Hans schauderte. »Sie meinen doch nicht, daß es Tiere sind, Maat?«

»Sehen Sie einmal dahin, junger Herr! Rechts auf Ihrem Teller lebt das

Gericht noch und will eben jetzt mit geknickten Beinen Reißaus nehmen,

-- Heuschrecken, sage ich Ihnen, leibhaftige Heuschrecken.«

Und so war es wirklich. Zu Tausenden auf dem Felde eingefangen, wurden

diese Tiere von den Wilden zwischen zwei flachen Steinen zermalmt und

mit etwas Fett und Gewürz einige Augenblicke lang der Hitze ausgesetzt.

Daß dabei das eine oder andere arme Geschöpf nur halb getötet worden und

noch lebend und zappelnd in die Glutpfanne gelangt war, -- nun das ließ

sich nicht ändern. Es schmeckte auch roh gut, wenigstens verspeisten die

reichlich umherspielenden Kinder mit Behagen jedes Insekt, das ihnen

über den Weg lief.

Den Deutschen war der Appetit gründlich vergangen. Etwas anderes als das

graugrüne, unangenehme Gemisch vor ihnen gab es in dem Negerdorf nicht,

was blieb daher übrig, als zur Unglücksstätte zurückzufahren und ein

tüchtiges Stück Fleisch des erlegten Dickhäuters herbeizuholen? Gedacht,

gethan! Zwei Matrosen mit den Knaben ruderten wieder stromauf, während

die beiden anderen bei den durchnäßten Gewehren Wache hielten und

dieselben so gut als es ging von dem eingedrungenen Wasser reinigten.

Als die Abgesandten mit einem tüchtigen Braten beladen wieder anlangten,

wurde ein starkes Feuer entzündet, Pfefferkörner und Salz mit einigen

frischen Lorbeerblättern, einer Zwiebel und einer Menge grüner Bohnen,

die reichlich rings umher wuchsen, zum Feuer gesetzt und das

abgewaschene Fleisch hinzugethan. Ein Matrose spielte den Koch und gab

ganz ernsthaft den übrigen seine Befehle. »Sie, junger Herr, pflücken

Sie gefälligst ein paar reife Melonen, die ich dort in großer Menge

wachsen sehe, und Sie, besorgen Sie für die Gesellschaft einige Teller!

Flache Steine wären mir aber bei meiner armen Seele lieber als Blätter,

denn ob das Fleisch sehr mürbe werden wird, steht einstweilen noch

dahin, -- wir müssen es vielleicht nachdrücklich mit dem Messer

bearbeiten. So, jetzt wäre die Hauptsache gethan. Im Fall es ein

Schweinebraten sein sollte, müssen wir uns Zwiebel und Lorbeer, im Fall

es ein Pferdebraten ist, die Bohnen hinwegdenken. Ein weiser Haushalter

bereitet sich vor auf alle etwa eintretenden Verhältnisse, und wer noch

keinen Hippopotamus verspeisen half, der kann nicht wissen, wie er

schmeckt. Ich habe gesprochen!«

Die übrigen lachten. Wie der helläugige, spitzbübisch lächelnde Sohn

Hammonias mit untergeschlagenen Beinen, den Eisenlöffel in der Hand,

vorm Feuer saß und Befehle gab, die alle sofort befolgt wurden, da

schwand aus den Herzen der letzte Schatten des Unbehagens, Franz

pflückte Beeren und Früchte verschiedenster Art, Hans sammelte Nüsse für

den Nachtisch, ein Matrose zerrieb zwischen zwei Steinen die reifen

Maiskörner, um Mehl für einige Klöße zu gewinnen, und der letzte suchte

die nötigen Teller zusammen, welche dann im Flusse erst einer

gründlichen Reinigung unterzogen wurden.

Als Franz zur Feuerstelle zurückkehrte, hob der Matrose den Deckel vom

Topf. »Nun, junger Herr, wonach riecht's?«

Franz beugte sich über die wallenden Dampfwolken. »Nach etwas

außerordentlich Gutem, Maat! Ich glaube, es wird ein Schweinebraten!«

Er nahm mit dem Taschenmesser eine Bohne aus dem brodelnden Gemisch

heraus und aß sie mit Behagen. »Noch nicht gar,« erklärte er, »aber sehr

schön schmeckend. Ob wohl diese schwarzen Menschen gar keine Gemüse

essen?«

»Das wollen wir gleich sehen.« Und der Koch nahm aus dem Gefäß einen

Löffel voll Bohnen, den er zierlich gegen eine der anwesenden Frauen

vorstreckte. »Diese ehrenwerte Madame oder das gnädige Fräulein -- man

weiß hier nicht so recht, wie es mit den Titeln steht -- hat schon seit

einer Stunde heimlich die Heuschreckenpastete benascht,« sagte er,

»immer wenn ich zur Seite sehe, schwebt so ein unglücklicher Grashüpfer

zwischen den schwarzen Fingern und den greulichen, spitzgefeilten

Zähnen, die edle Dame muß also einen gewaltigen Hunger im Kamisol haben.

^Don't^ schenir ^you^!«

Mit dieser letzteren, aus englisch und deutsch in freier Bearbeitung

zusammengesetzten Ermunterung bot er der Negerin den Inhalt des Löffels,

aber eine hastige, abwehrende Antwort, nur dem Tone nach verständlich,

schallte ihm entgegen. Die Schwarze wandte sich schaudernd ab.

Der Matrose zuckte die Achseln. »Kann dir nicht helfen, meine Schöne,«

sagte er, »es kommt im Leben allemal auf den Geschmack an. Was thut ihr

denn aber mit den Bohnen, he?«

Die Frau mochte den Sinn dieser Frage verstehen. Sie nahm aus einer Ecke

der Hütte anstatt aller Antwort eine Handvoll trockner Bohnen und warf

sie den Hühnern vor.

»Dazu?« nickte der Matrose. »Würde übrigens den guten Eierspenderinnen

lieber die Heuschrecken überlassen und die Bohnen selbst behalten. Aber

-- ^chacun à son känguruh^, wie, glaube ich, die Franzosen sagen. --

Junger Herr, wollen Sie jetzt zu Tische rufen?«

Laut lachend sprang Franz davon und wandte sich der anderen Seite des

Dorfes zu, wo mittlerweile sein alter Erzieher in mehrstündigem Schlaf

die Folgen des unvermuteten Bades überstanden hatte. Der würdige

Gelehrte steckte bis über die Schultern in einem Haufen von angenehm

duftenden, trocknen Farnkräutern, auf dem auch sein Haupt einen

behaglichen Ruhepunkt gefunden. Seine Kleider schaukelten an den

nächsten Baumstämmen.

Die ohnehin durch das Französisch des Matrosen erregte Heiterkeit

schwoll bei diesem Anblick in der Seele des Knaben bis zum lauten,

jubelnden Ausbruch. Er warf sich lachend neben dem seltsamen

Blätterlager auf die Kniee und küßte seinen väterlichen Freund der so

nahe, so nahe an den Pforten des Todes dennoch dem Leben glücklich

erhalten worden war. »Wir wollten bei Ihnen bleiben, Herr Doktor,« sagte

er herzlich, »aber Karl schickte uns fort, Hans und mich.«

»Daran that er sehr recht,« antwortete lächelnd der alte Herr. »Es war

für euch besser, das kaltgewordene Zeug laufend und springend zu

trocknen, als hier zu sitzen und mich schlafen zu sehen. Das Flußpferd

hätte mir übrigens um ein Haar den Garaus gemacht, ich stürzte kopfüber

in ein undurchdringliches Gewirre von Pflanzenfasern, wollte mich

herausarbeiten und geriet immer tiefer hinein, bis ich das Bewußtsein

verlor. Die Neger müssen gerade diese gefahrbringende Stelle gekannt

haben, sonst würde ich nimmer gefunden worden sein.«

»Sie sind alle wieder zu den erlegten Tieren zurückgekehrt,« berichtete

Franz. »Es scheint, als ob sie den Uralten ihrer Flüsse jetzt auch nicht

eher aus den Augen lassen wollen, bis er in hundert Stücke zerlegt und

seine Wiederkehr unmöglich geworden ist.«

»Jetzt laßt uns nur eilen, um erst einmal tüchtig zu essen,« riet Holm.

»Nachher zeige ich euch am Ufer ein Schauspiel, das allerdings nicht

großartig, aber höchst komisch ist. Hier, Herr Doktor, Ihre Garderobe,

-- es scheint alles ziemlich trocken.«

Franz half seinem Erzieher, der sich doch immer noch etwas matt fühlte,

und dann wanderten die drei bis zu der Stelle, wo eben die letzten,

kugelrunden, von den derben Fäusten des Matrosen gedrehten Klöße gar

geworden waren, und wo das fertige Gericht im Topfe dampfte. Freilich

beanspruchte das Fleisch recht gesunde Zähne, hatten die Klöße eine

gewisse unleugbare Ähnlichkeit mit Bleikugeln, und waren die grünen

Bohnen zu Brei zerkocht, aber dennoch aßen alle mit dem besten Appetit

und bedauerten nur, den Wilden keinerlei Geschenke machen zu können. Als

die Negerboote, beladen mit Jagdbeute, zurückkehrten, und jetzt das

ganze Dorf erfuhr, welche Heldenthat die Fremdlinge verübt, da war der

Bewunderung und des Jubels gar kein Ende. Ein Schwarzer mit einem

seltsam geformten, aus Bambus angefertigten Instrument begleitete

spielend und tanzend die Gäste, wohin sie gingen, und Frauen und Kinder

warfen sich mit den Gesichtern in den Sand.

Durch den Matrosen, welcher ihre Sprache verstand, wurde ihnen ein

reiches Geschenk zugesichert, und dann machten die Deutschen am Flußufer

in der unmittelbaren Nähe der Niederlassung noch einen kleinen

Spaziergang. Weit hinein in den Wald durften sie sich ja ohne alle

Waffen nicht wagen.

»Kommt hierher,« erinnerte Holm, »ich wollte euch etwas zeigen.« -- Er

führte die übrigen zu einer Stelle, an welcher der Fluß ein breites,

sandiges, ganz flaches Ufer besaß. Dort hatten sich Tausende von

Krabben, -- die kleinen Soldatenkrabben -- eine neben der anderen

aufgepflanzt und brachten den Sand mit ihren Scheren zum Munde. Es sah

aus, als verzehrten sie die wenig einladende Speise, in der That aber

sogen sie die darin enthaltenen tierischen Stoffe nur heraus, um ihn

dann wieder fallen zu lassen. Ein klingendes, leises Geräusch, aus dem

Erdboden herauftönend und wie fernes, leichtes Singen die Luft

erfüllend, bezeichnete den Ort als Hauptansiedelung des

Krabbengeschlechtes, deren größere Arten in unterirdischen Höhlen wohnen

und dort ihre Konzerte aufführen.

Unsere Freunde verhielten sich lautlos, denn bei der geringsten Bewegung

tauchten die Krabben in ihre Löcher hinein und verschwanden auf diese

Weise buchstäblich bis in den Erdboden, -- da bewegten sich unvermutet

die niederen Gebüsche zur Seite des Strandes, und ein schwarzer Rüssel

streckte sich vor. Kleine, verschmitzte Augen übersahen die freie

Fläche, ein leichtes Grunzen wurde hörbar und eine Familie von

Warzenschweinen, Papa und Mama mit acht Sprößlingen, erschien in

Geschwindigkeit auf der Szene. Das Krabbenkonzert verstummte wie durch

Zauberei, die kleinen Soldatenkrabben waren im Handumdrehen

verschwunden, und die Schweine schienen um ihre gehoffte Beute betrogen

zu sein. Dem war aber nicht so! Die Schlauheit des kleinen Gegners

vollkommen würdigend, begannen die Räuber mit ihren plumpen Rüsseln den

Sand aufzuwühlen und unbarmherzig die kleinen wehrlosen Geschöpfe zu

verschlingen. Ihre häßlichen Köpfe hatten große, hängende, mit Warzen

bedeckte Hautlappen, die erwachsenen Tiere, waren in der Größe etwa

unserm Wildschweine gleich, von wildem Aussehen, mit einem

gefahrdrohenden Gebiß, so daß es nicht geraten gewesen wäre, sich ihnen

ohne Waffen zu nähern, namentlich da mehr und immer mehr Familien aus

dem Walde hervorkamen, um hier ihre Abendmahlzeit zu halten. Einige

Arten gruben auch Wurzeln aus der Erde oder fraßen Kräuter, die meisten

aber durchwühlten den Sand nach Krabben.

»So lebt überall auf Erden immer eine Art von dem Untergang der

anderen,« sagte Holm, »die Natur aber sorgt für das trotzdem bestehende

Gleichgewicht durch den Umstand, daß sich die Raubtiere in ihrer Anzahl

zu den geraubten oder Pflanzenfressern wie eins zu sechs verhalten, und

daß niedere Geschöpfe, z. B. Insekten, Kerbtiere, Muscheln und kleinere

Fische in jedem Jahre nach Millionen neu entstehen, um einigen wenigen

Verfolgern zur Nahrung zu dienen. Je wertloser das Einzelwesen, in desto

größerer Menge ist es vertreten.«

»Wollen wir nicht jetzt, da doch leider keine Jagd mehr möglich ist,

noch ein paar Vogelnester suchen?« fragte Franz. »Eine Eiersammlung

möchte ich gar zu gern von dieser Reise mit nach Hause bringen.«

»Auch Nester habe ich entdeckt!« antwortete Holm. »Es wohnen hier herum

ganze Scharen von Nashornvögeln, in jedem hohlen Baum wenigstens ein

Pärchen.«

Man wanderte wieder bis unter die uralten Stämme zurück, und bald sah

auch schon aus einem ganz kleinen, kaum handgroßen Loche der schöne,

stolze Kopf eines Pfefferfressers hervor, während ein anderes großes und

schöngezeichnetes Exemplar derselben Art dicht daneben saß, gleichsam

Wache haltend und die Ankömmlinge mit seitwärts geneigtem Kopfe

musternd, offenbar das Männchen der gefiederten Hausfrau, welche

treulich im Nest ihre Eier behütete.

»Aber,« rief Hans, »wie ist nur der stattliche Vogel dort

hineingekommen? Jetzt kann ja kaum mehr der Kopf hindurch!«

»Das möchte ich auch wissen, mein Herr Naturforscher!« fügte Doktor

Bolten hinzu.

»So will ich das Rätsel einfach genug erklären!« lächelte Holm, indes

Franz bereits den Baumstamm zu erklettern begann. »Wenn das Nest im

Innern der geschützten Höhlung erbaut ist, und alles für den Empfang der

Jungen vorbereitet, dann vermauert der Herr Papa höchsteigenschnäbelig

und sonder Rücksicht den Zugang, so daß Mama nicht mehr heraus kann,

sondern wohl oder übel brüten muß, bis die Jungen im Nest zirpen.

Freilich soll er bei dieser Gelegenheit auch beweisen, daß ein guter

Hausvater es versteht, die Seinen zu ernähren, und ist daher von früh

bis spät thätig, um Pfefferkörner aufzusuchen, so daß verschiedene

Naturforscher behaupten, er werde unter dieser doppelten Anstrengung

mager wie ein Skelett und sitze zuweilen vor Mattigkeit schwankend auf

den Zweigen. Erst wenn das Brütegeschäft vollendet ist, wird die

Gefangene wieder in Freiheit gesetzt.«

»Ein schöner, stolzer Vogel!« meinte der Doktor. »Schade, daß wir ihn

nicht schießen können. Dieser scheint noch keineswegs ermattet.«

»Ich will ihn fangen,« erklärte Franz. »Auf ein paar Schnabelhiebe kommt

mir's weiter nicht an.«

Er hatte auch wirklich den Baumstamm bis zum Nest sehr bald erklettert,

da aber erhob sich der Vogel und flog fort; es blieb also nur das

eingesperrte Weibchen mit den Eiern. »Soll ich das Nest erobern?« fragte

lachend der junge Wagehals.

»Greife hinein und sieh nach, ob Eier oder Junge darin sind,« antwortete

Holm. »Ist ersteres der Fall, so gib mir ein Ei herunter.«

Franz begann, auf einem starken Aste stehend, das Gemäuer rings um den

Zugang her zu zerbröckeln, aber nicht weiter als notwendig war, um die

Hand hindurchzubringen, dann verband er dieselbe mit seinem Taschentuch

und griff hinein. »Au!« schallte es den übrigen entgegen, »Au! -- Es

sind Eier! -- Au, du boshafte Kröte! wahrhaftig -- da hast du eins,

Karl! -- wahrhaftig bis aufs Blut gebissen.«

Er reichte ein Ei dem jungen Naturforscher, der es gegen das scheidende

Sonnenlicht hielt und zu seiner Freude noch ganz unbebrütet fand. Es

mochte erst gestern oder heute gelegt worden sein. »Kannst du den Vogel

ergreifen, Franz?« fragte er. »Das wäre viel wert!«

»Ich will's versuchen!« rief der Knabe, »aber so leicht bekomme ich ihn

nicht. Er beißt wie ein Papagei, -- Au du! -- Au!«

Holm lachte. »Das kommt mir vor wie jenes Rätsel: Es sieht aus wie eine

Katze und miaut und schleicht wie eine Katze. Was ist es? -- Ein Kater.

So ungefähr ergeht es dir im Augenblick mit dem Verwandten der

Papageienfamilie. Erkennst du nicht an Kopf und Schnabel die Art?«

Franz streckte den Arm aus und brachte das an beiden Flügeln gefangene

Tier zum Vorschein. »Ja,« seufzte er, »ich erkenne den Schnabel!«

Das klang komisch genug, um selbst ihn trotz seiner blutenden Wunden zum

Lachen zu zwingen. Unter allgemeiner Heiterkeit wanderten die Eier in

des jüngeren Knaben Strohhut, und dann trat unsere kleine Gesellschaft

den Heimweg an. Holm trug an den Flügeln den gefangenen Vogel und machte

Franz auf verschiedene Pflanzen aufmerksam, die auch eingesammelt

wurden. Plötzlich machte Holm vor einem dichten Gebüsch aus dornigem

Gestrüpp Halt und sagte: »Wir haben kein Gummi arabikum zum Kleben,

jetzt ist die schönste Gelegenheit da, es zu besorgen.«

»Ich sehe aber keine Apotheke,« entgegnete Franz.

»Wir beziehen unsern Bedarf direkt, ohne Zwischenhändler. Hier dieses

Gesträuch ist der arabische Schotendorn, eine Akazienart, die das Gummi

ausschwitzt, wie bei uns die Kirschbäume.« Franz trat näher und fand an

den Zweigen der Sträucher zahlreiche verhärtete Gummitropfen, die der

Dornen wegen freilich mühsam zu sammeln waren. Es gelang ihm aber,

Vorrat genug zu gewinnen. Mit Beute mancherlei Art erreichten sie das

Negerdorf.

Was aber bisher im Walde unbemerkt geblieben, das zeigte sich jetzt: --

der verscheuchte Nashornvogel war seinem geraubten Weibchen von Stamm zu

Stamm gefolgt. Selbst bis auf die Zweige der einzeln stehenden Bäume

inmitten des Örtchens wagte er sich hinan.

Der Gefangene wurde in einen alten, roh aus Binsen geflochtenen Korb

gesteckt, und dieser wohlverschlossen auf den freien Platz gelegt.

Sogleich kam das Männchen heran und setzte sich daneben wie früher vor

das Nest.

»Wir fangen ihn ein und haben dann ein Pärchen für den zoologischen

Garten!« rief Franz. »An Bord kann man schon eine Falle herrichten.«

Der Abschied wurde nun schnell bewerkstelligt, noch ein paar

zerquetschte Blätter auf die verwundeten Finger gelegt, und die Gewehre

wieder umgehängt, dann ging es fort, dem Dampfer zu. Die Sonne war fast

ganz verschwunden, ein schrilles Pfeifen vom Bord der »Hansa« rief die

Jäger zurück, und so ruderte man möglichst schnell der Ausmündung des

Seitenarmes entgegen, immer gefolgt von dem beharrlich nebenher

fliegenden Pfefferfresser.

Vom Schiff aus erhielten die begleitenden Neger reichliche Geschenke, um

welche sie sich sofort rauften und schlugen, dann wurde das Boot

eingeholt und der Dampfer dem Waldrand so nahe als möglich gebracht. Auf

den letzten Zweigen saß flügelschlagend der beraubte Vogel, er beugte

den Hals weit vor und ging ängstlich auf und ab, aber das Schiff zu

berühren wagte er offenbar nicht.

»Lassen Sie das Weibchen fliegen!« rief der Kapitän. »Diese Tiere

pflegen eins ohne das andere nicht leben zu können.«

»So müssen wir es ausstopfen,« versetzte Holm. »Diese Reise ist eben

eine wissenschaftliche, und am Ende dürfte auch der Hornvogel nicht

besser sein als alle übrigen Geschöpfe, die wir eines vernünftigen

Zweckes wegen fangen und töten.«

Dennoch aber ging es auch ihm durchs Herz, als jetzt der Vogel in weitem

Kreis das Schiff umflog und dabei einen wahrhaft erschütternden Schrei

ausstieß, den das gefangene Weibchen erwiderte. Noch einmal -- zweimal

schoß er durch den aufsteigenden Rauch dahin, dann kehrte er schweren

Flügelschlages zum Lande zurück und blieb auf dem nächsten Baume sitzen.

»Schade! Schade!« brach es über aller Lippen, »er folgt uns nicht.«

Daran ließ sich indes jetzt nichts mehr ändern, und der Dampfer

verfolgte seine Bahn, bis er die heimkehrenden Jäger an Bord der

»Hammonia« abgesetzt hatte. Man versuchte nun, den in einen leeren

Hühnerkorb gebrachten Nashornvogel zu füttern, aber das Tier nahm

keinerlei Speise, sondern saß geduckt und ängstlich da, so daß auch Holm

sein Fortleben bezweifelte. Die Eier wurden des Dotters durch

Hineinpusten beraubt und eine Sammlung dieser Art Naturalien besonders

angelegt, auch die beiden gefangenen Affen sorgfältig verpflegt und nach

dem betäubten Rochen gesehen. Der war zu seinen Vätern versammelt, wie

der Koch sagte, die Affen dagegen sehr wohlbehalten und sogar schon

etwas vertraulicher als im Anfang.

In den nächstfolgenden Tagen schrieb man Briefe nach Hause, die erste

Sendung an Reiseberichten und Jagdbeute wurde dem Postdampfer übergeben,

und eines schönen Morgens lichtete das Naturforscherschiff die Anker, um

an der Küste den Weg bis nach Sierra Leone zu verfolgen. Dort sollte ein

Segelschiff von der Firma Gottfried das Palmöl in Empfang nehmen, und

der Dampfer selbst mit den jungen Reisenden die Inseln im Busen von

Guinea besuchen. Die Fahrt dauerte nicht lange, aber sie brachte manche

schöne und reiche Erinnerung, namentlich den Anblick einer Wasserhose,

die bei starkem Gewitter dicht neben dem Schiff stand und einen

unvergleichlichen Anblick gewährte. Eine schwarze Wolke, spitz

zulaufend, senkte sich tiefer und tiefer auf das Wasser, dieses selbst

schien sich genau unter derselben immer mehr zu heben, kräuselte

weißschäumend und griff endlich ganz urplötzlich wie mit Fangarmen

hinauf. Eine hohe, gedrehte Wassersäule stand auf der Meeresfläche und

begann dann unheimlich schnell zu wandern. Das gleiche Ereignis

wiederholte sich noch zweimal, dreimal in nächster Nähe, so daß

gleichsam die dichte, schwarze Wolke eine Brücke bildete, deren

Riesenpfeiler wie Diamanten erglänzten. Hohe, gewölbte Bogen trennten

die einzelnen Säulen, dazwischen schäumten schwarze, tosende Wellen, und

glitten in ununterbrochener Reihenfolge die blendenden Blitze über das

Ganze hinweg. Es war wie im Feenpalast des Märchens, wenn so ein

grüngoldener, von Purpur und Violett angehauchter Schein die weißen

Schaumkronen überflutete, wenn sich plötzliche Helle auf das tiefe

Schwarz legte und es dann in um so dichterer Finsternis zurückließ.

Nach einer Viertelstunde begannen die Pfeiler zu schwanken, sich schief

zu stellen und endlich den Halt zu verlieren. Ein Rauschen und

Klatschen, das den Donner übertönte, begleitete den Sturz, und das ganze

schöne Schauspiel endete mit einem Platzregen.

Am dritten Tage nach der Abreise war der Nashornvogel tot. Holm nahm ein

scharfes Messer und machte an der Bauchseite des Vogels einen

Einschnitt, der jedoch nur die Haut auftrennte. Dann begann er

vorsichtig die Haut des Vogels abzuziehen, und nach einer kleinen

Viertelstunde hatte er den Balg von dem Körper getrennt. An dem Kopfende

saß der große ungestalte Schnabel und an den Beinen waren die Füße

geblieben. Damit der Balg so unverletzt als möglich erhalten wurde, ließ

Holm sich bei dieser Operation genügende Zeit, denn die mit Federn

besetzte Haut der Vögel ist ziemlich zart und zerreißt bei ungeduldigem

Ziehen gar leicht.

»Nun werden wir den Balg ausstopfen,« meinte Franz.

»Das hat Zeit, bis wir wieder in Hamburg sind,« entgegnete Holm.

»Gesetzt den Fall, wir würden diesen Nashornvogel auf das schönste

ausstopfen, wer verbürgt uns, daß er unversehrt ankommt? Außerdem

erfordert das Ausstopfen viele Zeit, die wir hier besser anzuwenden

haben, als daß wir sie an eine Arbeit verschwenden, die in der Heimat

besser und bequemer besorgt wird als hier. Alles was wir thun können

ist, den Vogelbalg zu trocknen und wie die übrigen Naturalien vor dem

Appetit der Herren Insekten schützen.«

Holm holte bei diesen Worten ein Gefäß aus der Reiseapotheke, das eine

salbenartige Masse enthielt, mit welcher er die innere Seite des

Vogelbalgs bestrich. »Ist diese Salbe auch ein Gift gegen die Insekten?«

fragte Hans.

»Eins der stärksten Gifte, das wir kennen,« antwortete Holm. »Diese

Masse besteht aus einer Mischung von Arsenik und grüner Seife. Die Seife

verhindert mit ihren schmierigen Eigenschaften das Umherstäuben des

weißen, pulverigen Arseniks und verhütet, daß der Präparator den

Giftstaub einatmet. Gleichzeitig ist etwas Alaun zugesetzt, der die

Eigenschaft hat, die Haut des Tieres in eine Art Leder zu verwandeln,

wodurch bewirkt wird, daß die Federn festsitzen und nicht ausfallen.«

Als der Vogelbalg mit der sogenannten Arsenikseife gehörig eingerieben

war, wurde er an einer Raa zum Trocknen in der Luft aufgehängt. Franz

kletterte die Strickleiter hinauf, welche zum Maste führte, und war in

wenigen Augenblicken auf der Raa, als wäre er ein echter Schiffsjunge.

Als er die Haut des Vogels dort mit einem starken Bindfaden befestigt

hatte, rief er laut Hurra und kam wieder herunter.

Befragt, warum er einen lauten Freudenruf ausgestoßen habe, antwortete

er lachend: »Ich glaubte, wir hätten nun Ferien, denn der Vogel ist das

letzte Stück von unserer Beute, das zu präparieren war.«

»Ein wirklicher Forscher kennt keine Ferien,« sagte Holm. »Außerdem

irrst du dich, wenn du meinst, es gebräche uns an Material zur

Beobachtung. Jetzt, da wir auf dem Schiffe gewissermaßen Ruhe haben und

nicht auf dem Kriegspfade mit Menschen und Tieren wandeln, haben wir

hinreichende Muße, uns mit dem Leben der Kleinwelt zu beschäftigen, die

uns das Mikroskop erschließt. Kommt laßt uns in die Kajütte gehen, es

sind alle Apparate da, deren wir bedürfen.«

Sie gingen in die Kajütte hinab. Hier nahm Holm aus einem wohlverwahrten

Kasten ein herrliches Mikroskop, das er derart auf den Tisch stellte,

daß das Licht, welches durch das Kajüttenfenster fiel, von dem Spiegel

des Mikroskopes aufgefangen werden konnte.

Er ließ die Knaben durch das obere Glas, das sogenannte Okular,

hindurchsehen, und sie nahmen eine runde, hellerleuchtete Fläche, das

Sehfeld des Mikroskopes wahr. Holm zeigte den Knaben nun, wie je nach

der Stellung des Spiegels das Sehfeld heller oder matter beleuchtet

erschien, und übte ihr Auge und ihre Hand dadurch, daß er ihnen die

Aufgabe stellte, diejenige Stellung des Spiegels ausfindig zu machen,

bei der das Sehfeld den hellsten Anblick gewährte. Hierauf nahm er eine

kleine, längliche Glasplatte, auf die er mittels eines zu einer Spitze

ausgezogenen Glasrohres einen Tropfen Wasser brachte. Diese Platte

bezeichnete er als den Objektträger, weil auf derselben die zu

untersuchenden Gegenstände -- die Objekte -- ausgebreitet werden. »Sind

Tiere in diesem Wassertropfen, die wir beobachten können?« fragte Hans.

»Nein,« erwiderte Holm. »Das Wasser, welches ich hier habe, ist durchaus

frei von allen Verunreinigungen. Wir werden jetzt eine winzig kleine

Menge jenes gelbgrünen Schlammes in das Wasser bringen, die ihr mich zu

verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten an den Ufern der Flüsse,

der Wassertümpel und Sümpfe entnehmen saht, die wir passierten.« Bei

diesen Worten entfaltete er eine Anzahl von Papierpaketen, in denen sich

ein dunkelfarbiger Staub befand. Dieser Staub war der angetrocknete

Schlamm, den Holm auf seine eigene Hand gesammelt hatte. Mittels einer

Stricknadel, die an einem Ende platt geschmiedet war, so daß sie einem

kleinen Spaten mit langem Stiel glich, mischte Holm von dem Staub in den

Wassertropfen und bedeckte diesen dann mit einem Glase, das so groß war

wie eine Briefmarke und nicht dicker als festes Schreibpapier. Dies Glas

nannte er das Deckgläschen. Dieses sogenannte Präparat legte er auf den

Tisch des Mikroskopes und blickte durch das Okular, indem er mit der

Schraube scharf einstellte, dann ließ er Franz hinein sehen.

Franz brach in einen lauten Freudenruf aus, nachdem er eine Zeitlang in

das Mikroskop geblickt hatte, und das, was er sah, war auch wohl

geeignet, ihn zu entzücken.

Das Sehfeld des Mikroskopes war mit Hunderten von ganz merkwürdigen

Gebilden wie übersät. Einige derselben glichen kleinen Schiffchen,

andere Tellerchen, die auf das reizendste mit Punkten und regelmäßigen

Linien verziert waren. »Ist das der Staub?« fragte Franz.

»Derselbe Staub, der dem unbewaffneten Auge harmlos erscheint,«

entgegnete Holm, »stellt sich unter dem Mikroskope bei starker

Vergrößerung in einem Reichtum der Formen dar, wie er größer kaum

gedacht werden kann. Diese kleinen Geschöpfe sind halb Tier halb

Pflanze, sie bewegen sich willkürlich schwimmend im Wasser und enthalten

doch den grünen Farbstoff, der den Pflanzen eigen ist. Sie bestehen aus

zwei zierlichen Schalen, die genau aufeinander passen, und wenn sie sich

vermehren, so teilen sie sich in zwei Hälften, von denen jede ein neues

Wesen derselben Art bildet. Aus diesem Grunde hat man sie Spaltalgen

oder auch Diatomeen genannt, nach einem griechischen Beiworte, das auf

deutsch »zerteilt« bedeutet. Über zweitausend Arten dieser Diatomeen

sind schon ermittelt, aber es sollte mich nicht überraschen, wenn wir

neben den bekannten Arten einige noch nicht benannte und beschriebene

fänden.«

Die Proben wurden eine nach der anderen sorgfältig durchgemustert, und

nicht lange währte es, als Holm eine der seltensten Arten entdeckte. Es

war eine runde Scheibe mit verziertem Rande, in deren Mitte sich eine

Figur erkennen ließ, die einem Kirchenfenster glich. »Das ist der

^Campylodiscus ecclesianus^,« erklärte Holm, »eine ihm sehr nahestehende

Diatomee besitzt an derselben Stelle vier Fensterchen und wird deshalb

^Campylodiscus fenestratus^ genannt, wir wollen genau nachsehen, ob wir

sie finden können.«

Nun hieß es sorgfältig beobachten, und erst nach einer halben Stunde

gelang es, ein Exemplar derselben zu bemerken. »Hier ist ein

^fenestratus^,« rief Hans, der gerade an der Reihe war. Holm bestätigte

die Wahrnehmung und bemerkte mit dem Bleistift auf dem Papier, aus

welchem der zur Untersuchung genommene Staub sich befand, den Namen der

Diatomee. Da es bereits dunkelte und die Augen von dem angestrengten

Sehen ermüdet waren, packte Holm das Mikroskop wieder ein und versprach

den Knaben, ihnen am nächsten Tage lebende Diatomeen zu zeigen.

»Woher werden wir die nehmen, da wir doch auf offener See sind?« fragte

Franz.

»Wir fischen ein treibendes Stückchen Seegras auf,« sagte Holm, »und

werden an demselben herrliche Formen finden. Fast überall, wo

Feuchtigkeit ist, kommen Diatomeen vor, sowohl im süßen Wasser wie im

Meere. Wenn wir einen Fisch fangen, so wollen wir seinen Mageninhalt

untersuchen; namentlich sind die Schellfische große Liebhaber von

Diatomeen, und ihr Magen ist in dieser Beziehung ein wahres Museum für

den Forscher.«

»Da wird er viele Diatomeen zu sich nehmen müssen, ehe er satt wird,«

meinte Franz lachend.

»Allerdings,« bestätigte Holm, »denn diese Geschöpfe sind

außerordentlich klein. So z. B. besteht der Polierschiefer bei Bilin in

Böhmen aus lauter abgestorbenen Diatomeen, deren unverwesliche Schalen

feste Kieselsäure sind. Um einen Raum von einem Kubikmillimeter

einzunehmen, müssen ihrer fünfzig Millionen zusammen sein.«

»Dann hat ein Fisch viel zu thun, um Jagd auf sie zu machen,« bemerkte

Hans lachend.

»Wenn er jede einzelne Diatomee fangen sollte, würde er sich schwerlich

bei Kräften erhalten,« erwiderte Holm lächelnd, »aber da dieselben

meistens in dichten Kolonieen bei einander leben und auch an den

Seepflanzen haften, die von manchen Fischen gefressen werden, so hat die

Natur es ihm ermöglicht, sich bequem von diesen Geschöpfen nähren zu

können. Die ungeheure Anzahl der Einzelwesen ersetzt die Größe und

ebenso verhält es sich mit ihrer Vermehrung. Während das Elefantenweib

alle drei Jahre nur ein Junges zur Welt bringt, hat eine Diatomee, wenn

keine Störungen eintreten, in vierzig Stunden schon eine

Nachkommenschaft von einer halben Million Urenkeln.«

»Wenn die Elefanten und Walfische ihnen dies Kunststück nachmachten,«

warf Franz ein, »dann wäre in einem Jahr kein Platz mehr auf der Erde

für andere Geschöpfe. Die Elefanten würden uns ins Wasser drängen und

die Walfische aufs Land. Es ist doch gut, daß in der Natur nicht alle

Geschöpfe mit gleichen Eigenschaften begabt sind.«

»Indem wir die Gesetzmäßigkeit in der Natur erkennen,« sagte Doktor

Bolten, »sehen wir, daß ein weiser Schöpfer über uns und aller Kreatur

wacht. Je tiefer der Menschengeist in die Natur eindringt, um so mehr

erkennt er das Walten einer höheren Macht. Ob wir die Bahnen der

Himmelskörper, der fernen Welten im weiten Himmelsraum verfolgen, ob wir

die Diatomee im Wassertropfen in ihrer zierlichen Kleinheit bewundern,

oder ob die Majestät der tropischen Urwälder uns mit geheimen Schauern

erfüllt, überall fühlen wir die Größe des Schöpfers.« --

Man wünschte sich gute Nacht, nachdem Holm den Knaben versprochen hatte,

sobald die Gelegenheit sich darbieten werde, ihnen neue Wunder mit dem

Mikroskop zu erschließen.

Während der Schlaf die Forscher zu neuer Thätigkeit stärkte, setzte das

Schiff unverändert seinen Kurs fort, der Steuermann am Rade wachte für

sie, bald nach den Sternen, bald nach dem Kompaß blickend, und so glich

das auf dem Ozean dahingleitende Schiff der Erde selbst, die ihre Bahnen

zieht, wie sie ihr ein höherer Lenker vorschreibt.

Drittes Kapitel.

Lagos und der Golf von Benin lagen hinter der »Hammonia«, die

Nigermündung war in Sicht. In dieses sumpfige, fast unbekannte Land,

dessen Fieberklima bei längerem Aufenthalt für den Weißen tödlich ist

und selbst von den eingebornen Negern kaum vertragen wird, sollte ein

Vorstoß gemacht werden. Man wußte, daß das Land von einer Menge kleiner

Stämme bewohnt wird, die zu den wildesten, niedrigst entwickelten der

Neger gehören. Bei einigen geht sogar noch die Menschenfresserei im

Schwange. Ein portugiesisches Handelsfahrzeug, welches Tauschverkehr mit

diesen scheuen, wenig zugänglichen Stämmen trieb, fand man an der

Sumpfküste vor Anker. Von seinen Matrosen wurden einige, welche bereits

ins Innere gekommen und der Landessprache einigermaßen kundig waren, als

Führer angeworben und mit ihrer Hilfe einige zwanzig Küstenneger als

Träger und Leibwache gemietet.

Zunächst der Küste saß der Stamm der Bonny, oder wie sie sich selbst

nannten, der Bonnyleute. Sie befanden sich augenblicklich wieder einmal

in einem jener kleinen, niemals aufhörenden blutigen Kriege mit dem

Stamme der Benin. Wie ein Fluch hängen diese Raub- und Mordfehden über

dem schwarzen Erdteile, ein Stamm mordet den andern, die schwarze Rasse

zerfleischt sich unter einander, teils aus Blutrache, aus Haß oder aus

Gewinnsucht, der Besitztümer oder der Sklaven wegen.

Man nahm einerseits Herden und anderseits Sklaven weg, lieferte

Schlachten und verbrannte ganze Dörfer; jedoch hatte sich der Krieg weit

landeinwärts gezogen, es ließ sich also annehmen, daß die Gegend, welche

dem Kriegsschauplatz fern lag, im Augenblick ungefährdet zu durchziehen

sei.

Die wohlversehene Handapotheke, Waffen jeder Art, Lebensmittel und

Decken, auch ein Dolmetscher, der die Bonnysprache redete, wurden

mitgenommen, und so ausgerüstet machten sich die Weißen auf die Reise

nach dem unteren Niger, um den berühmten Affenberg, wo wenigstens fünf-

bis sechstausend dieser Tiere ihren Wohnsitz haben sollten, aus der Nähe

zu sehen. Das Unternehmen hatte bedeutend größere Gefahr als die

früheren, aber es versprach auch reicheren Lohn, namentlich was die

Kenntnis von Natur und Bewohnern dieses fast unbekannten, nur selten von

einem portugiesischen Händler betretenen Landes betraf.

Man erreichte das erste Bonnydorf. Die Eingebornen gewährten den

Fremdlingen bereitwilligst Unterkunft, und so blieben zwei der weißen

Führer zur Beaufsichtigung des Gepäcks im Dorfe zurück, während die

übrige Reisegesellschaft weiterzog. Obgleich die Küstengegend viel mehr

den Charakter eines unwegsamen Sumpfes als den eines festen Landes trug,

so zeigte sich das wenig erforschte Binnenland doch an Pflanzen- und

Tierformen ebenso reich, in der Wildheit seiner Bewohner ebenso

gefährlich wie jenes früher gesehene Stück Afrika, in allen Beziehungen

aber großartiger.

Ganze Trupps von gefesselten Sklaven und Kriegsbeute der Bonnys

begegneten den Weißen, sowohl Männer als Frauen und Kinder, sogar

Säuglinge, die, auf den Hüften der Mütter sitzend, von dem einzigen

Bekleidungsgegenstand derselben, einem großen Wollentuch, gehalten

wurden. An einer langen Stange, die sie auf den Schultern trugen, gingen

mit zusammengeschnürten Händen die unglücklichen, total nackten

Geschöpfe zwischen den triumphierenden Gestalten ihrer Besieger, den

weißgekleideten, mit langen Wurfwaffen versehenen Bonnyleuten; sie

kannten ihr Schicksal und hatten sich offenbar vollständig in dasselbe

ergeben, wie denn überhaupt zwei Dritteile aller Bewohner Afrikas ihr

lebenlang Sklaven bleiben, ganz einerlei ob unter der menschlicheren und

zuweilen sogar guten Behandlung der Weißen oder der schlechten ihrer

eigenen Landsleute. Sie kennen nichts anderes und haben sich in ihre

Lage von jeher gefunden.

Im Gebiet der räuberischen, aller Kultur entfremdeten Benins, wo noch

Menschenopfer und sogar noch Menschenfresser angetroffen werden, machte

man nach einigen Tagen mühseligen Marsches Halt. Weiße Leute waren hier

nie gesehen, die Dorfbewohner drängten sich zusammen, und eine Frau

flüsterte halb ängstlich, halb erwartungsvoll ihrer Nachbarin zu: »Ob

man diese Tiere essen kann?«

Die Führer übersetzten das Gehörte und erregten dadurch

begreiflicherweise die ausgelassenste Heiterkeit. Das ganze kleine,

ärmliche Dorf wurde für mehrere Stunden in Beschlag genommen und Land

und Leute aus der Nähe besehen.

Man blieb hier zur Nacht, um am folgenden Morgen den Affenberg zu

besichtigen. Hunde, Schweine, Enten und Gänse durchzogen herdenweise die

Straßen zwischen den Hütten, Affen kletterten auf allen Zweigen, und von

Krokodilen wimmelte die ganze Gegend. In den sumpfigen Niederungen des

Flusses lagen sie halben Leibes am Ufer, grauen, verwitterten

Baumstämmen gleich, zuweilen die ungestalteten Rachen mit den gräßlichen

Zahnreihen lauernd geöffnet, in unzählbarer Menge. Der Führer erzählte,

daß ihm im Dorfe die jährlichen Opfer dieser Bestien auf Hunderte

angegeben worden.

»Dort die graue Wand ist der Affenberg!« setzte ein anderer hinzu. »Wir

können uns aber nicht ganz in die Nähe wagen, da uns sonst ein Hagel von

Steinen auf die Köpfe fallen würde.«

Man durchzog also den Wald, dessen Stämme an Umfang alles übertrafen,

was unsere Deutschen in Heimat und Fremde jemals gesehen. Hier wuchsen

reichlich und üppig fast alle Pflanzengattungen des tropischen Klimas,

besonders verschiedene Baumarten, die eben nur an dieser Stelle zuhause

sind. Der Affenbrotbaum erschien wie ein kleines Wäldchen für sich. Die

unabsehbare Krone wurde von einem im Durchmesser bis zu zehn Metern

haltenden Stamm getragen, während viele Äste weit über vierundzwanzig

Meter hinausragten, bedeckt mit weißen, zarten Blüten und Fruchtschoten

an einem und demselben Stengel. Die Knaben ließen es sich natürlich

nicht nehmen, den breiigen Teig, in welchem der Same liegt, sogleich zu

kosten und fanden auch diese Näscherei von sehr angenehmem Geschmack.

Soviel als möglich wurde in die Botanisierkapseln gebracht, und dann

ging es weiter, bis ein unerwarteter Anblick die Schritte fesselte.

Von dem Blättergewirre der kleineren Bäume, aus Ranken und Blumen waren

kreisrunde, hutförmige Dächer geflochten, die genau wie ein großer,

aufgespannter Regenschirm zur Seite des Stammes je ein daruntersitzendes

Affenpärchen bedeckten, zuweilen sogar ihrer drei, wenn das Weibchen ein

Junges auf dem Arme trug.

Diese seltsamen Wohnungen bauen sich die Affen zum Schutz gegen Sonne

und Überfälle aller Art, sie hausen darin aber nur so lange wie das Dach

grün und frisch bleibt, sind dagegen die Blätter verwelkt, so wird eine

neue Heimat aufgesucht. Die Eingebornen nannten das große,

dunkelgefärbte Tier den »Nschiego nebure,« behaupteten aber, daß es

nicht zu zähmen sei und außerhalb seines Vaterlandes in der

Gefangenschaft auch nicht leben könne. Es zu schießen, wäre daher

unnötige Grausamkeit gewesen, mindestens jetzt, wo an ein Mitnehmen des

getöteten Körpers, der weiten Entfernung wegen, nicht gedacht werden

konnte.

Immer deutlicher traten an lichten Stellen die Umrisse des Affenberges

hervor, der Strom mit seiner blauen Breite schimmerte durch das Gezweig,

und endlich gegen Mittag war die beträchtliche, in ihrer Weise einzig

dastehende Anhöhe zur Seite des Wassers erreicht. Der massige Fels,

welcher sich in gewaltigem Umfange terrassenförmig bis in den Fluß hinab

erstreckt, birgt mehrere tausend Höhlen und Zugänge, die sämtlich von

Affen bewohnt werden. Die Tiere machen während der Nacht ihre Streifzüge

in den Wald, aber die eigentliche Heimstätte ist doch der Berg, und

Tausende von ihnen bevölkern die Stufen bis zur höchsten Höhe hinauf.

Viele Affenmütter mit den kleinen Säuglingen saßen wie Frauen vor der

Hausthür auf einer vorspringenden Zacke, andere kauten Nüsse oder

Früchte, und halberwachsene Junge spielten mit einander gleich Kindern.

Immer aber hielten sich die verschiedenen Gattungen gegenseitig

getrennt. Familienweise sah man graue und braune, gelbliche oder

schwarze, kleine und große bis hinauf zu dem Schimpansen und dem Pavian,

welche beide Arten aber weniger zahlreich vertreten waren. Es schien

zwischen der einen und anderen Gruppe keine Freundschaft zu bestehen, ja

sogar an manchen Stellen ein offener Krieg.

»Sieh nur diese beiden Paviane!« rief Hans, »ich glaube, da gibt es

einen Kampf.«

Aller Blicke folgten der angedeuteten Richtung. Die beiden großen Affen

standen in entschieden feindseliger Haltung einander gegenüber; bald

streckten sie, auf den Hinterbeinen stehend, mit drohender Gebärde die

Arme aus, bald umliefen sie sich wie wütende Hunde. Erst fielen einzelne

schallende Ohrfeigen, dann packten sie sich und rangen liegend in

festverschlungenem Knäuel, wobei einer den anderen nach Möglichkeit zu

beißen suchte. Ihr Geschrei, so mißtönend und krächzend, erfüllte die

Luft.

»Ich möchte dazwischen schießen,« gestand Holm. »Wie es aussehen müßte,

wenn einmal alle diese behenden, lebhaften Tiere zugleich in Bewegung

gerieten!«

»Thun Sie das nicht, Herr,« warnten die Führer. »Wir könnten angegriffen

werden.«

»Nun, und was hätte das zu bedeuten? Vierundzwanzig mit Feuerwaffen

versehene Männer gegen eine Horde Affen!«

Die Jagdlust riß ihn gewaltsam mit sich fort, der Schuß krachte und

widerhallte in zehnfachem Bergesecho. Die Wirkung war eine

unbeschreibliche. Als sei jedes einzelne Tier getroffen worden, so

stürzten und fielen, liefen und kugelten die Affen durch einander.

Einige flohen in ihre Höhlen im Innern des Felsens, andere spähten

aufrecht und mit gerecktem Hals nach der Ursache des plötzlichen

Schreckes, alle aber waren aus ihren Spielen oder Streitigkeiten

aufgestört. Nur zu bald sollte es sich zeigen, daß die Mahnung des

Eingebornen eine wohlberechtigte gewesen; der Feind war entdeckt, und

eine ganze Flut von Wurfgeschossen hagelte herab. Steine, Felsstücke und

die Knochen ihrer von Raubtieren erwürgten Genossen, alles schleuderten

die Affen in wahnsinniger Wut den Angreifern entgegen, dabei aber

rückten sie selbst immer weiter vor, sammelten sich zu ganzen Haufen und

schrieen in allen möglichen Tonarten.

»Wir müssen fliehen!« riefen die Führer. »Es ist die höchste Zeit!

Schnell, schnell!«

Aber Holm und Franz hörten nicht. Sie schossen wieder und wieder in das

lebende Gewirre hinein, rechts und links stürzten die Affen, und jetzt

waren auch schon die vordersten bei den Weißen angelangt, -- im nächsten

Augenblicke hätte ein Handgemenge entstehen müssen.

Die mitgenommenen Führer drängten unsere Freunde bis unter die

schützenden Bäume des Waldrandes, von wo es leichter wurde, den

nachsetzenden Tieren zu entgehen. Trotzdem aber hätte bei der

unübersehbaren Anzahl der Gegner die Sache immerhin noch eine schlimme

Wendung nehmen können, wenn nicht in diesem drohenden Augenblick ein

Ton, langgezogen und gewaltig wie ferner Donner, unverhofft als

Ablenkungsmittel erklungen wäre. Die Affen mochten bei dem furchtbaren

Gebrüll alles übrige vergessen und nur an ihre eigene Sicherheit denken,

sie ließen plötzlich von der Verfolgung der Feinde ab, kehrten um und

suchten mit eiligen Schritten, einander überstürzend, die geschützten

Felshöhlen zu erreichen. Bis auf zwei getötete, die im Wege liegen

blieben, waren in wenigen Augenblicken alle verschwunden.

»Ein Löwe!« ging es von Mund zu Mund. Er schien nahe.

Alle Gewehre wurden geladen, die Reisegesellschaft bildete einen

festgeschlossenen Trupp, und lautlos drang man vorwärts in das dichte

Unterholz hinein. Noch eine Viertelstunde verfloß, aber nichts zeigte

sich.

»Schade!« rief Franz, »eine Löwenhaut hätten wir erobern müssen.«

»Hier sind die Spuren,« bemerkte einer der Führer. »Das Tier ist vor uns

diesen Weg gegangen, -- jedenfalls hat es in der Nähe seine Lagerstatt.«

»Blut!« rief plötzlich Holm, »Blut auf dem Gras und an den Baumstämmen.

Der Löwe hat ein Tier getötet, das er nun mit aller Muße verspeist.«

Wirklich führten rote Perlen auf dem grünen Boden wie ein schlangenartig

gewundenes Band der nahen Lichtung zu. Am Ufer des Stromes bildeten

Dubabelbäume mit ihren fünfzig und noch mehr aus einer Wurzel

aufschießenden Stämmen eine Art von undurchdringlicher Laube, in deren

Innerem es fast dunkel erschien. Dahin führten die Blutspuren.

Eine Kette von Schützen umgab das Dickicht; es war unmöglich, daß irgend

ein Tier herausschlüpfen konnte, ohne gesehen zu werden. Der aufregende,

spannende Augenblick, in dem sich die Entscheidung vollziehen mußte,

ließ aller Herzen höher schlagen. Wo auch der Löwe erscheinen würde, da

begrüßten ihn zehn Büchsenkugeln zugleich, während niemand nahe genug

stand, um von ihm im Sprunge erreicht werden zu können. Alles blieb

vollkommen still.

»Wir müssen ihn herausjagen!« rieten die Führer. »Schade, daß uns ein

paar tüchtige Hunde fehlen.«

Ein Steinwurf in das Gebüsch hinein begleitete den Satz, -- der Löwe gab

kein Zeichen seiner Anwesenheit.

Wieder vergingen Minuten. Sollte man sich völlig getäuscht haben?

Aber nein. Unter den Schlingpflanzen, welche von Stamm zu Stamm lebende

Wände flochten, zeigten sich plötzlich ein Paar funkelnde, mit rotem

Schimmer leuchtende Augen, das gewaltige Brüllen drang erschütternd in

die Herzen der Hörer, und endlich kam der königliche, mähnenumwogte Kopf

zum Vorschein.

Mit einem einzigen elastischen Sprung erreichte der Löwe das Freie. Noch

troff Blut von seinem Maul, die Mähne hatte sich gesträubt und der

Schweif peitschte wütend den Erdboden. Etwa zehn Schritt vor dem Platze

des jüngeren Knaben blieb er brüllend stehen.

Fünf oder sechs Schüsse krachten, auch Hans selbst gab Feuer, das

gewaltige Tier blutete aus mehreren Wunden, noch einmal setzte es an zum

Sprunge, flog zusammenbrechend, taumelnd, eine kurze Strecke weit

vorwärts und stürzte dann dumpf brüllend auf den Boden. Die eine

Vordertatze riß im Fall den Knaben mit sich, -- Hans lag unter dem

Schenkel des verendenden, im Todeskampfe zuckenden Löwen. Schon nach

wenigen Augenblicken erhielt sein Gesicht eine bläuliche Farbe, die

Hände griffen krampfhaft in das Gras, und ein Gurgeln wie das des

Erstickens verriet die furchtbare Gefahr, in welcher er schwebte. An den

Löwen heranzutreten und ihm sein Opfer zu entreißen, war unmöglich; wer

es gewagt hätte, der würde das eigene Leben dahingegeben haben, ohne dem

armen Hans nützen zu können. Holm besann sich daher nicht lange, er

kniete unmittelbar neben dem bedrohten Knaben ins Gras, sprach in

fliegender Eile diesem Mut zu und ermahnte ihn, keine Bewegung zu

machen, dann schoß er über seines Zöglings Körper hinweg dem Untier die

tötende Kugel in den Kopf. Der Löwe streckte sich, atmete noch ein

paarmal und hatte aufgehört zu leben.

Jetzt konnten vereinte Kräfte den Halberstickten hervorziehen; man rieb

und schüttelte ihn, gab ihm Branntwein zu trinken und spritzte ihm

Wasser in das Gesicht, bis er endlich wieder ganz zum Bewußtsein

gebracht war. Auf der Brust fanden sich vom Druck des Löwenschenkels

blaue Flecke, die Glieder schmerzten und der Kopf war schwer wie Blei.

»Wir müssen einen kleinen Halt machen,« riet Holm, »Hans ist zu sehr

angestrengt worden, und uns anderen thut es ebenfalls gut, namentlich

nach der schmählichen Flucht vor den Affen.«

Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Die Führer warfen ihre

Vorräte und Waffen ins Gras, ein Teil ging aus, um frisches Wasser zu

suchen, ein anderer raffte trockenes Holz zusammen, und Franz und Doktor

Bolten wanderten mit den Gewehren am Ufer hin, um womöglich irgend einen

frischen Braten zu schießen; schon nach wenigen Minuten war es um die

beiden Zurückgebliebenen still wie in einer Kirche.

[Illustration: Hans unter dem Löwen.

»Die eine Vordertatze riß im Fall den Knaben mit sich ...«]

Helle, goldene Sonnenstrahlen umspielten Blätter und Blumen, buntfarbige

Vögel schossen überall singend und pfeifend durch das Gewirre, Käfer und

Schmetterlinge bevölkerten die Luft, zuweilen zeigte sich am Rand der

Lichtung eine scheue, flüchtige Kudu-Antilope, ein Papagei ließ sein

mißtönendes Kreischen hören, oder eine kleine, schillernde Schlange

kroch durch das Gras; aller Streit aber, aller Krieg und Kampf schien

aus der Natur verbannt. Die hohen Farne, bei uns nur Gräser, in den

Tropen aber Bäume, bogen im Wind die federartigen, hellgrünen Wipfel;

Stechpalmen strebten kerzengerade empor; Blätter wie grüne, faltenreiche

Mäntel hingen in ungeheurer Breite von Rankengewächsen herab; spitze

dunkle, säbelförmige Pfeile bohrten sich dazwischen, und Hunderte von

weißen, roten und violetten Orchideen umzogen und verflochten wie ebenso

viele grüne Arme das Ganze. Dazu murmelte das Wasser und rauschte der

Wind, kurz es war eine wundervolle Stille, welche auf die jungen Leute

beinahe einschläfernd wirkte. Mitten in der freien Lichtung lag der tote

Löwe, dessen Körper bereits anfing verschiedenen Tiergattungen zum

Schmause zu dienen. Namentlich ein großer, brauner Käfer erschien in

starker Anzahl und ebenso, verlockt von der tiefen, mittäglichen Stille,

eine Rattenart mit spitzem Zahn und raublustigem Blick.

Holm stand auf. »Das verbitte ich mir,« rief er scherzend den

ungeladenen Gästen zu. »Kommt wieder und laßt's euch wohlschmecken, wenn

ich die Haut in Sicherheit gebracht habe!«

Noch waren seine Worte nicht verhallt, als plötzlich ein lauter

mehrstimmiger Ruf die Einsamkeit durchdrang. Wie »hierher!« oder

»Hilfe!« klang es, und noch einmal, aber kürzer, weniger laut,

wiederholte sich der Ton, dann wurde alles still. Die beiden

Zurückgebliebenen aber behielten keine Zeit, über das Gehörte ihre

Ansichten auszutauschen. Ein Schauspiel, das sie von allen am wenigsten

erwartet haben mochten, fesselte plötzlich Augen und Ohren. Aus dem

Walde her kamen im Laufschritt ganze Horden nackter, schwarzer

Beninkrieger, zum Teil kämpfend, fliehend, mit einem Geheul, das Wut und

Todesangst ausdrückte, verfolgt von ebenso vielen bewaffneten

Bonnyleuten, die offenbar den Sieg behalten hatten und jetzt den letzten

Überrest ihrer entspringenden Feinde in Sicherheit zu bringen suchten.

Jeder Sklave ist dem Häuptling Tauschware, ganz so wie Elfenbein, Felle

oder lebende wilde Tiere; je schlechter also die Jagdbeute gewesen,

desto eifriger wird der Feldzug gegen einen benachbarten, schwächeren

Stamm betrieben, nur um bei den reichen Häuptlingen im Inneren oder gar

bei gewissenlosen weißen Unterhändlern an der Küste mit den lebenden

Handelsgegenständen ein gutes Geschäft zu machen. Die Bonnyleute trugen

sämtlich den hohen Federkopfputz, den Streifen Bastgeflecht oder Kattun

um die Hüften, den hölzernen, reichgeschnitzten Schild und den Spieß

oder Speer von Eichenholz mit Metallspitze. Sie stutzten zwar bei dem

unerwarteten Erblicken der beiden Weißen, nahmen aber von denselben

weiter keine Notiz, sondern setzten Kampf und Verfolgung ununterbrochen

fort. Als das ganze Getümmel von schwarzen und braunen Gestalten gleich

einer Windsbraut vorübergestürmt war, lagen Sträuche und Gräser

zertreten am Boden, die Ranken hingen geknickt und zerrissen herab, und

mitten im Wege krümmte sich sterbend ein von mehreren Lanzenstichen

durchbohrter Neger. Holm, obgleich tödlich erschrocken und wegen der

Reisegefährten in begreiflicher Unruhe, beugte sich dennoch zu dem armen

Schelm herab und versuchte es, seine Schmerzen zu lindern, aber schon

nach wenigen Minuten war alles vorüber, der Körper dehnte sich noch

einmal lang aus, und die zuckenden Hände fielen matt ins Gras. Nur aus

der Ferne schallten Stimmen und ein lebhaftes Krachen der brechenden

Baumstämme herüber, hier am Flußufer herrschte wieder die frühere

Stille.

Hans sah unruhig in das Auge seines älteren Freundes. »Wo doch Franz und

die anderen bleiben?« sagte er zweifelnd.

Holm setzte eine kleine Pfeife an die Lippen. Der schrille Ton scheuchte

die umherfliegenden Vögel, aber eine Antwort brachte er nicht. Auch ein

paar Schüsse, nach verschiedenen Richtungen abgefeuert, blieben ohne

Erfolg. Eine Viertelstunde des peinlichsten Wartens verging den beiden

jungen Leuten, mehr und mehr stieg die innere Furcht, welche einer dem

andern zu verbergen strebte, dann aber kam der Augenblick, wo

gegenseitiges Aussprechen nicht länger zu umgehen war. »Jetzt müssen wir

eine kleine Robinsonade durchleben, Hänschen,« sagte in erkünstelt

sorglosem Tone der Gelehrte. »Wahrscheinlich sind unsere Gefährten durch

die Bonnyleute fürs erste gänzlich von uns abgeschnitten worden.«

»Wie wäre das möglich?« rief Hans. »Ich denke, daß man sie getötet hat

wie diesen armen Schwarzen hier, und -- du glaubst das auch, Karl.«

»O, fällt mir gar nicht ein,« beteuerte Holm. »Die Führer mögen gefangen

genommen sein, und eben weil sie dadurch schutzlos wurden, haben sich

der Doktor und Franz verirrt.«

»Wollen wir denn diesen Ort verlassen, Karl?«

»Noch nicht, mein Junge. Vielleicht gelingt es uns doch, durch irgend

ein Zeichen die beiden Verlorenen zu uns zurückzuführen, und überdies --

wie sollten wir uns am Tage in der pfadlosen, meilenweiten Waldwildnis

bis zum nächsten Dorfe oder gar bis an die Küste durchbringen?«

Hans erschrak. »Aber Karl, wenn das am Tage unmöglich ist, so sehe ich

wahrhaftig doch kein Mittel, es während der Nacht auszuführen?«

»Ich desto besser, Hänschen. Die Sterne müssen mir ebensowohl im Urwalde

als Wegweiser dienen können wie auf dem Meer. Einen Kompaß führe ich

auch bei mir, -- um die Heimkehr zum Schiff -- sei du also um diesen

Punkt ganz außer Sorgen.«

Hans sprach nicht mehr. Er hatte den Nachdruck, welchen Holm vielleicht

unbewußt auf das Wort »diesen« gelegt, deutlich herausgehört. Das hieß

nichts anderes, als: wenn wir lebend hinkommen, an wilden Menschen und

Tieren, an den Gefahren des Fiebers, des Verhungerns und der Vergiftung

glücklich vorüber, dann wird wohl endlich die Küste wieder zu erreichen

sein.

»Mach fort, mein Junge,« ermahnte Holm, mehr um die Gedanken seines

Zöglings abzulenken, als der Sache wegen. »Die Herren Bonnys haben

glücklicherweise weder unsere Lebensmittel noch unsere Waffen des

Mitnehmens wert befunden, also können wir vor allen Dingen essen, damit

Leib und Seele kräftig bleiben. Denke an das Unglück, wenn eins von uns

krank würde -- dann erst wären wir beide verloren.«

Der wohlgemeinte Zuspruch that seine Wirkung; wenigstens äußerlich

schien Hans ruhiger, obgleich in seinen Augen helle Thränen schimmerten,

als er jetzt die Vorräte auspackte und einiges davon auf einen

umgestürzten Baumstamm legte. Franz hatte ja vielleicht in diesem

Augenblick nichts zu essen, lebte vielleicht nicht einmal mehr. --

Holm entzündete nun ein mächtiges Feuer, dessen aufwirbelnder Rauch

möglicherweise den beiden Verirrten als Wahrzeichen dienen konnte, er

trug dürres Holz, so viel sich in der Nähe zusammenraffen ließ, herbei,

und erst als helle Flammen an den alten, von der Sonne ausgetrockneten

Zweigen hinaufleckten, setzte er sich zu dem Knaben, um etwas Zwieback

und Rauchfleisch zu genießen, ebenso ein paar Tropfen Madeira. Das alles

war in luftdichten Gefäßen von Hamburg mitgebracht, und namentlich der

Wein mit seiner belebenden Wirkung stärkte fühlbar die gesunkenen Kräfte

der jungen Reisenden, auch die Frucht des Affenbrotbaumes würzte das

Mahl, und dann machten Lehrer und Zögling ihre Pläne für den Tag, oder

besser gesagt, für die Nacht, denn bis dahin waren es jetzt nur noch

wenige Stunden.

»Wir müssen uns zuerst nach einem einigermaßen geschützten Zufluchtsort

umsehen,« meinte Holm, »der wilden Tiere wegen. Ich schlage vor, in

einen Baum zu klettern.«

»Schlangen und Leoparden kommen uns dahin nach! -- Aber wenn wir einen

hohlen Stamm finden könnten, das wäre gut.«

Holm warf noch ein paar starke Äste in das Feuer, dann ergriff er sein

Gewehr und forderte den Knaben auf, ihm zu folgen. »Mir deucht, ich habe

auf dem Wege hierher einen ausgehöhlten Boabab gesehen, den wollen wir

suchen.«

Die beiden machten sich auf und fanden wirklich in der Entfernung von

etwa hundert Schritten den Baum, welchen Holm bemerkt hatte. Sein

ungeheurer Umfang ließ die natürliche Hütte in seinem Innern als

geräumig und hoch voraussetzen, nur fragte es sich, ob nicht etwa dieser

laubumrauschte Palast bereits einen Bewohner gefunden hatte, der sich

aus seinem Daheim keineswegs vertreiben zu lassen gedachte. Ein schwerer

Stein, von Holms Hand geschleudert, flog hinein, aber nichts zeigte

sich, -- die Höhle schien leer.

»Bleib du zurück,« gebot er seinem jungen Begleiter, »ich will einmal

hineinleuchten und Umschau halten.«

Hans brachte das Gewehr in Anschlag. Obwohl er noch sehr heftige

Brustschmerzen empfand und auch mit geheimer Sorge ununterbrochen

lauschte, ob nicht irgend ein Zeichen die Rückkehr der beiden

Verschwundenen andeuten würde, so war es ja doch seine Pflicht, den

Freund im gegebenen Falle zu beschützen, und anderseits mochte er auch

nicht müßig zusehen. Die Kugelbüchse schußgerecht zur Hand, blieb er

dicht hinter dem Vorangehenden.

Ein Zündhölzchen flammte auf, die mitgebrachte Wachskerze wurde in Brand

gesetzt und das Innere des Baumes beleuchtet.

Ein heiseres Gebell tönte den beiden entgegen.

»Hunde!« rief erstaunt der Knabe. »Karl, sind es Hunde?«

Die Antwort erschien in der Gestalt des Bellenden selbst. Ein Mandril

oder hundsköpfiger Affe sprang über Holms Schulter hinweg aus seinem

Versteck hervor und mit Windeseile auf den nächsten Baum. Ebenso rasch

aber hatte er auch die Früchte desselben, halbreife Zitronen, geschäftig

abgerissen und eröffnete nun auf die Störer seiner häuslichen Existenz

ein so wohlgezieltes Bombardement, daß sofortige Deckung hinter irgend

einem Schutzwall geboten schien. Hans erhielt zwei steinharte, grüne

Zitronen dergestalt zwischen die Schultern, daß er um die Wette lachte

und hustete, sich aber in einem mächtigen Tamarindenbaum einen

Verbündeten suchte und nun, von dem Stamm desselben verborgen, den Affen

so lange neckte, bis Holm die ganze innere Höhle beleuchtet und leer

gefunden hatte. Der Mandril mit seinem Hundekopf saß auf dem

Zitronenbaum und fletschte das greuliche Gesicht. Die ganze Erscheinung

dieses selbst unter dem häßlichen Affengeschlecht als allerhäßlichstes

Exemplar bekannten Tieres rechtfertigte den Namen »Waldteufel«, welcher

ihm häufig beigelegt wird. Über einen Meter hoch, hatte er eine kurze,

struppige, ganz schwarze Mähne, und dünne olivengrüne Schenkel, dazu

eine grellrote Schnauze und blaue, gefurchte Backen, sowie große Ohren,

plumpen, hundsartigen Körper und spitzen, gelben Bart. So angethan saß

er mit einem schnell zusammengerafften Vorrat von Wurfgeschossen lauernd

auf einem starken Ast, und so oft Hans nur die Hand vorstreckte oder gar

ein wenig um den Stamm herumzulugen wagte, gleich flog eine Zitrone

durch die Luft, meistens freilich ohne zu treffen, aber immer von einem

gebellartigen Brüllen des Unholdes begleitet.

Holm hatte innerhalb des Affenbrotbaumes Posto gefaßt. »Ich will ihm den

Garaus machen,« sagte er, »diese Gattung lebt meistens in ganzen Trupps,

wenn uns daher die Genossen durch das wütende Bellen auf den Hals

gelockt würden, so könnte es uns schlimm ergehen. Reize einmal die

Bestie, sich nach dieser Seite zu drehen, damit ich sie aufs Korn nehmen

kann.«

Hans lugte um den Baumstamm herum, dann streckte er den Arm vor und

schien werfen zu wollen. Der Jagdeifer riß ihn dermaßen mit sich fort,

daß er im Augenblick die drohende Gefahr der Verschwundenen sowohl als

seine und Holms schlimme Lage gänzlich vergaß. »Jetzt kannst du

schießen, Karl,« rief er, »der greuliche Kobold bietet dir die Brust

dar!«

Und das Pulver blitzte, der Schall zog donnergleich zwischen den dichten

Stämmen dahin, das getroffene Tier lag, immer noch bellend, am Boden,

aber nach kurzer Zeit hatte es zu leben aufgehört. Jetzt konnte die

innere Höhlung des Baumes gereinigt werden; trocknes Reis diente als

Besen, Scharen von Käfern und Spinnen, selbst kleinere Vögel und ein

paar Eidechsen mußten das Feld räumen; aus einer in einem hohlen Ast

verborgenen Ecke flog schwerfällig und erschreckt eine Eule heraus, und

als letzter der vertriebenen Bewohner wurde ein zusammengerollter Igel

vorsichtig entfernt; dann war die Festung erobert, die Sieger konnten

ihre Wolldecken auf dem Boden ausbreiten und sich für die Nacht häuslich

einrichten. Draußen mahnte indessen das sinkende Tagesgestirn zur Eile,

man mußte noch so viel als möglich von den aufgestapelten, am Lagerplatz

zurückgelassenen Mundvorräten in Sicherheit bringen und auch etwas

Wasser zu erlangen suchen, jedenfalls aber den getöteten Affen vom

Eingang der Höhle entfernen, um nicht durch die Leiche den Raubtieren

verraten zu werden.

Beide jungen Leute gingen zu der Stelle zurück, wo am Morgen die

verhängnisvolle Trennung stattgefunden hatte, und obwohl sich einer wie

der andere bemühte, äußerlich ruhig zu erscheinen, so wurden doch beide

von einem gleich wehmütigen, niederdrückenden Gefühl erfaßt. Nun galt

es, von dieser Stelle Abschied zu nehmen, die überzähligen Waffen und

nicht fortzubringenden Lebensmittel ihrem Schicksal zu überlassen und so

gewissermaßen ein letztes, unsichtbares Band zwischen ihnen selbst und

den Verlorenen zu durchschneiden. Aber es mußte geschehen, jedes Zögern

konnte ein Todesurteil werden. Wenn ihre Rückkehr in die schützende

Höhlung des Baumes sich verspätete, wenn vor ihnen ein Löwe oder Gorilla

davon Besitz nahm, -- was dann? Für diese Nacht ließ sich an keine

Wanderung durch den pfadlosen Urwald mehr denken, dazu waren beide viel

zu ermüdet, viel zu ruhebedürftig und abgespannt, sie mußten in dem

todbringenden afrikanischen Klima zuerst und zunächst ihre Kräfte

schonen, mußten alles vermeiden, was möglicherweise ein Erkranken

herbeiführen konnte, da sonst jede Hoffnung auf ein glückliches

Entkommen aus der Wildnis von vorn herein abgeschnitten gewesen wäre.

Um den toten Löwen hatte sich eine Schar von beutelustigen kleineren

Tieren versammelt, sogar mehrere scheublickende Hyänen flüchteten in den

Schutz des Dickichts zurück, und Raubvögel flogen schwirrend empor; der

König der Wälder war zerrissen und zernagt, sein Fell hing in Streifen

herab, sein Blut färbte den Rasen. -- Holm beeilte sich, den Knaben von

hier fortzubringen, er wußte nur allzuwohl, daß weiterhin der Leiche des

getöteten Negers von dem Raubgesindel gerade ebenso mitgespielt sein

würde, weshalb aber sollte Hans auch diesen trostlosen Anblick mit in

den Schlaf hinübernehmen? »Rasch,« ermahnte er, »auf Wasser müssen wir

wohl verzichten, mein Junge, oder wenigstens bleibst du in der Höhle,

während ich ausgehe, um die Quelle zu finden. Nimm diese Weinflaschen,

den Zwieback, das Fleisch, -- so, so, Hänschen das übrige bleibt in

Gottes Namen liegen, da wir es unter keiner Bedingung forttragen

könnten. Ist einmal das Dorf der Bonny wieder erreicht, dann begleiten

uns neuangeworbene Leute, und der Streifzug beginnt abermals, wenn auch

anders und schneller. Die Unsrigen sind wahrscheinlich Gefangene der

Bonnys, weshalb denn die Verständigung ganz leicht werden wird.«

Hans antwortete nicht, es war ihm so sonderbar eng ums Herz, er konnte

kein Wort herausbringen. Der helle Tag läßt ja jede Befürchtung, jede

Unruhe leichter ertragen, die Abendschatten dagegen fallen wie Fesseln

auf die Seele, im Dunkel erscheint alles Schlimme und Beängstigende

doppelt quälend, doppelt schwer. Ohne zu sprechen gingen die jungen

Leute schnellen Schrittes zum erwählten Nachtquartier zurück. Holm

schaffte den toten Affen beiseite, holte Wasser aus einer in der Nähe

vorüberfließenden Quelle und entzündete, als es gänzlich finster

geworden war, eine der mitgebrachten Wachskerzen. Das Auge fand jetzt

ein malerisches, nie gesehenes Schauspiel. In halben Windungen, hier

enger und dort weit offen, erstreckte sich die Höhlung bis in die

obersten Zweige des Baumes; keineswegs jedoch waren ihre Wände überall

dicht und verschlossen, im Gegenteil sah hier und da funkelnd ein

Sternchen vom hohen Himmel in das seltsame Nachtquartier der beiden

jungen Leute hinein; Vögel und Fledermäuse huschten über ihre Köpfe

hinweg, ziehende Schatten verhüllten die höchsten Spitzen, und je

zuweilen unterbrach plötzlich eine fremdartig klingende Stimme

erschreckend die Stille der anbrechenden Nacht.

»Den Eingang können wir nicht verschließen,« meinte Holm, »daher muß

einer von uns wachen, während der andere schläft. Lege dich hin,

Hänschen, und sei völlig ohne Sorgen, hörst du?«

Der Knabe widersprach nicht. Er wußte nur allzu wohl, daß kein Schlummer

seine Augen umhüllen werde, und daß es ihm daher möglich sei, in jeder

Minute dem etwa bedrohten Freunde zu Hilfe zu eilen, -- mochte es recht

still bleiben, mochte die Unterhaltung gänzlich stocken, desto besser

ließ sich den eigenen schlimmen Befürchtungen nachhängen.

Und so vergingen Stunden. Das geheimnisvolle Leben des Urwaldes regte

sich und sprach und flüsterte mit tausend Stimmen. Es glitt über das

Moos dahin, es lauschte durch die hohen Farn und flatterte in den

Wipfeln. Zuweilen fielen reife Früchte herab, oder stürzte polternd

unter den ungestümen Sprüngen einer Affenschar ein dürrer Ast auf den

Boden; lautes Kreischen und Bellen bezeichnete den Weg, den die

nächtlichen Plünderer genommen, hart vorüber an dem hohlen Baum wälzte

sich der wilde Haufe, und durch die entstehende Stille klangen wieder

die Stimmen derjenigen Geschöpfe, welche jählings aus ihrer Ruhe

aufgescheucht worden waren. Da schien plötzlich der Boden selbst zu

erdröhnen, wie dumpfes Rollen tönte es herüber, Zweige und Äste

knackten, größere Körper bewegten sich vorwärts, offenbar dem Versteck

der beiden entgegen. Holm versicherte sich seiner Kugelbüchse, -- die

Herannahenden konnten ja möglicherweise Bonny- oder gar Beninleute sein.

--

Hinter ihm erhob sich geräuschlos die leichte Gestalt des Knaben. »Ich

schlafe nicht, Karl! Was bedeutet das sonderbare Geräusch?«

Ein Schnaufen und Brüllen durchdrang die Luft, -- Holm atmete auf.

»Gottlob, wenigstens doch keine Menschen.«

Er stellte die Büchse neben sich. Die da herankamen, waren ohne Zweifel

Elefanten, also in betracht des engen Zuganges ein unschädlicher Besuch;

im Gegenteil konnte man sie so recht bequem aus der Nähe beobachten. Die

ersten Riesengestalten wurden im Halbschatten unter den Stämmen bereits

sichtbar; dunkel und gewaltig wälzten sie sich heran, in gerader

Richtung dem Versteck entgegen, pfeilschnell jetzt, feindlich wie es

schien, wenigstens zwölf an der Zahl. Als das erste Tier mit gesenktem

Kopfe, rasch nach einander drei laute gellende Pfiffe ausstoßend, den

Baum anrannte, da konnten sich beide jugendliche Bewohner desselben doch

des unwillkürlichen Erschreckens nicht erwehren, obwohl freilich der

erlittene starke Anprall den alten Boabab in keiner Weise erschüttert

hatte. Nun erst erkannten Lehrer und Schüler den Feind ihrer nächtlichen

Ruhe. -- Die Herde bestand aus glatthäutigen schwarzen Rhinozerossen mit

je zwei großen Hörnern, einer Tiergattung, die zu den bösartigsten unter

allen gerechnet wird, wenigstens was Kampfbegier und Stärke anbetrifft.

Die gellenden Pfiffe wiederholten sich, wütende Stöße trafen den Baum,

so daß Splitter und Flechten nach allen Seiten flogen, dennoch aber war

keine eigentliche Gefahr vorhanden, die Wände standen wie von Eisen.

Holm trat zurück und legte an. Freilich konnte die Kugel das Tier nicht

verwunden, aber doch vielleicht erschrecken.

Der Erfolg entlockte beiden Versteckten ein herzliches Gelächter. Sobald

der Schuß krachte, fuhr das zunächst stehende Ungeheuer wie vom Blitz

getroffen zurück, mitten in die Herde seiner Genossen hinein, alles

sprengend, alles in Verwirrung setzend und dann mit lautem Gebrüll davon

eilend. Hinter ihm her jagten die übrigen, als sei ihnen der böse Feind

auf den Fersen.

Holm und der Knabe lachten, wie sie es seit geraumer Zeit nicht mehr

gekonnt. »Unser Glück war es, daß wir den schwarzen Riesen nicht im

offenen Walde begegneten,« sagte endlich der junge Gelehrte, »sonst wäre

es uns schlimm ergangen. Um diese Zeit wandern die Nashörner in ganzen

Trupps auf bestimmten Wegen zur Tränke, am Tage dagegen liegen sie

meistens unter dem Baum, dessen Zweige ihr Dach bilden, und lassen sich

nur stören, wenn ihnen der Wind die Witterung eines Feindes -- des

Menschen -- zuführt. Während sie weder scharf sehen noch hören, ist ihr

Geruchssinn so ausgebildet, daß sie auf Hunderte von Metern das

Herannahen eines Jägers mit Sicherheit erkennen. Sie stürzen sich ihm

dann blindlings entgegen und fallen in die verdeckte Grube, welche zu

diesem Zwecke vorher sorgfältig angelegt worden ist. Nur auf diese Weise

läßt sich das gewaltige, bösartige Tier einfangen.«

»Die schwarzen Unholde hatten eine ganz glatte Haut,« bemerkte Hans,

»ihr Vetter im Hamburger Zoologischen Garten ist am Körper überall mit

Falten bedeckt. Wie kommt das?«

»Letztere Art ist die indische,« antwortete Holm. »Aber nun will ich

schlafen, mein Junge. Wahrhaftig, -- es muß sein, -- in der nächsten

Nacht werden wir ja wandern.«

Und wieder kehrte die frühere Stille zurück. Holm schlief, Hans hörte

seine tiefen Atemzüge, alles rings umher lockte zur Ruhe, zum bequemen,

wachen Träumen und sich hinzugeben an das Schweigen der Nacht.

Unmerklich sank des Knaben Kopf gegen die Baumrinde, unmerklich

schlossen sich die Augen -- er konnte ja hören, auch wenn er nicht sah!

-- und dann kam der sonderbare Zustand, wo wir zu wachen, zu handeln und

uns zu bewegen glauben, während doch der Schlaf mit siegreicher Gewalt

immer mehr von unserm Bewußtsein Besitz ergreift und es endlich ganz in

Dunkel hüllt. Als die beiden erwachten, erst Hans und dann, durch dessen

lauten Ausruf erschreckt, auch der junge Gelehrte, da schien die Sonne

hell vom Himmel herab, es mußte wenigstens acht Uhr morgens sein; Bäume

und Blüten erglänzten im frischen Schimmer, ein angenehm fächelnder Wind

zog durch die Laubkronen und mit ungezählten Stimmen sangen im Gezweig

die verschiedenen Vogelarten.

Holm und der Knabe sahen einander an. Wie nahe war vielleicht während

dieser Nacht der Tod an ihnen vorübergegangen!

»Das laß uns als gutes Vorzeichen nehmen,« rief Holm. »Wir haben

geschlafen, obgleich Löwen und Hyänen uns umschlichen, wir haben Geist

und Körper neu gekräftigt, ohne durch irgend eine Gefahr beunruhigt zu

werden, also ist auch unsere Stunde noch nicht herangekommen. Gib acht,

wir finden heute noch die anderen wieder!«

Seine gute Stimmung belebte auch den Knaben. »Was thun wir denn jetzt

zunächst, Karl?« fragte er.

»Hm, wir schießen uns einen Braten, pflücken Früchte, holen Wasser und

gehen ein wenig auf die Jagd, kurz, wir spielen Robinson zu zweien.

Sobald dann das erste Sternchen am Himmel erscheint, beginnt die

Heimreise.«

»Und das denkst du durchführen zu können, Karl?«

»Ganz gewiß, Hänschen, nur bleibt es unbestimmt, ob wir auf diesem Wege

ein Dorf der Bonny streifen werden oder nicht. Unser Schiff müssen wir

erreichen.«

Während dieser Unterhaltung waren die beiden aus ihrem Versteck

hervorgekommen und sahen nun von draußen die Verheerungen, welche in der

letzten Nacht durch die Rhinozerosse angerichtet waren. Handgroße

Holzsplitter lagen umher, Büsche und Gräser waren zerstampft, als sei

eine Schlacht geliefert worden und hier und dort sogar ein junger Baum

vollständig geknickt. Der Weg, den die riesigen Tiere eingeschlagen,

zeigte sich als sehr leicht erkennbar.

Holm winkte seinem jungen Begleiter. »Jedenfalls gibt es hier herum

einen Flußarm oder sonstiges Gewässer, in dem sich keine Krokodile

befinden,« sagte er. »Die Rhinozerosse bahnen sich herdenweise ihre

Pfade durch das Unterholz immer nur, um eine Tränke zu erreichen; laß

uns also der Spur nachgehen.«

»Aber wenn die schwarzen Teufel noch da wären?«

»Das sind sie keinesfalls, überdies weht uns auch ein ziemlich starker

Wind gerade entgegen, sie könnten unsere Annäherung daher durch kein

Zeichen erkennen.«

Die Gewehre wurden nachgesehen und geladen, zur Stärkung ein Schluck

Wein genommen, und dann ging es vorwärts; schon nach fünf Minuten zeigte

sich ein schmaler, sonnenbeschienener Fluß, dessen Wellen leise murmelnd

dahinglitten, und der sich zur Rechten in einen See zu verwandeln

schien. Die Ufer mußten sehr flach sein, denn Wasservögel aller Art

verzehrten teils stehend, teils langsam wandernd, halb von den Wellen

überspült, ihr aus Schnecken oder Fröschen und kleineren Fischarten

zusammengesetztes Frühstück; weiterhin, wo das Wasser breiter wurde,

lagen im Sonnenschein die weiblichen Flußpferde mit ihren Jungen, zu

denen sich nicht selten ein auf dem breiten Rücken des Muttertieres

neben den Kleinen stehender Reiher oder Kranich gesellt hatte. Das

Flußpferd blinzelte gemütlich, der Vogel hielt scharfen Ausguck nach

Beute, die jungen Tierchen neckten einander und fielen zuweilen

klatschend in den See, der aber auch hier nicht tief schien; kurz, es

war im ganzen ein Bild des ungestörtesten Friedens, den selbst die

Büffelherde im hohen Farngras trotz ihrer Hörner und ihres bedrohlichen

Aussehens nicht zu scheuchen vermochte. Marabuts und Ibisse, Pelikane

und Plotos wiegten sich halbgeschaukelt, halb auf einem Bein im Wasser

stehend; Fische zuckten zuweilen vom Grund herauf; Schmetterlinge aller

Größen, golden und purpurn, ganz weiß oder im schönsten Blau prangend,

huschten von Blüte zu Blüte; geschäftige Bienen trugen Beute; Ameisen in

langen Zügen marschierten auf dem duftenden Erdboden; unschädliche

Schlangen verschwanden blitzartig unter dem nächsten Gebüsch oder ein

paar vertrockneten Blättern.

»Karl,« fragte Hans, »kennst du die sonderbare Frucht, welche von diesem

Baum herabhängt, flaschenförmig und ganz grün wie das Blatt selbst? --

Die müssen wir uns einmal in der Nähe besehen.«

Er ging zu einem Stamm, von dessen Zweigen unzählige grüne,

langgestreckte Früchte oder Auswüchse herabhingen. Mit der Hand ließen

sich dieselben nicht erreichen, Hans schüttelte daher den untersten Ast,

und nun fielen allerdings die unbekannten Dinger haufenweise herab, aber

-- -- -- welchen Inhalt ausschüttend!

»Um des Himmels willen!« rief Holm, »das sind die Nester der

Eloway-Moskitos! Wie konnte ich mich denn auch darüber täuschen!

Schnell, Hans, schnell, nimm einen dichten Busch und schlage damit in

den Schwarm hinein. Wir müssen flüchten, -- so rasch als möglich.«

Während dieses schreckensvollen Rates hatte er bereits ein paar

blattreiche Zweige abgebrochen und einen davon seinem jungen Genossen

zugeworfen. Die Moskitos, Tausende an der Zahl, umschwärmten ihre

vermeintlichen Angreifer und begannen laut summend zu stechen, wohin sie

sich setzten. Jeder Schlag tötete eine bedeutende Anzahl, aber wo eine

gefallen war, da erschienen hundert andere an ihrer Stelle; Holm und der

Knabe befanden sich inmitten einer schwarzen Wolke dieser Blutsauger,

die vereint in der Weise beleidigter Bienen ihren Angriff vollführten.

Es war unmöglich, sich der kleinen Gegner zu erwehren; aus allen Nestern

krochen sie hervor, fanden den Weg unter die Kleider der beiden jungen

Leute und verursachten ihnen so heftige Schmerzen, daß die Jagdlust

davor weichen mußte. »Ins Wasser,« rief Holm, »ins Wasser oder wir sind

verloren!«

Die Gewehre lagen schon längst im Grase, die Strohhüte auch, und so

sprangen denn Lehrer und Schüler, sich notfalls auf ihre Schwimmkunst

verlassend, Hals über Kopf in die blaue Flut hinein. Bis an den Mund

unter Wasser, war es ihnen nunmehr ein leichtes, den etwa nachfliegenden

Verfolgern durch schnelles Tauchen zu entgehen. Triefend, mit

zerstochenen, geröteten Gesichtern, die Augen voll Wasser, so sahen sie

sich an und brachen zugleich in ein herzliches Lachen aus. »Von einem

Mückenschwarm besiegt!« rief Hans.

Karl hob aus der schützenden Flut unvorsichtig den rechten Arm, um auf

das Ufer zu deuten, zog ihn aber sogleich wieder zurück, als ein Dutzend

Moskitos über seine Hand herfielen, der Kopf folgte nach, und so

förderte er in Absätzen, prustend, sich schüttelnd und verschluckend,

die beabsichtigte Rede zu tage, nur je zuweilen inne haltend, wenn er

sah, daß Hans wie eine flinke Ente tauchte, und daß er also in diesem

Augenblick keinen Zuhörer hatte. »Du sagst Mückenschwarm, mein Junge?

Die Art sticht durch -- warte Bestie! -- prr, ich meine, sie bohren sich

durch das Leder bis in die Haut. -- Junge, wo bist du? -- aha, ich sehe

dich bereits. Hier haben wir auch die Iboko-Hornisse, die größte von

allen! Bitte, ich verzichte auf nähere Bekanntschaft.«

Er entfernte sich während dieser Rede mit seinem Begleiter von der

gefährdeten Stelle und machte es möglich, unter dem Schutz eines dichten

Gebüsches das Ufer wieder zu erklettern. Die ertrunkenen oder

zerquetschten Mücken wurden aus den Kleidern geschüttelt, das Wasser so

gut als thunlich entfernt und Schilf und Halme abgelesen. »Jetzt warten

wir noch ein Viertelstündchen, bis sich die Wut der Tiere gelegt hat,«

meinte Holm, »dann holen wir die Gewehre und schießen Büffel.«

Ȇberfallen denn die Moskitos nur ihre Angreifer, Karl? Nicht vielmehr

alle Geschöpfe, die des Weges kommen?«

»O bewahre, sie sitzen ruhig in ihren Nestern, bis man dieselben

bedroht, dann aber kennt auch, wie wir soeben sahen, ihr Zorn keine

Grenzen. Laß uns nur warten, der Schwarm wird schon durchsichtig, die

meisten sind davongeflogen.«

Nach kaum zehn Minuten war es den beiden Freunden möglich, ihre Hüte und

Gewehre ohne weitere Gefahr wieder an sich zu nehmen, und nun begann die

Büffeljagd. Schon bei dem ersten Herannahen ihrer Verfolger ergriffen

sämtliche Tiere die Flucht, alle einer bestimmten Richtung folgend, und

wie es schien, unter der Leitung eines besonders großen, alten Stieres;

sie donnerten über den Boden dahin, daß er dröhnte, und schon glaubten

die Jäger, daß ihnen kein Stück zu Schuß kommen würde, als plötzlich

hart vor ihrem Wege aus dem feuchten Grunde ein Büffel aufsprang und mit

gesenktem Kopfe auf sie zustürzte. Nach rechts und links ausweichend,

ließen ihn die jungen Leute im heftigsten Anprall gegen einen alten

Tamarindenbaum rennen, die Hörner drangen tief in das Holz desselben,

dichte Ranken thaten das Ihrige, um ein Loskommen im Augenblick zu

verhindern, und so hatte sich der Büffel in eigener Falle gefangen. Von

zwei Kugeln getroffen, stürzte er verendend am Fuße des Baumes zu Boden.

Ganz schwarz behaart und mit dicht stehenden, mächtigen Hörnern war er

ein Gegner, dessen Gefährlichkeit erst jetzt, nachdem man ihn in der

Nähe besehen, so recht erkennbar wurde. Gegen zwei Meter hoch und dem

entsprechend lang ließ sich das Tier nicht von der Stelle bringen, die

glücklichen Schützen mußten also aus dem Rücken ein tüchtiges Stück

herausschneiden und das übrige den wilden Räubern preisgeben. »Schade um

die Zunge,« sagte Holm, »sie ist das Feinste von allem, aber wir haben

für keine Zubereitungsart die nötigen Geschirre; das Fleisch muß roh mit

Salz und Pfeffer verzehrt werden.« -- So zogen sie heimwärts und

pflückten unterwegs noch einige Ananas, die als Nachtisch dienen

sollten. Glücklicherweise hatte sich für die Höhle noch kein vierfüßiger

Bewohner eingefunden, die zurückgelassenen Decken und Vorräte lagen

unversehrt an der früheren Stelle, und nachdem daher das Fleisch auf

einem flachen Stein geschabt worden, begann das durch den besten Appetit

gewürzte Mahl, bei dem nun freilich die letzten Zwiebäcke und der letzte

Wein verzehrt wurden. Aber das machte keine Sorge, es gab hier herum

Lebensmittel die Hülle und Fülle, man brauchte nur zu pflücken oder

einen Schuß Pulver dran zu wenden.

»Gottlob,« sagte Holm, nachdem er den Vorrat in der Jagdtasche

untersucht, »Munition ist reichlich vorhanden. Wir können in dieser

Beziehung ruhig sein.«

Gegen Mittag fiel ein heftiger, andauernder Regen, der unsere Freunde

zwang, unter Dach und Fach zu bleiben; sie mußten auch einigen größeren

Affen, welche den Baum erobern wollten, den Zugang wehren, und da

späterhin für einen Ausflug die Zeit zu weit vorgerückt war, so

verbrachten beide plaudernd und ruhend die Stunden, bis auf den Tag

wieder die Nacht folgte und nun der gefahrdrohende, überaus schwierige

Weg durch den Urwald angetreten werden sollte. Gerade um diese Zeit

brachen auch alle wilden Tiere, auf Raub ausgehend, aus ihren

Schlupfwinkeln hervor; gerade jetzt war die Gefahr am größten, lauerte

hinter jedem Baum und sprach aus jedem Laut der Wildnis, aber es gab

kein Bedenken, ein Zögern inmitten dieser Verhältnisse, ohne Nahrung

außer Früchten und rohem Fleisch, ohne menschliche Nähe oder einen

gesicherten Schlafplatz wäre ja unfehlbarer Untergang gewesen. Da also

der Führer fehlte, so mußte man, um nicht durch völlige Unkenntnis des

Weges möglicherweise noch tiefer in die Wildnis hineinzugeraten, während

der Nachtstunden reisen, -- gelang das, so war die Küste bald erreicht.

Von dem allen plauderten die beiden, von der Heimat und tausend anderen

Dingen, die ihnen am Herzen lagen, nur nicht von den Verschollenen; es

war als könne sich keiner entschließen, zuerst ihre Namen auszusprechen.

Die Gewehre wurden geladen, von den Früchten auch soviel als sich

verpacken ließ, mitgenommen, die leeren Flaschen am Ufer gefüllt, und

fort ging es in die Wildnis hinein.

Wo der Weg über eine baumlose Strecke führte, da beleuchtete heller

Mondschein die Umgebung, wo aber wieder so ein Stück Hochwald begann, da

herrschte fast völlige Dunkelheit, an welche sich jedoch das Auge bald

derartig gewöhnte, daß es wenigstens leicht wurde, größere Gegenstände

zu erkennen und zu unterscheiden. Links von den Wandernden rauschte der

Fluß, in einiger Entfernung zeigten sich die dunklen Umrisse des

Affenberges, Holm hatte also den Rückweg richtig aus den Sternen

herausgelesen, und dadurch wuchs natürlich auch in beider Herzen die

Hoffnung, das Dorf der Bonnys wieder zu erreichen. Dort gab es nicht

allein Führer, sondern es befanden sich unter der Obhut der Eingebornen

alle zurückgelassenen Vorräte, man durfte mithin auf eine bessere und

leichtere Reise zählen.

Holm sah, so gut es anging, in das Auge des Knaben. »Getrost, Hänschen,

es ist mir immer, als müsse sich heute noch etwas Angenehmes zutragen.

Ich« --

»Pst! -- dort unter den Büschen bewegt es sich!«

Beide horchten. Alles ringsumher war still, aber an der bezeichneten

Stelle schaukelten die Farne, als sei ein größerer Körper hastig

hindurchgekrochen, ja sogar weiterhin bewegte sich das Unterholz, und

endlich klang es wie das Knacken von Gewehrhähnen. Eine menschliche

Gestalt glitt blitzschnell aus den Büschen hervor hinter den nächsten

Stamm.

Holm ergriff den Arm des Knaben. »Ein Schwarzer,« raunte er, »ein Bonny!

Um des Himmels willen still also. Die Schar hält vermutlich das von uns

herrührende Geräusch für die Annäherung wilder Tiere und zieht weiter,

wenn alle Gefahr vorüber scheint.«

Auch im anderen Lager flüsterte es. Mehrere Schwarze begannen mit ihren

langen Spießen in das Unterholz hineinzustoßen, um den vermeintlichen

Feind erst einmal von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Es waren

ihrer wenigstens sechs bis zehn, sie schienen entschlossen, die

Jagdbeute nicht aufzugeben, sondern zu umzingeln und aus dem Dunkel

herauszutreiben. Dort im Gewirre von Schmarotzerpflanzen, unter Ranken

und Zweigen mußte der Gegner verborgen sein! -- Immer enger rückten die

Verfolger heran.

»Das geht so nicht länger!« flüsterte Holm. »Noch ein paar Schritte

näher und die langen Spieße erreichen uns. Folge mir nach, Hans,

zwischen diesen beiden Bäumen müssen wir durchschlüpfen -- ich glaube,

hinter denselben steht kein Schwarzer Wache.«

Das Gewehr im Anschlag glitten die beiden so geräuschlos als möglich

über den dichtbewachsenen Boden dahin. Wirklich, kein Schwarzer war zu

sehen, vielmehr schienen sich alle nur mit dem dornigen,

wildverwachsenen Gebüsch jenseits der zusammenstehenden Bäume zu

beschäftigen, schienen den Ausgang nach dieser Seite hin vergessen zu

haben. »Gerettet!« raunte Holm, »wir warten nun unter irgend einem

Schutz, bis die Räuber weiter ziehen.«

Noch hatte er den Satz nicht vollendet, als ihn von hinten zwei Arme

umschlangen und rückwärts zu Boden rissen. Sein Angreifer versuchte es,

ihm das Gewehr aus der Hand zu winden. Ein schwarzes Gesicht beugte sich

über das seine, funkelnde Augen blickten ihn an, und ehe er es hindern

konnte, war ihm der Mund mit einem baumwollenen Tuche völlig gestopft.

Das alles geschah zu schnell, um dem vorauseilenden Knaben bemerkbar zu

werden, Hans verschwand unter den Stämmen, und Holm lag wehrlos am

Boden.

»Ob das ein Beninkrieger ist?« flüsterte in der Nähe eine Stimme. »Gott

stehe uns bei, wenn wieder ein Trupp dieser räuberischen Halunken um die

Wege wäre! Man muß jedenfalls den Gefangenen hindern, seinen Freunden

ein Zeichen zu geben.«

Holm bewegte sich mit allen Gliedern zugleich; er rang heftig gegen die

Eisenarme des Negers, ein dumpfes Stöhnen hob seine Brust. Da gelang es

ihm, eine Hand freizumachen; er wollte das Tuch aus dem Mund reißen,

wurde jedoch daran plötzlich durch den, der eben gesprochen hatte,

verhindert. Jetzt zweien Gegnern preisgegeben, blieb ihm nur übrig,

dieselben so viel als möglich zu beschäftigen; vielleicht kam ja Hans,

wenn er ihn vermißte, hierher zurückgesprungen und konnte ihm beistehen.

Hätte er nur zu rufen vermocht, nur irgend einen Laut von sich geben

oder die Hände gebrauchen können! Aber alles das war unausführbar, bis

nach einigen Augenblicken der Schwarze von ihm abließ und horchend

aufsprang. In der Nähe hatten die Büsche gerauscht, dann folgte ein

Blitz und eine Büchsenkugel flog haarscharf über die Köpfe der Ringenden

hin. Sämtliche Anwesenden standen starr vor Schreck.

Diesen Moment benutzte Holm, um mittels einer schnellen, unerwarteten

Bewegung seines ganzen Körpers den Mann, welcher ihn, gebunden wie er

war, am Boden festhielt, in gewaltsamer Weise mit sich hinaus zu

schleudern auf den hellbeschienenen Grasstreifen, der wie ein schmales

Silberband zwischen den Bäumen dahinlief. Dann lag er mäuschenstill und

sah nur gespannt und erwartungsvoll empor in das Gesicht des anderen.

Dieser selbe Mann stützte beide Hände auf den Boden und schien nicht mit

Sicherheit zu wissen, ob er wache oder träume. Immer noch kniete er über

der hingestreckten Person seines Gefangenen, aber ohne doch gegen die

Freiheit desselben irgend etwas zu unternehmen. Holm brachte die

gefesselten Hände an den Mund, das Tuch wurde bei Seite geschleudert,

und nun erst kam wieder Bewegung in diese stille Gruppe. »Ich grüße Sie,

Doktor!« sagte trocken der junge Mann.

Ein lautes, fröhliches Lachen, in das der andere sofort einstimmte,

beantwortete diesen Satz. Es schien nicht enden zu wollen, es erstreckte

sich mit auf die beiden Knaben, welche dort einander umarmten, vor

Freude sprangen und jubelten, aber trotzdem immer wieder lachen mußten,

lachen, bis ihnen die hellen Thränen über das Gesicht herabrollten.

»Wie kommt ihr hierher, ihr unklugen Deserteure, weshalb habt ihr uns

überhaupt verlassen? Und wofür hieltet ihr uns jetzt?«

»Für das, was ihr seid, Bonnys und Wegelagerer!« klang es zurück. »Wie

könnt ihr euch gestatten, friedliche Reisende für Raubtiere zu halten

und sie mit langen Spießen zu bedrohen?«

»Wer kraucht denn in dem Busch herum, anstatt wie ein rechtschaffenes

Menschenkind Rede und Antwort zu geben?«

»Wer stellt ein schwarzes Gesicht an die Spitze des Zuges und

verdächtigt dadurch die ganze Reisegesellschaft?«

»Nun, Gott im Himmel sei Dank, wir haben uns wiedergefunden!«

»Meiner Sternkunde sei Dank, wollten Sie doch sagen, Doktor?«

»Und wer hat die Sterne als Wegweiser an den Himmel gestellt,

Freundchen?«

»Amen. Sie sollen den Sieg behalten, Doktor. Jetzt komm einmal her,

Hans, beinahe hättest du uns beide zugleich erschossen.«

»Ich hab's gethan!« rief Franz. »Glorreich vorbei, Gottlob. Wie konnte

ich auch ahnen, daß du es warst, den unser würdiger Doktor aus

Leibeskräften bändigte, in der besten Meinung, einen Beninkrieger unter

seiner Faust zu haben.«

»Ja, ja, meine Brille!« seufzte der alte Theologe, »das ist nun die

zweite von sechs, welche ich zur Vorsicht mitnahm. Die unsinnige

Rauferei hat mich die zweite Brille gekostet!«

Jetzt ging nun das Fragen und Verständigen an. Der Stamm der

Reisegesellschaft mit den Führern und Bonnyträgern hatte durch

Vermittelung der letzteren leicht einen Vertrag mit dem Häuptling des

heimziehenden Haufens der siegreichen Bonnyleute geschlossen, wonach sie

gegen entsprechende Geschenke und unter nachdrücklichem Hinweis auf die

drohend nahe ihren Heimatdörfern vor Anker liegende »Hammonia« freien

Hin- und Rückweg haben sollten.

Nach einem gemeinsamen Friedensmahle und einer unbehelligt verbrachten

Nacht war die ganze Schar vor Tagesanbruch auf und davon, ohne durch

irgend ein Zeichen verraten zu haben, wohin. »Einer der weißen Führer

ist im Gefecht umgekommen, drei andere sowie die Schwarzen sind mit uns

gegangen, so daß die ursprüngliche Reisegesellschaft wieder beisammen

ist. Wollen wir nach dem Erlebten noch weiter in die Urwälder

vordringen?« schloß Franz die Erzählung.

»So ohne Brille?« seufzte der Doktor. »Ich finde es wahrhaftig nicht

ratsam, allen diesen streifenden Bonnys und Benin gegenüber, namentlich

da wir durch die unvermutete Trennung so viele Gewehre und alle

Lebensmittel verloren haben.«

»Auf denn!« entschied Holm. »Zunächst zurück zum Dorf der Bonny und dann

wieder auf unser Schiff. Die afrikanischen Urwälder mit ihren

menschlichen und tierischen Bewohnern sind wahrhaftig aus der Entfernung

gesehen interessanter und lockender als in unmittelbarer Nähe.«

Franz errötete, als enthalte dieser Satz für ihn eine Rüge. »Ich habe

mir auch das Leben in der Wildnis anders gedacht wie es ist,« bekannte

er. »Mir schien immer, daß es langweilig sein müsse, so als Kaufmann

jahraus jahrein am Pult zu sitzen, und daß sich nur der Naturforscher

frei und glücklich fühlen könne, aber -- --«

Er schüttelte, ohne den Schluß der Rede beizufügen, den Kopf. Holm und

der Doktor sahen einander lächelnd an, aber keiner von beiden sprach,

sondern alle brachen auf, um so bald als möglich das Dorf und damit die

zurückgelassenen Vorräte zu erreichen. Jetzt, mit einer stattlichen

Anzahl von Führern versehen, ging die Reise schneller und sicherer

vorwärts, kamen, nun die beiderseits Verlorenen sich wiedergefunden,

erst alle Genüsse der Wanderung recht zum Bewußtsein. Eine Abteilung der

Schwarzen voran, dann die vier Weißen und zum Beschluß der Rest der

gemieteten Begleiter, so ging es vorwärts in die köstliche Mondnacht

hinein. Nach zweitägigem Marsche war das Dorf des Bonnystammes erreicht,

Weiße und Schwarze befanden sich im besten Wohlsein, Lebensmittel wurden

gegen die üblichen Tauschwaren in Hülle und Fülle gespendet. Ebenso

boten die wenigen anwesenden Greise (denn die kampffähigen Männer hatten

ihren Streifzug weiter fortgesetzt und waren noch nicht heimgekehrt)

bereitwillig den Gästen eine Hütte, wo sie auf weichen Matten von den

Anstrengungen der letzten Tage ausruhen konnten.

Viertes Kapitel.

Beladen mit Schätzen an Blumen und Pflanzen, an Insekten aller Art, die

Botanisierkapseln und Ledertaschen gefüllt bis zum Rande, so hatte sich

die kleine Karawane auf der »Hammonia« wieder eingefunden, und jetzt

dampfte man den Inseln an der Küste des Guineabusens entgegen. Hier in

diesem ungesundesten aller existierenden Klimate, hier, wo die

leichteste Hautabschürfung, ja ein Nadelstich schon binnen weniger

Stunden bis zum bösartigsten Geschwür fortschreitet, war ein längerer

Besuch freilich nicht in Aussicht genommen, überhaupt sollten nur die

bedeutenderen der fünf Inseln besehen werden, nämlich Fernando Po und

die Prinzeninsel.

Die Knaben mußten nach den ersten Rasttagen während dieser Überfahrt

tüchtig Botanik und Geographie treiben, daneben aber genossen sie alle

die Reize der angenehmen, vom besten Wetter begünstigten Reise, die an

jedem Tage neue Abwechselung darbot. Das Meer war hier eine Fundgrube

nimmer gesehener Kostbarkeiten, es brachte Unterhaltung und Belehrung

zugleich, namentlich da seine blaue Oberfläche in dieser starken

Entfernung vom Lande einen Durchblick bis zur Tiefe von etwa fünfzehn

Metern überall gestattete, und daher die stummen Bewohner des

Wasserreiches deutlich zu erkennen waren.

Große, formlose, häßliche Sepien, mit allen Fangarmen rudernd, grau und

unheimlich in ihrer Kopflosigkeit, mit weitem, immer offenen und nur zum

Saugen eingerichteten Mund, -- die umfangreichsten, gefährlichsten aller

Polypen, schwammen träge durch die Tiefe dahin und hielten in ihren

zahllosen Armen alles fest, was sie erreichen konnten; der Hai mit

seinem Adjutanten, einem kleinen, schlankgebauten, kaum einen halben

Meter langen Fischchen umschnupperte zuweilen das Schiff; fliegende

Fische tummelten sich in der Luft und fielen auf das Verdeck; selten

auch zeigte sich ein riesiger Wal mit allen den schmarotzenden

Bewohnern, welche sein stattlicher Rücken jahraus jahrein beherbergt;

seltener noch ein besonders fremdartig gebauter, kleinerer Fisch; zu

Hunderten und Tausenden dagegen die blauen, rundlichen Polypen, deren

Züge oft stundenlang das Meer durchfurchten, und denen wieder eine

größere gelbe oder violette Art folgte, die sich von den blauen

ernährte, deren häßliche Saugwerkzeuge daher blau gefärbt erschienen.

Einmal bei ganz stillem Wetter sahen die Knaben neben dem Schiff eine

purpurrote Kugel von der Größe einer ausgewachsenen Kokosnuß mit einem

himmelblauen, gefalteten Kragen und über einen Meter langen Fangarmen

vom schönsten Rosa. Die Qualle schwamm, ob auch andrängende Wellen sie

zu überschütten drohten, immer auf dem Kamm derselben, einsam im ganzen

Glanze einer wunderbar fesselnden Schönheit. Weit und breit ohne ein

Wesen gleicher Art, gewährte ihr Erscheinen auf der Oberfläche des

unendlichen Meeres den einzigen Ruhepunkt für das Auge, zugleich aber

auch ein Bild, das anziehend genug war, um die Aufmerksamkeit der

Beschauenden im höchsten Maße zu fesseln.

»Papa Witt!« rief Franz, »schnell, schnell, können wir das Ding nicht

einfangen?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Das ist eine Seifenblase,« antwortete er

halb ernsthaft, halb lächelnd, »gerade wie das Glück -- erfaßt du es, so

bleibt von all diesem Glanze nur ein graues, zerstäubendes Etwas!«

»Man kann also die bunten Quallen niemals aus der Nähe besehen?«

»O doch, dann aber muß man sie mit einem Eimer oder anderen größeren

Gefäß herausschöpfen, und das ist bei voller Fahrt unmöglich.«

»Papa Witt, könnte denn nicht das Schiff stoppen?«

»Lauf,« lächelte der Alte, »lauf und frage, Junge.«

Franz stürmte fort und hatte zwei Minuten später alles an Deck

versammelt, den Kapitän, den Doktor, Holm und Hans. Ein Stück seiner

Garderobe flog dem andern nach, er holte unter allgemeiner Heiterkeit

ein starkes Seil herbei und ließ sich vom Koch einen leichten Blecheimer

geben. »So, wenn nun das Schiff still liegt, laßt mich nur über Bord

springen,« rief er. »Einen Hai würdet ihr ja rechtzeitig sehen können,

und vor dem Ertrinken habt keine Furcht. Ich schwimme wie ein Fisch.

Jetzt also -- paßt auf!«

»Berühre die Qualle nicht, Franz!« lachte Holm.

»Sie beißt dich, Junge!« rief der alte Witt. »Du denkst noch tagelang an

ihre Nesseln, wenn sie dich erfassen sollte.«

»Franz,« fügte halb ängstlich der Doktor hinzu, »du müßtest dergleichen

Wagestücke doch unterlassen. Bedenke --«

Aber da plätscherte der Junge schon im Salzwasser, die Schaumperlen

rollten über seinen Körper dahin, die Woge hob und senkte den kecken

Schwimmer. »Springen Sie mir nach, Doktor,« rief er lustig, »es ist viel

kühler hier unten, als auf dem Verdeck.«

Der alte Theologe hielt, um desto genauer über den Schiffsrand hinweg in

die Tiefe sehen zu können, vorsichtig mit beiden Händen die dritte der

bewußten sechs Brillen fest. »Ich?« wiederholte er erschreckt, »du bist

ein Erzspitzbube, aber man kann dir trotzdem nicht böse werden. Gib nur

acht auf deine Sicherheit.«

Die purpurne Qualle war während dieser Worte dem Knaben

entgegengeschwommen. Es schien wirklich schwer, dies kugelförmige

Geschöpf für mehr als eine bloße Pflanze zu halten, dennoch aber zeigte

das beständige Tasten der Fangarme jenen Zustand teilweisen Lebens, der

das Polypengeschlecht zur »Übergangsstation« macht, wie Professor

Schleiden es nennt, »zu einer Entwicklungsstufe, die das Tier- und

Pflanzenreich verbindet.« Nur Magen besitzt die sonderbare Gattung,

keinen Kopf, mithin auch nur _einen_ der an lebenden Wesen gefundenen

_fünf_ Sinne, den Tastsinn, und daneben einen breiten, lippenlosen Mund.

Einzelne Spielarten sind häßlich, andere sehr farbenreich, besonders die

in den tropischen Meeren lebenden.

Franz nahte mit des Kochs großem Blecheimer. Sechsmal und zehnmal hob er

ihn mit schnellem Ruck über die Oberfläche, immer aber schaukelte sich

die Qualle unbekümmert auf den Wellen, während unser Freund lediglich

Salzwasser eingefangen hatte. Ob er noch so sicher glaubte, jetzt das

bunte Ding erwischt zu haben, in der nächsten Sekunde lagen wieder

einige Schritte Entfernung zwischen ihm und seiner Jagdbeute. -- Die

übrigen lachten natürlich, dadurch aber steigerte sich der geheime

Ärger, welcher den Knaben schon vorher erfaßt hatte, zum Zorn.

Schließlich aber sah er ein, daß er nur mit Besonnenheit zum Ziel

gelangen könnte. Listig schob er den Eimer seitwärts unter die Qualle.

Ein lautes Hurra meldete den anderen den glücklichen Fang.

»Na! Na!« brummte der alte Witt, »sind das Streiche. Holt ihn ein,

Jungens, aber rasch. Koch, eine Bütte voll Salzwasser an Deck.«

Seine Befehle wurden schleunig ausgeführt. Ein paar Minuten später

befand sich der unerschrockene Knabe wieder in der Mitte der anderen,

der alte Steuermann selbst setzte die Qualle in das Messinggefäß und das

Schiff nahm die Fahrt wieder auf. Franz hatte viele Neckereien zu

ertragen. Obwohl ihn aber die roten Striemen, welche das Seil an dem

unbekleideten Körper zurückgelassen, heftig schmerzten, so lachte er

doch darüber und ließ sich von seinem Bruder helfen, die abgeworfenen

Kleidungsstücke wieder anzulegen. Mit stolzen Blicken kniete er vor der

Bütte, worin das gefährliche Halbtier schwamm. Es war im Zustande vollen

Lebens erhalten, die drei verschiedenen Farben glühten so prächtig wie

draußen auf dem Meer, nur schienen seine Tentakeln, wie diese Fangarme

heißen, etwas unruhiger zu tasten. Überall, wo sie gegen das Holz der

Bütte stießen, zogen sie sich plötzlich gegen den Körper zurück.

»Diese Glieder wachsen, wenn man sie abschlägt, wieder nach,« erläuterte

Holm, »später werden wir, gefällt's Gott, sogar im Großen Ozean Polypen

sehen, deren aus Hunderte von Körperchen bestehende Familie nur _eine_

Mundöffnung und _einen_ Magen besitzt. An dem Burschen hier, der dir so

viele Mühe machte, soll das Todesurteil vollzogen werden, nicht wahr,

Franz?«

Unser Freund lachte etwas gezwungen. »Nicht meinetwegen, Karl, aber

damit man einmal diese Geschöpfe genau kennen lernt.«

Der Koch brachte einen großen Rührlöffel und Holm hob vorsichtig das

Tier heraus, um es in eine leere Bütte zu legen. Augenblicklich

verschwanden die prachtvollen Farben, es ging stufenweise abnehmend

alles über in ein fahles Grau, und die Fangarme verloren ihre

Fortbewegungskraft. Als Holm einen derselben ergriff, blieb in seiner

Hand eine gallertartige, zerrinnende Masse, die höchst unangenehm

festklebte. Das Halbtier zerging ohne irgend eine äußere Verletzung,

ohne wahrnehmbares Sterben in kurzer Zeit zu formlosem Schleim.

»Sagte ich es nicht,« nickte der alte Witt, »eine Seifenblase.«

»Dort schwimmen mehrere,« rief Franz, -- »wie hübsch doch die Dinger in

so weiter Entfernung aussehen, wie schade, daß wir diesen Anblick nicht

auch unseren Freunden in der Heimat ermöglichen können. Diese Geschöpfe

lassen sich ja nicht transportieren, wie wir uns eben selbst überzeugt

haben.«

»Und wegen dieser buntschillernden Quallen eine gefährliche Reise

anzutreten, ist nicht jedermanns Sache,« sagte Doktor Bolten. »Was

nützten mir auch alle Wunder und Schönheiten der Natur, wenn die Wilden

meine letzte Brille gestohlen hätten. Ein wahres Glück, daß ich noch ein

Paar Augengläser habe, andernfalls wäre es einerlei, ob ich hier wäre

oder in Dockenhude.«

Alle lachten über den Doktor, der die letzten Worte in einem etwas

kläglichen Tone gesprochen hatte. Dann fragte Holm: »Wie würden wir es

wohl anfangen, um auch unseren Landsleuten daheim eine Vorstellung von

der Farbenpracht und dem Aussehen solcher Geschöpfe zu geben, die im

Tode ihre Schönheit verlieren? Viele farbenprächtige Fische büßen,

sobald sie sterben, ihren Glanz und Farbenzauber ein, wie z. B. die blau

und rot schillernde Meerbarbe, die schon den alten Römern als

Delikatesse bei ihren Schwelgereien galt. Ja die Meerbarbe wurde sogar

vor den Augen der Gäste getötet, die sich an dem wechselnden

Farbenspiel, welches das Tier beim Sterben zeigt, ergötzten. Wer von

euch,« wandte er sich wieder zu den Knaben, »kann mir nun sagen, auf

welche Weise es möglich ist, das Vergängliche für die Mit- und Nachwelt

aufzubewahren?«

Die Knaben sannen nach. »Man setzt die Quallen und Fische in ein

Aquarium,« rief Hans.

»Das wäre ein Ausweg,« entgegnete Holm, »der wohl für einzelne Fälle,

aber nicht für alle passen würde. So lebte früher, gegen das Ende des

sechzehnten Jahrhunderts, auf der Insel Mauritius eine Art von großen,

unbeholfenen Vögeln -- die Dronte -- die nunmehr ganz ausgestorben ist.

Wir würden gar keine Kenntnis von der Gestalt dieses merkwürdigen Vogels

haben, wenn nicht ein damals lebend nach London geschickter Dronte von

einem Maler -- porträtiert worden wäre.«

»Ich hab's,« rief Franz, »man muß solche Gegenstände, die sich nicht

erhalten und transportieren lassen, naturgetreu zeichnen und malen.«

»Ganz recht,« bestätigte Holm, »und deshalb habe ich auch einen

Tuschkasten mit den feinsten Farben und alles zum Zeichnen und Malen

Erforderliche vorsorglich mitgenommen. Später werden wir auch besonders

interessante und wichtige Landschaften, Bäume, Felsen, Wohnungen der

Wilden und diese selbst mittels eines photographischen Apparates

aufnehmen, der uns nachgesandt werden wird.«

»Und wenn unsere Zeichnungen und Abbildungen gut ausfallen, finden sie

Platz in naturwissenschaftlichen Werken,« rief Franz voll Freude, »ich

hätte Lust, jetzt gleich eine zweite Qualle zu fangen und sie zu

konterfeien in Form und Farbe.« Er ging rasch zu Papa Witt, um ihn von

seinem Vorhaben in Kenntnis zu setzen.

Der Alte schüttelte den Kopf und antwortete nicht.

»Sind Sie ungehalten über mich, Papa Witt?« fragte Franz.

Dieser aber blickte den Knaben ernst an und ging zum Kapitän, der den

alten Steuermann zu sich winkte.

Die Blicke beider Männer begegneten sich, und eine halblaute

Unterhaltung in plattdeutscher Sprache zeigte, daß der gleiche Gedanke

den einen wie den anderen beherrschte. »Stüürmann,« sagte der Kapitän,

»wie krigt noch watt!«

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 5 / 21 题