Da, wieder! es rauschte und krachte, das war nicht der Wind -- --

Ein Mondstrahl brach aus den Wolken, Helldunkel überflutete das Thal.

Schleichende Gestalten, katzenartig leise, glitten heran -- -- waren das

Teufel? Flammend rot von Kopf bis zu Füßen die kräftigen Gestalten, die

bräunlich schwarzen Gesichter voll Kampflust und Feuer, geschoren der

Kopf bis auf den federdurchflochtenen Wirbelschopf, hohe Schilder aus

Büffelfell in den Händen und einen langen hölzernen Wurfspieß mit

Eisenspitze auf der Schulter. Einer nach dem anderen, Hunderte an der

Zahl, so drangen sie vom Waldsaum her über den Fluß, sich rücksichtslos

hineinwerfend, schwimmend wie ein roter glänzender Streif unheimlich in

der fahlen Beleuchtung. -- --

Und da, wo sich die Gelben angstvoll geschart, blieb alles still. Immer

heller wurde der Himmel, immer deutlicher traten rings die Gegenstände

aus der Finsternis heraus, -- da wieherte eins der Pferde, und schläfrig

dehnte sich Franz auf seinem Lager. »Wie kalt!« schauderte er.

Der Führer erwachte und hob den Kopf. Ein durchdringender Ruf klang über

das Thal dahin. »Die Amakossa! -- Die Amakossa!«

Jetzt wachten alle. Instinktmäßig griffen sie zu den Gewehren, Fragen

und Vermutungen schwirrten durcheinander, in weniger als einer Minute

standen sämtliche Männer schußbereit. Am Himmel teilte sich die letzte

Wolke, der Vollmond erglänzte über dem Waldsaum, -- jener Fels, an dem

die Buschmänner gelagert, war leer. Ohne Zweifel hatten alle im Schutz

der Dunkelheit geräuschlos die Nähe der gefürchteten Feuerwaffen

verlassen.

»Das sind Kaffern,« flüsterte nach dem ersten Erschrecken der eingeborne

Führer, »Amakossas von den wandernden Stämmen, welche durch Krieg und

Raub ihr Dasein fristen. Sie ziehen von Norden nach Süden, überall

Feinde, überall Zerstörer; die Urbewohner von Britisch-Kaffraria am

Atlantischen Meer, damals geflohen und seit Menschenaltern heimatlos in

den Wäldern hausend, während ihre Brüder mit der Kapkolonie Handel

treiben und nicht mehr Wilde zu nennen sind. Sie haben die Schüsse

gehört und wollen jetzt unsere Gewehre erbeuten.«

Das alles war hastig hervorgestoßen, halblaut, und indem der Sprecher

unausgesetzt die Wilden beobachtete. Diese schienen Kriegsrat zu halten,

gedeckt durch Bäume oder Felsen. Hinter ihren hohen Schilden verborgen,

sprachen sie lebhaft miteinander, offenbar das Pferd verwünschend,

welches vor der Zeit ihre Pläne verraten hatte. Sich hinauszuwagen in

die Schußlinie dieser blitzenden Musketenläufe, das war nicht geraten;

die Amakossa hatten viel zu häufig mit ihren Genossen von der Küste oder

mit streifenden Zulus verkehrt, um nicht zu wissen, daß ihnen die

Feuerwaffe den Weg versperrte, bevor noch die Hälfte desselben

zurückgelegt war. Wo sich ein Kopf ohne Deckung zeigte, da konnte er im

nächsten Augenblick von der Kugel durchbohrt sein.

Die Weißen befanden sich in keiner besseren Lage. Wenn ihre

unbeschützten Pferde mittels der weittragenden Spieße getötet wurden, so

standen sie den räuberischen Kaffern wehrlos gegenüber und mußten

nebenbei auch fürchten, die ganze weite Strecke bis zur Küste, mehr als

fünfzig deutsche Meilen, nicht zu Fuß zurücklegen zu können.

Der Führer dachte dasselbe. »Ich habe es übernommen, die Herren sicher

wieder zur Kapstadt zurückzubringen,« sagte er nach kurzem Besinnen,

»das ist aber nur mit guten Pferden möglich. Ich gehe hinaus und bringe

die Tiere hinter den Felsen.«

»Wir begleiten dich!« riefen einstimmig die Weißen.

Der Quaqua schüttelte den Kopf. »Ich gehe allein,« beharrte er. »Was

liegt denn an dem armen, verachteten Gelben? Wer fragt nach ihm, wenn er

nicht wiederkommt? Der Farbige trägt immer ein Brandmal auf der Stirn,

-- er sollte wild bleiben, wenn er glücklich leben will, ganz wild, die

Weißen zählen ihn ja doch niemals zu ihresgleichen. Fort da, junger

Herr, ich will keine Begleitung haben.«

Es war Hans, der sich dem Hottentotten zugesellte. »O Karl,« sagte

vorwurfsvoll der stille, wenig lebhafte Knabe, »kannst du das zugeben?«

Holm und Franz gingen ohne weitere Worte dem Führer nach und deckten mit

ihren Gewehren seinen Körper, als er unter den Pferden hindurchkroch, um

sie loszubinden.

Ein Hagel von Wurfspießen schwirrte ihnen entgegen, blindlings

geschleudert, nachdem die Amakossa zu ihrem lebhaften Verdruß erkannten,

daß sie im ersten Schreck versäumt hatten, sich der Tiere zu bemächtigen

und dadurch die Gegner zu entwaffnen. Ein Kriegs- und Wutgeschrei

erschallte aus hundert Kehlen, Wurfspieß nach Wurfspieß sauste durch die

Luft, Holm hatte den Hut vom Kopf verloren, eine Spitze bohrte sich in

Doktor Boltens Schulter, der eine Führer blutete aus drei leichten

Wunden, und zwei Pferde waren getroffen, obwohl nicht besonders

gefährlich. Dann aber befanden sich auch sämtliche Tiere in Sicherheit,

die Weißen konnten aufatmen.

»Schießt nicht!« ermahnte der alte Theologe, während er bemüht war, mit

dem Taschentuch das hervorquellende Blut zu stillen. »Schießt nicht,

Kinder. Wenn die Wilden einen Angriff wagen, so müssen wir uns natürlich

verteidigen, bis dahin aber verhaltet euch ruhig, als sei nichts

geschehen.«

»Die Amakossa sind Räuber, diebische Hyänen!« rief erbittert der

verwundete Führer. »Man sollte sie niederschießen wie tolle Hunde.«

Der alte Mann sah mit festem Blick dem Aufgeregten ins Auge. »Ich

verbiete dir solche Reden und jeden Gedanken an Ausführung solcher

Absichten, mein Sohn!« sagte er gelassen.

Der Farbige senkte die Wimper. Er wagte es nicht, die Ehrfurcht gegen

das ruhig überlegene Wesen des alten Herrn aus den Augen zu setzen,

heimlich aber ballte er die Faust, und selbst Franz konnte sich nicht

enthalten zu antworten, daß doch eine scharfe Lehre den Buschkleppern

sehr heilsam sein müsse. »So gut wie die abgesandten Wurfspieße nur

leichte Wunden verursachten, hätten sie auch den Tod bringen können,«

fügte er hinzu.

»Und du wolltest der Vorsehung den Dank für eine beinahe wunderbare

Errettung durch den Mord an einem unwissenden Wilden abtragen, mein

Junge?«

Franz errötete. »Wir sind noch nicht gerettet, Herr Doktor,« antwortete

er. »Die Amakossa scheinen uns in aller Form belagern zu wollen.«

»So werden wir uns in aller Form verteidigen, lieber Franz. Sei dessen

sicher.«

Die Kaffern hatten während dieser kurzen Unterredung der Weißen

ihrerseits den Kriegsrat geschlossen. Einer nach dem anderen

verschwanden sie aus dem Thal, so daß es aussah, als sei der Platz von

ihnen geräumt, thatsächlich aber war gerade durch diesen Schachzug

bewiesen, daß sie zum Verderben der Weißen planmäßig handelten. Der

eingeborne Führer erkannte das sofort. »Wir können uns jetzt wieder

hinlegen,« sagte er, »ein Angriff wird nicht erfolgen, -- man erreicht

mit List, was vielleicht durch Gewalt unmöglich wäre.«

»Aber wie denn?« fragte Holm.

»Indem man uns umzingelt und vom Wasser abschneidet. Wer sich auf der

freien Fläche sehen läßt, der ist ein Kind des Todes.«

Holm fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken herablief, und auch die

anderen blieben lange Zeit stumm. Ihrer sieben gegen mehrere Hundert, da

war ein offener Kampf ganz unmöglich, -- so im Winkel versteckt zwischen

Felsen langsam mit der Waffe in der Hand aus Mangel an Nahrungsmitteln

zu Grunde zu gehen, das schien aber ein entsetzliches Schicksal. »Ob

sich denn nicht durch die Schnelligkeit der Pferde entkommen ließe?«

fragte nach langer drückender Pause der ältere Knabe.

»Auf freier Fläche, ja; hier im waldigen, von Bäumen durchzogenen Gebiet

unter keiner Bedingung. Die ersten fünfhundert bis tausend Schritt um

diese Stelle herum können nur langsam, nicht einmal im Trab zurückgelegt

werden.«

»So sind wir also ganz verloren!« rief Franz.

»Noch nicht,« versetzte der Hottentotte. »Ehe wir hier verhungern und

verdursten, entschließen wir uns zur Fußwanderung bis nach der Küste.

Die Sache geht langsam, aber unmöglich ist sie nicht.«

»Jedenfalls laßt uns daher Pulver und Blei aus den Satteltaschen nehmen,

damit wir zur Flucht gerüstet sind,« riet der Doktor. »Wenn nur der Mond

nicht so hell schiene!«

»In dieser Nacht können wir keinen derartigen Versuch wagen,« entschied

der Führer. »Es bedarf dazu nicht allein völliger Dunkelheit, sondern

auch der vorherigen genauen Ortskenntnis. Wir müssen wissen, ob und in

welcher Stärke die Umgegend besetzt ist.«

»Großer Gott, Führer, was sagen Sie da? -- Wir sollten in dieser

verzweifelten Lage, ohne Wasser und auf eine enge Felsschlucht

beschränkt, noch einen ganzen Tag verharren?«

»Vielleicht noch zwei Tage, drei Tage, Herr, bis der Augenblick zur

Flucht herangekommen ist. Das läßt sich nicht voraussagen.«

Eine tiefe Stille folgte diesen Worten. Man hörte wieder die leisen

Laute der Natur ringsumher, nichts verriet feindliche oder zerstörende

Absichten; fast schien es, als sei doch das ängstliche Hin- und

Herreden, das bange Pulsieren des Blutes in den Adern nur ein Spuk der

wildbewegten Einbildungskraft, als könne unmöglich an einem einzigen

Schritt in dieses blühende Thal hinaus Tod und Leben hängen, ein

qualvoller, entsetzlicher Tod fern vom Vaterlande unter den Spießen der

rotbemalten Teufel.

Stunden vergingen so; obgleich der Führer wiederholt zum Schlafen

mahnte, konnte niemand die Augen schließen, niemand konnte es

unterlassen, fortgesetzt zu horchen. Wenn die Wilden Mut genug besaßen,

mit plötzlichem, gewaltsamem Überfall die Schlucht zu stürmen, wenn sie

es nicht beachteten, daß zehn oder zwanzig von den Ihrigen als Opfer

fallen mußten, was dann? Ein kurzer, erbitterter Kampf Mann gegen Mann,

und alles war zu Ende. Keine Stimme gab Zeugnis von dem, was in der

Wildnis geschehen.

Endlich dämmerten die ersten Morgenstrahlen. In Busch und Wald wurde es

lebendig, Vögel sangen, Affen kletterten auf den Zweigen, verspätete

Ameisen rannten geschäftig hin und her, das ferne Heulen der Hyänenhunde

war allmählich verstummt. Im Thale zeigte sich nichts, auch kein

einziger Wilder sah hinter den Bäumen hervor; alles schien still und

ausgestorben.

»Ob sie die Sache aufgegeben haben?« fragte mit halbem Zweifel der

Gelehrte.

»Ach, da kennen Sie die Kaffern nicht, wir werden in jeder Sekunde

bewacht.«

»Führer, haben Sie schon ähnliche Lagen wie diese jemals durchgemacht?«

Der Gelbe nickte. »Unser Kraal ist mehr als einmal von den Amakossa

überfallen worden,« antwortete er. »Die Leute sind weder Menschenfresser

noch blutdürstige Mörder, aber sie stehlen, und scheuen zur Erreichung

ihrer Zwecke kein Mittel. Wenn wir unsere Waffen ausliefern, ebenso die

Pferde, so trachten sie uns nicht länger nach dem Leben.«

»So laßt uns das lieber versuchen, Kinder!« rief Doktor Bolten.

Der Führer schüttelte den Kopf. »Unmöglich, Herr. Wie könnten wir ohne

Gewehre und Lebensmittel fünfzig Meilen durchwandern? Die Amakossa

würden uns nichts, vielleicht nicht einmal die Kleider im Besitz

lassen.«

»Woran erkennen Sie denn mit so großer Bestimmtheit ihre Gegenwart,

Führer?«

»Zunächst an dem Charakter der Kaffern überhaupt und dann an dem Fehlen

aller auf dem Erdboden laufenden Geschöpfe. Was fliegt und in den Bäumen

klettert, das sehen wir herankommen, aber all die Hunderte von kleinen

Vierfüßlern, welche sonst am frühen Morgen zum Flußufer gehen, halten

sich fern. Das allein beweist die Nähe von Menschen.«

Er schürte das Feuer und fing an, die Fleischstücke von gestern zu

braten. »Wir dürfen uns nicht mutlos zeigen, Herr, nicht aussehen, als

fürchteten wir die Halunken; desto länger werden sie einen eigentlichen

Angriff hinausschieben. Dort, der große Geier über der Citrusgruppe,

holen Sie ihn doch herunter!«

Franz hatte schon angelegt. Die Kugeln aus seiner und seines Bruders

Büchse trafen zugleich den in der Luft schwebenden Vogel: mit schrillem

Laut sich überstürzend und flügelschlagend, fiel er bis hart vor das

Gebüsch, in welchem die Wilden versteckt sein mußten. Ein Schrei aus

mehreren Kehlen, deutlich erkennbar, mischte sich in den Klang, -- der

Führer sah von einem zum andern. »Hören Sie wohl, meine Herren?«

»Wahrhaftig, die Roten sind noch dort,« gestand Franz. »O diese heillose

Geduldsprobe.«

Doktor Bolten stellte das Gewehr an den Felsen. »Im Augenblick sind uns

alle Mittel und Wege abgeschnitten« sagte er seufzend. »Wir müssen uns

darein ergeben und der Sache die erträglichste Seite abzugewinnen

suchen.«

Die Decken wurden zu Sitzpolstern verwendet, den Pferden Futter

vorgeworfen und einstweilen das Frühstück aufgetragen. Lebensmittel

besaß man noch für mehrere Tage, auch wenn nichts Frisches an Fleisch

oder Früchten hinzukam, dagegen aber fehlte das Wasser schon jetzt sehr

empfindlich. Rum oder alter Portwein, zur Stärkung in kleinen Flaschen

mitgenommen, war vorhanden, konnte jedoch trotz seines teuren Preises

das klare, kalte, von Mutter Natur geschenkte Quellwasser nicht

ersetzen; namentlich die Tiere schnauften und ließen die Zungen

heraushängen, so daß der mitleidige Hans leise hinging und recht große

tiefsitzende Blätter pflückte, um durch die gesammelten Tautropfen

derselben wenigstens einige Linderung zu bringen. Ein vernunftloses

Geschöpf leiden zu sehen, thut ja dem fühlenden Menschenherzen so weh.

Die Amakossa gaben kein Lebenszeichen; offenbar lag es in ihrem Plane,

die Eingeschlossenen zu einer Unvorsichtigkeit zu verleiten und ihnen

alsdann in den Rücken zu fallen, eine Absicht, welche auch ohne die

Gegenwart des farbigen, mit derartigen Fuchsfallen genügend vertrauten

Führers vollständig erreicht worden wäre. Sie konnten hinter sicherer

Deckung zum Wasser gelangen und sich durch Jagd mit Lebensmitteln

versorgen, es wurde ihnen also sehr leicht, die Belagerung siegreich zu

Ende zu führen, umsomehr als die Kräfte der Weißen in immerwährender

Unruhe notwendig aufgerieben werden mußten. Etwa vierzig bis fünfzig

Quadratfuß Raum für sieben Menschen, kein Trinkwasser, kein

Brennmaterial zum Schutz gegen die nächtliche Kälte, keine freie

Bewegung, und, was das schlimmste, sehr bald schon kein erreichbares

Pferdefutter mehr, -- das konnte unmöglich länger als einige wenige Tage

ausgehalten werden.

So berechneten die Amakossa und warteten geduldig.

Der Tag ging langsam vorüber, bleiern und schwer folgte die nächste

Nacht, aber immer noch änderte sich nichts. Die Belagerten saßen in

dumpfer Ruhe bei einander, gefoltert vom Durst, mehr und mehr

hoffnungslos in die nächste Zukunft sehend. Es war unerträglich, den

Fluß plätschern zu hören, die ziehenden Wellen zu beobachten und dabei

alle Qualen des Verschmachtens zu erleiden; es schnitt ins Herz, die

Pferde mit gesenkten Köpfen dastehen zu sehen oder liegend wie im

Sterben begriffen, -- dennoch aber wollte der Führer bis zum letzten

Augenblick aushalten, wollte von Übergabe nichts hören. »Die

zweitfolgende Nacht wird ganz dunkel,« sagte er, »dann ist es Zeit zum

Handeln.«

»Was wollen Sie thun?« fragte Holm.

»Ich habe meinen Plan,« versetzte der Gelbe.

Damit war das Gespräch wieder zu Ende; es schien, als sei in allen die

Lebenskraft dem Erlöschen nahe. So unthätig, belagert von einem nur

geahnten Feind, laut- und regungslos wie im Kerker die Tage zu

verbringen, das war ein entsetzliches Schicksal. Kopf und Augen

schmerzten unausgesetzt, eine Art von Lähmung hatte sich aller Glieder

bemächtigt, und das Sprechen wurde schwer. Eine Entscheidung mußte

herbeigeführt werden, so wie die Sache jetzt war, konnte sie keinesfalls

länger bleiben.

»Wenn es nur ein paar Tropfen regnen wollte,« flüsterte Hans, »nur so

viel, um ein einziges Mal die Zunge zu befeuchten.«

Holm schwieg. Ihm fehlte der Mut, jetzt zu antworten, daß es in der Nähe

hoher, bewaldeter Gebirgszüge nicht regnet, weil die Feuchtigkeit durch

den Pflanzenwuchs der Luft entzogen wird; er streichelte nur stumm die

heiße Stirn des Knaben. Franz stand am Felsen, düster in das Halbdunkel

hinausblickend. »Karl,« sagte er leise und mit unsicherer Stimme, »man

sollte für die Güter des Lebens, so lange man sie besitzt, dankbarer

sein, -- ich -- ich habe so oft den Kaufmannsstand langweilig und das

Sitzen am Pult trostlos genannt, -- das war unrecht von mir.«

Holm lächelte. »Nun, da du den Wunsch deines Vaters, dich zum

Geschäftsnachfolger zu erziehen, nicht erfüllen wolltest, so bist du

Naturforscher geworden,« antwortete er. »Was davon unzertrennlich ist,

das mußt du in den Kauf nehmen.«

Franz sah ihn an. Die tiefliegenden Augen des Knaben glühten vor

Erregung. »Und wenn wir alle hier sterben, Karl, dann -- bin ich schuld

daran.«

»O nicht doch, Junge. Was ficht dich an? -- Schau dorthin, der Quaqua

bereitet sich zu seinem großen Plane.«

Der Gelbe war beschäftigt, den Pferden die letzten erreichbaren Blätter

und Gräser vorzuwerfen, dann zerschnitt er eine der Wolldecken und

umwickelte mit den einzelnen Streifen die Hufe der Tiere. »Geben Sie mir

jetzt die Büchse mit Zündhölzern!« bat er, und nachdem ihm Holm das

Verlangte gereicht fuhr er kopfnickend fort: »Sie kennen die Stelle, wo

etwas oberhalb dieser Lichtung ein Quell aus dem Felsen springt? Nur

hundert Schritte von hier, -- wir hielten bei unserem Kommen dort an, um

die Pferde zu tränken.«

»Ich weiß es,« antwortete Holm. »An den Zitronenbäumen vorüber und neben

der Felswand hinlaufend. Aber --«

»Wenn ich Ihnen zurufe: >Jetzt!< dann nehmen Sie die Pferde an die Zügel

und gehen mit denselben auf diesem Wege bis zum Quell,« fuhr eilfertig

der Gelbe fort. »Dort treffe ich Sie und wir reiten über die Ebene,

einerlei ob das auf unserem ursprünglich verfolgten Wege liegt oder

nicht. Haben wir zehn Minuten Vorsprung, so können uns die Amakossa

nichts mehr zu leide thun.«

Holm schüttelte den Kopf. »Aber sollten denn an der Felswand keine

Wächter stehen?« fragte er.

»Bis jetzt gewiß. Sie dürfen auch erst dann gehen, wenn ich das Zeichen

gebe, nicht früher, so lieb Ihnen Ihr Leben ist. Also aufpassen!«

Und fort war er, mit unhörbaren Schritten hinaus in die freie, offene

Thalfläche, welche sich zum Flusse hinab erstreckte. Den

Zurückgebliebenen klopfte das Herz in banger Erwartung, Auge und Ohr

verdoppelten, verzehnfachten ihre Anstrengungen, um den kühnen Mann auf

seinem Wege zu begleiten, um durch die dichte Finsternis zu sehen und

auf dem Gras noch Schritte zu hören. -- --

Vergebens, es blieb alles still. Der Gelbe mußte keinem Feind begegnet

sein. Aber was wollte er thun, womit die Amakossa von jenem Felspfad

hinweglocken?

Ein langgezogener, dumpfer Laut durchhallte die Umgebung, ein blaues

Flämmchen blitzte knisternd auf, und ein Knarren oder Schaben wurde

hörbar. Bald hier bald dort einen Kreis beschreibend, erglühten die

schnell verlöschenden Flammen. Im Gebüsch auf der anderen Seite regte

sich's, Menschenstimmen schrieen durcheinander, Angstrufe störten die

Ruhe der Nacht. Immer schneller, immer näher dem Versteck der Amakossa

folgten sich die aufblitzenden Feuerfunken.

»Unsere schwedischen Zündhölzer,« raunte Holm. »Der kecke Patron setzt

damit das ganze Kaffernheer in Schrecken!«

Die Amakossa brachen fliehend durch das Unterholz. Wo sich böse Geister

in das Spiel mischten, wollten sie offenbar nicht länger ausharren.

Jenes Brummen und Schaben, die gespenstischen, knatternden Lichter

brachten sie um alle Fassung. Und jetzt fiel plötzlich die Flamme in das

Gebüsch, dürres Gras loderte hoch empor, griff züngelnd um sich und lief

den Wilden nach, vom Wind getragen, rauchverhüllt, das Thal in um so

tieferem Dunkel zurücklassend. Sie verschwanden wie Schatten vor der

Sonne.

Ein langgezogenes »Jetzt!« noch immer in dem ersten dumpfen Tone, drang

zu den Weißen hinüber. Holm hatte bereits zwei Pferde am Zügel erfaßt,

die anderen thaten dasselbe, und das letzte Tier folgte freiwillig,

während draußen auf der Ebene das Brummen, das Stampfen und Schlagen zu

lautem Lärm überging.

Zwei Pferde am Zügel führend, die Pistole schußgerecht in der anderen

Hand, so drangen die sechs Männer vorwärts. Trotz der umwickelten Füße

würden aber dennoch die Schritte der Tiere hörbar gewesen sein, wenn

nicht der Hottentotte klüglich den Feind in eine Aufregung versetzt

hätte, die ihm alles Beobachten unmöglich machte. So sehr auch die

Herzen klopften, so angestrengt die Blicke spähten, es zeigte sich

keiner der Roten, es hinderte nichts die langersehnte Flucht. Man kam

zum Quell, Menschen und Tiere tranken einträchtig neben einander,

Menschen und Tiere dankten dem Himmel für das köstliche, neues Leben

spendende Naß, die einen in halbgedachten, halbgestammelten Worten, die

anderen in kräftigem, von lautem Schnaufen begleiteten Schütteln des

Kopfes. Man übergoß sich das heiße Gesicht, man badete die Hände und

konnte nicht satt werden, immer wieder und wieder zu trinken. Die Führer

füllten ihre Flaschen, das Gepäck war aufgeladen, einer nach dem anderen

stieg in den Sattel, aber -- wo blieb der Gelbe?

Man ritt bis an den Ausgang des Gebüsches, die Ebene lag im Halbdunkel

ohne einen einzigen Baum weitgedehnt vor den Blicken; links erhob sich

dichter, ragender Hochwald, alles war still, die Gelegenheit so günstig,

aber ohne den tapferen Quaqua doch an keine Entfernung zu denken. Wenn

er nur käme! --

Drüben wälzte sich das Feuer durch die Gesträuche dahin. Unmöglich

konnten dort noch Wilde versteckt sein, sie mußten sich also in der Nähe

befinden, und die Gefahr kehrte vielleicht im nächsten Augenblick

zurück. Wo blieb der Hottentotte?

»Gelungen!« flüsterte eine Menschenstimme. »Hier bin ich!«

Er schwang sich unter dem einstimmigen »Gott sei Dank!« der ganzen

Reisegesellschaft in den Sattel und schüttelte mit erhobener Hand die

schwedischen Zündhölzer. »Ist es ganz recht, daß ein Mann hilft, seine

eigenen, armen, unwissenden Brüder zu betrügen?« fragte er halb traurig,

halb lachend.

Und noch ein letztes Flämmchen zuckte auf, um den Weg aus dem Unterholz

zu beleuchten, die Gefahr des Strauchelns abzuwenden. »Vorwärts, weiße

Männer!«

Aber das vorderste Pferd bäumte, es wollte nicht in die Ebene

hinaustreten, -- der Führer schrie laut auf -- »da sind sie! --

Vorwärts! Vorwärts!«

[Illustration: Die Flucht vor den Kaffern.

»Ihre Wurfspieße zischten durch die Luft, ein Wutgeheul schallte den

Fliehenden nach.«]

Die schwarzrote Schar mit Federschopf und Schild brach aus dem Walde

hervor. Gellendes Kriegsgeschrei übertönte die Worte des Hottentotten,

Ausrufe furchtbarster Wut und des Hasses erfüllten die Luft. Jetzt erst

erkannten die Amakossa den ihnen gespielten Betrug, rasend vor Zorn

wollten sie Rache nehmen an dem, der sie so erfolgreich zu überlisten

verstanden. »Verfluchter Quaqua!« hörte sie der Führer schreien, »der

Hundesohn, der falsche Schakal!«

Seine gelben Züge wurden fahl. Er peitschte rechts und links die Tiere,

daß sie zusammenschreckend in die Ebene hinausflogen, unaufhaltsam in

sausendem Galopp.

Noch eine Minute, eine einzige, und die Amakossa hätten das Nachsehen

gehabt. --

Ihre Wurfspieße zischten durch die Luft, ein Wutgeheul schallte den

Fliehenden nach. -- Keiner als nur Franz hörte den leisen Schmerzenslaut

von den Lippen des Hottentotten. »Sind Sie getroffen?« fragte er heftig

erschrocken.

Die sieben Pferde sausten über die Ebene dahin wie ebenso viele jagende

Schatten, lautlos mit den umwickelten Füßen, dicht gedrängt in rasender

Eile, als wüßten sie, daß Leben und Tod an ihrer Schnelligkeit hing, daß

alles, alles verloren sei, wenn sie jetzt strauchelten oder zögerten. --

Franz sah wie der Führer im Sattel schwankte, er umfaßte ihn mit

kräftigem Arm und hörte voll Erschrecken das leise: »Lassen Sie mich

liegen und fliehen Sie, -- mit mir ist es aus.«

»Gewiß nicht!« rief der warmherzige Knabe, »gewiß nicht! Karl, hilf mir,

unser Retter ist verwundet. Ach, könnten wir doch anhalten!«

»Um Gottes willen nicht,« drang es kaum verständlich über die Lippen des

Hottentotten. »Mich rettet nichts mehr, -- lassen Sie mich fallen.«

Aber Holm und Franz hielten dicht gedrängt von beiden Seiten den

unglücklichen Mann, dessen Blut auf dem Gras die Spur bezeichnete.

Heller und heller graute der Morgen, welcher diese entsetzliche Nacht

vertrieb, in weiter Ferne verlor sich das Schreien der Amakossa. Immer

noch flogen die Pferde dahin, bis endlich ein Dickicht von Dubabelbäumen

auftauchte und Wasser und grünes hohes Gras den Blick erfrischte. Hans

sah zurück. »Es ist kein Wilder mehr erkennbar, Karl,« sagte er, »soweit

das Auge trägt scheint alles leer, -- laß uns anhalten.«

Der Gelbe konnte schon nicht mehr sprechen; er winkte nur, daß die

übrigen fortreiten möchten; diesem Verlangen wurde aber natürlich keine

Folge gegeben, vielmehr die Pferde angehalten und der Verwundete sanft

auf eine schnell ausgebreitete Decke gelegt. Das Gesicht zeigte bereits

jene unheimliche Veränderung, welche dem Tode voranzugehen pflegt, die

breite Brustwunde entsandte rote Ströme, und das Auge war halb

geschlossen. »Gottlob!« flüsterte er, »ich habe doch -- sechs Menschen

--«

Seine Stimme brach, die Hand sank matt herab. Da kniete der alte

Geistliche neben dem Sterbenden ins Gras und legte voll Milde seine

Rechte auf die schon erkaltende Stirn. »Du hast durch deine mutige That

sechs Menschen vom Tode errettet, mein Sohn,« sagte er herzlich, »du

sollst in unserer Erinnerung fortleben als der, welcher sich für uns

geopfert, und möge dir der barmherzige Gott ein so gnädiger Richter

sein, wie wir alle es für dich erflehen!«

In diesem Augenblick brach golden und glänzend der erste volle

Sonnenstrahl aus den Wolken hervor; in unwillkürlicher Ehrfurcht hatten

alle die Hüte vom Kopf genommen und umstanden wortlos das Sterbelager

des Reisegefährten. Stiller wurde es, immer stiller in der keuchenden

Brust, ein friedliches Lächeln umspielte die Lippen, und während der

leisen, innigen Trostesworte des christlichen Priesters ging unmerklich

die Seele des armen Hottentotten hinüber in das Jenseits, und die Gebete

der Geretteten erflehten für ihn vom barmherzigen Vater eine selige

Urstätte.

* * * * *

Holm legte mit leiser Hand den Zipfel der Decke über das erstarrte

Antlitz. »Mut!« sagte er halblaut, obgleich seine eigene Stimme

verändert und unsicher klang, »Mut, Freunde. Wir sind von hundert

Gefahren umdroht, wir dürfen uns nicht beherrschen lassen, nicht schwach

werden. In jedem Augenblick können die Kaffern hier erscheinen.«

Der alte Theologe hob den Kopf. »Aber unmöglich dürfen wir die Leiche

hier den wilden Tieren überlassen! Was haben Sie beschlossen, mein

junger Freund?«

Holm sah zum Wasser hinüber. »Zwei von uns müssen den Körper tragen,

soweit der Grund des Flusses dies zuläßt und ihn dann versenken, wie ich

meine. Wir besitzen kein Mittel, die Erde aufzugraben, ebensowenig aber

könnten wir die Leiche mit uns nehmen,« versetzte er.

»Das ist auch unsere Ansicht,« nickten die Führer.

Man wusch und reinigte also nach Möglichkeit den Körper des toten

Hottentotten, hüllte ihn in eine Wolldecke und band an das Ganze mehrere

große Steine. Die Führer warfen ihre Leinenkleidung ab und traten in das

Wasser, welches schon nach den ersten zehn Schritten zu tief wurde, um

darin noch weitergehen zu können. Vorsichtig und langsam ließen sie

unter dem stummen Gebet der am Ufer stehenden Weißen den Körper ihres

ermordeten Gefährten hinabgleiten auf den Grund.

»Die Erde ist überall des Herrn,« sagte laut und feierlich der alte

Geistliche, »und wo ein guter Mensch begraben liegt, da halten die Engel

Wache.« --

Schweigend und ernst, noch tief erschüttert von den durchlebten

Ereignissen, suchten alle ihre Pferde, und fort ging es, auf einem

anderen Wege der Kapstadt wieder zu.

Fünftes Kapitel.

Für den Rückweg bis zur Kapstadt wurde natürlich eine veränderte

Richtung eingeschlagen, aber obwohl auch hier manches Neue und

Sehenswerte den Blicken begegnete, obwohl mehr als ein Kraal in

Augenschein genommen und mehr als ein Tier erlegt wurde, so kehrte doch

auf dem ganzen Wege die rechte Freudigkeit in die Herzen der Reisenden

nicht wieder ein. Das jähe Ende eines Menschen, mit dem wir noch vor

wenigen Stunden oder Tagen im engsten Verein lebten, führt auch den

Leichtsinnigsten zur inneren Einkehr, wie viel mehr mußte sich ein

solches Ereignis in den Vordergrund drängen, wo gute, fühlende Herzen

von seinem Eintritt erschüttert wurden! Das Bild des stillen,

feierlichen Waldrandes und der weiten Ebene zur Rechten, wie die ersten

morgendlichen Sonnenstrahlen über das Wasser dahinstreiften, als der

Tote zur letzten Ruhe bestattet war, -- das alles hatte sich

unverwischbar den Seelen der Umstehenden eingeprägt, und erst als in der

Kapstadt Briefe von Hamburg die Ankömmlinge freudig überraschten, löste

sich der Druck, den bisher alle empfanden. Nachrichten aus der geliebten

Heimat! Nur wer in weiter Ferne allein und freudlos unter Fremden lebte,

der kann ermessen, welchen Jubel ein solcher Brief hervorruft. Nicht

allein Papa und Mama hatten geschrieben, auch die Schwestern und

Freunde, auch Schulkameraden und Nachbarn; alle beglückwünschten die

kühnen Afrikareisenden, alle baten um lange Briefe und um irgend ein

interessantes Geschenk, am liebsten Photographieen von Wilden, oder

sonst einen Gegenstand, den man nicht kaufen könne. Der bereits

erwartete photographische Apparat mit allem Zubehör war ebenfalls

wohlverpackt eingetroffen, sowie eine Sendung dicht verschlossener

Metalldosen, in denen sich Gips befand, dessen Gebrauch den Knaben

vorläufig noch unbekannt blieb. Holm freute sich sehr über die Ankunft

desselben. »Einen Tag hindurch bei euch sein möchte ich wohl,« schrieb

Karl, Franzens Klassenkamerad vom Johanneum, »aber nicht über das

Weltmeer fahren und auch nicht in Urwäldern schlafen, das muß doch

schauderhaft sein! Erkältet ihr euch nicht immer dabei? Ich kann nun

einmal unmöglich für solche Abenteuer schwärmen, aber Emil und Theodor

und alle anderen aus Sekunda beneiden euch; Johannes will, seit er eure

Briefe gelesen hat, jedenfalls Naturforscher und Afrikareisender werden,

er kann kaum erwarten, bis die Zeit da ist. Eure Geschenke sind

glücklich angelangt und schmücken bereits den Zoologischen Garten und

das Museum, schickt nur mehr mit der nächsten Post, vor allen Dingen

aber schreibt fleißig, ihr müßt aus jedem Hafen einen Brief absenden.«

Auch Doktor Bolten hatte eine längere, eingehende Mitteilung von dem

Vater seiner Zöglinge. Herr Gottfried dankte ihm für das richtige

Gefühl, welches in Palma den Bonnynegern, die Franz aus den Händen der

Benins befreiten, ein Geldgeschenk namens der Eltern des Knaben bestimmt

hatte; er erlaubte auch für künftige derartige Fälle dem würdigen

Erzieher, das zu thun, was nach seiner Ansicht das Richtige sei, und so

erhielten denn vor der Abreise nach Madagaskar die Hinterbliebenen des

verunglückten Führers eine Summe, die wenigstens dazu angethan war, ihre

äußerlichen Sorgen zu lindern. Alle Errungenschaften an Pflanzen,

Blumen, zahllosen Insekten, Kerbtieren und Schlangen wurden auf das

Schiff gebracht, neue Einkäufe besorgt, lange Briefe nach Hamburg

geschrieben, und dann lichtete der Dampfer seine Anker, um jetzt die

Inselwelt des Indischen und Großen Ozeans aufzusuchen. Zunächst durch

den Kanal von Mozambique nach Madagaskar, wo an einer nur für Boote

zugänglichen Bucht des am wenigsten bekannten und bereisten Teiles die

Entdeckungsfahrt in das Innere wieder begann. Da die Seereise kurz und

ohne Störung von statten gegangen war, so gaben sich alle mit fröhlichem

Mut der Hoffnung hin, daß auch dieser Ausflug neue, reiche Schätze

zutage fördern werde. Das Tier- und Pflanzenleben, die Wohnungen und die

Beschäftigungsweise der Malagaschen kennen zu lernen, genügte ein

Ausflug in die Dörfer des Innern, und den unternahm man, nachdem alle

Vorbereitungen getroffen und einige des Weges kundige Führer gemietet

waren. Durch einen dichten Wald der schönsten, verschiedenartigsten

Palmen ging es auf bald bergigem, bald flachem Boden dahin; blühende

Lianen schlangen sich um alle Zweige. Der Sagobaum und die giftige

Brechnuß wuchsen in malerischen Gruppen, die afrikanische Palme zeigte

ihren sonderbaren, einem Wickelkinde nicht unähnlichen plumpen Stamm,

und endlich erschien auch die Ravinala, welche allein auf diesem Teil

unseres Erdkörpers gefunden wird. Der hübsche, schlanke Baum mit

emporstrebenden Stielen, die immer nur in ein einziges, breites Blatt

auslaufen, heißt auch der Baum der Reisenden, und zwar weil das untere

Ende jedes dieser Blattstiele eine innere Höhlung besitzt, in welcher

sich klares Wasser sammelt, das ohne Mühe mittels Durchstechen der

grünen Umwandung erlangt werden kann und daher den Reisenden von großem

Werte ist. Unsere Freunde wollten Halt machen, um die seltsame, nur auf

Madagaskar gefundene Flüssigkeit zu kosten, aber die Führer schüttelten

den Kopf und deuteten auf die in der Ferne sichtbare Niederung, wo

aufsteigender Rauch ein Dorf ankündigte. »Unternehmt nichts im Lande des

bösen Geistes Angatsch,« warnten sie, »berührt keinen seiner Bäume,

keines seiner Tiere, ehe ihr nicht den geweihten Hahn zu eurem Schutze

bei euch habt. Im Dorfe könnt ihr ihn kaufen.«

Der alte Theologe hörte mit großem Erstaunen an, was der olivenfarbige

Eingeborne in schlechtem Englisch vorbrachte. »Ein geweihter Hahn?«

wiederholte er entrüstet, »was behauptest du da, mein Sohn? Ein Hahn --«

»Doktor, Doktor, wir sind in Feindes Land und müssen also klüglich

seinen Sitten folgen! Wenn uns dieser gelbe Angatschgläubige als Ketzer

verklagt, so werden wir möglicherweise alle in einem Tempel wie

Opfertiere behandelt, lassen Sie uns lieber gütlich erfahren, was der

geweihte Hahn bedeutet, und auf diese Weise unsere Kenntnisse

bereichern. Sie erinnern sich ja des Hottentotten-Großvaters als

Schlange, nicht wahr? und des mondanbetenden Dorfkönigs aus dem

Dahomey-Lande?«

Der alte Herr lächelte wider Willen. »Aber ein Hahn!« seufzte er.

Holm war sehr belustigt. »Was ist's mit dem Geweihten?« fragte er ganz

ernsthaft die Führer. »Wir wollen niemandes Gefühle verletzen.«

Die Malagaschen deuteten zum Dorfe. »Alle ganz weißen Hähne sind

heilig,« erklärten sie, »aber eben darum werden sie auch von den

Zauberern sehr teuer verkauft. Wer einen weißen Hahn besitzt, der ist

gegen Angatschs Verfolgungen gesichert. Jeder Reisende nimmt solches

Tier mit sich, und unter jedem Dache lebt eins.«

»Aha! -- und auch wir können einen derartigen Beschützer erlangen?«

Die Führer hielten Rat, endlich erbot sich einer, im Dorfe den Hahn zu

kaufen, worauf ihm Holm das nötige Geld einhändigte und ihn mit einer

kleinen, in deutscher Sprache gehaltenen Standrede entließ. »Hole uns

den Gebieter der Bilderfibel, mein Sohn, aber glaube nicht, daß du im

stande seiest, uns zu täuschen. Ein ansehnlicher Obolus wird in deinen

Besitz übergehen, obwohl du keine Taschen führst; vielleicht stiehlst du

sogar den Meister Kikeriki vom nächsten Düngerhaufen weg, aber das thut

hoffentlich in den Augen des eingebornen Satanas von Madagaskar seiner

Heiligkeit keinen Eintrag. Fleuch!«

Der Malagasche verstand natürlich nicht, was ihm gesagt worden war, aber

der Ton des letzten Wortes im Verein mit bezeichnender Handbewegung

verrieten einigermaßen den Sinn der Worte. Er trollte sich schnellen

Schrittes, indes die übrigen Halt machten, um unter den wundervollen

Bäumen im Moos zu lagern.

Die Ruhe that den Reisenden wohl, und ganz gaben sie sich dem Genusse

der schönen Landschaft hin, die sich vor ihren Augen ausbreitete. Unter

fröhlichem Geplauder erwarteten sie die Rückkehr des Führers.

Ein langgezogenes Krähen verkündete alsbald die Nähe des zaubernden

weißen Hahnes. Der Führer erschien und brachte in einem

schlechtgearbeiteten Bambuskäfig das heilige Tier, indem er zugleich

geheimnisvoll andeutete, daß noch ein weiteres Schutzmittel gegen den

bösen Geist notwendig sei, ein Amulett, welches die Fremden auf der

Stirn tragen müßten. Holm wollte natürlich auch das kaufen und erhielt

nun für teuren Preis den Zahn eines Krokodils an einer mit Glasperlen

verzierten Schnur. »Jetzt seid ihr sicher, Fremdlinge,« erklärte der

Malagasche, dem ein Geschäft mit den Weißen noch nie so leicht gewesen

sein mochte, »jetzt ist Angatsch ohnmächtig gemacht und der Riese

Darafif, der Sohn Zannaars des Weltgeistes, euer Freund geworden. Der

weiße Hahn blendet die Blicke aller Häuptlinge, daß sie euch die Hände

reichen und euch Brüder nennen, der weiße Hahn lähmt die Sinne der

Wildschweine, daß sie sich taumelnd in eure Spieße stürzen.«

Holm hörte zu, ohne eine Miene zu verziehen. »Lacht nicht, Kinder,«

ermahnte er in deutscher Sprache, »lacht nicht. Die Malagaschen sind als

hinterlistig und äußerst rachsüchtig bekannt, sie möchten uns hier

inmitten ihrer Urwälder empfindlich strafen, wenn wir sie beleidigen

würden.«

Er dankte den Eingebornen, und nun erst konnte das Wasser des Ravinala

probiert werden, ebenso die Früchte des Brotbaumes und die vielen

wildwachsenden Beeren. Langsam wanderten die Reisenden dem Dorfe

entgegen, das ihnen bei näherer Betrachtung durch irgend ein

außerordentliches Ereignis in Aufregung versetzt zu sein schien. Den

Mittelpunkt der Niederlassung bildete ein großer, versumpfter See, an

dessen einem Rande sich die Hütten erhoben, und wo jetzt Hunderte von

Menschen durch einander liefen. Schon der erste Blick zeigte, wie hoch

über den wilden Negerstämmen die Malagaschen stehen. Sie alle waren in

weite, faltenreiche Gewänder gehüllt, trugen zum Teil sogar Hüte und

bewohnten geräumige, runde, mit Palmenblättern gedeckte Hütten, welche

mit ihren hölzernen Einfriedigungen einen guten Eindruck machten. Sogar

Thüren von genügender Höhe fanden sich, Hunde, Hühner und Schweine

hatten ihre abgesonderten Stallungen und um die Hütten herum grünten und

gediehen zahlreiche Anpflanzungen.

Wie ein wahres Gegenstück zu diesem friedlichen Bilde erschien der

Anblick des Sumpfes, aus dessen trüben Fluten große Krokodile ihre

greulichen Rachen erhoben. Nur die kleinen tückischen Augen verrieten

durch ihr Blinzeln, daß diese Masse lebe. Überall zeigten sich die

gefährlichen Bestien; der See mochte mehr als fünfzig beherbergen, ja

sogar in einem breiten Flusse, der mit dem stehenden Gewässer nicht weit

vom Dorfe in Verbindung trat, schwammen noch die häßlichen Geschöpfe, so

daß Holm voll Erstaunen den englisch sprechenden Führer fragte, weshalb

man es unterlasse, sich dieser Raubgesellschaft auf kürzestem Wege zu

entledigen. Aber der olivenfarbige Mann antwortete kopfschüttelnd: »Das

verstehst du nicht, Fremder. Die Tiere haben hier das Richteramt im

Dorfe, sie sind unverletzlich; wir füttern sie und bezeugen ihnen die

größte Verehrung. Siehst du nicht dort am Ufer die versammelte Menge?«

»Freilich. Aber was treiben diese Leute?«

»Ein Sklave steht im Verdacht des Diebstahls, Fremder. Die Krokodile

werden also zu Gericht sitzen und entweder seine Unschuld beweisen oder

ihn strafen, wie es sich gebührt.«

»Das heißt -- den Unglücklichen fressen?«

»Wenn er wirklich gestohlen hat, ja.«

»Ein Gottesurteil in aller Form also. Wie tief doch bei jedem, auch dem

wildesten, niedersten Volke der Zug nach dem Anlehnen an ewige,

wandellose Mächte im Charakter begründet liegt! Es hat noch keine Nation

versucht, sich ohne Götter oder Göttliches zu behelfen. -- Aber«, fügte

der Doktor gegen den Eingebornen hinzu, »ist nicht durch diese seltsamen

Richter der Angeklagte in allen Fällen überführt? Habt ihr schon erlebt,

daß die Krokodile Barmherzigkeit übten?«

Der Eingeborne wiegte den Kopf. »Nur sehr selten, Fremder, das ist wahr,

aber -- die Sklaven sind auch außerordentlich diebisch.«

Während dieser Worte hatte sich die kleine Gesellschaft dem Dorfe bis

auf hundert Schritt genähert. Rechts von ihnen flutete der See mit

seinen greulichen Bewohnern, links lag der Wald und geradevor die

regelmäßig erbaute Hüttenreihe. Aller Augen blickten den Weißen

entgegen; Frauen mit kleinen Kindern auf den Rücken liefen sogar

neugierig herbei und stellten Fragen jeder Art; nur eine Gruppe vor dem

See blieb ganz abgesondert; wie es schien, in sehr ernster Verhandlung

begriffen. Ein älterer Mann in weißer Kleidung, umgeben von mehreren

anderen, und ein jugendlicher, an Händen und Füßen gefesselter, ganz

nackter Bursche bildeten die handelnden Personen des Trauerspieles, das

hier seinen Anfang nahm. Eine lautgesprochene, den Reisenden natürlich

unverständliche Frage schallte über das Wasser dahin, -- der Führer

wiederholte auf englisch die Worte. »Im Namen Zannaars des Weltgeistes

und seines Sohnes Darafif, des Riesen, frage ich dich, hast du deinem

Herrn das gewirkte, rote Tuch gestohlen oder nicht?«

Der Sklave schüttelte den Kopf. »Nein. Möge mich Angatsch verschlingen,

wenn ich schuldig bin. Ich habe das Tuch nicht berührt.«

Der alte Malagasche, offenbar das Oberhaupt des Dorfes, sprach nochmals.

»Wir glauben, daß du lügst, um dich zu retten, Rua-Roa,« versetzte er.

»Die heiligen Krokodile müssen also entscheiden zwischen dir und uns.

Nehmt ihm die Fesseln ab!« setzte er gegen seine Begleiter gewendet

hinzu.

Die Seile aus Bast wurden von den Gelenken des jungen Burschen entfernt;

dann ergriff ihn der Ankläger am Arm und trat so mit ihm aus dem Kreise

der übrigen heraus bis nahe an den Rand des versumpften Sees. »Hört

mich, ihr heiligen Krokodile« -- übersetzte der Führer -- »hört mich,

Boten des mächtigen Zannaar, und leiht ein gnädiges Ohr meiner Bitte.

Ihr seid dem Volke der Hovas gesandt als Verkünder für die Beschlüsse

des Weltgeistes, ihr werdet auch heute verkünden was recht ist. Wenn

dieser Sklave das Tuch nicht gestohlen hat, so laßt ihn ungefährdet das

Ufer wieder erreichen; wenn er aber ein Dieb ist, dann straft ihn nach

Recht und Billigkeit.«

Eine Handbewegung zeigte dem Burschen, daß der Augenblick jener

entsetzlichen Entscheidung durch die Bestien nunmehr gekommen sei;

vielleicht glaubte aber auch er ganz fest an die Gerechtigkeit ihres

Urteils, vielleicht fühlte er sich sicher geborgen im Bewußtsein

vollkommener Schuldlosigkeit, genug er erhob unter dem tiefsten

Schweigen sämtlicher Zuschauer beide Arme über den Kopf und stürzte sich

in das hochaufspritzende Schlammwasser. Wenige Augenblicke später sahen

alle den schlanken, olivenfarbigen Körper langsam auf der Oberfläche

dahingleiten.

Die Augen des älteren Knaben glühten, er hatte wie halb unbewußt das

Gewehr von der Schulter genommen. »Noch sehe ich keines dieser Ungeheuer

sich bewegen,« flüsterte er in gepreßtem Tone.

»Franz,« warnte Holm, »du darfst unter keiner Bedingung schießen, mein

Junge. Was hier geschieht, das empört sicherlich uns alle, aber eine

Einmischung in derartige, das Rechts- und Glaubensleben des Volkes

berührende Angelegenheiten wäre verhängnisvoll. Tötest du eines der

Krokodile, so ist noch ein halbes Hundert übrig, um den unglücklichen

Knaben zu zerreißen -- uns aber würde man höchstwahrscheinlich auch den

heilig gehaltenen Bestien als Futter vorwerfen.«

Franz sah starr auf das Wasser. »Es ist eine Abscheulichkeit,« murmelte

er. »Ich könnte dem armen Schelm nachspringen, um ihn zu retten.« Dabei

verwandte er aber keinen Blick von dem langsam schwimmenden Malagaschen,

der jetzt die Hälfte seiner Bahn bereits durchmessen hatte und dem

mehrere Krokodile anscheinend ohne mörderische Absicht folgten. Ein

fester Entschluß lag auf seiner Stirn, er hielt die Finger am Drücker.

Selbst der schüchterne Hans war entrüstet wie nie. »Lieber Herr Doktor,

helfen Sie doch dem armen Menschen,« bat er dringend. »Papa bezahlt es

gern, wenn sie seinem grausamen Besitzer eine Summe bieten, um ihn zu

kaufen und zu befreien. Soll man denn nicht das Böse überall, wo es uns

entgegentritt, bekämpfen?«

»Natürlich!« murmelte Franz. »Natürlich, und ich werde mich auch nicht

hindern lassen, das zu thun, was ich für recht halte.«

Der alte Herr ging geraden Weges zu jener Gruppe des Häuptlings oder

Zauberers, wo vorhin die Verurteilung des Sklaven stattgefunden hatte.

»Leute,« rief er in englischer Sprache, »Leute, was thut ihr? Bedenkt,

daß das Leben dieses Kindes verloren ist, wenn ihr ihm nicht schleunigst

zu Hilfe kommt, und daß die Verantwortung auf euch zurückfällt! Ich will

den Sklaven kaufen, befehlt ihm, so schnell als möglich an das Ufer zu

schwimmen.«

Finstere Blicke antworteten ihm. »In was mischest du dich, Fremder?«

fragte grollend der weißgekleidete Alte. »Ich bin der Priester dieses

Stammes und stehe hier im Namen Zannaars des Weltgeistes, der die Sünde

strafen will.«

Doktor Bolten streckte die Hand aus. »Zannaar in deiner und Gott in

meiner Sprache!« rief er, »aber immer ein Wesen voll Gerechtigkeit und

Erbarmen, das solche Greuel strafen und verabscheuen muß. Dein --«

Der Knall eines Büchsenschusses zerriß die Stille, vom Wasser her tönte

ein gellender Aufschrei, der in Hunderten von Kehlen sein Echo fand.

Sprachlos mit beschwörend erhobenen Armen starrte der Priester auf den

See, wo jetzt der braune Knabe in schnellerer Bewegung dem rettenden

Ufer zueilte, wo aber auch eine Blutlache und ein Toben und Ringen unter

dem Wasser nur zu deutlich verriet, daß eins der heiligen Tiere

getroffen war und sich sterbend im Schlamm wälzte. Von allen Seiten

stürzten aufgeregte erbitterte Menschen den drei Weißen entgegen,

vergeblich bemühte sich der Führer, Frieden zu stiften; wie eine Lawine

vergrößerten sich die andrängenden Massen; Drohworte wurden laut und in

weniger als einer Minute waren den drei wehrlosen jungen Leuten die

Waffen entrissen.

Franz hatte seine Absicht ausgeführt. Als eins der Krokodile den Rachen

aufsperrte, um das geängstigte Opfer zu verschlingen, da legte er

gedankenschnell das Gewehr an die Wange und traf als geübter Schütze das

Auge der Bestie, so daß sie schnaufend zusammenbrach und rings umher das

Wasser mit ihrem Blute färbte. Der Malagasche schrie vor Entsetzen, mehr

erschreckt durch den plötzlichen Schuß als durch die anwesenden

Krokodile, dann aber floh er alles vergessend, so schnell es seine

Kräfte erlaubten, dem Lande zu. Vielleicht waren von dem ungewohnten

Ereignis auch die Tiere in Verwirrung geraten, sie tauchten in den

Schlamm und versuchten keine weitere Jagd. Noch eine Minute, dann sprang

der gerettete Knabe unversehrt an das Ufer.

»Gottlob!« rief Franz. »Das abscheuliche Verbrechen wäre vereitelt.«

»Aber um teuren Preis. Ich glaube nicht, daß einer unter uns mit dem

Leben davon kommt! -- O Franz, Franz, was hast du gethan?«

»Das Rechte!« rief ungestüm der Knabe. »Ich fürchte mich nicht.«

Er versuchte keinen Widerstand, als ihm und den übrigen die Hände auf

den Rücken gebunden wurden. »Nur zu, das soll euch schlecht bekommen,

ihr Mordgesellen,« rief er. »Unmöglich kann Gott dem Bösen den Sieg

verleihen.«

Von einer heulenden, schreienden und schimpfenden Menge umdrängt, von

geballten Fäusten und wutblitzenden Augen bedroht, wurden die drei zum

Dorf geführt, wo ihnen der alte Zauberer mit ebenfalls hocherhobenen

Händen entgegen kam; der Volkshaufe tobte und verlangte, daß zur Sühne

für den Tod des einen Raubtieres die Gefangenen den anderen als Futter

vorgeworfen würden und zwar auf der Stelle. Aber der Zauberer schüttelte

dazu den Kopf. »So lange sie den weißen Hahn besitzen, sind die Fremden

unverletzlich,« erklärte er, »auch muß Zannaar das Zeichen geben, ehe

wir die Strafe vollstrecken können. Lani-Lameh (damit meinte er sich

selbst) wird die Götter herbeirufen und ihren Entschluß vernehmen.«

Holm lächelte, als ihm der Führer die Übersetzung dieser letzteren Worte

heimlich zuflüsterte. »Lani-Lameh scheint ein großer Schlauberger zu

sein,« sagte er auf deutsch. »Vielleicht bestimmen ihn die Götter, uns

rein auszuplündern und laufen zu lassen, ohne daß nachher der

beschränkte Unterthanenverstand erfährt, wer das eigentlich bekommen

hat, was in unseren Taschen vorgefunden wurde. Einstweilen schützt uns

noch der weiße Hahn.«

»Wenn wir unsern Führer bestechen könnten!« meinte der Doktor. »Er

kümmert sich offenbar um den Tod der Bestie nicht im geringsten.

Vielleicht ist er ein Christ!«

»Vielleicht aber auch ein Verräter!« warnte Holm. »Er zieht im Lande

umher ohne bestimmten Wohnsitz, er kennt alles und alle, dient Fremden

als Führer und möglicherweise den Zauberern als Spion. Die Malagaschen

sind längst keine Wilden mehr.«

»Ich möchte nur eins wissen,« seufzte Hans, »ob uns vor der Hinrichtung

gestattet wird, einen Brief nach Hamburg zu schreiben?«

[Illustration: Der verhängnisvolle Schuß am Krokodilteiche.

»Der Knall eines Büchsenschusses zerriß die Stille, vom Wasser her tönte

ein gellender Aufschrei ...«]

»Und ich, ob der Kapitän und der alte Witt ruhig die Hände in den Schoß

legen, wenn wir nicht morgen abend verabredetermaßen wieder an Bord

sind!« rief Franz.

»Ruhig, Kinder,« ermahnte Holm. »Da das Urteil nicht sofort und unter

dem Einfluß des erbitterten Volkes zur Vollstreckung gelangt, so ist

noch Hoffnung vorhanden. Fürs erste bin ich gespannt, ob man uns den

Hahn wegnimmt!«

Das geschah nicht. Die vier Gefangenen wurden in eine leere Bambushütte

am äußersten Ende des Dorfes einquartiert, und der Hahn blieb

einstweilen in ihrem Besitz. Schwarze und rote Decken aus

Pflanzenfasern, ein paar Körbe für Lebensmittel und ein plumpes,

eisernes Gefäß für Trinkwasser bildeten die einzige Ausrüstung; Fenster

waren nicht vorhanden, dagegen aber gestatteten die Fugen zwischen

den Bambusstäben sowohl der Luft als auch dem Blick einen

ungehinderten Durchgang, so daß wenigstens für die unentbehrlichsten

Lebensbedürfnisse, Luft, Licht und Wasser, einigermaßen gesorgt war. Was

es nun freilich zu beißen gab, das blieb noch dahingestellt.

Lani-Lameh näherte sich in Begleitung des Führers, der ihm als

Dolmetscher diente, und der in seinem Namen die Weißen aufforderte, all

ihr bewegliches Besitztum herauszugeben. Taschenmesser, Kamm, Spiegel

und Portemonnaie mit Inhalt wanderten in das Körbchen, welches der

heilige Mann am Arm trug, ehe sich derselbe jedoch von seinem Gefährten

trennte, gab er diesem mit schneller, heimlicher Bewegung ein paar

Goldstücke, -- die Gefangenen sahen es und wechselten einen bedeutsamen

Blick. Man konnte also dem schlauen Gelben keinesfalls trauen.

Die Thür der Hütte wurde verschlossen und mit mehreren starken

Eisenriegeln noch obendrein von außen verwahrt, der Volkshaufe, welcher

anfänglich das Gebäude umtobte und umheulte, begann sich zu verlaufen,

und leise sanken die Schatten der Nacht herab. Es war ganz still in dem

engen, von leichtem Luftzug fortwährend durchwehten Raum, nur der Hahn

krähte zuweilen -- vielleicht begriff er nicht, wo so plötzlich die

Schar seiner Hennen, wo die köstliche Freiheit seines Düngerhofes

geblieben war.

Holm streichelte das schneeweiße Gefieder. »Kann ich es machen, so

sollst du mit uns nach Hamburg zurück,« sagte er. »Ohne deine schützende

Nähe war unser Leben der Volksjustiz längst verfallen. «

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 7 / 21 题