Der junge Mensch seufzte. »Ich dachte so an manches, Herr; du mußt nicht
glauben, daß ich mein Vaterland vergessen habe, aber -- -- dahin möchte
ich doch nie wieder.«
»Warum nicht? Wenn du ein Christ geworden bist und deutscher Unterthan,
dann kann niemand mehr deine persönliche Freiheit beschränken.«
Der Malagasche sah ihn an. »Niemand, der Gesetze kennt und Gesetze
achtet, Herr, aber meine Brüder sind arme Wilde, sie würden den
entlaufenen Sklaven den Krokodilen vorwerfen. Ein Sklave hat keine
Heimat!«
»So hast du sie da, wo ich die meinige besitze, Rua!« sagte innig der
Sohn des Millionärs. »Du rettetest uns allen das Leben, seit dieser
Stunde bist du mein Bruder.«
Und der Malagasche lächelte, obgleich sich in seinen Augen schwere
Thränen gesammelt hatten. Die Musik und die Wiedersehensfreude der
anderen weckten in seinem Herzen, ihm selbst unbewußt, das schlummernde
Heimatsgefühl, er dachte an die Bambushütten und die bunten Wolldecken,
an das feierliche Krokodilgericht und Lani-Lameh den Zauberer, der einst
seine ersten Begriffe gelenkt, der ihm gesagt, daß die Welt eine runde
Scheibe sei, schwimmend im Urmeer, und Madagaskar darin die Mitte; daß
sich in das Gebiet der bösen Gewalten hinauswage, wer ein Schiff
besteigt und die Ufer der Erde verläßt, ja und daß irgendwo tief
verborgen Zannaar der Weltgeist in einer Höhle wohne, in unsichtbaren
Räumen, nie erspäht von Menschenaugen, nie zu finden, so lange auch
Sterbliche suchen mögen. -- --
Jetzt kannte er die Irrtümer aller dieser Anschauungen, jetzt wußte er,
daß Lani-Lameh ein schlauer Spitzbube sei und die Hovas arme Wilde, aber
doch hatte es ihm heute so eigen weh ans Herz gegriffen, und er dachte
heimlich: »Ich möchte ein großer Vogel sein und einmal über die stillen
Dorfhütten dahinfliegen, -- nur einmal!« --
»Du bist mein Bruder!« wiederholte Franz, »mein lieber, guter Bruder.«
Der Malagasche nickte, aber auf die weiße Hand, welche ihn liebkoste,
fielen warme Thränen.
* * * * *
Das Zusammentreffen mit den Landsleuten hatte in den Gemütern der jungen
Reisenden ein Gefühl zurückgelassen, das fast dem Heimweh glich. Der
Doktor suchte die Trauer der Knaben durch milde Worte zu verscheuchen,
allein es gelang ihm nur halb. Holm dagegen meinte: »Doktor, das beste
Mittel gegen Betrübnis ist und bleibt die Arbeit, vergessen wir nicht,
zu welchem Zwecke wir die Reise unternommen haben. Auf, ihr jungen
Argonauten,« rief er, »verlangt uns auch nicht nach dem goldenen Vließe,
so steht unser Sinn doch nach den Schätzen des Meeres, die es in seinem
weiten Schoße birgt. Laßt uns sehen, was das Schleppnetz an das Licht
der Sonne fördert. Nutzen wir Zeit und Gelegenheit.« Ein engmaschiges,
lang dahingestrecktes Netz, dessen Vorderseite mit einem schweren,
eisernen Rahmen versehen war, wurde am Spiegel des Schiffes
hinabgelassen und folgte auf dem Grunde des Meeres nachschleifend der
»Hammonia«.
Nach zwei Stunden rascher Fahrt wurde es in die Höhe gewunden, und von
diesem Augenblicke an wich die trübe Stimmung der gewohnten Lust zum
Sammeln, Beobachten und Präparieren, und auch die alte Fröhlichkeit
stellte sich wieder ein.
Das Schleppnetz hatte reiche Beute nach oben gebracht. Holm entdeckte
beim Sortieren eine kleine Krebsart, die, kaum einen halben Zentimeter
lang, sich durch besondere Zierlichkeit auszeichnete; es war dies der
Leuchtkrebs, der zu den vielen Meergeschöpfen gehört, die durch ihren
phosphorischen Glanz das Meeresleuchten hervorbringen. Außerdem war ein
großer Molukkenkrebs ins Netz gegangen, der, einen halben Meter lang,
einer Kasserolle mit langem Stiel glich. Die Wilden bedienen sich der
harten, scharfen Schwanzstacheln als Lanzenspitzen. Da diese Krebsart in
den Aquarien nicht selten ist, beschloß Holm dies Exemplar nicht
mitzunehmen. Es wurde daher der Tiefe wieder übergeben. Von Schnecken
fand sich die seltene Birnenschnecke vor, über deren inneren Bau noch
mancherlei verschiedene Ansichten herrschen und die daher sogleich in
Spiritus wanderte, um für das Seziermesser aufbewahrt zu werden. Die
Eischnecke war ebenfalls unter der Beute. Holm erklärte, daß dieselbe
früher bei den Einwohnern von Korea in hohen Ehren gestanden habe, denn
nur die Vorfechter im Kampfe und diejenigen Krieger, welche einige Köpfe
von erschlagenen Feinden aufweisen konnten, durften das Gehäuse um den
Hals oder im Haarschopf tragen.
»Also eine Art von Orden für Tapferkeit,« meinte Hans. Holm lächelte und
sagte: »Nicht ganz übel gedeutet.« Dann machte er die Knaben auf eine
eigentümlich geformte Nacktschnecke aufmerksam, die er als »Seehase«
bezeichnete. Von den vier Fühlhörnern streckten sich zwei in
horizontaler Richtung vor, um den Weg und die Nahrung zu betasten, zwei
derselben glichen dagegen in ihrer aufrechten Stellung einem Paar
großer, löffelförmiger Hasenohren, denen das Tier auch seinen Namen
verdankt.
Holm setzte den eingefangenen Seehasen in eine Bütte mit frischem
Seewasser, in dem er sich alsbald wohl sein ließ. Hierauf sagte er zu
Franz, nachdem sie das Tier genugsam betrachtet hatten: »Fasse den
Seehasen einmal an.«
»Bei den Löffeln wie ein Kaninchen?« fragte Franz.
»Ganz wie dir beliebt,« antwortete Holm, »nur gib genau Obacht auf die
Veränderungen, die mit diesem seltsamen Geschöpfe vor sich gehen.«
Franz griff in das Wasser, um den Seehasen zu erfassen.
Kaum aber hatte er das Tier berührt, als dasselbe eine dunkelviolette
Flüssigkeit absonderte, die es wie mit einer undurchsichtigen Wolke
umhüllte und den Blicken aller entzog.
»Es versteckt sich,« rief Franz.
»Dieser violette Farbstoff dient dem Seehasen als Schutzmittel gegen
seine Verfolger, in derselben Weise, wie sich auch der Tintenfisch durch
Ausspritzen einer braunen Flüssigkeit zu schützen sucht, die im
getrockneten Zustande von den Malern als Sepia zum Tuschen gebraucht
wird.«
»Läßt sich der Farbstoff der Seehasen nicht auch zu ähnlichen Zwecken
verwenden?« fragte Hans.
»Man kann allerdings mit demselben Seide und Wolle violett färben,«
entgegnete Holm, »aber trotzdem wird aus diesem Grunde keine Jagd auf
ihn gemacht, denn derselbe Farbstoff, den der Seehase in seinem
Organismus erzeugt, wird in Europa alljährlich in Hunderten von Zentnern
fabrikmäßig hergestellt und zwar aus dem Steinkohlenteer. Genaue
Untersuchungen haben ergeben, daß der Farbstoff des Seehasen nichts
anderes ist als -- Anilin-Violett.«
»Wir müssen diesen Anilinfabrikanten des Meeres mitnehmen,« rief Franz.
»Gewiß,« antwortete Holm, »zumal diese Art von jener im Mittelmeer
lebenden bedeutend abweicht. Eins ist aber zu bedenken. Wenn wir den
Seehasen in Spiritus legen, so löst dieser den Farbstoff auf und färbt
die Weichteile der übrigen Geschöpfe, welche wir in denselben Behälter
thun, ohne Gnade violett. Er muß daher in einen Glashafen für sich
gelegt werden und warten, bis er Gesellschaft von seinesgleichen
erhält.«
Also geschah es auch. Die übrigen Schnecken wurden in der bereits
bekannten Weise gereinigt und verpackt.
Mit den Fischen mußte allerdings anders verfahren werden, denn sie
verlieren im Spiritus zum größten Teil ihre Farbe.
Holm verfuhr zum Konservieren der Fische nun in folgender Weise.
Er füllte eine kleine Spritze aus Zinn, die mit einer langen feinen
Ausflußröhre versehen war, voll von einer Auflösung von Karbolsäure in
starkem Weingeist. »Die Karbolsäure,« erklärte er, »ist eine Substanz,
welche tierische Körper vor der Fäulnis schützt. Auch in dem Rauche von
Holz und Torf kommt sie vor und bewahrt Fleisch und dergleichen vor dem
Verderben, wie das Räuchern von Schinken und Würsten zur Genüge darthut.
Selbst menschliche Leichen wurden im alten Ägypten oft durch bloßes
Räuchern in Mumien verwandelt.«
Das feine Rohr der Spritze wurde nun vorsichtig in den Rücken des
Fisches gesteckt und durch langsamen Druck das dort befindliche Fleisch
mit der Karbolsäurelösung durchtränkt. Ebenso wurden die Eingeweide, der
Rachen und das Gehirn mit der Lösung ausgespritzt. Mittels eines Pinsels
erhielt die Oberfläche des Fisches ebenfalls ihren Anteil der
konservierenden Flüssigkeit, und dann wurde der Fisch in die Sonne zum
Trocknen gehängt.
In wenigen Tagen waren selbst große Fische fast steinhart angetrocknet
und konnten hierauf mit einem durchsichtigen Firnis überzogen werden,
der die Einwirkung der Luft abhielt und die Farben glänzend hervortreten
ließ. Das war die einfachste Methode zum Konservieren der Fische, die
ihre natürliche Gestalt behielten und so gut wie möglich ihre Farbe.
Einzelne Exemplare jedoch mußten gezeichnet und mit Tuschfarben
koloriert werden, da sie auch bei dieser Prozedur ihr schönes Aussehen
verloren. So in voller Beschäftigung schwanden die Stunden und Tage, bis
Borneo in Sicht kam und gelandet werden konnte.
Borneo! -- Eine neue Wunderwelt tropischer Geheimnisse, aber auch neue
harte Mühen und Drangsale. Das äquatoriale Innere brachte zum erstenmale
seit Afrika wieder jene brennende Sonnenglut, an die sich der Europäer
nie so gewöhnen kann, daß sie ihm nicht mehr lästig und schädlich wäre;
es brachte den voraussichtlichen Kampf mit fast ganz wilden Menschen,
den Dajaks oder Kopfjägern, die zum Teil so berüchtigt sind, daß an eine
Durchforschung ihres Gebietes gar nicht gedacht werden konnte; mit
reißenden Tieren und allen Gefahren des dichten Urwaldes; aber dennoch
zog die kleine Schar fröhlich und voll heiteren Mutes fürbaß, nachdem
schon die Einfahrt auf einem der vielen großen Arme des Baritoflusses
zur wahren Vergnügungsreise geworden war. Borneo ist von einem 6--10
Meilen breiten Gürtel von Anschwemmungen umgeben, so daß nur auf den
Flüssen ein Eindringen in die Insel überhaupt möglich wird, diese Fahrt
aber zwischen himmelhohen Bergen und im Angesicht einer zauberhaft
schönen Pflanzenwelt gehört zu den großartigsten Eindrücken, welche der
Reisende jemals empfangen kann. Freilich verhindert die Unzugänglichkeit
der Insel auch im höchsten Maße das Vordringen der Kultur, freilich
schreckt sie die Weißen erfolgreich zurück (es wohnen dort alles in
allem keine dreihundert Europäer, während Java viele Tausende zählt),
aber sie macht auch dem Naturforscher gerade diesen Punkt der
Sundainseln zum interessantesten und bedeutendsten unter allen. Nirgends
die häßlichen, kahlen Ufer Afrikas, der Sand und Busch, die
Mangrovensümpfe, welche dort den Ankommenden empfangen; hier war alles
üppig treibender Urwald, hier blühte es und trug Riesenblätter,
Riesenhalme auf jedem Zollbreit Bodens; ja nicht selten neigten sich die
Wipfel von beiden Seiten so schirmend und schattenspendend über den Fluß
herein, daß das Schiff in einer kühlen, vom süßesten Blumenduft
durchwehten Laube dahin zu schwimmen schien. Die Stadt Banjar-massing
hat keinen weltbekannten Namen, ist kein vielbesuchter Hafen wie Batavia
und Surabaja; die Reisenden konnten also nicht erstaunt sein, auch
keineswegs eine schöne, wohleingerichtete Stadt zu finden, vielmehr nur
äußerst notdürftige, ja zum Teil erbärmliche Wohnungen, in denen eine
Bevölkerung von Chinesen, Arabern, Malaien und den eingebornen, hier an
der Küste als Tagelöhner arbeitenden Dajaks ein buntes, aber wenig
anziehendes Gesamtbild lieferte. Jede Wohnung, jede Straße, ja selbst
jedes Menschenantlitz schien schwärzlich vom Staub der Kohlengruben, die
sich in großer Anzahl um den Ort herum befanden.
Die Rast in Banjar-massing benutzte Holm, um einen lang gehegten Wunsch
in Erfüllung zu bringen, der darin bestand, den von Hamburg aus
nachgesandten photographischen Apparat in stand zu setzen und sich
desselben zu Aufnahmen zu bedienen. Bis jetzt war es ihm nicht möglich
gewesen, die nötige Ruhe und einen geeigneten Ort zu finden, um die
Knaben in der Handhabung des Apparates zu unterweisen, und schon oft
hatte er bedauert, an so vielen schönen und merkwürdigen Punkten
vorübergehen zu müssen, ohne sie, bis auf das kleinste Detail
naturgetreu, auf photographischem Wege abkonterfeien zu können. Wenn
auch die Knaben im Zeichnen nicht ungeschickt waren und manchen
Naturgegenstand fast künstlerisch ausgeführt in ihren Skizzenbüchern
verewigten, so ließen doch die Zeichnungen von Personen und besonders
von Landschaften manches zu wünschen übrig.
Des bequemen Transportes wegen war der Apparat sehr leicht gearbeitet.
Er besaß zwei photographische Linsensysteme, um gleichzeitig zwei Bilder
von ein und demselben Gegenstande aufnehmen zu können, als wenn derselbe
von den beiden Augen des Menschen betrachtet würde. Später mußten die
hiermit erhaltenen Bilder im Stereoskop den körperlichen Eindruck
hervorbringen, als wenn sie dem Beschauer plastisch greifbar vor Augen
ständen.
Holm richtete den Apparat so, daß eine Straße von Banjar-massing sich
vor den geschliffenen Gläsern desselben befand, und zeigte den Knaben
nun, wie diese auf der matten Glasscheibe, welche den Hintergrund der
sogenannten ^Camera obscura^ bildete, in umgekehrter Stellung mit allen
Einzelheiten in verkleinertem Maßstabe zum Vorschein kam. Zu unterst
erschien der blaue Himmel, dann kamen die Dächer der auf dem Kopfe
stehenden Häuser, die Fensteröffnungen, die Thüren, dann folgten als
oberster Teil des umgekehrten Bildes die Straße und der Erdboden.
»Nun gilt es,« sagte Holm, »an die Stelle der matten Scheibe, auf die
das scharfe, deutliche Bild der aufzunehmenden Gegenstände fällt, eine
Glasplatte zu bringen, die mit einer lichtempfindlichen Substanz
überzogen ist und die derart von den Lichtstrahlen verändert wird, daß
die feinsten Abstufungen zwischen Licht und Schatten, hell und dunkel
auf derselben deutlich und unveränderlich sichtbar werden. Da wir nun
eine solche lichtempfindliche Platte nicht im Tageslicht präparieren
können, müssen wir diese Operation im Dunkeln vornehmen.«
»Aber im Dunkeln kann man doch nicht sehen, was die Hände vollbringen!«
warf Hans ein.
»Wir bedienen uns einer Lampe oder einer brennenden Wachskerze,«
entgegnete Holm, »denn das Licht einer kleinen Flamme besitzt nicht so
viel chemische Wirkung, um der Platte schaden zu können. Auch das
Tageslicht, welches durch eine gelbe Glasscheibe fällt, ist wirkungslos,
so daß das Reisezelt, in welchem wir unterwegs die Platten präparieren
werden, mit einem gelben Fensterchen versehen werden konnte, welches
genug unwirksames Licht für unsere photographischen Manipulationen
durchläßt.«
Holm nahm nun eine der mitgebrachten Glasplatten und putzte sie mit
einem weichen Leinwandlappen und einigen Tropfen Weingeist so lange, bis
sie vollkommen rein war und der Hauch des Mundes nur flüchtig an ihr
haftete. »Merk auf, Rua-Roa,« sagte er, »denn das Amt eines
Plattenputzers mußt du später übernehmen.«
Aus einer Flasche goß Holm hierauf ein weniges einer gelblich gefärbten
sirupartigen Flüssigkeit, die einen starken Geruch nach Hoffmannstropfen
verbreitete, auf der Platte. »In dieser Flasche befindet sich eine
Auflösung von Schießbaumwolle in Äther und Alkohol,« sagte er. »Da der
Äther auch in den Hoffmannstropfen enthalten ist, die häufig als
belebendes Mittel gebraucht werden, so erklärt sich euch der bekannte
Geruch dieser Flüssigkeit. Die aufgelöste Schießbaumwolle hinterläßt
beim Antrocknen eine glasartige zähe Haut, und gerade diese Eigenschaft
ist es, welche uns hier zu gute kommt.«
»Aha,« sagte Franz, »ich weiß schon, wie man diese Flüssigkeit auch
sonst nennt. Sie heißt Kollodium und eignet sich zum Überpinseln von
Brandwunden, damit sich eine Haut über denselben bilde, die vor dem
Zutritt der Luft schützt.«
»Ganz recht,« bestätigte Holm, »nur ist bei diesem Kollodium zu
bemerken, daß in demselben Jod- und Bromsalze aufgelöst sind, deren
Eigenschaften wir jetzt im Dunkelzimmer näher studieren wollen.«
Sie begaben sich jetzt alle in ein Gemach ihrer provisorisch gemieteten
Wohnung, dessen Fenster mit Kokosmatten lichtdicht verhängt waren. Ein
Lämpchen brannte auf dem Tische und beleuchtete mit mattem Scheine eine
Anzahl von Flaschen, einen schmalen hohen Glastrog, den Holm als
»Küwette« bezeichnete, und ein mit reinem Wasser gefülltes Gefäß.
»In dieser Küwette befindet sich eine Auflösung von salpetersaurem
Silber,« erklärte Holm. »Wir tauchen unsere mit Jodkollodium überzogene
Glasplatte vermittelst eines breiten Glashakens in diese Lösung hinein,
und nun beobachtet, was geschieht.«
»Die Oberfläche der Platte fängt an sich zu trüben,« rief Franz.
»Sie wird milchweiß,« bemerkte Hans nach einer kleinen Weile.
»Ein Zauber,« rief Rua-Roa ängstlich.
»Kein Zauber, sondern ein chemischer Vorgang,« lachte Holm, »obgleich du
von deinem Standpunkte nicht so ganz unrecht haben magst, Ruachen; wurde
doch selbst im zivilisierten deutschen Lande zur Zeit des Mittelalters
mancher Chemiker für einen Hexenmeister gehalten. Und wenn ich dir nun
auch auseinandersetzte, daß hier die Jod- und Bromsalze, welche in der
Kollodiumhaut sind, sich mit dem Silber der Lösung zu unlöslichem,
gelblichweißem Jod- und Bromsilber verbinden, so würdest du das doch
nicht verstehen, mein guter Malagasche, denn von der chemischen
Wahlverwandtschaft weiß dein kleiner Heidenverstand nicht die Spur.«
Rua-Roa machte ein verlegenes Gesicht, als hätte er irgendwie, unbewußt
ein Unrecht begangen, aber Franz tröstete ihn und sagte: »Sei nur ruhig,
lieber Freund, Chemie ist meine stärkste Seite auch gerade nicht.«
Die Platte wurde an dem Haken, auf dem sie ruhte, aus der Küwette
herausgezogen. Die Kollodiumhaut hatte in der That ein gelblichweißes
Aussehen erlangt und war nun, wie Holm sagte, lichtempfindlich.
Ein kleines hölzernes Kästchen -- die Kassette -- nahm die präparierte
Platte auf. Dasselbe war mit einem Schieber versehen, der sich seitlich
wegziehen ließ, und besaß hinten einen Deckel, der es lichtdicht
verschloß, nachdem die Platte, mit der Kollodiumschicht nach vorne,
hineingelegt worden war. Gegen jeglichen Lichtstrahl geschützt, konnte
die Platte in der Kassette nach dem photographischen Apparate
transportiert werden, dessen optische Gläser mit Deckeln verschlossen
waren.
Holm entfernte die matte Glasscheibe, setzte die Kassette an ihre Stelle
und zog den Schieber der letzteren heraus. Darauf entfernte er die
Deckel von den Gläsern.
»Nun fällt das umgekehrte Bild, welches wir vorhin auf der
mattgeschliffenen Glasscheibe wahrnahmen, direkt auf die weißgelbe
Jodsilberschicht, die wir im dunkeln Zimmer bei schwachem Kerzenlichte
hergestellt haben,« erläuterte Holm. »In dem Zeitraum von fünf bis sechs
Sekunden werden die Lichtstrahlen hinreichend gewirkt haben, und deshalb
schließen wir den Apparat, nachdem wir langsam bis sechs gezählt haben,
schieben auch den Schieber der Kassette wieder zu und begeben uns in das
Dunkelzimmer zurück.«
Hier angelangt nahm Holm die Glasplatte aus der Kassette und zeigte sie
den Knaben.
»Ich sehe keine Spur von einem Bilde,« rief Hans, nachdem er die Platte
aufmerksam betrachtet hatte.
»Nicht eine Andeutung von Zeichnung,« bestätigte Franz, »gewiß hat das
Licht nicht lange genug eingewirkt.«
»Ich fürchte fast, wir haben bei dem hellen Lichte des hiesigen
unbewölkten Himmels schon zu lange exponiert,« sagte Holm. »Jedoch wir
wollen sehen.«
Bei diesen Worten goß er mit Gewandtheit eine klare Flüssigkeit über die
Platte, die in der That nicht im geringsten verändert erschien, und nun
zeigte sich ihnen ein Schauspiel von ganz eigenem Reiz. Einzelne Teile
der präparierten und dem Lichte ausgesetzt gewesenen Schicht begannen
sich dunkel zu färben, und zwar erschien diese Veränderung da zuerst, wo
der blaue, lichte Himmel war. Dann folgten die weißen Mauern der Häuser,
welche sich scharf von der dunkleren Straße abhoben, die auf der Platte
fast weiß blieb. Überhaupt konnte man wahrnehmen, daß überall da, wo das
hellste und stärkste Licht gewirkt hatte, die Jodsilberschicht sich
dunkel färbte, daß dort, wo gemäßigtes Licht von halberleuchteten
Gegenständen hingefallen war, die Färbung im Verhältnis schwächer blieb,
während die Stellen, welche in der Natur dunkel oder schwarz waren, auf
der Platte keinerlei Färbung annahmen, sondern weiß blieben.
Nach einiger Zeit spülte Holm die Platte mit reinem Wasser tüchtig ab
und hielt sie gegen das Licht.
Ein Freudenruf entschlüpfte den Lippen der Knaben. Da war ja die Straße
von Banjar-massing mit allen ihren Einzelheiten in verkleinertem
Maßstabe auf der Platte sichtbar, so allerliebst und so sauber
ausgeführt, wie es der menschlichen Hand mit Stift und Pinsel nicht
möglich war. Nur erschienen die hellen Partieen auf der Platte dunkel
und die dunklen hell; es waren die Verhältnisse zwischen Licht und
Schatten umgekehrt.
»Wir nennen ein solches Bild, mit verkehrtem Licht und Schatten, ein
Negativ,« sagte Holm; »es verhält sich in dieser Beziehung ähnlich wie
die Gipshohlform zum Körper, der abgeformt wurde, und ebenso wie jene
dient das Negativ zur Anfertigung von Abdrücken, bei denen die alte
Ordnung wieder hergestellt wird.«
»Wie kam es aber,« fragte Franz, »daß das Bild erst sichtbar wurde, als
eine Flüssigkeit über die Platte gegossen wurde, und was enthielt diese
Flüssigkeit, um diese merkwürdige Wirkung auszuüben?«
»Ich goß eine Auflösung von Eisenvitriol in Wasser über die Platte,«
entgegnete Holm. »Der Eisenvitriol hat die Eigenschaft, das Silber aus
seinen Lösungen in Gestalt eines feinen, grauen, metallischen Pulvers
auszuscheiden, und dieses Metallpulver legt sich auf jene Stellen des
Jodsilbers an, die vom Lichte getroffen wurden. Je stärker die
Lichtwirkung war, um so dichter setzt sich der Silberniederschlag ab,
weshalb denn auch die hellsten Teile des Bildes, der Himmel und die
weißen Wände der Häuser, am schwärzesten und undurchsichtigsten sind.
Jetzt haben wir nur noch nötig, das Jodsilber durch eine Auflösung des
giftigen Cyankali in Wasser zu entfernen, die Platte gut zu waschen und
zu trocknen, worauf sie gefirnist wird, um sie vor Verletzungen,
Schrammen u. dgl. zu schützen. Sobald wir später auf dem Schiffe Muße
haben, werden wir von den Negativen, die wir aufnehmen, Abdrücke machen.
Jetzt, ihr jungen Forscher, benutzt die günstige Gelegenheit und bildet
euch durch praktische Übung zu tüchtigen Photographen aus, damit es
unserem Journal nicht an Illustrationen fehle.«
In wenigen Tagen hatten die Knaben die erforderliche Übung in den
photographischen Handgriffen erlangt, worauf die Reise in die Umgegend
von Banjar-massing unternommen wurde.
Gleich am ersten Tage wurde eins der schon erwähnten Kohlenbergwerke
besichtigt. In starken Körben gelangten die Reisenden bis zu dem tief
unter der Erdoberfläche liegenden, im Mittelpunkt des Baues befindlichen
Raum, von wo aus Seitengänge hineinführten in die schwarze, glitzernde
Tiefe. Der Anblick war eigentümlich genug. Nur mit einem Lendenschurz
bekleidete Dajaks schwangen hier im lichtlosen Schoß der Erde ihre
Keilhacken, um das Brennmaterial für weit entfernte Länder oder zum
Gebrauch für Dampfschiffe aus den festen Lagern loszubrechen und in
Körbe zu sammeln, die dann mittels der Windenvorrichtung hinaufbefördert
und ausgeschüttet wurden. Jeder Mann trug vor der Brust eine
Blechlaterne, bei jedem war das Haar, lang und seidenweich wie
Frauenflechten, am Hinterkopf zusammengebunden und fiel in schwarzer,
glänzender Flut auf den unbekleideten Rücken herab; auch weibliche
Geschöpfe nahmen teil an dieser gesundheitsschädlichen Beschäftigung,
alle aber waren von ihrer mühseligen Arbeit dermaßen in Anspruch
genommen, daß sie kaum aufzublicken wagten, und von den gewiß seltenen
Besuchern keinerlei Notiz nahmen.
Ein trauriges Bild des Menschenelendes zeigte sich in diesen armen
Wesen, die von der holländischen Regierung sowohl als von ihren eigenen
malaiischen Gebietern nur wie Lasttiere angesehen werden und fast nicht
besser wie Sklaven sind. Die Luft in den engen, schlecht gestützten
Gängen war kaum zu atmen, erstickend heiß, mit tödlichem Staub gefüllt
und lag drückend auf den Nerven der Weißen; das Klettern über den
unebenen Weg und die stete Nähe der Gefahr ließen sie sehr bald an
Umkehr denken. Holm brach aus den ganz mit Kohlenschichten angefüllten
Wänden einige Stücke los, die Knaben verteilten unter die Arbeiter das
zu diesem Zweck mitgebrachte Kleingeld, und dann krochen alle aus den
verschiedenen Seitengängen zurück zur Mitte, wo wenigstens hoch über
ihnen der blaue Himmel seine Decke spannte. Die Grube war ungewöhnlich
breit, im Dreieck angelegt und mit erbärmlich unsicheren Stellagen
versehen. Was that es, wenn einmal ein Gang verschüttet wurde? Quer
durch das ganze gesegnete Land zog sich das meilenbreite Kohlenlager,
und Arbeiter gab es ebenso in Hülle und Fülle. Mochten immerhin einmal
ein paar hundert zu Grunde gehen, das fand kaum Beachtung. Die Winde
oben setzte sich in Gang, einer nach dem andern gelangte an das
Tageslicht, und einer nach dem andern sah schaudernd zurück in die
gähnende Tiefe. Wie war es nur möglich, daß lebende Wesen da unten
jahrein, jahraus zu atmen vermochten, daß sie nicht jedes sonstige Los
diesem Lebendigbegrabensein vorzogen?
So weit die holländische Botmäßigkeit reicht, ist die eigentliche
Sklaverei abgeschafft, nur eine Art von Robot- oder Zwangsarbeitssystem
nötigt die Eingebornen zu geregelter Thätigkeit, oft nicht ohne einige
Härte. Im Innern aber tobt zwischen Malaien und den älter eingebornen
Dajaks Fehde und Blutrache, und wer von den Dajaks in die Hände der
Malaien fällt, ist Sklave.
Die wenig für ausdauernde Arbeit geschaffenen, leichtsinnigen und
jähzornigen Dajaks sind bei allen diesen Eigenschaften lebhafter
Charaktere dennoch feige; sie finden nie den Mut, die eingedrungenen
Malaien mit Gewalt aus ihrem Lande zu entfernen, aber sie überfallen
dieselben bei jeder Gelegenheit, einzeln oder in ganzen
Mordgesellschaften, auf ihrem eigenen oder auf gegnerischem Gebiet;
immer jedoch aus dem Hinterhalt, niemals in offener ehrlicher Fehde.
Jeder derartige Mord, mittels Kopfabschneiden ausgeführt, zieht die
sogenannte Blutrache nach sich, ein Greuel, der um ganze Familien und
ganze Stämme seine dämonischen Bande schlingt und nicht eher erlischt,
bis vielleicht der Ur-Urenkel des Gemordeten den Ur-Urenkel des Mörders
erschlug und seine Kinder mit sich führte in die Sklaverei. --
Fremde Reisende waren an dieser Küste offenbar eine seltene Erscheinung.
Araber und Chinesen umdrängten die seltenen Gäste in der Hoffnung, sie
gehörig rupfen zu können; als aber jegliches Geschäft ausgeschlagen
wurde, als man sah, daß es sich nicht um Gold-, Diamanten-, oder
Kohlenspekulationen handelte, da ließ man die sonderbaren Schwärmer,
welche nur Insekten einfangen und die wilden Dajaks kennen lernen
wollten, ihres Weges gehen, ohne weitere Notiz von ihnen zu nehmen.
Ebenso schwer war es, den seßhaften Küstenmalaien, die nur zu ganz
andern Zwecken ins Innere vorzudringen pflegten, begreiflich zu machen,
daß man zur Reise in das Innere notwendig einige ortskundige Führer
brauchte. Die Leute kannten dergleichen Unternehmungen aus früherer
Erfahrung nicht; es kam nie jemand, um das Land zu durchforschen; sie
schüttelten daher zuerst die Köpfe und hielten lange Beratungen, bis
endlich fünf Männer, offenbar als Abgesandte der ganzen Kolonie, bei den
Weißen in der chinesischen Herberge erschienen und ihre Dienste anboten.
Sie wollten die Fremden begleiten, natürlich für schweres Geld, dessen
Auszahlung nach erfolgter Rückkehr bei dem deutschen Konsul
stattzufinden hatte. Durch die gemachten schlimmen Erfahrungen
gewitzigt, ließen Holm und der Doktor diesem Kontrakt die Klausel
beifügen, daß sich die fünf Männer durch keinerlei Stellvertretung
selbst den übernommenen Verpflichtungen entziehen dürften und daß die
Bezahlung nur dann verdient und fällig sei, wenn beide Teile, Führer und
Reisende, mit einander wieder anlangen sollten.
Darauf gingen die Malaien ohne Widerspruch ein; sie mußten also nichts
Arges im Schilde führen, und nachdem alles genügend vorbereitet, machte
sich die Gesellschaft auf, um das Innere der schönen Insel zu sehen,
freilich zu Fuß, da eingeborne Pferde gänzlich fehlen, aber darum in
nicht weniger fröhlicher Stimmung, nicht weniger hoffnungsvoll und mit
offener Seele für all das Neue, das sie hier erwartete. Keine Raubkatzen
außer einer kleinen Leopardenart, -- keine Giftschlangen, Elefanten und
Nashörner! Es blieb also wenig zu fürchten, und bei der Fülle des
Affengeschlechtes sowie aller Grasfresser sehr viel zu hoffen; die Reise
begann unter den besten Aussichten, doch ging sie langsam von statten,
weil der Wald dicht und die ganze Pflanzenwelt wie im äquatorialen
Afrika so üppig war, daß sie oft durchhauen werden mußte, um weiteres
Vordringen zu ermöglichen.
Die Führer bestanden aus zwei älteren Männern, den Brüdern Torio und
Bassar, sowie drei erwachsenen Söhnen derselben, außerdem war ein
Dajakischer Dolmetscher angeworben worden, der der englischen Sprache
ziemlich mächtig war; sie wählten die nächsten Wege, um aus den die
Küste umsäumenden Niederlassungen heraus und in das Gebiet der Dajaks zu
kommen, überhaupt zeigten sie sich sehr gefällig und ließen es an keiner
Gelegenheit fehlen, ihre Gäste auf diese oder jene besondere Schönheit
des Landes aufmerksam zu machen.
Schon am dritten Tage lag der letzte bebaute Acker weit hinter den
Reisegenossen, der Urwald schüttelte seine grünen Riesenhäupter, und
wilde Geschöpfe huschten hindurch, namentlich Zibetkatzen in ungeheurer
Anzahl, Affenarten und sehr viele Vögel mit buntem, prachtvollem
Gefieder, Schmetterlinge von nie gesehener Größe und Insekten jeder Form
und Farbe.
Hier fanden sich die seltsamen Bäume auf Luftwurzeln, der Teppanbaum,
dessen erste Äste in der Höhe von etwa 3--4 Metern sich seitwärts
senkten, und in dessen Stamm unzählige wilde Bienenschwärme ihre Nester
bauten; die sonderbare Kannenpflanze mit ihren wie eine Waschkanne
geformten purpurnen Blüten; Gummibäume, der Taban, welcher die
vortrefflichste Guttapercha liefert, der Sagobaum und die Rotangpalme,
deren Stengel man gemeinhin Spanisches Rohr nennt.
Ein Baum war es besonders, der den jungen Leuten als ganz fremd sogleich
in die Augen fiel. Von schlankem, auffallend hohem Stamm, mit
verhältnismäßig wenigen schwertförmigen Blättern, trug er hellrote,
große Blumen und mit einer hölzernen Schale umgebene Früchte von der
Größe eines Kopfes. Der Höhe wegen ließ sich Deutlicheres nicht
erkennen, nur soviel stand fest, daß man diesem Baume noch nie vorher
begegnet war.
»Das sind Durianen,« erklärte Bassar, der älteste der Führer. »Die
Zibetkatzen essen ihre Früchte.«
»Und die Eingebornen nicht?«
Eine unverkennbare Gebärde des Abscheues beantwortete diese Frage. Holm
lächelte. Er wußte, daß die Frucht einen feinen, ausgezeichneten
Wohlgeschmack besitzt, der aber nach dem sonderbaren Willen der Natur
von einem entsetzlichen üblen Geruch gleichsam umhüllt ist und daher
durch einen einzigen gründlichen Forscher, den Engländer Wallace, erst
festgestellt wurde.
»Wir wollen doch die Durianen probieren,« erklärte er.
Die kleine Gesellschaft machte also Halt, obwohl auf den Rat der Malaien
in respektvoller Entfernung, um nicht etwa von einer fallenden Frucht
dieses seltsamen Baumes erschlagen zu werden, dann kletterten Bassars
Söhne wie die Katzen an dem schlanken, astlosen Stamm hinauf und
brachten den Weißen mehrere reife Durianen herunter.
Die Schale erwies sich nicht härter als die der Kastanien und war gleich
unserer Stachelbeere mit grünen, krautartigen, ganz kleinen Auswüchsen
bedeckt; fünf genau begrenzte, gleich große Felder durch Linien
bezeichnet, gaben für die zu machenden Einschnitte die nötigen Winke,
aber -- o Himmel, als sich der Kern ohne Hülle zeigte! --
Ein Geruch wie von Fäulnis und Zwiebeln erfüllte die Luft, so daß sich
alle unwillkürlich abwandten, obwohl kaum ein appetitlicherer Anblick
als der dieser Frucht gedacht werden konnte. Das eigentliche Fleisch
zunächst der Schale, glänzend wie schneeweißer Atlas, barg in seiner
Mitte einen rosafarbenen Brei, der vier Kerne umschloß, -- eben diese
halbflüssige Masse war es, die so besonders angenehm schmecken sollte.
Holm schauerte heimlich, aber dennoch kostete er, -- kostete nochmals
und nickte den entsetzten Malaien zu. »Steigt nur immer hinauf, Freunde,
holt mehr Früchte herunter und eßt selbst mit, wenn ihr klug seid. Eine
solche Delikatesse gibt es nicht zum zweitenmale.«
»Wirklich, Karl? -- Gib her, gib her!« -- »Aber bester Holm, dieser
Geruch, wie konnten Sie sich nur entschließen!«
So schallte es durch einander, während der junge Gelehrte mit dem aus
dem Besteck gezogenen Löffel die Frucht ihres breiigen Inhaltes
entleerte und schon nach der zweiten griff, ehe noch jemand im stande
war, das Wunder zu glauben, »Ich sage euch, so haben wir lange nicht
gespeist, Kinder! Doktor, halten Sie den Atem an, während der erste
Bissen auf Ihrer Zunge schmilzt, späterhin bekümmern Sie sich um alle
Zwiebeldüfte der Welt nicht mehr! -- Freund Bassar, pflücken Sie
gefälligst noch etwa zehn oder zwölf Früchte, soviel Gastfreundschaft
müssen uns die Zibetkatzen dieses Landes schon erweisen.«
Während er sprach, hatte Franz mit dem Taschenmesser die letzte Duriane
geöffnet und ließ die anderen kosten. Es war ein komischer Anblick. Alle
schmeckten, alle fuhren mit den Zungenspitzen über die Lippen und sahen
einander an. »Wie Bratensauce und Zwiebeln!« erklärte Hans. »Gib mir
mehr, ich finde den Geschmack vortrefflich.«
»Wie alter Madeirawein!« nickte der Doktor.
»Nein, wie die feinste Melone!« rief Franz.
[Illustration: Unter den Durianenbäumen Borneos.
»Und dann folgte ein wahrer Vernichtungskrieg gegen die Früchte ...«]
Und dann erfolgte ein wahrer Vernichtungskrieg gegen die Früchte, welche
Bassars Söhne von oben her in das fußhohe Gras herabfallen ließen. Erst
als niemand mehr zu essen vermochte, wurde die Wanderung fortgesetzt und
später am abendlichen Feuer die gesammelten Kerne der Durianen wie
Kastanien geröstet, um zusammen mit einem Hirschziemer ein
vortreffliches Nachtmahl zu geben. Die wollenen Decken wurden an einer
geschützten Stelle ausgebreitet, Wachen ausgestellt, und dann begann
wieder der Halbschlummer, das Ausruhen in weicher, linder Tropennacht.
Fliegende Frösche und Kalongs bevölkerten auch hier die Luft, glänzende
Insekten, schillernd wie Funken, krochen über den Boden; Holm brach ein
großes Blatt und zählte nicht weniger als sechzehn verschiedene
Geschöpfe, darunter einen alten Bekannten, wenn auch in beträchtlich
vergrößertem Maßstab, den deutschen schwarzen Holzbock! Wie oft hatte er
ihn als Knabe eingefangen und in ein Papierhäuschen gesteckt, wie beredt
erzählte der Schwarzrock, emsig nach einem Weg über die Untiefen des
Blattrandes spähend, von vergangenen Tagen, von Knabenfreude und
Knabenwünschen, -- Holm ließ ihn in den Spiritusbehälter wandern, um ihn
mitzunehmen.
Elftes Kapitel.
Nach einigen Tagen kam das erste Dajaksdorf den Reisenden zu Gesicht.
Bassar und Torio versicherten, daß die Kopfjäger niemals Europäer
angreifen, sondern immer nur Malaien; unsere Freunde hatten dasselbe
auch schon in der Stadt gehört, und so fanden sie denn keinen Grund, den
übereinstimmenden Berichten aller hier ansässigen Leute zu mißtrauen,
vielmehr folgten sie ohne Bedenken den Führern in das Thal, wo der
räuberische Stamm wohnte. Das ganze Dorf der Dajaks bestand aus einem
einzigen, etwa zweihundert Meter langen und vierzig Meter breiten
Bambusschuppen mit einem spitz zulaufenden Dach aus Palmenblättern.
Dieser Bau wurde getragen von fünf Meter hohen Stämmen und hatte überall
Strickleitern, die man des Nachts heraufzog; er stand so hoch über dem
Erdboden, daß ein beladener Wagen darunter hätte hinwegfahren können.
Fenster und Thüren fehlten gänzlich, dafür flatterten überall hübsche
Matten, und aus den offenen Löchern sahen braune, neugierige Gesichter
hervor. Die meisten dieser Leute mochten nie in ihrem Leben weiße
Menschen gesehen haben, andere dagegen gaben in ihrer Sprache
Erklärungen; sie gestikulierten äußerst lebhaft und kamen in Sprüngen
die Leitern herunter, nicht selten, um mit scheuen Fingern die
Fremdlinge zu betasten und durcheinander zu schnattern wie eine Schar
Gänse. Gegen die Malaien zeigten sie sich äußerst furchtsam und
unterwürfig, alle Fragen, welche diese stellten, wurden diensteifrig
beantwortet.
Endlich erschien an der vorderen Eingangsthür ein Mann, dessen
Lendenschurz und Glieder mit Messingplatten, Schildern, Ringen und
Glocken derartig behangen waren, daß er bei jedem Schritt wie ein
Schlittenpferd klirrte und klingelte; das war der »Liau« oder Priester
des Stammes, und dieser gewaltige Machthaber lud in Abwesenheit des
»Panglima« oder Fürsten die Fremden ein, das sonderbare Wohnungsdorf zu
besuchen und als ihr Haus zu betrachten. Nachdem die Malaien namens der
Weißen gebührenden Dank gesagt und angemessene Bezahlung versprochen
hatten, wurde das Gebäude erstiegen. Der ganzen unübersehbaren Länge
nach war es in zwei Hälften geteilt, deren vordere die Unverheirateten,
die Gäste und -- das Federvieh einnahmen, wogegen die hintere, für
Einzelwohnungen bestimmt, den Familien als Aufenthalt diente. Ein rings
umschlossener thürloser Raum, der »Lowang«, etwa von der Größe eines
mittelmäßigen Zimmers, mußte als Wohn- und Schlafgemach sowie als Küche
ausreichen, ob auch noch so viele kleine, völlig nackte Dajaks die
braune Mutter umsprangen und außer dem gemeinsamen Blätterlager weiter
gar kein Gerät mehr Unterkunft erlangen konnte. Dergleichen gab es
überhaupt außerordentlich wenig. Matten, Körbe, Waffen und ein paar
Kochtöpfe, das war alles, was die Weißen sahen. Der vordere Raum starrte
von Schmutz, den besonders die Hühner und Tauben verbreiteten, er
bildete ein schreckliches Durcheinander von Federvieh, Futter,
umgestürzten Saufnäpfen und aufgestapelten Waffen, während es ihm an
Bewohnern gänzlich mangelte. Der Stamm war ausgezogen, um in weiter
Entfernung vom eigenen Wohnsitz einen Raub an Lebensmitteln und
womöglich Gold oder Diamanten zu vollführen, Frauen und Kinder lebten
daher augenblicklich unter dem Schutze des »Liau« und der »Bliangs« oder
Priesterinnen, mehrerer jungen Mädchen, die bei den Dajaks etwa das
sind, was wir barmherzige Schwestern oder Diakonissen nennen; sie
pflegen die Kranken, waschen die Gestorbenen und haben neben dem Liau
allein das Recht, den Naturgeistern Gebete vorzutragen; sie allein
kennen auch die Schöpfungsgeschichte der Welt, wie sie im
Dajaksbewußtsein lebt, und werden um dieser Kenntnis willen verehrt wie
Heilige.
Auch ihre Wohnung, offen wie alle, durchspähten die neugierigen Blicke
der jungen Leute. Die Bliangs, sechs an der Zahl, trugen Jacken und bis
kaum an die Kniee reichende enge Röcke von blauem selbstgewebten
Baumwollenstoff mit weißen und roten Streifen, Kopftücher aus rotem
Gewebe, reich mit Goldfäden durchwirkt, und halbmondförmige Ohrringe;
außerdem Schnüre von großen schwarzen und weißen Perlen und aufgereihten
Muscheln, wo immer sich dieselben anbringen ließen. Diese Bliangs
nahmen, obwohl sie von den Fremden aufs artigste begrüßt wurden, doch
ihrerseits keine Veranlassung, die gebotene Aufmerksamkeit zu erwidern;
sie saßen im Kreise auf bunten Matten und rauchten Opium, ohne dabei ein
einziges Wort zu sprechen.
Dies Zimmer wurde schnell verlassen. »Ein wahres Glück, daß man hier zu
Lande kein Fensterglas kennt,« meinte Hans. »Hätte nicht zu dem
angenehmen Heimwesen der Hühner und der rauchenden jungen Damen die Luft
beständig von allen Seiten freien Zutritt, dann möchte es in solchem
Dorfe unter Dach und Fach schon sehr bald anfangen, unerträglich zu
werden.«
»Mehr von diesen Wohnungen wollen wir nicht besehen,« erklärte Holm.
»Draußen im grünen Walde ist es besser. Aber, lieber Himmel,« fügte er
plötzlich hinzu, -- »was haben wir denn da?«
Seine Hand deutete auf einen wahrhaft greulichen Schmuck, welcher über
dem Eingang des nächsten Familienzimmers angebracht war und von dort
herab den Kommenden entgegengrinste. Wenigstens zwanzig bis dreißig am
Hals abgeschnittene Menschenköpfe hingen auf Pflöcken, wie etwa bei
zivilisierten Völkern die Jäger ihre erlegten Hirschgeweihe aufzuhängen
pflegen; einige waren gänzlich Skelette, andere mochten in irgend einer
Weise präpariert sein, so daß sie aussahen wie Mumien; langes und kurzes
Haar hing von diesen Schädeln herunter; man erkannte hier einen Krieger,
dort eine alte, eisgraue Frau, und selbst junge Mädchen und Kinder
fehlten nicht. Durch die Haare aller dieser Opfer flog und flüsterte der
Wind, ja bei jedem etwas stärkeren Stoße schaukelten und baumelten die
Köpfe, daß es unheimlich klapperte wie von totem Holz.
Bassar legte die Hand auf seinen Arm. »Die Dajaks sind Kopfjäger,« sagte
er in englischer Sprache. »Keiner unter ihnen darf heiraten und einen
eigenen Herd besitzen, ehe er nicht wenigstens _einen_ Kopf selbst vom
Rumpfe getrennt hat; keiner kann die Würde des Panglima erreichen, der
nicht hundert Köpfe über seiner Thür hängen hat. Sehen Sie nur dort die
Wohnung des Häuptlings!«
Dem Gemach der Bliangs gegenüber lag die Königshütte des Dorfes. Hier
waren alle Matten mit Gold durchflochten, Sklavinnen kauerten in großer
Zahl auf dem Fußboden, der ganze Raum war bedeutend breiter, und auf
einem Mattenhaufen saß rauchend die Königin; -- über der Thür prangten
nicht weniger als hundertundfünfzig Köpfe.
Der alte Theologe stand starr. »Dieser Greuel!« rief er. »Ob da nicht
Steine und Wände predigen müßten! Es ist himmelschreiend.«
»So abscheulich dieser Schmuck auch ist,« sagte Holm, »so wollen wir
doch nicht unterlassen, diese Stätten entsetzlichen Heidentums
photographisch aufzunehmen, sie werden zu den traurigen Ansichten der
Bergwerke ein Seitenstück bilden, das eindringlicher als Worte Zeugnis
von dem verwahrlosten Volke der paradiesischen Insel ablegt. Vielleicht
erweckt ihr Anblick in dem Herzen glaubensvoller Männer das Verlangen,
den armen Heiden die milden Sitten des Christentums aufs neue
entgegenzubringen, wenn auch bis jetzt weder Missionare noch Kaufleute
einen entscheidenden Einfluß haben ausüben können; man kennt nicht
einmal annähernd die Verhältnisse des Innern, wohin auch wir nicht
gelangen werden; -- es wäre umsonst, diesen Heiden, die nur in den
Naturereignissen feindliche Gewalten anerkennen, überhaupt irgend eine
Moral predigen zu wollen. Wir haben nun das Dorf gesehen, also laßt uns
vor demselben unsere Hängematten aufschlagen.«
Torio und Bassar schüttelten die Köpfe. »Das geht nicht, Herr, die
Dajaks würden es als große Beleidigung ansehen. Es ist einmal Sitte, im
Vorderraum jedes Dorfhauses die Gäste unterzubringen, -- länger als eine
Nacht bleiben wir ja ohnedies nicht.«
»Aber wenn wir nun gleich auf der Stelle weiter reisen!« rief ärgerlich
der Doktor.
Die Malaien hielten ihre Weigerungen aufrecht. »Das sei ganz unmöglich,«
beharrten sie.
Holm wechselte mit den Reisegenossen ein heimliches Zeichen. Trauen
konnte man den Gelben nie vollständig; sie hier zu reizen oder gegen
ihre Absichten irgend etwas durchsetzen zu wollen, schien nicht ratsam.
»Schlafen wir also, da es nicht anders sein kann, eine Nacht auf
derselben Streu mit Hühnern und Tauben,« sagte er. »Es gab ja am Ende
schon schlimmere Stunden als diese. Vor der Hand thut freilich ein Imbiß
am meisten not.«
Bassar lieh gegen Geld und gute Worte von der nächsten Dajaksfrau
einiges Kochgeschirr, ein Feuer wurde entzündet und die Reste des
Hirschfleisches gebraten, dazu Reis, das einzige tägliche Nahrungsmittel
der Malaien. Man ließ die umstehenden, neugierig blickenden Kinder
mitessen, verteilte kleine Münzen und brachte schließlich das Gepäck in
einen bestimmten Winkel, wo Bassars jüngster Sohn als Wachhabender
zurückblieb; dann wurde ein Ausflug in die Umgebung unternommen.
Schlechtbestellte Felder in der Nähe des Dorfes trugen allerlei Gemüse,
Reis, die Kalampanfrucht, aus der die Eingebornen Öl pressen, sowie in
ganzen, kleinen Wäldern die Gomutupalme, welche den Zucker liefert, es
weideten Ziegen an allen Abhängen, und zahme und wilde Vögel waren in
reicher Anzahl vorhanden.
Nachdem das sämtliche Reisegepäck, Decken und Vorräte zu Hause gelassen
worden, war der Spaziergang hinaus in den Wald um so angenehmer. In der
balsamischen Luft wiegten sich Schmetterlinge von neun Zoll Flügelweite,
Tiere wie sie die Reisenden nie gesehen hatten, kohlschwarz und
samtartig glänzend, mit einem breiten, anmutig gebogenen Goldstreifen
quer über beide Flügel, mit grünen federartigen Flecken und einem
purpurnen Halskragen, sowie mattweißen, schmalen Saum rings um den
ganzen Körper. Auch blaue, gelbe und ganz hellrote Arten waren
vorhanden, alle riesig groß und in solcher Anzahl, daß sie sich unschwer
fangen ließen; Käfer und Fliegen, Mücken, wilde Bienen, Erdwürmer von
Fußlänge und mehr als Zolldicke, Spinnen und Hunderte von kleinen
verschiedenen Geschöpfen der Insektenwelt belebten den Kelch jeder
Blume, die Falten jedes Blattes. Die meisten dieser Tierchen
verbreiteten einen feinen Wohlgeruch, der sich bei jeder Berührung
verstärkte, -- auch eine Erscheinung, welche sonst noch nirgends
beobachtet worden war.
Zuweilen brachen die jungen Leute irgend ein großes, tellerförmiges oder
wie ein breites Schwert gestaltetes Blatt und besahen aus der Nähe diese
azurblauen, weißen oder tiefroten Geschöpfchen, beobachteten die feine
Schattierung ihrer Flügeldecken und den hauchartigen Wohlgeruch, bis
dann der Käfer plötzlich die bläulichen Schwingen hob und davonhuschte,
eine Flut von Duft zurücklassend, in der nächsten Sekunde verschwunden
unter Hunderten seiner Gattung, die überall schwirrten und wie glänzende
Funken die Luft durchsegelten.
Die Botanisierkapseln und Spiritusbehälter waren schon bis an den Rand
gefüllt, ehe noch der Marsch die Dauer einer halben Stunde erreicht
hatte; man brauchte hier thatsächlich nur die Hand auszustrecken, um das
Gewünschte zu erlangen.
Die Malaien verfolgten seit mehreren Minuten aufmerksam eine Reihe von
Spuren, die sich an geknickten Büschen und niedergetretenen Blumen und
Gräsern bemerkbar machten; es mußten größere Tiere, mehrere an der Zahl,
hier durchgedrungen sein und zwar erst ganz kürzlich, denn die
gebrochenen Blumen hatten noch keine Zeit gehabt zu verwelken, das Gras
lag abgerissen, aber grün und frisch am Boden. Jetzt schien es auch, als
töne aus geringer Entfernung ein wohlbekanntes, nicht eben sehr
melodisches Grunzen den Horchenden entgegen, -- alle sahen einander an.
»Wildschweine?« fragte Franz.
Torio nickte. »Sie graben Wurzeln,« versetzte er. »Ganz in der Nähe wird
sich das Feld befinden, wo die Herde ihre Lieblingsnahrung entdeckt hat.
Schweine sind hier in Unzahl vorhanden, da die eingebornen Dajaks nur
Reis und Gemüse essen, dem Überhandnehmen der Tiere also durchaus nicht
entgegentreten; -- wir müssen ihnen hinter dem Wind beizukommen suchen.«
Einer nach dem andern schlichen die Männer mit den geladenen
Kugelbüchsen in den Händen durch das dichte Unterholz, immer dem Schall
nach, bis sie, wie die Malaien vorausgesagt hatten, eine etwas weniger
bewachsene Stelle antrafen, wo unter den Bäumen dreißig bis vierzig
Schweine eifrigst mit ihren Rüsseln das Grün des Bodens aufwühlten und
aus der fettigen, mergelhaltigen Erde apfelgroße Früchte herausholten,
welche dort zu sechs bis zehn gleichsam in Nestern bei einander wuchsen.
Ganz schwarz und einen knoblauchartigen Geruch verbreitend, gehörten
jedenfalls diese Wurzeln zu den bekannten Trüffeln; Holm beschloß sie
noch näher zu untersuchen, in diesem Augenblick richtete sich jedoch
seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Schweine, welche bei ihren
schwarzen Borsten und dem plumpen Kopf einen ganz weißen Bart trugen.
Sie schienen durch Jagd nie belästigt zu werden, waren keineswegs scheu
und ließen die Männer nahe an ihren Weideplatz herankommen. Alte, große
Keiler rissen mit den Stoßzähnen die Erde auf, daß Gras und Ranken hoch
umherflogen, Bachen mit zwölf bis vierzehn Ferkeln lagen, gemütlich
grunzend, im Schatten und ließen ihre Kleinen trinken; auch einige
schwarze Tapire mit den spitzen Schnauzen nahmen an der Mahlzeit teil,
bis ein Schuß aus Torios Kugelbüchse plötzlich dem Familienleben unter
den Bäumen ein Ende machte. Die Herde drängte und schrie in eiliger
Flucht durch einander, mehrere Schüsse aus den Gewehren der Weißen
streckten ihre Opfer nieder, und als endlich der Kampfplatz leer war,
hatten fünf Ferkel und ein junger Eber das Dasein eingebüßt; die Tapire
dagegen waren zum Ärger der Schützen glücklich davongekommen.
Da es hier wenig Raubtiere gab, ließen die Führer das erlegte Wild bis
zu ihrer Rückkunft liegen, und weiter ging die Wanderung in den Wald
hinein. Hier gelang es, mit der Vogelflinte einen schönen, männlichen
Paradiesvogel vom Baum zu holen, ebenso eine Zibetkatze, die Holm
auszustopfen gedachte, und mehrere schöngezeichnete Amseln mit
dunkelroter Brust. Ein Leopard sprang einmal hart vor den Füßen der
Reisenden vom Baum herab, aber erlegt wurde er nicht, obwohl ihm auf das
gute Glück hin mehrere Kugeln nachgesandt wurden; ganze Rudel der
großen, schlanken Pferdehirsche, von einem auf einer Anhöhe stehenden
alten Bock bewacht, grasten an den Ufern breiter zu Thal fallender
Flüsse, erhielten aber bei der ersten Annäherung der Weißen von dem
Führer einen Warnungsruf und verschwanden mit ihm, ehe noch ans Schießen
gedacht werden konnte. Scheu wie ihr ganzes Geschlecht, flohen sie die
Nähe des Menschen, obgleich auch auf ihr Leben hier wenig Jagd gemacht
wurde. Nur bei besonders festlichen Gelegenheiten essen die Dajaks
Fleisch, sie sind an den Reis als einzige Nahrung gewöhnt und geben sich
nicht die Mühe Wild zu erjagen und zuzubereiten.
Es dämmerte bereits, als die erlegten Schweine aufgeladen wurden und nun
die Gefangenschaft im Hühnerloch, wie Franz erbost bemerkte, ihren
Anfang nehmen mußte. Vorerst freilich loderte ein mächtiges Feuer empor,
zwei Ferkel steckten am Spieß, und fette Bissen wanderten in die
Händchen der naschhaften braunen Kinder; dann erkletterten unsere
Freunde die Leiter, welche hinter ihnen von den wenigen im Dorfe
zurückgebliebenen Männern heraufgezogen wurde, und das Lager aus Matten
und Palmblättern empfing sein Opfer.
Rechts in der nächsten Nähe sangen die sechs Bliangs in eintönigen
Weisen, Hirn und Nerven ermüdend, die Totenklage für eine an demselben
Tage gestorbene junge Frau; überall ertönte das herzhafte Geschrei
kleiner Kinder und die Beschwichtigungsmittel der Mütter, das Gurren
mehrerer hundert Tauben und die rastlosen Kampfrufe der Hähne, deren
Gemahlinnen glücklicherweise die Gewohnheit ihres Geschlechtes, mit dem
Untergang der Sonne zu verstummen, auch hier auf Borneo festhielten.
Draußen schrieen die Papageien, jagten sich in den Bäumen die Affen und
quakten die Frösche -- es war eine Nacht, die selbst den geduldigsten
Sterblichen aus der Fassung bringen konnte.
Heimlich machte sich aus den Falten und Tiefen des Blätterlagers eine
feindliche Armee auf die Beine und marschierte im Geschwindschritt gegen
den Feind. Wohin der Finger traf, da begegnete ihm jener kleinste,
springende Vertreter des rüsseltragenden Geschlechtes, wohin sich das
Haupt zur Ruhe bettete, da scheuchte es ein plötzlicher, scharfer Stich
wieder auf, wohin die Gedanken eilten, da schreckte das Durcheinander
von Tönen wieder in die unliebsame Gegenwart zurück; besonders ein
großer, bunter Hahn von streitlustigem Aussehen, einen Fuß trotzig
erhoben, den Kopf lauernd seitwärts geneigt und das Auge vor Bosheit
funkelnd, erregte am meisten den Ärger der jungen Leute.
Rührte einer von ihnen Hand oder Fuß, dann hielt sich der Kammträger
verpflichtet, mittels eines schallenden, langgedehnten Kikeriki diesen
Hausfriedensbruch zu rächen, und sofort stimmten sämtliche Genossen in
den Schlachtruf ein, wobei noch als besonderer Übelstand hinzukam, daß
jedesmal ein anderer benachbarter Hahn diese Herausforderung als an sich
gerichtet aufnahm und durch Heranfliegen das Duell eröffnete. Dieser
alte Bursche, zerzaust und seiner Federn in mancher heißen Schlacht
beraubt, mußte sich stark erkältet haben, denn er brachte es bei den
Antworten, welche er gab, nur bis zu einem heiseren »Kück!« -- Dann
schien seine Stimme zu versagen, und die Handlung trat an Stelle aller
Neckereien. Gerade über den Köpfen der Gesellschaft sprangen die beiden
Hähne gegen einander auf, zogen sich an den Schnäbeln gegenseitig so
gewaltsam, daß nicht selten der Alte jählings auf das Blätterlager
herabfiel, und schlugen sich mit den Flügeln, bis die unten Liegenden
verzweiflungsvoll aufsprangen, um Staub und Federteilchen aus den Augen
zu reiben.
»Soll ich ihn umbringen?« fragte Franz, auf den hübschen, streitlustigen
Hahn deutend, »der verrückte Kerl hält uns die ganze Nacht in Atem.«
Die Hand des Doktors hielt ihn zurück. »Franz, vergißt du, daß hart
neben uns unter demselben Dache eine Leiche liegt?« fragte er halblaut.
»Das ist wahr! -- Still, du Schreihals.«
Ein Schlag mit dem Taschentuche verscheuchte den älteren Hahn in
geziemende Entfernung, während der bunte lauernd auf dem Posten blieb
und vor den Brutkörben seiner Damen Wache hielt; der Vogelkampf ruhte
einen Augenblick, aber die Quälereien der Insekten dauerten fort, und
der Gesang vom Totenzimmer her zerriß die Gehörorgane.
»Dewata-dugingang! -- Dewata-dugingang!« -- Fast ohne Abwechselung, sich
immer wiederholend, sangen die sechs Mädchen mit gedämpfter Stimme diese
Silben, die in ihrer steten Folge ebensowohl ermüdend als aufregend
wirkten, bis endlich Holm vorschlug, diese Stelle des langgestreckten
Lagers zu verlassen und einige hundert Schritte weiter Erholung zu
suchen. Sowohl der entsetzliche Totengesang als auch die Trompetenklänge
des Hahnes mußten dort weniger empfindlich einwirken, man konnte
vielleicht doch schlafen oder wenigstens die Augen schließen und ruhig
daliegen. Der junge Gelehrte verband damit heimlich noch einen
besonderen Zweck. Ihm war das Benehmen Bassars schon längst auffallend
gewesen, er glaubte zu wissen, gleichsam zu fühlen, daß unausgesprochene
Absichten den Alten zu dieser Expedition veranlaßt hatten, daß er irgend
etwas im Schilde führte. Ihn zu beobachten schien daher höchst
notwendig.
Und wirklich, als an dieser geschützteren Stelle einiger Schlaf auf die
müden Augen sich herabsenkte, als alles ruhte, da sollte sich der
gehegte Verdacht bestätigen. Bassar richtete vorsichtig den Oberkörper
vom Lager auf, er sah umher, und nachdem ihn dieser Rundblick
überzeugte, daß die Weißen schliefen, da wechselte er mit seinem Bruder
ein kaum wahrnehmbares Zeichen und glitt auf leisen Sohlen hinüber in
die jenseits des breiten Vorderraumes liegenden Familienwohnungen.
Was konnte er dort wollen? -- Es waren nur Frauen anwesend.
Holm verbrachte mit geschlossenen Augen, regungslos horchend, eine
qualvolle Viertelstunde. Die brennende Wachskerze qualmte und tropfte,
allerlei fernes und näheres Geräusch traf das Ohr des jungen Mannes, der
endlich, getrieben von folternder Ungeduld, den Kopf zur Seite drehte,
um nur die Augen öffnen und in das hohle, dunkle Innere des Raumes
hinaussehen zu können. Torio und die Söhne Bassars lagen ruhig, letztere
schliefen sogar ganz fest; drüben im Frauengemache hinter den Matten
tönten flüsternde Stimmen, leise Schritte wurden auf dem knarrenden,
schwankenden Boden bemerkbar, -- immer noch kam der Malaie nicht zurück.
In einem Augenblick drängte es den jungen Mann, die Genossen zu wecken
und so schnell als möglich zu den Waffen zu greifen, schon schwebte auf
seinen Lippen der Ruf »Verrat! Verrat!« -- dann aber fiel ihm wieder
ein, daß ja doch noch nichts erwiesen sei, und daß vielleicht erst die
ausgesprochene Beleidigung Feindschaft erregen konnte, -- er wartete
noch, obgleich ihm das Herz gegen die Rippen pochte, als habe er selbst
ein Verbrechen begangen.
Endlich erschien der Malaie. Sein verschmitztes Gesicht trug den
Ausdruck größter Zufriedenheit, er legte sich neben seinen Bruder auf
die Streu und sprach lange und eifrig mit ihm; offenbar hatte er von den
Frauen der Dajaks eine Nachricht erhalten, die ihn sehr befriedigte und
die also mit den Weißen in keinem Zusammenhang stehen konnte. Holm
atmete auf, aber er selbst schlief doch nicht eher, bis Bassars Atemzüge
bewiesen, daß er wenigstens für den Augenblick durchaus keine
verbrecherischen Absichten hegen könne. Irgend etwas ging vor, irgend
etwas wurde heimlich geplant, davon war Holm überzeugt; er wollte also
die Gelben unausgesetzt beobachten, namentlich dann, wenn irgend ein
anderer Dajaksstamm erreicht war.
Den Rest der Nacht schliefen alle; die Malaien hatten schon das
Frühstück fertig, als die Weißen herauskamen und die Nachwehen der
schlechtverbrachten Ruhestunden in dem Anblick der dampfenden
Kaffeekanne vergaßen. Diesmal hatte man die edlen braunen Bohnen vom
Schiff in die Wildnis mitgenommen, Zucker und Milch gaben die Frauen,
und so gelang es bestens, den kräftigenden Trank herzustellen. Eben
wollte Franz die Lippen öffnen, um vom Aufbruch zu sprechen, als ein
sonderbarer Zug seine Blicke fesselte. Voran gingen, in ihren
klingendsten Putz gehüllt, der Liau und drei Bliangs, dann folgten vier
Männer, die auf Bambusstäben eine Leiche trugen, ohne Zweifel die der
jungen Frau, der die schauerliche Totenklage dieser Nacht gegolten; den
Beschluß machten drei weitere Bliangs.
Wieder murmelte es von allen Lippen »Dewata-dugingang!
Dewata-dugingang.«
»Ob das eine Beerdigung wird?« raunte Hans. -- »Wie unzart, nicht einmal
das Gesicht der Leiche zu verhüllen.«
»Wir wollen mitgehen,« ermunterte Franz. »Laßt uns doch die Sache mit
ansehen!«
Holm fragte die Malaien, ob das erlaubt sei, und diese antworteten
äußerst bezeichnend: »Wir nehmen unsere Waffen mit! Es sind ja keine
Männer da.«
Und so folgte man aus anständiger Entfernung dem Leichenzuge, aber nicht
etwa auf ein freies Feld hinaus, sondern mitten in den dichtesten Wald.
Da wurde unter einigen breitästigen Bäumen Halt gemacht, die Leiche mit
der Bahre zu Boden gesetzt, und nun begann eine seltsame, ganz stumme
Szene. Die Männer -- lauter Sklaven -- zogen sich auf einen Wink des
Liau etwas zurück, die Leiche erhielt ihren Platz inmitten eines
geschlossenen Kreises, der mit einem Stock auf dem Moos bezeichnet war;
dann vollführten die Bliangs und der Liau einen Tanz, bei dem jedes für
sich den Körper wie Kautschuk verdrehte, sich hintenüber und vornüber
beugte, die Haare zerzauste und die Arme in die Luft warf. Die
Putzgegenstände rasselten und klapperten; immer toller, immer rasender
wurde der Tanz, bis eine nach der anderen, die Bliangs und der Liau,
atemlos wie vom Schlag gerührt zu Boden sanken. Damit war die Vorfeier
beendet. Jetzt kamen die Sklaven, beluden sich mit Bahre und Leiche und
fingen an, den nächststehenden Baum zu erklettern. Es war ein
schauerlicher Anblick, so vom Rücken der braunen Gesellen das
Totenantlitz dann und wann zwischen den Bäumen erscheinen zu sehen!
Rings Blüten und Früchte an einem Zweig, flatternde Schmetterlinge und
purpurrote Singvögel, rings Schönheit und reiches, üppiges Leben, --
dazwischen, wie eine Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen, das
fahlbleiche Gesicht mit dem gramvollen Zug um die Lippen, -- die
herabhängenden kleinen Hände.
»Gott im Himmel,« fragte Hans, »was wollen denn die Leute mit der Toten
da oben im Baumwipfel?«
Die Malaien wußten es wohl, und bald sahen es auch die Weißen. Auf der
höchsten Höhe, über den letzten Zweigen wurde die Bahre befestigt und so
die Leiche den Raubvögeln zum Zerfleischen preisgegeben. Nachdem die
Hanfseile gehörige Sicherheit verhießen, stiegen die Sklaven wieder zur
Erde, wo sich bei ihrem Anblick Liau und Bliangs wunderbar schnell von
der früheren Ohnmacht erholten und in das Dorf zurückkehrten. Schon
jetzt verriet ein Krächzen über den Wipfeln, daß die geflügelten Räuber
ihre Beute in Empfang genommen hatten.
»Das Skelett wird späterhin beerdigt,« erläuterte Bassar, »aber nicht
eher, bis alles Fleisch verzehrt ist, so will es die Sitte. Andere
Stämme verbrennen ihre Toten, ebenso gibt es einige, die sie durch
Räuchern mit bestimmten, nur dem Liau bekannten Kräutern zu Mumien
dörren und verwahren. Diese Art der Bestattung ist die häufigste.«
Der Doktor schüttelte den Kopf, als ihn Holm am Arm fortzog. »Ist es
denn nicht empörend, da oben die Tote unter den Fängen der Geier zu
wissen?« fragte er.
»Sie fühlt's ja nicht!« begütigte der junge Gelehrte. »Und dann -- mir
hat der Gedanke an das Grab mehr Schrecken als der eines so schnellen
Zerfallens in tropischer Luft. Kommen Sie, -- ob hoch oben im freien
Blau oder tief unter dem Boden, -- zu Erde wird, was von ihr stammt,
nach Gottes Gesetz überall. Wenn mich etwas empört hat, so war es der
tolle Tanz um die Leiche herum. Heda, Bassar, sagen Sie uns doch, ob nun
im Dorfe noch eine Fortsetzung der Feier stattfindet?«
Der Malaie nickte. Er selbst war, wie alle ansässigen Glieder seines
Volkes, Mohammedaner und hielt sich daher über das Heidentum der Dajaks
hoch erhaben. »Diesen Leichenschmaus sollten Sie aber lieber nicht mit
ansehen,« riet er, »das ist ein greuliches Gelage, bei dem die Bliangs
und der Liau so viel Opium rauchen und Tuach-Katan (Arrak) trinken, bis
sie in Raserei verfallen und dem leichtgläubigen Volke vorspiegeln, daß
die Götter, nur ihnen sichtbar, mit am Tische säßen. Sie schreien,
bekommen Krämpfe und Verzückungen, kurz es wird ein arger Skandal.«
»Den wir nicht mit ansehen wollen!« erklärte Holm. »Besser in den grünen
Wald hinaus, als zu solch einem Gaukelspiel, von dessen Lügeninhalt
seine Vertreter ganz genaue Kenntnis haben. Lassen Sie uns nur schnell
noch etwas Geld verteilen und unsere Sachen aufpacken, dann geht's fort.
Sie kennen ja die Richtung, welche wir einschlagen müssen?«
Bassar nickte. »Zunächst ist es doch den Herren daran gelegen, einen
wandernden Stamm in seiner Häßlichkeit zu sehen, nicht wahr? Nun, für
diesen Zweck müssen wir am Flusse hinunter in das Thal zwischen jenen
Gebirgszügen gehen. Da weiden die Mankeian.«
Wieder sah Holm in den falschen Zügen jenes Aufblitzen, das Lauern und
den glühenden Haß, der so oft darin auftauchte. Ob Bassar bei den
Angehörigen der Mankeian irgend einen Feind hatte, den er herausfordern
wollte?
Sie verstanden einander offenbar alle fünf, die Männer mit den niederen,
umbuschten Stirnen und dem verschmitzten Aussehen; Holm hätte nicht
eingewilligt, gerade die Mankeian zu besuchen, wenn nur das Verbot
durchführbar gewesen wäre; aber wie sollte er in der unbekannten Wildnis
irgend einen Pfad bezeichnen, wie einen Stamm von dem anderen
unterscheiden? -- Zu aller Sicherheit nahm er den Malaien beiseite.
»Gestehen Sie mir's, Bassar, bei den Mankeian haben Sie irgend einen
alten Streit auszufechten, irgend einen Handel, den Sie uns
verschweigen! -- es lebt unter diesem Stamm ein Mann, dessen erbitterter
Feind Sie sind?«
Bassar hob die Hand zum Himmel. »Bei Allah und seinem Propheten,« sagte
er in feierlichem Tone, »die Mankeian sind meine Freunde. Der Stamm
kommt zuweilen an die Küste und tauscht Edelsteine oder Gold gegen
Kleider und Schmucksachen, ich kenne den König sowie viele Männer aus
dem wandernden Volke, -- ein Feind ist nicht darunter.«
Das wurde mit jenem überzeugenden Tone vollkommenster Wahrheit gesagt,
das schien eine bestimmte, unwiderlegliche Thatsache; Holm konnte also
nur einwilligen, den Zug anzutreten, im stillen aber dachte er einmal
über das andere »du lügst doch! unausgesprochen, verdreht und
umschrieben vielleicht, -- Lüge ist's doch!«
Dies Bewußtsein trug nicht dazu bei, die Stimmung, in welcher er sich
befand, zu verbessern; erst als das Dorf weit hinter der kleinen Schar
zurückgeblieben war und dadurch die letzten, noch halb und halb
schwebenden Fragen erledigt, da that wie immer im Leben die vollendete
Thatsache das Ihrige, um ihn ruhiger werden zu lassen. Nur langsam drang
der Zug vor in die grüne Wildnis, einesteils der gehäuften Hindernisse
und anderseits der brennenden Hitze wegen; alle Weißen hatten auf den
Rat der Führer im Nacken ein herabhängendes Stück Leinen nach Art
unserer Kohlenträger befestigt, die Strohhüte mit breiten Rändern
beschatteten das Gesicht, und hoch heraufgehende Stiefel erlaubten den
Weg über das dichte Rankengeflecht mit seinen zahllosen kriechenden,
stechenden und zum Teil giftigen Bewohnern. So üppig wie hier war ihnen
der Pflanzenwuchs nirgends entgegengetreten, dafür aber auch das
Durchdringen desselben nirgends so schwer gewesen; Affen, in ungeheurer
Anzahl und zu ganzen Gesellschaften vereinigt, bevölkerten die Bäume,
Paradiesvögel hüpften, auf Java so selten, hier von Zweig zu Zweig,
große Orang-Utangs, mit Baumästen bewaffnet, versuchten es, den
Eindringlingen ihre entlegene waldige Heimat streitig zu machen und
konnten nur durch ein paar Büchsenschüsse zur Umkehr bewogen werden.
»Haben die Mankeian nur einen Weideplatz?« fragte wie zufällig Holm.
»Mehr als hundert,« versetzte unbefangen der Malaie, »wir können daher
ganz sicher sein, wenigstens einen anzutreffen. Morgen oder übermorgen
sind wir da.«
»Wenigstens hundert!« wiederholte sich Holm, »und alle diese Leute
wandern. Sollte der Schurke in Erfahrung gebracht haben, wo gerade die
Familie lebt, bei der er Rache sucht? Unmöglich!«
Und von diesem Gedanken beinahe beruhigt, half er am Abend das
schwebende Lager herrichten und die Mahlzeit bestellen wie gewöhnlich.
Eine der zahllosen, das gesegnete Land durchziehenden Wasseradern
plätscherte über Kiesel und Sand dahin, schöne Schwimmvögel bauten an
den Ufern ihre Nester, Fische glitten durch das klare, blaue Element,
und große Schildkröten lagen träge im letzten Sonnenschein. Es war den
Malaien gelungen, einen Hirsch zu schießen, Früchte hingen von allen
Zweigen, Gemüse verschiedenster Art wuchs genug, um ganze Bataillone zu
sättigen, prachtvolle Ananas wuchsen in den feuchten Niederungen; es
häuften sich also die seltensten und teuersten Delikatessen, um diese
Abendmahlzeit zu würzen, selbst frische Eier fehlten nicht; nur das
Tafelgerät war äußerst unzureichend und sparsam, Blechteller,
Blechlöffel, ein paar Gabeln und Pfannen nebst dem Messer, welches
jedermann in der Tasche trug, das war alles. Im heißen Aschenhaufen
mußten die Eier kochen, die Schildkrötensuppe blieb ungeschäumt, das
Rückenstück vom Hirsch ließ die Kartoffeln schmerzlich vermissen, und
das Gemüse hätte mit Butter noch weit besser als mit Hirschfett
geschmeckt; aber dennoch mundete es allen vortrefflich, und auf die
fatale Nacht im Dajakshause folgte hier unter freiem Himmel, an
schwankenden Zweigen, ein herrlicher, durch nichts gestörter Schlummer,
der bis zum Morgen währte.
Dann aber kamen Prüfungsstunden. Es mußte ein tiefes Thal durchwandert
werden, eines jener sonderbaren, auf Borneo vielfach vorkommenden
Gebiete, welche während der Regenzeit unter Wasser stehen und kleineren
oder größeren Meerbusen gleichen, späterhin jedoch austrocknen und einen
sehr fruchtbaren Boden abgeben. Gerade jetzt war die entstandene
Schlammschicht vielleicht noch einige Zoll tief; braun und unbeweglich,
Blasen treibend, von glühender Sonnenhitze überhaucht, lag die weite
Fläche wie ein deutsches Moor, einsam, nur von wenigen Raubvögeln
besucht und zuweilen von aufsteigenden Gasen unangenehm durchzogen, dem
Auge endlos und öde erscheinend da; dennoch aber mußte man hinüber, --
hinter den Bergen, die dort vom blauen Duft verhüllt ihre Häupter
erhoben, wohnten ja die Mankeian, und diese zu erreichen war das nächste
Ziel. Bassar prüfte, als Anführer des Zuges, zuerst den unsicheren
Boden. Die Schlammschicht schien nicht mehr gefährlich, man konnte sie
ohne Bedenken betreten. Es wurden also große Wanderstäbe geschnitten,
alles Gepäck auf den Rücken geschnallt, die Hüte so tief als möglich
herabgezogen und dann in Gottes Namen der wenig verlockende Marsch
begonnen. Überall traf der Fuß den toten, ausgedörrten Körper solcher
Tiere, welche während des täglichen Regenfalles hier in hoher Flut
lustig geplätschert und sich wohlbefunden, aber später, als das Wasser
plötzlich ablief, den Rückweg zum eigentlichen Strome nicht mehr
gefunden hatten. Kleine Schildkröten, Krebse, Muscheln, Schnecken, sogar
ein halbwüchsiges Krokodil und zahllose Wasserkäfer, deren einige noch
bemüht waren, im zähen Schlamm mühsam kletternd das Leben zu fristen,
und die als willkommene Beute den Botanisierkapseln der Forscher
anheimfielen. Binnen wenigen Wochen würde üppiges Grün den Boden
bedecken, sagten die Führer; für jetzt aber sproßte noch kein Halm,
kündigte kein kleinstes Keimchen das verborgene, der Auferstehung
harrende Leben. Es war schwer, mit dem Fuß in der weichen Masse einen
festen Halt zu gewinnen, es war schwer, ihn wieder herauszuheben, die
langen Stöcke mußten einmal über das andere helfen; von allen Stirnen
rann der Schweiß, aller Glieder waren todmüde, ehe noch die Hälfte des
Weges durchmessen worden, und dennoch gab es kein Plätzchen zum
Ausruhen, dennoch konnten nur stehend die mitgebrachten Erfrischungen
eingenommen werden, indes die Sonne auf die Köpfe ihre glühenden
Strahlen senkrecht herabsandte und unter den Füßen im Schlamm allerlei
böse Miasmen erzeugte. Zuweilen tönte der heisere Schrei eines
Raubvogels, sonst unterbrach kein Laut die tiefe, beinahe grauenvolle
Stille; es war, als sei dies Thal der Vorhof zur Unterwelt.
»Noch zwei Stunden,« tröstete Bassar, »dann ist's hinter uns gebracht.«
[Illustration: Die Wanderung durch das Schlammfeld.
»Und wieder pilgerten die Wüstenfahrer den voranschreitenden Gelben
nach.«]
Und wieder pilgerten die Wüstenfahrer den voranschreitenden Gelben nach,
einer den anderen ermutigend, so gut es gehen wollte, heimlich jeder
fürchtend, daß diese Aufgabe doch alle Kräfte übersteigen werde. Der
einzige Trost blieb jenes blaue Gebirge, das allmählich anfing, in
deutlichere Formen überzugehen. Man sah Wald und kahle, vulkanische
Kegel, das Grün der Bäume trat hervor, stille, liebliche Thäler, jähe
Felsstürze und Wasserfälle öffneten sich dem Blick; eine Herde
schöngezeichneter Büffel graste an den Abhängen, die Vogelwelt, die
alles bezaubernde, farbenprächtige, war zum Leben erweckt und endlich
auch das braune, grauenhafte Schlammfeld überschritten, -- der Fuß
betrat wieder üppiges Gras, balsamische Luft umfächelte die Stirn und
Blumen über Blumen spendeten ihren süßen Wohlgeruch.
Sie warfen sich in das wallende grüne Blätterlager, wo es sich jedem
zunächst bot, sie wollten nur ruhen, ruhen um jeden Preis. Aller Hunger
war vergangen, die Mahlzeit der Malaien blieb unberührt, ein
mehrstündiger Schlaf erst stellte das Gleichgewicht zwischen Verbrauch
und Kräften wieder her. Und danach ein Bad! ein Bad unter dem
sprudelnden, silberhellen Fall! -- Sie bemerkten nicht, daß selbst das
Wasser lauwarm geworden war auf seinem Wege durch die äquatoriale
Sonnenglut; sie fühlten nur, wie es über ihre steifgerüttelten,
schmerzenden Glieder lebenspendend herabträufelte und den letzten Rest
von Mattigkeit glücklich entfernte, -- jetzt konnten auch das kalte
Fleisch und die Früchte zur Anerkennung gelangen; mit wahrem Wolfshunger
fielen alle darüber her.
Hinter ihnen lag unübersehbar das Schlammfeld, ganz in der Nähe
zeichneten sich noch am Rande desselben die Fußspuren der Wanderer
deutlich ab, -- nicht für Schätze hätte ein einziger unter ihnen, die
Malaien ausgenommen, nochmals das tote, verödete Reich durchwaten mögen;
der Doktor gestand sogar, daß er mehr als einmal im Begriff gewesen sei,
sich fallen zu lassen und das Ende zu erwarten; selbst die Knaben
schauderten, nur der Malagasche fand die Sache nicht so schlimm. »Wenn
jenseits des Thales meine Heimat läge,« sagte er leise, »dann ginge ich
hin und wieder her in einem Atem, um sie zu sehen, wär's auch auf
Augenblicke!«
Franz nickte. »Ich auch!« rief er. »Sähe ich von hier den Michaelisturm
von Hamburg, ich könnte die Arme ausbreiten und laufen -- laufen -- bis
ich ihn erreicht hätte.«
Der Doktor schüttelte den Kopf. »Ich thue nicht mit!« lächelte er. »Die
Sechzig machen sich heute nach der beschwerlichen Wanderung doch
fühlbar. Wollen wir hier rasten, Kinder?«
Alle waren einverstanden, und die Hängematten wurden aufgeschlagen. Am
frühen Morgen begann der Weg über das Gebirge, dazu mußten die Reisenden
ihre Kräfte schonen.
War das Wandern im Schlamm eine mühevolle Arbeit gewesen, so konnte auch
das Ersteigen des Gebirges eine solche genannt werden, nur daß es hier
Ruhepunkte in Hülle und Fülle gab, und daß überhaupt die Schönheit des
Weges seine Beschwerden nicht wenig milderte. Dajaksdörfer fanden sich
auf diesem Höhenzuge nicht; wohl aber brachten die Reisegefährten einen
ganz unerwarteten kleinen Gast, einen Orang-Utang von vielleicht drei
oder vier Monaten, mit hinunter in das Thal zu den Mankeian. Bassars
Kugel traf die Mutter, als sie von einem Baume herab in Ermangelung
anderer Waffen mit Nüssen warf, und das Kleine stürzte aus ihren Armen
köpflings ins Gras. Die dichte Blätterschicht ließ es unversehrt
ankommen, und nun trugen die Männer abwechselnd das kleine Geschöpfchen,
um ihm womöglich unter den Haustieren der Dajaks eine Pflegemutter zu
finden. Holm wollte es aufziehen und mit nach Europa bringen.
Im Thale lagen unzählige Hütten aus Gras und Mattengeflecht, dicht
gedrängt in langen Reihen, jede auf Pfählen und jede spitz wie ein
Bienenkorb; daneben Hürden für das Vieh, Büffelkühe, Bergschafe,
Schweine und Geflügel und an einer Seite bebaute Felder, an der anderen
dagegen verschiedene rohe Werke von Holz, die auf Goldwäscherei
schließen ließen. Ein breiter, aus dem Gebirge herabfallender Fluß
begrenzte die Niederlassung, deren ganze Ausdehnung die Reisenden nicht
überblicken konnten. Jedenfalls hatten sich mehrere der wandernden Züge
hier zusammengefunden, es schienen nicht weniger als tausend bis
zweitausend Köpfe unter diesen Laubdächern zu wohnen.
Holm legte ungesehen von den übrigen die Hand auf Bassars Achsel. »Da
wären wir nun am Ziel,« sagte er mit leisem, eindringlichem Tone,
»versprechen Sie mir, den Frieden dieser Hütten zu ehren, Bassar? wollen
Sie da unten keinerlei Zwist oder Hader ausfechten?«
Der Malaie vermied es, ihn anzusehen. »Die Mankeian sind meine Freunde,«
versetzte er, »ich habe Ihnen das schon einmal mitgeteilt, Sir.«
Gerade diese Worte waren es indessen, die Holm hören wollte. »Gut,
Bassar,« beharrte er, »das freut mich ja, aber dennoch möchte ich von
Ihnen eine bestimmte Antwort erlangen. Sehen Sie einmal ab von den
Mankeian und versprechen Sie mir, mit niemand, er sei wer er wolle,
Streit anzufangen.«
Ein ärgerlicher Blick des Führers streifte den seinen. »Das hat keinen
Sinn, Herr,« antwortete er in einem Tone, den er sich bis jetzt niemals
erlaubt hatte, »und das ist auch meine Sache allein. Lebe ich, so bringe
ich Sie wohlbehalten an das Schiff zurück, -- sterbe ich, dann thun das
meine Söhne und mein Bruder. Mehr haben Sie nicht zu verlangen.«
Das war deutlich; Holm fragte nicht weiter, aber er hielt es jetzt für
notwendig, den übrigen seine Besorgnisse mitzuteilen. Demgemäß wurde
einstimmig beschlossen, sich den Dajaks gegenüber möglichst
zurückhaltend zu benehmen und den ganzen Besuch auf einen Tag und eine
Nacht zu beschränken. Also auch Bassar und Torio waren in ihrer Weise
Verräter, man konnte den Malaien unter keiner Bedingung trauen! -- Papa
Witt behielt recht, wenn er sagte: man muß die gelben Halunken prügeln,
das ist das beste. --
In den Herzen aller Weißen regte sich lebhaft das Verlangen, den
schlechten Streich der Führer zu bestrafen. Um ihrem Rachegelüst zu
genügen, hatten sie die wehrlose Schar der Reisenden auf beinahe
unzugänglichem Pfade in das Herz der Wildnis gelockt, ohne sich darum zu
bekümmern, welcher Nachteil, welche Lebensgefahr daraus erwachsen
würden, -- das war nicht minder schändlich als die Betrügerei der
Javanen, deren Geldgier sie bewog, die Fremden unter Tigern und
Rhinozerossen schutzlos zu verlassen.
Der alte Theologe predigte Ruhe und Besonnenheit. »Noch haben wir nur
Vermutungen, Kinder! Seid also auf eurer Hut, aber nicht voreilig im
Urteil. Vielleicht endet das alles viel besser, als wir jetzt zu hoffen
wagen.«
Holm seufzte. »Dem Panglima und dem Liau dieses Dorfes müssen wir
bedeutende Geldgeschenke machen,« riet er, »ich würde auch vorschlagen,
ihm die Pistolen zu Füßen zu legen und das eine oder andere
Taschenmesser, obgleich sich die Leute selbst Waffen schmieden. Mir ist,
um es rund heraus zu gestehen, diesmal die Sache sehr unbehaglich.«
»Kommt nur,« drängte Franz, »kommt nur, der Besuch bei dem Panglima ist
das Notwendigste.«
Und so zogen sie denn aus, um in der Mitte des Dorfes den Heerführer in
seiner Hütte zu begrüßen. Mehrere Männer gaben ihnen das Geleite,
überall auf den Dorfstraßen wimmelte es von nackten, schwarzhaarigen
Gestalten, die lebhaft, wie etwa bei uns Franzosen oder Italiener,
durcheinander schwatzten, schnelle, leichte Bewegungen vollführten und
mit blitzenden Augen um sich sahen. Sie schienen heiter, liebenswürdig
und freundlich zu sein, aber sehr heftig und von leidenschaftlicher
Gemütsart.
Der Panglima zeigte sich inmitten einer Schar bewaffneter Krieger, die
alle lange Bambusspieße mit Stahlspitzen und Bogen mit vergifteten
Pfeilen trugen. Er war ein Greis von gewiß sechzig Jahren, dem heißen
Klima gemäß aber nicht etwa ein alter, wohlerhaltener Mann, sondern
schneeweiß mit pergamentfarbenem Gesicht und erloschenem Blick. Seine
Hände stützten sich auf einen schlanken, feueräugigen Knaben, seinen
Enkel; er empfing mit der ganzen Herablassung eines Fürsten die fremden
Reisenden und ließ ihnen in der offenen Hütte eine Mahlzeit aus
Hirschbraten, Tuach-Katan und Reis auftragen, auch schlug er es aus, die
gebotenen Geldgeschenke zu nehmen. »Die Mankeian sind nicht arm,« sagte
er. »Beseht immerhin ihr Land, jagt den großen Affen und den
Paradiesvogel, wenn ihr dergleichen Geschöpfe zwischen euren
Heimathütten nicht besitzt, aber behaltet euer Geld. Nigura ist ein
großer Kriegsherr, er braucht sich nichts schenken zu lassen.«
Sein matter Blick streifte dabei die abgeschnittenen Köpfe über dem
Eingang, als nähme er vor diesen Zeugen bewiesener Tapferkeit den
wohlverdienten Ruhm in Anspruch. »Es ist kein Weißer darunter,« fügte er
bei, »auch kein Mann meines eigenen Volkes, das alles sind die Köpfe der
Erbfeinde meines Landes, der Malaien.«
»Und du selbst hast diese Menschen getötet, großer Panglima?« fragte
Holm.
Der Greis nickte. »Die Köpfe, welche du hier siehst, sind mein,
Fremdling. Jeder meiner Söhne hat eben soviele, ja sogar dieser Knabe,
mein Enkel, besitzt schon den Kopf eines Malaienknaben von seinem
eigenen Alter, -- nicht wahr, Omaha?«
Der junge Bursche sah voll Stolz von einem der Besucher zum anderen.
»Ich will auch Panglima werden!« übersetzte der Dolmetscher seine
Antwort ins Englische.
Holm schenkte ihm eine Taschenpistole, die der Knabe mit einem
Freudenschrei empfing und vor Entzücken einmal über das andere küßte. Er
wolle damit hundert Malaienschädel zerschmettern, versicherte er.
Holm näherte sich dem Panglima. »Unsere Führer sind, obwohl von dem dir
verhaßten Volke stammend, doch in deinem Dorfe ihres Lebens sicher,
nicht wahr, König Nigura?« fragte er. »Wir besitzen einen Schutzbrief
des holländischen Statthalters, der euch befiehlt, uns und die Malaien
ungehindert zu lassen, willst du den respektieren, oder verlangst du,
daß wir dein Gebiet meiden?«
Der Greis lächelte. »Wer ist der holländische Statthalter?« fragte er in
geringschätzigem Tone. »Womit will er Nigura, den großen König der
Mankeian, zwingen, seinen Fetisch zu achten oder seine Freunde zu
beschützen? Wenn es mir beliebt, lasse ich eure und die Köpfe der gelben
Diebe über meine Thüre nageln, der holländische Statthalter kann mich
daran nicht hindern, aber ich schenke euch Freiheit und Leben, weil kein
Mankeian seine Gäste beleidigt, und wären es selbst Malaien. Ihr wohnt
in unseren Hütten, ihr eßt an unseren Tischen, so lange es euch
beliebt.«
Damit schien er die Audienz beenden zu wollen, man erhob sich also, um
im Vorraum zu speisen, bei Gelegenheit des Abschieds aber fragte Holm
noch wie zufällig, ob denn nur die Mankeian oder sonst noch ein anderes
Volk in diesem Thale wohnten.
»Die Punan,« hieß es, »ein armer Stamm, der Getreide baut und sich mit
den Affen um die Ernte streitet. Der Goldfluß gehört den Mankeian.«
Die kleine Schar wechselte bezeichnende Blicke. Also die Punan waren es,
welche Bassar aufsuchen wollte, und daß er als Gast bei den Goldwäschern
unverletzlich sei, hatte der Gauner jedenfalls auch recht gut gewußt.
Mochte er jetzt thun und lassen, was ihm beliebte, das Wort des Panglima
schützte die Weißen vor aller Gefahr.
Der Hirschbraten, das Lendenstück vom Büffel und das erbsenartige Gemüse
waren gut zubereitet, der Tuach-Katan wärmte äußerst angenehm den Magen,
und die Früchte, welche von allen Seiten herbeigebracht wurden,
schmeckten vorzüglich; nach Tisch besahen die Weißen den Fluß, der das
Gold im Sande mit sich führte, Holm kaufte eine Handvoll
unausgewaschenen, von den gelben glitzernden Spuren durchzogenen
Flußsandes; der Dolmetscher mußte, um alles erklären und übersetzen zu
können, bei der Gesellschaft bleiben, und so verging ein Abend und eine
Nacht, ohne die geringste Störung zu bringen. Interessante Pflanzen und
Insekten wurden gesammelt, die Dorfbewohner zeigten sich äußerst
zuvorkommend, überall fanden die Weißen gedeckte Tische und willige
Hände, auch der kleine Orang-Utang hatte an einer Schafmama eine
gutmütige Ernährerin erhalten; man veranstaltete Kampfspiele und
Wettfahrten in schmalen, selbstgebauten Booten, den Fremden zu Ehren.
Diesem ganzen Treiben aber hielten sich die Punan durchaus fern. Es kam
kein einziger von ihnen in das Dorf der Mankeian, wie denn auch die fünf
Malaien sich hüteten, ihrerseits das Gebiet der Punan zu betreten; Holm
hatte das sehr bald entdeckt, obgleich Bassar achselzuckend die Sache
für Zufall erklärte.
Am Abend des zweiten und letzten Tages, nachdem Schmetterlinge, Vögel,
Käfer und selbst kleine Vierfüßler in Menge erlegt worden, nachdem man
das Leben der Dajaks aus nächster Nähe kennen gelernt hatte, -- wurde
zur Abreise gerüstet. Das Gepäck war geordnet und für den kleinen Affen
eine Ziege gekauft, man hatte sich vom Panglima verabschiedet und
Geschenke gemacht und erhalten; die Umgebungen des Dorfes waren
aufgenommen, kurz alles wider Erwarten gut abgelaufen; die Weißen mit
dem Dolmetscher und den Malaien schliefen oder schienen doch zu
schlafen; denn in der That wachten die Gelben und auch der junge
Gelehrte. Holm hatte ein verdächtiges Flüstern gehört; er fühlte eine
geheime Unruhe, die ihn hinderte, sich dem Schlummer hinzugeben.
Bassar reckte das Haupt. Sein Blick durchdrang die Dämmerung der
tropischen Nacht, sein Ohr horchte. Alles still! -- Er winkte den
übrigen. Torio und die drei jungen Leute mußten dies Zeichen bereits
erwartet haben; wie Schatten glitten sie an des Führers Seite, und alle
fünf nahmen langsam schleichend, an den Weißen vorüber, den Weg zum
Ausgang der Hütte. Holm sah jede Bewegung, -- sollte er Einhalt
gebieten, sollte er fragen, wohin?
Noch zauderte er. Was konnte ihm die Einmischung nützen? Bassar würde
seine Absichten ausführen, ob er sie mißbilligte oder nicht, das war
sicher.
Jetzt hatte schon der erste den Thürvorhang erreicht, Holm streckte die
Hand aus, um zunächst den Dolmetscher zu wecken, da plötzlich wurde von
draußen die Matte hinweggezogen, heller Fackelschein verbreitete sich
über das Innere der Hütte, und wenigstens zwanzig Dajaks, mit Spießen
und großen Messern bewaffnet, erschienen auf der Schwelle.
Die Aufregung, welche sich während der nächsten Minuten jedes einzelnen
Herzens bemächtigte, läßt sich nicht schildern. Nur der Dolmetscher
blieb kaltblütig, er schien sehr wohl zu wissen, was da im Entstehen
begriffen war, und dachte vielleicht, um seiner Unentbehrlichkeit willen
von den Weißen nur noch mehr Geld erpressen zu können. Es gab ja im
ganzen Dorfe keinen zweiten, der die einheimische und die englische
Sprache gleich geläufig beherrschte, man brauchte ihn notwendiger als
jemals.
Aufspringend gleich allen anderen, übersetzte er, was gesprochen wurde.
Ein älterer Dajak, die Stirnbinde um den Kopf, den handbreiten
Lendenschurz als einziges Kleidungsstück am braunen, wetterharten
Körper, mit düsterem Blick und erhobener Hand trat dem Anführer der
Malaien entgegen. Sein Zeigefinger berührte die Brust des Gelben.
»Kennst du mich, Bassar, Sohn Hawalles?« fragte er in feierlichem Tone.
Der Malaie hatte ihn seit dem Augenblick seines Eintretens unverwandt
angesehen. Das gelbe Gesicht wurde fahl, in dem Blick des verschmitzten
lauernden Auges spiegelte sich ein furchtbares Erschrecken, die ganze
Haltung zeigte das offenbarste Schuldbewußtsein. Hinter ihm zischelten
und flüsterten die übrigen so leise, daß es dem Dolmetscher unmöglich
war, ihre Worte zu übersetzen.
»Kennst du mich?« wiederholte der Dajak seine frühere Frage.
Bassar schien sich einigermaßen gefaßt zu haben. »Nein!« antwortete er
in rauhem, abweisendem Tone, »nein, ich kenne dich nicht, habe dich nie
im Leben gesehen. Gib Raum, was willst du von mir?«
Aber der andere stand unerschütterlich. »Du kamst hierher, um den Stamm
der Punan mit Krieg zu überziehen, Bassar,« fuhr er fort, »du wolltest
die Köpfe der Männer holen, deren Großväter einst im Kampfe um den
Besitz der Küste deine Vorfahren erschlagen, du wolltest vielleicht
sogar ihre jungen Kinder mit dir führen in die Sklaverei der
Kohlenbergwerke, aber Dewata-Dugingang sah deine falsche Absicht und
lenkte die Schritte der Rächer hierher in dies Thal. Ich bin Solani, der
Sohn Alteis, kennst du mich noch nicht?«
Bassar umklammerte krampfhaft den Kolben seiner Büchse. Nur der Hinblick
auf die vergifteten Pfeile der Dajaks hielt ihn ab, von der Schußwaffe
sofort Gebrauch zu machen. »Was willst du von mir?« fragte er wieder.
»Deinen Kopf!« entgegnete düster der Wilde. »Entsinnst du dich des
Tages, wo du mit deinen Spießgesellen einbrachst in das unbeschützte,
entlegene Dorf der armen Hirten, wo du die Mädchen und Knaben in die
Sklaverei schlepptest und das Eigentum der Alten stahlst? -- Mein Vater
verteidigte seine Hütte, seine jungen, blühenden Töchter, die du in
Spielhäuser und an tyrannische Herren verkauft hast, er fiel von deiner
verruchten Hand, er mußte seine Kinder dahingeben, ohne sie retten zu
können, denn deine teuflische List hatte den Überfall ausgeführt, als
die jungen Männer des Stammes abwesend waren, -- jetzt gib dafür, was
dein ist, dich selbst und die Söhne, welche dir gefolgt sind, ebenso den
andern Mann aus deinem Raubtiergeschlecht, deinen Bruder.«