Holm pfiff auf zwei Fingern. »Hallo, Franz, wo steckst du?«

Keine Antwort.

Holm und Doktor Bolten sahen einander an; das Gesicht des alten Herrn

war entsetzlich blaß geworden. »Die Verantwortung!« sagte er fast

stammelnd, »ich habe dem Vater gegenüber die volle Verantwortung auf

mich genommen!«

»Nun, nun,« tröstete Holm, dem selbst das Herz heimlich schlug, »er wird

ja wiederkommen. Was sollte ihm geschehen sein?«

Noch einmal erschallte der laute Ruf über die Waldwipfel dahin, noch

einmal legten alle drei Zurückgebliebenen in diesen kurzen einen Laut

die ganze Unruhe, die stärker und stärker werdende innere Furcht ihrer

Seelen. »Franz! -- Franz! --«

Wieder keine Antwort.

»Achilles,« sagte Holm, »was kann das bedeuten?«

Der Neger zuckte die Achseln. »Vielleicht Gallinas!« antwortete er.

»Hilf Himmel, sie sollten ihn getötet haben?«

»O -- auf keinen Fall. Gallinas handeln in Lagos mit Geiser und Kopp,

viel zu klug, um die Buchmänner zu erzürnen. Aber Gallinas Diebe.«

Holm atmete auf. »Es handelt sich also im schlimmsten Fall um ein

Lösegeld, Achilles? Die Schwarzen werden den armen Knaben doch nicht

töten?«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Wollen Feuerwaffen haben und Fetisch,«

antwortete er, auf Holms Uhr deutend.

»Herr Gott, so laßt uns eilen.«

Und in stummer Hast drängte alles vorwärts. Doktor Bolten konnte sich

von dem Schauplatz des geschehenen Unglückes anfangs durchaus nicht

trennen. »Weggehen und den unglücklichen Jungen so gewissermaßen treulos

verlassen,« preßte er hervor. »Es ist zu schrecklich. Wenn er nun in das

Wasser gefallen und von den Krokodilen --«

»Pah, das ist ganz unmöglich. Der Junge ist doch kein Wickelkind, daß er

in den See plumpsen und sich fassen lassen sollte, ohne zu seiner

eigenen Rettung das allermindeste zu unternehmen? -- Die Gallinas haben

ihn, und wir müssen sehen, mit dem Raubgesindel thunlichst zu

unterhandeln.«

Das war ein schlimmer, aber doch der einzig mögliche Trost, und nachdem

noch die Neger zur Vorsicht festgestellt hatten, daß nirgend im Umkreis

des Sees ein Unglück geschehen sein könne, beeilte man sich, die vordere

Seite zu erreichen. Hier waren auch die Gallinas mit dem Aufbruch

beschäftigt; sie ließen den Dolmetscher äußerst gleichmütig an sich

herankommen und beantworteten seine Fragen nach dem verschwundenen

Knaben fast nur durch Achselzucken. Vielleicht hatte er ihre

vorangegangenen Gefährten begleitet, sie wußten es nicht.

Aber nicht allein Achilles, sondern auch die Weißen waren durch den Ton

dieser Antworten in ihrem anfänglich gehegten Verdacht vollkommen

bestärkt worden, sie folgten daher ohne weiteres den nach Hause gehenden

Gallinas, und nur einmal fragte Holm den Dolmetscher, ob denn das Dorf

derselben in der Nähe liege. Die Antwort traf wie ein Kanonenschuß, --

man mußte acht bis zehn Stunden marschieren und dann natürlich während

der Nacht im Walde bleiben.

Neue Verwirrung, neues Entsetzen bemächtigte sich der beiden Männer.

»Achilles,« rief Doktor Bolten, »machen Sie doch Ihren Landsleuten den

Vorschlag, uns den Knaben hierher zurückzuliefern. Wir wollen alles, was

wir besitzen, mit Vergnügen hergeben.«

Der Dolmetscher schüttelte den Kopf. »Gallinas klug«, antwortete er,

»fürchten Feuerwaffen. Achilles allein gehen mit Fetisch und Gewehren.«

Das aber konnten wieder die beiden anderen nicht zugeben, auch Hans

wollte sich trotz aller Vorstellungen nicht mit einem der Neger auf den

Rückweg machen, und so zog denn die kleine Gesellschaft in tiefstem

Schweigen, verstimmt und unruhig durch den Wald dahin. Die Gallinas in

ihren weißen Turbanen und Burnußen gingen gewissermaßen als Wegweiser

voran, und sobald sie Halt machten, lagerten auch die Weißen mit ihrer

Begleitung, um scheinbar wenigstens ein Mahl einzunehmen. In der That

aber sprachen nur die Kruneger den mitgebrachten Vorräten tapfer zu.

»Wie wäre es,« meinte Holm, »wenn wir alle mit dem Gewehr auf dem

Rücken, also in ganz friedlicher Absicht, jetzt zu den Gallinas gingen

und ihnen vor die Füße legten, was sie zu besitzen wünschen? Wo das

geschieht, ist doch gleichviel.«

Aber Achilles wies den Vorschlag durchaus zurück. »Gallinas lassen den

weißen Knaben frei, ohne ihm Waffen oder Führer zu geben,« sagte er.

»Gallinas falsch, weißer Knabe von Raubtieren zerrissen.«

»Und warum hat man uns nicht gleich an Ort und Stelle den ganzen

spitzbübischen Handel vorgeschlagen?« rief Holm.

»Zehn Feuerwaffen,« lächelte Achilles, die Gewehre überzählend, »zehn

entschlossene Männer. Gallinas klug -- den Gegner müde machen.«

»Diese Spitzbuben! Sie wußten also, daß wir bis an das Ende der Welt dem

armen Jungen nachgehen würden?«

Und man brach wieder auf, bis der Abend herabsank und die Schatten

länger wurden. Plötzlich an einer Waldlichtung waren die Weißmäntel wie

in den Boden hinein verschwunden, -- auch nicht ein einziges Zeichen

verriet, wohin sie sich gewendet.

Die Kruneger berieten heimlich, und dann wandte sich der Dolmetscher zu

den Weißen. Eine Viertelstunde von hier läge das Dorf, versicherte er,

sie wüßten es ganz gewiß. Zwei von ihnen wollten die Zugänge desselben

bewachen und die übrigen hier aus den mitgenommenen Decken ein Zelt

errichten. Der Plan der Gallinas sei ihm und seinen Genossen jetzt ganz

klar.

»Und wenn uns die schwarze Bande in Gemeinschaft verrät?« flüsterte

Bolten.

»Dann sind wir unter allen Umständen verloren. Unserer drei gegen ebenso

viele Hunderte.«

»Aber wir haben die Gewehre!«

»Dem Himmel sei Dank dafür! Die Schurken fürchten uns wie den bösen

Feind, weil eben die Feuerwaffen aus so weiter Entfernung zu schaden

vermögen.«

Achilles und seine Genossen bauten mit flinken Händen das Zelt,

reinigten den Boden von Moos und Insekten und zündeten bei einbrechender

Dunkelheit ein riesiges Feuer an, welches die Raubtiere verscheuchen

sollte. Zwei Neger verschwanden ganz in der Stille, die anderen trugen

Wasser herbei, kochten Kaffee und rösteten Mais zwischen rohen

Feldsteinen, dann aber mußten auf ihren Rat die Gewehre, auch die der

fortgeschlichenen Krumänner, vor dem Zelt zusammengestellt werden.

Nachdem das geschehen, begaben sich scheinbar alle zur Ruhe, die Weißen

im Zelt, die Neger davor. -- Stunde nach Stunde verrann; von fern

brüllten mit ihren greulichen Stimmen die wilden Tiere; im Gebüsch

raschelte und krachte es wie von glatten Schlangenleibern, vom Fuß

schleichender Raubkatzen; das Feuer hüllte alles in seine purpurnen

Gluten; nagende, quälende Unruhe hielt die drei leise flüsternden

Deutschen wach. So ganz allein am Rande der Zivilisation, nahe jener

Gegend, die noch kein weißer Mann betreten, den Schwarzen und den

reißenden Tieren wehrlos preisgegeben, -- das konnte mit Recht eine böse

Lage genannt werden.

Und Doktor Bolten flüsterte kaum hörbar: »Vater, wenn es möglich ist, so

laß diesen Kelch vorübergehen.«

»Amen!« schluchzte Hans, der wohl fühlte, daß dies Gebet seinem

verschwundenen Bruder galt.

Achilles, der vor dem Eingang des Zeltes saß, hob in diesem Augenblick

die Hand.

Vom Schein des Feuers hell bestrahlt, warf die schwarze Hand einen

Riesenschatten, -- unwillkürlich erstickte ihr Erscheinen jeden Laut.

Der Neger streckte sich, als schlafe er; tiefe Totenstille beherrschte

die Umgebung, dann hoben von hinten mehrere Hände den Zeltvorhang auf.

Gallinas in starker Anzahl hielten das Lager umzingelt, hatten die

Gewehre ergriffen und die Messer der drei Deutschen an sich gerissen,

ehe viel Zeit verging; jetzt untersuchten sie sogar die Taschen und

bemächtigten sich der Uhren, -- nur die Bambusbüchse des Zauberers wurde

verächtlich bei Seite geworfen.

So schnell wie sie gekommen, verschwanden die unheimlichen Gäste.

»Und nun?« fragte Bolten. »Sie haben den Jungen doch sicher ermordet.«

Achilles schüttelte lachend den Kopf. »Wozu?« sagte er. »Bald genug hier

sein, -- sehr bald.«

Und wirklich war kaum eine Viertelstunde vergangen, als aus dem nächsten

Gebüsch die beiden Kruneger hervortraten, in ihrer Mitte den Knaben,

grinsend von einem Ohr zum andern, äußerst vergnügt, daß sie List mit

List vergolten hatten. Franz war unversehrt, er flog den anderen

entgegen und warf sich stürmisch in ihre Arme. Minuten verflossen, bis

einer der Männer sprechen konnte. »Kinder,« stammelte endlich Doktor

Bolten, »Kinder, laßt mich unserm Gott danken und diesen beiden braven

schwarzen Menschenbrüdern hier --«

Aber weiter kam der alte deutsche Theologe nicht, sondern ging mit

offenen Armen zu den beiden fettglänzenden, schwarzen Wilden und küßte

die erstaunten Gesichter, -- und das war ein echter, wahrhaftiger

Gottesdienst, wie er tief aus dankbarem Herzen heraufquoll.

»Nur mein kostbares Zauberpulver ist gerettet!« rief Holm, »sonst alles

dahin. Aber gerade dieses -- -- O nein!« unterbrach er sich plötzlich,

»das ist denn aber doch empörend!«

Man umringte ihn und sah in die offene Schachtel hinein. Sand, purer

grauer Sand, weiter war nichts darin. Der Zauberer hatte das

vielbegehrte Hundehalsband erlangt, sein Geheimnis aber daneben schlau

bewahrt.

Ein dröhnendes, nicht endenwollendes Gelächter stellte die urgemütliche

Reiselaune wieder her. »Gib nur acht, Karl,« rief Franz, »ich will den

Betrüger mit seinen eigenen Waffen schlagen. Er soll mich für einen noch

größeren »Medizinmann« halten, wie er selbst es ist und schon Respekt

bekommen. -- Jetzt aber laßt uns wandern! Auf, hinaus in den

Mondschein!«

»Aber ohne Waffen!« rief Hans.

»Nicht ganz!« lächelte Holm. »Meine Taschenpistolen hatte ich in

Sicherheit gebracht.«

Er zog die Waffen unter dem Moos hervor und lud beide Läufe. Auch einer

der Neger brachte grinsend vor Vergnügen Bogen und Pfeile herbei, die er

im Dorfe der Gallinas stibitzt hatte, und die Franz sogleich für Papas

Museum mit Beschlag belegte. Das kaum errichtete Zelt wurde seiner

Decken wieder beraubt, und dann im Freien am Wachtfeuer eine köstliche

Mahlzeit gehalten; jetzt machte, nachdem Angst und Sorge vorüber waren,

die Natur ihre Rechte doppelt geltend, und namentlich Franz schmauste

wie ein Halbverhungerter. »Die Gallinas haben mir Heuschrecken

vorgesetzt,« schauderte er, »und einen halb rohen, halb verbrannten

Affenbraten.«

»Aber wie war es eigentlich möglich, daß sie dich wegfangen konnten,

ohne unsere Aufmerksamkeit zu erregen, Junge? Ich begreife es nicht.«

»Sie warfen mir von hinten eine Decke über den Kopf,« erklärte Franz,

»und wenn nur nicht gerade der eine große Elefant so fürchterlich

trompetet hätte, dann müßtet ihr auch meinen Schreckensschrei und das

Zerren und Schleifen durch die Gebüsche gehört haben. Aber darauf war

vielleicht gerade gerechnet worden.«

Man brach nun auf und hatte das Glück, im hellen Mondschein ungefährdet

das Dorf Lope zu erreichen. Nur ein paar kleinere Tiere liefen über den

Weg, aber die wurden verschont, teils um keine Zeit zu verlieren, teils

weil man gar nicht in der Stimmung war, irgend ein Geschöpf zu töten.

Die Botanisierkapseln waren dafür bis an den Rand gefüllt.

Am folgenden Morgen begab sich Franz, mit einem kleinen Brennspiegel

ausgerüstet, in die Nähe des Tempels und nahm seinen Platz so, daß er

gerade vor der Thür der Hütte saß. Der Zauberer lag wie immer faul im

Innern derselben.

Alle übrigen hatten sich in der Nähe versteckt.

Jetzt drehte Franz das Glas so, daß der Sonnenstrahl versengend die Hand

des Zauberers traf und dieser erschreckt zurückfuhr. Er lugte durch eine

Spalte der Bambuswand und gab so sein schwarzes Ohr preis, -- husch,

hatte der Strahl es erfaßt.

Nun ging ihm die Geschichte über den Spaß. Er kam heraus, offenbar um

das Ansehen seiner Person geltend zu machen; die Augen rollten vor Zorn,

und die Fäuste waren geballt. Er schrie einige Worte in der

Negersprache.

Franz drehte heimlich das Brennglas und hielt es jetzt so, daß es der

Schwarze deutlich sehen konnte. Im Zickzack stach es und prickelte Brust

und Kopf, Schultern und Beine.

Der Zauberer stieß ein sehr natürlich klingendes Geheul aus, schoß in

die Hütte und erschien wieder mit dem Halsband, das er weit

fortschleuderte. Sein Ruf klang jetzt unverkennbar wie »Gnade! Gnade!«

Franz trat mit der ernsthaftesten Miene vor und nahm das Halsband vom

Boden. »Betrug ist Betrug, auch wenn er komischer Natur wäre, nicht

wahr, Herr Doktor? Damit durfte der graue Sünder nicht durchkommen.«

Und lachend zogen alle von dannen. Die beiden Neger, welche Franz aus

dem Dorf der Gallinas sicher zu den Seinigen gebracht hatten, sowie

Achilles erhielten in Lagos namens der Eltern des Knaben von den Herren

Geiser und Kopp eine ansehnliche Belohnung und dann ging es, von ihren

Segenswünschen begleitet, beladen mit allen Schätzen dieser kleinen

Reise, an Bord der Hammonia zurück.

Trotz der mannigfachen Gefahren, die der kleine Trupp der Naturforscher

mit Mut und Glück bestanden hatte, war die Ausbeute an Naturalien aller

Art keine geringe geworden, nun galt es die gewonnenen Schätze vor dem

Verderben zu bewahren, damit sie wohlerhalten in Europa anlangten, um

den Gelehrten als Material zum Studium oder zur Vervollständigung der

Sammlungen zu dienen.

Zunächst wurden daher jene Gegenstände in Angriff genommen, die dem

Verderben am meisten ausgesetzt waren, und da vier rüstige Arbeiter zur

Verfügung standen, machten sich alle an die Arbeit, deren Einteilung

Holm, als der Führer der Expedition anordnete. Dem Doktor Bolten war die

Aufgabe zugefallen, das Tagebuch zu führen, in welches alle Erlebnisse

niedergeschrieben wurden. Hans wurde der botanische, Franz der

zoologische Teil zugewiesen, während Holm die nötigen Anleitungen gab

und bald dem einen bald dem andern half, wenn besondere Schwierigkeiten

zu überwinden waren.

Es galt nun vor der Hand die Schmetterlinge zu präparieren, damit

dieselben schön ausgebreitet die Pracht ihrer Flügel, die bunte

Zeichnung derselben und ihre ganze Form auf das deutlichste erkennen

lassen konnten. Zu diesem Zwecke waren einige 30 Zentimeter lange und 5

Zentimeter breite glatte Bretter mitgenommen worden, die der Länge nach

eine 2 Zentimeter breite Furche enthielten, deren Tiefe fast ebenso viel

betrug. Aus einer der Schachteln wurde der eingesperrte Schmetterling

nun vorsichtig herausgenommen und zwischen Daumen und Zeigefinger der

linken Hand festgehalten.

»Ehe wir das Tier spießen,« sagte Holm, »wollen wir es vergiften, damit

es keine zu großen Qualen leide. Wir könnten hierzu von dem Chloroform

aus der Reiseapotheke nehmen. Allein, wer weiß, ob wir dasselbe nicht

noch zu anderen, wichtigeren Zwecken gebrauchen werden.«

»Haben wir denn noch ein anderes Gift, das uns dieselben Dienste

leistet?« fragte Franz.

»Ich bin soeben im Begriff einiges zu bereiten,« antwortete Holm mit

scheinbar wichtiger Miene.

»Wo denn,« fragte Franz verwundert, »ich sehe keine Retorte noch sonst

einen chemischen Apparat.«

»Hier, dies ist mein großes Laboratorium,« erwiderte Holm lächelnd,

indem er auf die kleine Tabakspfeife deutete, die er vor kurzem in Brand

gesetzt hatte. »In dem unteren Behälter,« fuhr er fort, »sammelt sich

der Tabakssaft an, der beim langsamen Verbrennen des Tabaks entsteht und

jenen Giftstoff enthält, den die Chemiker Nikotin nennen. Dieses Nikotin

ist ein Gift für alle Insekten, die deshalb den Tabaksrauch auch

ängstlich meiden.«

Holm goß den Tabakssaft in eine kleine Muschelschale, tauchte eine Nadel

in denselben und feuchtete den Rüssel des Schmetterlings, den er

vorsichtig aber doch sicher in der angegebenen Weise festhielt. Nachdem

der Schmetterling einige kleine Tropfen des ihm tödlichen Giftes

gekostet hatte, war er vollkommen leblos geworden.

Nun wurde ihm eine lange Insektennadel durch das Rückenschild gestoßen

und dieselbe in der Furche eines der vorhin erwähnten Bretter derart

festgesteckt, daß der Rumpf des Schmetterlings sich in der Furche

befand. Leicht war es nun möglich, die Flügel auf der glatten Fläche des

Brettes schön und eben auszubreiten, Streifen von starkem Papier wurden

über die Flügel gelegt und an ihren äußeren Enden mit kleinen Nadeln

ebenfalls befestigt, so daß die Flügel in der ihnen einmal gegebenen

Lage verharren mußten. Ein Schmetterling nach dem andern wurde in

gleicher Weise behandelt, bis kein Platz auf dem Brette mehr vorhanden

war und die noch leeren an die Reihe kamen.

»Was machen wir mit den übrigen Schmetterlingen?« fragte Franz, als auch

diese besetzt waren.

»Wir lassen sie bis morgen leben,« antwortete Holm, »denn dann sind in

dieser tropischen Hitze die jetzt ausgebreiteten soweit trocken, daß wir

sie abnehmen und in eine Schachtel bringen können, deren Wände aus Kork

bestehen, in welchen wir die Nadeln mit leichter Mühe spießen. Ist die

Schachtel voll, so befestigen wir ein Stück Kampfer in derselben, setzen

den Deckel auf und kleben die Fugen gut zu.«

»Wozu dient der Kampfer?« fragte Franz.

»Um den Motten und anderen Insekten die Lust zu nehmen, unsre mühevoll

präparierten Schmetterlinge zu zerstören. Ohne diese Vorsichtsmaßregeln

würden wir nur Staub und Moder nach Hamburg mitbringen.«

»Das wäre ein übler Lohn für unsere Arbeit und ein Resultat unserer

Expedition, auf das wir nicht stolz sein dürften,« entgegnete Franz.

»Das Einsammeln der Naturalien ist nicht minder schwer als das Schützen

derselben vor Zerstörung,« erwiderte Holm. »Es ist daher dem Forscher

mitunter unmöglich, seine kostbare Beute in die Heimat zu

transportieren, weil es ihm in der Wildnis an den Mitteln zur Erhaltung

derselben gebricht. Nun wollen wir noch jede Nadel mit einem Stückchen

Papier versehen, auf das wir eine Nummer schreiben. Diese Nummer wird in

einem kleinen Büchlein ebenfalls notiert und dahinter schreibst du den

Fundort des Tieres und sonstige Bemerkungen, Datum des Fanges und

Beobachtungen, die wir an dem lebenden Tiere machten.«

Franz versprach die gewissenhafte Ausführung des Auftrages und sagte:

»Man soll nicht von uns behaupten, daß wir des Vergnügens wegen reisten,

sondern daß wir der Wissenschaft zu nützen suchten, so viel in unseren

Kräften stand.«

»Bravo!« sagte Doktor Bolten, »diesen Ausspruch will ich mir für unser

Tagebuch merken.«

Holm zeigte nun Hans, wie er mit den Pflanzen verfahren müsse, um

dieselben in ihrer Form möglichst gut zu erhalten. Zu diesem Zwecke

wurden die Pflanzen auf einen Bogen weichen Löschpapieres sorgfältig

ausgebreitet, die Blumenblätter so gelegt, daß die Form der Blüte nicht

verzerrt, sondern, so weit dies möglich, in ihrer natürlichen Gestalt

erschien. Sobald ein Blatt, eine Blüte, oder sonst ein Teil der Pflanze

in die geeignete Lage gebracht worden war, setzte Holm einen ziemlich

schweren Kieselstein auf denselben, damit er in seiner ihm einmal

gegebenen Stellung verharrte.

Als dies geschehen, wurde ein zweiter Bogen Löschpapier auf den ersten

gelegt, unter gleichzeitiger gewandter Entfernung der Kieselsteine,

worauf die derart eingelegte Pflanze unter eine Presse kam, die ganz

einfach aus einem Kistendeckel bestand, den einige Steine nicht

allzusehr beschwerten, um die zarten Teile, wie Stengel, Fruchtboden u.

s. w. nicht zu zerquetschen.

»Werden die Insekten auch die Pflanzen angreifen?« fragte Franz.

»Ihnen ist einerlei, was ihnen vor die Freßwerkzeuge kommt,« antwortete

Holm. »Die tropischen Insekten, namentlich die Ameisen, schonen nichts,

was ihnen nur irgendwie schmackhaft vorkommt.«

»Dann müssen wir auch hier Kampfer anwenden,« meinte Franz.

»In diesem Falle nutzt uns derselbe nichts,« entgegnete Holm, »denn es

wird uns schwer werden, ein großes Paket gesammelter und zwischen Papier

liegender Pflanzen luftdicht einzuschließen, denn in nicht luftdichten

Kasten verdunstet der Kampfer. Wir haben jedoch ein anderes Mittel, das

freilich sehr giftig ist, mit dem wir die trockenen Pflanzen einpinseln.

Es ist dies in Weingeist aufgelöster Sublimat, eine Verbindung von Chlor

und Quecksilber, die fast alles Lebende tötet.« Sobald die Pflanzen

getrocknet wären, wollte Holm das Einpinseln derselben mit dem Gifte

selbst vornehmen.

Hans meinte, daß das Einlegen der Pflanzen viel einfacher sei, als das

Präparieren der Schmetterlinge, und daß gar keine Schreibereien damit

verknüpft seien.

»Da irrst du dich gewaltig,« rief Holm lachend. »Nein, es wird ebenso

wie bei den Tieren der Fundort angemerkt, ferner die Beschaffenheit des

Bodens, ob derselbe sandig, felsig, trocken oder sumpfig. Dann, ob die

Pflanze im Schatten wächst, oder in der Sonne, ob sie an anderen

Gewächsen emporrankt oder gar auf ihnen schmarotzt, wie viele der

prachtvollen Orchideen, zu denen auch die Vanille gehört.«

»Ich wollte, ich hätte einen Becher Vanille-Eis,« sagte Franz, »der

sollte mir in der Hitze hier schmecken!«

»Und was für Gesichter die Eingebornen wohl machen würden, die nie in

ihrem Leben Eis gesehen, noch viel weniger solches gegessen haben,« fiel

Hans ein.

»Sie würden glauben, sich den Mund verbrannt zu haben,« erklärte Holm,

»denn diese Empfindung würde sich ihnen zunächst aufdrängen. Auch

erzeugt sehr große Kälte ebensowohl Brandblasen auf der menschlichen

Haut, wie eine hohe Temperatur.« -- Dann wandte er sich wieder zu Hans

und fuhr fort: »Ferner müssen die Früchte und Samen von den Pflanzen

gesammelt und in Papier aufbewahrt und genau bezeichnet werden, teils

für den Forscher und teils für den Gärtner, der dann versucht, sie im

Gewächshause zum Keimen zu bringen.«

»Ich verstehe schon,« fiel Hans ein. »Wenn der Gärtner nicht erfährt, wo

und wie die Pflanze wächst, dann säet er am Ende den Samen einer

Sumpfpflanze in trocknen Sand, als stammte er von einem Steppengewächs

und steckt den Samen einer Kletterpflanze ins Wasser. Ich will alles

genau notieren.«

»Wo aber bleiben der Heerwurm und die anderen Käfer, die noch im

Spiritus sitzen?« fragte Franz.

»Die nehmen wir aus ihrem nassen Grabe und spießen sie ebenso auf wie

die Schmetterlinge. Die größeren derselben wickeln wir in Papier und

bezeichnen sie mit Nummern. Nur die Mücken, die Fliegen, die

bienenartigen, die Stechfliegen und Schlupfwespen lassen wir im

Spiritus, in welchem sie sich am besten halten.«

Material war genügend vorhanden und somit fehlte es nicht an Arbeit.

Bald wurden die Gegenstände präpariert, bald gab es Notizen zu machen

und zu schreiben, und die Knaben erlangten schon in kurzer Zeit eine

große Geschicklichkeit in der Handhabung der einzelnen Gegenstände. Als

aber Holm ihnen sagte, daß noch schwierigere Aufgaben zu bewältigen

seien als diese, verloren sie den Mut durchaus nicht, sondern meinten,

dann wird uns die Sache erst recht interessant.

Während sie so arbeitend plauderten und über dem oft heiteren Gespräch

die Arbeit nicht versäumten, rief Franz plötzlich: »Womit soll ich die

Nummern an die Pflanzen kleben? Wir haben das Gummi arabikum vergessen.«

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 3 / 21 题