Der Doktor stürzte zum Zelt. Sollte auch Hans -- --

Aber nein, der fand sich zum Glück noch vor. Es war Rua-Roa, den nichts

hatte bewegen können, seinen Freund in der Not zu verlassen. Er raffte

zwei mit Haken versehene Eisenstangen welche vom Schiff mitgebracht

worden waren, an sich und ging hinaus, der schäumenden, tosenden Flut

nicht achtend. Der ganze Damm stand bereits unter Wasser, die

Unterscheidungsgrenze für den festen Boden und das eigentliche Meer war

bei jedem neuen Anprall der Brandung völlig verwischt, aber der

Malagasche ließ sich nicht einschüchtern. In den kurzen Pausen drang er

behende wie ein Vogel über die Klippen vor, und sobald eine neue Woge

gleich einem anrückenden weißglänzenden Berge dahergerollt kam, warf er

sich auf die Kniee, während unter dem Druck seiner beiden muskulösen

Arme die Eisenhaken sich tief in den Klüften des Gesteins

festklammerten. Nur Schritt um Schritt gelangte er auf diese Weise

vorwärts, mit steter Todesgefahr ringend, mehr als einmal halb erstickt,

genötigt erst liegen zu bleiben und Atem zu schöpfen, aber doch endlich

ans Ziel kommend und im stande, mit strahlendem Blick und einem Lächeln

innigster Freude den beiden Weißen ein Tuch voll Lebensmittel zu

überreichen, das er sich um den Hals gebunden hatte, und dessen Inhalt,

zwar stark durchnäßt, sonst aber doch genießbar, für die bevorstehende

Geduldprobe wenigstens einige Stärkung verhieß.

Was hatte er denn eigentlich mitgebracht. Franz sah nach. Ein tüchtiges

Stück Schinken, einige Schiffszwiebäcke und ein Dutzend Orangen, das

ging ja an; besonders die Früchte waren willkommen, denn sie löschten

den Durst, der sich bekanntlich bei jeder Aufregung bis zur Qual

steigert. Franz schwenkte wieder den Hut. Zwar lief das Wasser jetzt

schon von oben in die Seestiefel hinein, aber es war ja nicht kalt, die

Sache ließ sich ertragen. Wenn so eine Welle heranbrauste, dann fand sie

die drei Genossen vereint in der Vertiefung, welche sich die große

Muschel zum Wohnsitz erwählt, und wo sie nun allerdings fürs erste in

Sicherheit war. Zum Überfluß wurden noch die schweren Eisenstangen

befestigt, und dann galt es nur mehr geduldig auszuharren. Bei manchen

Stößen ging das Wasser bis an den Hals; zuweilen tauchte aus dem Gischt

der Kopf des Haifisches plötzlich hervor, die mordlustigen Augen sahen

in gleicher Höhe mit denen der jungen Leute zu ihnen hinüber, der

Schwanz peitschte voll wütender Ungeduld das Wasser, die nächste Minute

aber zwang den Raubgesellen, doch mit der fallenden Woge wieder

zurückzusinken in das tiefere Meer. Sein Instinkt warnte ihn, sich auf

das zackige, todbringende Riff hinaufzuwagen.

Die letzten Tagesstrahlen verschwammen, der Mond stand hell am Himmel,

und in seltener Klarheit glänzte das südliche Kreuz. Nichts deutete auf

Sturm; vom Leuchtturm grüßte friedlich das rote Licht, der Dampfer gab

von Zeit zu Zeit durch einen Kanonenschuß Kunde von seiner Nähe, und auf

der Fouqué-Insel brannten Pechfackeln, die der Kapitän vom Schiff

herüber bringen ließ. Dennoch aber verbrachten die drei, von der Mitwelt

so gänzlich abgeschlossen, eine Nacht, der nur Franz die heitere Seite

abzugewinnen wußte. Er hatte gewünscht, sich die Wellen nahe herankommen

zu lassen, und er ertrug es lachend, wenn sie ihn mit immer neuen

Schauern bis auf die Haut durchnäßten.

[Illustration: Die Nacht auf dem Riff.

»... zuweilen tauchte aus dem Gischt der Kopf des Haifisches plötzlich

hervor ...«]

Allmählich füllte auch das gleiche buntgestaltige Tierleben des

gestrigen Nachmittags wieder alle Risse und Poren. Fußlange Spinnen

kletterten an den Armen der jungen Leute hinauf, Krebse und große Hummer

segelten vorüber, mehr als einmal erfaßten die Hände Quallen, so daß

noch empfindliche Schmerzen zu der Erstarrung und der allgemach

eintretenden Mattigkeit hinzukamen. Als die Wogen anfingen schwächer zu

werden, da fühlten alle, daß noch eine solche Nacht, solches Alleinsein

gewissermaßen auf unsichtbarem Boden inmitten des Ozeans,

gleichbedeutend werden müsse mit dem Tode.

Vorsichtig krochen die Verschlagenen, um womöglich das Wasser aus den

Stiefeln zu gießen und aus den Kleidern zu ringen, näher an den Rand des

Meeres heran. Jetzt konnten sie ja den Schutz der Vertiefung entbehren,

die höchsten Wogenkämme reichten kaum noch bis an das Plateau, die

Gefahr war vorüber. Aber erst als das Wasser nicht mehr wie eine warme,

schützende Decke ihren Körper umgab, fühlten die jungen Leute den

Einfluß des kalten Morgenwindes. Schaudernd, von Gänsehaut überlaufen,

begrüßten sie die beiden Matrosen, welche im ersten Tagesschein über das

Riff geklettert kamen, um auf Befehl des Kapitäns mit vereinten Kräften

die Riesenmuschel aus der Versenkung hervorzuheben. Nachdem das Tier

entfernt worden, trugen abwechselnd vier Männer die schwere, teuer

erkaufte Schale, und noch ehe die Sonne hoch am Himmel stand, langten

alle glücklich im Zelt unter dem Leuchtturm wieder an.

Holm streckte zähneklappernd die Hände den Freunden entgegen. »Keine

Rührung, Doktor,« sagte er scherzend, »ein tüchtiges Glas Grog wäre uns

in dieser katzenjämmerlichen Verfassung bedeutend mehr von Nutzen.«

Der Kapitän lachte. »Ich dachte mir's,« nickte er. »Stoff ist vorhanden.

Aber wollen wir denn nicht gleich zum Schiffe zurückkehren?«

»Behüte! erst müssen noch Korallen eingefangen werden.«

Dem stimmte auch Franz bei, und zwar sollte noch während der Ebbe vom

großen Boot aus das Schleppnetz in die Tiefe hinabgesenkt werden.

Überall schimmerten ja die roten und weißen unterseeischen Bäume durch

das Wasser herauf, an einer Stelle hatte Holm sogar die seltene, wenn

auch nicht hochgeschätzte schwarze Koralle gesehen, man mußte also die

Gelegenheit wahrnehmen und einsammeln, was zu erlangen war.

Zwei Stunden Schlaf, trockne Kleider nebst einer tüchtigen Mahlzeit und

einem echten Seemannsgrog verscheuchten im Verein sowohl Schauder als

Schläfrigkeit und gaben den jungen Leuten ihre ganze gewohnte Frische

voll zurück. Das Schleppnetz wurde ausgeworfen und brachte einen reichen

Fang von Korallen aus der Tiefe empor an die Oberfläche, freilich nicht,

ohne daß vom Boote her die Eisenstangen der Matrosen ihre hilfreichen

Dienste gethan. Man fuhr längs den bis nahe an den Wasserspiegel

hinaufreichenden Bänken hin; die ganze farbenglühende, in phantastischen

Formen und Windungen aufgebaute Pracht da unten lag sichtbar vor aller

Augen, feingeästelt vom zartesten Silberweiß bis zum gesättigten Purpur

und glänzenden Schwarz; einem puppenhaften Walde gleich, schimmerten die

Korallenstücke durch das blaue, spielende Wasser, und wo sie von den

Eisenhaken der Bootsmannschaft getroffen wurden, da fielen sie in das

ausgespannte Netz hinein.

Holm gab bei dieser Gelegenheit den Knaben einige Erklärungen über die

Entstehung der Korallen, von denen meistens angenommen wird, daß sie,

inwendig hohl, die Wohnungen von Tieren bilden. »Sie sind vielmehr das

Tier selbst,« erläuterte er. »Die kleinste Quallenart, ein kaum

sichtbares Schleimklümpchen, saugt mit seinem aller Organe beraubten

Körper die Kalkteile des Seewassers in sich auf, stirbt, sobald die

Verkalkung vollständig eingetreten und wird von den nachkommenden

Geschlechtern als Wohnstätte benutzt, um den gleichen Kreislauf

immerwährend neu zu beginnen und neu zu vollenden. An seichten Stellen

setzt sich die erste Quallenfamilie fest und auf ihren abgestorbenen

Überresten baut die zweite weiter, bis endlich nach Jahrhunderten die

Oberfläche des Wassers erreicht ist und nun für das Tierchen die

Lebensmöglichkeit aufhört. Von der Luft berührt, stirbt die Qualle.«

Er nahm eins der gesammelten Stücke und zeigte seinen Zuhörern den

zähen, grauen Schleim, welcher dasselbe überzog. »Das ist das jüngste

Quallengeschlecht, das eigentliche, ursprüngliche Korallentier«, setzte

er hinzu, »der Stoff, aus welchem die Natur ganze Inseln, also feste

Wohnplätze für Menschen im Lauf der Zeit erschafft. Es ist nicht

unmöglich, daß nach Jahrtausenden, Jahrmillionen vielleicht, der am

meisten von dieser Gattung bevölkerte Ozean, das Stille Meer nämlich,

einen festen Weltteil bilden wird, langsam entstanden aus

Korallenbänken, Insel an Insel, die endlich zusammenrücken und ein

untrennbares Ganze ausmachen.«

Rua-Roa hatte mit weit offenen Augen dieser Erklärung zugehört. »Zannaar

ist groß!« sagte er halblaut, nachdem jener geendet.

Holm streichelte lachend den Krauskopf des jungen Halbwilden. »Zannaar

ist groß!« wiederholte er, »und selbst die schleimige Qualle sein

Prophet. -- Aber siehe da, von dem kleinsten der Meerbewohner bis zu

einem der größten ist nur ein einziger Schritt. Unser Freund von der

letzten Nacht her!«

Er deutete mit der Rechten auf das Kielwasser des Bootes, wo sich

lüsterne, tückisch blinzelnde Augen bis fast über die Oberfläche

erhoben. Der grüne Hai war immer noch zur Stelle; er konnte sich, wie es

schien, nicht losreißen von der schmeichelnden Hoffnung, endlich doch

eines dieser Opfer zu erwischen; jetzt folgte er dem Boote und blieb

dicht hinter dem Steuer desselben.

Holm ließ das Netz einziehen, um es vor der Wut des Ungeheuers zu

schützen, dann nahm er aus seiner Tasche eine Pistole. »Der Raubgeselle

soll daran glauben,« sagte er. »Paßt auf, Jungens, ich ziele nach dem

rechten Auge. Und ihr, Leute, sobald ich geschossen habe, treibt das

Boot von der Stelle, damit uns die Schwanzschläge nicht schaden.«

Die Matrosen erfaßten ihre Ruder, alles war still vor Erwartung. Der Hai

spielte im Wasser, sein abscheulicher Kopf hob sich handbreit heraus. --

--

Da krachte der Schuß. Zu Bergen türmten sich weißschäumende Wogen,

schwere Schläge peitschten das Wasser, ein Klatschen und Gurgeln

erfüllte die Luft, ein Tropfenregen überschüttete das Boot, und wie im

innersten Grunde aufgewühlt, tobte das Meer.

Die Matrosen hatten ihre Schuldigkeit gethan. Zwar tanzte das kleine

Fahrzeug wie ein Kreisel auf den Wellen, aber dennoch schlug keine

derselben über Bord; als sich das Wasser glättete, war von dem Raubfisch

nichts mehr zu sehen. Jedenfalls stak er tot zwischen den zackigen

Korallenästen im Grunde.

»Und jetzt heimwärts!« gebot Holm, der sich von dem richtigen Gang

seiner Taschenuhr diesmal vorher überzeugt hatte. »Wir dürfen uns hier

durch die Flut nicht überrumpeln lassen.«

Das Boot wurde zunächst zur Fouqué-Insel zurückgelenkt, dort noch der

Leuchtturm besichtigt und dann der Dampfer wieder aufgesucht. Die

Ausbeute an Schätzen für das Museum war eine ungewöhnlich reiche, die

große Muschel allein ein unbezahlbarer Fund; aber als das Schiff an der

Korallenbank vorüberfuhr, da sagten sich doch die drei jungen Leute, daß

sie auf der Höhe derselben eine Nacht verlebt, deren Schauer ihnen ewig

im Gedächtnis bleiben werde. Franz drückte lebhaft die Hand des

Malagaschen. »Du bist doch ein guter Kerl, Rua-Roa,« sagte er, »ohne die

Erfrischungen, welche du uns brachtest, hätten wir die Anstrengung kaum

überstehen können.«

Die Augen des Halbwilden leuchteten. »Ich habe dich lieb, Herr,«

antwortete er, »darum kam ich. Wollen wir beide den Blutschwur tauschen,

du und ich?«

Franz wurde aufmerksam. »Das sagtest du schon früher einmal, Freund,«

versetzte er lebhaft. »Was ist damit?«

»Das sollst du erfahren, Herr!«

Und am Abend desselben Tages, als das Schiff im Hafen von Port St. Louis

vor Anker lag, winkte er im Dunkel des Vorderraumes dem jungen Weißen.

Seine Hand hielt zwei kleine Stücke Ingwerwurzel und ein scharfes

Messer, mit dem er zunächst die Haut über dem eigenen Herzen ein wenig

ritzte und dann in das hervorquellende Blut das eine Stückchen tauchte.

»Iß!« sagte er leise, »und thue das Gleiche. Laß mich dein Blut kosten!«

Franz erschrak heimlich. Das war doch eine ganz heidnische Zeremonie.

Aber Rua-Roas Augen baten so beredt, der junge Mensch schien von der

Heiligkeit dieses Bündnisses so durchdrungen, daß es grausam gewesen

wäre, ihm da, wo er gläubig das Rechte, Gute vermeinte, ein halb

komisches, halb sträfliches Heidentum vorzuwerfen. Zudem erinnerte sich

jetzt Franz, daß die eingebornen Hovas von Madagaskar den Blutschwur

ausschließlich mit ihren vertrautesten Freunden tauschen, und daß der,

welcher ihn etwa bräche, als ehrlos gelten würde; er verschluckte daher

ohne Widerrede die duftende, mit dem Blute seines neuen Bruders

getränkte Wurzel und ließ aus der Haut über seinem Herzen die roten

Tropfen hervorquellen, um damit das andere Stück zu befeuchten. Rua-Roa

streckte, als er es gegessen, beide Hände aus. »Dein Wille gehört seit

dieser Stunde mir, Herr,« sagte er halblaut in beschwörendem,

feierlichem Tone, »und der meinige dir. Wir können nichts thun, einer

ohne den anderen, kein dritter kann zwischen uns treten, keine Macht

kann das Blutband lösen. Schwöre, daß du niemand verraten willst, was in

dieser Stunde geschehen.«

Franz hob die Hand zum nächtlichen Himmel empor. »Bei Gott!« sagte er

leise, selbst wider seinen Willen erfaßt von der geheimnisvollen

Feierlichkeit in dem Wesen des Malagaschen. »Bei Gott, Rua-Roa, ich

schwöre es dir!«

Der Halbwilde nahm die Hand seines Freundes und legte sie sich auf den

Kopf, während umgekehrt seine Rechte Franzens Scheitel berührte. »Ich

danke dir,« sagte er innig, »du hast deinem Sklaven viel geschenkt, aber

er wird sich dessen würdig zeigen.«

Franz fühlte eine eigentümliche Beklommenheit. Das war so etwas wie

Zauberei oder eine Art von abergläubischem Unsinn; er gratulierte sich,

daß es ein Geheimnis bleiben sollte. Wenn sein Erzieher davon erfahren

hätte, so würde ihm ein scharfer Tadel sicher gewesen sein. Rua-Roa

sollte womöglich auf den Samoa-Inseln von den dortigen Missionaren

getauft und in die christliche Kirche aufgenommen werden; er durfte also

den heidnischen Brauch seiner Heimat nicht im Herzen festhalten, Franz

durfte ihn darin nicht bestärken, aber doch ließ er sich von der Macht

des Geheimnisvollen überwältigen; der Eid war geleistet und verlangte

nun strenge Heilighaltung.

Mit einem Händedruck trennten sich die beiden jungen Leute, nicht

ahnend, welche schwerwiegenden Folgen das seltsame, dem Malagaschen

hochfeierliche Spiel dieses Abends späterhin nach sich ziehen sollte.

Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor.

Am anderen Tage wurde die Stadt St. Louis besehen, Einkäufe aller Art

besorgt und ein Ausflug ins Innere der Insel gemacht, um dort den

Bambu-Pik zu ersteigen. Auf dieser Tour füllten sich die

Botanisiertrommeln mit vielen bis dahin noch nicht angetroffenen

Pflanzen, namentlich einer Phönixart mit roten, prachtvollen Trauben,

Mimosen mit scharlachnen, gelben und hellgrünen Blüten und vielen

ausgezeichneten Kasuarinen; auch von den beiden hier angesiedelten,

ursprünglich amerikanischen Bäumen, der Kampesche und der Agave, wurden

Zweige gepflückt. In den Gärten gedieh die wohlriechende Vanille; ganze

Felder von Zuckerrohr boten sich dem Blick; Tamarinden bildeten lange,

schattige Alleen; aber Getreide wurde nirgends gebaut. Der Bambu-Pik

selbst zeigte sich als roter, stellenweise in das schwärzliche

hinüberspielender Basalt, dem aller Baumwuchs fehlte, der aber mit dem

schönsten, üppigsten Gras bedeckt war. In den Thälern weidete hier und

da ein vereinzelter Hirsch, andere Tiergattungen fanden sich jedoch

nicht vor; die Übervölkerung der Insel hat sämtliche vorhandene Arten

dem Untergange schon längst preisgegeben; von den ursprünglich in den

Wäldern angetroffenen Wildschweinen findet sich kein einziges mehr,

ebensowenig Schildkröten oder jener große ausgerottete Vogel, die

Dronte, der hier auf Mauritius »Dodo« heißt, und von dem man überall nur

noch Knochen besitzt, aber nirgend ein lebendes Exemplar.

Die Aussicht von der Höhe des Bambu-Pik war entzückend schön, obgleich

der Charakter dieser ganzen Landschaft keineswegs etwas Großartiges oder

gar Wildes besaß. Dörfer und stille, einsame, an Flüssen liegende

Mühlen, reiche Gärten und Pflanzungen, dazwischen wenig Wald und über

die ganze Insel hinlaufende Straßen, alles umsäumt von den tiefblauen

Fluten des Indischen Ozeans, so zeigte sich das Gesamtbild, dessen

Einzelheiten trotzdem manches Neue und Überraschende darboten, hier

einen Käfer, dort eine Ranke oder ein Stück Erz und dann wieder einen

bescheidenen Erdwurm, der sich nicht träumen ließ, daß er heute auf

seinen Wanderungen einem raublustigen Feinde begegnen werde.

Ein Tag genügte, um diesen Ausflug zu beenden. Schon der nächstfolgende

Mittag sah das Schiff wieder auf hohem Meere, der Insel Ceylon

entgegendampfend. »Jetzt kommen wir abermals in die Gebiete wilder

Völker und wilder reißender Tiere,« erläuterte Holm. »Da heißt es, die

Sorglosigkeit der letzten Wochen abstreifen und bis an die Zähne

bewaffnet sein Leben gegen feindliche Angriffe verteidigen. Wo denken

Sie die Insel anzulaufen, Herr Kapitän?«

»Im Norden,« antwortete der alte Seemann. »Landen wir bei Trincomali

oder Galle, so sind wochenlange beschwerliche Reisen notwendig, um in

das Innere zu gelangen. Auf der Nordseite dagegen, in den großen

Bergwäldern, hausen die Veddas; dort ist Tier- und Pflanzenleben sowie

das der Bewohner noch ganz ursprünglich, -- ich denke, Sie werden Ihre

Zwecke in diesen Gegenden am besten erreichen, namentlich was die Jagd

betrifft.«

»Für Waffen und Munition ist gesorgt,« versetzte Holm. »So können wir

denn diesmal das Moschustier erlegen und den malabarischen Schakal.«

Die Knaben freuten sich der Aussicht auf die langentbehrte, aufregende

Jagd. Sie erzählten dem Malagaschen so viel von den großen Raubtieren

und den Pflanzenfressern, welche er nicht kannte, sie zeigten ihm so

viele Bilder von Elefanten, Giraffen und Löwen, daß auch er anfing

neugierig zu werden und nebenbei Lani-Lamehs Weisheit in Zweifel zu

ziehen. Die Erde sei eine große, flache Scheibe, hatte auf Madagaskar

der verschmitzte Zauberer seinen gläubigen Zuhörern eingeprägt, und die

Insel selbst schwimme als Mittelpunkt des Ganzen in einem großen Wasser.

Alles übrige sei wüstes Land, wo nur die Weißen wohnen, die nichts als

Schiffe und Bücher besitzen und von Menschenfleisch leben.

Franz zeigte dem Erstaunten einen Globus, erzählte ihm von der Kugelform

der Erde, von ihrer Drehung und bezeichnete mit Stecknadeln Madagaskar,

Mauritius und Ceylon. Dann ließ er ihn die Bilder großer europäischer

Städte sehen und brachte es allmählich dahin, ihm sagen zu können, daß

die »Hammonia« von Hamburg aus ihre Fahrt angetreten habe, um in die

Heimat der Aufklärung und allgemeinen Bildung solche Schätze an

Naturalien zurückzubringen, wie sie eben nur der tropische Süden

besitzt, und wie sie nur gedacht werden können in einem Lande, wo noch

Menschen und Tiere im ursprünglichen Wildheitszustande mit einander um

die Herrschaft streiten. -- Rua-Roa lauschte fast andächtig diesen

Belehrungen seines jungen Freundes. Er ahnte nicht, daß für den weißen

Knaben selbst bedeutend mehr als für ihn an Erkenntnis daraus

hervorging. Franz dachte der Niederlassungen seines Vaters in der

Südsee, und wie vielen Hunderten, ja Tausenden von armen Wilden das Haus

Gottfried schon bürgerlichen Wohlstand und Erlösung aus der Nacht

tiefster menschlicher Unwissenheit in ihre entlegene Inselheimat

gebracht. Der Beruf des Kaufmannes war doch ein schöner, großer, war ein

Zweig der hohepriesterlichen Sendung, welche nach Gottes Willen der

Mensch dem Menschen gegenüber vollzieht, wo immer dem ärmeren Bruder die

Hand gereicht und das Fackellicht der Gesittung in früheres Dunkel

getragen wird.

Es sind eben der Wege so viele und der natürlichen Anlagen oder

Neigungen so mannigfache; Missionar und Naturforscher brechen Bahn; sie

bilden die Pioniere der Zivilisation; sie würden aber ganz ohnmächtig

bleiben, wenn nicht der Kaufmann mit großen äußerlichen Mitteln nachkäme

und den _Gedanken_ bürgerlich geordneter, christlicher und

menschenwürdiger Zustände durch Handel und Wandel zur _Wirklichkeit_

erhöbe.

Es war gewiß, daß Franz nicht mehr beabsichtigte, seinem Bruder dereinst

den Thron des väterlichen Kontors allein zu überlassen und selbst

fortwährend die Welt zu bereisen; im Gegenteil freute er sich mehr denn

je auf die persönliche Kenntnis der Samoa-Inseln und spann schon jetzt

weitaussehende Pläne, träumte von Schöpfungen, die erst in fernen

Jahrzehnten das Licht des Daseins erblicken konnten.

Rua-Roa lernte emsig. Außer seinen regelmäßigen Unterrichtsstunden

widmete er sich mit der ganzen Wißbegier eines aufgeweckten Kopfes allen

solchen Dingen, die in einem zivilisierten Lande dem Kinde gleichsam

unmerklich, mühelos bekannt werden, und Franz war auf allen diesen

Gebieten sein treuer Führer. Die Mühe blieb aber auch nicht ohne Lohn;

Rua-Roa, nachdem er erfahren, daß das Katzengeschlecht über die ganze

Welt verbreitet ist, und daß es so vielfach der Stellung des

verhätschelten Lieblingstieres gewürdigt wird, -- Rua-Roa nahm eines

Tages Murr auf den Arm und schloß Frieden mit dem alten Rattenbesieger,

der schon lange Jahre auf anderen Schiffen nach allen Teilen unserer

Erde mit Kapitän und Steuermann Reisen gemacht und dem Leben am Lande

ganz fremd geworden war. Auch daß seine Amulette als Kuriosität in das

Museum wandern würden, und daß der weiße Hahn -- eben ein Hahn war wie

alle übrigen auch, wußte und erfuhr der Gelbe, aber die Erkenntnis wurde

ihm nicht aufgedrängt, und zugleich mit dem besseren Verstehen kam über

seine Seele jene Gewißheit des Christen, daß, wenn auch nichts Irdisches

ein guter oder böser Geist oder gar übernatürlicher Kräfte fähig ist, so

doch selbst das niederste Wesen zum Werkzeuge Gottes wird. Der weiße

Hahn hatte durch seine Nähe die augenblickliche Vollstreckung des

Todesurteils erfolgreich verhindert, Rua-Roa lernte aber jetzt erst, daß

nur dem göttlichen Willen, nicht dem Werkzeug desselben, der Dank des

Menschen dargebracht werden darf.

Während der Fahrt gab es hinreichende Arbeit für die jungen Forscher.

Denn auf den Felsriffen und in den kleinen flachen Binnenseen, welche

die Koralleninseln bildeten, war eine reiche Beute gesammelt, die zum

Versand präpariert werden mußte. Die Seeigel und Seesterne hielten sich

in einer großen Bütte, die mehrere Male des Tages mit frischem Seewasser

gefüllt wurde, in Gesellschaft der Seerosen und vieler Krebse am Leben,

und deshalb gelangten zuerst die Schnecken und Muscheln zur

Präparierung, von denen einige bereits einen unangenehmen

Verwesungsgeruch aushauchten.

»Von den Schnecken gebrauchen wir die Schale und die -- Zunge,« sagte

Holm, »das übrige Tier ist nur ein unangenehmer Ballast.«

»Die Zunge?« fragte Hans.

»Jawohl,« antwortete Holm, »die Zunge, diese ist das einzige feste Organ

im Schneckenleibe. Sie besteht aus derselben harten Masse, die den

Panzer der Käfer und anderer Insekten bildet und ist mit vielen Reihen

eigentümlicher Zähne besetzt, mit denen sie die Pflanzenstoffe zerreibt,

von denen sie sich nährt. Die Schneckenzungen sind sehr verschieden

gestaltet, aber die zu einer Gattung gehörenden Arten besitzen in der

Zungenbildung stets große Ähnlichkeit, wenn ihre Gehäuse in Farbe, Form

und Zeichnung auch noch so sehr von einander abweichen. Die Zungen

dienen daher zur Feststellung der einzelnen Arten und sind den Zoologen,

welche sich vorzugsweise mit dem Studium der Konchylien beschäftigen,

außerordentlich wichtig.«

Die gesammelten Schnecken wurden mitten auf den Tisch geschüttet, alle

setzten sich um denselben, auch der Doktor, der eine Pfeife angezündet

hatte, um den üblen Geruch der bereits faulenden Meertiere zu mildern.

Holm nahm nun eine der Schnecken und zeigte den Knaben, wie man mit

einem krummen kleinen Haken aus Eisen im stande sei, den weichen Körper

der Schnecken aus ihrem Gehäuse herauszuziehen, wozu freilich Geduld und

Geschicklichkeit gehörte, denn er saß oft sehr fest in den engen

Windungen der Schale. Sobald der Schneckenkörper frei dalag, machte Holm

mit einem scharfen Messer, dem sogenannten Skalpell, einen Einschnitt in

den vorderen Teil desselben und konnte dann nach einigem Suchen mittels

einer feinen Pinzette einen länglichen, ziemlich zähen Gegenstand

herausziehen -- die gewünschte Zunge. Nachdem dieselbe in einer kleinen,

mit Spiritus gefüllten Schale abgespült worden war, wurde sie in ein

Stückchen Papier gewickelt und in das mittlerweile gereinigte und

ausgespülte Schneckenhaus gesteckt, das ebenfalls in Papier gewickelt

wurde. So kamen denn stets die wichtigsten Teile, Schneckenhaus und

Schneckenzunge, zusammen, und eine Verwechselung konnte später nicht

möglich sein.

Als sie unter den Schnecken ein schönes Exemplar der Purpurschnecke

fanden, sagte Holm: »Nun werde ich euch eine sehr schöne Zunge unter dem

Mikroskop zeigen.« Er legte die dem Schneckenkörper entnommene Zunge auf

den uns bereits bekannten Objektträger, brachte einen Tropfen Wasser auf

dieselbe und bedeckte sie mit einem Deckgläschen, das er sanft preßte,

um die Zunge etwas breit zu drücken. Die Knaben waren erstaunt, als sie

bei einer zweihundertfachen Vergrößerung die spitzen Zähne dieser Zunge

erblickten und die Regelmäßigkeit wahrnahmen, mit welcher dieselben sich

aneinander reihen. Um ihnen den Unterschied zwischen den einzelnen

Formen zu zeigen, präparierte Holm in gleicher Weise die Zunge einer

Strandschnecke (^Litorina^). Hier waren die Zähne weniger spitz, dagegen

rundlicher geformt als bei der Purpurschnecke, aus der bereits die

Phöniker den blauroten Farbstoff gewannen, mit dem sie die berühmten

Purpurgewänder färbten.

Da die Zunge der Strandschnecke ^in natura^ um vieles größer war, als

die Zunge der kleineren Purpurschnecke, so mußte bei gleicher

Vergrößerung das mikroskopische Bild derselben auch bedeutend

umfangreicher erscheinen.

Nachdem die Schnecken in der angegebenen Weise präpariert, eingewickelt

und fest in eine Kiste gepackt und auf einem Zettel die Fundorte bemerkt

worden waren, versah Holm das Kollo mit der Adresse, und bei nächster

Gelegenheit konnten diese Schätze abgesandt werden.

»Ein wahres Glück, daß diese Arbeit vorüber ist,« meinte der Doktor,

»meine Geruchsnerven haben kein besonderes Gaudium daran gehabt.«

»Unsere Nasen haben sich bald daran gewöhnt,« rief Franz. »Einem

Naturforscher darf es auf solche Kleinigkeiten nicht ankommen.«

Nun galt es, die Seesterne und Seeigel zu konservieren. Aus dem Raum

wurden große Glashafen mit eingeschliffenem, breitem Stöpsel gebracht,

in denen sich Baumwolle in Gestalt von Watte befand. Diese wurde

herausgenommen, dann schichtete Holm abwechselnd Watte und Seeigel in

dem Glashafen auf, damit die Geschöpfe mit ihren zerbrechlichen

Stacheln, die oft den Durchmesser des Rumpfes um das vierfache

übertrafen, unbeschädigt blieben. Als dies geschehen, füllte er den

Hafen mit starkem Spiritus, setzte den Stöpsel ein und verband denselben

mit angefeuchteter Blase, um das Verdampfen des Spiritus zu verhüten. In

derselben Weise wurde mit den Seesternen und den vielen Krabben- und

Krebsarten verfahren.

»Aha,« sagte Hans, »nun begreife ich auch, warum der Affe teilweise Rum

erhielt, denn ohne diese Vorsichtsmaßregel hätten wir nicht genügend

Spiritus gehabt, und diese prachtvollen Naturalien wären uns verdorben.«

»Man kann eben nicht haushälterisch genug mit solchen Dingen sein, die

in der Wildnis gar nicht zu erlangen sind,« entgegnete Holm. »Unsere

Reise würde nur zur Hälfte ihren Zweck erfüllen, wenn wir nicht im

stande wären, die gesammelten Seltenheiten zu konservieren.«

Holm zeigte den Knaben die merkwürdigen Greiffüße der Seeigel unter dem

Mikroskop. Diese Füßchen gleichen kleinen, inwendig gezähnten Dreizacken

und sitzen auf der kugelförmigen Oberfläche der Seeigel in großer

Anzahl. Faßt nun ein solcher Greiffuß ein winzig kleines lebendes Wesen,

so gibt er es seinem Kollegen, der es wieder weiter gibt, wie ein Eimer

in der Kette der Löschmannschaften von Hand zu Hand geht, bis es von Fuß

zu Fuß nach dem an der Unterseite des Tieres liegenden Mund gelangt, in

den es als gute Beute spaziert. Man kennt von den Seeigeln über 200

lebende Arten und gegen 1500 Arten versteinerter aus früheren Perioden

unserer Erde. Oft werden dieselben im Sande, namentlich aber in der

Kreide gefunden.

Aus der großen Riesenmuschel, der Tridacee, wurde der weiche Körper

ausgelöst, wie eine Auster aus ihrer Schale. Da sie fest und

unzerbrechlich war, wurde sie im Raum der »Hammonia« festgestaut, wie

jedes andere Kollo; ihretwegen brauchte sich niemand Sorge zu machen.

Siebentes Kapitel.

Die Reise nach Ceylon wurde schnell und glücklich beendet; man fuhr am

Hafen von Galle und an dem von Kolombo vorüber bis zur äußersten

Nordspitze, die freilich nur eine Landung im Boot gestattete. Dafür

versprach aber auch der gänzliche Mangel an Kultur und an irgend einem

gebahnten Wege die beste Jagdbeute. Vor der Hand mußte man sich ohne

Führer behelfen; die Küste war flach und stark mit Sandsteinstrecken

versetzt, dazwischen aber lagen schöne, fruchtbare Thäler und ragende

Wälder, in denen Palmen von unglaublicher Höhe und zu vielen Tausenden

alles andere gleichsam als nebensächlich erscheinen ließen. Stämme von

dreißig bis vierzig Meter waren die unbedeutendsten und bildeten das,

was in einem deutschen Walde Unterholz heißt, hier noch mit einer Fülle

von Sträuchern und Ranken jeder Ausdehnung um den Platz streitend.

Da keine Pferde zu haben waren, marschierte der kleine Zug auf Schusters

Rappen in die grüne Wildnis hinein. Jeder Mann hatte seine Wolldecke,

seinen Leinensack mit Lebensmitteln, Korbflasche, Pulverhorn,

Schrotbeutel und Messer bei sich, und war außerdem mit mancherlei

Kleinigkeiten zum Verschenken, mit etwas Branntwein und ein paar kleinen

Taschenpistolen, sowie mit Feuerzeug und Wachskerzen versehen. Der

Doktor, Holm, zwei Matrosen, die Knaben und Rua-Roa bildeten einen

wohlausgerüsteten Entdeckungszug. Sie wollten womöglich die Insel quer

durchschneiden, zuerst das Tiefland kennen lernen und dann die

Gebirgspartie. Etwa vier bis sechs Wochen waren für diese Reise in

Aussicht genommen.

Schon gleich nachdem die ersten tausend Schritte zurückgelegt,

entfaltete sich das bunteste, einheimische Tierleben. Auf den

unscheinbaren Blüten der Zimtpflanze wiegten sich große, ganz weiße

Schmetterlinge; Papageien und Nashornvögel bevölkerten das Dickicht,

schlanke Genettkatzen glitten wie Schatten in einiger Entfernung

vorüber, und Stachelschweine in beträchtlicher Anzahl lagen faul

zusammengerollt unter Blumen. Es waren dies die echten, in Deutschland

fehlenden mit den schöngefärbten, großen Stacheln, die auch in allen

Häfen der Insel von den Eingebornen zum Verkauf ausgeboten werden;

unsere Freunde töteten daher sogleich zwei der schönsten Exemplare, um

sich ihrer Stacheln zu bemächtigen; die Jagd nahm so recht frei und

unbeschränkt wieder ihren Anfang; alle Herzen schlugen froher, die

Gefahr schärfte alle Sinne und lockte mit geheimnisvollem Zauber.

Es ist äußerst angenehm, sich nach bestandenem Abenteuer schwelgend in

Sicherheit und Fülle aller Naturreize ausruhen zu dürfen, aber dennoch

hat auch der Kampf um neue Güter, neue Genüsse sein unendlich

Verführerisches. Wer nichts einsetzt, der kennt auch nicht das

Hochgefühl des Sieges, wer nicht mit Mühe errang, der erfährt nie die

echte Freude des Besitzes. --

Auf jedem Schritt wurden Schätze entdeckt, und als man sich zum ersten,

durch manche frischgepflückte Frucht noch verschönerten Mahl ins Grüne

setzte, da schmeckte allen die gewohnte derbe Schiffskost wie etwas

ausgesucht Feines. Würziger Hauch wehte über all diese Blütenpracht

dahin, Vögel sangen in den Zweigen und große Käfer schlüpften durch das

Gras. »Nur entsetzlich viel kriechende Tiere scheint es zu geben,«

meinte Franz, »ich fühle das Krabbeln am ganzen Körper.«

»Ich auch!« rief der Doktor. »Aber merkwürdig, in der Luft fliegt

nichts.«

»Die Bestien stechen!« mischten sich jetzt zugleich Holm und Hans in

diese delikate Unterhaltung. »Ich glaube, auf meinem Rücken allein sitzt

ein ganzes Schock.«

Rua-Roa griff unter die weiten Falten seiner Leinenjacke und brachte

dann die fünf Finger ziemlich durchnäßt wieder hervor. »Blut!« sagte er

voll Erstaunen.

Alle andern waren bereits beschäftigt, Stiefel und Röcke abzuwerfen; das

Brennen in der Haut wurde unerträglich, das Krabbeln wie von tausend

kleinen Füßchen reizte ärger als der stärkste Schmerz. Nachdem Franz die

Schulter entblößt, zeigten sich nicht weniger als Hunderte von ganz

dünnen, an Größe einer länglichen Wanze gleichenden, schwarzbraunen

Würmern; alle diese häßlichen Geschöpfe hingen am Körper des Knaben wie

-- Blutegel! was sie thatsächlich auch waren. Sobald einer gewaltsam

entfernt wurde, quoll das Blut aus der Wunde.

Holm lachte. »Rückwärts! Rückwärts, Don Rodrigo!« rief er lustig, »hier

heißt es Fersengeld geben, hier hilft nur das Hasenpanier zum Siege.

Nehmt alles, was wir besitzen, und laßt uns aus dem Gebiet der Sandegel

so schnell als nur möglich dort hinab an das Ufer flüchten. Die

schwarzen Gesellen leben, wo sie einmal sind, zu Myriaden, abschütteln

kann man sie nicht.«

»Am besten ist es, wir baden uns,« rief Franz. »Das Brennen macht ganz

ungeduldig.«

»Und wie die Dinger anschwellen! sie saugen uns leer, wenn wir es

gestatten.«

Die ganze kleine Gesellschaft machte sich auf und trug Lebensmittel und

Gepäck zum Flußufer, wo Holm den Boden, nachdem er ihn untersucht hatte,

für frei erklärte. Und dann umspülte das frische Wasser die brennenden

Hautwunden, während jedesmal drei von den Männern Wache hielten, und

drei die festgeklammerten Egel zum Ertrinken zwangen. Das war ein

Aderlaß in aller Form, sogar die Hemden mußten gewaschen und zum

Trocknen auf die nächsten Büsche gehängt werden; dennoch erregte das

kleine Abenteuer auch allgemeine Heiterkeit, es bildete den Anfang zu

neuen Erlebnissen; daher mußte es mit in den Kauf genommen werden, wenn

selbst ein wenig Blut geflossen war.

An den Ufern zeigten sich scharenweise die schönen roten Flamingos;

Hasen eilten mit den bekannten langen Sätzen über das Flachland dahin,

weiße Kakadus wiegten sich auf den Palmen, überall lagen Kokosnüsse reif

am Boden, Pfefferpflanzen kletterten von Stamm zu Stamm.

Undurchdringliche Dickichte zwangen die Wanderer zum Umkehren. Hierher

mochten nur selten Menschen gekommen sein, keine Spur eines Weges ließ

sich erkennen, nichts deutete auf die Nähe einer Ansiedelung, mehr als

einmal dagegen drang das ferne Brüllen des Tigers zu den Ohren der

Weißen, oder stampfte im Galopp eine Büffelherde vorüber, aufgescheucht

durch das Erscheinen menschlicher Wesen in ihren Weidegebieten, Hunderte

an der Zahl, ziemlich klein und gedrungen, aber von wildem, bösartigem

Aussehen. Die Jäger gingen solchen herankommenden Herden aus dem Wege,

um nicht angegriffen zu werden; einen der Nachzügler aber schossen sie

aus dem Hinterhalt und schnitten einen tüchtigen Braten ab, der abends

am mitgebrachten Spieß geröstet werden sollte.

An einer passenden Stelle, wo überhängende Zweige ein dichtes Dach

bildeten, wo eine Quelle sprudelte und der Rücken durch eine Felswand

gedeckt war, wurde Halt gemacht. Zelte von Leinen, bequem und ohne

Regelmäßigkeit zwischen den Bäumen ausgespannt, ein von Kriechtieren

gesäuberter Boden und ein paar Wolldecken gaben unter dem milden Himmel

ein prächtiges Nachtlager, während vor den Zelten ein Feuer hell und

behaglich aufloderte. Das Büffelfleisch wurde am Spieße gebraten,

frische Früchte gepflückt und dann ein Nachtessen eingenommen, so

köstlich wie nur Jäger im grünen Walde es kennen. Der Rücken war

gedeckt, ein feindlicher Angriff nicht möglich, ohne im voraus bemerkt

zu werden; das Wetter hatte sich von heißer Mittagsglut zu linder Wärme

herabgestimmt, Mücken spielten in der klaren Luft, und auf den Zweigen

saßen große, rote Papageien, die neugierig mit schiefgehaltenen Köpfen

herabsahen. Jene große Gattung, deren Rücken in Purpur und Blau

schimmert, wechselte mit dem schneeweißen Kakadu und dem kleineren, rosa

überhauchten Verwandten; Gesellschaftsvögel flatterten dazwischen, und

auch den schönen Nashornvogel von der Westküste Afrikas sahen die

Reisenden hier wieder. Nur die Affen fehlten, und dadurch ging ein

großer Teil der sonst gewohnten Unterhaltung verloren.

Franz und ein Matrose hatten den ersten Teil der Nachtwache übernommen,

die anderen schliefen in den Zelten. Fast Tageshelle lag auf der

Umgebung, in weitem Blau schimmerten die Sterne, lächelnd sah der

Vollmond herab auf das farbenprangende Landschaftsbild; leise flüsternd

unterhielten sich der Matrose und der Knabe von Hamburg, ihrer

beiderseitigen Heimat, -- da knisterte es seitwärts in den Zweigen, so

daß die Aufmerksamkeit der jungen Leute erregt wurde. Was würden sie

sehen? -- Einen Tiger? -- Wilde? --

Aber nein. Es waren die zierlichen, schöngefleckten Axishirsche, welche

hier in ganzen Trupps an die Quelle kamen, um zu trinken. Schlank wie

Rehe, mit großen sprechenden Augen, das Geweih zurückgeworfen, zeigten

sie sich dem überraschten Blick, ebensowenig furchtsam wie die

Papageien, ebensowenig gewöhnt, Menschen in ihren Wäldern zu sehen wie

diese. Fast bis auf sechs oder zehn Schritte kamen sie heran, kleine

Kälbchen liefen neben den Müttern, ein Bock mit mächtigem Geweih schien

der Anführer des Zuges zu sein.

»Wir wollen nicht schießen, Maat,« raunte Franz. »Fleisch für morgen ist

ja noch genug vorhanden, -- es wäre schade um die hübschen Tiere.«

»Hm, hm, junger Herr, da ist nur eins zu bedenken!«

»Und das wäre?« forschte der Knabe.

»Wenn nun diese Stelle hier am Wasser ein Trinkplatz ist? Wenn noch mehr

und vielleicht nicht so harmlose Tiere herkämen?«

Noch während er sprach, erdröhnte von fern die Erde, als wenn eine

reitende Batterie darüber hinwegeilte. Ein heller, trompetenartiger Ton

klang durch die Luft, Zweige brachen und knackten, von der anderen Seite

des schmalen Wasserarmes her kamen aus dem Walddunkel graue

Riesengestalten hervor, ungeheure Kolosse trabten heran, dazwischen

kleinere bis herab zu kaum dreitägigen und neugeborenen Rüsselträgern.

Etwa dreißig Elefanten standen am Quell und löschten ihren Durst.

Die Axishirsche nahmen von dieser Nachbarschaft keinerlei Notiz, sie

lagerten sich vielmehr in ungestörter Ruhe am Uferrand, die Jungen

tranken nach Herzenslust an den Zitzen der Mütter, und die Alten

benagten spielend, in der Fülle des Gebotenen schwelgend, die üppigen

Grasspitzen ringsumher oder die blütenschweren Ranken, welche von den

Bäumen herabhingen.

Franz kroch lautlos in das Zelt und weckte die anderen. Ein zugleich so

friedliches und so großartiges Bild wurde dem Blick vielleicht nicht zum

zweitenmale geboten, eine Herde von Elefanten sah man nicht alle Tage.

Rua-Roa schien bei dem Anblick der Kolosse im ersten Schrecken

entfliehen zu wollen. Er ließ sich gar nicht überzeugen, daß die

trompetenden Dickhäuter ohne Menschenfleisch zufrieden sein könnten, und

etwas wie eine Erinnerung an Angatsch den Bösen und alle seine Tücke zog

wieder durch das halbzivilisierte Gemüt. »Schieße nicht!« bat er

beklommen, »schieße nicht. Wer weiß, was sie im Schilde führen?«

Holm lachte. »Hast du die Bilder von Elefanten, welche wir dir gezeigt,

gänzlich wieder vergessen, Junge? Glaubst du, daß uns der Anblick dieser

Tiere überrascht?«

Der Malagasche errötete. »Aber du könntest doch den großen Körper nicht

fortbringen, Herr, auch wenn du ihn getötet hättest,« versetzte er

ängstlich.

Holm schwankte. »Einen dieser prachtvollen Stoßzähne würde ich doch

außerordentlich gern erbeuten! -- was meinst du, Franz?«

»Wir schleichen bis zu den drei Tamarindenstämmen, Karl, da! zu denen,

die ganz dicht neben einander stehen,« flüsterte eiligst der Knabe. »Es

kann uns in dies Versteck kein Elefant nachkommen, -- die anderen mögen

auf Bäume klettern.«

»Ich will mit Ihnen,« nickte der Matrose. »Ihr Gedanke ist gut.«

Als der Malagasche sah, daß keine Gegenrede den Jagdeifer der Weißen

erschüttern konnte, nahm er schnell seine Kugelbüchse und kroch durch

das Unterholz den Vorangegangenen nach, während der Doktor und Hans in

einiger Entfernung Posto faßten, um nötigenfalls den wütenden Riesen von

anderer Seite bekämpfen zu können. Der zweite Matrose blieb vor den

Zelten im Anschlag liegen.

Die Axishirsche hatten ihre schönen, schlanken Köpfe gedreht und

horchend einen Augenblick lang Miene gemacht zu entfliehen, dann aber,

als sie niemand sahen, kehrte die frühere Ruhe zurück; ein leichter Wind

strich spielend über ihre Stirnen dahin, sie schnupperten sorgfältig, --

nichts Verdächtiges störte den Frieden ringsumher.

Holm und Franz drangen vor bis an die Gruppe von Arekapalmen und

Tamarinden. Hier inmitten von wenigstens zehn Stämmen waren sie gegen

den Zorn der Elefanten vollkommen geschützt.

Rua-Roa fühlte sich etwas beklommen; er tastete unruhig wie in halber

Zerstreutheit an derjenigen Stelle seiner Brust, wo früher die

schützenden Amulette zu hängen pflegten. Sein Blick durchdrang spähend

die grünen, blütengeschmückten Umgebungen.

»Der da!« raunte Holm, »der große, rechts von den beiden Kälbern. Die

Zähne sind wahre Prachtexemplare.«

Er legte an, schon zuckte der Finger zum Drücker des Gewehres, da

berührte die Hand des Malagaschen seinen Arm. »Ein Kopf, Herr, ein

gelbes Tier! -- siehst du nicht dort die funkelnden Augen?«

Holm ließ das Gewehr sinken. »Gelb?« fragte er rasch, »wo denn? -- Ach,

bei Gott, ein Tiger!«

Gleich einem Blitz schoß die Raubkatze im Sprunge über das Gebüsch

dahin. Wenigstens sechs Meter durchmaßen die geschmeidigen Glieder, der

lange Schweif flog hinter ihm durch die Luft, ein mißtönendes Geschrei

erschreckte die Tierwelt ringsumher. Gleich Schatten waren die Hirsche

entflohen, kreischend und flatternd verbargen sich die Papageien im

Gezweig. Der Tiger hatte ein junges Elefantenkalb zum Opfer ausersehen,

sein plötzlicher Überfall warf das wehrlose Tier zu Boden, er biß mit

den gewaltigen Zähnen in die Kehle des Halberstickten, jammervolles

Klagegeschrei erfüllte die Luft, Ströme von Blut rannen über das Gras

dahin.

Die alten Elefanten schienen indessen keineswegs gesonnen, den Räuber

ihres Kleinen ungestraft entkommen zu lassen. Ihr Gebrüll widerhallte an

den fernen Bergwänden, wütende Angriffe mit dem Rüssel hoben in diesem

Augenblicke den Tiger hoch in die Luft empor, um ihn am Boden zu

zerschmettern, im nächsten hatte er sich durch sein scharfes Gebiß

befreit und hing jetzt als der Stärkere buchstäblich mit den Zähnen im

Fleische eines Elefanten. Dieser ungleiche Kampf des _Einen_ gegen so

viele konnte indessen nicht von langer Dauer sein. Der Tiger wehrte sich

wie ein Verzweifelter, auch sein Blut floß, die rote Zunge hing lechzend

aus dem Rachen hervor, der Schweif peitschte den Boden, heiser und immer

heiserer klang das wütende Gebrüll. Die Elefanten traten ihn, ihre

Stoßzähne bohrten sich in seinen Leib, sie warfen ihn von einer Stelle

zur anderen und wichen dann selbst schäumend vor Wut zurück, wenn ihre

empfindlichen, weichen Rüssel die Kraft seiner Bisse fühlten.

Besonders den großen, alten Elefanten, ein Männchen mit gewaltigem

Kopfe, hatte er bös zugerichtet. Der Koloß zeigte zerfetzte Ohren, aus

dem Rüssel waren große Stücke Fleisch gerissen und an manchen Orten hing

die Haut, von den Pranken der Raubkatze erfaßt, in Lappen herab. Das

Tier brüllte vor Schmerz, die ganze mächtige Gestalt schwankte, der Kopf

triefte von Blut, aber dafür wurde ihm auch die Genugthuung, seinen

Feind jetzt völlig besiegt zu sehen. Der Tiger lag, zum formlosen

Klumpen zertreten, unter den Füßen der grauen Kolosse; er atmete nicht

mehr, das schöne Fell war bis zur Unkenntlichkeit besudelt und

zerstampft, alle Rippen zerbrochen und der Kopf zerquetscht.

Neben seinen verstümmelten Überresten lagen die des getöteten

Elefantenkalbes, und nach allem Toben, allem Kampf der letzten

Viertelstunde war es traurig zu sehen, wie sich die Mutter des kleinen

Geschöpfes bemühte, es wieder in das Leben zurückzurufen. Sie beroch und

betrachtete es, versuchte mit dem Rüssel seinen Kopf aufzuheben und

emporzuziehen. Als alles vergeblich war, stieß das Tier mit

zurückgelegtem Kopfe ein erschütterndes Klagegeschrei in die Luft

hinaus, so ganz anders wie das Wutgebrüll der Männchen, so trostlos und

gramvoll, daß es die Herzen der zuhörenden Männer rührte. Diese beraubte

Mutter schrie nach ihrem Kinde, alle verstanden den Ton, alle gönnten es

dem Tiger, daß er für seine Unthat bestraft worden war.

»Und doch hat auch er vielleicht Junge im Nest, denen er Futter zutragen

wollte,« sagte endlich wie in Beantwortung seiner eigenen Gedanken der

junge Gelehrte. »Krieg ist das Losungswort der Tierwelt, eine Gattung

immer die Bekämpferin der anderen. -- Jetzt aber wollen wir, als die

vornehmsten, mit den stärksten Waffen versehenen Räuber, doch dem alten

Herrn da den Garaus machen. Der Tiger hat uns bestens vorgearbeitet.«

Er zielte nochmals, und die schwere Kugel drang dem Elefanten in das

Auge, um ihn auf der Stelle zu töten. Die Erde dröhnte, als er fiel.

»Ah! -- die beiden Stoßzähne hätten wir sicher.«

Holm wollte sogleich aus dem Versteck hervortreten und sich seiner Beute

bemächtigen, aber der Matrose warnte ihn vor der bekannten Hinterlist

der Elefanten, weshalb er wartete, bis sich die großen Tiere, erschreckt

durch mehrere ihnen zugesandte Schüsse, endlich entfernt hatten. Die

Walstatt selbst bot einen furchtbaren Anblick. Überall war die Erde

fußtief aufgewühlt, Lachen von gerinnendem Blut füllten die tieferen

Stellen, Gebüsche und schwächere Baumstämme lagen zertreten, Ranken

zerrissen und Blumen geknickt. Dazwischen die zermalmten Tierleichen, --

so fanden Holm und Franz das Gesamtbild, als sie mit den anderen kamen,

um die Stoßzähne des großen Elefanten herauszubrechen. Das Handbeil des

Matrosen leistete dabei die besten Dienste, es gelang über alles

Erwarten gut, und schon waren die Jäger im Begriff, den Rückweg zu ihren

Zelten anzutreten, als von einiger Entfernung her ein leises Wimmern

oder Pfeifen die nächtliche Stille durchdrang. Es hörte sich an, als

weine ein kleines eigensinniges Kind, oder wie Katzengeschrei.

Alle horchten. Da klang es nochmals. Ein größeres Tier konnte es

unmöglich sein.

Die ganze Gesellschaft ging dem Schall nach. Im Widerspruch mit den

Gewohnheiten wilder Geschöpfe verstärkte sich bei dem Näherkommen der

Männer das Wimmern, es tönte deutlicher und immer deutlicher, bis

zuletzt Franz als der erste im Zuge seitwärts vom Wege ein Nest aus

dürren Halmen entdeckte und darin zwei junge Tiger, die, kaum größer als

Ratten, vielleicht erst seit dem gestrigen Tage lebten und sich

ängstlich verkrochen, als der Knabe in ihren Schlupfwinkel sah. Bei der

ersten Berührung versuchten die zahnlosen Mäulchen zu beißen.

»Richtig so wie ich mir dachte,« nickte Holm. »Die säugende Mutter hat

es, vom Hunger getrieben, gewagt, das Elefantenkalb inmitten seiner

Herde anzugreifen und ist dabei der Übermacht erlegen. Was fangen wir an

mit diesen kleinen Schreihälsen?«

»Totschlagen!« entschied der Doktor. »Sie können dann keinesfalls mehr

schaden.«

»Es ist auch barmherziger, sie auf einen Schlag zu töten als dem

langsamen Verhungern auszusetzen,« meinte der gutmütige Hans.

»Ich will euch etwas sagen,« rief Franz. »Morgen müssen uns doch

höchstwahrscheinlich Eingeborne begegnen, denen zeigen wir das Nest.

Halberwachsene Tiger werden von den Hamburger und Londoner Tierhändlern

bis zu tausend Thalern bezahlt.«

»Topp!« versetzte Holm. »Das klingt vernünftig. Selbst zum Ausstopfen

sind die Dinger noch zu klein, -- wir können für unsere Zwecke nichts

damit anfangen.«

Die Richtung und Entfernung von der Quelle wurde nun genau festgestellt,

die Elefantenzähne wie Gewehre geschultert und der Rückweg angetreten.

Holm und Rua-Roa bezogen die Wache, später von Hans und dem zweiten

Matrosen abgelöst, und kein weiteres Ereignis störte den Schlaf, der bis

zum hellen Morgen dauerte.

[Illustration: Die Ruinen auf Ceylon.

»An einer Stelle mitten im dichten Walde, von tausend Ranken und

blühenden Flechten überzogen, harrte der Reisenden ein unerwarteter

Anblick.«]

Der Rest des Büffelfleisches wurde gebraten, um zu jeder Zeit und an

jedem Orte verzehrt werden zu können, die Zelte abgebrochen, und nun

ging es weiter durch den Wald dahin; unermeßliche Strecken von Tiefland

mit Kokosbäumen dicht besetzt, Hochebenen voll der schönsten Palmen,

Kaffeefelder, Zimtfelder, Massen von Kardamomen, von Eben- und

Sapanholz, ebenso wieder der Brotbaum, der Dschambu- und Kaschubaum,

alles wechselte in erdrückender, sogar Afrikas Üppigkeit übertreffender

Fülle. An einer Stelle mitten im dichten Walde, von tausend Ranken und

blühenden Flechten überzogen, harrte der Reisenden ein unerwarteter

Anblick. Neben und unter den schlanken Palmenstämmen erhoben sich die

grünbewachsenen Ruinen einer ehemaligen Stadt, Steinmauern, deren letzte

Bruchstücke hier dem Zahn der Zeit Trotz boten, die vielleicht vor

vielen Jahrhunderten einer wohlhabenden und gebildeten Bevölkerung als

Wohnsitz gedient hatten. Holm jubelte, obwohl dieser Fund weniger in das

naturwissenschaftliche als vielmehr in das kulturhistorische Gebiet

hineingehörte. Da waren uralte Treppenstufen aus Granit, gebrochene

Säulen, Pfeiler, an denen selbst die Jahrhunderte mit ihren Stürmen und

Regenfluten nicht zu rütteln vermocht hatten, und als die Reisenden

weiter vordrangen, in der Mitte dieser versunkenen, uralten Stadt ein

ausgemauerter Teich, oder doch die Steinfassung eines solchen, wenn auch

das Wasser längst versiegt sein mochte. Über alle diese Zeugen einer

toten, großartigen Vergangenheit aber wob die Gegenwart ihren grünen,

blütengestickten Schleier. Wo einst ein Tempel gestanden, da sandte von

tausend Ästen die Tamarinde ihre erquickende Frucht der Hand des

Wanderers entgegen; wo sich müde Menschen zur Ruhe gebettet, da hob die

schöne malabarische Ziege spähend vom Nest ihre Hörner, und unter den

Stufen der gewundenen Treppen hausten Moschusratten, die bei der

Annäherung von Fremden eilends in ihre Löcher schlüpften, deren zwei

oder drei aber doch erlegt wurden, um sie den übrigen Schätzen dieser

Reise zuzugesellen. Auch ein junger Bock mußte das Leben hingeben und

gleich an Ort und Stelle als Braten dienen. Die Steinstufen boten einen

vorzüglichen Herd, Feuer war bald entzündet, und in der Blechpfanne

schmorte und brodelte es. Holm mit den Knaben suchte nach Früchten,

wobei wieder eine neue Entdeckung gemacht wurde. Ein einsamer uralter

Feigenbaum, der »_Bo_«, wie ihn die Eingebornen nennen, hoch und von

mächtiger Breite, überschattete einen steinernen, nur noch als Ruine

dastehenden Tempel der ehemaligen Buddhisten; seine Blätter waren gleich

denen der Pappel in beständigem Zittern begriffen, eine Art von Altar

befand sich im Innern, und das Ganze lag malerisch im Halbschatten

verhüllt. Hoch oben sangen Vogelstimmen ein helles Jubellied, der Wind

spielte in den Zweigen, die zutraulichen Ziegen weideten überall auf den

Abhängen, und unten im Thale stieg der Rauch des Herdfeuers wirbelnd zu

den Wolken empor.

»Hier haben vor tausend Jahren indische Weise gelehrt und geherrscht,«

sagte beinahe feierlich der junge Naturforscher, »jeder dieser Steine

gibt Zeugnis von einer großen, reichen Vergangenheit, -- heute gehört

das Gebiet den Raubtieren, und seine Einwohner sind Wilde.«

»Ob wir doch endlich welche sehen werden?« rief Franz.

Der Wunsch sollte sehr bald in Erfüllung gehen. Als die kleine Gruppe

auf Steinblöcken und Stufen um das Feuer herum Platz genommen und den

Braten zerlegt hatte, teilten sich plötzlich in einiger Entfernung die

Büsche, und braungelbe hübsche Gesichter sahen hervor. Auf allen diesen

Zügen lag Verstand und Gutmütigkeit zugleich, das Haar hing schwarz und

seidenartig lang über die breiten, kräftigen Schultern herab, weiße

Mützen saßen keck auf den Köpfen, und die Spitzen mehrerer Eisenwaffen

schimmerten durch das Grün.

Im ersten Augenblick erschraken unsere Freunde oder faßten doch

maschinenmäßig nach ihren Gewehren. Man konnte ja immerhin nicht im

voraus wissen, wie die dunkeln Gestalten den Besuch aufnehmen würden.

Holm erhob sich und ging ihnen entgegen, ebenso schnell und noch

schneller tauchten die Wilden zurück in das Grün; erst als er einen

lauten Zuruf in den Wald hineinschickte, erschienen hier und da einige

der dunklen Gesichter und als auch die übrigen Weißen aufstanden und mit

ausgestreckten Händen näher traten, da kamen die Gestalten ganz zum

Vorschein. Weiße Mütze, Jacke und eine Art von kurzer Schürze, alles aus

feinem, leichtem Gewebe gefertigt, so zeigten sich ohne die geringste

Bekleidung der Beine oder Füße die Singhalesen, wenigstens sechzehn bis

zwanzig an der Zahl, sämtlich bewaffnet, aber mit den friedlichsten

Gebärden die Europäer begrüßend. Mehrere unter ihnen verstanden die

englische Sprache, es ließ sich also ohne Mühe eine Unterhaltung

anknüpfen, und bald hatten sich die Weißen und Braunen bunt

durcheinander in das Moos gelagert; nur fünf von den Farbigen waren in

einiger Entfernung stehen geblieben, als gehörten sie nicht zu den

anderen.

»Rufe deine Freunde, Tippoo,« wandte sich Holm an den Häuptling, nachdem

er dessen Namen erfahren und seinen Rang kennen gelernt hatte. »Weshalb

sind die Leute so scheu?«

Der Singhalese schüttelte den Kopf. »Diese Männer sind meine Sklaven,

Sahib, sie dürfen nicht sitzen, so lange ich gegenwärtig bin, sie können

auch das Mahl nicht mit mir teilen und dürfen nur antworten, wenn ich

frage.«

Der Doktor näherte sich dem Häuptling. »Aber du gestattest heute einmal

eine Ausnahme, nicht wahr, mein werter Tippoo?« fragte er. »Diese Armen,

die du Sklaven nennst, sind nicht minder Gottes Geschöpfe wie du selbst,

überhaupt kann nie ein Mensch dem anderen wie eine Sache oder ein Tier

gehören.«

»Gewiß, Sahib, diese Leute gehören mir! Ihre Väter haben meinem Vater

gehört und ihre Söhne werden meinen Söhnen gehören.«

»Und da ist kein Freikaufen, keine Erlösung möglich? Das Kind des

Sklaven wird unter allen Umständen wieder ein Sklave?«

»Natürlich. Habt ihr nicht im Abendlande auch Häuptlinge, Freie und

Sklaven?«

Der Doktor schüttelte energisch den Kopf. »Sklaven nirgends, Freund

Tippoo, nirgends, ich gebe dir mein Wort darauf. Und nun gestatte, daß

deine Diener hieherkommen.«

Aber das war vergebliche Mühe, der stolze Singhalese blieb unerbittlich;

er schien es gar nicht als möglich zu betrachten, daß sich seine Sklaven

dem Umkreise des Feuers nähern könnten. Zur Jagd auf Felle und junge

Tiere nahm er sie mit sich, aber doch nur ihrer Dienste wegen, nicht als

Gefährten. Und ganz wie er dachten auch die anderen braunen oder

olivenfarbigen Söhne der Wildnis. An keinem europäischen Hofstaat

konnten die Klassengegensätze und der Adelsstolz stärker entwickelt

erscheinen als hier im grünen von Tigern und Elefanten bewohnten

ceylonischen Walde. Die Singhalesen erwiesen sich höflich, zuvorkommend

und bescheiden, sie erboten sich zu Führern und luden die Fremden ein,

bei ihnen im Dorfe zu wohnen, aber um keinen Preis hätten sie vermocht

werden können, von dem gebratenen Ziegenfleisch auch nur einen Bissen zu

genießen. Schaudernd lehnten sie ab, was ihnen angeboten wurde, und

nahmen nur von einer Art aus Maniokmehl bereitetem, platten Kuchen, den

die Sklaven ihnen in große Blätter gewickelt nachtrugen. Das

Fleischessen sei von ihren Priestern strenge verboten, erklärte Tippoo,

kein Anhänger der buddhistischen Religion dürfe es genießen, eben so

wenig berauschende Getränke.

Diese Ansicht wurde natürlich von den Weißen durchaus respektiert;

weniger zufrieden waren sie, als der Singhalese auch das Pflücken der

Feigen, insoweit es den heiligen Bobaum betraf, mit der diesen sauberen,

hübschen Leuten eigenen gebietenden Hoheit ohne weiteres untersagte.

»Wenn ihr unsere Gäste sein und friedlich unter unserem Volke leben

wollt,« sagte er, »so heißen wir euch willkommen in Singhala (so nennen

die Eingebornen ihre Insel) und laden euch ein, unsere Hütten zu teilen,

aber den Sitten des Landes müßt ihr euch fügen und vor allem unsere

Götter ehren. Pflückt Feigen, wo ihr wollt, meine Sklaven sollen euch

die schönsten zu Füßen legen, aber berührt nicht den Baum Buddhas.«

Das wurde versprochen und den Knaben eingeschärft, unter keiner

Bedingung heimlich von der verbotenen Frucht zu naschen; dann kam auf

die Bitte, welche Hans seinem Lehrer zuflüsterte, die Angelegenheit der

verlassenen kleinen Tiger zur Sprache. Tippoo kannte den bezeichneten

Ort, und zwei Sklaven machten sich auf, um die beiden jungen

Raubgesellen herbeizuholen. Einige Wochen älter waren sie in Galle oder

Trincomali doch immer ihre hundert Thaler wert.

Nachdem man gegessen und getrunken, mußten die Sklaven das Gepäck

schultern und dann wurde der Weg zum Dorfe angetreten. Diese Gegend lag

noch weit von dem eigentlichen Ziel der Reise entfernt; die Singhalesen

konnten nicht wohl Wilde genannt werden, sie betrugen sich höchst

anständig und hatten gutgearbeitete Waffen; zum Lande der schwarzen

Veddas aber waren sie gewiß die tauglichsten Führer. Tippoo selbst

wollte den Weg zeigen, d. h. wenn die Weißen gut bezahlten, es schien

als habe der braune Heide die Rechenkunst sehr sorgfältig studiert. »Die

Veddas sind schmutzige Gesellen,« berichtete er, »sie essen jedes Tier,

das ihnen in den Wurf kommt, zuweilen sogar roh, und wohnen wie die

Sklaven auf ebener Erde.«

Franz sah ihn an. »Wohnen denn die Singhalesen -- etwa auf den Bäumen?«

fragte er belustigt.

»Gewiß, die Vornehmen, die Vellalahs wohnen auf Bäumen!«

»Mit Kind und Kegel, mit Küche und Haustieren? -- Nicht möglich!«

»Die Tiere haben ihre Ställe am Boden,« berichtigte der Braune, »auch

gekocht wird vor der Hütte. Aber du sollst gleich unser Dorf sehen,

Fremder.«

Noch eine kurze Strecke wurde zurückgelegt, dann ertönte von den Lippen

der Weißen wie auf Verabredung ein allgemeines »Ah!« der höchsten

Überraschung. Es war ein lachend schönes, ländliches Gemälde, das sich

jetzt auf freier Hochebene dem erstaunten Blick entrollte. Weite Äcker,

wohlgepflegt und umzäunt, dehnten sich fast unübersehbar, Kaffee und

Zimt, Mais und Maniok, dazwischen Erbsen, Bohnen, Lupinen und

Beerenfrüchte in Menge, so drängte sich Schattierung an Schattierung, so

lockte es von hundert Punkten zugleich das Auge. Das Seltsamste aber

waren in diesem Singhalesendorf die Häuser selbst. In Entfernungen von

etwa fünfzig Schritten standen alte, weitästige, mit ungeheuren Stämmen

versehene Bäume, meistens Tamarinden oder Brotbäume, und in jedem dieser

Riesen hing gleich einem Vogelnest auf den untersten Zweigen eine

menschliche, aus Bambusstäben luftig geflochtene Wohnung. Die Äste waren

derart behauen und eingerichtet, daß sie Raum in Fülle boten, die

abgeschnittenen, biegsamen Stäbe hatte man sinnreich und geschickt an

allen Ecken mit den lebenden verbunden, das ganze Haus bog sich wie der

Baum selbst nach jedem Windstoß, so daß es nie von der Wucht desselben

herabgeschleudert werden konnte; es hatte Fensteröffnungen nach allen

Seiten, obgleich freilich die Glasscheiben fehlten, und eine mit einem

Mattenvorhang versehene Thür. Das spitze Dach war von Rankengewächsen

und Blumen vollständig überwuchert, rauschende Zweige schlugen über dem

Giebel zusammen, bunte Papageien wiegten sich im Laube, Singvögel

schmetterten ihre Lieder. Es konnte nichts Reizenderes geben als diese

laubenartigen, von paradiesischer Schönheit rings umfluteten Wohnungen,

zu denen starke Strickleitern aus selbstgebautem Hanf hinaufführten. So

unsolide und gewagt die Sache auf den ersten Augenblick scheinen mochte,

so zweckmäßig erwies sie sich bei näherer Betrachtung. Wenn abends diese

Strickleiter von den Bewohnern heraufgezogen wurde, dann gab es weder

für Menschen noch für Tiere ein Mittel den Zutritt zu erzwingen.

Rings im weiten Kreise umgab jeden Baum eine Einzäunung von

Bambusstäben, diesem unentbehrlichsten aller Lebensbedürfnisse des

Tropenbewohners, eine dichte, grüne, lebende Hecke, die das Notwendige

fortwährend ergänzte, wo Baumaterial, Stacketpfähle, Wasserbehälter,

Dosen und hundert andere Geräte lustig in immer grüner Fülle aufschossen

als schlanke Zweige, die sich unter den Händen der Eingebornen so

vielfach verwandelten und umgestalteten. An die Hecke lehnten sich

Ställe für Ziegen und Hühner als die einzigen bekannten Haustiere, und

weiterhin in größerer Entfernung von dem Stamm selbst lagen die Hütten

der Sklaven, alles Bambusgeflechte wie das Haus oben in den Zweigen. Vor

der Thür so zu sagen, d. h. am Fuße des Wohnungsbaumes, lagen Steine und

Trümmer aus den Waldruinen als Herd aufgeschichtet; ein großer platter

Stein zum Zerquetschen des Getreides befand sich daneben und am

Dreispitz von Eisen hing ein Kochgeschirr aus demselben Metall.

Ziemlich durch die Mitte der Niederlassung floß ein klarer Quell, und

auch hier beschattete ein alter, weitästiger Bobaum einen Tempel

Buddhas, einen Dagop, wie ihn die Eingebornen nannten. Der Altar hatte

Kugelgestalt, war inwendig hohl, um die geheiligten Schriften der

Priester aufzunehmen und trug auf der oberen Fläche eine zilinderförmige

Erhöhung. Des Priesters Hütte befand sich in den Zweigen des heiligen

Baumes, und der Bewohner selbst saß in der offenen Thür, ein Greis mit

weißem Haar und lang bis auf die Füße herabwallendem weißen Gewande. Er

grüßte mild und freundlich wie ein Vater seine heimkehrenden Kinder, und

alle erwiderten den Gruß. Das ganze Dorf in den Lüften machte einen

höchst angenehmen, wohlthuenden Eindruck.

Tippoo öffnete die Thür einer der größeren, im Augenblick leerstehenden

Sklavenwohnungen. »Ich weiß, daß euer Volk keine Schmach darin sieht,

auf plattem Boden zu schlafen,« sagte er, »richtet euch darum häuslich

ein, damit ihr ungestört und ungehindert euren Neigungen nachleben

könnt. Maniokkuchen und Früchte bringen euch meine Sklaven; wollt ihr

aber Fleisch essen, so müßt ihr selbst die Tiere erlegen und zubereiten.

Mein Haus betrachtet wie das eure.«

Damit entfernte er sich und ließ seine Gäste allein. Die Hütte welche

sie jetzt bewohnten, war noch luftiger als das Staatsgefängnis auf

Madagaskar, frisches, duftiges Moos bildete, von den Sklaven

herbeigebracht, die Lagerstatt; eine lange Bambusröhre diente als

Wasserbehälter, und die Speisen wurden in einem Winkel auf den Fußboden

geschüttet. Natürlicher, paradiesischer konnte das Dasein nicht gedacht

werden, schöner die Umgebung, reiner die Luft nirgends auf Erden sein.

Der Thürvorhang wurde zurückgeschoben, die leinenen Kleider mit frischen

vertauscht und dann das Dorf und das Haus des gastfreien Häuptlings in

Augenschein genommen. Franz kletterte zuerst hinein. »Ich bitte euch,«

rief er, »folgt nicht alle zugleich; wenn der Käfig niederbräche, wären

wir verloren.«

Holm kletterte nach, die anderen setzten ihren Spaziergang fort, und die

beiden Matrosen wuschen unterhalb des Dorfes im Bache das Leinenzeug,

wobei ihnen hübsche Sklavenfrauen nicht allein halfen, sondern auch eine

selbstverfertigte, sehr gute Seife brachten. Die Unterhaltung der

Hamburger Teerjacken mit den neugierigen, schwatzhaften Singhalesinnen

gestaltete sich höchst lustig, so daß das beiderseitige heitere Lachen

über den freien Platz dahinschallte; unterdessen spielten oben im Baume

der junge Gelehrte und Franz bei der Gemahlin Tippoos die galanten

Kavaliere. Sie setzten sich nicht ohne einige heimliche Besorgnisse auf

den Fußboden, der so neidlos den Durchblick freigab, und ertrugen auch

nicht ganz ohne Schmerzen die Abwesenheit jeglicher Stühle oder Polster,

aber die Anstandsvisite bei der holdlächelnden, mit prachtvollen Zähnen

und vielen aus Muscheln geflochtenen Verzierungen geschmückten Dame ging

doch in aller Form vorüber, obwohl Frau Häuptling Tippoo kein Wort

englisch und unsere Freunde wiederum kein Wort singhalesisch sprachen,

sondern beide Teile einander nur eine Zeitlang entgegenlächelten und von

seiten der Herren ein kleiner Spiegel, von seiten der Dame einige

besonders schöne Muscheln, Meerhörner, Lazarusklappen und Wendeltreppen

als Geschenke ausgetauscht wurden. Späterhin, nachdem der Doktor und

Hans die gleiche Höflichkeitspflicht erfüllt, versammelten sich vor dem

Schlafengehen alle neben dem Baume und hielten gemütlich im Grase

liegend noch ein abendliches Plauderstündchen, wobei Tippoo von den

buddhistischen Göttern erzählte und seinerseits aufmerksam zuhörte, als

die Fremden von europäischen Einrichtungen sprachen. Ganz zuletzt kamen

die beiden Sklaven mit den aufgefundenen Jungen der Tigerin nach Hause,

und nun erwachte erst die Freude der Knaben. Aus dem Stall wurde eine

der schönen, seidenlockigen malabarischen Ziegen hervorgeholt und ihr

die kleinen halbverschmachteten, nur noch schwach wimmernden Raubtiere

an die mütterlichen Euter gelegt, -- aber das Experiment gelang nicht so

ohne weiteres. Die Ziege sprang, so bald sie den Erbfeind gewahrte, auf

die Hinterbeine, senkte den schöngeformten Kopf wie zum Angriff und

schien entschlossen, den labenden Quell, welcher ihrem lustig

herumspringenden Böckchen gehörte, gegen jedweden Angriff zu

verteidigen; erst die gütlichen Zureden ihres Wärters und vielleicht das

jammervolle Klagen der hungernden Tierchen, dem sie offenbar lauschte,

bewogen die Ziegenmama, diesmal ein übriges zu thun. Ein Blick auf die

gefüllten Vorratskammern mochte ihr sagen, daß für das impertinente,

streitlustige Böckchen jedenfalls noch genug übrig sei, und so legte sie

sich denn großmütig in das Gras, es den Tigern überlassend, sich am

Quell zur Sättigung zu verhelfen. Ja, nachdem die Halbverdursteten

herzhaft zugegriffen, erwachte sogar in der friedfertigen Amme das

mütterliche Erbarmen mit den hilflosen Säuglingen; sie besah die

kleinen, scheckigen Kätzchen, besah sie nochmals und leckte dann

gutmütig die Fremden, wie sie es sonst ihren eigenen Kindern that.

Nach einer Viertelstunde waren die kleinen Tiger so rund wie Muffen und

schliefen den Schlaf gesunder Sättigung, während ihre Pflegerin mit den

großen Augen im Kreise umhersah und der Milchbruder Bock neben den

Eindringlingen sich gelagert hatte, um auch seinerseits den Nachttrunk

einzunehmen. Franz zeichnete emsig. Von allen besonders schönen und

interessanten Augenblicken hatte er sich im Album eine dauernde

Erinnerung gesichert, auch dieses Bild sollte darin Platz finden.

Für die Nacht wurde den Tigern noch ein Logis im Ziegenstall angewiesen,

wo sie bleiben sollten, bis ihnen Zähne gewachsen und mit diesen die

Raubgelüste erwacht wären; dann würde es fortgehn nach Galle und von da

nach Europa. -- Tippoo zog oben im Baum die Strickleiter ein, vor allen

Thüren erschienen die Musselingardinen und das Vogelgezwitscher

verstummte; müde von langer Wanderung streckten sich die Weißen auf das

Mooslager.

Hier brauchte niemand zu wachen; bis in die Niederlassung hinein wagte

sich kein Raubtier. Holm ließ sogar die Thür offen, um der milden,

gewürzigen, von tausend Wohlgerüchen durchtränkten Luft Zutritt zu

gewähren; bald hatte ein weicher Schlummer seine Sinne umfangen.

So mochten Stunden vergangen sein, der Mond stand hoch am Himmel, alles

schwieg und ruhte; nur die Blätter des Bobaumes flüsterten im Wind, --

da erwachte der junge Gelehrte, als habe ihn plötzlich jemand gerufen.

»Franz,« sagte er leise, »sprachst du?«

Keine Antwort. Die tiefen Atemzüge des Gefährten verrieten ihren ruhigen

Schlaf, -- was war es also gewesen?

Holm richtete sich auf und sah in das Helldunkel der Nacht hinaus.

Nichts regte sich, kein Schatten deutete auf die Anwesenheit eines

lebenden Geschöpfes. Sonderbar! -- er begriff nicht, welcher Schall ihn

erweckt haben könne, aber er hatte ihn doch deutlich vernommen, wenn

auch nur im Halbschlaf und auf Sekunden. Er horchte unruhig.

Lange Zeit blieb alles still, dann aber huschte es wie mit leichten

Schritten durch das Geäst des Daches, erst vorsichtig, dann immer

dreister und dreister, ein Poltern, Schlurfen und Fallen verriet die

nächtlichen Ausflüge der Wanderratte; dennoch aber schien es, als sei

diesmal das braune, bissige Nagetier nicht der Jäger, sondern der

Gejagte, als werde es verfolgt und aus allen seinen Verstecken

herausgescheucht. Plötzlich durchdrang ein Zischlaut die Stille der

Nacht, ein Quietschen wie in Todesangst folgte, das leise Wimmern

erstarb schnell.

Mit einem Sprung war Holm auf den Füßen, das Streichholz knisterte und

die Flamme der Wachskerze beleuchtete den Boden. Da lag tot eine große,

braune Wanderratte und in Ringeln hatte sich um ihren Körper eine

stahlblaue Natter geschlungen. Die lange spitze Zunge trat lüstern aus

dem Munde hervor, die gelbe Krone richtete sich auf, und ein Zischen

bekundete den Ärger über die plötzliche Störung. Noch ehe Holm

überlegte, was er that, hatte sein Fuß die Schlange zertreten.

Aber damit war nichts gewonnen. Er hielt die Wachskerze hoch empor und

beleuchtete das Holzwerk des Daches. Von mehr als zehn Stämmen hingen

die Schlangen herab, aus jeder Ecke leuchteten ihre gelben Kronen, eine

fiel und lief ihm kalt und glatt über die Hand, daß er schauderte.

»Franz!« rief er halblaut, »Franz, wach auf!«

»Ja!« antwortete schlaftrunken der Knabe. »Ja!«

»Steh auf, Franz, -- es sind Schlangen hier. Nattern sogar!«

Jetzt erwachten alle. Eine Schlange ist jedem Menschen widerwärtig, mit

ihrem Geschlecht versöhnt sich niemand, sie hat nirgends auf Erden

Freunde, nebenbei aber ist auch die Gefahr, welche sie bringt, so groß,

daß ihr gegenüber die höchste Vorsicht zur Notwendigkeit wird. Stecken

und Wurfgeschosse hagelten an die Decke, zehn Kerzen flammten auf und

alle sprachen zugleich. Es entstand ein solcher Lärm, daß sich draußen

vor der Thür die Singhalesen in hellen Haufen sammelten, einige ganz

ohne alle Bekleidung, andere nur mit der Schürze und wieder eine dritte

Gruppe bis an die Zähne bewaffnet. Es war ein Aufruhr, als sei

mindestens ein Tiger in das Dorf gekommen. Als die Männer hörten, daß es

sich um nichts als Nattern handelte, schüttelten sie voll Erstaunen die

Köpfe.

»Wir lassen sie unsere Häuser von den lästigen Ratten befreien und

machen niemals Jagd auf sie, dafür haben wir selbst Ruhe!« erklärte

Tippoo.

»Aber um des Himmels willen, ihr schlaft weiter, während eine der

giftigsten Schlangengattungen über euren Köpfen an der Decke baumelt?«

»Ja, die Tiere thun uns nichts, weil wir ihnen nichts thun. Übrigens

steigen auch die Schlangen nur sehr selten auf Bäume.«

Holm und seine Gefährten sahen einander ratlos an. »Weißt du, was ich

vorschlage,« meinte endlich Franz. »Wir hängen unsere Zelte wie in

Dahomey an die Bäume und legen uns hinein. Auf die Anständigkeit der

Nattern zu bauen, scheint mir etwas gewagt.«

»Was kriecht da?« rief plötzlich der Doktor. »Hier, hier, -- ich glaube

--«

Er vollendete nicht. Holm hatte das schnell im Dunkel verschwindende,

halb spinnen- halb krebsartige Tier mit der schwarzbraunen Farbe und dem

aufrecht getragenen Schwanz sofort erkannt. »Ein Skorpion!« rief er.

»Das fehlt noch.«

Tippoo lachte, auch unter den übrigen zeigte sich große Heiterkeit.

»Dies Tier frißt die Stechmücken,« sagten sie, »es ist uns sehr

nützlich. Kennen die Fremden in ihrem Lande keine Schlangen und keine

Skorpione?«

»Beißen euch auch diese nicht?« war die Gegenfrage.

»Sehr selten. Wir lassen sie in Ruhe.«

»Dann habt ihr aber einen Zauberer, der sie und die Nattern beschwört?«

Ein allgemeines Kopfnicken war die Antwort. »Natürlich, einen Zauberer

hat jedes Dorf.«

Holm wandte sich lächelnd zu dem jungen Malagaschen. »Hier vereinbart

man sich gütlich mit den giftigsten Reptilien,« sagte er, »und in deiner

Heimat sind die Krokodile der oberste Gerichtshof, -- wie findest du

das, Freund Rua-Roa?«

Der ehemalige Sklave sah verlegen zu Boden. »Ich bin doch jetzt kein

Wilder mehr!« antwortete er halblaut. »Ich mag auch den heidnischen

Namen nicht länger hören, Herr, -- du könntest mich wohl schon Rudolf

nennen, als wäre ich bereits getauft.«

Holm und der Doktor wechselten einen Blick. »Ich dachte mir's,« nickte

der Gelehrte. »Wenn er die kindischen Anschauungen anderer Wilder sieht,

wird er den Unwert seiner eigenen erkennen lernen.«

»An die Arbeit!« setzte er in ermunterndem Tone hinzu. »Unsere

Hängematten gewähren uns jedenfalls den besten Schutz gegen das

Ungeziefer.«

Die Zeltleinen wurden doppelt genommen und von den Matrosen in wenigen

Augenblicken ausgespannt. Da oben schwebend an ein paar starken Ästen

konnten die Reisenden höchstens den Besuch eines neugierigen

Eichhörnchens, vielleicht einer Papageienfamilie oder einer großen Eule

erwarten, aber die Schlangen verstiegen sich nicht dahin und die

Skorpione auch nicht.

Als alles rund umher still geworden war, tönte wieder aus dem Innern der

alten Holzdächer jenes Rumoren und Poltern der Ratten, das Zischen und

Todesgeschrei. Holm schlief nicht mehr, so unangenehm hatte ihn die Nähe

der Schlangen berührt; er war froh, als der Morgen heranbrach und die

Jagd wieder beginnen konnte. Heute sollten die Fremden mit einigen

Betriebsarten der Eingebornen bekannt werden; man zeigte ihnen, wie aus

dem Saft der Palmyrapalme ein höchst wohlschmeckender Sirup gewonnen

wurde und wie die Maniokwurzeln sich zwischen Reibeisen in Mehl

verwandelten. Den Kaffee, obwohl sie ihn bauen, trinken die Singhalesen

nicht, sondern meistens Kokos- oder Ziegenmilch. Unter den Hühnern, die

in reicher Fülle vorhanden waren, zeichnete sich das Purpurhuhn durch

seine auffallende Schönheit am meisten aus. Ganz schwarz mit drei vom

Kopf über den Hals herablaufenden Purpurstreifen, zu denen bei dem Hahne

noch ein Flügelsaum von gleicher Farbe hinzukam, war das Tier etwas

größer als seine gemeineren Verwandten, dafür aber keineswegs so

friedlich wie diese, sondern dermaßen streitlustig, daß es den Fremden

nachlief und zum Ergötzen der Knaben erbittert in die Stiefel hackte.

Der schönste Anblick aber wurde unseren Freunden zu teil, als sie in

früher Morgenstunde rings um die Felder gingen und nun einem eifrig

speisenden Volk wilder Pfauen begegneten. Diamanten gleich erglänzten im

Sonnenlichte die Augen auf den entfalteten Rädern der Männchen, Blau und

Rot und strahlendes Gelb wechselten mit dunkleren Farbentönen, während

die jungen Tiere noch ein einförmigeres Grau zeigten. Einzelne alte

Hähne hatten eine wahrhaft bewunderungswürdige Größe erreicht.

»Wir wollen kein Tier schießen,« meinte Holm, »sondern lieber für den

Zoologischen Garten ein junges Pärchen mitnehmen und dann vom nächsten

Hafen nach Hause schicken. Es ist übrigens jammerschade, wie die Felder

durch diese Tiere geplündert werden, ich glaube, man macht hier die

Geschöpfe so dreist, weil kein Fleisch in den Topf kommt.«

»Was kriecht da?« rief Rua-Roa, halb im Begriff, die Flucht zu

ergreifen, halb zögernd in der Furcht, sich lächerlich zu machen. »Ein

Ungeheuer, Franz, ein Ungeheuer!«

Und dabei überwältigte ihn das Entsetzen. Mit zwei Sprüngen war er auf

dem nächsten Baum, in diesem Augenblick ganz Wilder, katzengleich an den

Zweigen hängend, für jeden Körperteil mit erstaunlicher Gewandtheit

Schutz findend. »Franz, Franz, es kommt hierher!«

Die übrigen suchten mit den Augen, dann legte Holm den Finger auf die

Lippen und machte lachend dem Malagaschen im Baum eine Faust. Die

ausgestreckte Hand zeigte allen, was sich so Greuliches da heranschlich,

und sofort begriffen auch die Weißen, weshalb vollkommene Stille geboten

war. Die vier Paar lachender Augen, welche den geflüchteten jungen

Burschen ansahen, trieben diesem das Blut heiß ins Gesicht, jetzt durfte

er ja aber nicht sprechen und hing also mit trübseliger Miene stumm da

oben im alten Feigenbaum.

Der Drache, den er gesehen, kam indessen schwerfällig herangewatschelt

und zeigte sich als eine harmlose, aber riesige Schildkröte. Das große

Tier verfolgte seinen Weg bis zu dem Schatten eines dichten Gebüsches

und fing hier an, mit den Hinterfüßen ein Loch von mehr als einem halben

Meter Tiefe zu scharren, indem es die Erde hinter sich aufwarf. Alle

vier Zuschauer verfolgten lautlos die Arbeit der Kröte, Rua-Roa hinter

seinem Schutzwall duftender Feigen that das Gleiche, aber heimlich stieg

bei diesem Anblick seine Furcht nur noch immer mehr. Ganz gewiß vollzog

sich hier ein schlimmer Zauber, vielleicht grub sogar das boshafte Tier

ein Grab, in das es die Fremden stürzen wollte, und diese Unseligen,

Verblendeten sahen zu, ohne sich zu verteidigen, ohne rechtzeitig die

Flucht zu ergreifen! Rua-Roa telegraphierte mit Händen und Füßen, um sie

zu warnen, aber ganz vergeblich; die Tolldreisten lachten ihn aus, ja,

sobald er es wagte, ein halblautes Wort zu sprechen, erhoben sie

drohende Finger, -- er mußte das Ärgste geschehen lassen.

Die Schildkröte hatte mittlerweile ihre Arbeit beendet, sie saß jetzt

ganz still und hielt, nachdem sie einen kleinen Schritt zurückgetreten,

den Hinterkörper etwas geduckt, -- das Zauberwerk mußte nach des

Malagaschen Ansicht nun unmittelbar beginnen.

Und was that in diesem Augenblick der tollkühne Franz? -- Rua-Roa traute

seinen Sinnen nicht. Er sprang mit einem plötzlichen, gewaltigen Satz

auf den Rücken der Schildkröte und stand dort wie ein Sieger, den

anderen in deutscher Sprache einige Worte zurufend, die der Malagasche

nicht verstand. Was nun? das war zu arg. Alles Blut des jungen Menschen

drängte zum Herzen, unmöglich konnte er seinen Freund, seinen Bruder in

solcher Lage allein lassen. Und wie ein Ball plumpste Rua-Roa ohne alle

Rücksichten auf Knochenbrüche und Verrenkungen vom Baum herunter,

todesverachtend sprang er neben Franz auf den Rücken der nun gänzlich

wehrlos gewordenen Kröte und sah die anderen an, als wollte er sagen:

»Ist's so recht?« --

Ein schallendes Gelächter schlug sämtliche benachbarte Vögel in die

Flucht. »Arm in Arm mit dir, so fordre ich mein Jahrhundert in die

Schranken!« rief Holm. -- »Paß auf, tapferer Geselle, wie ich nun dem

Erzfeind den Garaus machen werde.«

Er nahm vom Gürtel das kleine, scharfe Handbeil, welches alle vier der

zahllosen Hindernisse wegen immer bei sich zu tragen pflegten, und

trennte mit einem kräftigen Hieb den vorgestreckten, dünnen Hals der

Schildkröte vom Rumpf. Das Blut schoß wie aus einem Springbrunnen

hervor, die Füße streckten sich, und das große Tier war tot.

Franz sprang herab, der Malagasche war noch immer zu erschrocken, um ihm

gleich folgen zu können; erst als ihn die anderen riefen, trat auch er

auf den Sand. »Ein steinernes Geschöpf, das sich bewegt und Blut enthält

wie ein lebendes Wesen,« sagte er ganz fassungslos.

»Gib acht,« rief Holm, »du sollst unter der Steinhülle gleich das Tier

kennen lernen, Freund Rua-Roa, -- denn für den Rudolf bist du doch noch

nicht ganz reif! -- Faß an und hilf uns den Koloß auf den Rücken legen.«

Alle fünf bemühten sich nun mit vereinten Kräften, das Tier umzuwenden;

es gelang aber erst unter Beistand eines zufällig des Weges kommenden

Sklaven, dem für diesen Dienst die Schale des Tieres zugesprochen wurde,

dann rief ein verabredetes Signal die beiden Matrosen herbei, und aus

dem saftigen Fleisch der Beute wurde Suppenstück und Braten

herausgeschnitten. Das war für zwei Tage ein Herrenessen; nach dieser

Zeit fand sich schon etwas anderes, denn die steinharten Maniokkugeln

und die laue Kokosmilch der Eingebornen im Verein mit den ohne Fett oder

Salz abgekochten Gemüsen bildeten doch für europäische Magen ein

klägliches Ernährungsmittel. Franz meinte sogar, daß er jedenfalls noch

heute einen der zahllosen umherstreifenden Hasen schießen werde:

»Wildbraten und Schildkrötenragout passen gerade zu einander.«

Holm tastete mit beiden Händen im Sande. »Bin ich so heiß,« sagte er,

»oder ist es der Boden? Mir deucht, die Sonne kann unmöglich den Sand so

erwärmen.«

Die anderen untersuchten gleich ihm das Terrain, dann sprang Rua-Roa,

der gern die Aufmerksamkeit von der Schildkröte ablenken wollte, etwas

weiter über den Weg hinaus und befühlte dort den Boden. Er war merklich

kühler.

Holm stutzte. »Laßt uns in entgegengesetzter Richtung vordringen,«

forderte er die anderen auf, »da muß ich klar sehen.«

Das Gebüsch wurde umgangen, ein paar dichte Bäume auch noch, und nun

zeigte sich der Grund des eben entdeckten Wunders. Wenige Schritte

weiter senkte sich der Boden zu Thal, eine Schlucht von Geröll und

Kieseln fiel ziemlich unvermittelt abwärts, kein lebendes Pflänzchen

trieb oder gedieh am Rande, und inmitten der Steinwüste sprudelte ein

heißer Quell, dessen Wasser sechs bis zehn Meter hoch in die Luft

hinaufgeschleudert wurde und eine wirbelnde Dampfwolke hinaufsandte in

das heitere Sonnengold.

»Aha,« rief Holm, »eine Botschaft vom ewigen Feuer aus dem Mittelpunkt

der Erde! Das werden wir benutzen, um unser Leinen gründlich zu

reinigen.«

Die Knaben drangen weiter vor, so weit, bis die Füße anfingen, selbst

durch das Sohlenleder hindurch die Hitze des Bodens nicht mehr ertragen

zu können. Das war aber auch ganz nahe am Quell, dessen stäubende

Tropfen Brandwunden verursachten; Franz umwickelte die Hand mit dem

Taschentuch und trat nahe genug heran, um abgewandten Gesichtes eine

geringe Menge des Wassers einzufangen. Als es in der Blechflasche

abgekühlt war, probierten es alle, aber jeder schnitt eine Grimasse.

»Petroleumartig mit Zwiebelduft,« entschied Holm.

»Wie Heringslake, durch ein altes Gasrohr filtriert!«

»Brr! in acht Tagen werde ich meine Flasche nicht wieder brauchen

können.«

Hans war davongesprungen und hatte eines der Eier geholt, welche die

Schildkröte, ehe der unvermutete Angriff kam, in das Sandloch gelegt.

Jetzt wurde es in eine mit dem Beil gemachte Vertiefung nahe dem Quell

versenkt und in drei Minuten gar wieder herausgezogen.

Holm nahm noch etwas von dem greulich schmeckenden Wasser mit, um es

chemisch zu untersuchen. Die Knaben füllten ihre Taschen mit bunten, zum

Teil sehr seltenen Kieseln, und dann hatte der Ausflug für diesmal ein

Ende. Der knurrende Magen mahnte allzu laut an das Frühstück.

Die Matrosen waren inzwischen ihrer Stellung als Hausmeister und

Oberkoch glänzend gerecht geworden. Sie hatten das Unmögliche möglich

gemacht und das Erstaunen der ganzen weiblichen Bevölkerung des Dorfes

erregt. Verschiedene Blech- und Eisenpfannen wurden mittels bedeutsamer

Winke und gelegentlicher kleiner Scherze von den Sklavenfrauen

zusammengeliehen, und nun machte sich Hannes, der Hamburger von echtem

Schrot und Korn, mit aufgestreiften Ärmeln an die Arbeit. »So viele

Bohnen und doch keine Tasse Kaffee?« räsonnierte er, »das wollen wir

erst einmal sehen!«

Sprach's und schüttete in die über dem Feuer hängende Pfanne die rohen,

getrockneten Bohnen, welche er dann mit dem Messer beständig umrührte,

bis sie anfingen zu duften, zu springen und sich lieblich zu bräunen.

Der zweite hatte indessen eine Ziege gemolken, sich mit abgezogener

Mütze und einem Kratzfuß sondergleichen von der Gemahlin Tippoos in

einer Bambusschale etwas Palmensirup verabreichen lassen und durch

Pantomimen das Bedürfnis nach Trinkgefäßen so lebhaft ausgedrückt, daß

er sechs Bambusbecher geliefert bekam. Jetzt stampften beide mit

vereinten Kräften die gebrannten Bohnen zwischen zwei Steinen zu Pulver,

während in der Pfanne das Wasser kochte, und darauf kam der große

Augenblick, wo Hannes gelassen die Leinenmütze vom Kopf nahm und beides,

Pulver und heiße Flut, hineinstürzte, so daß der Kaffee, aus mehr als

einem Grunde schwarz wie die Mitternacht, in das bereit stehende Gefäß

hinabträufelte. Mit Feldherrnblick übersah Jan Maat sein gelungenes

Werk. Die untere Pfanne wurde auf leises Feuer gestellt, das Gemisch in

der Mütze fleißig umgerührt und nun zum zweiten größeren Unternehmen

geschritten. Hannes wollte die Maniokkugel in ihr verdientes Nichts

zurückdrängen, seine Seele arbeitete an einem Pfannekuchen, der ihn bei

den Frauen von Singhala in bleibendem Andenken erhalten mußte. Zwei

saubere Steine waren bald gefunden, trockne Maiskörner verwandelten sich

in Mehl, der Hühnerstall lieferte Eier, Milch kam hinzu und ein wenig

Salz; dann wurde zerlassenes Schildkrötenfett in eine andere Pfanne

gegossen und mit dem großen eisernen Kochlöffel der Frau vom Hause der

duftende Teig hineingefüllt. Jetzt zog Hannes das große Messer,

schäkerte erst ein wenig mit den neugierig dreinschauenden Frauen, denen

er unter schauderhaften Grimassen die Spitze auf die Brust setzte, und

warf dann kunstgerecht den halbgaren Pfannekuchen um.

»Markst Müüs?« fragte er selbstzufrieden, als sich das Erstaunen in den

Blicken seiner Bewunderinnen spiegelte. »Man muß euch doch zeigen, daß

hinter dem Berge auch noch Leute wohnen, die zu leben wissen, wobei ein

guter Pfannekuchen und eine Tasse Kaffee zu den Hauptsachen gehören.

Vernünftige Speisen zeigen, daß der Mensch gebildet ist!«

Nach diesem Ausspruch holte er sich den Stein, welchen er eben vorher

als Mühle benutzt, wischte ihn mit dem Ärmel bestens ab und servierte

den fertigen Kuchen, dessen Rund er in kleine Bissen zerschnitt, diese

in Sirup tauchte und mit den Fingern ohne alle Ziererei der nächsten

Singhalesin in den Mund schob. »Das bekommt anders wie eure

Kanonenkugeln aus Maniok und Wasser, nicht wahr?« fragte er. »Ja, das

mögt ihr, ich sehe es schon! -- bitte, bitte, nicht prügeln, schickt

sich das für Damen?«

Seine kräftigen Arme trennten zwei Sklavenfrauen, die einander

vielleicht schon längst nicht recht grün waren, die nun aber über der

erhaltenen Leckerei in hellen Zorn ausbrachen; er stopfte der einen den

Rest des Kuchens in den Mund und der andern als Ersatz für den

erwarteten Leckerbissen den Messerstiel; dann aber buk er im Schweiße

seines Angesichts weiter, wobei ihm die neugierigen Frauen von allen

Seiten Milch, Eier und Sirup zutrugen, ja sogar die Maiskörner für ihn

stampften, aber als Lohn auch für sich und ihre zahlreichen Sprößlinge

die fertigen Kuchen begehrten. Er dankte Gott, als endlich die Weißen

von ihrem Spaziergange zurückkehrten, und nun die Frauen flüchteten;

seine Berühmtheit war ihm schnell sehr lästig geworden, -- so unter den

sengenden Strahlen der Sonne von Ceylon ohne Mütze vor dem Feuer zu

stehen und für hundert hungrige Mäuler zu backen, das hatte sein

Schweres, auch wenn es Ehrenbezeugungen in der Gestalt von Jauchzen,

Schnalzen und entzückten Schlägen in die eigenen braunen Hände der

beschenkten Schönen reichlich eintrug.

Jetzt endlich durfte er selbst essen, -- das war angenehmer als andere

zu füttern.

Seine Zurüstungen fanden gebührende Anerkennung; es wurde im Freien

getafelt, den dienstbaren Singhalesinnen die Reinigung der Geschirre

überlassen und dann unter Führung von mehreren Eingebornen ein

benachbartes großes Diamantenfeld besucht. Inmitten der lachenden, von

reichhaltigstem Pflanzenwuchs überzogenen Umgebung dehnte sich eine öde,

graue Sandfläche, auf der auch nicht die magersten Halme mehr gediehen,

wo kein Vogel sang und kein Hase die Ohren spitzte. Das Ganze war Berg

und Thal, tiefe vom Regen ausgewaschene Rinnen, Anhöhen und Schluchten

in regelloser Abwechselung. Zu Hunderten knieten hier die Sklaven und

Sklavinnen verschiedener Stämme, alle mit einer einzigen geisttötenden

und in dem heißen Klima unendlich anstrengenden Arbeit beschäftigt,

nämlich den losen Sand mit den Fingern zu durchwühlen und die kleinen

blitzenden Edelsteine aus demselben hervorzusuchen. Ganze Tage vergehen

ohne die mindeste Ausbeute, der einzelne Sklave wühlt vielleicht wochen-

und monatelang umsonst in den glühenden Sandwolken, aber doch ist die

Diamantenlese der Betriebszweig einer bestimmten Kaste, und -- von den

Gesetzen derselben gibt es keine Erlösung.

An der Küste des Indischen Ozeans wird vielfach von dort wohnenden

Stämmen die Perlenfischerei betrieben, andere fangen Austern, jeder aber

bleibt innerhalb seiner Grenzen und vererbt die gleichen Anschauungen

wieder auf seine Kinder; ein Hinübertreten aus einer Kaste in die andere

gehört hier zu den Unmöglichkeiten. -- Die armen Diamantengräber sind

aber jedenfalls am schlimmsten daran. Wasser und Wald, ja selbst das

Getreidefeld bieten noch Abwechselung und erfrischende Kühle; der heiße

Staub aber erstickt die Lungen, so daß seine schädlichen Einflüsse auf

den abgemagerten Gesichtern und in den entzündeten Augen der Arbeiter

deutlich erkennbar sind.

Diese armen, mehr als halb Wilden, unfrei bis zum Grabe, von

Pflanzenkost lebend, dem Biß der giftigsten Reptilien zu jeder Stunde

ausgesetzt, ohne die mindeste Hoffnung, aus ihrer jammervollen Lage je

erlöst zu werden, -- diese Elendesten unter den Elenden fördern aus dem

Sande, den ihre Finger auf schattenloser Fläche durchwühlen, die

kostbarsten und wertvollsten Edelsteine zu Tage. Rubine, Amethyste,

Topase, Saphire, Granate, Turmaline, Kannelsteine, Katzenaugen,

Chalcedon, Hyazinthe und Berylle, alles liegt hier lose und ohne

Umhüllung von Erz oder Gestein unter der Oberfläche des lockeren

Staubes, bisweilen viele Meter tief, bisweilen der emsig suchenden Hand

auf den ersten Griff entgegenfallend. Die Diamantenfelder von Ceylon

bringen einen jährlichen Durchschnittsertrag von 200000 Mark; sie

ruinieren aber auch vieler Menschen Gesundheit und erwecken unter den

Sklaven zuweilen die allerschlimmsten Leidenschaften.

Holm kaufte einige besonders schöne Stücke; dann, nachdem noch rings

umher Trinkgelder gegeben worden, verließen alle das heiße Sandfeld und

wandten sich dem Walde wieder zu. Hier lebte es, kroch und flog, brummte

und flötete, hier dufteten Blumen und rauschte in hohen Laubkronen der

Wind; das erste, was unsre Freunde sahen und was den Malagaschen mit

maßlosem Staunen erfüllte, waren Termitenbauten, Kegel an Kegel, und von

den bekannten großen Tieren bewohnt; dann kam, den Weg versperrend, ein

breiter stehender Sumpf, aus dem wie halbvermorschte Baumstämme die

Körper der Krokodile hervorsahen. Überall tauchten und schwammen sie,

überall öffneten sich ihre scheußlichen Rachen; vor den Augen der

Reisenden wurde eine Hirschkuh, die sich in plötzlichem Schrecken zu

weit an den Rand des Sumpfes heran gewagt hatte, von einem dieser

Ungeheuer ergriffen und in die trübe Flut hinabgezogen.

Ein paar Kugeln fuhren dem Räuber nach in das Wasser; ob sie aber ihr

Ziel getroffen hatten, ließ sich natürlich nicht ermitteln. Der

Malagasche atmete auf, als nach langer Wanderung das Bett des Sumpfes

umschritten und der offene Wald wieder erreicht war. Er und Franz

schossen noch drei Hasen, die dann am folgenden Tage, in

Schildkrötenfett gebraten, auf den Tisch kamen und vortrefflich

schmeckten.

Achtes Kapitel.

Nachdem die Umgegend überall durchforscht, wurde der große Zug zu den

Veddas angetreten. Tippoo und etwa dreißig seiner Sklaven begleiteten

die Weißen, Waffen und Vorräte wurden in Menge mitgenommen, ebenso von

unsern Freunden diejenigen kleinen Geschenke, welche sich nur bei ganz

Wilden anwenden lassen und daher den selbst webenden und Putzgegenstände

fertigenden Singhalesen nicht geboten werden konnten.

Schon einige Tagereisen hinter dem auf Bäumen belegenen Dorfe der

Vellalahs hörte jede Spur von Zivilisation vollständig auf. Kein

Getreidefeld, kein gebahnter Weg, keine Hütte zeigte sich mehr dem

Blick, das Terrain wurde bergiger und immer bergiger; die Hasen, Hirsche

und Ziegen machten den Büffelherden, den Elefanten, Stachelschweinen und

Genettkatzen Platz, große Geier hausten auf den Höhen, Adler wiegten

sich in der Luft und Tigerspuren im Sand verrieten, daß der Würger ganz

in nächster Nähe lauerte.

Jetzt befanden sich, nach des Häuptlings Angabe, die Reisenden im Innern

der Insel; das ganze Gebiet war dichter Wald, meistens aus

undurchdringlichem Gebüsch und darüber den hohen, wehenden Palmen

bestehend; zuweilen mußte ein Umweg gemacht werden, um den Durchgang zu

erzwingen, zuweilen versperrten gefallene Bäume die Passage, und wenn

der eine oder der andere versuchte, auf den grünüberzogenen Stamm zu

treten, um so an die andere Seite zu gelangen, dann brach plötzlich die

grüne Decke, eine Wolke von Schutt und Moder drang hervor, Spinnen oder

Käfer flohen nach allen Seiten, braune Eidechsen von mindestens einem

halben Meter Länge mit glänzenden, perlengleichen Augen schlüpften durch

das Gras, und zusammengerollte Schlangen verließen in eiliger Flucht ihr

Lager; -- noch aber sah man kein Dorf und kein menschliches Wesen.

Als sich endlich die Wohnstätten der Veddas dem Blick offenbarten, da

schien es den Reisenden, als sei plötzlich Westafrika nach Ceylon

versetzt. Elende, schwankende, schiefe und dem Einsturz nahe Zelthütten

aus Pflöcken und schmutzigen Fellen; ganz nackte schwarze Menschen;

Tümpel, in denen sich Enten, Hühner und Kinder wälzten; derselbe

Schmutz, dieselbe Vertiertheit wie in Dahomey, -- nur nicht dieselbe

Harmlosigkeit und Bekanntschaft mit der Existenz weißer Menschen. Frauen

und Kinder flüchteten schreiend, die Männer griffen zu ihren aus Holz

geschnitzten Wurfspießen und nahmen hinter den nächsten Stämmen in

offenbar feindlicher Absicht Stellung. Es war unmöglich, sie durch

gütliches Zureden zum Näherkommen zu bewegen; sie gaben keine Antwort

und ließen auch die auf den freien Platz vor der nächsten Hütte

niedergelegten Geschenke an Waffen unbeachtet, bis endlich die

Vermittlung der Frauen durch bunte Tücher und Perlen erfolgreich

gewonnen wurde. Die schwarzen, fettglänzenden Gestalten mit ihren

überaus häßlichen Gesichtern und kleinen Schlitzaugen kamen erst

zögernd, dann aber immer dreister aus den Hütten hervorgekrochen und

tanzten und sprangen wie Wahnsinnige, sobald es ihnen gelungen war,

irgend einen jener verlockenden Gegenstände zu erhaschen; sie streckten

die Hände aus, um mehr zu empfangen, aber ganz wie Tiere, die das Maul

öffnen, sobald man sie füttert, durchaus nicht wie Menschen, die für ein

erhaltenes Geschenk danken und diesen Dank auch bethätigen möchten. Wer

die Fremden waren, wie die ganze Sache zuging, und selbst in welcher

Weise man die bunten Schmuckgegenstände verwenden sollte, schien diesen

verkommenen Geschöpfen gar nicht einzufallen; sie hielten Tücher oder

Bänder in den Händen, das war ihnen genug.

Die Singhalesen wandten sich voll Abscheu von diesem Treiben hinweg.

Ihnen fehlte naturgemäß das hohe, wissenschaftliche Interesse, welches

die Weißen leitete; sie sahen wie auf unsaubere Tiere auf die Neger

herab, und nichts hätte sie bewegen können, kriechend eine dieser im

Schmutz begrabenen Hütten zu betreten. Wieder wurden die Zeltleinen wie

Hängematten befestigt, die Singhalesen schlugen ihre Wohnungen unter den

Bäumen auf, und ein hohes Wachtfeuer loderte zum Himmel empor.

Brotfrüchte, Fleisch, Palmenwein und gekochte Eier sowie Kaffee bildeten

das Nachtmahl, bei dem beide wilde Stämme, die Braunen und die

Schwarzen, von fernher zusahen. Erstere hielten sich an ihre

Maniokkugeln und aus Mais gebackenen, nicht minder unverdaulichen

Kuchen, letztere hätten vielleicht bei ihrer unbeschreiblichen Armut

alles Gebotene gierig verschlungen, wagten sich aber nicht nahe heran,

sondern blieben in gemessener Entfernung unter den Bäumen stehen und

bewunderten das seltsame Schauspiel.

Die Männer bildeten Gruppen, in deren Mitte sehr lebhaft gesprochen

wurde; niemand von allen näherte sich indessen dem Lager der Weißen,

niemand schien der englischen oder singhalesischen Sprache mächtig.

»Die Hälfte von uns muß wachen,« entschied Holm. »Fünfzehn von deinen

Leuten, verehrter Freund Tippoo, und unserer zwei dazu. Die Kerle sind

falsch, glaube ich, sie führen irgend einen Spitzbubenstreich im

Schilde.«

»Was suchst du hier, Herr?« fragte der Häuptling. »Von allen Söhnen

Singhalas sind die Veddas die niedersten, -- geh zu den Tamils und den

Malaien, da findest du bessere Sitten.«

Holm lächelte. »Das verstehst du nicht, Tippoo,« antwortete er. »Gerade

den Naturzustand will ich ja kennen lernen, nicht _die_ Sitten, welche

künstlich erworben, sondern _die_, welche angeboren sind. Gerade die

Veddas in ihrer geringen Anzahl bilden die letzten Abkömmlinge der

Ureinwohner von Ceylon, sie sind die interessantesten von allen, denn

sämtliche andere gehören fremden Ländern an, -- die Singhalesen z. B.

höchstwahrscheinlich dem verhältnismäßig nahen Indien.«

Der Braune sah sehr erstaunt aus. »Woher weißt du das, Herr?« fragte er.

»Aus den Berichten solcher Reisenden, wie wir welche sind, Freund

Tippoo. Oder schreiben nicht etwa eure Priester ihre heiligen Bücher auf

die Blätter der Schirmpalme und zwar im Sanskrit oder der Palisprache?

-- beide sind indischen Ursprungs.«

Der Singhalese bejahte. »Zu Hause habe ich in einer Bambusschachtel

einen Eisenstift und ein Buch aus solchen Blättern,« antwortete er. »Ich

will es dir schenken und dir einen Spruch hineinschreiben, -- hier bei

den Veddas findest du nichts dergleichen.«

»Das glaube ich aufs Wort, Meister Tippoo,« lachte der junge Gelehrte.

»Die schwarzen Schurken trachten ohne Zweifel weniger nach Bildung als

nach Speise, -- ich denke, wir besehen morgen im hellen Tageslicht das

schmutzige Dorf von allen Seiten, bringen womöglich einen oder den

anderen dieser Kerle zum Sprechen und kehren dann um. Es sind Wochen

vergangen, seit wir uns in der Nähe deines Dorfes unter den Ruinen der

alten indischen oder persischen Stadt zuerst begegneten; wir haben Eile,

zu unserem Schiff zurückzukehren.«

»Meine Leute und ich begleiten euch dorthin,« antwortete der Braune.

»Gerade an der Küste leben viele Tiger und Genetten, es ist gefährlich,

in so geringer Anzahl ihnen entgegen zu gehen. Ihr seid nur durch

besonderen Zufall dem Verderben entronnen.«

Holm sah zum Walde hinüber. Ein starker Regen rauschte herab, ohne

indessen das Blätterdach durchdringen zu können, die Luft war köstlich

abgekühlt, und das Feuer warf malerische Streiflichter über das elende

Dorf, welches zwar freie, keinem Oberhaupt untergebene, aber dafür auch

fast den Tieren gleichstehende Bewohner barg.

»Ich sah im Sande noch ganz kürzlich eine Spur wie von Raubtierfüßen,

jetzt erst fällt mir's wieder ein,« sagte er, »aber von kleinen.«

Der Singhalese nickte. »Schakale,« versetzte er, »ich habe es auch

bemerkt.«

»Ach, dann können wir vielleicht in dieser Nacht noch einen Angriff

erleben. Wenn die Bestien hungrig sind, kommen sie in die Dörfer, nicht

wahr?«

»Selten, aber es ist doch schon vorgefallen, Herr.«

»Nun gut, Häuptling. Je mehr Feinde, desto mehr Ehre! Laß nur die Hälfte

von deinen Leuten wach bleiben, die anderen aber schlafen, damit sie

rechtzeitig jene ersten ablösen können. Ich denke, wir gehen jetzt zur

Ruhe.«

Der Singhalese gab seine Befehle, worauf sich die Hälfte der Sklaven mit

gekreuzten Beinen, das Gesicht dem Dorf zugekehrt, um das Feuer herum

auf den Boden setzte und, die Waffen in der Hand, scharfen Ausguck

hielt, während Holm und der Malagasche mit geschultertem Gewehr

gewissermaßen auf Vorposten im Halbkreis patrouillierten. Pünktlich um

zwei Uhr nachts erfolgte die Ablösung, allein auch während der letzten

noch übrigen Stunden bis zum Morgen geschah nichts, was den tiefsten

Frieden in irgend einer Weise gestört hätte. Das Negerdorf lag

vollkommen still und ruhig, die Bewohner schienen zu schlafen, kein Laut

drang aus den Hütten hervor.

Als Tippoo und Franz die übrigen weckten, hatte man eine ruhige Nacht

verbracht, und dennoch stieg bei unseren Freunden ein banger Verdacht

auf.

Es war unseren Reisenden aufgefallen, daß sämtliche Männer des

Negerdorfes verschwunden waren; auch nicht ein einziger befand sich mehr

in der Nähe. Jedenfalls hatten sie während der dunkeln Nachtstunden das

Weite gesucht, um von irgend woher einen verräterischen Überfall zur

Ausführung zu bringen, ebenso sicher aber waren sie auch nicht allzu

tief in den Wald vorgedrungen, da ja keiner unter ihnen wußte, welche

Richtung die Fremden einschlagen würden. Die Veddas hielten ihr Dorf

umzingelt und beabsichtigten bei Einbruch der zweiten Nacht irgend ein

Bubenstück zu vollführen; darüber konnte kein Zweifel obwalten.

»So werden wir uns schlagen müssen,« nickte Holm. »Jedenfalls ist

unserseits nichts geschehen, um die Wilden zu reizen oder zu beleidigen;

wir dürfen daher ruhig sein und außerdem auch mit Sicherheit den Sieg

erwarten. Die hölzernen Wurfspieße werden es mit den Feuerwaffen nicht

aufnehmen können. -- Zuerst laßt uns das Dorf besehen.«

Die Schmutzhütten und die meistens aus Pfützen bestehenden Plätze

zwischen denselben wurden besichtigt, aber auch heute zeigten sich

Frauen und Kinder durchaus unzugänglich; sie kamen nicht in die Nähe der

Weißen, antworteten auf keine Frage und flohen in das Innere der Höhlen,

wo dies möglich war, -- so oft man ihnen freilich irgend ein Geschenk

hinlegte, stürzten sie eilends herzu und rafften es ohne ein Wort des

Dankes begierig vom Boden auf.

Vergeblich suchten die Reisenden eins von den ziemlich herangewachsenen

Kindern zu bewegen, sich abgipsen zu lassen, obgleich ein Abguß von dem

Gesicht eines dieser Ureinwohner Ceylons von hohem Interesse gewesen

wäre. Hans machte ein ziemlich langes Gesicht, als er einsah, daß sowohl

Bitten als Geschenke machtlos waren, und begriff nun erst recht, was

Holm ihm über die Schwierigkeit dieser Operation gesagt hatte.

Vor den Hütten lagen die üblichen Herdsteine, denen auch der

rohgearbeitete Eisenkessel nur selten fehlte, dennoch aber bewiesen

manche Zeichen, daß auch rohes Fleisch gegessen wurde, ebenso halbreifer

roher Mais und Brotfrüchte. Diese letzten wenigen Ureinwohner der Insel

betrieben durchaus nichts, sondern lebten wie die Buschmänner vom Kap in

den Tag hinein, vielleicht Heuschrecken essend, wenn weiter keine

Nahrungsmittel vorhanden waren, Kokosmilch trinkend und im Schmutz

vergehend, dabei scheu, häßlich und durch das stete Einreiben mit Palmöl

einen unangenehmen Geruch verbreitend; sie waren von allen

Völkerschaften, die unsere Freunde kennen gelernt, die am wenigsten

anziehende, -- ohne allen Zweifel, weil ihre Anzahl fortwährend schmolz,

ihr Gebiet von Singhalesen und Malabaren alljährlich verkleinert und sie

in jeder Beziehung durch die auf der Insel fortschreitende Kultur dem

Untergang entgegengeführt wurden.

Von schwarzen Kindern und dem verschiedensten zahmen Geflügel umkreischt

und umschnattert, sahen die Weißen in jede Hütte, so gut als es ging,

hinein, aber nirgends fand sich mehr als nur ein Lager aus Moos und

Blättern, nirgends waren Geräte zu entdecken, und überall krochen

Insekten in reicher Fülle.

»Die Veddas wandern,« erklärte Tippoo, »sie schlagen ihre Zelte auf, wo

Brotbäume und genießbare Früchte wachsen, zuweilen kommen sie sogar in

die Nähe unserer Felder, aber wir bereiten ihnen immer einen so heißen

Empfang, daß der Besuch nur sehr kurz währt. Wenn an einem Orte nichts

mehr zu holen ist, zieht die verlumpte Schar weiter und sucht

günstigeren Boden.«

»Gerade wie bei uns die Zigeuner,« rief Franz. »Ohne Arbeit, in stetem

Müßiggang, stehlend und bettelnd, unter Schmutz vergraben, jedes feste,

dauernde Obdach meidend, -- welche Ähnlichkeit!«

»Weil die Verhältnisse die gleichen sind,« fiel der Doktor ein.

»Menschen ohne Nationalgefühl, ohne staatsbürgerliche Rechte und

Pflichten müssen sittlich verkommen. Alle diese als »wild« und

»halbwild« bezeichneten Völker sterben aus, während die Kulturstaaten

alljährlich Tausende ihrer Unterthanen abgeben, um an fernen Enden der

Welt neue Reiche der Bildung und Gesittung gründen zu helfen. Die

vertierten Veddas haben den Singhalesen weichen müssen, die Malabaren

stehen wieder bedeutend höher als diese in ihren Bambusnestern und mit

der trostlosen Kastenwirtschaft, während sie ihrerseits durch Kirche und

Schule, durch den Umgang mit Weißen und die Notwendigkeit des

bürgerlichen Erwerbes allmählich aber sicher den Bildungsgrad und die

Lebensweise der Engländer annehmen. -- Die letzten Veddas werden im

Laufe unseres Jahrhunderts ihre Nomadensitten aufgeben und Ackerbauer

werden müssen.«

Tippoo hatte respektvoll den alten Herrn ausreden lassen, obgleich er

ihn nicht verstand; jetzt jedoch schlug er vor, sobald als möglich

aufzubrechen. »Alle Veddadörfer gleichen einander vollkommen,« sagte er.

»Wenn wir auch bis an die Meeresgrenze vordringen würden, so gäbe es

doch nichts Neues kennen zu lernen. Die schmutzigen Neger sind hier wie

dort falsche Schurken.«

Man nahm einstimmig diesen Vorschlag an und traf nach dem Frühstück

Anstalten zur Abreise. »Wir werden nun von allen Seiten beobachtet,«

erinnerte der Singhalese. »Aus jedem hohlen Baum, aus jedem Dickicht und

hinter jedem Felsvorsprung sehen lauernde Blicke uns nach, es wäre daher

gut, wenn ihr einmal die Wirkung eurer Feuerwaffen zeigen würdet.«

Aller Augen suchten nach einem Ziel. »Seht ihr da den Kaschubaum?« rief

Holm. »Der Blitz scheint ihn getroffen zu haben, ein Teil der Borke ist

herabgerissen, -- da, gerade im Eingang der Felsspalte, kaum fünfzig

Schritt von den ersten Hütten entfernt. Laßt uns auf die weiße Fläche

zielen.«

Gesagt, gethan. Alle Büchsen wurden geladen und Kugel nach Kugel schlug

in den Stamm. Zuweilen flog auch eine daneben bis tief in den inneren

Raum des Felsens hinein, und dann war es den Männern, als töne ein

Winseln oder Bellen, ein Angstgeheul wie aus weiter Ferne zu ihnen

herüber, -- sie schossen jetzt absichtlich in die Spalte; was darin

steckte, ob Mensch oder Raubtier, das sollte sich zeigen.

Aber nein, ein Mensch war es nicht, das hörten alle, eher ein Fuchs.

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 9 / 21 题