Der Angeredete nickte. »Weet wull, Kaptein.«

Und damit waren die Verhandlungen beendet. Obgleich weder Passagiere

noch Mannschaft irgend etwas Verdächtiges bemerkt hatten, sahen sie

doch, daß ein Ereignis im Anzuge sein mußte; sämtliche Segel wurden

eingezogen und nur die großen Sturmsegel gesetzt, alle kleineren

Gegenstände von Deck entfernt, die Luken verschlossen und das Feuer

ausgelöscht. Bleierne Windstille lag auf der ganzen Umgebung, nur

zuweilen flog gleichsam vorüberhuschend ein gewaltiger Stoß über das

Wasser daher, und im Nordosten zuckten ferne Blitze. Seltsam war das

plötzliche immer wiederkehrende Wechseln aller Erscheinungen. In diesem

Augenblicke regnete es stark, im nächsten heiterer Himmel; jetzt neigte

sich das Schiff, vom Stoß erfaßt, zur Seite, als wolle es stürzen, und

dann wieder schien jede Bewegung der Luftmassen erstarrt. Die Maschine

wurde mittlerweile tüchtig geheizt und das Steuer so gedreht, daß die

»Hammonia« ihren Kurs nach Nordosten nahm.

Und nun brach es herein, schrecklich und schön zugleich, weit

großartiger, erhabener, als sich's menschliche Einbildungskraft ausmalen

könnte. All der Farbenreichtum, der Glanz und die Fülle des südlichen

Erdteiles trat auch hier im Toben der Elemente zu Tage. Blitz folgte auf

Blitz, sein prachtvollstes Glühen aber erlosch neben dem des

elektrischen Feuers, das in ganzen Garben überall explodierte.

Glitzernde Meteore fielen vom Himmel in das schäumende, kochende Meer

hinein; der Sturm brüllte, der Donner ging über in ununterbrochenes

Getöse, Spritzwasser schlug in Wellen auf das Verdeck, und fast völlige

Dunkelheit brach herein.

Franz versuchte es, hinauszutreten, seine unerschrockene Seele wollte

den Kampf mit den entfesselten Urkräften der Erde nicht allein dem

Schiffsvolk überlassen, er wünschte selbst Hand anzulegen und für sein

und aller Leben zu streiten; aber das erwies sich als unausführbar. Es

war ihm nicht möglich, festen Fuß zu fassen, er konnte weder atmen noch

sprechen, die dünne Leinenjacke flog in Fetzen davon. Holms kräftige

Arme zogen ihn auch schon wieder zurück in den Vorraum der Kajütte

hinab. »Willst du über Bord gefegt werden, Junge? Da können Unerfahrene

wie du und ich nichts nützen.«

In diesem Augenblick erschien der Kapitän, um den verlorenen »Südwester«

mit einem anderen zu vertauschen und dabei seiner Reisegesellschaft

etwas Mut einzuflößen. »Wir sind in einer Viertelstunde, so Gott will,

hindurch, meine Herren,« rief er. »Ich habe die beste Hoffnung.«

»Hindurch?« wiederholte Doktor Bolten, »das verstehe ich nicht.«

Holm nickte. »Es ist also ein Wirbelsturm,« antwortete er, »ich dachte

mir's gleich. Der Kapitän will die äußerste Grenze des Halbkreises

erreichen.«

Jetzt aber war für Erläuterungen keine Zeit, keine Ruhe vorhanden. Einer

nach dem andern trat an das Kajüttfenster oder unter das Glasdach der

größeren in der Mitte liegenden Wohnkajütte. Hierher konnten allerdings

die Wogen nicht gelangen, aber desto mehr sah man vom Himmel, an dem es

wie mit tausend Brillantfeuern leuchtete. Schon nach wenigen Minuten war

aus den seitwärts belegenen Fenstern nichts mehr zu sehen.

Ganze Berge von Wasser hoben und drehten das Schiff, Schaumwolken

verhüllten alle Aussicht, das Getöse des Anpralls betäubte förmlich. Die

kleine Gruppe stand, sich an dem stark befestigten Speisetisch haltend,

bei einander im Salon, dessen verglaste Decke einen freien Aufblick

ermöglichte. Grünlich und violett zuckte es herab, sturmgepeitscht, von

Flammen überall umgeben, als ob Erde und Himmel in Brand geraten, so

loderten die Gluten.

Zuweilen lag das Schiff dermaßen auf einer Seite, daß es den Anschein

hatte, als ob Sofas und Bilder an den Wänden über den Köpfen schwebten,

-- einer sah den anderen an, die Herzschläge setzten aus, die Gedanken

traten als ein »Gott erbarme sich!« unwillkürlich auf die Lippen, -- und

dann ging es wie ein Knarren, ein Ächzen durch das Eisenwerk, langsam

kehrte der kräftige Bau zum gewohnten Halt zurück, nochmals hatte des

Todes Flügelschlag nur gestreift, aber nicht getroffen.

»Sonderbar,« flüsterte Franz, »ich habe doch bei den Gallinas und wohl

auch während unseres Nachtaufenthaltes im unbeschützten Walde der

Vernichtung Aug' im Auge gegenübergestanden, ganz wie jetzt, aber die

Ruhe, welche ich trotz dieser Gefahr empfinde, fehlte damals, -- woher

doch der auffallende Unterschied?«

Der alte Theologe legte die Hand auf seines Zöglings Schulter, »Das ist

die Ehrfurcht, welche ein gewaltiges, erschütterndes Ereignis dem

Menschenherzen abnötigt, mein Junge, das ist die Unthätigkeit, wozu wir

angesichts der Gefahr verurteilt sind, die uns ganz wehrlos in Gottes

Hand legt. Du vertraust nicht mehr auf dich, also fühlst du auch keine

Unruhe, -- das ist das Geheimnis alles wahren Glaubens!«

Es wurde still in der reichgeschmückten Kajütte; niemand sprach mehr,

nur die Stimme des Donners klang über das Wasser dahin, und der Sturm

brauste wie Orgelklang dazwischen. Oben auf dem Verdeck arbeiteten die

wackeren Hamburgischen Matrosen, deren eigene Sachkenntnis sie die

Blicke und Bewegungen des Kapitäns verstehen zu lassen schien;

wenigstens hätte keine menschliche Kraft ausgereicht, um in solchem

Wetter vernehmlich zu sprechen, geschweige denn bestimmte Befehle zu

geben. Einer der Schornsteine war verbogen wie ein geknickter Halm, ein

Notmast über Bord gegangen, und von der Mannschaft fehlten zwei. Die

beiden Thüren der Kombüse, einander gegenüberliegend, waren

herausgerissen und sämtlicher Inhalt des kleinen Raumes ins Meer

gespült, kurz auf jedem Zollbreit Bodens zeigten sich die Spuren einer

grauenvollen Verwüstung, eines Kampfes, dem nichts gewachsen war, was

überhaupt losgerissen oder zerschlagen werden konnte.

Wieder trafen sich die Blicke des Kapitäns und des alten Steuermannes.

Witt nickte, worauf sein Vorgesetzter in die Kajütte hinabging.

»Gewonnen!« rief er, »obwohl es schwere Opfer gekostet hat. Jetzt ist

die äußerste Grenze erreicht, der grimmige Feind muß uns seine Kraft

dienstbar machen und die »Hammonia« mit verdoppelter Eile nach den

Inseln im Guinea-Busen befördern.«

Holm versuchte es, dem Kapitän näher zu treten, wurde aber sogleich,

nachdem er den schützenden Halt losgelassen, unsanft auf den Fußboden

gesetzt und unter das Sofa gerollt. »Ein Cyklonenritt, nicht wahr?«

fragte er von dort her.

Jetzt lachten alle. »Ein Cyklonenritt!« wiederholte der Kapitän. »Woher

wissen denn Sie eingefleischte Landratte, der Sie nicht einmal

»Seebeine« besitzen, was das Ding bedeuten will?«

Holm hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet. »Belehren Sie uns,«

sagte er artig. »Sie haben die Sache praktisch kennen gelernt, ich habe

sie studiert; einer kann also das Wissen des anderen ergänzen.«

»Demnächst, mein Freund. Jetzt kommen Sie mit mir an Deck, immer hübsch

im Schutz eines niet- und nagelfesten Gegenstandes, und sehen Sie sich

das Schauspiel im weiteren Umkreise an. Noch ein Viertelstündchen, dann

hat es ausgetobt, der Himmel wird wieder im Sonnenglanz leuchten und nur

ein starker, regelmäßiger Wind, dessen kreisförmige Richtung uns jetzt

nicht mehr schaden kann, das Schiff wie im Fluge vor sich her treiben.

Folgen Sie mir, meine Herren!«

Die ganze kleine Gesellschaft, mit Ölzeug und Südwester versehen, klomm

an Deck. Man konnte es wirklich nur klimmen nennen, da jeder Anprall des

Sturmes einen lebhaften Widerstand erforderte und kein Schritt ohne die

Führung des quergespannten Seiles möglich war. Welch ein Anblick bot

sich dem Auge! Erschütternd furchtbar und doch wieder großartiger als

alle Schöpfungen der Kunst, ja selbst der entflammtesten Phantasie. Am

Himmel alle Farben, vom glühenden Purpur bis zum weißen, elektrischen

Licht, vom tiefsten Schwarz der Wetterwolke bis zum grün und gelb

schillernden, rotumrandeten Zackenblitz, -- unten im Meer die

Schaummasse zu Bergen getürmt, von Klüften und Thälern durchschnitten,

rollend und grollend, wie ein Raubtier aufspringend gegen die Eisenwände

des Dampfers, gekrönt mit tausend weißen Perlenbogen und in seiner

tieferen Mitte schwarz wie das Wasser des Höllenflusses dahingleitend,

-- so bot das Gesamtbild fortwährend neue Formen, so schien jedes

einzelne das schönste und erhabenste im großen Ganzen.

Und doch war noch ein Schauspiel, seltener und fesselnder als alle

vorigen, den Zuschauern vorbehalten. Aus einer dichten Wolke fiel in

nächster Nähe eine riesige, purpurrote Feuerkugel so hoch herab, daß ihr

Lauf bis zu der Meeresoberfläche deutlich verfolgt werden konnte. Je

näher dem Ziele, desto mehr verstärkte sich die Schnelligkeit des

Falles, desto heller wurde der Purpur, bis endlich auch dessen letzter

Schimmer in Weiß überging, und die Kugelform allmählich unter der

Gestalt eines Ovals verschwand. Als die Erscheinung fast neben dem

Schiff das Meer berührte, spritzte sie auseinander wie geschmolzenes

Blei, und eine Dampfsäule, schnell verziehend, bezeichnete das

plötzliche Erglühen des getroffenen Wassers.

Der Kapitän nickte, als beantwortete er seine eigenen Gedanken. »Nun

noch ein halbes Stündchen Gewitter ohne Sturm oder Regen, dann haben wir

Ruhe. Gott sei den Schiffen gnädig, die jetzt im Mittelpunkt kämpfen.«

Es geschah wie er vorausgesagt. Der Aufruhr der Wogen legte sich, an

Deck konnte einige Ordnung wieder hergestellt werden, das Feuer im

Maschinenraum erlosch, und das Schiff flog vor dem Wind wie ein Vogel

über die geglättete Fläche dahin. Immer noch zuckten Blitze, immer noch

ging die See hoch, aber dennoch war alle Gefahr vorüber, und nun

versammelte sich die Reisegesellschaft bei hellem Sonnenschein um eine

Tasse Kaffee, die zwar stehend getrunken werden mußte, aber trotzdem

nach der gehabten Aufregung vortrefflich mundete. »Solche Cyklonen, --

auch Orkane, Taifune oder Hurrikane genannt -- sind Wirbelwinde,«

erläuterte der Kapitän. »Ganz dasselbe, was wir alle am Lande so oft

gesehen haben, wenn vor einem Gewitter plötzlich die Luftmassen sich um

ihre eigene Mitte drehen und irgend einen leichten, zufällig dort

befindlichen Gegenstand aufheben oder weitertreiben. Der innerste hohle

Raum der Wettersäule ist natürlich windstill, da aber die Bewegung in

großer Eile fortschreitet, so ist eben diese Stelle die gefährlichste

von allen, weil sich der stärkste Anprall darüber hinwälzt. Ein Schiff

im Zentrum des Orkans ist meistens verloren, die Benutzung des äußersten

Sturmrandes dagegen jetzt schon an Punkten eines häufigen Vorkommens

desselben zu einer Art Verkehrseinrichtung geworden. Wer die Sache

praktisch kennt und daneben zu denken versteht, kann auch dem Orkan

rechtzeitig aus dem Wege gehen, d. h. seinen äußeren Rand erreichen.«

»Wie Sie soeben gethan, nicht wahr, Herr Kapitän?«

»O weh -- da bin ich unvorsätzlich mit dem Klingelbeutel gegangen. Aber

wirklich ist dies nicht der erste Wirbelsturm, den Witt und ich mit

einander bekämpfen. -- Hole den Alten herunter, Franz, wir wollen unsere

Rettung durch einen guten Trunk feiern; sag auch dem zweiten Steuermann,

daß er ein paar Flaschen Sekt herausgibt und den Leuten eine tüchtige

Extraration Grog zukommen läßt.«

Der Knabe sprang davon, um seinen Auftrag auszurichten; als aber die

Gläser an einander klangen, da wurde doch die allgemeine Stimmung eine

sehr ernste. Zwei Matrosen hatte der Sturm in den Wellen begraben, zwei

trauernde Familien zuhause in Hamburg waren ihrer Söhne und Brüder

beraubt; das trat erst jetzt, nun die Schrecken vorüber, mehr in den

Vordergrund und verscheuchte die Heiterkeit. Auch vom Matrosenraum her

erklang kein Singen und Lachen, wie es sonst bei Gelegenheit jeder

Extraration von der immer gutgelaunten Schar angestimmt wird, der

Kapitän hielt eine Ansprache, der noch Doktor Bolten einige ernste Worte

beifügte, und dann wurde das sämtliche Eigentum der beiden Ertrunkenen

fest versiegelt in die Kajütte gebracht, um mit der rückständigen Heuer

an das nächste Hamburgische Konsulat abgeliefert zu werden. An diesem

Tage kam keine rechte Unterhaltung mehr in Fluß, auch zum Arbeiten

gelangte man nicht. In allen Ecken und Winkeln des Schiffes lagen ja die

beweglichen Gegenstände über einander geschichtet; da mußte neu geordnet

und aufgeräumt werden; das Verdeck glich einem Schlachtfelde. Die

Fleisch- und Wasserfässer waren hinweggespült oder ihres Inhaltes

beraubt worden, so daß sich der Kapitän Glück wünschte, mit

beschleunigter Fahrt die Insel Fernando Po erreichen zu können.

Fernando Po läßt überall vulkanische Natur erkennen. Schon von weitem

sahen die Reisenden den Pik gleichen Namens, welcher prachtvoll bewaldet

in der Höhe von 3500 Fuß das Meer überragte; sowohl der Kapitän als auch

Holm waren aber der Ansicht, daß ein Ersteigen dieses Berges wie

überhaupt ein Aufenthalt von längerer Dauer ganz unmöglich sei. Die fünf

Inseln im Guineabusen sind eben die ungesundesten Punkte des tropischen

Klimas, weshalb auch Spanien die Insel Fernando Po als Deportationsort

braucht. Das große Gefängnis sah wie ein dunkler Punkt aus der heiteren

Umgebung hervor, mehrere Kirchen und Kapellen wurden bemerkbar, aber

dennoch wohnen fast gar keine Europäer dort, weil die bösartigsten

Hautkrankheiten fortwährend herrschen.

Ein Tierleben kennen die Inseln, soweit es Vierfüßler betrifft, fast gar

nicht. Nur einige Affen leben auf den Bäumen, Schaltiere am Strande und

außerdem verschiedene Vogelarten. Der Spaziergang war daher von keiner

Gefahr bedroht, zumal die Eingebornen, die Aniyas, wie sie sich nennen,

ein sehr scheuer, friedfertiger und verarmter Menschenschlag sind. Es

lebt auf den zerstreuten Inseln nur eine verhältnismäßig sehr geringe

Bevölkerung.

Aber schön wie im Paradiese war die Umgebung. Rauschende Wasserfälle

stürzten sich über Felszacken herab, prachtvoll blühende tropische

Pflanzen aller Art bedeckten die Ufer, und Höhlen und Gänge, tiefe

Schluchten und schwindelnde Berghöhen entzückten das Auge. Die Knaben

füllten ihre Botanisierkapseln mit den Blüten und Blättern großer

Prachtlilien, des Papyrus, der Kommelinen, Datteln und der Killingia,

sie sammelten ungestört Moose und Flechten, die duftigsten Kräuter, die

verschiedensten Waldbeeren von schönem Purpur oder Hellrosa, -- nur

Menschen begegneten ihnen nicht.

»Gibt es denn hier keine Dörfer?« fragte Bolten den finster blickenden

spanischen Führer. »Wird kein Feldbau betrieben?«

»Nichts!« war die Antwort. »In diesem Klima arbeitet niemand.«

»Ein trauriges Paradies!« setzte Holm hinzu. »Aber horch, ich glaube, es

kommt jemand durch den Wald.«

»Das ist wohl möglich. Die Aniyas streifen überall herum und suchen

Beeren.«

Wirklich erschien auch in diesem Augenblick die Gestalt eines Greises,

der mit dem Weidenkorb am Arm Schwämme sammelte. Auf einen langen Stab

gestützt, bot der Alte einen ebenso seltsamen als bedauernswerten

Anblick. Ganz nackt, ohne jegliche Spur von Bekleidung, trug er auf dem

Kopf ein korbartiges Gestell aus Weidengeflecht, über welches die grauen

Haare nach allen Seiten hin künstlich zusammengedreht waren. Nadeln von

Affenknochen, kranzartig gesteckt, hielten den Bau, und Schnüre von

kleinen gelben Okerkugeln schlangen sich hindurch. Am Oberarm hatte der

Mann ein hölzernes Stäbchen mit mehreren Schnüren befestigt, sonst war

nicht einmal zum Schutz der nackten Füße irgend eine Vorrichtung

getroffen, außerdem aber auch die Haut des ganzen Körpers mit einer Art

Aussatz bedeckt.

Die Jammergestalt wollte schleunigst flüchten, aber auf Holms Wink

ersuchte ihn der Führer noch zu bleiben und den Herren zu antworten. »Es

soll dir kein Leides geschehen, Graukopf,« setzte er hinzu, »komm und

sprich dreist.«

Der Wilde trat näher und bot den Fremden seine Schwämme. »Die Aniyas

sind arm,« sagte er, »sie können den Weißen keine Gastfreundschaft

darbringen; ihre Wohnungen bestehen aus einem Mooslager in der

Felsenspalte und ihre Nahrung aus Waldfrüchten.«

Die wohlduftende Gabe wurde dankbar angenommen und dafür der Korb des

Wilden mit Geschenken aller Art angefüllt. Holm fragte den Führer nach

dem Grunde dieser auffallenden, fast nirgends mehr gefundenen gänzlichen

Nacktheit und erhielt zur Antwort, daß kein Eingeborner von Fernando Po

jemals ein Kleidungsstück an sich dulden würde; vielfache Versuche in

dieser Richtung seien bereits fehlgeschlagen, dagegen verwende man auf

die Herstellung des Kopfschmuckes alle mögliche Sorgfalt. »Die Aniyas

sind ein melancholisches Volk,« setzte er hinzu. »Der fortwährenden,

hier heimischen Hautkrankheiten wegen glauben sie unter einem Banne zu

stehen. Aber der Alte soll selbst erzählen.«

Und dann nach kurzer Rücksprache berichtete der Wilde folgende

Thatsachen, die auf Fernando Po wie eine Art geschichtliche

Überlieferung sowie eine Glaubenslehre gelten. »Die ersten Menschen

lebten gesund und glücklich,« hieß es, »denn sie kannten noch nicht die

Wohnung des großen Geistes, sie hatten noch nicht seinen Zorn

herausgefordert und das Mißgeschick über ihre Häupter herabgerufen.

Schwämme und Beeren, Wurzeln und Früchte boten die Wälder, die See

lieferte Fische und Muscheln, die Kinder meines Volkes wußten nichts von

Krankheit oder Hunger. Da verleiteten die bösen Mächte, die in den

finsteren Erdtiefen wohnen, einstmals einen der Aniya-Jäger, einem

voraneilenden Affen über Felsspalten und durch verworrene Schluchten zu

folgen, bis endlich ein grauenvolles, nur von zuckenden Blitzen

erhelltes Thal sich vor ihm aufthat. Der Affe verschwand plötzlich, der

Weg wurde enger und enger, sonderbares, unbekanntes Getier flog und

kroch über die Felsspitzen, und aus dem Winkel hervor trat ein Riese von

übermenschlicher Größe mit schweren Waffen und einer furchterregenden

Stimme. >Was vermissest du dich, mein Reich zu betreten, vorwitziger

Mann!< rief er. >Das sollst du mit dem Leben bezahlen.<«

»Der Aniya-Jäger, welcher nicht wußte, daß der große Geist in Gestalt

eines Riesen vor ihm stand, bereitete sich zum Kampfe. Im Anfang des

Ringens schien es, als ob der Bewohner der Höhle siegen werde, dann aber

traf ihn ein Schlag von dem Jagdspeer des anderen und streckte ihn zu

Boden. Er sah zu seiner Rettung nur noch einen Ausweg, nämlich den der

List. >Ich bin mächtig,< begann er, >viel mächtiger als du glaubst,

Mensch, ich kann alle deine Wünsche erfüllen. Wähle dir, was du zu

besitzen verlangst, aber laß mich frei!<

»Der Aniya erbat sich nun eine ewige, nie wechselnde Fruchtbarkeit des

Bodens, einen heiteren Himmel und schöne Blumen; er wollte Jagdglück

erringen und kräftige Muskeln behalten bis in das höchste Alter; --

alles bewilligte ihm der Riese und mußte zuletzt auch den Felsen

gebieten, sich zu öffnen und den Fremdling ziehen zu lassen. Sobald aber

dieser die unheilvolle Grotte im Rücken hatte, ertönte hinter ihm ein

spöttisches Lachen. >Ha, ha, ha, deine Haut hast du vergessen,

kurzsichtiger Thor! Fortan soll dich jede Stunde daran erinnern, daß du

dem großen Geiste eine Beleidigung zugefügt. Zieh hin, das Kra-Kra wird

von deinem Stamm nicht mehr weichen.<«

»Und so geschah es,« schloß der Alte. »Mein Volk ist bis auf diesen Tag

nicht wieder erlöst von dem Zorn des großen Geistes. Das Kra-Kra

überfällt jedes seiner Kinder.«

Der Führer hatte Wort für Wort diese ganze Rede übersetzt; er schüttelte

den Kopf, als Doktor Bolten entrüstet einer solchen Auffassung von dem

Wesen des großen Geistes entgegentreten wollte. »Das nützt nichts, meine

Herren,« versicherte er, »sie glauben es alle, Männer und Frauen, wie

sie denn auch alle an der schlimmen Hautkrankheit zu leiden haben.

Dieser hier plagt sich augenscheinlich daneben auch noch mit dem

berüchtigten Guineawurm. Sehen Sie, er haspelt ihn aus der Haut heraus.«

Der Wilde zeigte seinen Oberarm, an dem unter einer Schicht von

gequetschten Blättern, da wo das Holz lag, ein kleines Geschwür zu Tage

trat. Ein rot schillernder Faden, dünn wie Zwirn, war zum Teil um das

Stäbchen gewickelt, zum Teil aber mußte er noch im Fleische stecken.

»Der Guineawurm,« erläuterte der Führer. »Er kommt nur an der Goldküste

und hier vor, also an den ungesundesten Stellen, und erregt da, wo er

sich Eingang verschaffte, ein bösartiges Geschwür. Als unsichtbar kleine

Milbe auf die Haut gelangt, wächst das schreckliche Tier im Fleische bis

zur Länge von vier Metern, und zwar wie alle mit der Polypenfamilie

verwandten Geschöpfe, indem es, etwa zerrissen oder durch äußere Gewalt

halb von seinem Platze entfernt, trotzdem sich ergänzt und ungestört

fortlebt. Welche Schmerzen es erregt, das läßt sich denken.«

»Und mit diesem Holze wickelt es der Mann heraus?« fragte Franz

schaudernd.

»Ja, das heißt, sehr langsam, vielleicht kaum einen Zentimeter lang an

jedem Tage. Es fordert Monate, bis der ganze Wurm beseitigt ist.«

Mehrere andere Eingeborne waren während dieser Unterhaltung

herbeigekommen, alle mit Körben zum Schwämme- oder Beerensuchen, alle

mit dem seltsamen Kopfputz und ohne Kleidungsstücke. Die Reisenden sahen

keinen einzigen, der nicht hier oder da Spuren des Kra-Kra gezeigt

hätte.

»Laßt uns Abschied nehmen,« ermahnte Holm. »Das ist ein unerquicklicher

Aufenthalt.«

Die Wilden wurden reichlich beschenkt, einige ihrer Knochennadeln und

Ockerkugeln wanderten für das Museum zuhause in Hamburg in Holms

Botanisierkapsel, und dann war der Aufenthalt in diesem kleinen

Paradiese, das doch so viel Elend und tiefste menschliche Unwissenheit

barg, zu Ende. Alle freuten sich, als sie die Planken des Schiffes

wieder unter ihren Füßen fühlten, ja Holm beantragte sogar, den Besuch

der Prinzeninsel ganz zu unterlassen, namentlich da der Kapitän

erklärte, daß diese außer einer noch reichhaltigeren und blendenderen

Schönheit ebenso wie Fernando Po kein weiteres Interesse darzubieten

habe. Bei den Hottentotten im Kaplande war jedenfalls mehr Aussicht auf

Abenteuer. Der Dampfer änderte also, nachdem Fleisch und Wasser

eingenommen waren, seinen Kurs und steuerte der Südspitze von Afrika,

der Kapstadt zu. Unterwegs wurde ein Hai gefangen, was natürlich den

Knaben besonderes Vergnügen gewährte. Das Raubtier mit seinem kleinen

Adjutanten umschwamm während eines ganzen Vormittags beharrlich das

Schiff, zuweilen verschwindend, zuweilen plötzlich fast aus dem Wasser

hervorragend, bis endlich auf vieles Bitten der beiden Brüder der

sogenannte Haihaken ausgeworfen wurde. Ein tüchtiges Stück Speck saß

daran; die Kette, womit er, durch mehrere Blöcke gegen einen

unerwarteten Ruck gesichert, am Mast befestigt worden, konnte man

zuverlässig nennen. Die Fahrt des Dampfers ist auf halbe Kraft gesetzt,

der Speck schwimmt verlockend und appetitlich durch das blaue Wasser, --

jetzt nur noch ein schneller Sprung, Meister Hai, und dann hat dich dein

Geschick ereilt!

Der alte Witt brachte eine Handspeiche von solidem Aussehen, schon mehr

eine kleine Keule; selbst die an solche Jagd gewöhnten Matrosen und

Doktor Bolten sahen voll gespannter Erwartung über Bord; der Koch setzte

sich eine flache Schüssel und ein großes Messer zurecht; Holm rieb die

Hände in der Hoffnung auf den Riesenkopf, welchen er bereits gehörig

abgekocht als weißes, sauberes Knochenpräparat vor sich stehen sah.

»Auch den Magen muß ich selbst öffnen, Kapitän,« rief er lebhaft, »das

bedinge ich mir. Vielleicht sind Würmer und Schnecken darin, die man

sonst nirgends zu erlangen vermag.«

»Aber die Nürnberger hängen keinen, Doktor! es sei denn, sie hätten ihn

zuvor.«

»Wir werden ihn schon kriegen.«

Das schien indessen doch nicht so gewiß. Der Haifisch schnupperte, aber

er biß nicht; zuweilen kümmerte er sich gar nicht um den Köder, und

schon machte Franz den Vorschlag, den Räuber, wenn man ihn denn durchaus

nicht fangen könne, wenigstens zu erschießen, da trat der alte Witt an

die Kette und hob langsam den Speck aus dem Wasser. Das Mittel half über

Erwarten. Als Meister Hai die Beute verschwinden sah, griff er hastig zu

und schoß dann so urplötzlich auf den Grund, daß das Schiff in allen

seinen Fugen zitterte. Ein lautes Hurra der Mannschaft begleitete das

Stoßen des letzten Kettengliedes, jetzt hatte man ja den Erzfeind

gefangen.

Rüstige Arme hängten sich an die Kette, im Wasser entstand ein Toben und

Wogen, daß der Schaum hoch über das Verdeck dahinspritzte; dann zeigte

sich der Kopf mit den raublustigen Augen, der Körper folgte nach, und

wütende Schwanzschläge peitschten das Verdeck. »Aus dem Wege!« rief

ängstlich Doktor Bolten, »aus dem Wege!«

Er zog mit beiden Händen seine Schüler von der gefährdeten Stelle

hinweg, zumal jetzt, als zwei Matrosen den Mast erkletterten, um die

vorerwähnte Speiche aus allen Kräften dem Ungeheuer in den Rachen zu

stoßen. Das half, die heftigen Schläge hörten auf, und sehr bald lag der

Fisch tot an Deck, um in hundert Stücke zerlegt zu werden. Holm schnitt

den Kopf herunter; er brannte vor Begier, das große, kräftige Exemplar

gut präpariert nach Hamburg zu bringen, der Koch bemächtigte sich des

Rückenfleisches, und die Matrosen zogen die Haut ab; dann aber wurde der

Magen geöffnet und darin verschiedene Schnecken und sogar Krebse

gefunden, die der Nimmersatt erst ganz kürzlich verschlungen haben

mochte. Alles übrige warf man ins Meer zurück. Am folgenden Tage

erschien dann das Hai-Steak auf der Tafel, fand aber nur äußerst wenig

Beifall, da es sehr zähe war und etwas nach Thran schmeckte. Für den

herrlich abgekochten Kopf erhielt der Koch desto mehr Lobsprüche; auch

kein Zahn von allen diesen hintereinander stehenden Reihen war

ausgefallen, ja sogar die Gelenkigkeit des zweiten Gliedes, das in die

etwa entstehenden Lücken des ersten sogleich einen Ersatzzahn

hineinschiebt, war bestens erhalten, der ungeheure Rachen mußte eine

Zierde des Museums werden; er sollte schon mit dem ersten Postdampfer

von der Kapstadt aus die Reise nach Europa antreten; deshalb verpackte

ihn Holm eigenhändig in eine Kiste, die der Zimmermann genau nach Maß

angefertigt hatte, und die man in der Kajütte verwahrte.

Das war schon die zweite Sendung nach Hause! Papa sollte sehen, wie

ernst es seine Söhne nahmen mit dem naturwissenschaftlichen Zweck dieser

Reise.

Ungefährdet erreichte das Schiff die Kapstadt. Nachdem ein Tag

verwendet, um die schöne, reiche Stadt mit ihren sehenswerten

Umgebungen, namentlich den Tafelberg in Augenschein zu nehmen, nachdem

verschiedene Geschenke für die Hottentottenhäuptlinge gekauft und Führer

und Pferde gemietet waren, begann aufs neue die fröhliche Wanderung ins

Innere. Der Dampfer nahm Ladung für Port Louis auf Mauritius,

hauptsächlich Wein und Wolle, daher blieb Zeit genug, um auch hier in

dem viel gesunderen Klima durch die Wälder zu streifen und Land und

Leute kennen zu lernen.

Die ersten Tagreisen hinter der Kapstadt bringen keine Begegnung mit

Raubtieren, dafür ist die Kultur schon zu weit vorgeschritten und das

Wild durch stete Verfolgung in die Wälder zurückgetrieben. Unsere

Reisenden sahen hübsche Dörfer, Landsitze und Meiereien, überall den

blühendsten Wohlstand und das beste Gedeihen, aber nirgends ein größeres

Tier, nirgends Hottentotten im Naturzustande und vor allen Dingen nicht

die Schönheit der Landschaft, welche sie an der Westküste und auf

Fernando Po bewundert hatten. Es kamen lange reizlose Strecken voll

Buschwerk und Sand, dann wieder niederer, dünngesäeter Wald oder

endlose, langweilige Grasflächen, nur verschönert durch blühende

Pelargonien (Geranium) in allen Farben und in einer bei uns in

Deutschland ungeahnten Größe der Blume; an den wenigen Flüssen, welche

sie antrafen, wuchs der Oleander, und üppig blühte auf jedem Schritt der

Heidestrauch, bald am Boden hinkriechend, bald mannshoch und zuweilen

als stattliches Bäumchen. Das Kapland hat einen so unendlichen

Pflanzenreichtum und so viele Erscheinungen auf diesem Gebiet ganz für

sich allein, daß es unmöglich wäre, sie alle aufzählen. Holm teilte mit,

daß allein fünfhundert Arten von Heiden und dreihundert von Geranien

schon in europäischen Gewächshäusern bekannt seien, ja daß zuweilen

durch eine seltsame Laune der Natur irgend eine Pflanze in einer

einzigen Schlucht hier vorkomme und außerdem nirgends in der ganzen

weiten Welt wieder gefunden werde.

Auch die Aloe mit ihrer märchenhaften Blüte fand sich zahlreich vor, und

jetzt begann schon das Leben der freien Tierwelt. In ganzen Herden

zeigten sich die großen Kuduantilopen, die Zebras und Quaggas, die

Springhasen und Sandgräber, aber kein Raubtier kreuzte den Weg, bis

endlich die erste Nacht im Freien verbracht wurde und lüsterne

Hyänenaugen von fernher durch die Büsche schimmerten. Die feigen,

hundeähnlichen Geschöpfe wagten sich aber nicht heran, weil während der

ganzen Nacht ein tüchtiges Feuer unterhalten wurde. Es war hier des

Nachts kalt genug, um Feuer und Wolldecke gern anzunehmen; die Reisenden

freuten sich, als der Sonnenaufgang den Weitermarsch möglich machte,

namentlich da die Führer versicherten, daß jetzt ein Hottentottenkraal

binnen wenigen Stunden zu erreichen sei.

»Hat dieser Stamm einen König?« fragte Franz.

»Gewiß. Mazemba bewohnt die größte Hütte im Kraal und hat die meisten

Frauen; aber er ist alt, seine Krankheit erlaubt ihm nicht mehr, Rinder

zu hüten oder auf die Jagd zu gehen.«

»Was betreibt er denn jetzt?« forschte der junge Hamburger begierig, von

dem rinderhütenden Fürsten mehr zu hören. »Hat König Mazemba Kinder?«

Der Führer, selbst ein Sohn des gelben Volkes, nickte. »Die Quaquas (so

nennen sich die Hottentotten) bleiben, wenn sie Männer geworden sind,

selten mehr in den Kraalen ihrer Väter,« antwortete er, »sie suchen die

Dienstbarkeit der Weißen und werden auch oft selbst Landwirte. Es gibt

in der Umgegend der Kapstadt manchen Gelben, der seine eigene Schafzucht

oder Käserei besitzt und um keinen Preis zu den Verwandten in die Wälder

zurückkehren würde.«

»Was ich ihm durchaus nicht verübeln kann!« schaltete Holm ein, wobei er

sich jedoch, um niemandes Gefühle zu verletzen, der deutschen Sprache

bediente. »Schau hin, Franz, mein Söhnchen, das Ding da ist der Kraal,

Seiner Majestät Mazembas des Wassersüchtigen Allerhöchste Residenz, oder

ich will bis an das Ende aller Tage Afrikareisender bleiben.«

»Ein furchtbares Los!« konnte sich Doktor Bolten nicht enthalten

auszurufen.

Franz lachte. »Karl, weshalb glaubst du, daß dieser Fürst notwendig an

der Wassersucht leiden müsse,« fragte er. »Da vor uns haben wir ja einen

nackten, langgestreckten Erdhaufen.«

»Aber dahinter liegt dennoch Mazembas Palast; glaub mir's, mein Junge.

Und die Wassersucht hat der Monarch auch, entsetzlich geschwollene Füße

und Schmerzen in allen Gelenken, das ist das Los fast eines jeden der

Häuptlinge, die ihr Leben faulenzend und liegend in den feuchten,

beinahe unterirdischen Höhlen verbringen und nicht selten so träge sind,

daß sie sich von ihren Weibern buchstäblich füttern lassen. Da gibt es

für solch einen Schmutzmenschen keine geistige oder körperliche

Thätigkeit, er schläft und ißt, prügelt seine Umgebung und schläft

wieder, bis endlich ein frühes Erkranken und Altern das nutzlose Dasein

abschließt. Das wirst du noch häufig, namentlich auf den Südseeinseln

bemerken, wo fast alle alten Leute an der Elefantiasis, d. h. furchtbar

geschwollenen Beinen und Füßen, leiden.«

Der Führer streckte jetzt den Arm aus. »Das ist Mazembas Kraal,« rief

er, auf eine überhängende, spärlich mit Moos bewachsene Berglehne

zeigend, »hier bin ich geboren, aber Vater und Mutter leben mit mir in

der Stadt. Es ist doch traurig, so zwischen den Felsen zu hausen,

obgleich dieser Kraal ein sehr reicher ist, er besitzt sogar eine

Quelle.«

»Dessen kann sich hier also nicht jeder Haushalt rühmen, Freund Quaqua?«

»Ganz gewiß nicht. Viele Stämme müssen mit dem, was der Regen spendet,

und mit den reichlich wachsenden Wassermelonen fürlieb nehmen. Außer dem

Bedarf zum Reinigen des Kochtopfes brauchen freilich meine

Stammesgenossen auch kein Wasser, denn die Kühe und Schafe treiben sie

auf entfernte Weiden, wo sich Trinkplätze vorfinden.«

»Ach! -- der echte Quaqua wäscht also seinen Körper niemals?«

»Nicht mit Wasser, Herr, er reibt ihn mit Fett.«

»Was diese Nachbarschaft für die Nasen der Kulturvölker äußerst

unangenehm macht,« sagte trocken der Gelehrte. »Aha, da zeigt sich

Jung-Hottentottentum in schönster Naturwahrheit.«

Ein halbes Dutzend spielender, durchaus unbekleideter Kinder lief beim

Erblicken der Fremden laut schreiend zum Eingang des Kraales zurück;

bald darauf zeigten sich gelbe Gesichter, mehrere Frauen kamen herbei,

und selbst Männer erschienen mit ausgestreckten Händen, um von den

Weißen etwas Tabak zu erbetteln. Nirgends gewahrte man indessen jenes

Erstaunen, das verwunderte Aufhorchen, welches die Neger ergriffen

hatte, wohin die Reisenden bis jetzt kamen; es trat vielmehr deutlich zu

Tage, daß diese Leute den Besuch weißer Fremdlinge schon oft empfangen,

ja daß manche unter ihnen selbst in der Kapstadt gewesen sein mochten

und das Leben außerhalb ihres Kraales sehr wohl kannten.

»Dort liegt Mazembas Hütte,« berichtete der Führer. »Gehen Sie ohne

Besorgnis durch die Dorfstraße, meine Herren, die Quaquas sind keine

Verräter, es wird ihnen nichts Böses geschehen.«

Doktor Bolten klopfte ihm auf die Schulter. »Hübsch von dir, daß du dein

Volk verteidigst, mein Sohn,« sagte er. »Geh also und melde uns dem

Fürsten.«

Die beiden anderen Führer blieben bei den Weißen, und so setzte sich der

Zug langsam in Bewegung. Es schien doch einigermaßen gewagt, so in den

Engpaß hineinzugehen und sich der Großmut der Wilden preiszugeben; aber

auch die zwei letzten Führer hielten das Unternehmen für gefahrlos; sie

hatten schon früher Reisende hierher begleitet und wußten, daß die

Hottentotten an keinen Überfall dachten. -- Eine Doppelreihe

erbärmlichster Lehmhütten zeigte sich den Blicken der vorauseilenden

Knaben; keine einzige davon war höher als bis zu etwa drei Metern,

sämtliche Thüren gestatteten den Eingang nur mittels des Kriechens auf

allen vieren, und die Dächer liefen trichterförmig in eine Spitze aus.

Während die Wohnungen der Neger ohne Ausnahme Pfahlbauten waren, hatten

sich die Hottentotten halb in den Boden hineingewühlt, lebten ohne einen

einzigen Lichtstrahl in engumschlossenen Räumen und konnten auch nicht

den kleinsten Versuch zu Anpflanzungen aufweisen. Alles lag vergraben

unter Schmutz, die Dorfstraße war eine Art von Pfütze, die gelben,

überaus häßlichen Gesichter zeigten gänzliche Unbekanntschaft mit dem

Wasser, und die Felle, in welche beide Geschlechter gehüllt waren,

hingen zerfetzt und besudelt von den durchweg kleinen Gestalten herab,

die Männer von den Schultern bis zu den Knieen bedeckend, während sie

bei den Frauen den Oberkörper frei ließen. Unzählige Troddeln aus

kleinen, schwarz und weißen Thonperlen fielen über die Brust herab, und

an Armen und Beinen waren die Sehnen oder Därme geschlachteter Tiere als

Verzierungen angebracht; alles durchaus schmutzig, mit Fett beschmiert

und vielfach zerrissen.

Trotz dieses elenden Zustandes schienen die Quaquas ein sehr

lebensfrohes Völkchen, das sogar seine Gäste mit Musik bewillkommnete.

Aus mehr als einer Thür kroch eine olivengelbe Gestalt, die in den

Händen einen ausgehöhlten halben Kürbis trug und nun auf drei darüber

hingespannten Saiten ein nervenerschütterndes Katzenkonzert verübte.

Jeder spielte für sich, und jeder tanzte einen tollen Wirbelreigen für

sich, so daß es bei dem Anblick dieser halbnackten, komischen Gestalten

für die Weißen unmöglich war, den zu einer Vorstellung bei Hof so

äußerst notwendigen Ernst zu bewahren. Sie lachten noch alle, als der

vorausgeschickte Führer zurückkam und verkündete, daß König Mazemba

sogleich vor der Thür seiner Wohnung erscheinen und die Gäste empfangen

werde. Auch hier in unmittelbarer Nähe des fürstlichen, mit mehreren

bunten Lappen und einem greulichen Götzenbilde verzierten Palastes

hörten die Künstler nicht auf, ihre Instrumente zu bearbeiten, nur

tanzten sie nicht mehr, sondern hatten sich rechts und links vom Eingang

postiert, wo sie immer noch mit lebhaftem Wiegen oder Schaukeln den

musikalischen Vortrag begleiteten. Ein ganzer Haufe von Frauen und

Kindern war den Weißen gefolgt, und jetzt nahte auch schon Seine

Majestät selbst; auf Händen und Füßen kriechend, unter schmerzlichem

Ächzen kam Mazemba ans Tageslicht. Was er sagte, das ging einstweilen

unseren Freunden verloren; als ihm aber der lebhafte Franz unter die

Arme griff und solchergestalt half, sich auf einen vor der Höhle

befindlichen Erdhaufen niederzulassen, da zeigte ein verblüffter

Ausdruck des gelben, verschrumpften Gesichtes, wie sehr sich der Alte

wunderte, daß es jemand gewagt habe, seine geheiligte Person zu

berühren. Er sah blinzelnd von einem zum anderen und ergriff dann einen

im Wege liegenden Stein, den er ohne weiteres nach den Musikanten

schleuderte, worauf sofort diesem nicht mißzudeutenden Befehl des

Stillschweigens Folge gegeben wurde. Alles verstummte, die Weißen zogen

ihre mitgebrachten Geschenke hervor, und der Führer begann sein Amt als

Dolmetscher.

Ein schnalzender Laut drang über die Lippen des alten Königs und wurde

dann in das Wort »Tabak« übersetzt, worauf sogleich mehrere Pakete in

die begierig ausgestreckten Hände fielen. Seine Majestät schoben

eiligst, ohne zu zaudern oder zu danken, das begehrte Labsal in den

Mund, dann wurde noch ein Wort gehört -- Branntwein! -- und als ein

Achselzucken darauf antwortete, hielt der Alte jede weitere Bemühung für

überflüssig. Mochte der bunte Putz, den vielleicht die Reisenden

außerdem noch mitgebracht hatten, seinen Weibern zu teil werden, er

selbst kümmerte sich darum nicht. Mit Mühe zum Eingang der Höhle

zurückkriechend nahm er französischen Abschied, ohne die Reisenden eines

weiteren Blickes zu würdigen; im nächsten Moment aber tönte die

verdrießliche Stimme aus dem Thürloch wieder heraus, diesmal in längerer

Rede. »Wenn die weißen Männer unter sich einen Zauberer haben, der im

stande ist, meine Schmerzen zu bannen, so will ich ihnen den fettesten

Stier schenken. O! o! Wie das reißt und bohrt!«

Natürlich war auch dieser Wunsch unerfüllbar, und so bewegten sich die

Reisenden weiter ins Dorf hinein, nicht ohne von der Stimme des

geplagten alten Königs noch eine Strecke begleitet zu werden.

»Zwei Kühe zu dem Stier, wenn ihr helfen könnt! -- Drei Kühe!«

»Sagte ich es dir nicht?« lächelte Holm. »Branntwein, Feuchtigkeit der

Wohnung und steter Müßiggang -- im Alter die Wassersucht und das

Zipperlein.«

»Merkwürdig wenig Zeremoniell war an dieser Hofhaltung vorhanden!« rief

der Knabe. »O lieber Himmel, da fängt die Musik wieder an.«

[Illustration: Der Zug nach Mazembas Kraal.]

Olivengelbe Gestalten schwangen sich rechts und links dem Zuge voran,

die büschelweise gewachsenen struppigen Haare flogen im Winde, die

zerrissenen Kuhfelle klappten auf und nieder, und ein wilder Reigen fand

an den überhängenden Felswänden der einen Straßenseite sein Echo. Wohin

die Gäste sich wandten, da folgte ihnen diese unerwünschte, jedenfalls

aber als Ehrenbezeugung aufgefaßte Begleitung, selbst als an der Quelle

Halt gemacht wurde, um zu rasten, tönte noch immer die sonderbare Musik

fort, bis denn endlich eine Verteilung von Geschenken stattfand, und nun

die Spielleute ihren Anteil forderten. Die Kürbis-Violinen flogen ins

Gras; neugierig, mit langen Hälsen warteten alle der Dinge, die da

kommen würden. Und dann brach der Jubel los. Spiegel, um die eigene,

bodenlose Häßlichkeit, die zuweilen ein Dritteil des ganzen Gesichtes

ausmachenden Lippen und die plattgedrückte Nase zu beschauen, feuerrote

Kattuntücher und Glasperlen für die Frauen, Tabak und Messer für die

Männer, Spielzeug für die Kinder, alles wurde verteilt, aber auch in

dieser Beziehung wieder beobachtet, daß die Hottentotten solche Dinge

bereits kannten, obgleich sie zu arm waren, um auf den Besitz Anspruch

zu machen. Die Umgebung der Quelle sah aus wie ein Marktplatz; rings im

Kreise saßen schnatternde jubelnde Frauen, und bewegten sich in Gruppen

die Männer, bei denen es dieses oder jenes Stückes wegen nicht selten

bis zu Thätlichkeiten kam; ein alter Hottentotte, der große Herden

besaß, feilschte mit den anderen um ihre Messer und bot Kälber und Kühe

für ein besonders gewünschtes Stück; ein jugendlicher Stutzer hatte sich

mit nicht weniger als fünf roten Tüchern an allen möglichen und

unmöglichen Stellen seines auswendigen Menschen umwickelt und stolzierte

jetzt wie ein Pfau zwischen den übrigen umher, ja endlich gerieten zwei

junge Damen einer Perlenschnur wegen dermaßen in Harnisch, daß sie sich

eine förmliche Schlacht lieferten. Beiß- und Kratzwunden, Büschel

ausgeraufter Haare, Fetzen von der Fellbekleidung und endlich das jähe

Zerreißen des Perlenbandes, alles das drängte sich zusammen in wenige

Augenblicke; nachdem aber die begehrten Glaskugeln auf den Boden gerollt

waren, entstand plötzlicher Friede. Beide Kämpferinnen lagen auf ihren

Knieen, um möglichst viele der bunten Flüchtlinge zu erhaschen; eine

suchte noch emsiger als die andere, und sobald eine Perle gefunden war,

flog sie in den Mund der glücklichen Besitzerin, woselbst ihr ein

sicheres Versteck hinter dem respektablen Gebiß bereitet wurde. Es

fehlte aber auch neben diesen kleinen, ergötzlichen Auftritten nicht an

den Zeichen wahrer Gastfreundschaft und Dankbarkeit; die armen Frauen

boten den Gästen ein Nachtlager in ihren Hütten und eine Mahlzeit von

den wenigen Vorräten, welche sie selbst in einer Art Grube oder

rohangelegtem Keller unter der Wohnung verwahrten; sie küßten die

Kleider der Fremden, und einige brachten sogar zum Entsetzen derselben

eine Art von Zither zum Vorschein, auf der sie spielten.

Das Essen wurde dankend abgelehnt. Worin es eigentlich bestand, ließ

sich nur schwer sagen, denn alle möglichen Gerüche stiegen aus dem

verbogenen, rostigen Eisengefäß empor, und Spuren früherer Mahlzeiten

hafteten reichlich an den Wänden. »Ich halte es für Mehlbrei!« erklärte

Franz.

»Hm, wenigstens waren erst ganz kürzlich noch Zwiebeln in diesem Topfe.«

»Etwas gleicht der Duft demjenigen einer verbrannten Milchspeise.«

»Und hier schwimmt eine jugendliche Wanze, Todes verblichen vor der Zeit

infolge eines gewagten Sprunges aus dem Fellgewande der Köchin in diesen

Hexenkessel.«

Holm fischte das berüchtigte Insekt. »Ich brauche dich nicht mit mir zu

nehmen, internationale Blutsaugerin,« sagte er mit seinem launigen Tone,

»denn du gehörst zu der Verwandtschaft, welche auch in deutschen

Federbetten vorkommt, -- fleuch!«

Er schnippte die Wanze von den Fingern und spendete das letzte bunte

Tuch einem kleinen Mädchen, dessen Wollkopf er damit umwickelte. »Wir

müssen doch in eine oder die andere dieser Hütten hineinkriechen, nicht

wahr?« fragte er. »Vielleicht ist dies der einzige Hottentottenkraal auf

unserem Wege. Wer geht mit, Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in

solchen Schlund hinab?«

»Mich entschuldigen Sie, bitte,« lächelte der Doktor. »Ich bin nicht

mehr jung genug, um mich für derartige Expeditionen noch genügend

begeistern zu können. Auf allen vieren, das dürfte für den

sechsundfünfzigjährigen Doktor der Gottesgelahrtheit ein wenig

empfehlenswertes Unternehmen sein!«

»Kommt also, ihr Jungen,« rief Holm, »aber ich bitte Sie, Doktorchen,

weichen Sie nicht vom Fleck. Mir ist seit unserer neulichen Trennung nur

allzuwohl erinnerlich, wie meisterhaft Sie im Faustkampf Ihren Mann

stehen, -- ich möchte nicht bei nächster Finsternis unbekannterweise

wieder zwischen Ihre Finger geraten.«

»Unbesorgt, ich bleibe hier und studiere den Bau des Kraales.«

Die jungen Leute ließen den Dolmetscher anfragen, ob es erlaubt sei,

eine Hütte zu besehen und wurden von den unermüdlichen Violinisten bis

zum Eingang der nächstliegenden begleitet. Dann ging es auf Händen und

Füßen vorwärts in den lichtlosen Raum hinein. Ziemlich geräumig mit

dichten Erdwänden, halb unter der überhängenden Felswand verborgen,

hatte die Hütte einen festgestampften Lehmboden und im Hintergrunde ein

Lager aus Moos und Fellen. Möbel waren nicht darin, nur ein ausgehöhlter

Kürbis voll Wasser, ein Eisentopf, eine Bratpfanne, Eisenlöffel und eine

Reihe von Götzen. Schauderhafte Fratzenbilder aus Holz, Thon, Lehm und

Knochen standen auf einer vorspringenden Erhöhung der Wand,

Tiergestalten dem Bau nach, obgleich kein Auge im stande gewesen wäre,

aus dieser plumpen Form die Gattung herauszufinden, Menschengesichter

von abschreckender Häßlichkeit und Schlangenfiguren in Lebensgröße,

zusammen mehr als zwölf verschiedene Arten. Holm wollte einen derselben

berühren, aber die Bewohnerin der Hütte streckte unruhig den Arm aus.

»Das ist die Gottheit, welche meine Kühe und Ziegen vor den Raubtieren

beschützt,« übersetzte der Dolmetscher. »Du darfst sie nicht nehmen,

Meister.«

Holm trat, um kein Gefühl zu verletzen, sofort zurück, erlaubte sich

aber, eine Wachskerze in Brand zu setzen und alles genauer zu

besichtigen. Große Spinnen hingen an den Wänden, Tausendfüße von

erschreckender Länge krochen zwischen den Fugen, und sogar Eidechsen mit

glänzenden Augen schlüpften durch das Moos; im Mittelpunkt des Baues

stand ein einzelner, rohbearbeiteter Balken, der das Dach stützte, und

nach der Straße hin führte eine Treppe aus Erdstufen in eine

kellerartige Vertiefung. Hier konnte nur eine Person Platz finden, daher

stieg zuerst Holm und nach ihm die Knaben hinab. Berge von Zwiebeln und

anderen Knollengewächsen lagen da aufgespeichert, Felle, getrocknetes

Fleisch und Kaffernkorn in großer Menge, ebenso Pfeffer und einige

frische Früchte. Offenbar waren diese Vorratskeller sowie die ganze

Bauart des Kraales auf einen etwaigen Überfall berechnet; vielleicht

hatten häufig streifende Buschmänner oder gar Kaffern ihre früheren

Raubzüge bis in die Wohnungen der friedlichen Gelben ausgedehnt, so daß

von alters her für einen derartigen Fall gesorgt worden war. Jetzt

freilich finden diese Kriege erst viele Meilen weiter in das Land hinein

noch statt, während die Hottentotten unter dem Schutze Englands leben.

Ein Übelstand war es besonders, der die Fremden so schnell als möglich

ihre Besichtigung zu Ende führen ließ, die unerträgliche, mit

Zwiebelduft, Ledergeruch und zahllosen anderen Beimischungen erfüllte

Luft des rings verschlossenen Raumes; sie atmeten auf, als die Straße

wieder vor ihnen lag, und trugen kein Verlangen, noch mehrere dieser

schmutzstarrenden Höhlen in Augenschein zu nehmen. Was die

Negerwohnungen in Dahomey und am Niger so ungemütlich machte, das war

ihre lockere Bauart, welche dem Wind von allen Seiten freien Zutritt

gewährte, dennoch aber mußten sie Paläste genannt werden im Vergleich zu

diesen schrecklichen Gefängnissen, denen selbst die Grundbedingungen

alles Lebens, Luft und Licht, vollständig fehlten. »Da unten aber ist's

fürchterlich!« fuhr Holm in seiner Nutzanwendung des Schillerschen

Tauchers fort, »Doktor, ich versichere Ihnen feierlich, daß Sie nichts

eingebüßt haben.«

Der alte Herr saß immer noch auf dem Abhang an der Quelle, jetzt aber

stand vor ihm ein kleiner, pausbackiger Junge von etwa zwölf Jahren, den

er eben mit Hilfe eines Dolmetschers ein wenig zu erziehen versucht

hatte, von dessen Bekehrung er aber seufzend absah. »Wissen Sie, Freund

Holm, was mir dieses Kind antwortet, als ich ihn frage, ob er je von dem

lieben Gott gehört? -- Da nickt er und sagt: >Wir haben erst vor ein

paar Tagen einen neuen bekommen. Großvater ist gestorben, der Zauberer

machte uns für die Hütte eine Schlange aus Thon, und darin wohnt nun

Großvaters Geist, zu dem wir beten! --<«

»Schlimme Nachrede für den alten Herrn!« lachte Holm. »Aber alle diese

Völkerschaften des Kaplandes glauben, daß die Seelen Verstorbener in

Schlangenleibern wohnen, das ist um nichts sinnloser und beleidigender,

als wenn z. B. die Chinesen heilige Schweine von ihren Geistlichen

umtanzen lassen. -- Jetzt aber zu unseren Pferden, nicht wahr?«

Man brach auf und ging durch den Kraal zurück. Aus Mazembas Hütte sah

das gelbe, vertrocknete Antlitz des Eigentümers blinzelnd hervor. »Zwei

Stiere will ich geben und sechs Kühe, alle meine Kühe, wenn mir der

weiße Zauberer helfen kann!«

Das war halb komisch, halb bedauernswürdig. Holm schüttelte nur stumm

den Kopf, gab den begleitenden Kürbisviolinisten ein Geldgeschenk: »Das

doppelte hättest du bekommen, wenn du uns mit deiner Fiedelei verschont

hättest,« wie er in deutscher Sprache hinzusetzte, und dann ging es

fort, der Kafferngrenze entgegen. Schon in einiger Entfernung glich der

Kraal einer bewachsenen Erhöhung, von der nichts Zeugnis gab, daß

dahinter mehrere Hunderte von Menschen lebten.

Obwohl Unterholz und Bäume überall am Wege Schatten spendeten, fehlte

der dichte, engbevölkerte, von lebenden Wesen aller Art wimmelnde

Hochwald bis jetzt gänzlich, so daß die Pferde ziemlich schnell vorwärts

gelangen konnten und noch vor Abend die Weideplätze der Hottentotten

erreichten. Solch ein gelber, halbnackter Hirte, von einer Anzahl

magerer, bösartiger Hunde umbellt, behütete nicht selten Rinder- und

Schafherden in so großer Anzahl, daß es kaum möglich schien, alle diese

Tiere zu überblicken und zu zählen. Demnach mußten sich die Leute auf

ihr Hunde verlassen können, da sie meistens in träger Ruhe unter einem

Baume lagen oder die landesübliche Kalebasviole spielten. Unsere

Reisenden ritten durch dichtgedrängte Scharen friedlicher Wiederkäuer

oder besonders großer und schöner Schafe, die auf den Ebenen weideten,

-- noch immer war das eigentlich »wilde« Gebiet nicht erreicht. Am

Horizont schimmerte indessen bereits ein langgestreckter, dunkler

Streif; das war der Wald, und mit ihm kamen die Abenteuer, welche

diesmal ernstlicher werden sollten, als sich's die kleine Gesellschaft

dachte. Im Schutz einer Felsschlucht wurde das Nachtlager aufgeschlagen

und ein mächtiges Feuer entzündet, so daß die nächste Umgebung ziemlich

hell beleuchtet war. Als die Stimmen schwiegen und ringsumher tiefe

Stille eingetreten, begann sich's in den Zweigen der ziemlich dicht

stehenden Bäume zu regen. Kleine Geschöpfe glitten wie Schatten auf und

ab, glänzende Augen sahen zum Feuer hinüber. Franz glaubte, plötzlich

der Prinz des deutschen Märchens geworden zu sein; er meinte, die Zwerge

auf dem Gras sich tummeln zu sehen und hörte ihr leises geisterhaftes

Flüstern. -- --

Trugen sie nicht Holz herbei, saßen sie nicht im Kreise um das Feuer,

grauröckig, kahlköpfig und nickend, die Brosamen verzehrend wie einst

die Bettler der biblischen Überlieferung am Tische des Reichen? -- --

»Karl, Karl, was ist das? -- Habe ich Fieber?«

»Pst, du verscheuchst sie, Junge! Das sind Zwergmakis.«

»Nicht größer wie eine Maus!« raunte Franz, der sich von seinem

Erstaunen noch immer nicht erholen konnte. »Ob es unmöglich wäre, einen

davon zu fangen, Karl?«

»Das vielleicht nicht, aber wer könnte ein so kleines Wesen fesseln?

Diese Art lebt nur in der Freiheit und nur in der heißen Zone. Schade,

daß ich keine Vogelflinte besitze, um ein Exemplar zu schießen und

auszustopfen. Es bildet in seinen kleinsten Formen den Übergang zum

Nagetier, -- auf allen vieren laufend würde es von einer großen Maus

kaum zu unterscheiden sein. Aber sieh dorthin, die Gesellschaft mehrt

sich.«

Von allen Bäumen kletterten die Halbaffen (Lemuren) herab, um die

Überbleibsel der gehaltenen Mahlzeit zu erhaschen. Mit ihren großen

schwarzumränderten Augen, dem spitzen Gesicht und dem dichten

abstehenden Bart schienen die schlanken Tiere beinahe unheimlich. Die

Vereinigung des Affen und der Ratte zu einem geschmeidigen, hübschen und

listigen Geschöpfe repräsentierend, sind sie halb Nager halb Affe, doch

ohne die Häßlichkeit der letzteren Familie. Alle verstanden es aufrecht

zu gehen, die kleinste Art schien sogar dieser Fortbewegungsweise den

Vorzug zu geben; winzige, krallenbewaffnete Hände nahmen den Brocken und

führten ihn der spitzen Rattenschnauze zu; beide Arme öffneten sich

weit, um mit großer Anstrengung das Knöchelchen eines gebratenen Huhnes

fortzuschleppen oder irgend einen saftreichen Blumenstengel in das Nest

zu tragen.

Endlich nahte auch so ein kleines Lemurenmütterchen mit zwei Jungen, die

auf ihrem Nacken hockten, so daß es aussah, als habe die Alte drei

Köpfe. Eins der Kleinen war so unruhig, daß es das Äffchen herabnahm und

wie ein Kind auf dem Arme trug, indes die andere Hand Cakesbrocken aus

dem Moos des Bodens hervorsuchte. Franz glaubte, nie etwas Hübscheres

gesehen zu haben; er konnte der Versuchung, die kleine Gesellschaft zu

füttern, nicht widerstehen und warf plötzlich eine Hand voll Krumen auf

den freien Platz hinaus. Schon in der nächsten Sekunde war alles wie in

den Boden hinein verschwunden, selbst die größeren Tiere hatten

schleunigst das Weite gesucht. Es konnte aber auch nicht schaden, wenn

eine Gattung der anderen Raum gewährte, gerade jetzt sollte sich ja der

außergewöhnliche Reichtum an lebenden Wesen, wie ihn das Kapland

besitzt, erst einmal zeigen. -- An den Bäumen hing in großer Anzahl das

träge, schwerbewegliche Chamäleon mit seinen blitzenden Augen und dem

spitzen Rüssel, aus welchem die Zunge hervorhängt, die ruckartig

hineingezogen wird, sobald sich eins der Tausende von herumfliegenden

Insekten darauf gesetzt hat. Bald grau, bald rot, grünlich oder schwarz

schimmernd, je nachdem es jagt oder ruht, triumphiert oder grollt, ist

das kleine Tier so leicht zu zähmen, daß es von den Eingebornen zur

Vertilgung der Insekten vielfach als Hausbewohner gehalten wird; seine

angeborene Trägheit aber verläßt es nie. Fast über den Köpfen der

Reisenden wiegten sich die braunen Pelze an den Zweigen; Nachtvögel

huschten mit schwerem Flügelschlag vorüber, und vom Thale herauf drang

zuweilen das dröhnende Brüllen des Büffels. Franz hatte wenig

geschlafen, als am anderen Morgen die Pferde gesattelt wurden. Zu viel

Neues, Sehenswertes war an seinen Blicken vorübergegangen; er suchte

förmlich hinter jedem Busch oder Strauchwerk die kleinen, geschäftigen

Lemuren in ihren grauen Röckchen und den langen Bärten; aber jetzt am

hellen Tage hatten sich alle versteckt, die Halbaffen, die Chamäleone,

die Eulen und Fledermäuse. Dafür belebten Antilopen den Weg, und ganze

Herden von galopierenden Straußen zogen vorüber, einmal auch eine

Elefantenschar, die durch das Unterholz brach und alles vor sich zu

Boden warf, was ihr die Bahn versperrte. Natürlich hüteten sich die

Reisenden, hier einen Angriff zu wagen; das schmetternde Trompeten der

alten Männchen, ihre drohend erhobenen Rüssel und überhaupt das ganze

Verhalten der kolossalen Geschöpfe flößten zuviel Respekt ein, als daß

man bei einer so geringen Anzahl von Schützen den Kampf gegen etwa zehn

bis zwanzig dieser Gegner hätte aufnehmen wollen.

Die Herde brauste vorüber, daß der Boden dröhnte, eine breite Spur

zerknickter Pflanzen aller Art hinter sich zurücklassend; das Unterholz

war zerstampft, Zweige abgerissen, Vögel aufgescheucht und zahllose

kleinere Tiere heimatlos gemacht.

Holms Kugel erlegte eine Antilope, die gerade vor den Pferden aufsprang.

Zum Mittagessen sollte sie gebraten werden, nach langer Zeit das erste

frische Fleisch, welches die Reisenden erhielten: man wollte Gemüse

kochen und Beeren pflücken, kurz sich einige recht gemütliche Stunden

machen, aber -- der Mensch denkt und Gott lenkt. Es mochte etwa zwölf

Uhr sein, als die kleine Karawane ins Thal hinabschritt, um unten am

Flußufer zu rasten. Üppiger Grasreichtum entfaltete sich, Früchte jeder

Art luden zum Genuß; es war, als dürfte in dem Rahmen so vieler

Schönheit, so vieler Schöpfungspracht auch nicht eine einzige Form, eine

einzige Farbe fehlen. Am Rande der Lichtung begann dichter Wald, und

auch selbst die offene Fläche war stellenweise von Bäumen durchstoßen.

Die Pompelmus, eine apfelsinenartige, aber weniger wohlschmeckende

Frucht, hing von den Zweigen so reichlich herab, daß die Reiter sie vom

Sattel ergreifen und brechen konnten, Datteln und Tamarinden wuchsen

über ihren Köpfen, der schöne Lumienbaum mit seinen purpurroten Blüten

wiegte sich im Winde, und Kaktuspflanzen aller Arten schmückten die

Gegend. Hier befand man sich an der Grenze des Kafferngebietes; es war

also einige Vorsicht notwendig, weshalb auch die Führer voranritten und

Umschau hielten. Die Weißen folgten langsam nach.

Plötzlich klang aus nächster Nähe Hundegebell, man hörte mehrere Stimmen

lebhaft rufen, und ehe sich die kleine Gesellschaft dessen versah, war

sie von einer bedeutenden Anzahl gelber Gestalten umschwärmt. Von

geringerer Größe als die Hottentotten, noch häßlicher und ganz ohne

Kleidung außer einem den Rücken bedeckenden Stück Fell, wilder und roher

in ihrer Erscheinung, glichen die Buschmänner einer Schar unterirdischer

Gnomen oder Zwerge; sie schrieen alle zugleich, betasteten die Pferde

und Kleider unserer Reisenden, verlangten mit ausgestreckten Händen

dieses oder jenes, was ihnen besonders ins Auge fiel, und schienen

namentlich mit dem ihnen zu teil gewordenen Anblick weißer Menschen noch

gänzlich unbekannt.

»Hallo, Führer!« rief Holm, »haben wir da Feinde?«

Und zugleich riß er die Kugelbüchse von der Schulter, um auf den

Nächststehenden anzulegen. Die kleine, gelbbraune, häßliche Gestalt

blieb unbeweglich, offenbar hatte der Stamm noch nie Feuerwaffen im

Besitz gehabt.

Der eingeborne Führer ritt im Trabe herbei. »Die Saab thun uns nichts zu

leide, Herr!« rief er. »Das sind arme, dumme, vertierte Geschöpfe, die

zwar stehlen, was sie erlangen können, aber doch keinen Mord begehen.

Wir dürfen ungefährdet ihr Lager in Augenschein nehmen.«

Einige Worte, die er seinen Stammesverwandten zurief, schienen diese

Behauptung zu bestätigen, die Buschmänner liefen wie Kinder, welche

einen Gast in das Haus führen, den Fremden durch den Felsenpaß voran ins

Thal und sahen dabei fortwährend zurück, als ob sie fürchteten, den

Gegenstand ihrer lebhaften Neugierde plötzlich wieder zu verlieren.

Umdrängt von der gelbbraunen, häßlichen, mit lauter Zisch- und

Schnalzlauten durch einander schwatzenden Menge gelangten die Weißen bis

an den Lagerplatz der Buschmänner, wo Frauen und Kinder an den

verschiedensten Stellen herumhockten, ohne sich irgend einer

Beschäftigung zu widmen. Es brannte kein Feuer, man sah kein Zelt, kein

weidendes Tier oder irgend ein Gerät, wohl aber ließ sich erkennen, daß

die Buschmänner in Felsspalten, in den verlassenen Höhlen wilder Tiere

oder auch nur unter einem besonders dichten Gebüsch ohne weiteres

Quartier zu nehmen pflegten. Ein Lager auf flachem Boden mit einigen

Handvoll Blättern als Kopfkissen, das war alles, was sie beanspruchten.

»Führer, Sie bürgen uns also, daß kein plötzlicher Überfall erfolgen

wird?«

»Ganz sicher, Master Doktor, ich kenne ja meine Landsleute.«

Holm und die Knaben stimmten einmütig für eine Rast unter den so

unerwartet gefundenen Gelben. So tief wie dieses Volk schien kein

Schwarzer der Westküste zu stehen; es war in naturwissenschaftlichem und

kulturgeschichtlichem Interesse gleich wichtig, so viel als sich

äußerlich wahrnehmen ließ, von Lebensweise und Charakter der Saab kennen

zu lernen.

Die Reisenden stiegen von den Pferden und errichteten sich im Schutze

mehrerer neben einander stehender Zitronenbäume ihr eigenes Lager.

Während der Nacht wollten sie in der Niederlassung des wandernden oder,

besser gesagt, vagabundierenden Volkes bleiben und dann noch etwa eine

oder zwei Tagreisen verwenden, um auch den Anfang des Kafferlandes

kennen zu lernen.

Ein Feuer loderte auf; die Führer weideten und zerlegten die Antilope;

die mitgebrachte Pfanne kam zum Vorschein, und bald brodelte der Braten,

dem man Früchte aller Art beigesellte. Die gelben Menschen schienen gar

nichts, was einem Haushaltungsgerät ähnlich sah, zu besitzen, und auf

eine Frage des Führers, wie denn bei ihnen das Wild zubereitet werde,

antworteten sie nur durch spöttisches Lachen. »Ich weiß es wohl,« sagte

halb abgewandt der junge Hottentotte, »sie verzehren alles roh und essen

auch alle Abfälle mit dem Fleisch. Übrigens kommt dergleichen selten

vor, denn ihr eigentliches Heimatsgebiet ist eine Sandwüste, wo es nur

niederes Gebüsch, Strauße und Quaggas gibt. Sie ziehen von Stelle zu

Stelle, schießen das Wild, essen die Früchte und setzen ihren Stab

weiter, sobald nichts zu plündern mehr vorhanden ist. Arbeit kennen sie

nicht, betreiben weder Ackerbau noch Viehzucht, ja sie haben nicht

einmal Hütten, sondern verkriechen sich wie wilde Tiere und stehlen, wo

es angeht, die Herden der Quaquas. Es ist schon vorgekommen, daß ein

Stamm von vielleicht zweihundert Köpfen bis zu sechshundert Ochsen und

Schafe wegtrieb, wobei dann alles an einem Tage abgeschlachtet und

späterhin verfault gegessen wurde. Meine Verwandten, die Saab, sind ein

sehr armes, niedriges Volk.«

»Aber ihre Waffen möchte ich sehen,« rief Franz. »Pfeile und Bogen

natürlich. Ob sie davon verkaufen oder vertauschen würden.«

Der Führer sprach mit den Gelben, aber keiner wollte sein Eigentum

hergeben, bis endlich der Packen mit den noch übrigen bunten Spielereien

geöffnet wurde und nun auch die Widersetzlichsten bezähmte. Die

Buschmänner tanzten wie Kinder, schlugen sich auf die Kniee vor

Entzücken und jubelten laut. Für ein Messer erhielt Franz Bogen und

Pfeile, von welchen letzteren ihm aber der Führer sagte, daß sie ohne

Zweifel vergiftet seien. Ein Spiegel dagegen erregte den Wilden die

lebhafteste Furcht; sie sahen aus einiger Entfernung hinein, griffen

dann plötzlich hinter das Glas, offenbar um den vermeintlichen

Widersacher zu erfassen. Nichts konnte sie bewegen, den »Fetisch« zu

berühren, ja, die Mütter drängten sogar ängstlich ihre neugierigen

Kleinen, so oft sie sich heranwagten, zurück, bis endlich die

gefürchteten Zaubergeräte wieder eingepackt wurden. Perlen und Kattun

erregten ungemessene Freude, auch den Abfall der Mahlzeit ließen sich

die harmlosen Kinder der Natur vortrefflich schmecken, entwickelten aber

dabei einen so gesunden Appetit, daß notwendig zur Vollendung dieses

Gastgebotes auch noch ihre eigenen, gewohnten Hilfsmittel herangezogen

werden mußten. Und da zeigte sich denn, weshalb gerade diese Stelle zum

Lagerplatz erwählt worden war. Neben einem längst gestürzten, in

Verwesung übergegangenen Baum befand sich ein großer Ameisenhaufen mit

wenigstens sechs bis zehn Kolonieen, die alle von den Buschmännern nach

Eiern und Puppen durchsucht wurden. Ebenso begann auch die Jagd auf

Heuschrecken; nirgends aber trug man das Erbeutete zusammen und

verzehrte es aus einem Geschirr oder wenigstens gemeinschaftlich;

sondern jede Heuschrecke wanderte zerquetscht von der Hand des Finders

in den Mund, die kleinen weißen Ameiseneier wurden mit affenartiger

Behendigkeit aus den Nestern herausgefischt und verzehrt, außerdem aber

auch die überall wachsenden Zwiebeln aus der Erde gegraben und roh

genossen.

»Ich hätte Lust, einmal zu schießen,« meinte Holm. »Was sie für Augen

machen würden.«

Gesagt, gethan. Franz band um die Krone eines in einiger Entfernung

stehenden Bäumchens ein Stück Papier, und Holm schoß es herunter. Als

der Schuß krachte, entstand unter den Wilden eine Bewegung, wie wenn ein

Steinwurf einen Flug Sperlinge aufschreckt. Es war ersichtlich, daß die

gelben Geschöpfe, denen der Name »Mensch« kaum zuzukommen schien, nie im

Leben ein Feuergewehr kennen gelernt hatten; sie flüchteten insgesamt

unter den Schutz des Felsens, jedenfalls fest überzeugt, einem

unheilvollen Zauber nicht mehr entrinnen zu können; ihre Bewegungen

verrieten die lebhafteste Furcht, viele lagen sogar auf den Knieen und

hielten das Gesicht in den Händen verborgen. Holm und Franz versuchten

umsonst, die Leute zutraulicher zu machen; sie wollten ihnen die

Kugelbüchsen zeigen oder gar hinreichen, aber alles vergebens; die

Buschmänner flüchteten, sobald sie sich näherten, ja die allgemeine

Angst schien so stark, daß überhaupt keine fernere Unterhaltung mehr

möglich war.

Das Gewehr wurde beiseite gelegt, die Decken im Schutz einer Felswand

ausgebreitet und die Pferde so an Bäumen befestigt, daß sie zwischen den

Reitern und dem freien Platze standen. Als ein langsam brennendes Feuer

von halbtrocknem Holz seine Rauchwolken zum Himmel sandte, streckten

sich alle um die angenehm wärmende Glut und schliefen im Gefühl

vollkommener Sicherheit sehr bald ein. Die Pferde mußten sie ja bei dem

geringsten verdächtigen Zeichen durch ihre Unruhe sofort wecken. Stille

und Dunkelheit lagerten über dem malerischen, mit so vieler Schönheit

ausgestatteten Thal, von fern her klang das Rauschen des Waldes, die

Quelle murmelte, Nachtfalter in wundervollen Farben, groß und glänzend,

schwebten vorbei; geschäftig wanderten zu Tausenden die beraubten

Ameisen fort aus ihrem halbzerstörten Bau, um sich eine neue Heimat zu

gründen, Vögel zwitscherten wie flüsternd in den Zweigen, und Eidechsen

schlüpften durch das Gras. Aber seltsam, kein größeres Tier zeigte sich,

-- und doch brachen und knickten drüben am Waldrand zuweilen die

Gebüsche.

War es der Wind? War es ein Elefant oder -- vielleicht Menschen?

Die Pferde standen ruhig fressend, also konnten es keine Raubtiere sein.

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 6 / 21 题