich in allen den
Jahren nichts verändert, Kapitän. Wissen Sie was? -- Wir verbieten kurz
und gut den ganzen unklugen Zug in das Land der Halsabschneider. Ich
will's vertreten vor dem Chef, wenn wir nach Hause kommen.«
Dazu wollte aber der Kapitän sich nicht verstehen, obwohl ihn selbst der
Anblick der bekannten Bucht weit tiefer erschüttert hatte, als er es dem
alten Gefährten gegenüber äußerte. Weiterhin gab es keine Stelle mehr,
wo Boote ungesehen die Landung zu bewerkstelligen vermochten; er schlug
sich daher die Besorgnis, welche auch ihn heimlich beherrschte, so gut
es anging, aus dem Sinn, und fügte nur noch den Ermahnungen des
Steuermanns die seinigen hinzu; dann hatte er die kleine Gesellschaft
ziehen lassen.
Tiefe Stille lag auf dem Walde, kein Mensch und kein Tier kreuzte den
Pfad, nur seltsame, nie gesehene Vögel saßen auf allen Zweigen. Offenbar
wurden diese hübschen Geschöpfe selten oder nie gejagt, denn ihre
Zutraulichkeit ging so weit, daß sie sich zuweilen mit ausgestreckter
Hand ergreifen oder sich eine Hanfschlinge über den Kopf werfen ließen.
Einen derselben sahen die Knaben, als er an sumpfiger Stelle Schlamm mit
dem Schnabel aufhäufte und dann davonflog. Es war ein niedriger Hügel
entstanden; Franz untersuchte ihn sofort und entdeckte zu seinem
Erstaunen unter einer zähen, leichten Schlammschicht fünf Eier, die
jedenfalls dort von der Sonnenwärme ausgebrütet werden sollten. Eine
genauere Durchforschung der Umgegend brachte noch dreißig oder vierzig
weitere derartige Erdnester an das Tageslicht, zum Teil unter Schlamm,
zum Teil unter Gras und Blättern verborgen, blaue und weiße, grüne und
gesprenkelte Eier zeigend, aber sämtlich in einer Vertiefung des Bodens
gelegen; nirgends zeigten sich Spuren einer brütenden Mutter. Natürlich
wurden nur so viele Eier genommen, als verschiedene Arten vorhanden
waren und immer auch nur eins aus jedem Neste; die Vögel schienen sich
indessen um ihre Nachkommenschaft sehr wenig Sorgen zu machen, sie
flogen davon und ließen die Weißen in ihrem Thun unbehelligt.
Von Strecke zu Strecke wurde der Wald sumpfiger und unwegsamer.
Ausgedehnte stehende schwärzliche Gewässer, von mannshohem Schilf
umkränzt, lagen unter dem ewigen Schatten der Bäume, große Krokodile
dehnten sich an den Ufern, Schlangen glitten über den Fußboden dahin,
und zuweilen tönte in der Ferne ein Brechen und Knacken, als wenn von
flüchtenden Tieren das Unterholz gewaltsam beiseite gedrängt werde. Dann
horchten die Weißen; aber der Klang verhallte, und es zeigte sich
nichts; die Herde mußte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung genommen
haben.
»Das sind wilde Schweine,« behauptete Rua-Roa, »ich kenne ihre Art.«
Holm schüttelte den Kopf. »Die gibt es hier nicht,« antwortete er. »Aber
ja doch, ja,« setzte er plötzlich hinzu, »wie konnte ich denn den
Hirscheber, den Babirussa, vergessen! Wir müssen ihn unter allen
Umständen schießen, wenigstens aber zu Gesicht bekommen.«
»Das wird nicht leicht sein,« versetzte der Malagasche. »Nur erfahrene
Schweinsjäger vermögen es, das Tier zu erlegen; in meiner Heimat sind
sie hochgeehrt und gehen in jedem Hause aus und ein, als sei es das
ihrige.«
»Verstehst du selbst denn nicht ein wenig von der Jagd, Junge?«
Rua-Roa schüttelte den Kopf. »Die Hovas sind keine Jäger, Herr! Aber
wenn mich nicht alles täuscht, so werden diese Schweine von Eingebornen
gejagt. Da sind sie wieder!«
Diesmal erklang das Grunzen und das Brechen der Zweige aus größerer
Nähe, man hörte einen Augenblick lang auch Menschenstimmen, dann den
Aufschrei eines Tieres, und alles war wieder still. Die Weißen sahen
sich an, -- Alfuren hinter den nächsten Gebüschen!
Holm legte den Finger auf den Mund. »Still, vielleicht kommen wir noch
unbemerkt davon!«
Niemand rührte sich; es war, als behaupte eine Anzahl Versteinerter den
Platz unter den Bäumen, nur der Wind flüsterte, und die Insekten
schwirrten, -- der Instinkt der Wilden hatte trotzdem die Gegenwart der
Fremden entdeckt. Aus den Zweigen hervor sah ein rotes, von schwarzem
Haar umgebenes Gesicht, dunkle, tiefleuchtende Augen sendeten spähende
Blicke über die Gruppe der Weißen dahin, und dann sprach der Mann nach
rückwärts zu seinen Genossen einige wenige Worte, worauf zwölf bis
sechzehn Alfuren erschienen, sämtlich nackt, vollbewaffnet und von einem
Schmutz, einer Verkommenheit der Erscheinung, wie man sie selbst bei den
Urbewohnern Ceylons nicht wahrgenommen hatte. Alle diese Männer waren
klein, schmächtig, von ungesunder Hautfarbe, mager und nicht selten mit
einem Gesichtsausschlag behaftet; um die Lenden trugen sie den
bekannten, zerfaserten Grasgürtel, sonst aber nichts als nur Waffen,
einige von ihnen gingen auch ganz ohne alle Bekleidung einher.
Holm und die übrigen grüßten höflich, nur einer der Matrosen, ein
blutjunger Mensch, sagte auf deutsch: »Das Lumpenzeug! sechs davon nehme
ich allein auf mich!«
Der vorderste Alfure sah ihn an; es war ein langer, verborgenen Haß
sprühender Blick. Hatte der Ton den Inhalt verraten? -- --
»Di meen ick, Döskopp!« setzte nickend und lachend der junge Hamburger
hinzu.
Holm verbot mit kurzen barschen Worten dergleichen Scherze, auch die
übrigen stimmten ihm bei, so daß die Alfuren aufhorchten, der Matrose
jedoch allerlei Gegenreden in den Bart brummte. Der Auftritt ging
schnell vorüber, aber er hatte genügt, in dem Herzen des jungen Menschen
einen eigensinnigen Trotz wachzurufen und anderseits die Alfuren
aufmerksam zu machen. Sie versicherten, ein schlechtes Englisch
sprechend, daß den Weißen bei ihrer Jagd im Walde keinerlei Hindernis
erwachsen würde und stellten ihr Dorf mit allem, was sie besaßen, den
Gästen zur Verfügung. Holm dankte ebenso höflich; dann wurden kleine
Geschenke verteilt und von den Wilden das eben erlegte Tier
herbeigeholt, um es den Fremden als Gegenleistung anzubieten.
Darauf trennte man sich, nachdem die Alfuren noch versichert, daß in
einer Bucht nahe bei ihrem Dorfe heute abend Trepang gefangen werden
würde, und daß dazu die Weißen höflichst eingeladen seien!
Holm hatte nichts Eiligeres zu thun, als sich des Hirschebers zu
bemächtigen und das seltene Tier nach allen Richtungen zu besehen und
auszumessen. Dieses große, vollausgewachsene männliche Exemplar zeigte
die Länge von anderthalb Metern und war etwas über einen halben Meter
hoch; es hatte die rauhen Borsten des gemeinen Schweines, aber dabei die
melancholischen, sprechenden Augen des Hirschgeschlechtes; die
hauerartigen Eckzähne durchbohrten an beiden Seiten die Oberlippe.
[Illustration: Begegnung mit den Alfuren auf Celebes.
»... worauf zwölf bis sechzehn Alfuren erschienen, sämtlich nackt, voll
bewaffnet ...«]
»Haben wir ihn einmal, so wollen wir ihn auch essen,« meinte Holm, »sein
Fleisch ist ohnehin bekannt als das zarteste der gesamten
Schweinefamilie. Wir lassen ihn hier liegen und nehmen ihn heute abend
mit zum Alfurendorf; den Fang auf dem Meer möchte ich doch gern ansehen,
nebenbei aber ist es auch klüger, jetzt, nun uns die Wilden einmal
bemerkt haben, nicht geradezu vor ihnen zu flüchten. Unser Nachtlager
können wir ja im Schutz der Uferfelsen vor den Dorfhäusern aufschlagen,
und morgen an den Spießen der Alfuren das Schwein braten.«
Man warf also große Zweige und Blätter über den toten Körper und drang
dann tiefer in das grüne Gewirre hinein. Ungeheure Bäume, wahre Riesen,
versperrten in urweltlicher Fülle und Breite den Weg; manche Arten waren
für die Weißen noch ganz neu, so besonders der Upasbaum, das Tekholz,
das Sandelholz, die Zeder und Muskat- und Ebenholzbäume, sie sammelten
überall Blüten und Blätter, ebenso unzählige Kletterpflanzen und große
schöne Blumen, es begegneten ihnen aber auch mehrere Alfurendörfer,
deren Einwohner bettelnd und neugierig hinterher liefen; alles, Häuser
und Menschen, unter Schmutz vergraben. Die einzige Beschäftigung der
Leute schien im Einfangen dessen zu bestehen, was die Natur freiwillig
spendete; wenigstens arbeitete niemand, und als Holm in einem der
wackelnden, trübselig verfallenen Dörfer eine diesbezügliche Frage
stellte, da antwortete man mittels eines einzigen Lautes: »Trepang!«
Der Fang des Meerwurmes wurde also gewerbsmäßig betrieben; unsere
Freunde wollten es keineswegs versäumen, sich die Sache anzusehen und
nahmen zur sicheren Erreichung dieses Zweckes einen jungen Alfuren mit
sich, der sie zum Dorfe der Strandbewohner geleiten sollte. So ziemlich
kannten alle den Weg selber, es war daher gar kein Verrat möglich, auch
konnte der eine Alfure gegen die Überzahl von sechzehn Männern natürlich
nichts unternehmen.
Wilde Bienenschwärme bevölkerten die Luft; ein mattes, rosiges Glühen
der untergehenden Sonne lag auf dem Gras und vergoldete die Zweige
hundertjähriger Bäume; einige kleinere Singvögel zwitscherten im Laube
ihr Abendlied; große Spinnen, Riesen ihrer Art, webten jene Netze, in
denen sich sogar die geflügelten Sänger auf Augenblicke zu verstricken
im stande sind; Ameisen zogen in langen Reihen, mit Beute beladen nach
Hause; kurz, alle Zeichen deuteten auf das Hereinbrechen der Nacht, und
eben daher beeilten sich unsere Freunde so sehr als möglich, die Küste
zu erreichen. Der Trepangfang durfte ihnen nicht entgehen.
Da plötzlich raschelte es im Laube, eine Nuß flog herab, dem Doktor
gerade an den Kopf, und als sich der alte Herr äußerst erstaunt nach dem
unvermuteten Angreifer umsah, blickte zähnefletschend ein großer,
schwarzer Affe vom Baum; kaum aber hatte diesen der Alfure bemerkt, als
er mit einem Satz zurücksprang und sich auf beide Kniee warf. Seine
Lippen murmelten abgebrochene Laute, seine Bewegungen deuteten auf
lebhafte Furcht.
Der Doktor stand still und sah ihn an. »Herr des Himmels, betet der zu
dem Affen?« sagte er ganz aus aller Fassung.
Holm verbot den Matrosen das laute Gelächter und fragte dann den
zitternden Eingebornen nach dem Grunde seines sonderbaren Benehmens. Der
Alfure blinzelte verstohlen zu dem lauernden Vierhänder hinüber. »Der
schwarze Verräter ist der Spion und Diener der Empongs,« antwortete er,
»von ihm erfahren sie, was die Menschen thun und treiben, er hält das
Gute und das Böse in seiner Hand. Dem Schwarzen darf kein Leides
geschehen, oder es entsteht ein Unglück.«
Holm schüttelte den Kopf. »Aber der Affe ist doch ein Tier wie jedes
andere,« bemerkte er.
Der Alfure fuhr immer fort zu beten. »Die Empongs haben ihm
Menschengestalt und Menschenlist verliehen,« sagte er, »dafür verrät er
ihnen die Geheimnisse des Stammes, bei dessen Hütten er lebt. Thut ihm
nichts zuleide, Herr, sonst schicken die Empongs einen Sturm, der in
dieser Nacht alle Boote zerstört und die Trepangfischer ertrinken läßt.«
Holm wandte sich zu den jungen Leuten. »Laßt den Affen in Ruhe,« sagte
er auf deutsch. »Was nützt es uns, diese armen Wilden in ihrem
Aberglauben zu stören; wir selbst würden den Schaden davon haben. Kommt
nur und thut, als wüßtet ihr nichts.«
Das Jagdvergnügen mußte also diesmal geopfert werden, und während der
Doktor sich alle mögliche Mühe gab, im schlechtesten Englisch den
Alfuren vom ganzen Unwert seiner Anschauungen zu überzeugen, wanderte
die kleine Schar dem Stranddorfe zu. Auf dem Wege dahin begegneten ihnen
große, graue, langbeinige Kasuare, die ihre umfangreichen, grünfleckigen
Eier in den Sand legen, sie lose bedecken und dann der Sonne zum
Ausbrüten überlassen; häßliche Tiere mit bräunlich-schmutzfarbenem
Gefieder und wie bei dem Truthahn vom Hals herabhängenden feuerroten und
himmelblauen Hautlappen, große, behende Schnellläufer, mit denen es ein
Windhund an Eile und Ausdauer nicht aufnehmen kann. Es war unmöglich
einen von ihnen zu schießen.
Auch den Hirscheber in seinem Versteck fanden die Reisenden nicht mehr
vor und schlossen daraus mit Recht, daß die Alfuren hinter den nächsten
Bäumen gelauert und das Wild, sobald sie sich unbeobachtet sahen,
schleunigst wieder an sich genommen hatten. Dieser Verlust war zu
verschmerzen, aber er zeigte doch aufs neue, daß Treue und Glauben den
Gelben ganz fremde Eigenschaften seien und die höchste Vorsicht ihnen
gegenüber geboten schien. Als das Dorf im tiefen Thal am Strande
auftauchte, wurde der junge Alfure entlassen und in geschlossenen
Gliedern der Platz zwischen den drei oder vier langgestreckten Häusern
besucht, um dann unter einem überhängenden Felsen das Nachtquartier
aufzuschlagen.
Die Frauen und Kinder der Alfuren hielten sich in scheuer Entfernung,
nur selten kam irgend ein altes, hinkendes oder blindes Weib, geführt
von nackten Kindern, und streckte bettelnd die Hand aus; auch Greise
näherten sich, um ein buntes Tuch oder ein Messer zu erhaschen; im
ganzen aber waren die Leute zurückhaltend und bescheiden.
Vom Meer herüber glänzten Hunderte von Fackellichtern, der Trepangfang
war im vollen Gange, und Boot an Boot trieb auf den ruhigen Wellen,
während verhältnismäßig wenige Männer die kleinen, schlanken Fahrzeuge
besetzt hielten. Wo hatten sich die übrigen versteckt? -- Das Rätsel
sollte sich sehr bald lösen. Unsere Freunde benutzten die Erlaubnis
mehrerer Eingebornen, sich der am Strande befindlichen Kanots zu
bedienen und befanden sich bald mitten unter den Alfuren in der Bucht.
Was sie von fern nicht deutlich erkennen konnten, das lag jetzt offen
vor ihren Blicken; die Wilden tauchten ununterbrochen und spießten mit
dünnen, spitzen Bambusrohren das auf den Algen am Grunde lebende Tier;
in jedem Augenblick erschien auf der Oberfläche der Kopf des Fischers;
ein paar fußlange, vier Zoll dicke, walzenförmige Würmer von brauner
Grundfarbe mit schwarzem Punktenschmuck und einer Reihe Fransen oder
Fühler um den Mund wurden in das Boot spediert, und dann verschwand der
Alfure, um neue Beute heraufzuholen. Die wenigen in den Fahrzeugen
gebliebenen Männer hielten die Fackeln aus Kienspänen und sammelten die
wurmartigen Stachelhäuter, welche auch eßbare Seegurken genannt werden.
Sie besitzen eine lederartige, bräunliche, rötliche oder schwarze Haut,
die sie vorm Austrocknen behütet, wenn sie auf den Strand geraten und
wie lange Würste ohne Lebenszeichen im Sande von der Sonne beschienen
werden. Getrocknet bilden sie unter dem Namen Trepang einen wichtigen
Handelsartikel in der Südsee, zumal da die Chinesen diese Speise für
einen Leckerbissen halten, der allerdings dem europäischen Gaumen wenig
oder gar nicht zusagt. Holm hoffte später in den seichten Tiefen der
Korallenriffe einige seltene und schöne Exemplare dieser Seewalzen oder
Holothurien, wie sie wissenschaftlich bezeichnet werden, zu fangen. Die
Wilden warfen die gespießten Seewalzen in bereitstehende Körbe und
fischten eifrig in buntem Durcheinander.
Es war ein malerischer, unvergeßlicher Anblick, die vielen schaukelnden
Fahrzeuge mit den Gestalten der braunen, nackten Wilden, die auf- und
abtauchenden Köpfe, die Fackeln in wirbelnde Rauchsäulen gehüllt und als
Hintergrund des Bildes die düsteren, hohen Felsmauern, unter deren
Schatten das Dorf seine Hütten barg. Alles dieses scharf umrissen vom
Helldunkel der Tropennacht, zuweilen grellrot angehaucht im Fackellicht,
zuweilen silbern umsäumt im matten Glanz der Sterne, gewährte ein
Gesamtbild, dessen poetische Schönheit die Herzen der Weißen entzückte.
Sie verließen erst nach stundenlangem Schauen und mit den letzten
Alfuren die Bai, konnten sich aber nicht entschließen, den dargebotenen
gerösteten Trepang zu kosten, sondern warfen heimlich die widerwärtige
Speise beiseite und begnügten sich mit ihren vom Schiff gebrachten
Vorräten, worauf dann die Wolldecken ausgebreitet und zu später Stunde
die Ruhe gesucht wurde. Holm zählte die Häupter seiner kleinen Schar,
alle sechzehn waren vorhanden! Zwei Matrosen erhielten die erste Wache;
das Verbot, sich in die Alfurenhäuser zu begeben, wurde nachdrücklichst
wiederholt und den Leuten gesagt, daß sie sich gerade hier unter den
wildesten, am wenigsten zivilisierten Bewohnern der ganzen Insel
befänden; dann suchte jeder zu schlafen.
Franz und jener junge Matrose, der am Morgen die Alfuren verspottet,
lagen zufällig hart nebeneinander. Nachdem alles still geworden, stieß
der Hamburger leise gegen den Arm seines Genossen. »Schlafen Sie, Herr
Gottfried?«
»Nein -- was ist los?«
»Pst! Nichts, gar nichts, wecken Sie doch nur den Doktor und Ihren
anderen Lehrer nicht auf, die thun ja, als ob die gelben Kerle hier
herum Menschenfresser wären. Wissen Sie, ich möchte gar zu gern das
Innere eines solchen Alfurenhauses sehen! -- was ist denn auch weiter
dabei, und wen geht es an, ich trage meine eigene Haut zu Markt.«
Franz schüttelte den Kopf. »Lassen Sie sich dazu nicht verleiten,
Hartmann,« warnte er. »Die Sache könnte ihnen doch gefährlicher werden,
als Sie denken, und überdies ist wahrhaftig der Aufenthalt in einem
solchen Familienhause nichts weniger als angenehm. Schreckliche Luft,
Ungeziefer, Kindergeschrei und Hahnenkämpfe, das ist das Bild einer
Nacht unter diesen Dächern; ich habe es auf Borneo kennen gelernt.«
Der Matrose schien nicht überzeugt. »Man kann aber doch seinen Spaß
haben,« versetzte er. »Ich möchte hinein.«
»Das dürfen Sie nicht, Hartmann, und Sie thun es auch nicht.«
Der Matrose lachte. »Hm, schwören Sie nicht darauf, junger Herr. Ich
hatte übrigens gehofft, daß gerade Sie heimlich mit mir gehen würden.«
Franz errötete bis unter die Haarwurzeln. Also man hielt ihn jedes
tollen Unternehmens ohne weiteres für fähig.
»Gute Nacht, Hartmann,« sagte er etwas kurz. »Ich möchte schlafen.«
Dabei drehte er dem jungen Menschen den Rücken und bekümmerte sich nicht
weiter um ihn. Daß der Bursche in ihm den Teilnehmer einer Unklugheit
vermutet, beleidigte seinen Stolz. Aber wahrhaftig, in Zukunft sollte
das anders werden.
Erst sehr spät schlief er ein; die wachthabenden Matrosen saßen rauchend
und leise plaudernd in halbliegender, bequemer Stellung im Gras, die
laue stille Luft wirkte fast betäubend, ringsumher störte kein Laut die
Ruhe. Auch jenes Flüstern der Blaujacken drehte sich um die Vorsicht,
welche der Steuermann und Holm den Leuten so dringend empfohlen hatten.
»Narretei,« sagte der eine, »es ist lächerlich, hier zu sitzen und zu
wachen. Die Kerle denken an keine Feindseligkeiten, sie waren ja ganz
höflich, brachten uns sogar die vertrakten Würmer zum Essen! Aber weil
vor einem halben Jahrhundert einmal ein Mord passiert ist, muß man am
Lande über Stock und Stein klettern und darf nachher nicht einmal
schlafen.«
Ein herzhaftes Gähnen schloß den Satz, der andere legte sich etwas
bequemer, übersah die ganze Reihe der Schlummernden, brummte
Unverständliches aber offenbar wenig Schmeichelhaftes in den Bart, und
dann schwieg auch diese Unterhaltung.
Es war alles still wie in einer Welt ohne lebende, atmende Wesen.
* * * * *
Am andern Morgen erwachte Holm, nachdem die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Sein erster Blick suchte die Wachen, -- sie lagen lang
ausgestreckt im Gras und schnarchten vernehmlich. Holm lächelte; die
Leute mußten schon geschlafen haben, ehe sie ihre Kameraden wecken und
von diesen abgelöst werden sollten, wenigstens bemerkte er kein Zeichen,
das die Nähe eines wachenden Menschen verkündet hätte. Alles schlief den
festen Schlaf der Jugend und Ermüdung.
Aber mochten sie doch! Es war nichts passiert, die Gefahr glücklich
vorübergegangen, der ganze Tag bis zum Abend, wo in der Einfahrt die
Boote ihre Passagiere erwarteten, konnte noch zum Ausflug in die
Umgebung auf der anderen Seite verwendet werden.
Holm richtete sich höher auf. Wieder wie am gestrigen Abend zählte er,
heimlich besorgt, immer im Bann von Papa Witts schauerlichem Erlebnis,
halb ohne Absicht; aber er zählte maschinenmäßig -- -- eins, zwei, drei,
-- nun, wo steckte denn der sechzehnte?
Er überzeugte sich, daß der Doktor und die Knaben unversehrt an seiner
Seite lagen, und etwas ruhiger geworden zählte er nochmals. Der
sechzehnte fehlte.
Jetzt stand er auf, sein lauter Zuruf weckte die übrigen, er wollte eben
fragen, welcher von den Leuten vermißt werde, als sein Blick im
Hintergrunde des Lagers die Stelle streifte, wo alles Gepäck aufgehäuft
worden war. Dort unter dem Felsen hatte es gelegen, die Waffen, die
Vorräte; aber jetzt befand sich auf dem ganzen Gebiet des Nachtquartiers
davon auch kein einziges Stück mehr. Was nicht die Reisenden an ihrem
Körper getragen hatten, das war fort.
»Herr des Himmels, -- unsere Gewehre!«
Holm fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken herablief. »Still!« rief er
mit lauter Stimme. »Still! Wer ist der Mann, welcher in unserer Zahl
fehlt?«
Sekunden genügten, um festzustellen, daß es Hartmann sei, den die kleine
Expedition vermißte. Franz erzählte erbleichend, was er mit ihm während
der Nacht gesprochen.
Eine unbeschreibliche Aufregung und Erbitterung hatte sich aller Gemüter
bemächtigt. Nach rechts und links schallte der Name des Verschwundenen
durch die stille Morgenluft, die Matrosen verwünschten den Schlaf, der
sie überfallen, Holm war stumm vor Schmerz und Zorn, der Doktor trieb
wiederholt zum Aufbruch und Franz und sein Bruder verlangten energisch
jetzt am hellen Tage die Durchsuchung der Alfurenhäuser.
Rua-Roa nahm die Spur des verlorenen Leichtmatrosen da auf, wo er
während der Nacht gelegen, und verfolgte sie über Gras und Blumen hinweg
mit dem Instinkt des Wilden bis hinab zum Dorfe, wo vor der Thür des
einen Pfahlbaues jedes kleinste Merkmal endete. Es erschien
unzweifelhaft, daß der junge Mensch hier seinen Tod gefunden.
»Vielleicht halten sie ihn nur gefangen, um ein Lösegeld zu erpressen,«
meinte einer der Männer. »Wir sollten doch nachsehen!«
»Damit sie uns mit unseren eigenen Gewehren erschießen? -- Ohne Waffen
können wir gar nichts ausrichten.«
»Ich möchte mich selbst ohrfeigen,« rief der Matrose. »Wären mir nicht
die Augen zugefallen, so hätten wenigstens die Kugelbüchsen nicht
gestohlen werden können.«
Holm suchte ihn zu trösten. »Darüber beruhigen Sie sich, Schwarz,« sagte
er. »An eine Gefangenschaft des armen, jungen Menschen, an Wiederfinden
und Lösegeld ist nicht zu denken. Hätten wir alle Waffen der Welt, so
könnten uns dieselben das geraubte Leben nicht zurückgeben. Nur finden
und ehrlich begraben möchte ich den Ermordeten.«
»Sollten auch wir eine kopflose Leiche an Bord bringen, Karl?« fragte
Franz.
Der junge Gelehrte wandte sich ab. »Er wurde gewarnt,« sagte er
seufzend. »Weshalb suchte er im Ungehorsam eine Art von Ehrgeiz?«
Franz sah stumm über das Meer hinaus. Der arme Schelm hatte so fröhlich
dreingeschaut, sein lebensfrisches Bild stand so klar vor der Seele des
Knaben, -- er fühlte, wie Thräne um Thräne über die Wangen herabrollte.
Dies Ereignis machte auf ihn einen Eindruck, stärker und erschütternder
als alle früheren.
»So laß uns suchen,« ermahnte er endlich. »Laß uns wenigstens den toten
Körper finden.«
Es wurde nun eine Kette gebildet und rings im Halbkreise das Waldgebiet
durchforscht; kein Gebüsch, keine Niederung blieb unbeachtet, aber
nichts war zu finden, bis am späten Mittag der Malagasche eine Stelle
entdeckte, an der er stehen blieb. »Hier ist in der letzten Nacht die
Erde aufgegraben worden,« sagte er. »Das Gras und das Moos wachsen
nicht, sie sind nur lose in den Boden gesteckt.«
Er lockerte mit der Hand den Pflanzenwuchs, unter welchem sich sogleich
die frisch umbrochene Erde deutlich zeigte, und wo schon nach geringer
Mühe, in einer Tiefe von kaum sechs Zoll, die Leiche des unglücklichen
jungen Menschen gefunden wurde, -- kopflos wie man erwartet hatte.
Schweigend umstanden alle das offene Grab, besonders Franz war tief im
Herzen erschüttert. Noch immer hörte er den Toten sagen: »Ich hatte
gerade gehofft, daß Sie heimlich mit mir gehen würden!« --
O wie inbrünstig dankte er dem Himmel, hier nicht nachgegeben zu haben;
wie demütig gestand er dem eigenen Bewußtsein, daß nur der Mangel an
Neugier, nicht aber ruhige Überlegung ihn zurückgehalten. Hätte er nicht
auf Borneo das Innere eines solchen Familienhauses genügend kennen
gelernt, wer weiß, ob nicht die Versuchung auch ihn überwältigt haben
würde. Es war ein stilles, aber festes Versprechen, das er an diesem
Grabe sich selbst leistete.
»Auf!« ermahnte der Doktor. »Hüllt die Leiche in unsere Wolldecken,
Kinder, und tragt sie abwechselnd, damit wenigstens ein ehrliches
Seemannsbegräbnis dem Armen zu teil werde. Ich übernehme es, zuerst an
Bord zu gehen und dort unsere Freunde vorzubereiten.«
Vier Matrosen nahmen den Körper ihres Kameraden, banden ihn mit ihren
Riemen an ein paar derbe Stangen und trugen ihn so schweigend, in
unheimlicher Stille, gefolgt von den übrigen, bis zur Bucht am Strande.
Keiner dachte an Essen, obwohl ihnen seit dem gestrigen Abend nichts
mehr zu teil geworden war; keiner dachte an eine Bestrafung der
hinterlistigen Alfuren, die sich heute morgen alle sorgfältig versteckt
gehalten hatten, oder an die verlorenen Waffen; -- sie beeilten sich
nur, so schnell als möglich das Gebiet des tückischen Stammes zu
verlassen und atmeten voll Erleichterung auf, als ihnen durch das
Buschwerk des Strandes der Ozean blau und friedlich entgegenschimmerte.
Der Dampfer lag hart an der Küste, und auf dem Verdeck stand der
Steuermann, -- er musterte wie in Gedanken verloren das felsige Ufer.
Erst als ein lautes »Schiff Ahoi!« der Matrosen sein Ohr traf, fuhr er
zusammen. Schon die nächste unwillkürliche Handbewegung zeigte den
Schrecken, welcher ihn durchbebte.
Das abstoßende Boot brachte den Alten selbst, und da war es denn der
Doktor, welcher ihm entgegenging, um in schonender Weise das Unglück zu
berichten. Papa Witt schüttelte den Kopf. »Ich weiß es schon,« sagte er,
»ich wußte es, seit wir in den malaiischen Archipel kamen. Bin nicht
hier gewesen seit jener Unglücksnacht, hab's immer vermieden, obgleich
ich tausendmal im Traum diese scharfe Ecke und die unruhigen schwarzen
Wellen am äußersten Vorsprung sah, -- aber daß es geschehen würde, wußte
ich. Solch ein Vorgefühl täuscht nicht. Na, nun sagen Sie mir nur, wer
es ist; Hartmann, nicht wahr, Herr Doktor?«
»Konnte es mir denken,« fuhr er fort, »gerade er war der helläugigste,
frischeste Bursche unter allen, ihn trieb die kecke Lebenslust ins
Verderben, wie damals meinen Kameraden. -- Steigen Sie nur ein, Herr
Doktor, das große Boot soll die Leiche holen.«
Er hatte dem alten Theologen zu keiner Antwort Zeit gelassen, hatte auf
dem Gesicht desselben die Richtigkeit seiner Vermutung schon gelesen und
drängte ihn jetzt in das kleine Fahrzeug hinein. So kam es, daß der
Doktor auch den Kapitän vorbereiten konnte, ehe nach einer Viertelstunde
das große Boot die Leiche mit den übrigen Reisegenossen wieder an Bord
brachte.
Von den Alfuren zeigte sich auch jetzt kein einziger; sie mochten, ihrem
eigenen wilden und rachsüchtigen Denken nach, wohl annehmen, daß jetzt
die Weißen ihre Kanonenkugeln in das Dorf hineinschicken würden, und
waren alle landeinwärts in die Wälder geflohen. Natürlich aber geschah
dergleichen nicht; das Schiff verließ die Küste, und erst als der letzte
Streifen Landes dem Auge entschwunden war, versenkten die Kameraden auf
hoher See den Leichnam des Vorwitzigen, der so kecklich seinem Übermute
die Zügel schießen ließ und vielleicht die schrecklichsten Martern
erlitten hatte, ehe ihn der Tod aus den Händen der Alfuren erlöste.
Noch einmal grüßte, langsam hinauf und herab gleitend, Deutschlands
Flagge vom Mast den toten Sohn der Vaterstadt, noch einmal sahen die
Genossen zurück zu der Stelle, wo die Celebessee den kopflosen Leichnam
verschlungen -- dann drehte sich der Eisenrumpf, und das Schiff steuerte
den Inseln Australiens entgegen, zunächst der kleinen, wenig bekannten
Nightinsel zu, wo ein friedliebender, harmloser Papuastamm auf
allerunterster Stufe, fast im Zustand der Tierheit, leben oder besser
vegetieren sollte.
Dreizehntes Kapitel.
Wie wohlthuend berührte nach der brennenden Hitze in der Celebessee die
immer frischer und frischer werdende Kühle jede Stirn! Jetzt ging es mit
gleichem Schritt über Australien bis zur antarktischen Barriere, und die
beiden Knaben freuten sich schon im voraus des Schnees, mit dem sie nach
so langer Entbehrung wieder Ball spielen wollten. Es war höchst komisch,
welche Mühe sie sich gaben, dem Malagaschen begreiflich zu machen, was
Schnee sei. »Gefrorenes Wasser,« sagte Hans, »kleine zarte, sechseckige
Sterne.«
»Der Übergang zwischen Wasser und Eis,« setzte Franz hinzu.
Rua-Roa schüttelte immer wieder den Kopf. »Aber was ist denn
_gefroren_?« fragte er.
Da winkte ihm der Koch, eben jener gemütliche Sohn Hammonias, der auf
Ceylon den Singhalesinnen Pfannkuchen buk. »Komm mal heran, Gelber!
Sieh, mein Sohn, hier ist Butter, die ich eben geschmolzen habe. Sie
fließt wie Wasser, nicht wahr? Das that die Hitze, weißt du; wenn ich
sie aber wieder kalt stelle, läuft sie zusammen und wird ein Klumpen.
Das macht das Wasser ebenso, und dieser Klumpen heißt Eis, -- wenn's
sehr kalt ist nämlich. Und kalt sein, mein Junge, das heißt, wenn man
eine bläuliche Nasenspitze hat und Kribbeln in den Fingern.«
Und jetzt hatte Rua-Roa begriffen! Also eine Temperatur, die das Wasser
erstarren ließ! -- Er wandte sich kopfschüttelnd zu seinen Erziehern.
»Wenn es nur keine Fabel ist von diesem Lande,« sagte er bedenklich.
»Ich kann schwören, daß auf Madagaskar nie Eis getroffen wurde.«
Ein helles Gelächter klang über das Schiff dahin, und eine Extrastunde
Geographie war die Folge. Jetzt wurde übrigens der junge Hova in den
verschiedenen Lehrfächern schon so fest, daß er hübsch lesen und
erträglich schreiben konnte; nur wenn so ganz Unerwartetes ihn aus der
Bahn warf, griff seine Phantasie unwillkürlich zurück zu den
Verhältnissen und Anschauungen der Heimat, als dem einzig Sicheren, was
er besaß. Holm errettete ihn aus der verlegenen Situation, indem er die
anderen darauf hinwies, wie schwer es sei, sich von etwas Ungesehenem
einen Begriff zu machen; dann brachte er das Gespräch auf die
Nightinsel, der nun das Schiff entgegensteuerte. »Kapitän, waren Sie
früher schon einmal dort?«
Der Gefragte nickte. »Das ist die Kannibalengegend,« antwortete er,
»freilich nicht die Nightinsel selbst, aber doch die Gruppe, zu der sie
gehört. Ich habe einmal hier Schiffbruch gelitten und mit dreißig Mann
gegen über hundert Wilde gefochten, bis ein Schiff vorbeikam und durch
seine Kanonen die Neger in die Flucht schlug. Zwei von uns, die
unglücklicherweise vom Hauptquartier abgeschnitten worden waren, ließen
ihr Leben am Bratspieß der Wilden, -- wir fanden später die abgenagten,
verkohlten Überreste.«
»Sollte uns denn dergleichen auf der Nightinsel nicht geschehen können?«
fragte schaudernd der alte Theologe.
»Unter keiner Bedingung. Da leben die Makadamas, eine Horde gutmütiger
Geschöpfe, die sich durch nichts von harmlosen Tierarten unterscheiden,
die keine Kleider oder Gesetze, kein Oberhaupt, keine Wohnung oder Ehe,
ja nicht einmal eine Arbeit kennen; sie laufen nackt umher, stellen sich
beim Regen unter einen Baum, schlafen ein, wo sie müde werden, und
essen, was sie finden; Feuer dagegen unterhalten sie der Kälte wegen
immer und sind auch sehr geschickt in allem, was das Leben auf dem
Wasser betrifft.«
»Bewohnt denn dies Naturvölkchen die Insel ganz allein?«
Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Das treffen Sie nirgends,« antwortete
er. »Ist eine Insel überhaupt groß genug, um Menschen zu ernähren, so
hausen auch auf ihr zwei Stämme, die einander hassen und bekämpfen. Auf
Nighteiland leben außer den Makadamas noch die Echaus, weshalb Kriege,
bei denen man sich gegenseitig mit langen Spießen zu durchbohren sucht,
hier gar nichts Seltenes sind. Auch die Frauen kämpfen, diese aber
bedienen sich schwerer Holzblöcke, welche eine der anderen auf den Kopf
schlägt.«
»Sehr einladend!« lachte Holm. »Wir werden also Gelegenheit finden, ganz
neue Menschen und Verhältnisse kennen zu lernen.«
»Wollen wir vorher nach Timor anlaufen?« fragte Franz.
»Nochmals zu den Alfuren? -- Ich danke, nein.«
»Aber jenes kleine Koralleneiland, an dem die Wogen hoch aufschäumen,
möchte ich inspizieren,« sagte Holm, »es kann uns der Besuch desselben
höchstens einen halben Tag aufhalten. Ich hoffe dort ziemlich reiche
Beute, gerade in diesem Meere zu machen.«
Das Schiff drehte bei, dann wurde ein Boot ausgesetzt und die
Naturforscher erreichten das Innere der Koralleninsel von der
brandungsfreien Seite aus. Ein stiller, ruhiger Salzwassersee bildete
das Innere der Insel. Während sich an den Korallenriffen die Woge in
furchtbarer Brandung brach, herrschte hier Ruhe und Frieden, und in dem
klaren Wasser lebte eine eigene Tierwelt ihr vergnügtes Stillleben.
Papageifische zermalmten mit ihren harten Kiefern die Korallenzweige.
Schnecken aller Art weideten förmlich die Korallenfelder ab, indem sie
die weichen Tiere erwischten, welche aus ihrem harten Kalkbau
hervorkamen, um auf Nahrung zu lauern. Seesterne, Seeigel und Haarsterne
mit nach unten gerichtetem Munde belebten den See, in dem die von Holm
vermuteten Holothurien sich ebenfalls in reicher Anzahl und
mannigfaltigen Arten vorfanden. Sie alle ließen es sich wohl sein unter
dem Schutze des Korallenriffes, das sie vor der Vernichtung durch die
Wellen des Meeres bewahrte, indem es einen festen Wall, gleichsam eine
Schanze gegen das anstürmende Meer bildete.
»Hier in diesem glasklaren See wollen wir das seltsame Wesen der
Seewalzen beobachten,« sagte Holm, »und dann nach Herzenslust fischen.
Seht hier die violette Seewalze, wer hat Lust, sie zu ergreifen?«
Kaum hatte Holm die Frage gethan, als auch schon Hans sich niederbeugte
und die lange Seewalze mit festem Griff der Hand umklammerte. Nun aber
ereignete sich etwas sehr Seltsames.
Kaum bemerkte die Seewalze, daß ein Feind sie gepackt hielt, als sie
sich krampfhaft zusammenzog und durch den Mund ihre sämtlichen
Eingeweide ausspie. Hans kümmerte sich jedoch nicht darum, daß das Tier
ihn mit seinem klebrigen, anhaftenden Inhalt besudelt hatte, sondern
suchte seine Beute aufs Trockene zu bringen, aber dies Vorhaben wurde
ihm von dem Tiere gründlich vereitelt, denn es schnürte sich ein und
teilte sich in mehrere Enden, als wenn es eine Wurst wäre, die der
Metzger durch Abdrehen in mehrere Teile zerteilt hätte. Nur ein
Stückchen Haut behielt er in der Hand.
»Sieh einer doch solche Bosheit,« rief er, »das Tier vierteilt sich
selbst, um der Gefangenschaft zu entgehen.«
»Es schnürt sich ab bis auf den Kopfteil,« sagte Holm. »Dort liegt ein
ringförmiger Nerv, und so lange dieser unzerlegt bleibt, ist es der
Seewalze möglich, wieder nachzuwachsen. Die Zerstörung durch freiwillige
Abschnürung geht bei einigen Arten so weit, daß noch kein Naturforscher
sich rühmen konnte, ein vollständiges Exemplar aus dem Meere
heraufgeholt zu haben.«
»Aber warum übt es solche Selbstverstümmlung aus?« fragte Hans.
»Diese Abschnürung ist ein wunderbares Auskunftsmittel, um bei der
gänzlichen Widerstandslosigkeit gegen Angriff und Verfolgung wenigstens
das Leben zu retten. Selbst im Rachen eines gierigen Räubers vermag die
Seewalze sich in zwei Hälften zu teilen, deren eine sie als wertlos dem
Feinde überläßt, während das Kopfende das Meer zu erreichen sucht, um
auf dem Grunde desselben einen Ruheplatz zum Neuwachstum und Ersatz des
preisgegebenen Körpers zu suchen. Selbstwillige Zerstörung und rasches
Wiederherstellungsvermögen sind es, die bei der Seewalze die Verrichtung
eigentlicher Verteidigungsorgane höherer Tiere ersetzen.«
»Wir wollen uns jedoch durch dieses Gebaren der Seewalzen nicht beirren
lassen, sondern so viele Bruchstücke derselben zu erlangen suchen, wie
nur möglich, denn die übrigbleibende Haut liefert dem Mikroskopiker das
Material zu Präparaten, die jedes Auge erfreuen.«
Es wurde nun eifrig Jagd auf Seewalzen gemacht, und die Stücke, welche
nach der freiwilligen Vierteilung übrig blieben, wanderten nach Holms
Anleitung in den Spiritusbehälter. Holm versprach den Knaben, während
der nächsten Fahrt auf dem Schiffe ihnen die Wunder der Holothurienhaut
unter dem Mikroskop zu zeigen.
Von den Papageifischen, die sich durch die Eigentümlichkeit ihres
Gebisses ebensowohl auszeichnen als durch die Farbenpracht ihrer
Schuppen, wurden mehrere Exemplare gefangen. Die Tiere, welche weder den
Menschen noch das Netz kannten, waren mit leichter Mühe zu erlangen.
Holm fand an einer Stelle die rote Orgelkoralle, bei der die kalkigen
Wohnungen der Einzeltiere als schlanke Röhren wie die Orgelpfeifen neben
einander stehen. Auch die elegante Seefeder sowie der Neptunsfächer
wurden erbeutet, zierliche Korallenstöcke, die sich ausnahmen wie
Hutfedern oder wie riesige Fächer von bräunlicher, rötlicher und gelber
Farbe.
Der Ausflug nach diesem kleinen Koralleneilande war ein überaus
lohnender gewesen. »Wir wollen diesem Punkte im Ozean einen Namen
geben,« schlug Hans vor. »Was meint ihr, wenn wir ihn »die Schatzkammer
der Naturforscher« nennen?«
Alle waren damit einverstanden, und als sie wieder an Bord waren, trug
der Kapitän das Inselchen und seinen Namen in die Seekarte ein.
Das Schiff setzte seine Fahrt fort, bis endlich nach kaum drei Wochen
die kleine, wenig bekannte Insel an der Nordküste Australiens erreicht
war. Viele gefährliche Klippen starrten himmelhoch und von Brandungen
umtobt den Seefahrern entgegen, viele stille Baien, anmutig in flaches,
grünes Land verlaufend, schienen aber auch zur Einkehr zu locken, und
als das Schiff langsam zwischen den Korallenfelsen hindurchlief, zeigten
sich auch schon gleich beim ersten Erblicken des Innern die Bewohner vom
Stamme der Papuas. Kleine, gedrungene Gestalten, die Weiber von
ungeheurer Häßlichkeit, die Männer mit dick aufliegenden Stammesnarben
geschmückt, rot und weiß angemalt, im Haar den gelben, dick mit Thran
aufgestrichenen Ocker, beide Geschlechter aber bis auf den zerfaserten
Grasgürtel der Frauen ganz wie Gott sie erschaffen, so standen die
Wilden scharenweise am Ufer, vielleicht hoffend, daß das Schiff stranden
und ihnen seine Eisenteile zum Verbrauch überlassen solle, jedenfalls
aber ohne irgend eine böse Absicht, etwa einer Rinderherde gleich, die
ahnungslos den Fremden an sich herankommen läßt, ihn kaum beachtend,
gleichgültig und ruhig.