Franz rüttelte an allen Stäben. »Ob wir nicht fliehen können, Karl?«

»Siehst du denn nicht draußen den Hüter? -- Ich möchte übrigens wissen,

was dieser Bursche betreibt!«

»Er schmiedet!« erklärte Hans. »Vor sich hat er auf ein paar großen

Steinen ein Reisigfeuer, und auf einem anderen flachen Stein hämmert er.

Was er macht, sind Löffel.«

»Ich sehe von dieser Seite mehrere Männer bei einer derartigen Arbeit,«

bemerkte der Doktor. »Einer hält das glühende Eisen, und zwei andere

schlagen taktmäßig, ja sie haben wahrhaftig sogar einen Blasebalg aus

Bambusstäben und plumpen, hölzernen Cylindern. Wären nicht die Leute

halbnackt, so könnte man glauben, eine deutsche Dorfschmiede zu sehen.«

»Es wird dunkel,« schauderte Hans. »Wie sonderbar ist doch das Gefühl,

ein Gefangener zu sein.«

»Still, -- es kommt jemand.«

Die Thür öffnete sich, und ein Mann legte schweigend ein großes Stück

Fleisch sowie vier schwarz aussehende Gegenstände auf den Boden der

Hütte; dann entfernte er sich sogleich, ohne irgend ein Wort gesprochen

zu haben. Holm nahm eines dieser runden, etwa zolldicken und

tellergroßen Stücke in die Hand. »Ach,« rief er, »ich weiß schon, das

ist ein Mückenkuchen!«

»Um des Himmels willen! Und den sollten wir essen?«

»Der Hunger wird's schon eintreiben, Freund Franz. Weshalb schossest du

auf den Kaiman?«

»Weil ich einen Mord verhindern wollte, und das ist mir auch gelungen.«

»Gut, dafür speisen wir Heuschreckenkuchen. Ich habe übrigens mehrfach

gehört, daß diese schwarzen Pasteten recht gut schmecken.«

Er griff in die Tasche, um das Messer hervorzuziehen; dann aber, nachdem

er den Irrtum erkannt, schloß er die Augen und biß tapfer in das große

Brot hinein. »Oho, meine Herrschaften, Sie werden sich wundern! -- Als

wäre es der feinste Kaviar aus Heimerdingers Delikatessenhandlung.«

Er aß mit lebhaftem Appetit und verlockte dadurch auch die anderen, das

fremdartige Gebäck zu probieren. Es schmeckte salzig und scharf, aber

durchaus nicht unangenehm. »Komm her, Franz,« fuhr er fort, »das Fleisch

müssen wir auf Tigermanier zerlegen.«

Die Knaben lachten, auch der Doktor biß endlich mit in das gutgekochte

Schweinefleisch hinein, und zuletzt machte der Wasserkrug die Runde.

Holm hatte seinen Zweck erreicht, es war wenigstens auf den ersten

Schrecken einige Ruhe gefolgt und durch die guten, ausgiebigen

Nahrungsmittel auch für Erhaltung der Kräfte gesorgt. Obgleich er im

innersten Herzen von dem günstigen Ausgang der Sache keineswegs

überzeugt war, so wollte er doch seine Besorgnisse lieber allein tragen,

als auch die Knaben dadurch beunruhigen. Mochten sie jetzt schlafen, --

vielleicht brachte ja schon der nächste Morgen das Todesurteil.

Es wurde still ringsumher, auch der Schmied hatte aufgehört zu hämmern,

die Stimmen im Dorfe waren verhallt, und hoch am Himmel glänzte der

Mond. Aus dem Schlammwasser krochen die Krokodile hervor, um

schwerfällig am Ufer zu spazieren, immer mehr und mehr, gewiß fünfzig

bis sechzig an der Zahl, eins noch größer, noch scheußlicher als das

andere, -- Holm schauderte. Diese Ungeheuer lebten von Menschenfleisch,

sie wurden ernährt mit den Körpern armer Opfer, die einem schrecklichen,

heidnischen Irrwahn als Gegenstand dienten. Wer in irgend einem Verdacht

stand, wen der Zauberer aus dem Wege schaffen wollte, oder wer sich als

verachteter, rechtloser Sklave der Grausamkeit seines Besitzers nicht zu

erwehren vermochte, der verfiel dem Urteilsspruch dieser Bestien, die

sich träge und satt von Menschenblut im Sumpfe dehnten und alljährlich

an Zahl bedeutend zunahmen.

Wenn er dachte, daß die beiden Knaben, diese jungen, glücklichen Kinder,

die Söhne eines reichen, ja fürstlichen deutschen Handelshauses, auf so

schreckliche Weise den Tod finden sollten! Seine Finger umklammerten mit

eisernem Griff die Bambusstäbe, aber er fühlte, daß der Versuch, das

biegsame Holz zu zerbrechen, vergeblich sei. Seufzend warf er sich auf

die Matte.

Da reichte ihm Doktor Bolten die Hand. »Rufe mich an in der Not, und ich

will dich erretten!« -- sagte leise mit eindringlichem Tone der Greis.

Holm wandte erschüttert bis ins tiefste Herz das Gesicht gegen die

Bambuswand.

* * * * *

Der nächstfolgende Morgen brachte keine Veränderung, auch der lange,

unendlich lange Tag schlich dahin, ohne daß irgend jemand die Gefangenen

besucht hätte. Das Fleisch und der Mückenkuchen waren verzehrt, das

Trinkwasser ging zur Neige; wieder brach die Nacht herein, wieder wurde

es dunkel und verstummte das Leben des Tages. Und doch befanden sich die

vier Unglücklichen im Zustande fortwährender Aufregung, doch erwarteten

sie beständig nahende Schritte, horchten bei jedem Laut und erschraken

heimlich, so oft einer der Eingebornen in die Nähe kam.

Während der zweiten Nacht schlief keiner. Ein furchtbares Gewitter

schüttelte die Baumriesen des nahen Waldes, pfeifend heulte der Sturm,

und von Zeit zu Zeit brach mit donnergleichem Krachen ein alter Stamm,

den Blitz oder Windsbraut erfaßt, zu Boden. Aufgeschreckte Affen flohen

kreischend hinaus auf die Ebene, eine Büffelherde zog in eiligem Galopp

vorüber, und strömend rauschte der Regen. Es war so recht eine Nacht, um

im sicheren, gemütlichen Heim nahe an einander zu rücken und dem Singen

und Heulen des Sturmes zu lauschen; es war aber auch eine Nacht, um die

Herzen der Gefangenen zur Mutlosigkeit herabzudrücken und sie mit den

düstersten Ahnungen zu erfüllen. Was würde der nächste Morgen bringen?

Holm glaubte alle Hoffnung aufgeben zu müssen. Lani-Lameh konnte aus

mehr als einem Grunde nicht daran denken, seine Gefangenen wieder

freizugeben, wenn er nicht die eigenen Interessen auf das schwerste

gefährden wollte. Hier im westlichen Innern der Insel war überhaupt der

einzige Punkt, wo noch das Heidentum regierte, wo die Christuslehre bis

jetzt nicht festen Fuß fassen konnte, und wo also für ihn, den Zauberer,

Wahrsager oder Götzenpriester, allein noch der Weizen in Blüte stand. Er

mußte sich folgerichtig gegen das Vordringen der Kultur wie gegen seinen

schlimmsten Feind verteidigen und durfte daher die Tötung des heiligen

Krokodiles nicht ungerächt hingehen lassen. Der schlaue Geselle

fürchtete nebenbei auch die Weißen, welche nur der Tod verhindern

konnte, das auszuplaudern, was sie hier gesehen hatten.

Schon am folgenden Morgen zeigte sich die Richtigkeit dieser

Schlußfolgerungen. Man brachte den Weißen Speise und Trank, befahl ihnen

sich zu waschen und alsdann auf den freien Platz in der Mitte des Dorfes

zu erscheinen. Die Thür des Gefängnisses blieb offen, trotzdem aber war

an keine Flucht zu denken, denn eine ununterbrochene Kette von

Bewaffneten umgab von drei Seiten die kleine Niederlassung, während vorn

die greulichen Rachen der Krokodile wie eine unübersteigbare Mauer den

Weg versperrten.

Draußen glänzte nach dem nächtlichen Gewitter die Natur in doppelter

Schöne. Überall grünte und blühte die üppige Prachtfülle des Südens,

überall lag auf der Szene jener goldene Sonnenzauber, der erst die

Schöpfung zu erwecken scheint. Tauben in zahllosen Arten bevölkerten die

Gehöfte, große Schmetterlinge wiegten sich auf Blumen und Hunderte von

Singvögeln schmetterten in jubelhellem Chor. Es war hart, nach

erdrückender Gefangenschaft in solchen Morgen hinauszutreten, um aus dem

Munde heidnischer Barbaren das Todesurteil zu vernehmen, um zu erfahren,

daß dieser Tag der letzte sei vor einer Hinrichtung, die an

Abscheulichkeit und nichtswürdiger Brutalität von keiner anderen

übertroffen werden konnte. Es war hart, aber dennoch bewahrten die

Weißen alle Würde und Ruhe ihrer Nationalität. Sie hatten beim

Hinaustreten auf die Dorfstraße einander nur stumm die Hand gedrückt;

auch jetzt gingen sie schweigend durch die friedliche, malerisch

belegene Niederlassung bis an den Punkt, wo ein zweiter, engerer Kreis

von Bewaffneten eine Gruppe umschloß, in deren Mitte gebieterisch der

Zauberer stand. Lani-Lameh erwartete mit fünf Beisitzern dieses

schauerlichen Gerichtes die Gefangenen; er hatte sich in ein langes,

scharlachrotes Gewand gehüllt, auf dem Kopfe trug er einen spitzen, mit

goldenen Schnüren und Troddeln umwickelten Hut, ein goldenes Band hielt

die Falten in Gürtelform zusammen. Die anderen Richter waren ähnlich

gekleidet, nur fehlte bei ihnen das Gold, während die gemeinen Krieger

überhaupt nichts trugen, als eine Art von formlosem Hemd aus Grasfasern

und die langen Wurfspieße, hier Sagaien genannt.

Einer derselben hatte aus dem Gefängnis den weißen Hahn herbeigeholt und

setzte jetzt den Käfig desselben zu Füßen Lani-Lamehs auf den Boden.

Das Tier krähte laut und lustig, wahrscheinlich um in seiner Weise den

wundervollen Morgen zu begrüßen.

Lani-Lameh erhob die Hand. »Vom Abendlande her kommen die Ungläubigen,«

sagte er mit lauter Stimme, während der Dolmetscher jedes Wort

übersetzte, »sie drangen mit ihren Feuerwaffen in das Land der Hovas und

nahmen keinen Anstand, den großen Geist Zannaar und den Riesen Darafif,

seinen Sohn, auf das empfindlichste zu beleidigen, indem sie den

Gesandten der Gottheit, den heiligen Kaiman erschossen. Lani-Lameh hat

die Geister gerufen und sie gefragt, welche Strafe den Übelthätern zu

teil werden sollte; er warf sich vor den Unsterblichen auf sein Antlitz

und beschwor sie, die Stimme des Priesters zu hören. Zannaar, der große

Geist der Welt, befahl den Wolken, das Land mit Wasserfluten zu

übergießen, er sandte den Sturm und den Blitz, um die Menschen zu

erschrecken, und redete mit der Stimme des Donners. Lani-Lameh verstand

den Beschluß des großen Geistes! Die vier Übelthäter sollen dem Gericht

der Krokodile überliefert werden,« sprach er. »Sie sollen den See

zweimal durchschwimmen, nachdem die heiligen Tiere während eines Tages

und einer Nacht kein Futter mehr erhalten haben. Wer von ihnen auf

diesem Wege lebend das Ufer wieder erreicht, der möge gehen, wohin es

ihm beliebt. Die Götter haben ihn freigesprochen.«

Nachdem der Zauberer mit lauter Stimme diese Worte vorgebracht und dabei

das Gewitter der letzten Stunden für seine Zwecke klüglich ausgebeutet

hatte, nahm er den Käfig vom Boden und ließ den weißen Hahn

herausfliegen. »Jetzt seid ihr rechtlos,« schloß er, »Zannaar hat euch

verlassen und Angatsch der Böse Besitz genommen von eurem Schicksal.

Morgen mit Sonnenaufgang wird das Urteil vollstreckt werden.«

Eine Handbewegung gebot einigen Kriegern, die Gefangenen wieder in ihre

Hütte zurückzuführen, der Hahn flatterte, immer noch vergnüglich

krähend, zu seinen Genossen in das Dorf, und unsere vier Freunde

wanderten in das Gefängnis, dessen Thür sich für sie jetzt nur noch ein

einziges Mal öffnen sollte. Wie blaß die Knaben waren, und wie ernst der

Doktor aussah. Holm ging von einem zum anderen, um zu trösten. »Noch

haben wir fast volle vierundzwanzig Stunden,« sagte er, »wer weiß, was

geschieht! Der Tod war uns ja auf dieser Reise schon mehr als einmal um

Haaresbreite nahe, wir sind dem Orkan und den reißenden Tieren, wir sind

den afrikanischen Wilden entgangen, -- wer weiß, was geschieht!«

»Aber woher sollte die Rettung kommen?« fragte Hans. »Wir sind verloren,

Karl, wir müssen sterben, ohne daß irgend jemand von den Unsrigen

erfährt, wie und wo wir zu Grunde gingen. Der Kapitän wird nach der

Hauptstadt fahren und dort den deutschen Konsul benachrichtigen; man

wird die Insel durchforschen und überall fragen, wo wir blieben; aber

niemand gibt die Antwort, niemand bringt Kunde nach Hamburg. O es ist

entsetzlich, viel entsetzlicher als der Tod im Kampfe gegen wilde

Tiere.«

Holm streichelte das blasse Gesicht des Knaben. »Schon in dieser

Rechnung ist das Fazit ein voreiliges, mein Junge,« sagte er freundlich.

»Gesetzt, daß das Schlimmste wirklich geschähe, -- könnte und würde dann

nicht höchstwahrscheinlich wenigstens einer unter uns gerettet werden?

-- Das gäbe zwar den Getöteten das Leben nicht zurück, aber es würde

doch zur Sühne für ihre Ermordung genügen. In weniger als Jahresfrist

wären deutsche Kriegsschiffe hier, um Rechenschaft zu fordern.«

Franz erhob plötzlich den Kopf. »Ich glaube noch nicht, daß wir sterben

müssen, Karl,« rief er. »Ich kann es nicht glauben, -- Gott darf es

nicht zulassen, er --«

»Still, mein Sohn, du vermißt dich! Gewiß war deine Absicht eine reine

und gute, eine solche, die auch vor den Augen des höchsten Richters

Gnade finden wird, gewiß glaubtest du das Rechte zu thun, weshalb dir,

wie du weißt, deine Erzieher keinerlei Vorwürfe gemacht haben; aber doch

mischtest du dich unberufen in die Verhältnisse eines wilden Volks,

erlaubtest dir einen Eingriff in die Empfindungen anderer, das war

menschlich aber unklug. Bitte Gott, mein lieber, warmherziger Junge,

aber _fordere_ nicht, und vor allem laß uns die Stunden, welche

vielleicht auf Erden unsere letzten sind, nicht durch persönlichen Groll

entweihen.«

Niemand antwortete dem alten Geistlichen; jeder war zu sehr mit seinen

eigenen Gedanken beschäftigt, zu sehr erschüttert, um sprechen zu

können; auch das Essen blieb unberührt stehen, und als der Abend

herabsank, setzten sich die Unglücksgefährten so nahe als möglich neben

einander auf eine Matte, um noch, so lange ihnen Zeit blieb, einer dem

anderen ein freundliches Wort zu sagen und vor allen Dingen

gewissermaßen das Haus zu bestellen, ehe es an das Verlassen desselben

ging. »Werdet ihr gerettet, so grüßt zuerst meine Mama, dann die

übrigen!« bat Hans.

Der alte Geistliche hielt mit beiden Händen die der Kinder, welche er

erzogen. »Meiner harrt zuhause in Hamburg kein trauerndes Herz,« sagte

er, »um mich wird niemand weinen, niemand Kummer fühlen. Sorgt, wenn ihr

glücklich in die Heimat zurückkehrt, daß das, was ich an irdischen

Gütern hinterlasse, irgend einer milden Stiftung zufällt, am liebsten

einer Freischule oder einem Stipendium. Ich -- --«

Franz umklammerte aufschluchzend mit beiden Armen seinen geliebten

Lehrer. »Sie sterben nicht, Herr Doktor, Sie sterben nicht!« rief er,

»ich bleibe bei Ihnen und verteidige Sie mit meinem Leben, ich gebe

Ihnen Zeit, den Ungeheuern zu entkommen.«

»Das versprechen auch wir,« riefen in einem Atem die beiden anderen.

»Sie sollen in unserer Mitte bleiben, lieber Herr Doktor, wir schützen

Sie so lange als nur möglich.«

Der alte Geistliche legte im Dunkel der Hütte seine beiden Hände auf die

Köpfe der jungen Leute. »Seid gesegnet, meine Kinder,« sagte er mit

erstickter Stimme. »Es wird geschehen nach Gottes Ratschluß, der Herr

wird alles wohl machen.«

Draußen an der Bambuswand regte sich's. Wie leises Flüstern tönten

Menschenstimmen, und vernehmlich klang es durch die Spalten »Hummel! --

Hummel!«[1]

[Fußnote 1: Schlagwort der Hamburgischen Schifferkreise.]

Die vier Unglücksgefährten glaubten zu träumen. Was war das? -- Hatte

die Aufregung ihre Nerven so überreizt, daß sie die Stimmen ihrer weit

entfernten Freunde wie aus unmittelbarer Nähe zu hören vermeinten?

Franz schauderte. »Klang das nicht, als hätte das der alte Witt gesagt?«

flüsterte er. »Hummel! -- Hummel! -- das war ein Abschiedsgruß aus der

Heimat.«

Holm stand auf und trat an die Wand. Draußen sah man nichts, es war

unmöglich, durch die engen Spalten hindurch irgend etwas zu erkennen.

»Wer da?« rief er leise, mehr auf das gute Glück hin, als wirklich im

Glauben, irgend jemand anzureden. »Wer da?«

»Gut Freund, Herr Holm! -- Nur stille, hören Sie, daß die Schwerenöter

nichts merken. Sie sind doch alle wohlauf?«

Im Dorf krähte mit heller Stimme ein Hahn. War es der weiße? -- Sein

Schmettern klang wie »Wohlauf! -- Wohlauf!«

Eine Hand hatte die Riegel der Hütte hinweggezogen. Einer nach dem

andern traten die dunkeln Gestalten unter das Bambusdach, zwölf

bewaffnete, mit Kugelbüchsen, Revolvern und Enterbeilen versehene

Männer, die gekommen waren, um ihre bedrängten Freunde zu erlösen. Nur

der Kapitän und vier Matrosen waren als notwendigste Besatzung an Bord

des Dampfers geblieben, alle übrigen zogen durch den nächtlichen Wald,

fest entschlossen, die Gefangenen zu befreien oder mit ihnen

unterzugehen. -- Und draußen vor der Thür stand noch einer, ein

schlanker, dunkeläugiger Knabe, der die Retter hierhergeführt, der sein

eigenes Leben gewagt hatte, um der heiligen Pflicht der Dankbarkeit zu

genügen, Rua-Roa, jener verurteilte Sklave, den Franz mit seinem

plötzlichen Schuß von den Krokodilen erlöste. Jetzt bewachte er sowohl

den Eingang zur Hütte, als auch den geknebelt und gebunden am Boden

liegenden Hüter, der von unseren braven Hamburger Teerjacken im halben

Schlummer so energisch überrumpelt worden war, daß ihm keine Zeit blieb,

auch nur den kleinsten Schrei auszustoßen. Rua-Roa zitterte im Gedanken,

daß ein einziger Zufall alles verraten könne.

»Schnell! Schnell!« ermahnte er.

Aber die da drinnen hörten ihn nicht. Es war wie ein Rausch über ihre

Sinne gekommen, wie ein Taumel, sie sprachen in abgebrochenen Lauten und

waren kaum fähig, zusammenhängend zu denken. Nur der alte Witt trieb zur

Eile. »Da hast du eine Kugelbüchse, Zackermentsjunge, ich habe sie

ausdrücklich für dich über alle diese vermaledeiten Baumwurzeln und

Ranken geschleppt, -- ist doch ein schauderhaftes Vergnügen, so bergauf

und bergab durch den Wald zu klettern. -- Na, schon gut, da braucht's

gar keinen Dank und keine Rührung, deucht mich; oder hättest du etwa

ruhig zugesehen, Junge, wenn die Menschenfresser zufällig über mich,

anstatt über dich selbst hergefallen wären?«

»O ich wußte es ja, ich wußte es ja, wir sind gerettet!«

Und Franz sprang von einem zum andern, unfähig, seinem Jubel zu

gebieten. »Wollen wir Lärm schlagen?« rief er übermütig, »die gelben

Halunken mit ihrem Oberhaupt, dem Lügenpriester, zu Paaren treiben und

alle Krokodile erschießen?«

»Franz, Franz, -- und das im ersten Augenblick unserer Rettung!«

Holm fand seine gewohnte Ruhe wieder, als ihn der unbesonnene Vorschlag

aus dem anfänglichen Freudenrausch aufschreckte. »Kommen Sie, Herr

Doktor,« setzte er hinzu. »Rasch, rasch, ich kann es nicht erwarten, den

blauen Himmel wieder über mir zu sehen.«

Auch der Steuermann näherte sich dem alten Herrn. »Ich habe Ihnen eine

Handlaterne mitgebracht, Herr Doktor,« sagte er, »die einzige, welche an

Bord zu finden war. Sie thut nötig bei diesen halsbrecherischen

Unternehmungen.«

Und mit dem ganzen Abscheu des Seemanns gegen Fußpartieen zog er eine

blecherne Diebslaterne aus seiner Jacke hervor. »Da ist das Ding, Herr

Doktor, aber anzünden wollen wir es lieber erst draußen.«

Holm und Franz lachten ihn aus. »Wer hat uns denn durch den

afrikanischen Wald geführt, Papa Witt?« rief der Knabe. »Naturforscher

mit dem Talglicht! das ist köstlich.«

Hans war der erste draußen. »Kommt, kommt,« bat er, »ich sehne mich nach

dem Anblick unseres Schiffes.«

Die Matrosen hatten inzwischen den ganzen kleinen Raum untersucht, und

als sie kein Stück des Eigentums ihrer Reisegenossen mehr vorfanden, die

Hütte verlassen. »Ich hätte Lust, den Bau in Brand zu stecken,« raunte

einer. »Irgend ein Andenken müßten wir doch diesen Schuften vermachen.«

Und gedacht, gethan. Ehe es die Weißen hindern konnten, flog ein

brennendes Stück Papier auf die Matten am Boden, rote Flammen krochen

züngelnd weiter, eine Rauchwolke wirbelte auf, und bald stand das ganze,

abgesondert liegende Gebäude in heller Glut. Den gebundenen Malagaschen

legten die Hamburger in gesicherte Entfernung, und dann ging es fort zum

Walde, wo die lustige Schar den Tadel, welcher sie empfing, ohne

bemerkbare Zerknirschung hinnahm, zumal der Steuermann sich begnügte,

mit pfiffigem Blinzeln hinzuzusetzen: »Schade, daß nicht das ganze Dorf

in Rauch aufgeht. Die gelben Landpiraten hätten verdient, einmal selbst

bei ihren Krokodilen Nachtquartier suchen zu müssen.«

»Sollen wir sie aus dem Schlaf stören?«

Die Kampflust, der Übermut dieser ganzen jugendlichen Schar waren kaum

noch zu zügeln. Holm und der Doktor mußten ihr Ansehen als Führer des

Zuges voll in die Wagschale werfen, um weitere Ausschreitungen zu

verhüten; nur widerstrebend konnten sich die Matrosen entschließen, das

Dorf und die brennende Hütte ihrem Schicksal zu überlassen, ja es ist

ungewiß, ob das jemals geschehen wäre, wenn nicht eine plötzlich

auftauchende Erscheinung das allgemeine Interesse für sich in Anspruch

genommen hätte.

Unter den Bäumen stand im unsicheren, zuckenden Licht der vielen

elektrisch glänzenden Fliegen jener Malagasche, der zuerst die Weißen in

das Dorf geführt hatte. Er trug unter dem Arm den Käfig mit dem weißen

Hahn und streckte jetzt lächelnd die Hand aus. Sein verschmitztes

Gesicht zeigte, daß er alles wußte. »Ein kleines Geschenk für den

Führer,« sagte er in englischer Sprache. »Er war es, der Rua-Roa den Weg

zeigte.«

Papa Witt sah voll Erstaunen von einem zum andern. »Was will der Mosjöh

Zitronengesicht?« rief er. »Schenkt mir einen Hahn! -- Ist der Kerl

verrückt?«

»Sagte ich's nicht,« lächelte Holm. »Er verrät beide Parteien um des

klingenden Lohnes willen. Aber besser ist es, Freund Steuermann, Sie

geben ihm ein Stück Geld, das ich mit Dank zurückerstatten werde, -- in

meiner und des Doktors Tasche ist es leer wie am ersten

Schöpfungsmorgen.«

Der Alte griff in den perlengestickten Geldbeutel, welchen er nur bei

festlichen Gelegenheiten zu tragen pflegte. »Eine tüchtige Tracht Prügel

wäre dir bedeutend dienlicher, du Galgenholz,« brummte er auf deutsch,

»es ist schade, daß du immer noch ungehängt über Gottes Erde läufst,

aber wenn wir dich jetzt mit der richtigen Münzsorte bezahlen wollten,

so könntest du uns aus Dankbarkeit alle deine Brüder auf den Hals

hetzen. Marsch mit dir, -- den Hahn kannst du selbst verzehren.«

Aber Holm ergriff den Käfig und nahm ihn an sich. »Das Geheimnis dieses

Geschenkes erkläre ich Ihnen zuhause, Steuermann,« lachte er. »Vorwärts

jetzt, vorwärts um des Himmels willen, -- die Malagaschen sind aus dem

Schlaf erwacht!«

Wirklich sammelten sich schreiende, wehklagende und drohende Haufen um

das Gefängnis, dessen leichte, dürre Bambuswände in der Glut

zusammengestürzt waren und einen funkensprühenden Trümmerhaufen

bildeten. Ein fesselnder Anblick bot sich dar: all die gelben, in den

seltsamsten Kostümen -- dasjenige Adams nicht ausgeschlossen --

umherlaufenden und gestikulierenden Menschen, erhellt von der roten

Lohe, deren Widerschein zugleich das Ufer färbte, wo mehr als ein

riesiger Kaiman lüstern spähend mit halbem Leibe aus dem Sumpf

auftauchte.

Allen voran im flatternden Gewande mit hocherhobenen Armen stürzte

Lani-Lameh, der Zauberer. Wilde Verwünschungen schallten von seinen

Lippen; er ermunterte offenbar die übrigen, den Flüchtlingen zu folgen.

Als sich diese nach dem Führer umsahen, war er verschwunden. Der listige

Geselle mußte jetzt im Dorfe bemerkt werden, um nicht durch seine

Abwesenheit Verdacht zu erregen; -- Holm begriff das, aber er erschrak.

Wohin im Dunkel fliehen, ohne den Verfolgern in die Hände zu fallen.

Da erfaßte jemand seinen Arm. In englischer Sprache erklang ein rasches

»Dort hinaus, Herr!« und ohne erst zu fragen, wer der Sprechende sei,

folgte die kleine Schar dem gegebenen Rate. Nach einer Viertelstunde

angestrengten Marschierens, wobei der Steuermann zweimal über

vorspringende Baumwurzeln fiel und in allen Tonarten auf Wälder und

Fußreisen und Dunkelheit schimpfte, war endlich eine Lichtung erreicht,

von der verschiedene Wege abzweigten. Kein Laut verriet die Nähe der

Malagaschen, kein Zeichen deutete auf Gefahr, daher ließen sich die

Flüchtigen Zeit, endlich auch aus den mitgebrachten Vorräten der

Matrosen eine tüchtige Stärkung zu sich zu nehmen. »Prosit!« nickte der

Steuermann. »Und dergleichen nennen Sie ein Vergnügen, mein Herr Holm?

So schauderhafte Strapazen finden Sie ganz unterhaltend und angenehm? --

Um des lieben Himmels willen, was wollen Sie mit dem Hahn?« setzte er

hinzu. »Freilich bin ich kein Gelehrter, aber mich deucht doch, daß der

weiße Kerl ein ganz gemeiner Haushahn ist.«

»Oho, Papa Witt, mehr Respekt, wenn ich bitten darf! Dieser Hahn, den

ich als unseren persönlichen Schutzhahn an der einen bräunlichen Feder

vorn auf der Brust mit Sicherheit erkenne, -- dieser Hahn ist ein

Sendbote Zannaars und des Riesen Darafif wider die Macht und Tücke

Angatschs des Bösen; -- oder ernsthaft gesprochen: er war eines der

Werkzeuge, deren sich Gott bediente, um uns vor grauenhaftem Tode zu

bewahren. Wären wir ohne den weißen Hahn gewesen, so hätte uns das

wütende Volk auf dem Fleck in Stücke zerrissen.«

Er setzte nun den Verlauf ihres Abenteuers dem Alten kurz auseinander

und fragte jetzt erst, wie denn eigentlich die Freunde an Bord des

Dampfers Kunde von dem Geschehenen erlangt hätten. Ehe Papa Witt

antworten konnte, zog Franz an der Hand den jungen Hova-Sklaven aus dem

Hintergrunde hervor. »Herr Doktor,« rief er, »und du, Karl, hier ist

Rua-Roa, der weder Mühe noch Gefahr scheute, um uns zu retten. Er hat in

der Nacht den ganzen weiten Weg bis zum Schiffe zurückgelegt, er hat

unsere Reisegenossen hierhergeführt, -- ihr dürft ihn nicht verstoßen!«

Der junge Malagasche warf sich auf den Boden und umfaßte mit beiden

Armen die Kniee des Geistlichen. »Nimm mich mit dir, Herr,« bat er leise

und innig. »Rua-Roa will dein Sklave sein, er will dir gehorchen und dir

danken bis an das Ende seiner Tage, aber nimm ihn mit dir auf das Schiff

und unter weiße Leute!«

Doktor Bolten schüttelte zweifelnd den Kopf. »Das geht nicht so ohne

weiteres, mein junger Freund,« sagte er herzlich. »Zuerst müßte ich doch

wissen, ob du Eltern hast, denen ich unmöglich ihr Kind rauben dürfte,

dann aber --«

Ein Ausruf des Knaben unterbrach ihn. »Rua-Roa hat keine Eltern mehr,

Herr, er ist ein armer Sklave, der dem härtesten aller Hovas als

Eigentum gehört. Arra-Arra ist grausam wie ein reißendes Tier, er

schlägt und tritt seine Knechte, er vermietet sie nach der Hauptstadt

Tananarivo zu den schwersten Diensten und gibt ihnen kaum so viel, um

sich eine Decke oder ein Hemd kaufen zu können. Er wirft sie, wenn der

Feuertrank der Weißen sein Gehirn umnebelt, zum Vergnügen den Krokodilen

vor.«

Ein Ausruf der Entrüstung tönte von den Lippen aller Anwesenden. Die

Matrosen bedauerten noch jetzt auf das lebhafteste, nicht an den gelben

Schurken ein warnendes Beispiel statuiert zu haben; sie wollten dem

Knaben kleine Geldgeschenke machen und ihn ihres Schutzes versichern,

aber der Doktor erklärte, daß notwendig vorher erst eine Frage

entschieden sein müsse. »Das Christentum kennt keine Sklaverei,« sagte

er, »es kann nie und nimmer den einen Menschen als das rechtmäßige

Eigentum des anderen betrachten, ich will daher mit gutem Gewissen

dieses Kind einem grausamen und trunksüchtigen Gebieter entziehen, um

aus ihm einen rechtschaffenen Christen heranzubilden, aber nur dann,

wenn Rua-Roa wirklich kein Dieb ist. Einen solchen könnte ich den mir

anvertrauten Zöglingen nicht zum Gesellschafter geben. Sprich also, mein

Sohn, sei wahr, als ständest du vor dem Richterstuhle Gottes, -- hast du

jenes rote Tuch genommen oder nicht?«

Der Sklave schüttelte traurig den Kopf. »Rua-Roa hat keine Mutter oder

Schwester, der er es schenken könnte, Herr; Rua-Roa hat auch keine

Hütte, um es darin zu verstecken oder für sich selbst zu behalten. Wenn

Arra-Arra, sein Gebieter, schlechter Laune ist, oder wenn ihn das

Feuerwasser krank gemacht hat, so läßt er den Zauberer kommen, um ihn zu

fragen, wessen böser Blick oder wessen Verbrechen das Unglück

verschuldete; Lani-Lameh nennt dazu jedesmal einen Sklaven als den

Übelthäter, weil nur diese den Krokodilen vorgeworfen werden dürfen und

weil ihm solche Richtersprüche viel Geld und Ansehen eintragen. Rua-Roa

hat das Tuch nicht genommen, Herr, möge ihn Zannaar, der Weltgeist,

strafen, wenn er lügt!«

Das war so einfach, so kindlich gesprochen, daß es auf keinen der

Anwesenden seinen Eindruck verfehlte. Der alte Geistliche reichte dem

Malagaschen beide Hände. »Steh auf, Rua-Roa,« sagte er, »du sollst bei

uns bleiben, armer Junge, ich will vor Gott und den Menschen

verantworten, daß ich dich, der du uns alle vom sicheren Tode

errettetest, aus so unwürdigen, verderblichen Umgebungen entferne. Du

sollst nach deiner freien Wahl bei uns bleiben oder dich hinbegeben, wo

du Lust hast, aber zurückschicken werde ich dich um keinen Preis. Ist

das nicht auch Ihre Meinung, Freund Holm?«

»Vollständig!« nickte der junge Gelehrte. »Franz würde es ja doch nie

verzeihen, wenn wir uns weigerten, nicht wahr, du?«

»Ich würde sehen, Rua-Roa heimlich an Bord zu bringen!«

Holm sah ihn an. »Da das dem Knaben nicht verständlich geworden ist, so

mag es hingehen, Franz,« sagte er leise. »Du solltest dich bemühen, ihm

als Vorbild zu dienen, denke ich.«

Franz errötete, während der Malagasche im unklaren Gefühl, daß er hier

einen Freund gefunden, seine Hand ergriff und küßte. »Wir wollen den

Blutschwur tauschen, du und Rua-Roa,« flüsterte er. »Auch Freie tauschen

ihn mit Sklaven.«

»Was ist das, ein Blutschwur?« fragte lebhaft interessiert der Knabe.

»Pst, -- hier nicht. Ich sage dir's später, Herr!«

Er dankte halb wehmütig, halb freudevoll dem alten Geistlichen und auch

Holm; er gelobte nochmals, ein treuer ergebener Diener zu sein und

sprang dann allen voran, um den Weg zum Strande weiter zu verfolgen.

Allmählich hatten auch schon die ersten Sonnenstrahlen das Dunkel

gelichtet, es wurde Tag, und ringsumher glänzte die Schönheit der

südlichen Welt, entfaltete sich das Tierleben, und spielte neuerwacht

der Morgenwind mit tausend Blüten. Die Reisenden sahen zum erstenmale

den Tangaibaum, welcher nur auf Madagaskar angetroffen wird, und dessen

Früchte wie Pfirsiche herabhängen, unter ihrem ziemlich geschmacklosen

Fleische jedoch einen sehr giftigen Kern verbergen; dann die

einheimische Feige und endlich in einem kleinen murmelnden Flüßchen die

Gitterpflanze, welche gänzlich unter der Oberfläche des Wassers stand.

Holm nahm eine davon mit allen ihren Teilen sorgfältig heraus, um sie zu

präparieren. Die neun bis zehn Zoll langen Blätter lagen kaum zwei Zoll

breit wagerecht unmittelbar unter dem Wasserspiegel und zwar in einem

Kreise von mindestens drei Fuß Durchmesser; dabei zeigten sie in ihrer

Entwickelung die verschiedensten Farben, von dem Blaßgelb der ersten

sich bildenden Blättchen durch alle Schattierungen von braun und grün

bis zu den größten, ganz schwarzen Blättern, die einzigen in der Natur,

welche die dunkle Totenfarbe tragen. Und wie eigentümlich waren die

langen, schmalen Blätter! -- Nur Gerippe von solchen, nur Blattgerüste.

Der klare Grund glich einer feinen, durchbrochenen Spitze, und doch war

das Gewebe zart genug, um die ganze Schwere der Pflanze zu tragen. Holm

freute sich außerordentlich, das seltene Gewächs aufgefunden zu haben,

ebenso die Destillierpflanze, deren kammartige, mit Deckeln versehene

Blumen inwendig einen förmlichen Destillierapparat besitzen, und mehrere

andere. Selbstverständlich wurden Blätter der seltenen Gitterpflanze

mitgenommen.

Jeden Augenblick wurde die Wanderung unterbrochen, was ebensoviele

Äußerungen der Ungeduld von seiten des Steuermannes hervorrief und

endlich dazu führte, daß sich die kleine Gesellschaft einstweilen

trennte. Hier in der Nähe des Meeres war von den Malagaschen nichts zu

fürchten, sie hatten vielmehr alle Ursache, sich mäuschenstill zu

verhalten und Gott zu danken, wenn nicht in der Hauptstadt gegen sie

Klage geführt wurde. Papa Witt marschierte also mit seinen getreuen

Teerjacken auf kürzestem Wege zum Ankerplatz zurück, die anderen dagegen

unternahmen noch einen kleinen Streifzug in die Umgegend, wobei ihnen

Rua-Roa als Führer diente. Alle Sorgen, aller Kummer und alle erlittenen

Strapazen waren vergessen. Man befand sich wieder im grünen Walde,

wohlbewaffnet und mit Korbflaschen versehen, und überließ sich der

Hoffnung, noch einige seltene, wenn auch nur harmlose Tiere zu erlegen.

»Rua-Roa, kannst du uns keinen Eichhornmaki aufspüren? Ich glaube, ihr

Malagaschen nennt ihn Aye-Aye!«

Der Bursche erschrak. »Angatsch will nicht, daß dem Aye-Aye Schaden

geschieht, Herr!« antwortete er etwas ängstlich.

Holm lächelte. »Dergleichen mußt du jetzt über Bord werfen, mein Junge,«

sagte er freundlich. »Nur das Böse ist zu fürchten und bringt Strafe,

aber wer das Böse vermeidet, braucht sich nicht zu fürchten vor dem

Grimme eines zornigen Rachegeistes. Es gibt keinen Angatsch, Kind, und

noch viel weniger eine Tiergattung, die man heilig halten müßte. -- Auf

welchen Baumarten lebt vorzugsweise der Eichhornmaki?«

Rua-Roa schüttelte den Kopf. »In hohlen Stämmen wohnt er, Herr, wie die

Eulen nur bei Nacht auf den Fang ausgehend und am Morgen schlafend. Wir

werden sehr bald den Aye-Aye sehen, wie er nach Hause zurückkehrt.«

»Und hoffentlich auch schießen,« setzte Holm hinzu. »Komm her, mein

Junge, willst du das Feuergewehr kennen lernen?«

Der Malagasche wich zagend zur Seite. In seinen großen schwarzen Augen

lag deutlich der Ausdruck des Grauens, so daß Holm lachend die

Kugelbüchse zurückzog. »Horch,« rief er, »was war das?«

»Wildschweine, Herr,« antwortete der Bursche. »Eberjäger! sie kommen

über die Ebene rechts von uns, wir werden die fliehenden Bestien sehen.«

»Sind diese Jäger Hovas?« fragte mit einiger Besorgnis der Geistliche.

»Nein, Herr, Sakalawas, schwarze Männer, die mit ihren Sagaien die Tiere

erlegen. Sie sind im ganzen Lande hochgeehrt, essen und schlafen in

jeder Hütte ohne Bezahlung und wohnen nirgends, sondern ziehen umher und

töten überall die Eber, welche das Feld zerstören und die Ernten

vernichten.«

Der Lärm kam immer näher, die Gebüsche knackten und brachen, wildes

Geheul und Schnaufen mischte sich mit den lauten Zurufen von

Menschenstimmen. Unsere Freunde nahmen daher in _einer_ Linie Stellung,

indem sie sich den Rücken durch nebeneinander stehende, breite

Baumstämme deckten und den gefährlichen Wildschweinen gegenüber auf

diese Weise zu erfolgreichem Widerstande aus vier Kugelbüchsen zugleich

gerüstet waren. »Paß auf, Rua-Roa,« rief Franz, »sobald sich der erste

Eber zeigt, hat er das Blei zwischen den Rippen.«

Aber der Malagasche schien von der Aussicht auf das angekündigte

Schauspiel keineswegs erbaut; vielmehr schwang er sich mit einem raschen

Satz auf den nächsten Tamarindenbaum, dessen starke, dichtsitzende Äste

ihm diese Flucht ungemein erleichterten, und zog dann zum geheimen

Verdruß des Doktors ein Amulett -- bei den Malagaschen Fanfuti --

hervor, das er zwischen den Fingern hielt und wiederholt küßte.

»Was treibst du da, Junge?« fragte ärgerlich der alte Herr.

Rua-Roa sah verlegen von einem zum andern. »Ich bitte den Feuerriesen um

seinen Schutz, Herr. Tenn-Tenn herrscht über alles, was von der Flamme

stammt.«

»Gib mir das Ding, welches du da in der Hand trägst, Rua-Roa.«

Der Malagasche trennte sich offenbar nur äußerst ungern von seinem

Amulett, aber er wagte keinen Ungehorsam, sondern gab es zögernd hin --

eine kleine starkriechende Wurzel und ein Bambusrohr, das einen

beschriebenen Pergamentstreifen barg. »Der Feuerriese Tenn-Tenn wird

dich töten, wenn du es vernichtest, Herr,« sagte er ängstlich.

[Illustration: Eberjagd auf Madagaskar.

»Das wütende Tier mit seinem plumpen schwarzen Kopf und den am Halse

befindlichen Auswüchsen stürzte sich blindlings gegen die Stelle, wo

vier Büchsenkugeln seiner harrten ...«]

Dem alten Theologen blieb zur Antwort keine Zeit. Aus den Gebüschen

brach ein mächtiger Eber, dem zwei Bachen mit einem Rudel jüngeren

Nachwuchses folgten; das wütende Tier mit seinem plumpen schwarzen Kopf

und den am Halse befindlichen Auswüchsen stürzte sich blindlings gegen

die Stelle, wo vier Büchsenkugeln seiner harrten, die Stoßzähne wühlten

den Boden auf, die kleinen Schweinsaugen funkelten vor Kampflust; es

kam, unbekannt mit der Wirkung der Feuerwaffen (die auf Madagaskar zur

Jagd nicht verwandt werden) ganz nahe heran und senkte zum heftigen

Angriff den Kopf -- da krachten die Büchsen; unter den übrigen Tieren

entstand eine wilde Flucht, und der Eber wälzte sich in seinem Blute.

Schon wollte Franz vorspringen, um ihm mit dem Messer den Garaus zu

machen; da klang es plötzlich in einiger Entfernung wie das schmerzliche

Wimmern einer Menschenstimme. Gedehnte, ächzende und schluchzende Laute

erfüllten die Luft, Todesröcheln mischte sich schaurig in leises Weinen.

-- --

Die Weißen standen regungslos vor Schreck. Sie sahen nicht wie sich der

erlegte Eber im letzten Kampfe wand, wie mehrere der schwarzen Jäger,

halbnackt, mit den langen eisenbeschlagenen Sagaien bewaffnet, durch die

Büsche lugten und beim Anblick der Europäer schleunigst das Weite

suchten, -- nur _ein_ entsetzlicher Gedanke erfüllte ihre Herzen: war

einer von den Sakalawas durch ihre Kugel getroffen worden?

»Karl,« flüsterte Franz, »hörst du das?«

Holm nickte. »Wir müssen nachsehen, mein Junge. Wenigstens konnte keinem

von uns der Gedanke an ein solches Unglück im voraus kommen.«

»Ist der arme Mensch erschossen, so berühre ich in meinem Leben kein

Gewehr wieder,« rief Hans. »O warum sind wir nicht mit den Matrosen

gegangen!«

»Still,« seufzte Holm. »Erst muß die Sache untersucht werden.«

Da legte vom Baum herab Rua-Roa die Hand auf des jungen Mannes Schulter.

»Babakut!« sagte er, »der Menschenaffe.«

Wie in plötzlicher Übereinstimmung suchten aller Augen seinen Blick.

Wenn das wahr wäre!

Rua-Roa hielt noch immer den Ast des Tamarindenbaumes umklammert.

»Kennst du den Menschenaffen nicht, Herr? Leben im Abendlande unter

deinem Volke keine Trägen, Faulen, die niemals arbeiten, sondern nur

essen wollen? Und verwandelt sie Zannaar bei euch nicht in Babakuts, die

ein Antlitz haben wie Menschen und doch Affen sind, die menschlich

weinen und klagen, und doch keine Seele besitzen? Der da wimmert, ist

ein solcher.«

Franz zögerte nicht länger, er mußte wissen, woher die immer schwächer

werdenden, kläglichen Jammerrufe kamen, und trennte daher mit kräftigem

Arm die verschlungenen Zweige, um in das Innere des Gewirres von Ranken

und Blättern hineinzusehen. Sein Jubelruf lockte die übrigen herbei. Da

lag auf dem blutgetränkten Moos ein ganz grauer, mit kurzem Haar

bedeckter Affe von etwa einem Meter Höhe und mit so menschenähnlichem

Gesicht, wie es die Reisenden noch an keiner anderen Gattung bemerkt

hatten. Die brechenden Augen sahen voll stummer Anklage empor, der

schweiflose Körper streckte sich und nach wenigen, letzten Zuckungen war

alles vorüber.

»Das nenne ich Glück haben!« jubelte Holm. »Diese Art ist bis jetzt

selten oder nie erlegt worden, wir besitzen da einen Schatz, wie ihn

kein deutsches Museum nachweisen kann. Schnell, Rua-Roa, komm her und

nimm vorsichtig den Affen, da du kein Gewehr zu tragen hast, wir wollen

ihn auf dem Schiff in aller Form einbalsamieren oder in Spiritus

bringen, je nachdem es sich macht. Jetzt ist Umkehr geboten, um keinen

Preis dürfte uns der Babakut verloren gehen.«

Aber Rua-Roa that, als sei er plötzlich taub geworden. Mit dem großen

Messer, welches ihm Hans gegeben, zog er gewandt das borstige Fell des

Ebers ab, weidete ihn aus und schnitt die besten Bratenstücke herunter,

während nur dann und wann ein scheuer Blick den getöteten Affen

streifte. Die Furcht vor dem Halbmenschen Zannaars war offenbar zu groß,

um ihm das Näherkommen zu gestatten.

»Mag er das Fleisch tragen!« entschied der Doktor. »Ehe nicht sein

Geister- und Riesenglaube besiegt ist, hilft es nichts, ihn zum Gehorsam

zu zwingen. Ich bin nur begierig, wie Sie es anfangen wollen, die Beute

fortzubringen, mein bester Herr Holm.«

»Und müßte ich sie wie ein Wickelkindchen tragen,« rief der junge

Gelehrte. »Aber was will Rua-Roa, er winkt mir fortwährend!«

Der Malagasche hatte das abgezogene Fell von Blut und Fleischteilen

gereinigt und dann einen spitzen Stock geschnitten. »Da, Herr,« sagte er

etwas ängstlich, »willst du nicht den Babakut hineinwickeln? Zwei von

euch können ihn tragen, an jedem Ende des Stockes einer. Rua-Roa nimmt

das Fleisch.«

Holm lachte. »Zwei von euch!« wiederholte er. »Nur du selbst nicht,

Schlingel, und doch habe ich oft gehört, daß deine Landsleute den

Babakut essen.«

Rua-Roa machte eine Gebärde des Abscheues. »Die Ambonga,« sagte er, »die

Wilden. Sie essen auch Schlangen und Makis, die Hovas kennen dergleichen

nicht.«

»Makis!« rief Holm. »Da erinnerst du mich, Junge. Ich möchte doch gar zu

gern einen Eichhornmaki schießen.«

Der Malagasche nahm mit Hilfe eines zweiten, derben Steckens das Fleisch

auf die Schulter. »Jetzt schläft der Aye-Aye, Herr,« versetzte er, »aber

Rua-Roa wird den Baum finden, in welchem er wohnt, und wird ihn

aufscheuchen. Komm nur, dort unter den alten Tamarinden ist mehr als ein

hohler Stamm, dein Sklave weiß es, er hat hier oft die jungen Papageien

aus ihren Nestern genommen, um sie, wenn eine Anzahl beisammen war, nach

Tananarivo zu bringen und für seinen Herrn zu verkaufen. Den Babakut

kannst du hier liegen lassen, bis wir wiederkommen; es stiehlt ihn dir

niemand, dessen bist du sicher.«

Holm schwankte. Durfte er den seltenen Schatz dem Zufall anvertrauen? --

Aber freilich, fleischfressende Tiere gab es ja auf dieser Insel nicht,

wer sollte ihm also sein Kleinod rauben? Nach kurzem Besinnen verbarg er

das Paket mit dem unheimlichen Inhalt unter einer Schicht von großen

Blättern, dann folgten alle dem vorangehenden Malagaschen. Der Hochwald

dieser Gegend war unbeschreiblich schön und trug ganz den Charakter der

tropischen Zone, wenigstens was die Mannigfaltigkeit des Pflanzenwuchses

betraf. Hohe Mangobäume mit ihren saftreichen, unseren Birnen

gleichenden Früchten neigten ihre tiefhängenden Äste schwer vom Segen so

weit herab, daß die Knaben nach Herzenslust pflücken und essen konnten;

wundervoll gefärbte Orchideen, lila, rosa, blau und schneeweiß oder vom

reinsten Purpur, schwebten an ihren langen Kletterwurzeln in der Luft;

ein kleines blaues, dem Vergißmeinnicht ähnliches Blümchen schmückte zu

Tausenden den Boden; blütenreiche Akazien spendeten ihren Wohlgeruch,

und mehrere Pandanusarten lieferten wohlschmeckende Früchte von der

Größe einer Pomeranze. Ebenso wuchsen im Dickicht die verschiedensten

Nüsse, weshalb auch bunte Papageien in ganzen Scharen die Baumwipfel

bevölkerten. Das emsige Forschen des jungen Eingebornen währte nur kurze

Zeit, dann hatte er den Schlupfwinkel eines Eichhornmaki entdeckt und

konnte den heranschleichenden Gefährten ein Zeichen geben. In einer

uralten Tamarinde befand sich eine Höhlung von der Größe eines Tellers,

vor derselben lagen Haufen von Nußschalen, und an der rauhen Rinde des

Eingangs klebten braune Haare, für den geübten Blick des jungen

Malagaschen nur ebenso viele Zeichen, daß im Innern des hohlen Stammes

ein Eichhornmaki seinen Wohnsitz haben müsse.

Holm und Franz standen mit geladenem Revolver hinter den nächsten

Bäumen, während Rua-Roa die Tamarinde umschlich und mit dem Knöchel des

Zeigefingers überall anklopfte. Längere Zeit hindurch blieben seine

Bemühungen ohne Erfolg, die Weißen zweifelten, daß eines dieser

zierlichen Äffchen in dem Baume verborgen sei; der Bursche aber blieb

bei seiner Behauptung. »Aye-Aye schläft,« sagte er, »wir müssen ihn

wecken.«

Und vor die Mündung der Höhle tretend, brachte er das Gesicht derselben

ganz nahe. Ein schriller, plötzlicher Schrei durchgellte die

morgendliche Stille des Waldes, -- dann suchte der Sklave seinen

früheren Versteck wieder auf. Eine Gebärde befahl den Weißen, sich

mäuschenstill zu verhalten.

Kaum wenige Sekunden später zeigte sich der Erfolg. Das graue,

menschenhafte und auch wieder eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fuchs

verratende Gesicht des Gespensteraffen blickte aus dem Loch hervor, der

Aye-Aye horchte offenbar neugierig dem immer wiederholten Klopfen, er

gähnte wie ein aus dem Schlaf aufgeschreckter Mensch und reckte die

langen Arme; dann sahen ihn die Weißen mit trägen, langsamen Sprüngen

auf die Äste der Tamarinde klettern. Das kleine Geschöpf hatte die Höhe

von kaum einem halben Meter, der Schwanz allein aber war länger als der

ganze übrige Körper. Die untere Partie der Haare war von weichem Gelb,

die obere rotbraun und nur an den Seiten wie am Bauche grau, Schwanz und

Füße dagegen schwarz.

»Schieß nicht,« flüsterte Franz. »Ich habe von meinem Platz aus das Ziel

sicher!«

Er legte an, und als der Knall erfolgte, stürzte das Tier mit lautem

Aufschrei, sich mehrmals überschlagend, zu Boden. Es war so glücklich

getroffen, daß der Tod im Augenblick eintrat. -- Hinter seiner

schützenden Tamarinde sprach Rua-Roa in der einheimischen Mundart ein

Gebet, aus dessen hastiger Wortfolge der Name Tenn-Tenn wiederholt

auftauchte; jedenfalls versicherte er sich in so unmittelbarer Nähe der

gefürchteten Schießwaffe vor allen Dingen des Feuerriesen, ohne dessen

Gnade es nach seiner Meinung allzu leicht um ihn geschehen sein konnte.

Holms Freude war grenzenlos. Weder im Zoologischen Garten noch im Museum

fand sich dieses Tierchen; er würde also der erste sein, welcher es nach

Hamburg brachte, vorläufig freilich nur die Haut, aber doch

wohlerhalten, denn die kleine Kugel hatte das aufrecht sitzende Äffchen

in den Unterleib getroffen, so daß sich die Wunde beim Ausstopfen

verbergen ließ, ohne irgend eine Entstellung herbeizuführen.

»Jetzt laßt uns den Rückweg antreten,« rief er, nachdem dem Maki die

Haut abgezogen war, »es kann nicht weit von neun Uhr entfernt sein, wir

werden also pünktlich zur Mittagsmahlzeit eintreffen. Nachgerade sehnt

man sich, wieder eine warme Suppe und einen Schluck Kaffee zu erhalten.

Freund Rua-Roa, du hast deine Sache gut gemacht; jetzt finde auch den

Rückweg zum Babakut!«

Der Eingeborne ergriff ohne weiteres die Haut des Eichhornmaki und trug

sie sorgfältig wie einen wertvollen Schatz durch das Gebüsch. Ohne

diesen, der Umgegend so vollkommen kundigen, mit den Ortsverhältnissen

und dem Tierleben des Waldes genau vertrauten Führer hätten die kecken

Abenteurer den Rückweg zum Meer kaum wieder aufgefunden, keinesfalls

aber die beiden seltenen, so äußerst interessanten Affen erlegen und

aufspüren können. Rua-Roa sah im Moos des Weges die Spuren, wo kein

Weißer sie entdeckt haben würde; er erkannte unter den dichtstehenden

Bäumen an einer einzigen Liane oder Orchideenblüte den einzuschlagenden

Pfad; er hatte an Stellen, wo durch die grünen, lebenden Wände von

Ranken und Geflecht einer nach dem anderen sich Bahn brechen mußte, doch

noch irgend ein Zeichen bemerkt, das ihn später richtig führte. Genau an

demselben Punkt, von dem die kleine Schar ausgegangen, betrat sie wieder

die Lichtung, in deren Mitte der Eber gefallen war.

Holm griff zunächst in die natürliche, halb überwölbte und von großen

Blättern verdeckte Höhle unter den Wurzeln eines Mangobaumes, um sich

von dem Vorhandensein des Babakut zu überzeugen, zog aber auch im selben

Augenblick die Hand mit einem leichten Schmerzensschrei wieder zurück.

»Rua-Roa!« rief er, »was kann das bedeuten? Als hätten mich zehn Nadeln

zugleich gestochen!«

»Lassen Sie sehen, Bester!« sagte erschreckend der Doktor. »Ich will nur

hoffen, daß es kein Schlangenbiß ist.«

»Dann müßten zahlreiche Schlangen zugleich ihre Zähne gebraucht haben.

Alle meine Finger bluten.«

Er hob die Hand empor, aus welcher rote Tropfen auf das Moos fielen.

»Nein, nein, das sind Stichwunden, -- Junge, komm her und sage, was du

davon hältst.«

Aber Rua-Roa hütete sich, dem Babakut, der nach seiner Meinung ein

verzauberter Mensch war, näher zu treten. »Tanrak!« sagte er aus der

Entfernung. »Tanrak, Herr, er ist keineswegs bösartig oder giftig.«

Franz hatte während dieser Unterhaltung zwischen den anderen mit seinem

großen Messer die Ranken und Blätter entfernt; jetzt zerschnitt er

etliche Baumwurzeln, zog den toten Affen hervor und warf Moos und Erde

zurück, daß die Stücke flogen. Hans half nach besten Kräften und in

wenigen Minuten war die Höhlung bloßgelegt. Im Hintergrunde derselben

saßen ein paar kleine wunderliche Gesellen, die mit dem Kleide aus

Borsten und mit dem langen spitzen Rüssel sogleich von allen Anwesenden

als Glieder der Igelfamilie erkannt wurden. Nach Art dieser Tiere

versuchten sie bei ihrer plötzlichen Entdeckung keine Flucht, sondern

saßen still und unbeweglich auf einer Stelle, sonderbar anzusehen mit

den ganz schwarzen, nur von drei weißen, über den Rücken herablaufenden

Längsstreifen gezeichneten, starren Borsten, die ihre eigentliche

(Maulwurfs-) Größe zu verdoppeln schienen. Im Sommerschlaf gestört,

blinzelten sie verdrießlich und waren aus der bequemen geduckten Haltung

nicht aufzurütteln.

Franz ergriff den Affen und trug ihn auf die andere Seite des Platzes.

»Rua-Roa,« rief er, »wie fangen wir es an, die Tierchen lebend zum

Schiffe zu bringen? Haben müssen wir sie.«

Der Malagasche nahm den aus weißem Gras geflochtenen Hut vom Kopf; dann

die Hand in einen Zipfel seines langen Hemdes wickelnd, ergriff er

vorsichtig das stachlichte Pärchen und setzte es in den Hut. Mit

kräftigem Schwunge das Fleischstück am langen Stecken über seine

Schulter werfend, unter dem linken Arm die Tanraks, schickte er sich an,

wieder das Amt des Führers zu übernehmen. »Du machst dir vergebliche

Mühe, Herr,« sagte er, »weder den Babakut, noch den Aye-Aye, noch den

Tanrak kannst du essen.«

Alles lachte, so daß der Halbwilde ganz verdutzt dreinschaute. Die

beiden Brüder trugen den Babakut, Holm nahm die Haut des Eichhornmaki

und so wanderten alle zum Strande hinab, wo in grüner, lauschiger Bucht

das Boot der »Hammonia« lag, um sie an Bord des Dampfers zu bringen. Ein

fröhliches »Ahoi!« der Matrosen empfing die Wanderer, rüstige Arme hoben

all die reichliche Ausbeute an Pflanzen und Tieren in das kleine

Fahrzeug, die Kette wurde gelöst, und als der letzte von allen bestieg

Rua-Roa die Planken, welche ihn von seinem Vaterlande für immer trennen

sollten. Er schien die Insel, auf der er geboren, ohne Schmerz zu

verlassen; dagegen erregte ihm der Dampfer eine heimliche Furcht, die

sich noch steigerte, als vom Vorderteil her die Kanonen einen

Willkommensgruß über die blauen Fluten dahin und den Ankömmlingen

entgegensandten. Das rotweiße Wappen von Hamburg flog am Mast empor, der

Kapitän schwenkte grüßend den Hut; wie ein Strom von Gold lag heller

Sonnenglanz auf Schiff und Meer.

Es war diesmal den Reisenden so recht ein Nachhausekommen; es wehte sie

an wie Heimatsgefühl und sonntäglicher Friede, als sie das Deck wieder

betraten, -- nur Papa Witt hatte das alte Schelmengesicht und den alten,

unverwüstlichen Seemannshumor auch in dieser Stunde behalten. »Zwei tote

Affen und zwei lebendige Stachelschweine!« sagte er. »Gott stehe mir

bei, und dafür wären nahezu vier gute Christen von den Krokodilen

verschlungen worden. Ein anderes Mal gehe ich mit, wenn die Herrschaften

wieder an Land wollen; dann bleibt alles fein vernünftig auf ebener

Straße.«

Dagegen protestierten nun freilich die jungen Leute auf das

entschiedenste. Papa Witt sei am Lande völlig ungenießbar, versicherten

sie, er möge lieber den Koch antreiben, daß jetzt ein recht guter Bissen

auf den Tisch komme.

Holm suchte unter den Fässern im Schiffsraum ein passendes leeres aus,

in den er den Babakut legte und ihn mit Spiritus übergoß. Da jedoch

nicht aller Spiritus verwendet werden sollte und das Faß noch nicht voll

war, so füllte er den Rest desselben mit Rum aus, den ihm der Steward

geben mußte, worauf der Schiffszimmermann das Faß wieder dicht schloß

und die Fugen desselben leicht verpichte. Die Makihaut wurde in

derselben Weise mit Arsenikseife präpariert wie früher der Balg des

Nashornvogels.

Papa Witt zürnte anfangs über den Mißbrauch des guten Rums, aber als

Holm ihm erklärte, daß die anatomische Zergliederung der Affen der

Wissenschaft von größtem Interesse sei, antwortete er scherzend: »Es

wäre doch wohl besser gewesen, von dem Rum einen schönen Grog zu brauen,

als ihn dem alten häßlichen Affen zu geben, der noch dazu tot ist und

seine Güte nicht zu würdigen versteht.«

So war denn alles an Bord nur Heiterkeit und Freude. Nachdem aber mit

Essen und einem stärkenden Mittagsschlaf die ersten Stunden vergangen,

erinnerte Doktor Bolten die kleine Gesellschaft, daß es heute Sonntag

sei. Unter dem Sonnensegel am Deck wurde ein Gottesdienst gehalten, den

Rua-Roa voll schweigender Ehrfurcht, vielleicht zu seinen Heidengöttern

betend, mit anhörte. Der alte Theologe dankte dem Himmel für die Rettung

aus höchster Todesangst, stumm hing alles an den Lippen des verehrten

Mannes, leiser spielte der Wind mit den weißen Wogenhäuptern, und laut

schmetternd krähte der heilige Hahn, der Sendbote Zannaars des

Weltgeistes.

Sechstes Kapitel.

Während das Schiff durch den Kanal von Mozambique zurückdampfte, um nach

der kleinen Felseninsel Mauritius zu steuern, welche, als sie den

Franzosen gehörte, den Namen ^Isle de France^ führte, jetzt aber, seit

sie im Jahre 1810 von den Briten erobert wurde, wieder ihren

ursprünglichen Namen trägt, den sie zu Ehren des Kommandanten der

niederländischen Seemacht, Moritz von Nassau, erhalten hatte, gab es in

der Kajütte mancherlei für die jungen Naturforscher zu thun.

Franz hatte schon den Wunsch ausgesprochen, das genaue Abbild von einem

der Stammesgenossen Rua-Roas zu besitzen, um daheim den Freunden zeigen

zu können, wie die Ungeheuer in Menschengestalt aussehen, in deren

Gewalt sie sich befunden hatten. Holm sagte, daß unter so gefährlichen

Umständen, wie die jüngst durchlebten, es schwer halten würde, die

mißtrauischen Wilden zu bewegen, dem Zeichner oder dem Photographen

still zu sitzen, weil sie alles Fremdartige für Zauberei hielten. »Es

wird uns aber gelingen, auch milder gesinnte Wilde zu treffen und diese

werden wir nicht nur später photographieren, sondern, damit wir die

genaue Form ihres Antlitzes erhalten, auch in Gips abgießen.«

»Aha,« sagte Franz, »nun weiß ich auch, weshalb Sie sich den Gips

nachkommen ließen, Sie wollen die Wilden abformen.«

»Um dem Forscher Material zu liefern, an dem er die feineren

Rassenunterschiede der Wilden studieren kann,« erwiderte Holm, »und

damit ihr mit dieser Operation genau vertraut werdet, wollen wir die

freie Zeit benutzen, die Eigenschaften des Gipses und seine Handhabung

kennen zu lernen.«

Holm öffnete eine der Blechdosen, in der sich ein weißes Mehl befand --

der gebrannte Gips. »Dieser gebrannte Gips,« erklärte Holm, »ist

schwefelsaurer Kalk, dem durch Erhitzen das in ihm vorhandene Wasser

ausgetrieben wurde. Fügen wir dem entwässerten Gips wiederum Wasser zu,

so verbindet er sich mit demselben zu einer festen Masse, die nach dem

Trocknen hart wird. Diese Eigenschaft macht den Gips zu einem wertvollen

Material, sowohl um Gegenstände abzuformen, als auch plastische Figuren

aus demselben herzustellen. Franz, bitte den Koch um einige große

Tassen, wir wollen ungesäumt an die Arbeit gehen.« Franz that, wie ihm

gesagt war, Hans holte Wasser und Holm suchte einen Thaler hervor, der

das Bildnis des deutschen Kaisers in besonders schöner Prägung zeigte.

Zunächst nun rieb er die Münze mit einem Tropfen Öl ein, um das Ankleben

des Gipses an derselben zu verhindern, worauf er sie mit einem drei

Zentimeter hohem Rande von Schreibpapier umgab, dessen loses Ende er mit

Gummi arabikum festklebte. Franz war nicht wenig stolz darauf, das so

wichtige Klebmittel selbst geerntet zu haben, wenn auch die spitzen

Stacheln des Schotendorns seine Hände nicht wenig zerkratzt hatten. Auch

der Papierrand wurde mittels eines Pinsels mit einer kleinen Menge Öl

getränkt. Dann rührte Holm etwa einen Eßlöffel voll Gips in einer Tasse

rasch mit soviel Wasser an, daß ein nicht zu dünner Brei entstand, und

goß denselben auf die Münze, welche derart auf dem Tische lag, daß sie

selbst den Boden, der Papierstreif aber den Rand einer Schachtel

bildete.

Nach etwa fünf Minuten war der Gipsbrei bereits erstarrt. Der Papierrand

wurde vorsichtig abgenommen, worauf die erhärtete Gipsmasse auch von der

Münze getrennt werden konnte. Mit allen, selbst den feinsten

Einzelheiten war die nach oben liegende Seite der Münze in dem Gipse

abgeformt, nur mit dem Unterschiede, daß die Erhöhungen der Münze in der

Gipsmasse vertieft zum Vorschein kamen.

Die Knaben freuten sich über den wohlgelungenen Versuch. Holm trug Hans

auf, den erhaltenen Abguß dem Koch zu bringen, daß er denselben auf eine

nicht zu warme Stelle des Herdes legen möge, damit er gehörig

austrockne. Dann ließ er Franz und Hans ebenfalls Abgüsse von der Münze

machen, was ihnen, da sie gut aufgemerkt hatten, auch vortrefflich

gelang. Rua-Roa sah verwundert zu und konnte nicht klar darüber werden,

was die Weißen für sonderbare Dinge vornahmen. Holm aber sagte auf

deutsch: »Du sollst nicht lange im Unklaren bleiben, mein Junge, nachher

geht es dir, wenn auch nicht an den Kragen, so doch an dein gelbes

Menschengesicht.«

Als die vorhin hergestellte Form auf dem Herde trocken geworden war,

tränkte Holm sie mit etwas Öl und umgab sie ebenso wie vorher die Münze

mit einem Rande von Papier. Dann goß er frischen Gipsbrei hinein,

wartete bis derselbe festgeworden und konnte dann die beiden Gipsstücke

leicht von einander ablösen. Das zweite Gipsstück zeigte nun ein genaues

Abbild der ursprünglichen Münze, das Bildnis des Kaisers, die Umschrift

und alle feinen Zeichen derselben. Die erste Form nannte er die

Hohlform, die zweite den Abguß. Den Knaben war nun klar, daß wenn man

einen Gegenstand plastisch in Gipsabgüssen vervielfältigen will, vor

allen Dingen zuerst eine Hohlform hergestellt werden muß. Nachdem die

Knaben gelernt hatten, wie der Gips zu behandeln sei, sagte Holm zu

Rua-Roa: »Nun kommst du daran, mein Teuerster, lege dich da einmal auf

den Fußboden.« Rua-Roa that wie ihm gesagt wurde, denn bis jetzt hatten

die Weißen ihm keinerlei Leides gethan, er hatte volles Vertrauen zu

ihnen.

Dann stellte Holm aus einem großen Thonklumpen durch Rollen auf einem

Brette eine große, lange Wurst her, die er dem auf der Erde Liegenden so

um das Gesicht herum legte, als wollte er ihm ein Zahntuch aus Lehm

umbinden. »Dieser Thonwulst soll das Herabfließen des Gipsbreies

verhüten,« sagte Holm, »und damit derselbe sich nicht in Rua-Roas

Augenbrauen festsetzt, bedecken wir dieselben mit feinem, ölgetränkten

Seidenpapier.«

»Aber erstickt Rua-Roa nicht, wenn wir ihm das ganze Gesicht voll Gips

gießen?« fragte Franz.

»Wir befestigen ihm mit etwas Lehm in jedem Nasenloch einen Strohhalm,«

erwiderte Holm, »dadurch kann er hinreichend atmen. Das haben sich vor

ihm schon manche Wilde gefallen lassen müssen, und er wird auch nicht

der letzte sein, zumal der ganze Vorgang keine fünf Minuten währt.«

Rua-Roa ließ sich geduldig das Seidenpapier auf die Augenbrauen und

anderen Stirnhaare legen, auch gegen das Einölen des Gesichtes machte er

keine Einwendungen. Als Holm ihm aber die Strohhalme in die Nase

befestigen wollte, sprang er auf und weinte. Das war ihm zu viel. Keine

Bitten konnten ihn bewegen sich wieder niederzulegen, er glaubte, daß

man ihn umbringen wolle. »Doktor,« rief Holm, »reden Sie ihm zu, er hat

ja selbst gesagt, daß er Ihr Sklave sein wollte. Spielen Sie einmal den

Plantagenhalter und brauchen Sie Ihre Autorität.« Doktor Bolten lächelte

milde und ging auf Rua-Roa zu. »Mein Sohn,« sagte er, »der mutige Knabe

hat dich aus dem Rachen des Krokodils gerettet und war in Lebensgefahr

deinethalb, wie wir alle. Kannst du glauben, daß deine Erretter dir

Schaden zufügen wollen? Sieh, wir verlangen nur einen kleinen Dienst von

dir, du wirst doch eine geringe Unannehmlichkeit ertragen können, um

deinem Dank Ausdruck zu geben, von dem du in so beredten Worten

gesprochen. Nicht Worte machen den Dank, sondern die That.«

Rua-Roa hörte auf zu weinen. Er sah zu komisch aus mit dem vom Lehm

eingerahmten Gesichte und den Thränen, die von der eingeölten Haut

herunterliefen, wie das Wasser von den fettigen Federn einer Ente. Dann

legte er sich ergeben auf den Rücken und wartete der schrecklichen

Dinge, die da kommen sollten. »Schließe die Augen und den Mund, atme

langsam durch die Strohhalme,« rief ihm Holm zu, der in einer großen

Schüssel den erforderlichen Gipsbrei anrührte. »Und nun nicht gemuckt,

freundlich gelächelt, damit du später nicht als Heulmeier in Gips

erscheinst.« Bei diesen Worten schüttete Holm den bereits im Erstarren

begriffenen Gips auf das Gesicht Rua-Roas, der sich wirklich Mühe gab zu

lächeln. »Halte dich ruhig, mein Junge,« ermutigte Holm den Daliegenden,

der eine unförmliche Maske von Gipsbrei vor seinem Gesichte hatte, »und

schnaube mir nicht zu sehr. Es ist dein eigener Schade, wenn die

Hohlform von deinem ehrenwerten Antlitz nicht gelingt, denn dann, mein

Lieber, mußt du noch einmal daran. -- So,« rief Holm, »der Gips ist

bereits erhärtet.« Er entfernte zuerst die Strohhalme, dann lüftete er

die Gipsmasse bald an der einen Seite, bald an der anderen, um sie

allmählich zu lockern, und hob sie behutsam von dem Antlitz Rua-Roas ab.

Rua-Roa that einen tiefen Atemzug und sprang auf. Holm überzeugte sich,

daß die Hohlform vorzüglich gelungen sei, und sagte: »Du sollst schön

bedankt sein für dein ruhiges Verhalten, Ruachen. Jetzt gehe nur mit

Franz zum Koch, daß derselbe dir lauwarmes Wasser und Seife gibt, um dir

Lehm und Öl abzuwaschen.« Rua-Roa sprang fröhlich von dannen, von Franz

begleitet. Während der Gelbe sich von den letzten Spuren der glücklich

überstandenen Tragödie befreite, ging Franz an seinen Reisekoffer, dem

er ein schönes Taschenmesser entnahm. Dieses schenkte er Rua-Roa, der

kaum ein Wort des Dankes finden konnte, aber dem jungen Weißen die Hand

treu und ehrlich drückte.

Am nächsten Tage wurde aus der Hohlform ein Abguß gemacht und Rua-Roas

Antlitz präsentierte sich, wenn auch mit geschlossenen Augen, so doch,

wie es ja auch nicht anders sein konnte, naturgetreu und ähnlich.

»Ein Apollokopf ist es nicht,« meinte Holm, »aber es ist das Gesicht

eines treuen, guten Menschen, er hat sogar versucht freundlich zu

lächeln, wie ich ihm sagte.«

»Schade daß der Abguß so weiß aussieht,« sagte Hans, »ich hätte Lust ihn

farbig anzumalen, dann würde er unserm neuen Kameraden erst recht

ähnlich sehen. Aber woher sollen wir soviel Farbe nehmen, der

Tuschkasten würde darauf gehen.«

Auch hier wußte Holm wieder Rat. »Der Schiffszimmermann wird Farben

haben, mit denen er die einzelnen Teile des Schiffes anzustreichen

pflegt. Wir gebrauchen ja nur Gelbweiß für die Haut, Rot für die Lippen

und Schwarz für die Haare.«

Der Zimmermann war glücklicherweise im Besitz des Gewünschten. Holm

mischte die Farben und Hans malte den Gipsabguß, während Rua-Roa Modell

sitzen mußte, damit die Farben auch mit dem Originale übereinstimmten.

In einer halben Stunde war das Werk vollendet. Als Rua-Roa die

kolorierte Gipsmaske sah, erschrak er. »Ach -- Malagasche!« rief er und

wollte fliehen. »Laufe nur nicht vor dir selbst weg,« lachte Holm, und

nur mit Mühe konnten sie den Wilden dazu bringen, sein eigenes Abbild

schließlich in die Hand zu nehmen und sich zu überzeugen, daß es kein

lebendes Wesen sei, was er hielt. Die Matrosen bewunderten dies

Kunstwerk, und einige wünschten, sie möchten auch so abgegossen werden.

Holm aber sagte, daß sie photographiert werden sollten, sobald die

Gelegenheit günstig wäre, das Abgipsen sei für die Wilden. Franz wandte

jedoch ein Bedenken gegen diese Prozedur ein. »Wenn schon Rua-Roa sich

so sehr sträubte, werden dann auch die Wilden sich hergeben, die uns

lange nicht so freundlich gesinnt sind wie jener?« fragte er. -- »Nur

mit reichen Geschenken wird es uns gelingen, ein lebendes Modell zu

gewinnen,« antwortete Holm, »und dann auch nur schwierig. Ihr könnt

hieraus ermessen, welche Mühe und welche Energie dazu gehört, das

Material für den Forscher in genügender Reichhaltigkeit

zusammenzutragen, und wenn ihr später einmal wieder ein ethnographisches

Museum besucht und solche Gipsabgüsse seht, dann werdet ihr nicht

achtlos vorüber gehen, sondern daran denken, daß an jeden Kopf sich ein

Kampf knüpft, wenn auch nur der friedliche der Überredung.«

»Mit der nächsten Post schicken wir Rua-Roas Abguß nach Hamburg,« sagte

Franz, »damit sie dort sehen, wie der gute Bursche ausschaut, der uns

das Leben retten half.«

»Und den ersten Wilden, der sich mir anvertraut, werde ich abgipsen,«

rief Hans. »Ihr sollt sehen, ich werde meine Sache schon gut machen.«

Am Nachmittage wurde an einer kleinen öden Insel angelegt, die nur von

Fregattvögeln, Albatrosarten und Tölpeln bewohnt war, auf die Jagd

gemacht werden sollte.

In großen, bis über die Kniee hinaufreichenden Seestiefeln, mit Waffen

und Proviant versehen, machten sich die Knaben in Holms und einiger

Matrosen Begleitung auf den Weg, während der alte Geistliche dieser

Unternehmung fernblieb. Gefahren gab es nicht zu überstehen, wohl aber

mußte man unausgesetzt klettern, und das überließ er denn doch lieber

den jüngeren Beinen.

Durch Röhricht und Schilf, über Klippen und Vorsprünge, durch flache

Seeen ging es dahin, Rua-Roa und Franz immer voran und hinter ihnen die

übrigen, mit Einschluß des Kapitäns, dem es Vergnügen machte, eine

kleine auf diesen wüsten Inseln häufige Taubenart zu schießen. Die

anderen verfolgten freilich interessantere Zwecke, sie fingen und

erschlugen oder schossen vom Nest weg die Vögel, welche ihnen kaum aus

dem Wege hüpften, sondern ganz zutraulich sitzen blieben, da sie ja in

den Menschen noch keine Feinde kannten. Ein Kauffahrteischiff kommt

selten in diese entlegenen Gegenden, viel weniger ein Postdampfer; die

riesigen Anwohner des Meeres nisten also und brüten von Geschlecht zu

Geschlecht in ungestörter Ruhe, nur sehr selten von dem Besuch des

Naturforschers überrascht und um einige Glieder ihrer ausgedehnten

Familie ärmer gemacht. Weiße, bis zu reichlich drei Meter Flugbreite

haltende Albatrosse, ihre jüngeren braunen Sprößlinge, die großen

Fregattvögel und in Scharen die grauen Tölpel, so saß es und watschelte,

so flatterte und flog es zwischen den Klippen, wie wenn die wüste,

vielleicht kaum den Flächeninhalt eines Marktplatzes besitzende Insel

ein zoologischer Garten wäre, wo man künstlich gezähmte, fremde Tiere

ungestört von Angesicht zu Angesicht bewundern kann; aus allen Löchern

kamen Raubmöwen und Sturmtaucher hervor; auf jeder Klippe krochen

riesige, graue Krabben, die hier von dem leben, was die Vögel als Beute

ihren Jungen zutragen, und die in der Nähe eines solchen Nestes förmlich

auf der Lauer liegen.

Im tiefsten Grunde der Insel brüteten allemal zu Tausenden die Pinguine,

deren scharfe Schnabelhiebe zuweilen, wenn sie an den derben Stiefeln

abglitten, ein schallendes Gelächter, wenn sie dagegen eine unvorsichtig

herabhängende Hand trafen, einen Schmerzensschrei hervorriefen. Die

Tiere blieben ruhig sitzen, wollten aber eine Annäherung ihrerseits

nicht gestatten und verteidigten daher die Nester, auf denen sie

hockten, mit solcher Entschlossenheit, daß mancher Umweg dieser starken

Schnäbel wegen gemacht werden mußte. Eier und erlegte Tiere aller

Gattungen waren stets die Ausbeute solcher Streifzüge, die freilich

nicht immer ohne Unfall verliefen und einmal sogar das Leben der jungen

Abenteurer ernstlich bedrohten. Ein plötzlicher Sturm drängte das Schiff

von den Ufern der Klippe zurück, die Brandung ging haushoch, das Boot

zerschellte in tausend Splitter, und Wind und Wasser fegten wie rasende

Kobolde über den einsamen Fleck im rings sich dehnenden Ozean dahin.

Ganze Sturzseen schlugen über den äußern Rand, Legionen von Tropfen

regneten herab, und das donnerähnliche Geräusch des Sturmes verschlang

jeden Laut. In Scharen wiegten sich Fregattvögel und Albatrosse, des

Tobens froh, in der bewegten Luft; flügelschlagend kämpften sie gegen

das empörte Element, rings umher entfaltete sich die Thätigkeit aller

dieser meergewohnten Geschöpfe mit verdoppelter Stärke; nur die Menschen

standen ratlos neben einander im Schutze eines Felsstückes, sie allein

hatten zu fürchten, daß dem Schiffe ein Schaden geschehe, und daß sie

dann in dieser grauenvollen Wildnis ohne irgend ein Lebensmittel, ohne

Baum oder Feuer, dem qualvollsten Untergang verfallen würden, -- Stunden

vergingen, die Mastspitzen der »Hammonia« verschwanden am Horizont, die

ganze Insel triefte, und selbst das harte Schiffsbrot in den Taschen war

aufgeweicht und zu Brei verwandelt; dann aber sprang der Wind nach

anderer Richtung über, seine Wut ließ nach, und vor Sonnenuntergang

sahen die unfreiwillig Verbannten das Schiff, dessen Kanone ihnen von

Viertelstunde zu Viertelstunde einen Gruß gespendet, im fernen Blau

wieder auftauchen. Papa Witt schickte sechs Matrosen mit einem Boote ans

Ufer, und nach beschwerlicher Überfahrt, bei der jedoch die Jagdbeute

glücklich geborgen wurde, hatten alle das rettende Deck wieder erreicht.

Dennoch aber war damit der Krieg gegen die Vogelwelt keineswegs als

beendet anzusehen. Zahllose große Vögel verfolgten, nach Abfällen

spähend, das Schiff, namentlich Albatrosse, auf die dann die Matrosen

Jagd machten, indem sie an langer Leine einen Angelhaken, in Fleisch

versteckt, dem Dampfer nachschwimmen ließen. Die Vögel stürzten sich auf

den ersehnten Bissen, verschlangen ihn und flogen nun in Todesangst,

bang flügelschlagend, so weit es die Schnur gestattete, bis die

glücklichen Jäger ihre Beute ohne alle Mühe heranzogen. Doktor Bolten

erwirkte indessen sehr bald bei dem Kapitän ein Verbot dieser grausamen

Belustigung, welche keinerlei ernsten Zweck hatte, sondern nur als

Zeitvertreib diente. Das Fleisch des Albatros ist ungenießbar, seine

Federn nicht zu brauchen; also mochten die großen, schönen Tiere leben,

wo sie niemand schadeten, im Gegenteil vielleicht das Auge des Schiffers

im Einerlei der Meeresfläche angenehm berührten.

Die Angeln wurden daher entfernt, und die Albatrosse blieben

unbehelligt, ebenso die Tölpel, welche sich oft ganz dreist auf das

Schiff setzten und sogar mit den Händen berühren ließen. Die dummen,

grauen Tiere waren bei all ihrer Geistlosigkeit doch sehr schlaue

Fischer, und immer, wenn sie irgend ein schwimmendes Geschöpf, Qualle

oder Flossenträger, gefangen hatten, zeigte sich's, weshalb die

Fregattvögel so beharrlich in ihrer Nähe blieben. Der Tölpel ist der

Leibeigene des Fregattvogels, er fängt die Beute, und jener verspeist

sie.

Die Knaben saßen unter dem Sonnensegel des Verdecks und beobachteten das

beständig wechselnde Spiel. In der Nähe des Schiffs, hart über dem

Wasser, schwebten mit vorgestrecktem Halse die grau und schwarz

gesprenkelten, etwa an Größe einem starken Raben gleichenden Tölpel und

wußten geschickt unter der beweglichen blauen Oberfläche des Meeres die

auftauchenden Fische zu entdecken. Sie schossen hinab und brachten, nie

ihr Ziel verfehlend, den zappelnden Flossenträger im Schnabel mit sich

herauf, aber schon ehe noch die Segelstange oder der Mast, wo sie ihren

Raub zu verzehren dachten, halbwegs erreicht war, fielen die bedeutend

größeren Fregattvögel über sie her, preßten ihnen die Kehle zusammen und

nahmen den gefangenen Fisch dem eigentlichen Räuber siegreich wieder ab.

Einmal fiel solch ein kämpfendes Paar, in einander verbissen, plötzlich

durch die Segel weg auf das Verdeck, und nun entstand eine höchst

ergötzliche Szene. Aus einer der Seitenkojen im Matrosenraum sprang

Murr, der große, schwarze Schiffskater, plötzlich mit Tigersprüngen

hervor und blieb fauchend dicht neben den Ringern auf den Hinterfüßen

sitzen. Seine von Zeit zu Zeit in die Luft schlagende Pfote, seine

funkelnden Augen und das gereizte Knurren bewiesen nur zu deutlich, wie

gern er über die beiden großen Vögel hergefallen wäre, aber die heftigen

Flügelschläge, die scharfen Schnabelhiebe des Fregattvogels mochten ihn

doch in respektvoller Entfernung halten, während ihrerseits die

kämpfenden Segler der Lüfte von dem gefahrdrohenden Feind in ihm keine

Ahnung hatten, sondern unbekümmert mit lautem Krächzen den eigenen

Streit fortsetzten. Der Tölpel hielt beharrlich den gefangenen Fisch im

Schnabel, wußte sich aber so zu drehen, daß es dem Fregattvogel nicht

gelang, seinen Hals zu umklammern, obwohl ihn die scharfen Fänge

desselben unerbittlich gepackt hielten.

Die riesigen Flügel, bald weit ausgebreitet, bald fest an den Körper

gelegt, peitschten das Deck, herausgerissene Federn wirbelten in der

Luft umher, und Blutstropfen färbten den Boden, -- der Fisch hatte

bereits zu leben aufgehört, aber immer noch währte der Kampf, als

endlich die lachenden, mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgang

beobachtenden Knaben ihren jungen Hova-Freund herbeiriefen. »Rua-Roa!

komm her, komm her, sieh die Katze, -- es ist um sich die Seiten zu

halten.«

Der Malagasche kam schleunigst herbeigesprungen, sobald aber seinem

suchenden Blick Murr, der wohlgenährte Rattenvertilger, begegnete, fiel

er vor Schreck auf die Kniee und hob beide Hände zum Himmel empor.

»Zannaar!« rief er in Todesangst, »Zannaar! Darafif, großer Riese, steht

uns bei! Angatsch der Böse, der Mörder und Betrüger, hat seinen Diener

auf das unglückliche Schiff geschickt!«

Zufällig machte in diesem Augenblick Murr den bekannten hohen Buckel,

sein langer Schweif fegte im Halbkreis unruhig das Deck, die

grünschillernden Augen leuchteten vor Kampflust, er ersah den günstigen

Moment, in welchem der Fregattvogel außer stande war, sich mit seinem

Schnabel zu verteidigen, und stürzte sich geräuschlos nach Tigerart

urplötzlich auf die Streitenden. Ein kurzer, schriller Schrei -- dann

hatte der große Vogel zu leben aufgehört; der Tölpel dagegen saß

geduckt, dumm glotzend und sich schüttelnd auf den Brettern. Als ihm

niemand mehr die Beute streitig machte, ergriff er seinen Fisch und

verschlang ihn mit gierigem Ruck.

Der Malagasche betete fortwährend in der Hova-Sprache zu allen möglichen

guten Geistern um Erlösung vom Übel; keine Macht der Erde hätte ihn

bewegen können, den sieghaften Kater zu streicheln, und selbst als die

beiden andern Knaben das thaten, schauderte er sichtlich. Auf ganz

Madagaskar sei kein solches Tier zu finden, erklärte er, es müsse ein

böser Geist sein.

Doktor Bolten wehrte den Knaben, als sie ihren jungen Freund zwingen

wollten, sich mit Murr, dem Schnurrenden, Behäbigen, auf vertrauten Fuß

zu stellen. Er hatte den religiösen und geschichtlichen Unterricht,

welchen er dem ehemaligen Sklaven erteilte, so eingerichtet, daß der

Geisterglaube ganz von selbst dem besseren Erkennen weichen mußte; jeden

äußeren Zwang erklärte er für schädlich. Der Kater lief frei im ganzen

Schiff herum, aber man ließ es scheinbar unbemerkt, wenn Rua-Roa mit

wahrhaften Seiltänzerkunststückchen der Begegnung des Schwarzen auswich;

seine Freunde überließen es der Zeit, ihn von dieser kleinen thörichten

Furcht zu heilen, namentlich da der Gelbe in jeder Beziehung achtbar und

liebenswürdig auftrat, sich seinen Wohlthätern dankbar bewies und im

Lernen die besten Fortschritte machte.

Besonders mit den beiden aus Afrika herübergebrachten Affen hatte er

sich in das glücklichste Einvernehmen zu setzen gewußt. Wickelschwanz

und Schwarznase schienen für den jungen Farbigen eine besondere

Zuneigung zu hegen; sie saßen auf seinen Schultern, fraßen aus seiner

Hand und gehorchten ihm auf das erste Wort, den Widerwillen ihres

Bezähmers gegen Murr in jeder Weise teilend. Der faule Kater erhielt von

den flinken Händen mehr als eine Ohrfeige, und wenn zuweilen bei stillem

Wetter der Schwarze und die beiden Affen sich im Takelwerk jagten, dann

klang erbittertes Prusten, Schreien und Miauen über das Deck hin, bis

meistens der Kater urplötzlich herabfiel und sich schleunigst unter den

Kojen der Mannschaft verkroch.

Die beiden Tanraks dagegen sollten nicht lange zur Unterhaltung der

Knaben dienen. Nachdem die letzten auf den öden Inseln gesammelten

Würmer verzehrt waren, weigerten sich die Tierchen, irgend eine andere

Nahrung zu nehmen, und starben ehe noch die Insel Mauritius erreicht

wurde. Die Tiere wanderten zu dem Affen in den Spiritus und wurden mit

allen übrigen gesammelten Gegenständen von Port St. Louis, der

Hauptstadt der Insel, nach Hamburg geschickt.

Das Schiff verließ indessen nach sehr kurzem Aufenthalt diesen Hafen und

setzte die Reise bis zur Fouqué-Insel fort. Erst da wurde Anker

geworfen.

»Auf Mauritius haben wir für unseren besonderen Zweck keinen günstigen

Boden,« erklärte Holm, »das Tierleben der Insel ist arm, ursprüngliche

Bewohner, also einen eingebornen Stamm hat sie gar nicht, es führen

Landstraßen von einem Ende zum andern; kurz, Hoffnung auf

naturwissenschaftliche Entdeckungen oder interessante Abenteuer ist

nicht vorhanden. Die kleine Fouqué-Insel muß uns entschädigen.«

»Später machen Sie dann noch einen Spaziergang auf den Bambu-Pik,«

schaltete der Kapitän ein, »jedenfalls verlohnt die Aussicht dieser

Mühe, nebenbei aber begegnen Ihnen doch auch vielleicht einige

Eidechsenarten, indische Meerkatzen und viele schöne Pflanzen.«

»Wollen sehen!« nickte Holm. »Erst zur Fouqué-Insel.«

Und so warf denn der Dampfer in stiller Bucht seine Anker aus.

Unübersehbar dehnte sich vor den Blicken der Reisenden das Korallenriff,

welches die ganze Insel Mauritius wie ein Gürtel umgibt und von den

weißen Brandungswellen des Meeres bei hoher Flut fast völlig überschäumt

wird. Daran lehnt sich, flach und ohne einen einzigen Baum den glühenden

Sonnenstrahlen preisgegeben, ein kleines, unbewohntes Eiland, dessen

ragender Leuchtturm den Schiffen als Warnungszeichen dient. Es war

gleichsam eine Fortsetzung des Riffes, dessen oberste platte, von den

Wogen geglättete Fläche zur Ebbezeit einen vorsichtigen Spaziergang

recht wohl gestattete, zugleich aber wurde auf seinen Strand alles das

geworfen, was die brandenden Wellen an toten und lebenden Bewohnern des

Meeres mit gewaltiger Kraft emporhoben, und was späterhin, bei dem

schnellen Sinken derselben, von tausend Zacken und Riffen festgehalten,

den Rückweg in das heimische Element nicht mehr fand.

Es war Ebbe, als das große Boot die Reisenden zur Fouqué-Insel brachte.

Im Schatten des Leuchtturms wurde ein Zelt aufgeschlagen, frische

Früchte und Lebensmittel von Mauritius herübergeschafft und Haken und

Netze, sowie einige Eimer aus dem Schiff mitgenommen. Die Flut brauste

heran, nachdem kaum die nötigsten Vorarbeiten beendet waren. Haushoch,

in kurzen Pausen, schlugen weißgekrönte, wie flüssiges Silber schäumende

Wellen gegen das Riff, ein Donnern und Grollen, ein Zischen und

Klatschen wie es die Reisenden nie vorher gehört, erfüllte rings die

Luft; Tausende von fliegenden Fischen erhoben sich, flutgetragen, blau

und violett schillernd im Sonnengold, mit Schaumperlen übergossen in

jeder Woge; große Quallen zeigten ihre Ungestalt; Fische mit dem Gesicht

und der Brust eines wohlgenährten, runden Vogels, mit Taubenaugen, aber

derben drohenden Zähnen, wiegten sich in der Wassermenge, bunte

Velellen, Krebse mit langen Scheren und Wasserschlangen tauchten auf und

ab. Stunden vergingen, ehe dies wechselnde Spiel mit dem Eintritt der

Ebbe endete, aber doch schien es jedem der Anwesenden, als habe er erst

seit wenigen unzulänglichen Augenblicken den Ozean in dieser seiner

großartigen Pracht bewundert, doch wurde die letzte am Fuße des Riffs

zerfließende Welle wie ein scheidender Freund bedauert.

Jetzt galt es, die schlüpfrigen Stellen abzusuchen und von den

aufgefundenen Tieren die schönsten Exemplare einzusammeln. »Immer nur

einige von der gleichen Gattung,« hatte Holm ermahnt, »es soll kein

Tier, das für unsere Sammlungen taugt, übersehen, aber auch keines aus

bloßem Mutwillen getötet werden.«

Rua-Roa zeigte sich beim Hinausgehen auf den schlüpfrigen, vielleicht

fünfzig Fuß hohen und ebenso breiten Damm im Anfang etwas zaghaft.

Löcher und Fugen, Risse und Spalten überall; hier ein klarer Teich, in

dem das Seewasser schäumte und brodelte; hier eine Kluft, die mühsam

übersprungen werden mußte und dort sogar eine plötzliche Teilung des

Weges, drei oder vier schmale Pfade, kaum fußbreit, zackig, von Schleim

überzogen, -- so zeigte sich das Riff, dessen Gefüge erst viel tiefer

nach unten sich zur dichten, von keinem Spalte mehr durchlöcherten Mauer

verstärkte. Hier oben in den jüngsten Korallenschichten war alles Berg

und Thal, alles von Poren zersetzt, von den Gängen und Höhlen unzähliger

Wassergeschöpfe wie ein Bergwerk untergraben.

Franz hüpfte, ohne sich viel nach Beute umzusehen, über den schlüpfrigen

Weg dahin. Rechts das Meer, links ein stiller blauer Wasserstreif und

dann die malerischen, von üppigem Baumwuchs bestandenen Ufer der Insel

Mauritius -- so bot sich dem staunenden Blick ein Bild der höchsten,

blendendsten Naturschönheit. Der Wald da drüben schien ein seltsam

doppelter; erst unten das Dickicht, von Ranken und Blumen durchflochten;

dann die stolzen, himmelanstrebenden Palmenstämme mit ihren schönen,

federartigen Kronen, die Kampeschen und Agaven, der nie fehlende Bambus

und die breitästige Tamarinde. Während so im Verein von Formen und

Farben die Pracht des Ufers den Sinn bewältigte, fesselte auf jedem

einzelnen Schritt Neues, Niegesehenes die Blicke. Seeigel, Seesterne,

Schnecken und Seewalzen, alles krabbelte, schwamm oder glitt über- und

durcheinander. Besonders die schönen Seeanemonen, welche fest auf den

Gesteinen saßen, erregten Holms Aufmerksamkeit; er nahm sie sorgfältig,

jede Berührung vermeidend, mit einem großen Holzlöffel aus den Lachen

heraus und setzte sie in einen Eimer, den zu diesem Zweck der Koch hatte

liefern müssen. Um sie zu erhalten und lebend dem zoologischen Garten in

Hamburg zuzuführen, schlug er mehrere Stücke des Korallenriffes ab, die

dann in einem größeren Behälter den seltsamen Halbtieren zum Anklammern

dienen sollten; mittels täglicher Zuführung von frischem Seewasser

dachte er sie wohlerhalten über den Ozean zu bringen. Hier waren alle

Arten vertreten, die purpurnen, gelben, violetten und ganz weißen;

ferner die Seesterne, deren Formen sich am besten mit sogenannten

Kotillonorden vergleichen lassen, bald rund und strahlenbildend, bald

wie Schleifen, dann wie Perlenschnüre oder wie eine gelbe, in der Mitte

gebundene Garbe, -- die Seespinnen in ihren verschiedenen, alle am Lande

lebenden Arten weit überragenden Größen, die hübschen roten Ringelwürmer

mit dem federgleichen Häubchen und endlich das Heer der Krebse, die nun

freilich ohne Erbarmen samt und sonders in einen Eimer wanderten, um

folgenden Tages das Mittagsmahl verschönern zu helfen. Junge

Einsiedlerkrebse trugen noch das Schneckenhaus, in welchem sie bis zur

Ausbildung der Scheren ihren Hinterkörper zu verbergen pflegen, auf dem

Rücken; die alten dagegen setzten selbst jetzt noch, wo sie im Riff

hilflos hängen geblieben waren, ihre erbitterten Kämpfe fort und wurden

zuweilen paarweise mit in einander verschlungenen Scheren eingefangen.

Gold- und Silberfische, Papageienfische, in allen Farben schillernd, und

zahllose Schnecken krochen zwischen den Spalten; auch eine andere Art

von Geschöpfen, das baumartige Pflanzentier fehlte nicht; Glasschwämme

und der gemeine Badeschwamm, irgendwo vom Grunde durch überlegene Stärke

losgerissen, hatten sich an einer spitzen Klippe gefangen und fielen

jetzt den emsigen Forschern zur Beute; braune und grüne Algen, unter

anderen der bekannte Seetang, lagen zu ganzen Haufen über einander

geschichtet und dienten den Wasserkäfern als Schlupfwinkel; auch die

große weiße, nach innen rötliche Muschel wurde in den Fugen des Gesteins

entdeckt und mußte in den Sack, welchen Holm trug, mit hinein wandern,

obwohl sie ihn fast gänzlich ausfüllte und die Last zu einer sehr

schweren machte. Stunden waren vergangen, ehe man an den Rückzug dachte;

ein lüsterner Hai mit greulichem Rachen schwamm hart neben dem Riff im

Meer hin und her, vielleicht in unbestimmter Ahnung die kommende Flut

erwartend und sich des nahen Raubes freuend; die Sonne stand schon tief

am Horizont, der Wind wehte frischer und die Kräfte der Suchenden

bedurften der Stärkung, -- noch eine halbe Stunde, dann kam die Flut,

dann war alles, worauf jetzt die Füße so sicher standen, von blauem

Gischt überschäumt. Schon hob sich im Grunde die See unmerklich gegen

den Wall, schon tönte als Verkünder des donnerähnlichen Tobens ein

leichtes Brausen und mahnte zum Rückzug.

»Karl,« rief Franz, »könnten wir nicht bis zum letzten Augenblick hier

oben bleiben? Ich möchte von hier aus das majestätische Heranrauschen

der großen Wogen beobachten. Sieh den Hai, er überlegt, wann wir ihm den

unverschämten Rachen füllen werden.«

Holm schüttelte den Kopf. »Das bleibt denn doch besser ungeschehen,

Franz! -- Was verschlägt dir's, ob du die Wellen von einer oder der

anderen Seite siehst?«

»Ich möchte sie gern mir selbst entgegenspringen lassen und -- am

allerliebsten hier oben im Gischt stehen bleiben, wenn die höchste Flut

da ist.«

»Die vielleicht sechs oder sieben Fuß über den Damm hinauswächst und den

grünlichen Hai da unten bis hierher trägt. Ich verzichte darauf, ihm

Aug' in Auge gegenüber zu stehen.«

Franz lachte, plötzlich aber bückte er sich und deutete auf einen

Gegenstand, der vor seinen Füßen in der nächsten Spalte steckte. »Wieder

eine solche Muschel,« rief er, »und noch schöner als die erste. Karl,

wir müssen sie notwendig herausbrechen.«

Der junge Gelehrte betrachtete mit fast zärtlichen Blicken die

Rosaschale, den weißen, feingefalteten Rand und das bequem eingebettete

Tier, welches diese schöne Heimat bewohnt. »Wahrhaftig,« antwortete er,

»du hast recht, Junge! -- und da noch, und da! -- bei Gott, ein ganzes

Lager von Schaltieren! Grüne, blaue und diese braunfleckigen, ich bitte

dich, sieh her!«

Er warf den Sack zu Boden und kniete neben der Rinne, wo im klaren

Wasser alle möglichen Muscheln und Schnecken sich angehäuft hatten. »Der

indische Ozean ist für diese Tiergattung so recht die wahre Fundgrube,«

fuhr er fort. »Wir müssen hier einsammeln, was irgend erreichbar ist;

eine so günstige Gelegenheit wird uns höchst wahrscheinlich nicht wieder

zu teil. Entweder liegen die Korallenbänke unter Wasser, oder sie sind

unzugänglich; -- ach, da hätten wir dich, ^Tridacna gigas^!«

Er hob eine Seite der Schale mühsam empor, fand aber, daß es ihm

durchaus unmöglich sei, die ganze Muschel von ihrem Platze zu entfernen.

Und doch war das Exemplar so schön, eines der größten seiner Art; er

mußte es haben.

»Hört,« rief er den übrigen zu, »geht zum Leuchtturm und schafft mir ein

paar von den dort stationierten Wächtern oder zwei von unseren Matrosen,

damit diese Muschel nicht verloren werde. Die nächste Flut könnte sie

wegspülen.«

»Ich bleibe bei dir!« rief Franz.

Der Doktor, Hans und der Malagasche beluden sich mit dem bereits

gemachten Fang, und nachdem sie thunlichste Eile versprochen, kehrten

alle drei auf dem schlüpfrigen Pfade zur Fouqué-Insel zurück, während

Holm und Franz emsig so viele von den kleineren Muscheln losbrachen, als

sich ohne Beistand erreichen ließen; weder einer noch der andere

bemerkte, daß die Flut unaufhörlich stieg, ja, daß die Spitzen der Wogen

jetzt schon bis auf wenige Fuß an das Plateau des Riffes hinaufgriffen.

Nur einmal zog Holm die Uhr und sah nach. »Ach, Gottlob, noch zwanzig

Minuten, das ist Zeit genug.«

Die anderen gingen indessen weiter. »Hütet euch, Kinder,« ermahnte der

alte Herr, »ich bitte dich, Hans, bleib in der Mitte. Das ist ein

verzweifelter Weg!«

Er sah immer vor seine Füße, zeigte ängstlich den beiden Knaben jeden

Spalt und jede Lache; von den Gesetzen der Flut und Ebbe wußte er

vielleicht überhaupt nur das Alleroberflächlichste und vertraute

rücksichtlich dieser Dinge auch durchaus seinem jungen Reisegefährten.

Daher kam es, daß er dem Meere keinen Blick schenkte, sondern vielmehr

erleichtert aufatmete, als die gefährliche Expedition zu Ende und das

Zelt unter dem Leuchtturm glücklich erreicht war.

Eimer und Netze, sowie der große Sack wurden geleert; dann lief Hans

hinauf und bot den Wächtern ein Trinkgeld, wenn sie helfen wollten, die

große Muschel aus dem Riff hervorzuziehen.

»Morgen,« antwortete kopfnickend der Portugiese. »Jetzt wäre vor

Eintritt der Flut keine Zeit mehr!«

Hans erschrak sehr. »Die anderen sind noch auf dem Riff! -- Mein Himmel,

es droht ihnen doch keine Gefahr?«

Die Schiffer, der englischen Sprache alle mächtig, eilten zu einem der

Fenster und sahen jetzt in ziemlicher Entfernung die beiden knieenden

Gestalten, welche, an der Landseite des Riffes beschäftigt, offenbar das

Meer durchaus vergessen hatten. Worte, ja selbst der lauteste Schrei aus

Menschenbrust konnten hier nichts ausrichten; rasch entschlossen also

ergriff einer der Männer das große, an der Wand hängende Nebelhorn und

ein langgezogener dumpfer Ton brauste über das Wasser dahin.

Da unten in der Tiefe drehte Franz den Kopf. War das ein Signal? --

»Karl,« rief er, »Karl, die Flut ist da!«

Der junge Gelehrte fuhr auf wie von einem Schusse getroffen. »Die Flut?

-- Gott im Himmel, wie ist das möglich, ich habe doch --«

Er riß die Uhr heraus und hielt sie erschreckend an das Ohr, er rüttelte

wie in Verzweiflung an dem Gehäuse -- sie stand still.

Die Wogenkämme schlugen jetzt über den Rand des Dammes herein, weißer

Gischt spritzte hoch auf, -- binnen Sekunden mußte die ganze Breite

unter Wasser stehen.

Mit blassem Gesichte sah er hinaus auf das brandende Meer. »Jetzt sind

wir verloren, Franz!« klang es kaum verständlich von seinen Lippen. --

Und auch oben auf dem Turm wiederholte tödlich erschrocken der jüngere

Knabe: »Sie sind verloren!«

»Das ist nicht gewiß, ja sogar nicht einmal wahrscheinlich,« trösteten

die Portugiesen. »Schon mancher Hummerfänger oder Perlenfischer hat sich

während der Flut da auf dem Damm gehalten, um die Tiere wegzufangen, ehe

nach eingetretener Ebbe eine Menge von anderen weniger kecken Insulanern

die Ernte mit ihm teilen konnten. Das Meer schlägt bei ruhigem Wetter

höchstens zwei Fuß über den Damm hinweg.«

Hans horchte atemlos. »Und wenn es stürmt?« preßte er mühsam hervor.

»Dann vielleicht häuserhoch, -- das läßt sich nicht bestimmen.«

Der Knabe flog die Treppen hinunter zu den beiden anderen. Sein

verstörtes Gesicht sprach deutlicher als alle Worte, nur einzeln kamen

die Silben von seinen bleichen Lippen. »Franz und -- Karl -- müssen

ertrinken.«

Das Entsetzen des alten Geistlichen läßt sich nicht beschreiben. Er

stieg erst zu den Turmwächtern hinauf und bot vergeblich Summen über

Summen, dann ließ er sich an das Schiff bringen und beschwor den

Kapitän, doch der drohenden Brandung zu trotzen, aber beides umsonst.

Die einen wollten um keine noch so große Belohnung ihr Leben einsetzen,

der andere erklärte, daß das Schiff wie eine Nußschale an dem festen

Riff zerschellen, aber nie und nimmer bis zu den beiden Bedrängten

gelangen werde. »Sie müssen es eben so gut als möglich ertragen,« fügte

er bei, »von einer eigentlichen Gefahr kann noch nicht die Rede sein.

Zwei junge, kräftige Burschen werden sich ja doch von den Wellen nicht

fortspülen lassen, -- sie müssen in eine Rinne treten und sich

anklammern.«

»Aber in der Nacht und auf so lange Zeit!« rief entrüstet der Doktor.

»Es ist heller Mondschein und das schönste Wetter von der Welt, Herr

Doktor, -- und fünf Stunden schaden den jungen Wagehälsen gar nichts.«

Auch der Steuermann suchte den alten Herrn zu beruhigen, obwohl beide,

der Kapitän und er, die Sache durchaus nicht so leicht nahmen, wie es

den Anschein hatte. Wenn sich nur der unbedeutendste Sturm erhob, dann

war es um die beiden jungen Leute geschehen.

Der Doktor kehrte also in Begleitung des Kapitäns zur Fouqué-Insel

zurück, wo sie an das Riff traten und mit den Abgeschnittenen aus der

Ferne Grüße wechselten. Aber was war denn das? -- Da draußen standen in

der Brandung ihrer drei, die hinüber winkten, -- Franz schwenkte sogar

seinen Strohhut.

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 8 / 21 题