Tippoo pfiff seinen Sklaven. »Schakale« sagte er. »Sucht die Ausgänge.«

Und während sich die Singhalesen gehorsam entfernten, um von allen

Seiten den Gebirgspaß zu umschleichen, berichtete er den Weißen, daß

sich höchstwahrscheinlich ein Rudel von vielleicht ein- bis zweihundert

Schakalen hier im Berge zusammengefunden habe, um den Enten und Gänsen

der Veddas einen Besuch abzustatten, und daß diese hungrige Meute nun

von den plötzlich eindringenden Kugeln erschreckt worden sei. »Wenn

meine Leute den Zugang gefunden haben,« schloß er, »dann schießt ihr aus

nächster Nähe in die offene Spalte hinein, während wir die roten

Gesellen in Empfang nehmen, sobald sie erscheinen.«

»Ganz gut, Freund Häuptling, aber was wollt ihr mit einem Tier, dessen

Fleisch ungenießbar, und dessen Fell unverwendbar ist?«

»Wir verkaufen die Jungen nach Galle oder Kolombo, Herr. Wozu hätte ich

Sklaven, wenn sie mir nichts verdienen müßten? Der die beiden jungen

Tiger hinbringt, kann auch Schakale mitnehmen.«

Tippoos Talent zum Finanzminister wurde allerseits anerkannt, und als

die ausgeschickten Sklaven zurückkamen, war der Feldzugsplan genau

entworfen. Rechts vom Dorfe war ein stark befahrener Schacht, an dessen

äußerer, enger Mündung zahlreiche rote und graue Haare verrieten, daß

sich alte, ausgewachsene Tiere in starker Anzahl hindurchgedrängt haben

mußten; weitere Zugänge fanden sich nicht, und durch den vorderen Spalt

konnte unmöglich auch selbst der magerste Schakal ins Freie gelangen;

die Singhalesen nahmen also zu beiden Seiten des Schachtes Stellung

hinter den Bäumen und in den unteren Zweigen derselben; Franz mit

Rua-Roa hatten sich fast ganz an den Ausgang gedrängt, und Holm und die

beiden anderen standen vor dem Spalt.

In aller Augen glühte die Jagdlust; die gefährliche Lage, in der man

sich den raubsüchtigen Wilden gegenüber befand, war vergessen; man

dachte jetzt nur noch an die räuberischen Tiere, welche diesen Bau

bewohnten und an das Vergnügen, sie herauszutreiben.

»Feuer!« kommandierte Tippoo.

Drei Kugeln flogen in den Berg hinein, drei weitere folgten, Pulverdampf

und schauerliches Geheul drangen aus dem Spalt hervor; dann entstand ein

Toben und Drängen, ein Scharren wie von vielen hundert Füßen, und

endlich stürzte die rote Meute, einander überkollernd, schreiend in

rasendem Lauf den harrenden Todfeinden entgegen. Es war offenbar für die

nächtlichen Räuber ein letzter, von der Verzweiflung eingegebener

Entschluß, sich am hellen Tage hinauszuwagen in das Dorf, aber die

einschlagenden Kugeln da drinnen führten eine so beredte Sprache, daß

jedes Schwanken im Keime erstickte; -- brausend wie ein entfesselter

Strom ergoß sich das rote Heer.

Bei dieser seltsamen Massenjagd war es für die Schützen nicht nötig, zu

zielen. Wo aus einem engen Schacht in ihrer unmittelbaren Nähe das Wild

herausquoll wie Wasser aus einem Brunnen, da hinein brauchten sie nur zu

feuern oder ihre eisenbeschlagenen Wurfspieße zu schleudern, und Opfer

nach Opfer war ihnen gewiß.

[Illustration: Die Schakalhöhle auf Ceylon.

»-- brausend wie ein entfesselter Strom ergoß sich das rote Heer.«]

Holm schoß immer noch in den Spalt, bis zuletzt auch die alten Weibchen

der Schakale mit ihrer Nachkommenschaft sich zur Flucht entschlossen.

Ganz junge Tierchen, kaum so groß wie ein neugeborener Pudel, noch

unsicher gehend, aber doch mit Raubtierblicken um sich schauend, folgten

den fliehenden Müttern, und eben darauf hatten die Singhalesen gewartet.

Sie umringten zu vier oder sechs ein solches kleines Füchschen und

ergriffen es trotz seines ängstlichen Sträubens, keineswegs aber ohne

eigene Leibesgefahr. Die Weibchen gerieten in Wut, als sie die Not ihrer

Kleinen sahen und wandten sich angreifend gegen die Singhalesen, welche

indessen den Kampf mit diesen Tieren schon aus Erfahrung kannten und auf

Gegenwehr von seiten der Mütter gefaßt waren.

Fünf oder sechs Spieße bohrten sich in den hundeähnlichen rot- und

graubehaarten Körper des Schakals, sobald er zum Sprunge ansetzte, um

den Räuber seines Kindes mit den Zähnen zu packen, zuweilen freilich

nicht früh genug, nicht ehe das scharfe Gebiß die nackten Lenden der

Männer erfaßt und furchtbar zerfleischt hatte, immer aber so

rechtzeitig, daß das erbeutete Junge von anderen, die im Augenblick

herzueilten, in Sicherheit gebracht werden konnte. Nachdem auf diese

Weise sechs kleine Schakale gefangen waren, befahl Tippoo, die Jagd

einzustellen, d. h. nur noch zu erlegen, was nahe genug kam, aber keine

Jungen mehr zu ergreifen.

Franz und Rua-Roa schossen unaufhörlich den Fliehenden nach, wenigstens

fünfzehn bis zwanzig tote Schakale lagen auf der Walstatt, ebenso viele

und noch mehr schleppten sich mit Wunden bedeckt davon, um in den

nächsten Gebüschen zu verenden, und wieder andere wanden sich im

Todeskampfe zwischen den Dorfhütten. Negerinnen, Kinder und Geflügel

waren, um die Wette schreiend und kreischend, entflohen, die Luft

ringsumher von Pulverdampf erfüllt und der Boden schlüpfrig vom

vergossenen Blut, unter den Bäumen verbanden die Singhalesen so gut sie

konnten ihre zum Teil recht bedeutenden Wunden, und vom Spalt her

näherten sich die drei, welche dort postiert gewesen, dem eigentlichen

Kampfplatz.

Franz und der Malagasche hatten jeder mehrere von den großen Männchen

erschossen; sie bedauerten lebhaft, daß es anstatt der wertlosen

Schakale nicht lieber Leoparden gewesen; so hätten sie doch wenigstens

die Felle als Siegeszeichen aufbewahren können; -- mit den

fuchsähnlichen, fahlgelben, rötlichen oder grauschwarzen groben Pelzen

war eben gar nichts anzufangen, dennoch aber glühte die Jagdfreude in

den beiden hübschen Gesichtern und einstimmig wurde beschlossen, ein

Pärchen der jungen Tiere dem Singhalesen abzukaufen und nach Hamburg zu

schicken.

Tippoo trieb zum Aufbruch. »Die schwarzen Hunde haben das alles mit

angesehen,« versicherte er, »sie wissen nun, was ihrer harrt.«

»Glaubst du denn ganz bestimmt, daß wir noch angegriffen werden,

Häuptling?«

Der Singhalese nickte. »Warum wären sonst die Männer fortgegangen? --

Überhaupt leben seit Jahr und Tag die Veddas mit meinem Volk im Krieg;

wir erschlagen sie, wo wir ihnen begegnen.«

Holm unterdrückte einen Seufzer. Dieser Kampf mit vernunftlosen Wilden

war ihm unerwünscht; er wollte weder die armen, vertierten Geschöpfe in

ihrer Existenz bedrohen, noch sich und den Seinen von ihnen Schaden

zufügen lassen; aber dergleichen Empfindungen hätte der braune Häuptling

durchaus nicht verstanden, es war also besser, sie in sich zu

verschließen und dem Unabwendbaren so gefaßt als möglich entgegen zu

gehen.

Er wußte, daß dieses Volk die Wurfspieße nicht vergiftete, und vertraute

darauf, daß die Feuerwaffen den Sieg bringen mußten; er beruhigte sich

also mehr und mehr und vermochte das unbehagliche Gefühl, welches ihn

überschlichen hatte, den Knaben gänzlich zu verbergen.

Während des ganzen Tages herrschte drückende Hitze, die sich gegen Abend

in einem Gewitter entlud. Der Häuptling hatte auf kürzestem Wege eine

ihm bekannte Stelle erreicht, wo sich Felspässe in- und durcheinander

schoben, hier eine glatte Mauer den Pfad versperrte, dort eine Höhle das

Nachtdunkel ihrer weiten Öffnung den Wanderern unheimlich darbot. Er

lächelte grimmig, als im Dämmerlicht des scheidenden Tages die

wildromantische Gegend vor seinen Blicken auftauchte. »Das ist

Singhalesengebiet,« sagte er, »die Schwarzen kennen es vielleicht gar

nicht, aber auch selbst wenn sie bereits hier waren, fehlt ihnen doch

jedenfalls nähere Kundschaft über die Örtlichkeit. Sie sollen alle mit

dem Tode zahlen.«

Er ordnete nun, den Oberbefehl wie selbstverständlich an sich nehmend,

zunächst an, daß keine Zelte oder Hängematten aufgeschlagen würden, daß

auch kein Feuer brenne, vielmehr jeder einzelne Mann, so gut er es

vermöge, mit Waffen und Kleidern auf dem nackten Erdboden schlafen und

mit kalter Kost fürlieb nehmen solle. »Unserer sind alles in allem

vierzig,« setzte er hinzu, »der Schwarzen aber vielleicht zweihundert,

es ist daher Vorsicht durchaus geboten. Komm, Herr, ich will dir zeigen,

wie die Schmutzgesellen in die Falle laufen sollen.«

Er ließ zwei mit Fackeln aus einer Art wohlriechendem Harz versehene

Sklaven vorangehen und folgte mit dem jungen Gelehrten in die Höhle,

unter deren natürlichem Vorsprung man sich gelagert hatte. Wechselnde

Lichter und Schatten trafen eine hohe, gewölbte Decke, Schlangen

huschten an den Wänden hin, und Eidechsen schlüpften über das Gestein.

Nachtschmetterlinge umflatterten neugierig das ungewohnte, helle Licht,

große Eulen streiften schweren Flügelschlages die Köpfe der Wanderer,

und Fledermäuse schwirrten nach allen Seiten durch die Luft.

Rechts im Hintergrunde dieser weitgedehnten Höhle zweigte sich ein enger

Weg ab, den nur wenige Menschen zugleich betreten konnten. Vorspringende

Felsstücke verdeckten ihn dem Auge; -- wer nicht wußte, daß hier ein

Pfad hinausführte in den Wald, der mochte tagelang suchen, ehe er ihn

fand. Anderseits brauchte nur an der rechten Stelle einer dieser

umherliegenden Blöcke etwas verschoben zu werden, und der enge Durchgang

existierte nicht mehr.

Tippoo stand still; sein Auge glänzte, seine ganze Haltung war straffer

geworden. Er deutete mit der Rechten zum anderen Ausgang. »Dort denken

uns die feigen, schwarzen Hundesöhne zu überfallen und uns trotz der

Feuergewehre durch ihre Mehrzahl zu erdrücken,« sagte er. »Weißt du, was

ihnen dafür zu teil werden soll? Wir flüchten in die Höhle hinein bis an

diesen Seitenpfad und locken im Dunkel die Verfolger nach, während uns

selbst der Engpaß sicher hinausführt. Sie kennen die Felsen nicht, sie

drängen ungestüm vorwärts und wähnen, daß ihre List uns sämtlich in die

Falle gelockt hat, -- unterdessen aber sind wir schon auf Umwegen wieder

hier, gedeckt durch die großen Blöcke; wir haben das Wild schußgerecht

in der Höhle, aus der es kein Entrinnen gibt. Ihr feuert, feuert, bis es

drinnen still wird, bis kein Angstschrei mehr die Luft zerreißt, --

Schakale oder Neger, das ist gleichviel; heute morgen bei der Jagd auf

die roten Räuber dachte ich an diese Felsen; -- es soll kein Schwarzer

entkommen; noch nachgeborne Geschlechter sollen mit Staunen von der

Heldenthat Tippoos sprechen, -- die Singhalesen werden ihre Hände baden

in dem Blute der schlechten Veddas.«

Als er seine Rede beendet hatte, winkte der Häuptling den Sklaven wieder

umzukehren. »Ihr Weißen bleibt zwischen den Felsspalten vorn am Ausgang

der Höhle versteckt,« sagte er. »Meine Leute und ich, wir locken die

Schwarzen hinein. Erst wenn ihr mich rufen hört, gebt ihr Feuer.«

Holm nickte stumm. Er hielt es für unnötig, jetzt dem braunen Halbwilden

zu widersprechen, aber dennoch stand der Entschluß, das beabsichtigte

Blutbad um jeden Preis zu hintertreiben, in ihm vollkommen fest. Das

»Wie« mußte der Augenblick entscheiden.

Die Fackeln erloschen; im letzten Tagesschein wurde gegessen und

getrunken und dann die Ruhe gesucht. Von den Negern war weit und breit

keine Spur zu sehen.

Der Donner krachte, Blitze durchzuckten die dunkle Luft, ganze Fluten

warmen Regens ergossen sich. Es hätte den unter dem natürlichen

Wetterdach Gelagerten ganz behaglich zu Mute sein können, wäre nur nicht

der Gedanke an die Schwarzen immer wieder als Störenfried in den

Vordergrund getreten. Aber wer konnte denn behaupten, daß sie wirklich

in der Nähe waren?

Eintönig rauschte es herab, und eintönig sang in den Laubkronen der

Wind; man schloß die Augen, um sich vom Blitz nicht blenden zu lassen;

man lebte seinen eigenen Gedanken und spann sich hinein in Traumfäden,

die halb Wirklichkeit, halb Phantasiegebilde waren. Stunden vergingen,

die Weißen schliefen, draußen am Eingang aber wachten und spähten die

Singhalesen.

Tippoo war der Vorderste. Sein Gesicht lag auf dem Arm, er horchte! und

als wieder der schwefelgelbe Schein aus den Wolken herabschoß, tauchte

sein Blick bis tief in den gegenüberliegenden Waldesschatten. Nein,

nein, er hat sich nicht geirrt, dort unter den Bäumen regte es Hunderte

von schwarzen Gliedern; es drang im Schutz der Dunkelheit langsam vor,

-- jetzt waren sie da, die Veddas, die Verhaßten.

Seine Hand glitt über die Gesichter der Weißen, seine Lippen berührten

fast ihre Ohren. »Auf! auf! -- Seid still, wenn euch euer Leben lieb

ist!«

Holm hatte sich am schnellsten aufgerafft. »Häuptling,« sagte er, »bleib

bei uns. Laß deine Leute die Schwarzen hierher locken und dann habe ich

dir einen Vorschlag zu machen.«

»Welchen?« fragte hastig der Singhalese.

»Davon später,« entschied Holm. -- »Ach, sie kommen!«

Wie eine Herde brüllender Teufel stürzten sich die Schwarzen in den

Felspfad, welcher zur Höhle führte. Während die bei weitem größere

Hälfte der Singhalesen versteckt blieb, entfloh die kleinere auf des

Häuptlings Anordnung in das Innere den Negern voran, so daß diese bei

dem Schein des Blitzes die weißen Gestalten verschwinden sahen und ihnen

mit dem Geheul des höchsten Triumphes nachsetzten. Sie wußten ja, wie

sehr ihre Anzahl den Gegnern überlegen war.

Dunkle Massen wälzten sich bergauf, die Höhle konnte viele Hunderte von

Menschen fassen; mehr und immer mehr nackte schwarze Körper drängten

nach, nun mußten alle im Innern des Berges sein, sie schrieen und

jauchzten, heulten und brüllten wie Wahnwitzige.

Jetzt glaubte ihr Unverstand die Singhalesen wehrlos und zitternd im

finsteren Winkel zusammengepfropft, jetzt hielten sie sich für die

Herren des Schlachtfeldes und begannen ihren Siegestanz, noch ehe ein

Tropfen Blut geflossen war. Nahe vor dem Versteck der Weißen am Ausgang

der Höhle trieben sie ihre unsinnigen Sprünge, kreischten und warfen die

Arme in die Luft, hüpften wie Tollhäusler auf einem Beine hin und her.

--

Holms Rechte legte sich mit festem Griff um den Arm des Häuptlings.

»Tippoo,« sagte er leise, »willst du Geld verdienen? -- viel Geld?«

Das Wort hatte für den schlauen Gelben einen wahren Zauberklang.

»Womit?« fragte er kaum hörbar, atemlos vor Begier, »womit, Herr?«

»Indem du deinen Leuten befiehlst, sich einzeln, verstohlen aus dem

Bereich dieser rasenden Teufel zu schleichen und uns in einiger

Entfernung an einer bestimmten Stelle zu treffen, Häuptling. Wir fliehen

voraus, -- dann haben die Neger im Dunkel unsere Spur verloren. Ich will

kein Blutvergießen, Tippoo, hörst du, ich will es nicht. Fünfhundert

Rupien sind dein, wenn du thust, was ich verlange.«

Der Häuptling kämpfte einen schweren Kampf zwischen Ehrgeiz und

Habsucht. Fünfhundert Rupien waren eine große Summe, aber dennoch,

dennoch, -- die Veddas besiegt zu haben, galt noch mehr.

»Herr,« ächzte er unschlüssig, »wenn uns die Schwarzen verfolgen und

finden sollten, wäre der Ausgang unsicher, hier dagegen haben wir den

Sieg in Händen.«

Er sprach noch, als plötzlich bei dem Schein eines Blitzes ein völlig

unerwarteter Anblick sich zeigte und der ganzen Sachlage ein verändertes

Antlitz gab. Drinnen in der Schlucht tobte der Höllenlärm der

siegestrunkenen Schar, und draußen vor derselben, den Versteckten so

nahe als den Schwarzen, funkelten glühende Katzenaugen durch die Nacht,

dehnten sich scheckige Glieder und lechzten blutrote Zungen. Zwei große

Leoparden streiften mit ihrem heißen Atem die Stirnen der Weißen. -- --

»Tippoo, ich beschwöre dich, gib nach! An diesen Wächtern vorüber können

uns die Neger nicht schnell genug verfolgen.«

Der Singhalese schwankte nicht länger. Ein paar Worte, seinem nächsten

Sklaven zugeraunt, genügten, diesen zu verständigen; der Mann verschwand

schattengleich und ebenso schnell huschten die übrigen den Weg durch die

Felsen voran in den Wald hinab. Zwei Minuten später hielt das Dunkel

unter den Bäumen die ganze kleine Gesellschaft in seinem Schutz, während

die Singhalesen, immer einer nach dem anderen, laufend folgten. Als der

letzte zu den Seinigen gestoßen war, verwandelte sich da oben im Berge

das satanische Triumphgeheul in die Laute des höchsten Erschreckens.

Wahrscheinlich hatten die Leoparden einen plötzlichen Angriff

ausgeführt.

Tippoo seufzte. »Schade,« sagte er, »schade, die Gelegenheit war so

günstig.«

»Auf,« ermahnte Holm, »auf Häuptling, wir müssen eilen.«

Der ganze Zug setzte sich in Bewegung, erst langsam, des tiefen Dunkels

wegen, dann, als dichte Gebüsche den Rückweg deckten, im Schein von

dreißig Fackeln so schnell als nur möglich. Gegen Morgen war jede

Gefahr, welche von seiten der Schwarzen gedroht hatte, geschwunden.

»Ich möchte ihr Erstaunen gesehen haben,« lachte Franz. »Wie sie wohl

suchten und suchten und sich hundertmal an allen Felsecken stießen,

gewiß glauben sie jetzt an Zauberei.«

»Natürlich. Da sie fast niemals Weiße sehen, halten sie dieselben

ohnehin für Wesen, die mit den bösen Mächten in Verbindung stehen. Eins

weiß ich gewiß, daß sie nämlich jetzt wie gehetzte Hasen in ihr Dorf

zurückflüchten. Schade, schade, wir hätten einen ganzen Stamm ausrotten

können.«

Holm lächelte und nickte mit den Augen dem Doktor, der eben seiner

höchsten Entrüstung Worte geben wollte. »Du sollst es nicht bereuen,

dich unseren Wünschen gefügt zu haben, Häuptling,« sagte er, »wir werden

dir den versprochenen Lohn unverkürzt auszahlen und außerdem auch noch

einen anderweitigen für deinen Geldbeutel sehr ersprießlichen Vorschlag

machen. Freilich im Augenblick ist uns nichts so nötig als Schlaf.«

Das erkannten alle, und im Schatten hoher Tamarinden und Arekapalmen,

eingesungen vom Chor der buntgefiederten Waldbewohner, schlummerten sie

diesmal dem Sonnenaufgang entgegen, obwohl freilich aus den

regenschweren Zweigen bei jedem Windstoß ganze Schauer von Tropfen

herabrauschten und stellenweise alle Kleider durchnäßten. Das konnte

nicht nachteilig sein, Luft und Wasser waren warm, der Wind schaukelte

die Hängematten wie auf hoher See, die Gefahr lag hinter den kecken

Abenteurern, -- sie schliefen bis Mittag, während die Singhalesen längst

ein Feuer mit vieler Mühe entzündet hatten und daran ihre durchnäßten

Kleider trockneten.

Nach einem erfrischenden Bade wurde die Reise fortgesetzt und das Dorf

auf den Bäumen in einigen Tagen glücklich wieder erreicht. Hier kam nun

Holms Vorschlag zur Sprache. Er wollte die beiden Matrosen, welche

unterdessen eine wahre Küchenrevolution unter den Frauen veranlaßt

hatten, in Begleitung einiger Sklaven zum Schiff zurückschicken und den

Kapitän auffordern, ohne seine flüchtigen Passagiere nach dem Hafen von

Galle zu steuern und dieselben erst da wieder an Bord zu nehmen. »Du,

Freund Tippoo,« setzte er hinzu, »bringst uns mit einem guten Gefolge

nach diesem Hafenplatz und bekommst dort dein Geld. Ich möchte einmal

mit eigenen Augen sehen, wie sich auf einer und derselben Insel Schritt

um Schritt die tiefste Vertiertheit des Menschengeschlechts in

europäische Kultur verwandelt. Bist du einverstanden, Tippoo?«

Der Singhalese nickte, und so machten sich denn die beiden Teerjacken in

Begleitung mehrerer Sklaven, schmerzlich betrauert von der weiblichen

Bewohnerschaft des Dorfes, an einem schönen Morgen auf den Weg, während

die Herren mit dem Häuptling und einer Schar dienstbarer Geister den

Marsch in der Richtung auf Galle antraten. Madame Tippoo und ihre

Kleinen hatten reichliche Geschenke erhalten; von dem ganzen sauberen,

gastlichen Dorfe ward ein freundschaftlicher Abschied genommen, und

sowohl Schakale als auch die jungen, inzwischen tüchtig herangewachsenen

Tiger und ein wildes Pfauenpärchen in Käfigen von Bambusgeflecht den

Sklaven auf den Rücken geschnallt. Allen denen übrigens, die den Zug zu

den Veddas mitgemacht, verabreichten Holm und der Doktor ein anständiges

Geschenk, -- Tippoo erlaubte gnädigst, daß sie es annehmen durften.

Und so wurde von Dorf zu Dorf der Weg durch das paradiesisch schöne Land

zurückgelegt; erst einzeln, dann immer zahlreicher erhoben sich aus dem

Grün der Wälder die stattlichen Kaffee- und Zimtpflanzungen; es

erschienen Wirtshäuser, europäische Speisen, weiße Menschen und endlich

zwischen Kolombo und Galle schaukelnd im gemächlichen Trott des

Viergespanns ein Omnibus. Die Knaben wollten sich bei diesem Anblick

ausschütten vor Lachen. Da wo sie noch so kürzlich mit Tigern und wilden

Menschen gekämpft, ein Omnibus wie auf dem Pflaster von Hamburg! -- Sie

rasteten nicht, bis das Gefährt in Beschlag genommen war, und bis Weiße

und Wilde, Raubtiere und kreischende Pfauen sehr zum Erstaunen der

Bewohner von Galle auf dem Vierspänner dahergerasselt kamen.

Vorüber an Häusern ohne Fensterscheiben und feste Dächer, vorüber an

Menschen von allen Farben, Negern, Chinesen, Weißen, Indoarabern,

Malabaren und Singhalesen, bis hinaus zum Hafen. Da lag schon die

»Hammonia« vor Anker, da begrüßte Papa Witt mit ein paar tüchtigen

Böllerschüssen die Ausreißer, da fanden sich Briefe von Hamburg und da

dehnte man so recht nach Herzenslust die Glieder in bequemen Betten

wieder aus.

Tippoo wurde von dem Kapitän mit allen Ehren empfangen. Man gab ihm auf

dem Schiffe ein Gastmahl, an dem die Offiziere aller im Hafen liegenden

hamburgischen Fahrzeuge teilnahmen. Er aß auch bei dieser Gelegenheit

keinen Braten und trank keinen Wein, aber man sah, wie sich sein

Häuptlingsstolz geschmeichelt fühlte, wie er erhobenen Hauptes durch die

Straßen ging, als wolle er sagen: »Seht, ich bin der, dem zu Ehren die

Weißen ein rauschendes Fest veranstalteten.«

Nach einem herzlichen, beinahe innigen Abschied von dem Manne, der auf

einem Baum wie ein Vogel wohnte, der ein Wilder war und doch ein so

redliches, ehrenhaftes Herz besaß, nachdem Tiere und Briefe mit dem

Postdampfer abgesandt und die Haufen von Blumen, Pflanzen, Insekten und

Strandgeschöpfen, welche man gesammelt, erst vorläufig untergebracht

waren, lichtete das Schiff die Anker und steuerte den Sundainseln zu.

Neuntes Kapitel.

»Kapitän,« meinte Holm eines Morgens, während der Dampfer den

Sundainseln zusteuerte, »Kapitän, ich hätte Ihnen einen Vorschlag zu

machen.«

»So lassen Sie hören, mein Bester.«

»Ich möchte, ehe wir später nach Australien gehen, noch -- bis zur

südlichen Barriere vordringen.«

»Daß dich!« rief voll Erstaunen der Alte. »Weiter nichts?«

»Nein Kapitän, weiter nichts. Das Geheimnis des Südpols mag immerhin

noch unentdeckt bleiben, aber bis an das Packeis wollte ich doch gern

kommen. Wir brauchen auch die Tiefseegeschöpfe der kalten Regionen, wir

möchten Walfische und Robben, Eisberge und die Brandung der

unzugänglichen Macdonaldinseln kennen lernen. Ein paar Monate werden es

ja thun.«

»Gewiß,« nickte der Kapitän. »Kleine tausend Meilen, was will das

sagen?«

Alles lachte. Daß sich aber der gutmütige Führer dieser Expedition nicht

sträuben würde, die allen Seeleuten so außerordentlich unliebsame Tour

nach dem Südpolarkreise wirklich zu unternehmen, wußten sie trotzdem.

Die Knaben entwarfen bereits lange Listen solcher Gegenstände, welche

für die Tage des Frostes und Schneefalles unerläßlich waren, nämlich

große Mäntel aus Schaffellen, Pelzstiefel und Pelzmützen, Fußdecken und

ein Käfig für die beiden Affen, denen das Spiel im Tauwerk doch leicht

zu ungemütlich werden könnte. Das alles sollte in der nächsten

Hafenstadt gekauft werden, ebenso Harpunen und solche Vorräte, die durch

außerordentlich hohe Kältegrade nicht leiden. »Es muß köstlich sein,

einmal wieder nach Herzenslust zu frieren,« meinte Franz. »Wenn ich

Schnee fallen sehe, dann -- könnte es mich überrumpeln wie Heimweh.«

»Nicht wahr, zu Hause ist's doch am besten?«

»Möchtest du denn immer auf Reisen bleiben, immer fremd am fremden Orte,

ohne eine Heimstätte, die dir gehört, Karl?«

»Gewiß nicht, mein lieber Junge. Andere Gegenden haben vielleicht hohe

Reize, aber die Heimat hat doch den höchsten. Für den Grönländer sowohl

wie für den Tropenbewohner.«

»Ob man sich aber nicht wieder hinaus sehnen wird in die bunte Ferne,

Karl, ob man, nachdem an Auge und Geist die Schönheit aller Länder

vorübergezogen, noch wieder ruhig in Hamburg im engen Kontor sitzen und

-- Profit und Schaden gegen einander abwägen kann?«

Holm lächelte. »Ich hoffe es,« antwortete er nur.

Damit war die Unterhaltung beendet, namentlich weil man mit dem

Schleppnetz fischen und die Tiefe untersuchen wollte. Was an bereits

eingefangenen Krebsen und genießbaren Flossenträgern mit herauf kam, das

wanderte in die Küche, alles andere dagegen wurde präpariert und

verpackt, die Würmer, Schnecken, Quallen und die hübschen Anemonen,

ebenso einige seltene Fische und einmal sogar eine kleine

Wasserschildkröte, deren Art Holm völlig unbekannt war.

So zog die »Hammonia« wochenlang durch den blauen Indischen Ozean dahin,

erst südlich von Sumatra, dann längs der Küste von Java nach Norden.

Als der Hafen von Surabaja nach glücklicher Fahrt erreicht war, wurden

Pferde gemietet und unter Begleitung von Malaien die neue Reise

angetreten. Da hier die Eingebornen an den Verkehr mit Europäern

vollständig gewöhnt und nirgends mehr wild waren, so gestaltete sich

alles leichter, obwohl freilich Kapitän und Steuermann den Ausziehenden

rieten, vor dem treulosen, hinterlistigen Charakter der Malaien auf

ihrer Hut zu sein. »Sie sind sämtlich falsch wie Galgenholz, die gelben

Kerle,« sagte Papa Witt. »Ihren Profit kennen sie wie Juden, und

Gewissen haben sie nicht mehr, als ein schlitzäugiger Chinese, -- nun

hüten Sie sich vor Schaden.«

Die Summe, welche der Anführer der kleinen Schar als Bezahlung empfangen

sollte, wurde verabredet, ein Teil davon als Handgeld gegeben, und dann

begann der Ritt durch weite Ebenen, in denen Reis, Mais, Indigo, Tabak

und Baumwolle üppig gediehen. Alle diese Felder waren nett und sauber

gehalten, die Wege gut im Stande, künstliche Kanäle hindurchgeleitet und

von wilden Tieren keine Spur zu erblicken. Am interessantesten

erschienen die Wohnhäuser der Malaien. Rund wie Bienenkörbe aus Bambus

und einer anderthalb Meter langen Grasart, Alang-Alang genannt,

künstlich geflochten, standen sie auf Pfählen 1¾ Meter hoch über dem

Erdboden und waren ganz regelrecht von Zimmerleuten erbaut. Die Pfähle

steckten in einer Entfernung von 1½ Meter im Boden und bildeten einen

Kreis im Durchmesser von 10 Meter, während die Wand selbst vielleicht 3

Meter Höhe hatte. Das Dach wurde von drei Balken getragen und zeigte

einen hübschen, wie eine Veranda gestalteten Vorbau, in dem jedesmal

mehrere Vogelkäfige hingen, sowie ein eng bevölkerter Bienenkorb, dessen

stachellose Insassen die Javanesen mit Wachs und Honig versorgen. Den

Fußboden dieser nur für Verheiratete gebräuchlichen Wohnungen fanden die

Reisenden in Ermangelung von Betten auf eigentümliche Art hergestellt.

Zuerst grobe Feldsteine auf starken Bambusstäben, dann feinere Steine,

endlich Kies und ganz oben gespaltene Bambusstäbe, die ihre platte Seite

nach außen kehrten. Der Fußboden war also dicht und bequem, viel besser

als ihn unsere Freunde irgendwo in den Dörfern der Eingebornen auf

Ceylon bemerkt; auch befand sich des häufigen Regens wegen die

Feuerstelle inmitten jeder Wohnung. Für Unverheiratete war ein größeres

derartiges Haus, abgesondert von den übrigen, hergestellt.

Alle diese kleinen, gelben, beweglichen Menschen mit wenig schönen

Gesichtern und struppigem, grobem Haar, schienen sorglos in den Tag

hinein zu leben, ihre Arbeiten möglichst oberflächlich und träge zu

bewerkstelligen und den Besuch der Fremden in ihren Dörfern sehr gern zu

sehen. Von der zurückhaltenden Würde der Singhalesen, von ihrem

religiösen Gefühl und ihrem Stolz war nichts zu entdecken, vielmehr

boten alle, selbst die Kinder, den Weißen dieses oder jenes zum Kauf an,

umdrängten sie und ließen nicht ab, bis ihr Besuch im Schauspielhause

für denselben Abend zugesagt war. Die jungen Leute trauten ihren Ohren

kaum. Ein Schauspiel unter den Wilden auf Java! Das übertraf allerdings

die kühnsten Erwartungen. Mit gespanntem Interesse nahmen alle ihre

Plätze in der großen, leicht und luftig erbauten, für die Wandertruppe

auf dem Dorfmarkt errichteten Bude; die seltenen Gäste bezahlten hier

zwar ihre Plätze verhältnismäßig höher als im teuersten europäischen

Opernhause, aber dafür bot sich auch etwas nie Gesehenes, wobei nur die

Gehörsnerven empfindlich litten. Die Musik war nämlich nichts mehr und

nichts weniger als ein Höllenlärm, wobei der Ganelang (ein Glockenspiel)

noch außerdem durch die beständige Wiederholung desselben Tones wahrhaft

betäubend wirkte. Als das Schauspiel begann, jubelten und lachten,

schrieen und jauchzten alle Zuschauer laut durch einander, so daß aus

den Tönen rings umher ein Gewirr, Tosen und Brausen entstand, in dem

jede Einzelheit verloren ging. Freilich hätten die Europäer ohnehin dem

Gange des Stückes nicht folgen können, da ihnen das Verständnis der

javanischen Sprache gänzlich fehlte, aber dennoch gehörte eine tüchtige

Gesundheit dazu, um dies »Vergnügen« ohne Schaden zu ertragen. Der

Doktor klopfte auf Holms Schulter, seine Bewegungen sagten deutlich:

»Ich bin einem Schlaganfalle nahe, lassen Sie mich hinaus!« und Holm

telegraphierte zurück: »Gehen Sie allein! ich stehe in der Brandung und

werde aushalten.«

Dann verschwand der alte Herr, die Knaben stimmten mit der ganzen

Heiterkeit ihres glücklichen Alters in den Jubel und Trubel mit ein, nur

Rua-Roas Gesicht wurde länger und immer länger. Er begriff nicht, was da

vorging, er hielt die Szene für Wirklichkeit und wollte durchaus einem

von Panthern und Tigern verfolgten Eingebornen zu Hilfe eilen, was

natürlich den Frohsinn der übrigen nicht weniger steigerte. Auf der

Bühne wurde indessen der Spektakel immer ärger. Ein Held im vollsten

einheimischen Putz, klirrend von Blech, Messing, Perlen und Schnallen,

bunt von Malerei, mit grimmigen Gebärden und laut brüllendem Tone,

besiegte alle möglichen Ungeheuer, während ein zitterndes, flüchtendes

Mädchen bald auf die Kniee fiel, bald sang und einen sonderbaren Tanz

vollführte; andere Gestalten flogen dazwischen, ein Zweikampf fand

statt, wobei der Besiegte in wirklicher Wirklichkeit durchgebläuet

wurde, und zuletzt schloß das Ganze mit einem Tanz, bei welchem die

Schauspieler jeder nach seinem Belieben ohne Takt oder Ordnung nur wilde

Sprünge und Lärm vollführten.

Als sich unsere Freunde draußen wiedersahen, als ihnen vom Lagerplatz

her der Doktor mit teilnehmendem Gesicht entgegenkam, da lachten alle,

daß ihnen die Seiten weh thaten. Einmal in einem Javanesentheater und

nie wieder! Sie hatten sämtlich das Gefühl, als stehe eine Mühle, deren

Rauschen und Dröhnen bis dahin ihre Nerven betäubt, jetzt plötzlich

still.

»Kinder, genießt erst ein wenig,« ermahnte der alte Herr, »die

Nüchternheit der landesüblichen Speisen wird euer Blut bestens abkühlen.

Reis ohne Fett oder Gewürz und ein trockener Fisch, das ist alles, was

sich auftreiben ließ.«

Man erstand gegen teuren Preis von den Eingebornen dazu einige

Kokosnüsse, und dann nach beendetem Mahle wurde die Nachtruhe gesucht.

Franz und Holm lagen in der Nähe der offenen Thür auf ihrem Mattenlager,

als plötzlich der Knabe die Schulter seines Lehrers berührte. »Du, Karl,

ich bitte dich, hier fliegt alles, was anderswo auf vier Beinen läuft.

Sieh doch einmal dorthin, ein Hund -- große Frösche, alles segelt durch

die Luft.«

Die beiden jungen Leute sahen vor ihren Augen ein Bild sich entrollen,

das allerdings seltsam genug war. An den Zweigen hingen Tiere von nicht

völlig einem halben Meter Länge und mit dunkelbraunem, dicht behaartem

Körper, der in eine vollständige Hundeschnauze auslief. Hundeohren,

Hundestirn und große gutmütige Hundeaugen, alles vereinte sich, um die

Täuschung zu vollenden; erst der schwarze mantelartige Hutschirm über

dem ganzen Körper, die Flugbreite von wenigstens 1¾ Meter verrieten die

Fledermaus, deren riesigstes Exemplar, der Kalong oder fliegende Hund,

hier massenhaft vorkam. Rechts und links schossen die großen Tiere durch

die Luft, an allen Fruchtbäumen in den Gärten hingen ihre langen

Krallen; kein Zweig, keine Sorte blieb unbenascht. Die sonderbaren Tiere

mußten sehr friedlicher, zahmer Natur sein, da sie sich so in die

unmittelbare Nähe der menschlichen Wohnungen wagten.

»Ob ich schieße?« zögerte Holm. »Haben möchte ich ein solches Exemplar

um jeden Preis, aber man weiß nicht, wie die Sache aufgenommen wird.«

»Hm, -- im Freien darf man am Ende doch schießen.«

Nach kurzem Besinnen kletterte der junge Gelehrte zur Thür hinaus und

wollte eben hinter einer Palme Posto fassen, als, wie aus dem Boden

gewachsen, mehrere Eingeborne vor ihm standen. »Was wünschest du, Herr?«

hieß es.

Holm blieb ganz gelassen. »Einen Kalong zu schießen,« versetzte er.

»Weiter nichts.«

»Dann lege dich nur ruhig wieder schlafen, Herr. In allen Hütten leben

zahme Kalongs, du kannst sie kaufen.«

»Desto besser. Gute Nacht, mein Freund!«

Und Holm schwang sich in die treppenlose Thür wieder hinein. »Siehst

du,« raunte er, »wir werden bewacht. Umsonst gibt es hier nichts, auch

keine Jagdfreiheit, wie mir scheint; die Eingebornen betrachten uns wie

ihre gute Beute.«

Er legte sich wieder hin, heimlich geärgert von den vielen, die

Fruchtbäume nach Herzenslust plündernden Kalongs, die er nicht schießen

durfte; endlich aber lachte er doch mit dem Knaben und zwar über die

großen Frösche, welche zahlreich unter den Bäumen einher flogen.

Zwischen den Zehen befand sich eine Haut, und der ganze Körper war zur

dreifachen Größe aufgebläht; unten gelb, oben grün mit schwarzen

Schwimmhäuten, segelte das unförmliche Geschöpf wie ein Pfeil durch die

Luft, während eine kleine Eichhörnchenart lustig von einem Baume zum

anderen hüpfte und sich die Nüsse schmecken ließ. Kleinere Fledermäuse

schwirrten zu Tausenden umher.

Allmählich kam der Schlaf und verwischte im bunten Durcheinander des

Traums die verschiedenen wechselnden Bilder dieses Tages; es ruhte sich

bequem auf den weichen Matten, und unsere Freunde erwachten erst wieder,

als die Sonne hoch am Himmel stand.

Jetzt überzeugte sich Holm von dem Vorhandensein zahlreicher gezähmter

Kalongs; er kaufte daher vorerst noch keinen derselben, sondern beschloß

diesen Handel bis zum Rückwege hinauszuschieben. Es galt heute, eine der

Gifthöhlen Javas zu besehen. Während des ganzen Tages ritten die Weißen

mit ihren Begleitern über schattenlose, meilenweit gedehnte Grasflächen,

auf welchen ihnen Spuren von Rhinozerossen, Hirschen und Wildschweinen

begegneten; dann kam eine dürre, felsige Gegend; himmelhohe Abhänge,

grünbewachsene, von den wundervollsten, farbenprächtigsten Vögeln

belebt, erhoben sich zu beiden Seiten des steinigen, abschüssigen Weges;

Papageien, Pfauen, Turteltauben, der wilde Hahn, der Ziegenmelker, der

Reisdieb, der Manuk Kasu, ein entzückend singender, kleiner Vogel, und

endlich die Schwalbe, welche jene berühmten eßbaren Nester baut, alle

flatterten und flogen, hüpften und standen unter den schönbelaubten

Bäumen verschiedenster Art, inmitten zahlloser blühender Orchideen und

anderer wuchernder Zierpflanzen. Die Krone von allen aber bildete der

Königsparadiesvogel. Sechs Zoll lang, mit tiefpurpurnem Gefieder, einem

breiten, grüngoldenen Querband auf den Flügeln, grünen Seiten, grüner

Brustbinde und weißem Bauche, erschien er den Reisenden einigemale auf

flüchtige Sekunden und in ziemlicher Entfernung, dann war er

davongeflogen, ehe noch ein Schuß ihn ereilen konnte. Das Gefieder

blitzte im Sonnenlichte wie mit Edelsteinen übersäet; besonders die

spiralförmig gewundene Schwanzfeder war von überraschender Schönheit.

»Der Manukodiata,« sagten die Eingebornen, deren Pfeile ebenso rasch und

ebenso vergeblich angelegt wurden, wie die Gewehre der Weißen, »seine

Federn machen hieb- und schußfest in allen Schlachten.«

Dadurch war denn das seltene Erscheinen des Vogels genügend erklärt.

Wenn ihn die Eingebornen als Federbusch auf dem Kopfe tragen, so mußte

wohl seine Ausrottung schnell genug von statten gehen. Die unschönen

Weibchen zeigten sich häufiger. -- Noch mehrere andere Spielarten

derselben Gattung wurden wahrgenommen: der rote und der stolze

Paradiesvogel, aber keine war zu erlangen; ebenso Schmetterlinge vom

schönsten, prächtigsten Farbenspiel und der karmoisinrote Pirol.

Weiterhin durch die Ebenen jagten stampfend Herden von wilden Stieren,

hoch hinauf in das ewige Blau ragten die Felsgipfel und südlich kosende,

von Blumendüften erfüllte Luft fächelte die Stirnen. Es war eine

Erholung für alle Sinne, nach dem meilenweiten Ritt durch das Alanggras,

jetzt in dieser wundervollen Umgebung Auge und Ohr schwelgen, die

angespannten Kräfte träge ruhen zu lassen. Bisweilen wurde der Weg

zwischen den hohen, oft von Staubbächen überrieselten Gebirgswänden so

eng, daß die Pferde eins hinter dem andern gehen mußten; weicher

Halbschatten, linde, wohlthuende Dämmerung lag dann auf der blühenden

Landschaft. Häufig fanden sie an den Zweigen der Büsche jene seltsam

gestaltete Gespenstschrecke, welche die dornfüßige genannt wird, und

deren Vorkommen bis jetzt nur auf Java beobachtet wurde. Das mit

stummelhaften Flügeln ausgerüstete Weibchen derselben wird bei einem

Leibesdurchmesser von etwa einem Zentimeter gegen zweiunddreißig

Zentimeter lang und besitzt eine braungraue Farbe. Den Kopf kann dieses

Tier in eine tiefe Ausbeugung der vorgestreckten Vorderbeine legen und

sieht dann in der Nähe einem dürren Aste zum Verwechseln ähnlich. Diese

Ähnlichkeit des Tieres mit dem Orte, an welchem es sich aufzuhalten

pflegt, findet sich bei den Kerbtieren nicht selten und ist als ein

Schutzmittel zu betrachten, das die Natur auch diesen ihren Kindern

verliehen hat, um sie vor den Augen der Feinde zu verbergen. Bei Nacht

verzehren sie die Blätter des Unterholzes, bei Tage dagegen ruhen sie

von ihrer nächtlichen Arbeit aus und können nur dann leicht erkannt

werden, wenn sie vorwärts kriechen. Man hat die Gespenstschrecken auch

wandernde Äste genannt. Holm war erfreut, diese seltene und seltsame Art

vorzufinden, und da sich günstige Gelegenheit bot, wurden viele

Exemplare derselben gesammelt, um teils trocken aufgespießt und mit

Tabaksaft vergiftet, teils in Spiritus aufbewahrt zu werden. Die

Vogelwelt war auf das reichste vertreten. Goldglänzende Pfauen schlugen

ihr Rad, vom Nest lockte das Turteltäubchen und auf blumengeschmückten

Ranken wiegte sich die buntgefiederte Schar. Ein kleiner, scheuer

Hirsch, der Kantschil, erschien auf unnahbarer schwindelnder Klippe; ein

Affe lugte aus verborgenem Schlupfwinkel hervor; vom Baume warf mit

wütenden Gebärden der graue Manjet-Affe die reifen Früchte den

Vorüberreitenden nach, und aus dem Felsspalt zischte die pantherartig

gefleckte, wilde Katze. Überall reges Leben der Wildnis, überall Tiere

und der Krieg des einen Geschöpfes gegen das andere; hier Termiten, die

geschäftig bauten, dort das Schuppentier, welches die eben fertigen

Wohnungen zerstörte und die kleinen braunrändigen Baumeister zu

Hunderten verspeiste; dazu auf allen Bäumen, in allen Höhlen und Spalten

Fledermäuse ohne Zahl. Der Blick irrte von Schönheit zu Schönheit, von

Reiz zu Reiz, hier lagen ganze Beete blühender Orchideen, dort brauste

ein Gebirgsbach durch die Schlucht; hier senkte sich das Thal zur tiefen

dunklen Mulde, dort führte der Weg über zackige, scharf am Abgrunde

dahingleitende Bahnen.

Hinauf, immer weiter hinauf in den rauschenden Hochwald, stundenweit

empor, bis die Nacht kam und zum Ausruhen zwang. Affen in ganzen Scharen

bevölkerten die Bäume, Stier und Nashorn brüllten in den Ebenen,

Schlangen krochen durch das Gras, neugierige Eidechsen wagten sich ganz

in die Nähe des Lagers, und schöne Stachelschweine wurden ohne viele

Mühe eingefangen. Am nächsten Morgen ging es weiter, immer bergan, bis

allmählich die Landschaft ihren Blütenglanz und ihr Tierleben verlor.

Große Adler traten an Stelle der Pfauen und des Pirol, Bergziegen

weideten das spärlicher gewordene Grün, und einmal erhob sich aus dem

Gestrüpp fast vor den Füßen der Pferde ein großer Königstiger. Noch ehe

einer der Männer schießen konnte, war er mit ungeheurem Satz hinter den

nächsten Gebüschen verschwunden; nur sein wütendes Brüllen schallte über

die Umgebung dahin. Ein einzelner Mann, selbst zu Pferde, wäre von der

gereizten Bestie in Stücke zerrissen worden; der größeren Anzahl

gegenüber wagte sie keinen Angriff.

[Illustration: Ins Hochgebirge von Java.

»Hinauf, immer weiter hinauf in den rauschenden Hochwald.«]

Einer der Führer deutete hinauf in die Luft, wo sich auf halber Höhe des

Berges eine Art Lücke, eine Unterbrechung der glatten Wand zeigt. »Das

ist Pakaraman, das Totenthal!« sagte er feierlich.

»Da oben auf der Höhe?«

»Ja. In einer Stunde werden wir dort sein. Gefahr ist um diese Zeit

nicht dabei.«

»Wie kommt es,« sagte Franz, »daß das Totenthal nicht immer seine

tödliche Wirkung auf die Besucher ausübt?«

»Dieses Thal,« antwortete Holm, »liegt in unmittelbarer Nähe von

Vulkanen, und in demselben sammelt sich von Zeit zu Zeit Kohlensäure an,

welche von vielen Vulkanen fast ununterbrochen ausgehaucht wird. Diese

Kohlensäure -- ihr kennt sie alle als das perlende Gas, welches in dem

bekannten Selterswasser enthalten ist -- wirkt eingeatmet auf die Lungen

als tödliches Gift. Wenn nun kein Luftzug sich regt und die vulkanischen

Ausdünstungen sehr heftig sind, so sammelt sich im Grunde der

trichterförmigen Schlucht so viel Kohlensäure an, daß der Besuch

derselben gefährlich wird. Wenn dagegen die Ausströmung des Gases sich

vermindert und ein starker Wind in die Schlucht dringt, so kann dieselbe

ohne schlimme Folgen betreten werden. Übrigens,« fuhr er fort, »gibt es

auch in Europa eine Grotte, deren Boden etwa ein bis zwei Fuß hoch mit

Kohlensäure bedeckt ist, die, weil ihr spezifisches Gewicht das der

atmosphärischen Luft an Schwere übertrifft, sich nur unten aufhält.«

»Ah, ich weiß schon,« rief Franz, »es ist die Hundsgrotte bei Neapel.

Der Mensch betritt sie, ohne von der Kohlensäure belästigt zu werden,

Hunde dagegen, die man mitnimmt, ersticken, weil ihre Atmungsorgane sich

im Bereich des giftigen Gases befinden, sobald sie auf den Boden gesetzt

werden.«

»Ganz recht,« bestätigte Holm. »Die Ursachen beider Merkwürdigkeiten

sind dieselben, nur die Form, in der sie sich äußern, ist eine

verschiedene.«

Der steil ansteigende Weg wurde in beschwerlichem Ritt auf den kleinen

javanischen Pferden zurückgelegt, und dann standen die Wanderer vor

einem überraschend schönen Anblick. Ein breiter blauer Strom sandte

seine Wellen zu Thal, Krokodile, Leguane, und Wasserschlangen

bevölkerten die röhrichten Ufer, und zur Seite des rollenden Stromes

senkten sich die Bergwände zum tiefen, trichterförmigen Kessel. Eine

breite Rundung gab den Blick frei in die schwindelnde Tiefe des

Totenthales. Zuweilen entströmen hier der Erde so furchtbare

Ausdünstungen, daß alles Pflanzen- und Insektenleben während einer

einzigen Nacht zu Grunde geht, zuweilen grünt und blüht es da unten bis

zum mittelsten flachen Kreise von etwa fünf Metern Durchmesser; dieser

innerste, unterste Fleck ist gleichsam durchseucht von dem Gift in

seinem Schoße; er trägt nie einen grünen Halm, nie eine Blüte; auf ihm

lastet ewig unfruchtbare Dürre.

Die Pferde wurden an Bäume gebunden, und Holm und Franz mit dem

Malagaschen versuchten das Hinabsteigen, während Hans und der Doktor

oben blieben. Die Führer kletterten voran, an ihren Ledergürteln lange

Knotenstöcke tragend, die bei dem Wege bergab für die Weißen als Stützen

und später bergan als Handhabe dienen sollten. Oben am Rande wuchsen von

allen Seiten knorrige, wildverschlungene Baumstämme über die Schlucht

hinaus, der Pfad bergab lief schräg an der Felswand hin, das helle

Tageslicht fing schon nach den ersten fünfzig Schritten an, in Dämmerung

gehüllt zu erscheinen. Große Eidechsen schlüpften über das Gestein; eine

kalte Luft wehte von unten herauf.

Die Javanesen und der Malagasche sprangen mit jener überlegenen

Geschicklichkeit der wilden Völker ziemlich ohne Mühe von Ast zu Ast,

von Klippe zu Klippe bis auf den untersten Grund hinab; weniger leicht

folgten ihnen die Europäer. Nur mit blutenden, geschundenen Händen

gelang es diesen letzteren, die dunkle Tiefe im Schoße des Berges

überhaupt zu erreichen; klopfenden Herzens standen sie unter dem

gewaltigen Eindruck einige Augenblicke sprachlos; nur mit Mühe konnten

sie in der kalten, schweren Luft Atem schöpfen. Hundert Meter hoch über

ihnen lag auf dem Rande der finsteren, unheimlichen Schlucht blitzend

und glühend das Sonnenlicht, kaum erkennbar, nur wie ein funkelnder

Streif, von den schwarzen Tiefen hier unten gänzlich ausgeschlossen,

keinen Strahl hinabsenkend, keinen warmen Hauch, kein noch so schwaches

Leuchten.

Wahrlich, das Totenthal verdiente mit Recht seinen Namen. Der gleiche

beklemmende Eindruck, den es verursachte, lag auf allen Teilnehmern

dieser gefährlichen Expedition. Als in Holms Hand die mitgebrachte

Wachskerze aufflammte, beleuchtete ihr schwaches in der Kellerluft da

unten kaum die nächste Umgebung erhellendes Glimmen lauter blasse

Gesichter und ernste Mienen. Es war doch ein seltsames Gefühl, so von

allen Lebenden getrennt, abgeschieden von Luft und Licht, da unten

allein in schweigender Öde die nassen Wände und die verkümmerten wenigen

Gewächse anzusehen, letzte Spuren der Pflanzenwelt, letztes welkes Grün,

grau und fahl gesprenkelt, kaum noch lebend, ohne Saft und Mark am

verknoteten dürren Rankgeflecht. Eine große Schlange glitt ringelnd über

das verwitterte Gestein dahin, Unken und Frösche glotzten aus den

Winkeln, Eulen mit runden gelben Augen schossen auf, gespenstigen Fluges

die Stirnen der Männer streifend; auch hier schwirrten Fledermäuse wie

Mücken im Sonnenschein.

Holm brach zur Erinnerung an die Stunde im Bauch des Hexenkessels,

dessen todbringender Hauch schon so oft Verderben über die Umgebung

gebracht, vom Gestein der Wand ein Stück, das er in die Tasche steckte,

ebenso aus dem mittleren, wüsten Bodengrund etwas Kies; dann wurde der

Rückweg angetreten.

Jetzt ging es leichter; die schweren Stöcke der Eingebornen dienten den

Weißen als eine Art von Treppengeländer; sie hielten sich, wo es nötig

war, daran fest und gelangten so nach und nach an die Oberfläche, wo

schon der Doktor und Hans ungeduldig gewartet hatten. »Nun, nun,«

drängte ersterer, »ihr seht ja aus, als sei euch da unten -- der Himmel

vergebe mir die Sünde! -- der leibhaftige Teufel begegnet!«

Holm lächelte. »Da unten aber ist's fürchterlich!« citierte er. »Ich

möchte doch um keinen Preis die Tour noch einmal machen. Und du, Franz?«

Der Knabe schauderte. »Mir ist es immer noch, als fühlte ich die

kellerkalte, drückende Luft,« antwortete er.

Nur die Eingebornen waren sehr gleichmütig; sie hatten die Fahrt in den

Höllenschlund schon mehr als einmal bewerkstelligt und behielten bei der

ganzen Sache ausschließlich den Verdienst im Auge. Auch Rua-Roa

erklärte, in seiner Heimat oft noch ganz andere Streifzüge unternommen

zu haben; er würde sich nicht bedenken, jetzt gleich und zwar allein

wieder hinunter zu klettern. Das wilde Element in ihm trat auch so recht

zu Tage, als es galt, an der entgegengesetzten Seite des Hochgebirges

wieder ins Thal zu gelangen. Der Weg war äußerst beschwerlich,

Steinwildnis folgte auf Steinwildnis; erst nach längerem, mühsamen

Ringen, wobei die kleinen, einheimischen Pferde, des Steigens gewöhnt,

die besten Dienste leisteten und gleitend, rutschend und springend über

Abstürze gelangten, vor denen ihre Reiter schaudernd die Augen

schlossen, -- verwandelte sich der rauhe Pfad wieder in den bewachsenen,

von Bäumen beschatteten Waldweg. Man war immer noch im Gebirge; die

Führer vermieden absichtlich das tiefere Thal, und zwar um den Reisenden

das »Moro Api« oder ewige Feuer von Java zu zeigen; aber dennoch blühte

und grünte üppige Pflanzenwelt rings umher und plätscherte in munteren

Sprüngen ein Fluß, der Gunang Morio, zur Seite des Weges dahin. Breiter

und breiter dehnte sich die blaue Fläche, mehr und mehr umhüllten die

Schatten mit grauen Schleiern das schöne Landschaftsbild. Es wurde

dunkler Abend, der Vogelgesang verstummte, die Blumen dufteten stärker,

Eulen und Fledermäuse belebten die Luft, Wildkatzen begannen ihre Jagd,

Marder von ungewöhnlicher Größe kletterten den Tauben bis auf die

höchsten Kronen nach, und fernher schallte das Bellen der wilden Hunde;

-- da erschien zwischen den Baumwipfeln ein unsicheres, flackerndes

Licht, noch kaum erkennbar; wie ferner Feuerschein, wie wenn jemand mit

der brennenden Lampe kommt und geht, ohne an einem Orte zu verweilen.

»Das kann kein Dorf sein,« rief Franz, »sonst müßten ja die Leute im

Wasser wohnen. Das Licht schwebt über dem Flusse.«

»Moro Api!« sagten die Javaner.

Neugierig gemacht, eilten die Weißen so schnell als möglich vorwärts,

ohne Bedenken den Eingebornen nach, als diese in das Flußbett

hineinritten und quer über eine breite, ganz mit Wasser bedeckte Ebene

dahinsprengten. Jenseits des murmelnden, silbernen Elementes fing das

Gewirre von Klippen und Abgründen wieder an, zerstreute Blöcke und

phantastisch geformte Zackenreihen sprangen weit in das Wasser hinaus

vor, natürliche Bogen und Säulen wechselten mit senkrecht abfallenden

Wänden, und spitze einzelne Felskegel ragten wie Leuchttürme aus den

Fluten empor. Dieses ganze wildromantische Bild war erhellt gleich dem

Feengarten des Märchens; überall auf Spitzen und Dächern, in den Tiefen

und zwischen den Säulen spielten die violetten, purpurnen oder ganz

weißen, goldglänzenden Lichter des Moro Api; überall glitten Flammen und

Flämmchen, von jedem Luftzug lang aufflatternd wie Bänder, an den

Felswänden dahin, die vielzackigen, wunderlichen Formen in ihren

Strahlen badend, Schattenbilder malend und über verworrene Trümmer

huschend wie Fabelwesen aus uralter Märchenzeit. Wenn zuweilen ein

leichter Wind das Wasser kräuselte, dann schwebten die bläulichen und

roten Lufttänzerinnen im Kreise empor, gaukelten hierhin und dorthin,

beleuchteten plötzlich eine dunkle Spitze oder eine tiefere Schlucht und

kehrten dann nickend und sich biegend zu ihren früheren Standpunkten

zurück.

Das erhabene Naturschauspiel bannte die Zungen aller; ein fast

andächtiges Schweigen beherrschte die kleine Schar. Rings das blaue

stille Wasser und darüber in geheimnisvoller Schönheit jene körperlosen,

lichtspendenden Wesen, jene ewigen, seit dem ersten Schöpfungsmorgen

brennenden Lampen, deren Licht unter allem Wechsel fortglühte und

fortglühen wird bis an das Ende, -- alle diese Bilder ließen nur

lautlose Bewunderung aufkommen.

»Am hellen Tage,« erklärte endlich einer der Eingebornen, »ist das Moro

Api nicht sichtbar oder doch im Sonnenglanz nur sehr schwer zu

unterscheiden. Wir müssen uns jetzt aber beeilen, das Nachtlager im

Gebirge zu erreichen. Alle Anzeichen deuten auf einen Gewittersturm, wie

sie hier zu Lande üblich sind.«

»Können wir denn den Ausbruch desselben nicht gerade an dieser Stelle

erwarten?« fragte Holm. »Ich wäre neugierig, die Flammen wie rasende

Kobolde an den Felsklippen hinauf klettern zu sehen, ich möchte ihre

tolle Jagd im Sturme kennen lernen.«

Aber die Eingebornen schüttelten mit den Köpfen, obgleich sämtliche

Knaben ihre Bitten der des jungen Gelehrten hinzufügten. »Die Fremden

wissen nicht, was ein Gewittersturm in den Bergen zu bedeuten hat; es

ist ein Spiel um Leben oder Tod. Felsblöcke werden herabgerissen, Bäume

niedergebrochen, der flache Gebirgsfluß wird zum tosenden Strome, die

Blitze bedrohen alles, was lebt. Wir müssen schleunigst die sichern

Höhlen aufsuchen.«

»Sind die denn weit von hier?« fragte Franz.

»Nein, im Gegenteil ganz nahe.«

»So laßt uns aufbrechen,« ermahnte der Doktor. »Diese Leute kennen doch

das Land und das Klima besser als wir.«

Holms und des Knaben Blicke begegneten sich. Beide nickten wie im

Einverständnis, und dann ritt die kleine Schar unter Vortrab der Javanen

tiefer in das geklüftete Gebirge des Gunong Morio hinein, bis nach

vielleicht fünf Minuten eine enge, dunstige Höhle erreicht war. Hoch in

die Wolken erhob sich über der niederen Wölbung die Felskuppe; dichte,

moosbewachsene Wände sicherten vor allen möglichen Angriffen; massive

granitne Pfeiler stützten eine Art von Vorhof, und weiterhin gegen das

Innere öffnete sich Gang nach Gang, aber die Luft war drückend, weshalb

alle beschlossen, so lange als thunlich draußen zu bleiben.

Die Eingebornen entzündeten mehrere Wachskerzen und warnten dann die

Reisenden, sich über eine bestimmt bezeichnete Grenze nach rechts hinaus

zu wagen. Ein sonderbarer Anblick wartete hier der staunenden Beschauer;

überall war der Steinboden durchlöchert und zerklüftet, überall schoß

unter demselben in wildem Toben ein Gebirgsbach zu Thal, etwas weiter

hin als breiter, glänzender Wasserfall über rundgeschliffene, glatte

Wände in den Abgrund stürzend, tausend kühle Tropfen den Wandernden

entgegenspritzend, jene köstliche, unnachahmliche Frische des kalten

Quellwassers der heißen Luft mitteilend, schön und großartig im

wechselnden Licht der Kerzen, donnernd und grollend, gleich einem fernen

Gewitter.

»Morgen können Sie sich, wenn sie schwindelfrei sind, bis an den Abhang

hinauswagen,« erklärte der Führer, »die Felsblöcke liegen sicher, aber

am Abend ist die Sache unmöglich.«

Es blieb also nur übrig, unter dem Rauschen und Brodeln des Falles,

unter dem leise anhebenden Singen des erwachenden Sturmes die Ruhe zu

suchen und einstweilen auf weitere Ausflüge zu verzichten. Man speiste,

die Pferde wurden etwas weiter draußen in einer der Vorhallen an Bäume

gebunden und die Wolldecken ausgebreitet. In einer Höhle lagen sämtliche

Javanen, in der zweiten die Weißen; von wilden Tieren hatte sich nichts

gezeigt, der Sturm heulte sein großartiges Wiegenlied, langgezogener

murrender Donner erhob die Stimme, und rauschend in schweren Tropfen

fiel der Regen herab. Die Augen der Menschen schlossen sich, obwohl

zuweilen falber Schein den Wolkenschleier zerriß, und einzelne Stöße

brüllend und schnaufend den gewaltigen Anlauf des Orkanes verrieten. Bis

hierher drangen weder Regen noch Sturm, dies Dach ließ keine Tropfen

durchsickern, diese Wände konnten dem Anprall aller Erdenkräfte Trotz

bieten. -- Das Gefühl der Sicherheit schläfert ein, Leib und Seele

wiegen sich in Schlummer, alle Spannung ist gelöst, die Augen fallen zu,

ehe es der Träumer weiß.

Holm und Franz schliefen nicht. Als es rings umher still geworden war,

schlichen sie zusammen unter tausend Gefahren und Mühen auf dem Wege zum

Moro Api zurück. Jene hüpfenden Flammen bildeten den Punkt, nach welchem

sich ihre Schritte lenkten, und unbekümmert, ob ihnen der Sturm die

Sprache raubte und der Regen ihre leinenen Kleider bis auf die Haut

durchnäßte, drangen sie vorwärts. Der Aufruhr aller Elemente war von

wilder Schönheit. Einmal draußen, dem Schutze der Felsmauern entrückt,

hörten sie Sturm und Donner im unentwirrbaren Tonganzen ihre betäubende

Stärke entfalten, Blitz auf Blitz zerriß die drückende Luft,

schwefelgelb und bläulich fuhren Zacken und Strahlen über den Horizont

dahin, und hochauf spritzten die Wellen des Flusses. Das Schönste von

allem aber blieben die Flammen des Moro Api. Unausgesetzt drang aus dem

vulkanischen Erdinnern das Gas hervor und unausgesetzt entzündete es

sich durch die Berührung mit der atmosphärischen Luft, wieder und wieder

schlugen züngelnde Feuer aus den Spalten herauf, vom Wind erfaßt, sobald

sie entstanden waren, hierhin und dorthin entführt, in zahllose Teilchen

gerissen, bald klein, bald groß, bald in dieser, bald in jener Form. Bis

auf die höchsten Punkte der Klippen jagten einander die Luftgestalten,

nicht mehr spielend, gaukelnd wie vorhin in der linden, stillen

Gewitterluft, sondern tobend wie toller Märchenreigen, wie eine Schar

entfesselter Höllengeister, die sich erfassen und wieder verlieren, die

einander wutentbrannt folgen und im Kampfe zum Knäuel verschlungen

untergehen.

Der Sturm blies mit vollen Backen unter die Flüchtenden. Hier malte er

aus dem zitternden weißen Flämmchen ein Menschenantlitz und dort ein

laufendes, langgestrecktes Tier, hier einen Riesenvogel mit

ausgebreiteten Schwingen und dort ein Zwergenmännchen mit Keule und

Schild; überall aber hetzte und verfolgte er die lockere Schar, Klippen

hinauf und Klippen herab, durch Schlünde und Abgründe, über schmale

Brücken und auf einsamen Pfeilern, überall zerriß er die glänzenden

Lichter in Streifen und Fetzen.

Dazwischen schlugen Blitze in das Wasser und zuweilen in die höchsten

Bäume des Waldes. Erschrockene Vögel flatterten ängstlich durch den

Sturm, Papageien kreischten wild mit anderen Vögeln um die Wette, hier

und da stürzte ein Jahrhunderte alter Riese, im Falle zahllose

Rankengeflechte zerreißend und das Wasser hoch aufspritzend, daß ganze

Schauer die beiden jungen Leute überfluteten. Zu sprechen war unmöglich,

sie konnten sich, hinter den letzten Ausläufern des Gebirges

einigermaßen geschützt, nur durch Zeichen verständigen, ihre Haare

flogen wild um die Köpfe, das Zeug klebte am Körper, die Stiefeln waren

schwer wie Blei, und bei jedem neuen Windstoß überlief eine unangenehme

Kälte die Haut. Sich jetzt in die Wollendecken zu hüllen, und an

trockener, geborgener Stätte ausruhen zu dürfen, mußte doch recht

behaglich sein! Einer hinter dem anderen krochen sie, das Schauspiel der

ewigen Flammen nur ungern verlassend, Schritt für Schritt im Toben des

Wetters zum Lagerplatz hinauf, länger als eine Stunde brauchend, wo

vorhin fünf Minuten, freilich auf den Rücken der behende kletternden

Pferde, genügt hatten. Noch schlief alles, selbst da, wo die Eingebornen

lagen, rührte sich nichts, und auch die Tiere waren merkwürdig still.

Wenn irgend ein Angriff kam, traf er die Gesellschaft durchaus

unvorbereitet.

Holm ging zu der etwas entfernten Stelle, wo die Pferde standen; helle

Blitze zeigten ihm den Weg, er konnte nicht irren. Merkwürdig, daß sie

so still blieben! --

Jetzt war er da, gewiß, er erkannte deutlich den Baum, an welchem er

sein eigenes Tier befestigt, aber dennoch -- von den Pferden keine Spur.

Zehn Schritte weiter und das Plateau fiel steil ab ins Thal. Wohin waren

die Tiere gekommen? -- Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte sein Inneres,

im Nu stand er vor der Schlafstätte der Eingebornen; -- auch hier alles

leer.

»Franz!« rief er mit unterdrückter Stimme. »Franz!«

»Nun? -- Was hast du, Karl?«

»Sieh her, die Javanen sind mit den Pferden über die Berge. Auch

sämtliche Lebensmittel haben sie mitgenommen.«

Die beiden sahen einander starr vor Schreck ins Auge. Das war hier, wo

es die gefährlichsten Raubtiere in furchtbarer Anzahl gab, ein schwerer,

ja entsetzlicher Schlag. Ohne Pferde ließ sich bei den meilenweiten, von

Alanggras bedeckten Ebenen und namentlich bei den Wegen über zackigen,

abschüssigen Boden die Rückreise gar nicht denken.

»Laß die anderen schlafen, Karl,« sagte endlich der Knabe. »Sie erfahren

es morgen immer noch früh genug. Und nebenbei, -- ich habe auch einen

Gedanken, der mich wenigstens über das Ärgste tröstet. Wir werden bald

neue Führer wieder haben, wenn auch für wahre Unsummen.«

»Weshalb glaubst du das, Junge?« fragte voll Erstaunen der andere.

»Nun, die Lumpenkerle müssen doch mit ihrer Flucht irgend einen Plan

verbinden! Sie haben gleich anfangs im Dorfe einigen anderen aufgegeben,

ihnen zu folgen und die Stelle verabredet, wo sie uns mitten im

Urwaldsgebirge verlassen wollen. Wenn die Lage bedenklich wird,

erscheinen von ungefähr ein paar dieser gelben Schurken und erbieten

sich, uns gegen doppelten Führerlohn nach Surabaja zurückzubringen, --

das ist alles beschlossene Sache, und der Raub wird gütlich von den

Spitzbuben geteilt.«

Holm lachte. »Wahrhaftig, du kannst recht haben,« antwortete er. »Dann

ist es ohne Zweifel das beste, hier zu bleiben und die Helfershelfer der

gelben Betrüger zu erwarten. Einstweilen aber laß uns schlafen, -- ich

bin todmüde.«

Der Malagasche wurde geweckt und ihm, der nun schon einige Stunden

geruht, die Wache übertragen, in welcher ihn gegen Morgen Hans als

letzter in der Reihe ablöste. So verging die Nacht, und am folgenden

Morgen saßen alle einander gegenüber, hungrig und ratlos, in schlimmster

Laune. Hier zu bleiben war ganz notwendig; aber wovon leben? Wovon nach

der Überschwemmung der letzten Nacht ein Feuer entzünden? Allerdings

hatten die Gewehre im Trocknen gestanden, auch ließ sich leicht dieser

oder jener Braten erlegen, aber er mußte roh gegessen werden, und das

war äußerst unangenehm.

Der Doktor blieb als Hausherr und Platzkommandant allein in der Höhle

zurück, wohlversehen mit Pulver und Blei, aber sonst auf die Sicherheit

zwischen den Felswänden und seine eigene Vorsicht angewiesen, -- die

vier jungen Leute zogen aus, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Wasser

gab es da oben genug, man brauchte sich nur zu bücken, um es in

köstlicher Klarheit zu erhalten, aber dafür stieg auch der Hunger von

Stunde zu Stunde.

Das erste was heraufgeschafft wurde, waren Kokosnüsse; ihnen folgten die

Eier verschiedener Vogelarten, Beerenfrüchte, eine kleine Schildkröte

und endlich ein Hirsch, dessen Ziemer Franz im Schweiße seines

Angesichtes keuchend nach Hause schleppte. Dann begann die Thätigkeit

des Doktors. Er mußte mit dem Taschenmesser das Fleisch schaben; einige

kleine Zwiebeln, die im Thale wuchsen, wurden dazu gehackt, das Ganze

mit Salz und Pfeffer, welche jeder einzelne bei sich führte, reichlich

vermengt und nun gegessen, dazu Nußkern und rohe Eier.

»Der Mückenkuchen auf Madagaskar schmeckte schlechter!« meinte Holm.

»Der Flußpferdbraten in Dahomey war zäher!«

»Das Dürsten im Kaplande weit schrecklicher!«

»Ja, das ist wahr!« sagten wie aus einem Munde alle Anwesende.

»Nun, so laßt uns dies rohe Fleisch mal ohne Bitterkeit verzehren.

Vielleicht schmeckt auch das Fleisch der Schildkröte im Naturzustande

erträglich.«

»Wenn nur vor Nacht die Eingebornen wirklich kämen!« seufzte der Doktor.

»Eure Berechnung könnte auch täuschen!«

»Ganz unmöglich, bester Doktor. Franz hat recht, es ist auf Plünderung

abgesehen; ich glaube aber nicht, daß sich die Javanen blicken lassen

werden, ehe wir durch Hunger und Gefahren tüchtig mürbe gemacht worden

sind. -- Einstweilen wollen wir den Rest des Fleisches in die

Schildkrötenschale legen und einsalzen. Franz, du bist wohl so gut, die

Eier und die Nüsse in eine sichere Ecke zu bringen; ich denke, wir essen

zur Nacht nur frische Früchte, ihrer besseren Verdaulichkeit wegen. Hans

und Rua-Roa haben vortreffliche Melonen und Erdbeeren heraufgebracht,

sie müssen davon noch mehr holen.«

Das geschah, und so zog durch die angestrengte, körperliche Thätigkeit

sowohl als auch durch das Zureden Holms einige Ruhe und Zufriedenheit in

die Herzen wieder ein. Gegen Abend, als noch ein paar erlegte Vögel und

ein Hase die Vorratskammer anfüllten, als sich Berge von Beeren und

Eiern häuften, gewann sogar die alte fröhliche Reiselaune die Oberhand.

Zwei von den jungen Leuten sollten wachen, zwei schlafen, und am

folgenden Morgen wollte man auch ein Feuer entzünden. Die heißen

Sonnenstrahlen des letzten Tages hatten Zweige und Gräser vollständig

getrocknet, Wachskerzen und Streichhölzer waren genug vorhanden; also

ließ sich mit Recht erwarten, daß die Eier hart gekocht und das Fleisch

gebraten werden könne. Von dem Gepäck der Weißen hatten die Javanen

nichts mitgenommen, daher fand sich auch der Blechkessel nebst Pfanne

noch vor, ebenso Gabeln und Löffel; alles wurde schönstens an den Wänden

der »Küche« geordnet, trocknes Holz und Gras herbeigeholt und Steine zum

Herd aufeinander gelegt. Was von Insekten, Fledermäusen und Schlangen in

den Winkeln umherkroch, das beförderte ein schneller Griff mit dem

künstlich aus Gras und Reisern hergestellten Besen in die Tiefe des

Wasserfalles hinab oder in die Freiheit des Hochwaldes hinaus, und als

so das Haus wohl bestellt war, setzten sich die beiden ersten

Wachhabenden, Holm und Hans, mit geladenen Kugelbüchsen unter den

Eingang, während die übrigen schliefen.

Das ungewisse Licht des Mondes fiel zuweilen in die Schluchten hinein,

zuweilen versteckte es sich unter Wolken und ließ alles in um so

schwärzerer Dunkelheit zurück; die Baumkronen flüsterten und rauschten,

reife Früchte fielen von den Zweigen, und mehr als eine Tiergattung

zeigte sich den Blicken. Affen plünderten die Fruchtbäume, namentlich

die Tamarinden; Schuppentiere mit ihrem sonderbaren länglichen und von

dreieckigen Panzerplatten bedeckten Körper verfolgten emsig die Ameisen

und Termiten in den unteren Schichten des bewaldeten Berges; kecke,

gefräßige Wanderratten gingen dem Geruche der frisch geschlachteten

Tiere nach, und nicht selten erschien sogar zähnefletschend ein grauer

Affe oben auf dem Berge.

Die beiden jungen Leute plauderten halblaut. Hans war es im Stillen

zufrieden, daß die Weltreise jetzt zur Hälfte hinter ihm lag, er sehnte

sich nach geordneten bürgerlichen Zuständen und sprach mit dem Freunde

über dessen eigene fernere Pläne, als stärker und stärker werdend, aus

dem Thale ein Geräusch herauftönte. Es klang wie der Schritt vieler

kletternder, scharrender Füße, ja sogar Laute, die dem lechzenden Atem

eines jagenden Hundes glichen, durchdrangen erkennbar die nächtliche

Stille. Holm und Hans sprangen auf, ihre Gewehre lagen im selben

Augenblick schußgerecht, sie riefen mit lauter Stimme die anderen.

Vielleicht hatten diese überhaupt nicht so ganz sicher geschlafen; in

wenigen Augenblicken standen alle kampfbereit den Genossen zur Seite. Wo

aber war nun der Feind? -- Weit und breit zeigte sich kein lebendes

Geschöpf.

Holm legte den Finger auf die Lippen. »Still! von da unten her kam es.

Ich bin meiner Sache ganz sicher.«

Auch Hans bestätigte, daß lebende Wesen im Anzuge sein müßten; alle

Glieder der kleinen Gesellschaft horchten daher gleich gespannt,

beobachteten mit gleicher Aufmerksamkeit den breiten Paß, durch welchen

heraufkommen mußte, was sich ihnen in ihrer Felsenburg als Besucher

nahen wollte. Eine Viertelstunde verging in dieser Weise ohne irgend ein

Ergebnis zu bringen; schon wurde flüsternd beraten, ob es nicht das

Klügste sei, einige Schüsse abzufeuern und so die Tiere, welcher Art sie

wären, zur Flucht zu veranlassen, als ganz plötzlich in dicht gedrängten

Haufen die Angreifer auf dem Kampfplatz erschienen. Wilde Hunde,

vielleicht zwanzig bis dreißig an der Zahl stürmten den Berg hinan; die

roten, lechzenden Zungen hingen aus den Mäulern hervor, die Augen

funkelten bösartig unter den langen, struppigen Haaren; die Gestalten

waren durchweg mager und von Mittelgröße; die Erscheinung sowohl dem

Fuchs als dem Wolfe ähnlich und das Fell von schmutzig rötlicher,

schwarzgesprenkelter Färbung. Die Meute, sonst vor dem Menschen

flüchtend, war von dem Geruch der oben aufgespeicherten Tiere angelockt

worden und wälzte sich jetzt gleich einer Lawine durch den Gebirgspaß

heran, dabei von den Männern durchaus keine Notiz nehmend, sondern unter

einander kämpfend und beißend um das frische Fleisch. Alle diese dunkeln

Gestalten waren zum Knäuel geballt; ein Bellen und Schreien, ein Toben

und Stürzen, das wahrhaft betäubend wirkte, lähmte jeden Entschluß.

Menschen und Tiere rangen um den engen Raum des Felsens, Menschen und

Tiere vermischten ihre Stimmen zum unentwirrbaren, dämonischen Lärm.

Wieder war es Franz, den die ungestüme Leidenschaft hinriß, einen argen

Fehlgriff zu begehen. Er legte an und schoß ohne zu zielen in den Haufen

der wilden Hunde hinein. Jetzt kam, was kommen mußte! Wütend gemacht

durch den plötzlichen Angriff, wandten sich die Tiere den Jägern zu, und

es entspann sich ein Kampf, bei dem die Männer schießend und schlagend,

ja sogar mit ihren großen Messern stechend bis an die Felswand

zurückwichen und nur unter Aufbietung aller Kräfte das Leben retteten.

Während die Hunde niemals ihrerseits angegriffen hätten, wurden sie

durch den ersten Schuß in Wut versetzt und kannten nun keine Scheu mehr.

Rechts und links füllten ihre Leichen, ihre zuckenden, schwer

verwundeten Körper den Weg, aber auch sämtliche Männer bluteten. Der

Doktor hatte eine Wunde im Oberarm, Franz war gefallen und in die

Schulter gebissen, Holms Stiefel klaffte weit aus einander, während der

Fuß blutete, und Hans seinerseits hatte genug zu thun, um mit der arg

zerfetzten Rechten überhaupt noch Notwehr zu leisten. Nur der Malagasche

war gut davon gekommen. Auf einen Felsblock springend und von dort

schießend, kämpfte er tapfer mit, ohne selbst in Gefahr zu geraten, der

Instinkt des Wilden leitete ihn an, vorerst für seine Person Deckung zu

suchen.

Als etwa eine Viertelstunde erbitterten Kampfes verflossen war, als Blut

von allen Seiten über das Gestein herabtroff, wichen die letzten noch

überlebenden Hunde, von Schüssen und Kolbenschlägen verfolgt, verwundet

und heulend, kaum ein Viertel jener stattlichen Anzahl, die den Berg mit

eiligen Sprüngen erstürmt hatte; jetzt erst konnten die Weißen im

Schutze der überhängenden Wände ihre Kerzen entzünden und den erlittenen

Schaden feststellen. Eine wahre Wüstenei breitete sich vor ihnen aus.

Tierleichen, Stücke zerfetzter Körper, geronnenes und fließendes Blut,

Büschel Haare, alles stapelte über- und neben einander, alles zusammen

bot einen trostlosen und grauenhaften Anblick, dessen Beseitigung jetzt

die erste Sorge sein mußte.

Nachdem die Wunden einen notdürftigen Verband erhalten, ging man ans

Werk. Gewehre und Decken, kurz alles Gepäck wurde in eine der inneren

Höhlen geschafft, und dann befahl Holm, aus einzelnen Felsblöcken vor

dem Eingang derselben eine Art Barrikade mit Schießscharten

herzustellen. »Der entsetzliche Blutgeruch bringt uns ohne allen Zweifel

auch von den Tigern und Wildkatzen noch einen Besuch,« seufzte er. »Also

rasch! wir müssen den Zugang verrammeln, ehe der Feind eindringt.«

»Sollen wir denn bis zum hellen Tage da drinnen gefangen sitzen, Karl?«

»Hättest du nicht so voreilig geschossen, dann wäre es überflüssig, mein

Bester!« war die etwas scharfe Entgegnung.

Franz wechselte die Farbe. Er hatte längst seinen Irrtum erkannt und

beeilte sich daher jetzt so viel als möglich wieder gut zu machen. Den

Schmerz in der Schulter verbeißend, half er eifrig die zerstreut

umherliegenden Blöcke auf einander zu schichten, und so eine breite

Mauer herzustellen, die, nach außen hin etwas geneigt, jeden, der etwa

an ihrem Bau rütteln würde, sogleich unter schweren, stürzenden Massen

zerschmettern mußte. Nur ein kleines Schlupfloch ließen die emsig

Schaffenden offen, einen schmalen Gang, durch den sich einer nach dem

anderen hineindrängen konnte, und dann begannen sie die Tierleichen in

den Abgrund zu stürzen. Der Besen fegte Ströme von Blut in das Wasser

hinab, während Kochkessel und Bratpfanne unaufhaltsam frische,

reinigende Fluten schöpften und nachspülten. Es galt ja den

gefährlichen, verderbenbringenden Blutgeruch schnellstens zu entfernen.

»Schlafen können wir in dieser Nacht nicht mehr,« erklärte Holm. »Kommt

mir nach, wenn draußen das Hauptsächlichste geschehen ist, und dann

müssen zwei von uns den Eingang, die übrigen die Schießscharten mit

geladenem Gewehr bewachen.«

»Für so unvermeidlich hältst du den Angriff, Karl?«

»Ich fürchte, ja. Der Wind trägt die Ausdünstungen des geronnenen Blutes

hinab in das Thal, wo ohne Zweifel eine Menge Raubkatzen leben. Auch die

Hunde waren ja schon dadurch heraufgelockt, wie ich überzeugt bin.«

Man widersprach ihm nicht; vielleicht trieb auch der Gedanke an einen

Kampf mit Königstigern zur größtmöglichen Beschleunigung des

angefangenen Werkes; _diese_ Zähne richteten doch ganz andere

Verwüstungen an, als die der wilden Hunde.

Nach wenigen Minuten fanden sich alle in dem engen Raume versammelt.

Jetzt stand der Vollmond über dem Gebirge, alles in bläulichem und

silbernem Glanze badend, jede Schlucht erhellend: die Nacht war still,

als sei die ganze Schöpfung nur ein einziger, großer Tempel; fliegende

Frösche glitten durch die Luft, und fernher zwischen den Bäumen

glitzerte im Thale wie ein Irrlicht das Moro Api.

Da schlichen zwei Gestalten den Berg herauf, kurze Schatten werfend,

vorsichtig mit gespitzten Ohren und spähenden Blicken. Voran die

größere, das Männchen mit dem braungelben, gestreiften Fell und dem

abstehenden Bartkranz um das kluge Gesicht, leicht erhoben die

Vordertatze und zurückgelegt über den Rücken den glatten Schweif, -- es

sog die Luft ein, witterte, es duckte sich wie zum Sprunge -- da hinter

den Steinen atmeten Menschen!

Ihm nach schlich das Weibchen. Weniger derb gebaut, ohne Bart und minder

kräftig gezeichnet, war es doch nicht minder blutdürstig, glühten

auch seine Augen wie Kohlen im gelben, falschen Glanze des

Katzengeschlechtes. Ein leises Brummen, ein Lechzen der Zunge verrieten

die Kampflust, welche beide beseelte.

»Aufgepaßt!« raunte Holm. »Doktor, Sie nehmen mit Hans zugleich das

Weibchen aufs Korn -- wir drei das Männchen. -- Feuer!«

Die Schüsse krachten, Pulverdampf drohte die Eingesperrten zu ersticken,

ein wildes Heulen durchdrang die Luft, und außen wälzte sich das

Weibchen des Tigers sterbend im letzten Kampfe; auch das Männchen war

getroffen, von allen drei Kugeln sogar, aber trotzdem nicht tödlich.

Eine Wendung, die es im entscheidenden Augenblick gemacht, hatte das

Ziel verrückt und die Schüsse, anstatt in Kopf und Brust, vielmehr nur

in die Beine und den oberen Teil des Rückens eindringen lassen.

Jetzt erst war die Gefahr nahe. Während drinnen in fieberhafter Eile die

Büchsen wieder neu geladen wurden, sprang der gereizte Tiger außer sich

vor Schmerz und Wut gegen die aufgeschichteten Steine, mit seinen

gewaltigen Pranken die Blöcke niederreißend, so nahe, so furchtbar nahe,

daß die Eingesperrten seinen heißen Atem auf ihren Stirnen fühlten. Zwei

Kugeln trafen in seine Brust; immer noch lebte er, und immer mehr Blöcke

riß er herab, rasend, schäumend vor Wut. -- --

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 10 / 21 题