Noch Sekunden und er war drinnen. --

Da geschah, was Holm bei Anlage der Mauer berechnet hatte, sie stürzte

und begrub unter ihren hundertpfündigen Blöcken den schlanken Leib des

Tigers. Wenige Minuten hatten hingereicht, um die beiden gefährlichen

Raubtiere zu töten.

»Welche Nacht!« seufzte der Doktor. »Die ärgste von allen -- unser Leben

hing am seidenen Faden!«

»Und ist trotzdem immer noch nicht außer Gefahr,« ergänzte Holm. »Wer

weiß, ob diese beiden Bestien die einzigen hier in der Nähe waren.«

»O und die furchtbare Luft.« -- --

Franz drängte sich hinaus ins Freie. Er und der Malagasche zogen den

Tiger unter dem Steinhaufen hervor und schleppten beide Leichen etwas

weiter den Berg hinab; dann wurde die Mauer wieder hergestellt, und

wachend in unbehaglichster Stimmung der Tag erwartet. Aber es erfolgte

kein weiterer Angriff, nur vereinzelte wilde Katzen erschienen und

suchten sich noch irgend welcher Überreste zu bemächtigen: diese ließ

man, aller Jagdlust bar, unbehelligt laufen. Müdigkeit, Hunger und

Erschöpfung waren zu groß, um irgend einer anderen Empfindung Raum zu

gestatten.

Der helle Tag bot einen trostlosen Anblick. Zerstampft und zertreten die

Vorräte für das Frühstück, kein Ei und keine Nuß, kein Bissen Fleisch

mehr vorhanden, dazu wieder ein neues Gewitter am Himmel, neuer, stetig

fallender Regen, dessen feine Tropfen alles durchnäßten. Es fand sich

auch kein genießbarer Gegenstand, selbst die großen Kokosnüsse waren

über den Abgrund und ins Bodenlose gerollt.

»Auf! Auf!« drängte der Doktor. »Unerträglicher als hier kann es

nirgends sein.«

»Aber sollen wir ohne Führer im dichten Walde umkommen? sollen wir ohne

hinlängliche Bedeckung den Kampf mit Tigern, Büffeln und Rhinozerossen

aufnehmen?«

»Besser, als hier bleiben. Dieser Ort ist mir fürchterlich. Wir können

doch immerhin hoffen, ein Dorf anzutreffen -- schon unsrer Wunden wegen

müssen wir Ruhe haben.«

Holm besah seine Stiefel. »Wie weit werde ich damit marschieren können?«

fragte er halb seufzend, halb lachend.

Es schwieg wieder alles: selbst der Mut, Beeren und Eier zu suchen,

fehlte jetzt; die Trostlosigkeit des vorigen Abends war zurückgekehrt

und lastete mit doppelter Stärke auf den Seelen der Vereinsamten. Und

doch wußten sie ja alle, daß es so nicht lange bleiben könne.

»Laßt uns fortgehen!« riet nach drückender Pause abermals der Doktor.

»Ich halte es hier nicht mehr aus, -- mich deucht, die Leichen verderben

bereits die Luft.«

»Das thut das Blut zwischen den Abhängen und Steingeröllen. Aber brechen

wir in Gottes Namen auf, -- was verloren geht, ist nur ein Dach und der

Gedanke, daß gerade hierher die gelben Schurken ihre Genossen

ausschicken müßten.«

»Die laufen uns schon nach,« tröstete Holm, immer mit bedenklichem

Gesichte seine klaffenden Stiefel von einer und der anderen Seite

besehend. »Hätte ich doch nur wenigstens einen tüchtigen Bindfaden!«

Rua-Roa wußte zu helfen. Er kannte eine Pflanzenart, die auch in

Madagaskar heimisch war und deren Ranken als Seile dienen konnten. So

wurde denn der Stiefel zusammengebunden und die Reise wieder angetreten;

Holm ging behutsam, das linke Bein wie ein Lahmer nach sich ziehend, aus

Furcht endlich gar barfuß die Wildnis durchlaufen zu müssen; überhaupt

kam man nur äußerst langsam vorwärts, da unterwegs jede Beere, jede

Frucht hastig gepflückt und gegessen wurde. Der Pfad über das

Steingerölle ermüdete unsäglich; weder Holms unversieglicher Humor, noch

des Doktors Ermahnungen konnten die spitzen Kiesel glatter oder die

schrägen Ebenen weniger unbequem machen; man wanderte, beladen mit dem

schweren Gepäck, in rieselndem Regen und unter den Mühen des Weges

fürbaß wie arme Verbannte, die der Heimat den Rücken kehren und noch

nicht wissen, an welchem Punkte der Erde es ihnen vergönnt sein wird,

neue Hütten zu bauen.

Da schimmerte durch die Baumzweige zur Linken ein Etwas, das wohl

geeignet war, sämtliche Reisende in Erstaunen zu versetzen. Zwei Hörner

ragten empor, und das biedere Haupt eines Jochochsen schaute friedlich,

kauend mit beiden Backen, urgemütlich blickend den Fremdlingen entgegen.

Das war kein wilder Büffelstier, sondern ein Zugochse ohne bösartige

Absichten, ohne Ahnung von der Wucht seines Nackens, ganz wie wir sie

bei uns sehen, Bilder des dörflichen Lebens und der Beschaulichkeit,

gemütliche, behäbig brummende Haustiere ohne Arg und Falsch. -- --

Hans streckte die Hand aus und sah hinüber, wo der Karbau (Name für den

auf Java allgemein üblichen Zugochsen) stand. »Menschen!« rief er nur,

»Menschen!«

Das Wort wirkte wie ein elektrischer Schlag. »Wo? -- O Gott, wenn es die

Eingebornen wären! -- Wo sind Menschen?«

Aller Blicke suchten die bezeichnete Stelle; man lief in Sprüngen

vorwärts, man vergaß alle ausgestandenen und noch gegenwärtigen Leiden,

nur einem Gedanken folgend, nur eins im Auge, -- Menschen! Menschen! --

Vier Ochsen weideten auf dem Gras unter den Bäumen des Waldrandes, neben

ihnen standen zwei plumpe, wie kleine Häuser aussehende Holzkarren, und

gemächlich am Boden lagerten ein paar Gelbgesichter, die sich bei einer

Mahlzeit aus Fleisch, trocknen Fischen und gerösteten Kartoffeln gütlich

thaten. Das Zeltdach aus Büffelhäuten mußte schon während der letzten

Nacht an dieser Stelle befestigt gewesen sein, denn der Boden darunter

war vollkommen trocken und sogar eine Feuerstätte erkennbar. Indes die

Weißen einige tausend Schritt weiter oben mit dem Tode und allen seinen

Schrecken rangen, hatten hier die Helfershelfer derer, welche sie in so

fürchterliche Lage gebracht, ganz ruhig und ohne Gewissensbisse

abgewartet, was sich in ihrer unmittelbaren Nähe vollzog, hatten keine

Hand erhoben, um von den arg Bedrohten das Verderben abzuwenden. Ihre

harmlosen Blicke schienen sehr erstaunt, so plötzlich mitten in der

Wildnis weiße Reisende anzutreffen.

»Nun mäßigt euch, Kinder,« ermahnte in deutscher Sprache der Doktor.

»Laßt nicht erkennen, daß wir die erbärmliche Verräterei vollkommen

durchschauen. Die holländische Regierung führt hier ein sehr strenges

Regiment, wahrscheinlich haben also jene Schurken ihren Genossen

eingeschärft, uns nie wieder nach Surabaja zurückkehren zu lassen,

sobald wir Miene machen, die Sache den Behörden anzuzeigen.«

Das leuchtete den jungen Leuten vollkommen ein, und die Verhandlungen

mit den Eingebornen wurden in ruhigster Form eröffnet. Man hatte sich

verirrt, war von den Führern getrennt worden und wollte gern gut

bezahlen, wenn es möglich wäre, in Begleitung der Männer nach Surabaja

zurückzureisen.

Die Malaien schüttelten die Köpfe. Eigentlich wollten sie einen ganz

anderen Weg gehen, hatten eine Ladung Kartoffeln nach einem entfernten

Orte zu bringen und besaßen ja auch für die Herrschaften keine Pferde;

kurz, sie glaubten doch nicht, daß sich die Sache machen lasse; dann

aber, nachdem Geld über Geld geboten, schwanden wie Nebel vor der Sonne

alle diese Bedenken; ja, es fand sich sogar in der Entfernung von

höchstens einer halben Tagereise ein Dorf, wo auch Pferde zu bekommen

waren, und so wurde denn der Handel abgeschlossen, obgleich Holm lebhaft

bedauerte, die gelben Spitzbuben nicht lieber mit einem tüchtigen Bambus

als mit blanker Münze bezahlen zu dürfen. Wie schlau war das alles

eingeleitet, wie passend der Platz gewählt, und wie teuflisch die

Hilflosigkeit der Weißen gerade hier auf dem zerklüfteten, steinigen und

unebenen Boden voraus berechnet!

Während dieser diplomatischen Verhandlung, hinter der schlecht verborgen

die Kampflust auf beiden Seiten lauerte, hatten sich die Knaben den

Inhalt der plumpen Karren besehen. »Wahrhaftig, Kartoffeln! -- Hurra!«

rief Franz, »das ist ein Fund. Kartoffeln haben wir seit England nicht

mehr gegessen, -- Karl! Herr Doktor! wir müssen sogleich welche kochen.

Freue dich doch, Hans, es gibt Pellkartoffeln!«

»Mit gebratenen Zwiebeln!« ergänzte dieser, als er aus einem Korbe ein

tüchtiges Stück Wildschweinsspeck hervorzog. »Karl, laß uns das den

Halunken abkaufen!«

Auch dieser Handel kam zu stande, und bald prasselte unter dem

schützenden Felldach, während ringsumher alles vom Regen troff, ein

neues belebendes Feuer; Zwiebeln wurden ausgegraben, Wasser geschöpft,

Speck zerschnitten und Kartoffeln aufgesetzt; die Knaben beobachteten

jede Blase im Kessel, und als endlich die Probe mit dem Taschenmesser

das Gericht als gar kennzeichnete, da war des Jubels kein Ende.

Pellkartoffeln mit Zwiebeln! Deutsches Nationalgericht bescheidenster

Ansprüche, wie kamst du zu nie geahnten Ehren im Urwalde von Java! -- --

Es ist doch ein eigen rührender Klang, der aus ferner Heimat zu uns

herüberdringt; es ist, als würden tausend liebe Bilder wach bei seinem

leisen Grüßen! -- Als der Duft der Kartoffeln emporwallte, als die

beiden Knaben die erste Frucht trotz ihrer Glühhitze zwischen den

Fingern aufbrachen, da schimmerte es seltsam glänzend in den hellen,

frohblickenden Augen. Franz ließ sich keine Zeit, die Zwiebelsauce

hinzuzuthun. »Hamburg,« sagte er leise, mit dem Kopf nickend, während

die Kartoffel zwischen seinen Zähnen verschwand, »auf dein Wohlergehn!«

Die übrigen stimmten in diesen Glückwunsch lebhaft ein. Es wurden bei

der Mahlzeit erstaunliche Quantitäten bewältigt, auch das Fleisch

schwand zusehends, und die Flaschen der Malaien mußten ihren schlechten

Branntwein bis auf den letzten Tropfen hergeben. Einer der Männer

unterzog den schwerverwundeten Stiefel mittels Bast und Schnüren seiner

ärztlichen Behandlung. Dann wurden noch die Tiger oben am Gebirgsabhang

ihrer Felle entkleidet und endlich auf Waldwegen, die weit besser zu

passieren waren, das besprochene Dorf aufgesucht. Nachdem kurze Rast

gehalten, ging es auf den kleinen, munteren Pferden, aller Sorgen und

Befürchtungen ledig, wieder vorwärts; die Wunden hatten zweckmäßigen

Verband bekommen; es waren Vorräte eingekauft und die nassen Kleider

getrocknet; ja sogar verabredet worden, daß man erst bis an die

jenseitige Grenze der Zivilisation vordringen wolle, ehe der Rückweg

eingeschlagen ward; der grüne Wald umgab also wieder dicht und lauschig

von allen Seiten die kleine Schar; man ritt einem Gebirgszuge entgegen,

dessen höchste Spitze, ein noch thätiger Vulkan, wenigstens von fern in

Augenschein genommen werden sollte.

Zwei Tage und Nächte verbrachten die Reisenden auf dieser angenehmen und

vom schönsten Wetter begünstigten Tour, obwohl in jeder Nacht die Weißen

abwechselnd mit geladenen Gewehren ihre Führer bewachten. Dann, am

Mittag des dritten Tages, näherte sich der kleine Zug dem feuerspeienden

Berge, dessen Gebiet weder Wald noch sonstigen Baumwuchs zeigte.

Als noch der eigentliche Berg in bläulichem Duft wie ein ferner Riese

dalag, bestand schon auf eine halbe Meile im Umkreis der Boden aus Lava

und Schlacken, Geröll und jenen großen, eckigen Steinblöcken, welche die

thätigen Krater auf Java bei ihren bedeutenderen Ausbrüchen

emporzuschleudern pflegen. Die Landschaft zeigte fahle, aschgraue und

gelbliche Totenfarbe, kein Tier belebte den Weg, kein Vogel sang und

kein Blatt sproßte hervor aus dem heißen verdorrten Boden. Jene

berüchtigten Zacken und Rinnen, mit denen feuerspeiende Berge meistens

umgeben sind, erschwerten das Klettern, tiefe Klüfte mußten von den

Pferden übersprungen werden, leichter Schwefeldampf in der Luft

beklemmte die Brust; zuweilen glitten die Tiere auf spiegelglatter Lava

wie auf einer Eisfläche dahin, und dann wieder rollten sie mit

bröckelndem Gestein plötzlich eine tüchtige Strecke rückwärts.

Die Führer ritten nicht; Ochsen und Karren hatten sie natürlich am Fuße

des Berges zurückgelassen, ebenso ihre eigenen Tiere. Sie zogen die

Pferde der Weißen unter steten Zurufen am Zügel nach sich und wählten

sorgsam die wenigst gefährlichen Stellen; ebenso sammelten sie auch

bereitwillig jeden Stein und jede Schlacke, die ihnen bezeichnet wurde.

Der Berg war, obgleich kein eigentlicher Ausbruch stattfand, doch sehr

unruhig; unsere Freunde sollten das erwartete Schauspiel so schön als

nur möglich genießen. Als zwischen Lavageschieben, Schlacken und

Blöcken, zwischen zahllosen einzeln stehenden Kegeln und über weite,

tote Aschenfelder der Krater bis auf vielleicht fünfhundert Schritt

Entfernung erreicht war, machten die Führer Halt. Von diesem Punkt aus

ließ sich das Ganze am besten überblicken; noch näher heranzukommen wäre

gefährlich gewesen; denn zuweilen werden selbst an den ruhigsten Tagen

größere Steine aus dem Innern hervorgeschleudert und zur Seite geworfen;

ebenso nimmt auch der Schwefeldunst derartig zu, daß ihn die

Atmungsorgane nicht mehr ertragen können.

Eine hohe Rauchsäule, im Purpurscheine glühend, stieg aus dem Krater

auf, wallende, wirbelnde Massen vereinigten sich hoch in blauer Luft zu

einer Wolke, aus deren mit Elektrizität angefülltem Schoße ohne Unterlaß

nach allen Seiten zuckende Blitze niederfuhren. Steine von Faustgröße

wurden ununterbrochen mit den Rauchmassen herausgeworfen und fielen dann

polternd mit rollendem Getöse in die unheimliche Tiefe zurück. Den

Höhepunkt seiner Schönheit erreichte aber das Naturschauspiel, als

plötzlich eine hohe, mit rasender Schnelligkeit aufschießende Säule

sprudelnden, kochenden Wassers in die Luft aufstieg. Wie ein glühender

Regen verbreitete sich zischend und stäubend die Flut nach allen Seiten,

Staubwolken aufwirbelnd, mit einem durchdringenden Geruch von

schwefeliger Säure. Eine Wassersäule nach der anderen drang hervor,

vermischt mit Rauch und Steinen, es rollte und donnerte im Inneren des

Berges, die Luft wurde von Viertelstunde zu Viertelstunde

unerträglicher.

»Jetzt wollen wir auch einen schlammspeienden Berg besehen,« rieten die

Führer. »Zwar ist derselbe nicht so schön und auch nur niedrig, aber

doch ebenfalls eine Naturseltenheit. Sollen die Pferde umkehren?«

Nachdem das erhabene Schauspiel hinlänglich bewundert, wurde diesem

Vorschlag Folge gegeben und der sonderbare, höchstens hundert Meter hohe

Schlammkegel aufgesucht. »Diese Berge verschwinden während der Regenzeit

gänzlich,« erklärten die Führer, »sie werden dann zu Morästen, aus denen

Gasblasen immerfort wirbelnd aufsteigen, die sich aber bei dem Eintreten

der Hitze allmählich verdichten, austrocknen und nun so lange

_Thonklumpen_ aufwerfen, bis sich der Berg gebildet hat. Es ist ein

solcher ganz in der Nähe.«

Der mühselige Weg wurde also zurückgelegt und jener einem großen

Maulwurfshaufen gleichende, häßliche Berg mit seiner schwarzgelben Farbe

aus der Nähe besehen. Ringsumher bildete der Boden eine Schlammkruste,

während aus dem regelrecht geformten Krater eine dichte Rauchwolke

aufstieg und leise Schlammwellen von Zeit zu Zeit über den Rand

herabflossen. Hier herrschte anstatt des Schwefelgeruches eine ebenso

scharfe, wenngleich minder unangenehme Ausdünstung, von dem in Tropfen

fortwährend aus dem Erdinnern hervorquellenden Naphtha herrührend. Auch

in der Umgebung dieses Kegels, deren die bekannte Welt nur sehr wenige

aufzuweisen hat, wuchs nichts und lebte nichts.

Die kleine Gesellschaft atmete auf, als nach ein paar Stunden die

Wüstenei von Steinen und Geröll hinter ihnen lag und die Vegetation

wieder den früheren üppigen Charakter annahm. Sie machten nun größere

Tagereisen und ließen sich's hauptsächlich angelegen sein, Pflanzen und

Insekten zu sammeln, besonders die schönen großen Schmetterlingsarten,

an denen alle Sundainseln so reich sind. Einige Exemplare des fliegenden

Frosches kamen für das Museum hinzu, ebenso kleinere Fledermäuse und

Eidechsen; ein Kalong wurde gekauft, ein Schuppentier sowie mehrere

Marderarten und Eichhörnchen erlegt und einige Wildkatzen abgebalgt.

Holm sammelte Orchideen, das Alanggras, Vogeleier jeder Sorte und die

ganze Unzahl von Käfern, Spinnen und Gewürm, die im Walde dem Reisenden

auf jedem Schritt begegnen. Unterwegs wurde auch beraten, wohin zunächst

die »Hammonia« ihre wissensdurstigen Passagiere bringen solle. Man kam

überein, Sumatra, an dem man überdies schon vorüber gefahren war, nicht

zu besuchen, und zwar weil hier das Pflanzen- und Tierleben bis auf

einige wenige Abweichungen dem von Java völlig gleichsteht. Sumatra hat

Rhinozerosse mit zwei Hörnern, einen etwas anders aussehenden Elefanten

und einige andere Affenarten, ebenso eine besondere Baumwolle, einige

auf Java nicht gefundene Holzarten und so weiter; aber der Unterschied

ist nicht erheblich genug, um eine Reise durch das Innere zu

rechtfertigen.

Es wurde also beschlossen, direkt nach Borneo zu gehen, vorher aber in

Surabaja womöglich mit den Eingebornen zu Nutz und Frommen anderer

Reisenden noch eine kleine Abrechnung zu halten. Glaubten sie, arglose,

freigebige Menschen überlistet zu haben, so sollten sie dafür diesmal

selbst die Überlisteten sein. Weder Holm noch der Doktor ließen irgend

einen Plan durchblicken, sobald aber Surabaja erreicht war, und die

Führer schon vor den ersten Häusern der Stadt Bezahlung verlangten, da

änderte sich die Sache. Holm und Franz nahmen die Hilfe der Behörden in

Anspruch und erzwangen von den Malaien ein umfassendes Geständnis ihrer

Verräterei. Erst versuchten sie keck zu leugnen, sobald aber der Stock

im Hintergrunde des Verfahrens auftauchte, legten sie Hände und Füße

zusammen und bekannten alles. Nachdem sie die Mitschuldigen an dem

Schurkenstreiche genannt, wurde jedem einzelnen eine kleine

Gefängnisstrafe zuerkannt und kein Pfennig über die erstbedungene Summe

hinaus gezahlt. Zwar baten die Knaben in letzterer Beziehung ihre Lehrer

um Nachsicht für die Spitzbuben, welche sich in der eigenen Falle

gefangen, aber sie trafen bei den beiden auf entschiedenen Widerstand.

»Das Unrecht darf nie den Sieg behalten,« erklärte der Doktor. »Redliche

Menschen dürfen nie die Hand bieten, um gegen Betrüger eine höchst

unangebrachte Milde zu üben. Die Gefängnisstrafe schütteln diese

halbwilden Menschen sehr leicht ab, der Verlust aber bringt sie zum

Nachdenken und zu der Erkenntnis, daß es selbst nicht einmal klug

gehandelt ist, andere zu hintergehen, sondern daß aus der Sünde

unnachsichtlich die Strafe erwächst.«

Bei dieser Gelegenheit faßte Hans einen guten Gedanken.

»Da die gelben Verräter nun doch einmal in unserer Gewalt sind und von

Rechts wegen für ihre Schandthaten büßen müssen,« sagte er, »so sehe ich

gar nicht ein, warum wir die schöne Gelegenheit nicht benutzen sollen,

einige von den Gelbgesichtern abzugipsen. Im Gefängnis werden sie schon

still liegen.«

»Du hast recht,« erwiderte Holm, »und wenn sie ruhig Modell liegen, so

werden wir sehen, ob ihnen für gutes Verhalten nicht die Zeit ihrer

Freiheitsstrafe verkürzt werden kann.«

Hans setzte alles zum Abgipsen Erforderliche in Bereitschaft, wobei

Rua-Roa ihm hilfreiche Hand leistete. -- »Es ist nicht sehr angenehm,

den weißen Teig auf dem Gesichte zu haben,« meinte Rua-Roa, »es drückt,

es zieht, es beißt, es kratzt und der Strohhalm kitzelt in der Nase,

aber da die Javaner uns schlecht behandelt haben, so bin ich dafür, daß

ihnen das Vergnügen des Abgipsens nicht vorenthalten bleibe.« Zu dieser

Auseinandersetzung schnitt Rua-Roa so bezeichnende Grimassen, welche das

Unangenehme der ganzen Prozedur schilderten, daß alle in ein lautes

Gelächter ausbrachen.

Den Gefangenen wurde auseinandergesetzt, worum es sich handelte, und da

sie vernahmen, daß sie um so eher aus ihrer Haft entlassen würden, je

fügsamer sie sich verhielten, so willigten sie mit allerdings ziemlich

sauren Gesichtern ein.

Hans und Rua-Roa machten sich alsbald an die Arbeit. Vier Abgüsse

gelangen vortrefflich, der eine Javaner jedoch wurde ungebärdig, als die

Gipsmasse auf seinem Gesichte sich zu verhärten begann. Er suchte

dasselbe mit den Händen von der Masse frei zu machen, allein er wischte

sich diese in die Haare des Kopfes und in die Ohren, so daß es nachher

nicht möglich war, den festgewordenen Gips ganz zu entfernen. Man ließ

ihn jedoch mit den anderen laufen, weil man nicht Lust hatte, wegen des

einen Verbrechers viele Umstände zu machen.

»Hoffentlich wird sein Heiligenschein aus Gips von guter Wirkung auf

seine Stammesgenossen sein,« meinte Holm lachend, »sie werden daran

sehen, daß die Weißen sich nicht ungestraft beleidigen lassen. Einige

Wochen wird der Bursche wohl mit dem unfreiwilligen Kopfschmucke

umherlaufen und die Erinnerung an seine Vergehen mit sich

umherschleppen.«

Die erhaltenen Hohlformen wurden sorgfältig verpackt, um später in

Hamburg zur Abformung von Abgüssen zu dienen. Hans erhielt für die

gelungene Arbeit von Holm wohlverdiente Anerkennung, von der Rua-Roa als

getreuer Assistent auch einen Teil empfing, worüber er nicht wenig stolz

war.

Es war Zeit, daß die »Hammonia« die Anker lichtete. Bald lag Java hinter

unsern Freunden, und munter dampfte das gute Schiff Borneo zu.

Zehntes Kapitel.

Natürlich wollte jeder einzelne der Schiffsbesatzung des genauesten über

die wunderbaren Erlebnisse der Naturforscher im Innern Javas

unterrichtet sein.

Papa Witt lachte, als er von dem verhängnisvollen Abenteuer seiner

Freunde erzählen hörte. »Die Malaien taugen alle nichts,« sagte er, »man

muß sie prügeln, das ist das beste Mittel. Ihr könnt übrigens froh sein,

daß euch kein Dolch zwischen die Rippen fuhr, die ganze gelbe Sorte ist

falsch wie Seifenschaum. Wollen wir wirklich nochmals an ihren Ufern

landen?«

»Noch mehrere Male, Alter; für heute aber soll einmal wieder die Tiefe

untersucht werden. Wir haben lange nicht mit dem Schleppnetz

gearbeitet.«

Gesagt, gethan. Die Fangarme der Maschen senkten sich in das Meer hinab

und brachten eine reiche Ausbeute zurück. Große Seeaale zappelten in den

hanfenen Ketten, Silber- und bunte Papageienfische, Krebse und die

kleinen, gelbgrünen Schildkröten, namentlich aber Seerosen, von denen

gerade diese Gegend einen außerordentlichen Reichtum zu besitzen schien.

Von ungewöhnlicher Größe, meistens ganz gelb und auf langem, starkem

Stamme gewachsen, mit krauser, blumenartiger Krone, waren sie die

hübschesten unter allen bisher gesehenen, während sich ihre Verwandten,

die großen, frei schwimmenden Quallen, durch Häßlichkeit förmlich

auszeichneten. Beim zweiten Zuge war es fast unmöglich, das Netz

heraufzubringen, alle Seile krachten und drohten zu reißen, die

Tragkraft schien auf das äußerste angespannt.

»Vorsichtig!« ermahnte Holm, »vorsichtig! Es wäre doch jammerschade,

wenn uns diese Beute entschlüpfen sollte.«

Langsam wurde die schwere Last von den Matrosen heraufgewunden, und als

der Inhalt über dem Wasserspiegel erschien, da zeigte sich eine riesige

Qualle von grauer, schmutzig-weißer Farbe, mit langen Fangarmen und

einem scheußlichen, beständig schnappenden Maul, das zwischen den

kranzartig abstehenden Gliedern seinen Platz hatte. Ohne Kopf, ohne

Sinnesorgane, ganz Magen und Fanghaken, war das Geschöpf gegen die

Maschen des Netzes geraten und hielt in der Meinung, einen guten Fang

gethan zu haben, krampfhaft saugend fest, bis es an die atmosphärische

Luft gelangte und sogleich anfing langsam zu zerrinnen. Die Glieder

schlugen und tasteten, der ganze, über zwei Meter lange Körper zog sich

zusammen und dehnte sich wieder aus, dann aber ging die ursprüngliche

Festigkeit über in zähen Schleim, und was nach dem letzten Erlöschen des

Lebens dem Meere zurückgegeben wurde, war eine klebrige Masse ohne Form

und Halt.

»Diese Geschöpfe erreichen die Größe von sechs Metern und wiegen

zuweilen Tausende von Pfunden,« sagte Holm, »ihre kleinsten Verwandten,

welche den Badegästen der Nord- und Ostsee äußerst lästig werden,

bringen es über den Umfang einer Linse nicht hinaus. Ihre

Verschiedenheit in Form und Farbe ist unübersehbar, alle Arten jedoch,

vom Korallentier bis zu den größten, bestehen lediglich aus zähem

Schleim.«

Das Netz wurde an dieser so sehr ergiebigen Stelle zum drittenmale

herabgelassen, und wieder brachte es reiche Beute; außer verschiedenen

Fischen noch mehrere Cephalopoden, die sogleich in Behälter mit Wasser

gesetzt und so aus bequemster Nähe beobachtet wurden. Eins besonders,

das Perlboot, war von überraschender Schönheit. Etwa acht Zoll im

Durchmesser haltend, hatte es ein milchweißes, an einigen Stellen

hellbraun gestreiftes, perlmutterartig schillerndes Gehäuse von beinahe

halbrunder, gezackter und inwendig eine Schale bildender Form. Das ganze

Tier, wie eine Auster inmitten des Gehäuses festgewachsen, bot ein

Farbenspiel, welches lebhaft an das des wechselnden Regenbogens

erinnerte. Bald erglänzten die dehnbaren Zellen des kleinen, beweglichen

Körpers im schönsten Blau, bald violett, purpurn und hochgelb; so oft

die Knaben vorsichtig das Tier berührten und dadurch die Nerven

desselben reizten, verdoppelte sich die Stärke dieses sonderbaren

Spieles; sie konnten jedoch nicht nur ausschließlich das Perlboot

bewundern, auch noch andere und nicht weniger interessante Geschöpfe

hatte ja das Netz zu Tage gefördert. Da war das Nabelboot und das

Papierboot, die schöne Seeglocke mit becherartiger, drei Zoll im

Durchmesser haltender, rötlich gestreifter Schale, da waren kugelige

Seeigel und sogar auch als seltener Fang eine große Feuerscheide, das

sonderbare mit den Quallen verwandte Geschöpf, welches, aus einer

ganzen, zahlreichen Familie kleiner Einzelwesen bestehend, doch zusammen

nur _ein_ Leben besitzt. Die wenige Linien großen, form- und farblosen

Tierchen bilden um einen gestielten Mittelpunkt eine Art von Kreuz,

wobei alle Mundöffnungen nach außen gekehrt sind. Der walzenförmige

Stiel ist vom schönsten Hellgelb und bis zu vierzehn Zoll lang bei drei

Zoll Durchmesser.

Das Papierboot verdiente seinen Namen mit Recht, denn seine Schale war

in der That nicht dicker als Schreibpapier.

»Wir werden zwei dieser zerbrechlichen Geschöpfe, wohl in Watte

eingehüllt, in Spiritus setzen,« sagte Holm, »damit an dem weichen

Körper zoologisch-anatomische Studien gemacht werden können, aus den

übrigen eingefangenen Exemplaren wollen wir versuchen, den leicht in

Fäulnis übergehenden Inhalt zu entfernen.«

»Wenn wir den eisernen Haken anwenden, dessen wir uns bei den

hartschaligen Schnecken bedienten,« warf Franz ein, »so dürfte es schwer

fallen, die papierdünne Schale unverletzt zu lassen.«

»Gewalt wäre in diesem Falle übel angebracht,« bestätigte Holm, »aber

ihr wißt ja -- wo Gewalt nichts vermag, muß die List aushelfen.«

»List?« fragte Hans. »Sollte es möglich sein, den Bewohner aus seiner

Schale herauszulocken, wie einen Hund mit einem Knochen aus der

Hundehütte?«

»Nein,« entgegnete Holm lächelnd, »hier würde kein Zureden nützen. Was

meinst du aber, wenn wir ein Mittel besäßen, den weichen Körper durch

eine Substanz ganz und gar zu zerstören, so daß er sich in Wasser

auflöst?«

»Dann wäre uns geholfen,« antwortete Franz.

»Nun gut,« sagte Holm. »Unter unseren Vorräten befindet sich ein

chemisches Präparat, das ich zu dem vorliegenden Zwecke mitgenommen

habe, und das sich auch in anderen Fällen nützlich erweisen wird. Es ist

dies das sogenannte Ätzkali, eine salzartige, leicht in Wasser lösliche

Substanz, welche die Haut, Weichteile und Fette zersetzt. Mit dem Fett

geht es eine Verbindung ein, deren wir uns sogar täglich bedienen, es

ist die Seife. Wir wollen jetzt in einem eisernen Gefäß ein apfelgroßes

Stück des geschmolzenen Ätzkali in Wasser auflösen und in der so

erhaltenen »Lauge« die gefangenen Exemplare des Papiernautilus so lange

über gelindem Feuer langsam kochen, bis das weiche Tier zersetzt und in

lösliche Seife verwandelt worden ist.«

Gesagt, gethan. In kurzer Zeit waren die Schaltiere auf dem Feuer zum

Erstaunen des Koches, der sich außerdem über den unangenehmen Geruch

beklagte, der sich aus dem eisernen Topfe während des Kochens

entwickelte.

Etwa einen halben Tag lang wurde der Topf mit seinem sonderbaren Inhalte

gelinde erwärmt, bis eine herausgenommene Schale erkennen ließ, daß der

Körper des Tieres von der Kalilauge zerstört und aufgelöst sei. Jetzt

war nur noch nötig, die Schalen mit reinem Wasser gut abzuspülen, zu

trocknen und zu verpacken. Damit das papierdünne Gehäuse nicht

zerbrechen konnte, wurde seine innere Höhlung, soweit als möglich,

vorsichtig mit Baumwolle vollgestopft.

Franz äußerte, als die trefflich erhaltenen, sauberen Schalen in

Sicherheit gebracht waren, »ein Naturforscher müsse doch eigentlich von

vielen Dingen Kenntnis haben, wenn eine Reise in fremde, wilde Länder

mit gutem Erfolge gekrönt sein soll. Sogar ohne ein wenig Chemie kann

man nicht auskommen,« meinte er.

Holm stimmte ihm bei. »Auf keinem Gebiete rächt sich die Einseitigkeit

mehr, als auf dem der Naturforschung,« sagte er. »Die Geheimnisse der

Natur werden nicht durch einen einzigen Schlüssel erschlossen, zu ihren

Wundern führt nicht bloß _ein_ Weg, sondern mannigfaltig, wie sie selbst

sind, sind auch die Mittel und Wege, sich ihr zu nahen und sie zu

erkennen. Unsere Aufgabe,« setzte er hinzu, »besteht hauptsächlich

darin, den Gelehrten neues und reiches Material für ihre Beobachtung zu

verschaffen. Es ist dies zwar nur ein Zweig der Naturforschung, aber wie

ihr seht, erfordert er mancherlei Kenntnisse, Handgriffe aller Art, und

selbst die Chemie darf nicht fehlen. Denn das Zersetzen eines tierischen

Körpers mit Kalilauge ist ein chemischer Prozeß.«

Seesterne jeder Gestalt, Würmer, Krabben und mehrere Fische, sogar ein

ganz kleiner Haifisch bildeten den Rest des ergiebigen Fanges, dessen

Einteilung und Aufbewahrung mehrere Stunden in Anspruch nahm. Alle diese

Schalen sollten vom nächsten Hafen nach Hause geschickt werden, man

mußte sie also vorher reinigen und von ihren Insassen vollständig

befreien; der Hai wurde zum Ausstopfen bestimmt und die Würmer in

Spiritus gesetzt, kurz, man hatte alle Hände voll zu thun, als plötzlich

ein lauter Schreckensruf über das Deck dahinschallte.

»Land! Land! -- Wir laufen geradeswegs auf den Strand.«

Rua-Roa hatte mit bleichem Gesicht und dem Ausdruck des Entsetzens die

Worte hervorgestoßen; jetzt deutete seine erhobene Rechte auf das Meer

hinaus. »Seht doch! Seht doch! -- Wir sind unrettbar verloren.«

Vom Ausguck her erscholl fröhliches Lachen, auch Papa Witt schmunzelte,

und der Kapitän rief aus der Kajütte herauf ein kräftiges:

»Donnerwetter, Junge, entdeckst du neue Weltteile?« -- Dennoch aber

entstand im ersten Augenblick ein Laufen und Fragen, ein Durcheinander,

wie es bei jedem Schreckensschrei sich zu entwickeln pflegt; die kleine

Gesellschaft drängte zum Schiffsrand, sämtliche Arbeiten wurden

vergessen, und aller Augen suchten den gefürchteten Strand.

In geringer Entfernung vom Schiff erschien auf den Fluten eine

unübersehbare grüne Fläche. Schlanke Halme wogten im Wind, nirgends war

von Wasser eine Spur zu bemerken, kleinere Vögel hatten sich in dem

dichten Grün häuslich niedergelassen, und sogar liegende Baumstämme,

Zweige mit Laub und Blüten trieben an den Kanten. Das Ganze schien

regungslos auf der Oberfläche des Meeres zu schwimmen, es sah aus wie

eine üppige Grasfläche, so daß selbst Holm dem inzwischen an Deck

gekommenen Kapitän fragend und einigermaßen erstaunt entgegenblickte.

»Was in aller Welt ist das?« rief er.

»Eine Seewiese!« lächelte der Alte, »und eine sehr unbedeutende sogar.

Das, was Sie da sehen, ist der sogenannte Seetang, die bekannte grüne

Alge, welche massenhaft in allen Meeren vorkommt. Diese Wiese ist in

ihren ersten Anfängen irgendwo vom Grunde losgerissen, weitergetrieben

und anderen treibenden Pflanzen begegnet, das alles hat sich verflochten

und verfilzt, ist gewachsen und zur ansehnlichen Fläche geworden, bis

endlich eine förmliche, treibende Insel entstand. Dergleichen findet man

sehr häufig.«

Er rief den Decksjungen und befahl ihm, einige große Stücke Steinkohlen

zu bringen. »Sehen Sie her, wie dicht mit der Zeit ein solches Gewebe

wird!« fügte er hinzu.

Seine Rechte warf auf das grüne Ufer, an dem man hart vorüberfuhr, eine

Kohle, die auf der Oberfläche liegen blieb. Es sah aus, als gleite das

Schiff dahin am friedlichen, fruchtbaren Gestade, als sei die Reise eine

Fahrt durch den engen, dörflichen Fluß, dessen Ränder Wiesen und Äcker

begrenzen. Länger als eine Viertelstunde währte diese Täuschung, dann

blieb das Eiland mit seinem saftigen, erquickenden Grün allmählich

hinter dem Dampfer zurück, und schon vor Mittag war es den Blicken

entschwunden.

Das Diner wurde wie gewöhnlich bei schönem Wetter an Deck eingenommen,

der Koch hatte zu den frischgefangenen Krebsen die notwendige Schüssel

mit Spargel hergerichtet, dazu gab es von Surabaja her noch Kartoffeln

und Hühner; die Mahlzeit war also ganz danach angethan, ihre Teilnehmer

besonders zu befriedigen und an die Heimat zu erinnern. Seit länger als

anderthalb Jahren befanden sich die Reisenden unterwegs, aus den

Stadtkindern von zarter Gesichtsfarbe und lang aufgeschossenem Wuchs

waren derbe, sonnenbraune junge Leute geworden; Hans zeigte keine Spuren

früherer Kränklichkeit mehr, sein älterer Bruder behauptete sogar, in

nicht allzu ferner Zeit ein Rasiermesser anschaffen zu müssen, und

selbst Holm hatte sich kräftiger entwickelt, wie alle gesunden Menschen,

die viel Seeluft genießen und in weiten Fußwanderungen ihre Muskeln

stärken; -- Westafrika, Madagaskar, Mauritius, Ceylon und Java waren

durchforscht, Gefahren aller Art bestanden und Schätze des Wissens

eingesammelt worden; -- um so häufiger aber dachten die Herzen der

Weltumsegler gerade der engen nordischen Heimat; mitten in den

Prachtbildern der südlichen Zone erschien ihnen oft im Traume das

Antlitz der Vaterstadt, und schöner und entzückender als die Tropen mit

aller ihrer Reichtumsfülle deuchte den weit Entfernten der Elbstrand, an

dem sich daheim das Elternhaus erhob. --

»Schiff in Sicht!« rief der Matrose am Ausguck, und wenige Augenblicke

später fügte Papa Witts Stimme hinzu: »Ist ein Hamburger! -- wahrhaftig,

ich glaube sogar, einer von unseren eigenen Dampfern!«

Der Kapitän sprang auf und sah durch das Fernrohr. »Richtig, es ist der

»Julius Cäsar«!« rief er, »ich erkenne ihn am Bau.«

Jetzt kam Bewegung in die jungen Leute. Der »Julius Cäsar« war daheim

auf Steinwerder erbaut, sie kannten den Kapitän und durften hoffen, noch

mehr als ein vertrautes Antlitz an Bord zu entdecken. Das beste aber

war, sie würden ganz neue Nachrichten erhalten, würden dieses und jenes

erfahren, was zu Hause inzwischen passiert war, und selbst mit denen

sprechen können, die das alles angesehen hatten; -- ihre Ungeduld, ihre

sehnliche Erwartung stieg von einem Augenblick zum andern. --

»O, Herr Kapitän, wenn nur das Schiff nicht achtlos an uns

vorüberfährt!« rief Hans.

»Hat keine Not, mein Junge. Sie beobachten uns ebensowohl als wir sie.

Aha, da hörst du es!«

Ein Kanonenschuß rollte über das Wasser dahin, ein zweiter und dritter

folgten. Die »Hammonia« war erkannt, der Kapitän vom »Julius Cäsar«

grüßte den schwimmenden Bau, der die Söhne seines Chefs über das

Weltmeer trug. Noch war die Entfernung für einen Anruf durch das

Sprachrohr zu groß, aber dafür antwortete vom Deck unseres Dampfers die

Kanone; beide Flaggen wechselten Zeichen, und endlich begann die

Unterhaltung. Der »Julius Cäsar« war von einer Hamburger Firma für

Batavia gechartert und kam von dort, um nach den Schifferinseln zu

gehen, wo er die Rückfracht für Reeders Rechnung einnehmen sollte, er

fuhr im Augenblick mit Ballast und würde sich die Ehre geben, der

»Hammonia« eine Visite abzustatten.

Nah und näher schwammen die beiden Eisenkolosse an einander heran. Was

deutsche Schiffsbaukunst erfunden und deutsche Hände gefügt, das trug in

seinem sicheren Schoße jetzt am entgegengesetzten Ende der Erdkugel

deutsche Herzen auf unergründlichem Weltmeer einander entgegen;

Deutschlands Flagge entfaltete rauschend ihr leuchtendes Schwarzweißrot;

hüben und drüben wurden die Hüte geschwenkt; jubelnde Zurufe bekundeten

das gegenseitige Erkennen, und dann lagen beigedreht, rastend vom

eilenden Laufe, die beiden Gottfriedschen Schiffe Seite an Seite; von

jedem Bord senkten sich die Boote ins Wasser, und alles was Urlaub

hatte, das machte dem neugewonnenen Nachbar einen Besuch, alles was

Stimme hatte, das grüßte die Landsleute, das sprach ein Wort des

Willkommens, der Freude.

Vor wenigen Monaten waren ja die Leute vom »Julius Cäsar« noch in

Hamburg gewesen; der Kapitän hatte den Papa und die Mama persönlich

gesehen, sie gesund und glücklich verlassen; er berichtete hundert

Einzelheiten von zu Hause und wurde doch unaufhörlich nach allem

Möglichen gefragt, mußte über die geringsten Kleinigkeiten Auskunft

geben und beinahe mehr antworten als er Atem hatte. Die Matrosen auf

beiden Schiffen erhielten einen freien Tag und eine Extraration Rum; die

Handharmonika wurde hervorgeholt, in aller Eile ein bißchen für den

äußeren Menschen gethan, und dann entwickelte sich auf dem engen Raum

des Verdeckes ein lustiges Tänzchen, wobei die Leichtmatrosen als Damen

galten, aber trotzdem ihren Anteil an Grog und Kautabak bestens

entgegennahmen. In der Kajütte wurde bei Kaffee und Kognak geplaudert,

während die alten heimatlichen Melodieen, die Hamburger Straßenklänge

über das weite Wasser dahinschallten und die derben Stiefel der

Mannschaft den Takt vernehmlich stampften.

»Drucks nicht so, drucks nicht so, -- Kommt 'ne Zeit, bist wieder froh!«

--

Die Reisegenossen sahen einander an. Wie oft hatten sie es erfahren!

Und leise, leise fielen sie ein in die bekannten Strophen. Es lag doch

in diesem Wiedersehen auf hohem Meere außer der Freude auch ein stiller,

beinahe feierlicher Ernst. So nahe dem Tode, nur durch eine schwache

Wand von der Tiefe getrennt, durch die ganze Erdkugel von der Heimat und

allen Lieben geschieden, an den höchsten Zielen der Menschheit, ihrer

wissenschaftlichen Aufklärung mitarbeitend und selbst das Höchste

genießend, was wenigen Glücklichen beschieden ist, sich frei und

ungehemmt, vom äußerlichen Druck der Verhältnisse unberührt, nach Wunsch

und Bedürfnis einrichten zu können, -- wie lagen hier die ernsten,

schwerwiegenden Kontraste des Lebens so nahe bei einander, wie gingen

untrennbar verflochten Hand in Hand die edelsten geistigen Genüsse und

die vollkommenste Selbstentäußerung tausend und abertausend Beschwerden

gegenüber.

Der Abend dämmerte schon, und die Sterne bezeichneten den Kurs, als

endlich an den Aufbruch gedacht wurde. Wie viel Neues hatten nicht die

Wanderer erfahren, mit wie vielem Stolz und Vergnügen hatten sie gehört,

daß hinter den Gittern des Zoologischen Gartens und im Museum alle ihre

Sendungen, namentlich der reiche Fang von Mauritius den Landsleuten als

ein Teil der gemachten wissenschaftlichen Ausbeute täglich vorgeführt

wurde. Die großen seltenen Muscheln waren unbeschädigt, die

ausgestopften Tiere wohlerhalten angelangt, die lebenden erfreuten sich

des besten Gedeihens; Kapitän Hollberg hatte daheim in Hamburg jedes

einzelne gesehen und bewundert; auch das erste Buch von Franzens

Reiseerinnerungen, lauter Bleistiftskizzen aus dem Urwalde, im Zelt oder

auf hoher See gefertigt, war mit dem Postdampfer richtig angekommen,

Mama zeigte es mit Stolz allen Freunden des Hauses, und sämtliche

Klassenkameraden ihres Sohnes drängten sich, um darin blättern zu

dürfen.

Noch immer anderes, immer mehr gab es zu berichten, und doch mußte jetzt

die Trennung erfolgen. Ein herzliches Lebewohl wurde ausgetauscht, ein

Glückauf von Bord zu Bord, die Ziehharmonika ging unvermerkt über in die

Melodie von »Muß ich denn, muß ich denn zum Städtle hinaus!« -- Die

Dampfmaschinen begannen abermals ihre Thätigkeit, nach rechts und links

wandte das Steuer den schlanken Bau, und die Flaggen wehten

Abschiedsgrüße.

»Übers Jahr, übers Jahr, wenn ich wied'rum komm!« sangen die Matrosen;

von hüben und drüben dröhnten die Kanonen den Baß, und weiter und weiter

dehnte sich zwischen den Schiffen das blaue, bewegliche Element. --

Nichts mehr zu erkennen jetzt, die Abendschatten umhüllten mit ihren

Schleiern jegliche Form, nur zuweilen flog ein Seevogel über das Deck

dahin, und eintönig schlugen, immer drei und drei, die Wellen gegen den

Rumpf; sonst alles still, so still wie nach einem Abschied das Herz

zurückbleibt, -- einsam und heimlich schauernd.

Franz suchte den Malagaschen. Der war eigentlich heute ganz

vernachlässigt worden, man hatte seiner vergessen, als so plötzlich die

Heimat ihre Boten sandte. Rua-Roa saß hinter der Kombüse und sah mit

gekreuzten Armen über das dunkle Meer hinaus; Franz erschrak, als er das

blasse Gesicht seines Freundes heimlich beobachtete; er legte ihm die

Hand auf die Schulter. »Woran denkst du, Rua?« fragte er halblaut.

Der Malagasche zuckte leicht. »Waren das deine Brüder, Herr?« sagte er

nach einer Pause. »Männer aus deinem Lande?«

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 11 / 21 题