Als die Knaben ihn ungläubig ansahen und riefen: »hier in der Wildnis
gibt es keine Apotheke,« sagte er, »auf dem nächsten Ausfluge werden wir
schon jemand finden, der uns das Gewünschte gibt.«
Zweites Kapitel.
Nichts vergißt sich schneller als Mühe und Gefahr, nachdem beide
glücklich überstanden sind. Kaum waren die mitgebrachten Insekten und
Pflanzen in die verschiedenen Sammlungen gehörig eingereiht und Geist
und Körper durch etwas Ruhe neu gestärkt, als sich die Knaben auch schon
nach weiteren Abenteuern umsahen. Zehn Tage lang mußte das Schiff noch
vor dem Hafen von Lagos liegen, um dort seine Ladung Palmöl einzunehmen.
Diese ganze kostbare Zeit konnte man unmöglich an Bord verbringen und
eben so wenig in der Umgebung von Lagos, die nur aus Busch und Flachland
besteht und außer dem Krokodil kein jagdbares Wild mehr aufweist.
»Wir wollen das Schleppnetz auswerfen,« entschied Holm. »Heute abend
nach Eintritt der Dunkelheit sollt ihr ein nie gesehenes Schauspiel
erleben, den Fischfang vermittelst einer großen Laterne, die das Meer in
einer Tiefe von etwa fünfzehn Metern weit umher erhellt und von allen
Seiten die neugierigen Bewohner desselben herbeilockt. Morgen machen wir
dann vielleicht bei günstigem Wetter mit dem kleinen Bugsierdampfer
»Hansa«, der uns des Sonntags wegen von seinen Eigentümern zur Benutzung
überlassen werden kann, eine Fahrt stromauf in das Innere hinein. Ich
möchte ein paar Flußpferde schießen oder harpunieren.«
»Wenn wir ein Junges fangen und nach Hamburg bringen könnten!« rief
Franz.
»Das wird uns nicht so leicht gelingen,« antwortete Holm, »denn die
Flußpferde sind äußerst scheu und dabei im gereizten Zustande sehr
gefährlich. Außerdem macht der Transport des lebenden Tieres große
Schwierigkeiten.«
»Einerlei,« riefen die Knaben. »Auf dem Dampfer befinden wir uns
überdies auch in voller Sicherheit. Ist es gewiß, daß wir ihn benutzen
dürfen?«
»Ganz gewiß, ich habe heute morgen mit dem Kapitän gesprochen. Nun aber
laßt uns das Schleppnetz herrichten.«
Die Kiste wurde geöffnet und das aus Hamburg mitgebrachte Netz
hervorgeholt. Im bedeutenden Umkreis mehrere eiserne Ketten, die den
Mittelpunkt bildeten, einrahmend, war es ein großes, starkes Fischernetz
aus Flechtwerk, das flach auf das Wasser gelegt wurde, und von dessen
Zentrum die Lampe herabhing, natürlich vom Bord des Schiffes mittels
eines starken hölzernen Hebebaumes in ihrer richtigen Stellung erhalten.
Über den bethörten, durch eigene Neugier verlockten Fischen mußte sich
das Netz sehr leicht zusammenziehen und oben an den Ketten befestigen
lassen. Die Lampe selbst war ganz aus Schiffsglas, sehr groß und für
vier starke Wachslichter bestimmt; sie hatte am oberen Ende einen
wasserdichten Schraubenverschluß, während ihr durch Schläuche Luft
zugeführt wurde. _Ohne_ die Lampe folgt ein solches Schleppnetz dem
Laufe des Schiffes und wird von Zeit zu Zeit seiner Gefangenen
entledigt, _mit_ derselben kann es natürlich nur gebraucht werden, wenn
das Fahrzeug völlig still liegt.
Als bei hellem Mondschein und durchaus ruhigem Wetter die Lichter
entzündet waren, sammelte sich die ganze Besatzung auf dem Verdeck, und
alles sah gespannten Blickes hinab in die Tiefe. Müde von der schweren
Arbeit des Tages, nachdem die Ölspuren einigermaßen beseitigt und die
Rationen verteilt waren, pflegten jetzt diese lebensfrohen, an Leib und
Seele gesunden jungen Leute der Ruhe, indem sie ihren Gedanken
nachhingen und müßig die kühlere Nachtluft einatmeten. Einer von ihnen
spielte Harmonika, deutsche Weisen klangen über das Wasser hin, und
deutsches, gemütliches Beieinander verwischte den Unterschied von Stand
und Rang. Wo Hunderte von Meilen zwischen dem Menschen und seiner Heimat
liegen, da schließt er sich fester an die Nächsten, da bildet er in
weiter Ferne mit dem Genossen der unsicheren Fahrt nur mehr eine
einzige, große Familie. Weitab schimmerten die Lichter der Stadt,
zuweilen klang von anderen Schiffen her Gesang und Rufen, sonst war
alles still, alles dunkel, -- nur da unten regte sich mehr und mehr das
geheimnisvolle Leben der Tiefe.
Im Umkreis von zehn Schritten hell beleuchtet, bildete das Wasser den
Tummelplatz ungezählter Fische und anderer Geschöpfe. Was nie an der
Oberfläche erschien, sich nie dem Menschenauge am hellen Tage preisgab,
das schwamm jetzt vorsichtig herbei, um den ungewohnten Anblick des
Lichtes aus der Nähe zu genießen. Rundlich und platt, größer und
kleiner, bald zierlich schlank, bald von außerordentlicher Häßlichkeit,
so scharte sich's um den kleinen, hellbeleuchteten Glaspalast da unten
in der Tiefe. Zitternde Strahlen umgaben den Mittelpunkt, halbverwischt
spiegelten sich Mond und Sterne, und lautlos glitt und krabbelte es in
dem beweglichen Element. Zwischen Felsspitzen, deren höchste Ausläufer
vielleicht bis zu sechs Metern unter dem Schiffskiel heraufragten,
öffnete sich eine Art von Thal, das unzählige lebende Geschöpfe und
Organismen bewohnten. Große Einsiedlerkrebse, die sich im heftigsten
Kampfe befanden, kleine mit dem Schneckenhause, in dem sie leben,
Ringelwürmer, Wasserspinnen, dazwischen die zierlichen Seesterne,
Muscheln und Schnecken ohne Zahl -- so bevölkerte es, sich mit tausend
Gliedern regend, aufgeschreckt durch die plötzliche ungewohnte Helle,
den Grund, während weiter oben in den Strahlen der Lampe die
verschiedensten Fische herbeieilten.
»Sieh diesen!« rief Franz, »er will das Licht verschlingen!«
Ein lautes Gelächter aller Zuschauer begleitete das komische Gebaren des
Fisches. In Kugelform, scheinbar ohne Kopf, häßlich und plump schoß er
heran und ebenso schnell wieder zurück, wenn sich die Nase an der
Glaswand stieß. Seine Sprünge im Wasser, sein halb keckes, halb
furchtsames Vorgehen erregten immer aufs neue die Heiterkeit der
Versammelten, dennoch aber konnten sie ihre Aufmerksamkeit nicht diesem,
dem Kofferfisch allein zuwenden. Der anderthalb Meter lange und dabei
nur daumsdicke fliegende Drache mit Fledermausflügeln, der Drachenkopf
mit seinem häßlichen Gesicht und hahnenkammartigen Flossen, der Flughahn
mit förmlichen Flügeln, der Seeskorpion mit Hörnern auf dem Kopfe, der
Seehase mit breitem Maul und großen Kuhaugen, alle drängten sie sich
herbei, um zu staunen.
»Wollen wir nicht jetzt das Netz heraufziehen?« fragte Hans.
»Noch nicht,« wehrte Holm. »Es müssen ein paar Größere mit hinein.«
»Rochen, nicht wahr, Doktor? Ich habe gerade die längste Art hier
zahlreich vertreten gefunden.«
»Ah! -- da ist schon einer und zwar ein stattlicher Kerl, ein Hairoche
von drei Meter Länge! -- Und dort noch einer. Nun gibt es Krieg.«
[Illustration: Fischfang mit Schleppnetz und Licht.
»Rundlich und platt, größer und kleiner, bald zierlich schlank, bald von
außerordentlicher Häßlichkeit, so scharte sich's um den kleinen
hellbeleuchteten Glaspalast da unten in der Tiefe.«]
Von zwei Seiten näherten sich die ungeschlachten Tiere mit
scheibenförmigem Körper und kaum erkennbarem Kopfe, an dem sich Mund und
Kiemenspalten unten, und Augen und Spritzlöcher oben befinden. Die
stachlichten Schwänze peitschten das Wasser, die Augen funkelten
raublustig; so viel Beute auf einen Schlag, das mochten sie nie erlebt
haben.
»Der kleine mit dem kreisrunden Körper ist ein Zitterroche!« rief Holm.
»Nun gebt acht, was folgen wird!«
Wirklich schossen auch die beiden großen Fische auf einander zu und
begannen sogleich einen erbitterten Kampf. Sich von der Seite her
begegnend, versetzten sie einer dem andern die kräftigsten
Schwanzschläge, bis endlich der Zitterroche Gelegenheit fand, seinem
Gegner einen elektrischen Schlag beizubringen und dadurch den Streit zu
entscheiden. Völlig betäubt fiel der Hairoche auf den Grund des Netzes
zurück. Die kleineren Fische hatten unterdessen versucht, nach allen
Richtungen zu entfliehen; einigen gelang dies auch, die meisten wurden
freilich durch das zur rechten Zeit emporgehobene Netz erfolgreich am
Entweichen verhindert, und als endlich mit Hilfe mehrerer Matrosen das
ganze schwere Netz an Bord geholt war, da zappelte in den Maschen
desselben noch eine hübsche Anzahl von Flossenträgern; der kecke
Kofferfisch, der arme Geselle, sogar im Maule des Zitterrochens,
halbzerquetscht und ängstlich schwanzschlagend wie sein Besieger selbst.
»Das war ein reicher Fang!« rief Holm. »Besonders die Rochen sind ihres
Fleisches wegen viel wert, ebenso die meisten kleineren Fische um ihrer
Seltenheit willen. Wenn wir sie aus der Nähe besehen haben, mögen sie
weiterschwimmen.«
Und so geschah es. Verschiedene gewöhnliche Arten wanderten in die
Schiffsküche, während man jene ungenießbaren Fremdlinge der Tiefe
barmherzig verschonte und nur einige besonders wertvolle Exemplare zum
Ausstopfen vorbereitete.
Der Zitterrochen wurde geschlachtet, um morgen den Mittagstisch in der
Kajütte auszustatten. Den gänzlich betäubten Hairochen legte man in die
große Deckwaschbalje, um zu beobachten, wann das Leben zurückkehren
werde, und nachdem nun in dieser Weise der Fang besorgt war, sprach Holm
noch über das Fischgeschlecht im allgemeinen einige belehrende Worte,
daß es nämlich nicht weniger als achttausend lebende Arten gibt, daß die
meisten davon eßbar sind, und daß nur wenige giftige Gattungen bekannt
sind. »Wir werden Schleppnetz und Lampe im großen Ozean erst eigentlich
zur Verwendung bringen,« schloß er, »und dort jene interessanten
Geschöpfe kennen lernen, die zwischen dem Pflanzen- und Tierreich
gleichsam einen Übergang bilden, die Quallen in unzähligen Formen, die
Korallen und Schwämme, -- das alles hat da seine wahre Heimat. Ebenso
habe ich für seichte und vor den Haien geschützte Buchten auch einen
Taucherapparat mitgenommen. Gewiß sind mehrere unter Ihnen, die sich auf
die Anwendung desselben verstehen?« fragte er die Matrosen.
Ein mehrstimmiges »Ich, Herr!« beantwortete diesen Satz, und der alte
Steuermann fügte sogar bei, daß auf den Inseln des Stillen Ozeans jeder
Mann ein geborner Taucher sei. »Ich habe oft gesehen, wie sie sich dem
auf dem Grunde der Bucht behaglich liegenden Hai im Fluge nähern und ihn
mit einem Stock oder wohl gar mit der ausgestreckten Hand zum Zorn
reizen, damit er an die Oberfläche kommen und sich harpunieren lassen
möge,« sagte er.
»Essen denn diese Menschen das Raubtier?« fragten erstaunt die Knaben.
»O, das essen auch wohl noch andere,« meinte der Alte. »Ich habe manchen
Hai mit eingefangen und verzehrt, namentlich bei langen Reisen, wo das
Trinkwasser faul und das Fleisch knapp wurde. Da nimmt es der hungrige
Magen nicht so genau.«
»Aber wenn nun der Hai vielleicht am Tage zuvor einen Menschen gefressen
hatte,« rief voll Entsetzen Franz.
»Das mag häufig genug vorgekommen sein, mein Junge. Früher gab es aber
auf Schiffen kein Fleisch in luftdichten Blechdosen, wie jetzt, kein
eingemachtes Gemüse und keinen Apparat, um das Salzwasser genießbar zu
machen, -- die Naturwissenschaften haben in den letzten fünfzehn Jahren
das Los der Seeleute zu einem vollständig anderen, besseren
umgeschaffen.«
»Und wir sind Naturforscher!« rief Hans.
Alles lachte. Der Abend war so schön und die Gemüter so angeregt, daß
man an diesem Tage später als sonst die enge, heiße Koje aufsuchte. Früh
morgens brachte ein Boot die beiden Knaben mit Holm und ihrem Erzieher
sowie einer Anzahl Matrosen von der »Hammonia« an Bord des kleinen
Bugsierdampfers »Hansa«, der vor Lagos liegt und die größeren Schiffe
über die den Eingang sperrende Barre hinüberschleppt. Des Sonntags wegen
war er von den hamburgischen Reedern, denen er gehörte, den jungen
Söhnen ihrer Vaterstadt gern zur Verfügung gestellt worden, und so
dampfte man denn nach kurzer Küstenfahrt lustig in den stark bewegten
Strom hinein. Wahre Riesenstämme erhoben sich zur Rechten und Linken.
Mangrovengebüsche drängten sich zuweilen bis weit in das Fahrwasser vor
und ein vielgestaltiges Tierleben begann die Ufer zu schmücken.
»Zuerst beseht euch die Mangroven,« ermahnte Holm. »Sie werden nur in
den Tropen getroffen und sind immer grün; gerade diese Baumgattung ist
es, die an der afrikanischen Küste das Landen so sehr erschwert. Jeder
Busch bildet für sich ein kleines Wäldchen.«
»Wie langes Haar hängt es von den Zweigen herab!« rief Franz.
»Das sind die Wurzelfasern. Jede einzelne treibt, sobald sie den Schlamm
berührt, neue Schößlinge und wächst, selbst noch zum Mutterstamme
gehörig, wieder als faserbildender Busch empor. Dadurch entstehen die
gefährlichen tropischen Sümpfe, welche, weder Land noch Wasser,
pestartige Dünste aushauchen und den wilden Tieren als Aufenthalt
dienen. Unter und zwischen den engverbundenen Stämmen bilden sich ganze
Moräste sowohl als auch Grasflächen.«
Immer dichter und üppiger wurde das Gewirre. Schlanke Stechpalmen ragten
daraus hervor, himmelhohe Farne wiegten sich im Wind, und ungezählte
Blumen durchflochten das Ganze. Auf den Wipfeln der Bäume nisteten zu
ganzen Scharen Fischaare und Eisvögel, im Gras unter denselben lagen
Wasserböcke, Rohrböcke und Buschböcke. Andere wilde Tiere zeigten sich
nicht, nur einmal ein Leopard, der aber schleunigst das Weite suchte.
Der Strom wurde zuletzt immer schmäler und mündete in einen See, von
welchem mehrere Arme in verschiedene Richtungen ausliefen. Einen davon
bezeichnete der Kapitän des Dampfers als den Hauptaufenthalt der vielen
in dieser Gegend lebenden Flußpferde. »Sie stecken im Schilf,« sagte er,
»und betreten am Tage nur selten das Ufer. Man hört sie wie Ochsen
brüllen und sieht sie das Wasser aufblasen, aber ganz nahe kommt man
ihnen fast nie.«
Das größte Boot wurde nun ausgesetzt und bemannt, unsere Jäger nahmen
Platz und fort ging es in den schmalen Flußarm, mitten in das Herz der
grünen Wildnis hinein. Die Ruderer mußten natürlich oft mit den Rudern
gegen das Schilf stoßen, mußten die Mangrovenfasern zurückschlagen oder
durch natürliche Laubgänge fahren, sie hielten zuweilen auf Holms Bitte
gänzlich an und entdeckten auch selbst an manchen Stellen Neues und
Schönes, das erst besehen wurde. Hier ein Dorf oder eine Kolonie der
kleinen fleißigen Webervögel, die ihre Nester aus Halmen glockenförmig
und enggedrängt neben einander unter die Baumzweige hängen, dort
Nashornvögel in der ganzen Pracht ihrer Farben und etwas weiter hin
Herden gefleckter scheuer Antilopen. Wohin das Auge traf, begegnete ihm
Schönheit, lockte der Zauber des Waldes zum Ausruhen, zum Genießen, --
nur die gewünschten Flußpferde zeigten sich nicht.
Plötzlich -- horch! unter den Mangroven zur Linken regte sich's. Das
Wasser kräuselte, die Zweige rauschten, und einige kleine Vögel flogen
erschreckt davon, dann wurde wieder alles still. Die Reisenden sahen
einander an. »Was war das?«
»Vorsichtig!« ermahnte Doktor Bolten. »Jede Art gefährlicher Raubtiere
lebt hier herum.«
»Aber in das Boot hinein kann keines kommen. Ich will einmal nachsehen,
was sich da bewegte!«
Und Franz fuhr mit dem Ruder in die Gebüsche hinein. Ein Pistolenschuß,
den Holm abfeuerte, begleitete diese energische Nachforschung, aber der
Erfolg war anders, als man es erwartete. Ein Schrei aus Menschenkehlen
durchzitterte die Luft, ein schwarzes Gesicht, bis an den Mund im Schilf
verborgen, sah mit dem Ausdruck der Todesangst zu den Weißen hinüber,
während gleichzeitig ein Boot mit etwa zehn Negern an dem der Europäer
vorbei das Weite zu gewinnen suchte. Kaum sahen aber die Schwarzen den
in bedeutender Entfernung quer vor dem Flußarm liegenden Dampfer, als
sie mutlos die Ruder sinken ließen und sich hockend im Kahn
zusammendrängten. Die Feuerwaffen schienen ihnen den entsetzlichsten
Schreck eingeflößt zu haben.
Erst jetzt entdeckte man, daß der im Schilf stehende Schwarze mittels
eines Riemens aus Wurzelfasern am Boot befestigt war. Zwischen seinem
Körper und dem Fahrzeug befand sich eine Schnur von etwa sechs Meter
Länge.
Die Weißen sahen einander an. Was mochte das zu bedeuten haben? --
»Versteht keiner unter Ihnen die Sprache dieser Leute?« fragte Doktor
Bolten die Matrosen.
»Ein paar Worte kann ich schon,« meinte einer, »aber viel ist es nicht.
Wir müssen die Mohrenkerle zutraulich machen.«
Er nahm aus dem Vorratskasten eine Branntweinflasche und trank etwas von
dem Inhalt derselben, dann reichte er sie den Schwarzen hinüber.
»Prosit, ihr Affengesichter! Nun laß dir's wohlschmecken, altes Haus.«
Der Mund des Negers verzog sich von einem Ohr zum anderen. Ein Schnalzen
mit der Zunge, ein Schlagen beider Hände auf die Kniee bewies nur allzu
deutlich, daß er das Feuerwasser der Weißen nicht erst in dieser Stunde
kennen lernte. Die Flasche nehmen und sie an die Lippen setzen war eins.
Und nun schien der Bann gebrochen. Die Neger, offenbar auf der untersten
menschlichen Bildungsstufe stehend, duldeten es, daß sich das Boot der
Weißen seitlängs legte, und daß der Matrose, welcher ihre Sprache
verstand, einige Fragen stellte, besonders weshalb denn einer unter
ihnen neben dem Fahrzeug her schwimmen müsse.
Die Wilden kamen, nachdem sie etwas zutraulicher geworden, hinüber in
das andere Fahrzeug, sie betasteten jeden Gegenstand mit alleiniger
Ausnahme der Gewehre, denen sie einen heillosen Respekt entgegen zu
bringen schienen, sie ließen sich mit Entzücken Knöpfe, Münzen und
sonstige Kleinigkeiten schenken, flüchteten aber vor einer Spieluhr,
welche Franz heimlich aufzog und ihnen zeigte, bis in den fernsten
Winkel ihres eigenen Bootes hinüber. Erst als sich in ziemlicher Nähe
ein lautes, langgezogenes Brüllen hören ließ, griffen sie schleunigst zu
ihren Harpunen; der Schwimmende sprang schnellstens in das Wasser zurück
und binnen wenigen Minuten wäre die ganze Gesellschaft verschwunden
gewesen, wenn sich nicht unterdessen der Matrose mit dem Häuptling
derselben verständigt hätte.
»So ist die Geschichte!« rief er. »Na, dann spanne sich nur einer von
euch schwarzen Teufeln vor unser Boot; wir nehmen's gar nicht übel,
bedanken uns vielmehr ganz ergebenst, denn für uns wäre es durchaus kein
Vergnügen, im Schlamm zu krabbeln, aber Flußpferde schießen wollten wir
doch gern. Allons! Ihr seid waschecht, euch schadet das bißchen Schmutz
nichts!«
Während dieser Rede hatte er durch einzelne Worte und durch Bewegungen
die Neger dahin verständigt, daß sie auch die Führung des zweiten Bootes
übernahmen. Seinen Reisegenossen dagegen setzte er auseinander, was ihm
der Häuptling mitgeteilt. Die Schwarzen waren Flußpferdjäger und ihr
Verfahren, um diese Tiere aufzutreiben, ein höchst eigentümliches. Der
Schwimmer an der Leine reizt den im Uferschilf verborgenen oder gar auf
dem Grunde liegenden Koloß zum Zorne, so daß er an die Oberfläche kommt
und harpuniert werden kann. Die Jäger im Boote müssen dann aber mit
vereinten Kräften den gefährlichen Widerstand des Tieres zu bewältigen
suchen, so daß diese Jagd immer eine äußerst aufregende ist, namentlich
da die hölzernen Waffen zwischen den Zähnen des Ungeheuers wie
Strohhalme zerbrechen.
Ein zweiter Schwimmer spannte sich vor das Boot der Weißen, auch das
Ruder ging in schwarze Hände über und schneller als vorher glitten,
nachdem die gefürchtete Spieluhr unsichtbar geworden war, beide
Fahrzeuge durch das Wasser dahin. Jenes dröhnende Gebrüll, das schon
einmal die Aufmerksamkeit der Neger erregt hatte, tönte jetzt nahe und
näher. Der Flußarm erweiterte sich, ganze Strecken von Schilf, bis zu
halber Höhe überflutet, dehnten sich nach rechts und links, und inmitten
desselben lagerten an mehreren Stellen die Weibchen der Flußpferde mit
ihren Jungen. Von Röhricht und Wasser verdeckt blinzelten sie mit den
dummen Schweinsaugen schläfrig herüber, ohne indessen, da die Boote
nicht in ihre unmittelbare Nähe kamen, sich aus der bequemen Stellung,
die sie inne hatten, zu rühren. Keiner der beiden Schwimmer nahm von
ihnen die mindeste Notiz.
Jetzt aber tauchte plötzlich der eine, worauf unter dem Wasser ein
Rauschen und Toben entstand. Die Halme bogen sich, die Wellen gingen
höher und höher, das Boot wurde durch einen heftigen Ruck vorwärts
gezogen, der Schwarze erschien mit dem Wollkopf über der Oberfläche, um
zu atmen und tauchte dann nochmals, -- alles während kurzer zwei
Minuten.
In dem anderen Boote hielten sämtliche Neger die Wurfwaffen handgerecht;
sie schienen zu wissen, daß jetzt der Augenblick der Jagd herangekommen
war. Gespannten Blickes verfolgten sie das Toben und Schlagen unter dem
Wasser.
Und dann erschien plötzlich unter der trübegewordenen Flut ein plumper
Kopf, fast viereckig, mit kleinen Augen und drohenden Stoßzähnen. Einige
ruckartige Bewegungen förderten den ganzen Koloß zu Tage und auf die
ziemlich flache Uferwand. Prustend und schnaubend, das Wasser aus den
beiden Spritzlöchern hoch empor schleudernd, so stand der Hippopotamus,
der einzige seiner Art, im Schilf und brüllte wie ein wütender Stier,
obgleich seine ganze Erscheinung weit mehr derjenigen des gemästeten
Schweines glich. Reichlich vier Meter lang und über zwei Meter hoch,
hatte er eine bräunliche, haarlose, purpurn durchschimmerte Haut, einen
Hängebauch, der beinahe den Boden berührte und plumpe, schwarze,
viereckige Füße, kurz er war alles in allem von so unbeschreiblicher
Häßlichkeit, daß nicht einmal der Zorn, welcher ihn im Augenblick
beherrschte, dieselbe vergeistigen und wenigstens _furchtbar_ machen
konnte.
»Laßt uns nicht schießen!« rief Holm. »Ich möchte sehen, wie die Neger
diese Jagd zu Ende führen.«
Im selben Augenblick schwirrten auch schon die Harpunen durch die Luft,
und wenigstens ihrer sechs zitterten an den langen Leinen, welche sie
hielten, im Fleische des Ungeheuers. Jetzt mochte dieses die Gefahr
begreifen; es wollte, dem ersten Antrieb gehorchend, flüchten und trat
rückwärts, aber schon waren sämtliche Neger Hals über Kopf aus dem Boot
an das Ufer gesprungen und zogen mit vereinten Kräften das Tier zu sich
heran. Die mächtigen Kinnladen schlugen voll Wut gegen einander, der
Körper, bluttriefend und von Wunden zerrissen, bog sich mit der größten
Anstrengung nach hinten, die plumpen Füße glitten aus und die ganze
schwere Masse stürzte vor Schmerz brüllend in dröhnendem Fall auf den
Erdboden.
Noch während ihm die Eisenwaffen der Neger den Garaus machten, schlug
der Hippopotamus mit den Füßen um sich und zerbiß, was er erreichen
konnte; jetzt aber war sein Schicksal besiegelt, schon nach wenigen
Augenblicken hatte er aufgehört zu leben. Unter dem Jubelgeschrei der
Schwarzen wurde er sofort in Stücke zerlegt, auch die Weißen verfolgten
das anregende, ungewohnte Schauspiel mit dem lebhaftesten Interesse, und
eben wollten sich die Knaben an Land begeben, als plötzlich der
Schwimmer einen lauten Ruf ausstieß. Dicht vor dem Boote erschien ein
behaarter Kopf, dem alsbald der ganze Körper folgte. Ein dumpfes,
anhaltendes Gebrüll, die dunklere Farbe und die erstaunliche Größe
zeigten das _alte, zornige Männchen_; die gelbgefärbten, spitzen Hauer
ragten bedrohlich aus dem weitgeöffneten Maul hervor, und die ganze
Haltung bewies, obwohl sich das Tier scheinbar ruhig verhielt, daß es
dennoch zum äußersten entschlossen sei.
Die Neger ließen bei diesem Anblick plötzlich ihre blutige Arbeit fallen
und warfen sich mit den Gesichtern in den Sand. Einer unter ihnen ging
mit vorgehaltenen Händen, ohne Waffen, zitternd an allen Gliedern, der
Stelle zu, wo mitten im Schilf das kolossale Tier, der Behemot unserer
christlichen Überlieferung, brüllend mit gesenktem Kopfe dastand. Nur
der Matrose, welcher vorhin die Schwarzen angeredet, verstand was er
sagte. »Du bist der Uralte dieser Gewässer, du bist der Mähnenträger,
der furchtbare, den Abosam gesandt, du bist es, der schon die jungen
Leute mit seinen Hufen zertreten hat, als unsere Großväter an deinen
Weideplätzen wohnten, und der noch das dritte und zehnte Geschlecht nach
uns zertreten wird, bis der Geist, welcher in den Wolken wohnt, die Erde
nehmen und sie zerschmettern mag wie einen Ball. Wir verfolgen dich
nicht, Furchtbarer, wir haben dich nicht gerufen, -- geh zurück in dein
Reich.«
Die Worte wurden in singendem, beschwörendem Tone gesprochen, und
nachdem sie der Neger beendet, fing er an zu tanzen. Es war aber ein
sonderbarer, fast schauerlicher Tanz, dem der Ausdruck des Entsetzens in
den schwarzen Zügen eigentümlich widersprach. Sich langsam von einer
Seite zur anderen drehend, behielt er fortwährend den Feind im Auge, hob
plötzlich, den Oberkörper zurückbiegend, beide Arme über den Kopf und
schlug dann mit den Händen von oben nach unten durch die leere Luft. Der
Hippopotamus blieb in seiner zuwartenden Stellung, von Zeit zu Zeit
brüllte er eine kurze, herausfordernde Antwort oder spritzte hohe
Wasserstrahlen durch die Nasenlöcher hervor, dann sah er sich wieder im
Kreise um und peitschte ungeduldig die Wellen. Es schien, als sei er auf
einen Angriff gerüstet.
Der Matrose hatte unterdessen die Worte des Negers ins Deutsche
übersetzt. »Was meinen Sie, Herr Doktor,« fragte er blinzelnd, »wollen
wir dem Uralten eins auf seinen borstigen Kopf brennen, daß er es
vergißt, mit den großen Elefantenfüßen die schwarzen Kerle zu zertreten?
Mir deucht, das wäre ein kapitaler Spaß.«
»Sie sehen ihn für eine Art von bösem Geist an!« rief Franz. »Laßt uns
die Bestie niederschießen, damit die armen, unwissenden Menschen ihren
Irrtum erkennen.«
»Wo ist der Schwimmer geblieben?« fragte Holm. »Wahrhaftig, auch der hat
sich beizeiten aus dem Staube gemacht.«
»Feuer!« kommandierte Doktor Bolten. »Wenn die mißleiteten Heiden das
Blut fließen sehen, so werden sie sich ja nicht länger vor ihrem Behemot
fürchten.«
Mehrere Schüsse krachten zugleich, ein Schreckensschrei der Neger
begleitete den Schall, und über das ganze Boot hin spritzten schlammige
Wellen. Das Flußpferd raste förmlich. Die schwarzen Borsten an der Nase
und den Ohren standen kerzengerade empor, der ungeheure Kopf riß ganze
Büschel von Schilf und Ranken aus den Uferwandungen, das Gebrüll glich
dem fernen Rollen des Donners. Es blutete aus mehreren Wunden, ohne
tödlich getroffen zu sein.
[Illustration: Der »Uralte der Gewässer«.
»Es war aber ein sonderbarer, fast schauerlicher Tanz, dem der Ausdruck
des Entsetzens in den schwarzen Zügen eigentümlich widersprach!«]
Der Neger, welcher vorhin getanzt hatte, lag jetzt neben den übrigen im
Sande, aber nicht ohne fortwährend seine Beschwörungsformeln zu murmeln
und die Hände über den Kopf zu erheben. Das Wort »Abosam« (Teufel)
wiederholte sich häufig, der Ton aller dieser Worte verriet die innerste
Herzensangst.
»Das Tier ist nur leicht verwundet!« rief Holm. »Wir müssen auf die
Augen zielen. Feuer.«
Eine zweite Ladung von Kugeln traf den Dickhäuter, zugleich aber trieben
die Wellen, durch das Stampfen und Toben des wütenden Flußpferdes in
Bewegung gebracht, den Kahn bis in die tiefere Mitte des Wassers. Der
getroffene Koloß, halb und halb schon taumelnd im letzten Kampfe,
brüllend vor Schmerz und Wut, näherte sich mit ungestümer Bewegung dem
Boote und packte von oben und unten den Rand desselben. Die gewaltigen
Hauer schlugen tief in das Holz hinein, die breite Brust hob wie einen
Strohhalm das Fahrzeug empor und warf es samt allen seinen Insassen mit
solcher Macht in das Wasser, daß dieses hoch aufspritzte und im
zischenden Strudel das Boot weit hinausschleuderte. Kieloberst
schaukelte es im Schilf, -- von den Weißen war keine Spur mehr zu sehen.
Das Flußpferd taumelte, machte Schritte nach rechts und links,
schüttelte den Kopf wie in unerträglichem Leiden und fiel schwer zurück
in das Schilf. Nur halb vom Wasser verborgen, lag es tot und regungslos
da. Die Neger verbargen noch immer ihre Gesichter.
Mitten im Wasser arbeitete und kämpfte es, ein Kopf kam zum Vorschein,
-- Franz sah aus den Fluten hervor. »Helft doch!« rief er mit lauter
Stimme, »um des Himmels willen, so helft doch! Wollt ihr denn um eurer
unsinnigen Furcht willen andere Menschen ertrinken lassen?«
»Hierher, Franz!« rief hinter dem Knaben der junge Gelehrte. »Faß an.«
Er hatte sich halben Leibes aus dem Wasser herausgearbeitet und hielt in
seinen Armen den jüngeren Knaben. »Ach, das ist gut, Hans kommt schon
wieder zu sich! -- Jetzt rasch, damit wir unseren alten Freund noch
rechtzeitig finden.«
Er hob den taumelnden Knaben an das Ufer, und nun begann auf dem Grunde
des Flusses die eifrigste Nachforschung, der sich auch binnen wenigen
Augenblicken sämtliche Matrosen anschlossen. Es war allen gelungen, die
Oberfläche zu erreichen, nur Doktor Bolten allein mußte, vielleicht vom
Schilf zurückgehalten oder von einer Ohnmacht ergriffen, dem Anschein
nach als verloren gelten. Selbst sein Körper konnte nicht entdeckt
werden.
Die Neger hockten im Kreise um den gefallenen »Uralten« ihrer Flüsse.
Sie sprachen mit ihm, sie betasteten vorsichtig seinen großen Kopf und
schlugen mit Binsen auf die dunkel gefärbte, haarlose Haut, ohne sich im
mindesten um das Geschick der Fremdlinge zu bekümmern. Als sie sich
überzeugt hatten, daß das Leben des Gefürchteten entflohen sei, faßten
sie sich wie Kinder an die Hände und begannen einen Freudentanz, wobei
sie sich abwechselnd auf den Rücken warfen und in rasender Eile
herumwirbelten. Sowohl ihre Jagdbeute als auch die Feuerwaffen der
Weißen waren vergessen, -- nur daß der Abkömmling Abosams tot vor ihnen
dalag, schienen sie zu begreifen.
Die Stimme des Matrosen rüttelte sie auf. »Wollt ihr gleich Hand ans
Werk legen, ihr schwarzen Teufel!« rief er. »Wir vermissen noch einen
Mann, helft uns ihn wiederfinden.«
Die Neger drängten sich schnatternd zusammen, und nach kurzer Beratung
trat der, welcher ihr Anführer zu sein schien, vor. »Ob die Weißen den
Körper des getöteten Tieres herausgeben und darauf keinen Anspruch
machen wollten?« fragte er zögernd.
»Alle fünfhundert Peitschen, die ihr aus dem Fell schneiden könnt,
sollen euch auf dem schwarzen Rücken tanzen, wenn ihr nicht zugreift!«
Diese kräftige Ermunterung genügte, um alle Unverschämtheit in Respekt
zu verwandeln. Die ebenholzfarbigen Männer tauchten unter das Wasser wie
Enten, oder schwammen dem Boote nach, holten vom Grunde die Ruder und
Gewehre herauf und suchten emsig den Körper des offenbar Ertrunkenen.
Ehe mehrere Minuten vergingen, brachten sie den ganz von Schilf und
Wasserpflanzen umstrickten Körper an die Oberfläche. Doktor Bolten hatte
allem Anschein nach aufgehört zu leben.
Die Schreckensrufe der Knaben unterbrachen das lastende Stillschweigen;
einer nach dem andern versammelten sich alle, Matrosen, Neger und die
Reisegefährten selbst, um den unglücklichen, seinen Freunden so teuren
Mann, auch Hans schlich herzu, obgleich er sich selbst kaum auf den
Füßen halten konnte. Niemand dachte an die Gefahr der Lage, an die
durchnäßten Schießwaffen und verlorenen Lebensmittel, sondern aller
Augen verfolgten gespannt und ängstlich die Bemühungen Holms, der nun
den Ertrunkenen nach ärztlicher Weise zu behandeln begann. Zuerst legte
er unter Beistand der Matrosen den Körper auf Bauch und Gesicht, um das
eingedrungene Wasser herausfließen zu lassen, und dann brachte er seinen
Mund an den des anderen, fortwährend aus allen Kräften in die unthätigen
mit Blut überfüllten Lungen Luft hineinblasend, während zugleich Franz
die inneren Handflächen rieb, und ein paar Neger die entblößten Füße mit
Nesseln peitschten. Aber trotz aller dieser vereinten Bemühungen dauerte
es lange Zeit, bevor der Verunglückte die ersten Lebenszeichen gab; man
verbrachte eine angstvolle halbe Stunde und fing schon an, die Sache als
hoffnungslos fallen zu lassen, da endlich kehrten Wärme und Atem zurück,
die Lippen bewegten sich, und ein Schauer durchlief den ganzen Körper.
Es galt jetzt nur noch, die gesunkenen Kräfte des alten Mannes durch
einige stärkende Nahrungsmittel wieder zu beleben und ihn, ehe das
Bewußtsein erwachte, wenigstens in trockene Gewänder zu hüllen.
Da das Negerdorf etwas weiterhin unmittelbar am Flußufer lag, so wurde
langsam der Weg dorthin fortgesetzt. Einige Schwarze blieben bei den
erlegten Tieren zurück, die anderen ruderten, und nach wenigen Minuten
war die kleine Niederlassung erreicht. Mitten im Walde belegen, nur aus
einer geringen Anzahl von Hütten bestehend, zeigte sie sich als das Bild
trostlosester Armut. Zwischen Pfützen und Lachen, in denen sich Schweine
mit verschiedenem Geflügel einträchtig tummelten, sah man die spitzen
Rohrdächer der Wohnungen oft an mehreren schwankenden Pfählen befestigt,
ohne daß zwischen diesen letzteren irgend eine Wand zu entdecken gewesen
wäre. Wie alle Negerhäuser etwas über dem Erdboden belegen, also
Pfahlbauten, hatten sie einen dürftigen Bambusfußboden und ein paar
Matten zur Lagerstatt, weiter nichts; nur die allerwenigsten zeigten
feste Wände.
Frauen und Kinder liefen den Ankömmlingen entgegen, hundert Stimmen
sprachen zugleich; das gutmütige Völkchen brachte den schrecklichen
Kaffee der Kolanuß sowie den Branntwein, welcher vielfach in tropischen
Ländern aus den Wurzeln einer Pfefferart gewonnen wird, kurz die
schiffbrüchigen Fremdlinge wurden außerordentlich gastfrei aufgenommen,
und als endlich der langsam Erwachende in Matten gehüllt sicher gebettet
lag, als Holm erklärte, daß nun alle Gefahr vorüber sei, da kehrte bei
den Knaben das Vergnügen des Abenteuers, das Verlangen, sich die
Negerhütten näher zu besehen, mit Macht wieder in die Herzen zurück. Sie
mußten ja ohnehin die nassen Kleider am Körper trocken laufen und
spürten auch infolge des kalten Bades einen Hunger, der ihnen nur durch
die Gastfreundschaft der Schwarzen gestillt werden konnte. »Gib acht,«
flüsterte Franz, »man setzt uns Affenbraten vor, -- ich habe das bei den
Gallinas erlebt.«
So wohl sollte es indessen den jungen Naturforschern nicht werden. Als
die ganze ausgehungerte Schar so plötzlich über das arme kleine Dorf
herfiel und vor allen Dingen essen wollte, da erschien auf den großen,
grünen Blättern, welche Teller und Tafeltuch zugleich vertreten mußten,
ein Gericht, das sämtliche Deutsche dem Aussehen nach für geschnittenen
weißen Kohl hielten, und das in einer Art von Pfanne auf offenem Feuer
vor den Hütten geschmort worden war. Franz roch daran, »Essig gibt's
hier nicht, -- schade!«
Der Matrose hob ein paar Fäserchen von seinem Blatt empor. »Das sieht
mir aus wie Mückenbeine!« sagte er bedenklich. »Hm, hm, auf dem Halm
oder sonst aus irgend einer Wurzel heraus ist die Geschichte nicht
gewachsen.«