Nur ein einziges Wort rief jeder dem anderen zu: »Manati!« --

»Sie haben wahrhaftig Glück, meine Herren!« sagte der jugendliche

Dolmetscher. »Es wird sich Ihnen eine äußerst interessante, sehr seltene

Jagd zeigen.«

Die beiden Knaben griffen wie elektrisiert zu ihren Gewehren. »Ein

Haifisch?« rief der eine, »Ein Krokodil?« der andere.

»Keines von beiden, auch darf niemand an dem Fang des Tieres teilnehmen.

Thun Sie das nicht, meine Herren, es könnte uns alle in Gefahr bringen.

Jetzt aber sehen Sie selbst!«

Ganz in der Nähe erschien jetzt ein Boot, in welchem drei Männer Platz

genommen hatten, zwei gewöhnliche Neger und ein dritter von eben so

komischem als abscheulichem Aussehen. Die nackten Glieder waren wie das

Gesicht mit feuerroter, dick aufgepinselter Farbe so bemalt, daß Flammen

und Zacken, Tierköpfe und geringelte Schlangen überall die schwarze Haut

zu bedecken schienen; das Haar hatte dieser Mann durch hineingeflochtene

Massen von Pflanzenfasern zu einem nach allen Seiten weit abstehenden,

den Kopf ellenbreit umgebenden Wulst gestaltet und die Zähne spitz

gefeilt. Um Hals und Handgelenke, aus dem Haar, an den Füßen und vom

Gürtel starrten die Posen des Stachelschweines, Federn von allen Farben

flatterten im Winde und ganze Gehänge von Muscheln klapperten und

rasselten bei jeder Bewegung. In der Hand trug der Neger eine Büchse aus

Bambus. Seine beiden Begleiter hatten außer den Rudern noch starke

eiserne Harpunen.

»Das ist der Zauberer des Stammes,« erläuterte der Dolmetscher. »Er

spielt den Oberpriester im Schlangentempel, den Arzt und nicht selten

auch den unmittelbaren Botschafter der Götter, letzteres besonders, wenn

auf Befehl derselben dieser oder jener Neger gemaßregelt werden soll.

Mit einem Wort, er ist der König des Königs.«

»Aber wo bleibt das Wild?« rief Franz. »Ich sehe nur Wasser und

Menschen.«

»Gleich, gleich,« beruhigte lächelnd der junge Kaufmann. »Wenn ich es

Ihnen erzähle, so ist ja der Spaß verdorben.«

Die Negerboote hatten jetzt einen Kreis gebildet, und in der Mitte

befand sich das Fahrzeug des Zauberers. Unsere Freunde sahen aus

nächster Nähe, was vorging. Der rotbemalte Neger nahm vom Boden des

Kahnes eine große Muschel und begann nach der ohrenzerreißenden, von ihm

selbst vollführten Musik dieses wunderlichen Instrumentes einen Tanz,

wobei er sich wie rasend auf einem Beine drehte. Die Zieraten rasselten,

die Federn flogen und die Spitzen der Posen glänzten im Sonnenlicht wie

feurige Reifen, die von allen Seiten den Körper umgaben. Unter den

Negern herrschte lautlose Stille.

»Es muß doch ein Krokodil sein,« raunte Franz, den die Ungeduld fast

verzehrte.

»Das hier ist ja alles süßes Wasser, also -- --«

»Ach, was thut der Spitzbube jetzt?«

Alle Hälse reckten sich. Der Zauberer hatte Musik und Tanz beendet und

nahm nunmehr aus seiner Bambusdose ein Pulver, das er unter

fortwährendem Murmeln neben dem Boot ins Wasser streute. Die beiden ihn

begleitenden Neger hatten ihre Harpunen handgerecht erfaßt.

»Jetzt geben Sie acht!« flüsterte der Dolmetscher.

Das stille Wasser begann sich zu kräuseln, leichte Schaumwellen schlugen

gegen den Kahn, und vom Grunde herauf leckte eine breite, rote Zunge

begierig das Pulver. In diesem Augenblick schüttete der Zauberer den

ganzen Inhalt der Büchse aus, und sofort kam ein plumper, schwarzer Kopf

mit kleinen Schlitzaugen zum Vorschein. Das Tier stürzte sich, alle

Vorsicht vergessend, auf den ihm gespendeten Leckerbissen und schluckte

aus allen Kräften; eben so schnell aber hatten auch die Neger ihre

Harpunen gehandhabt. Die langen Holzschäfte zitterten und verschwanden

ruckartig unter der Oberfläche; das Wasser, dunkelrot gefärbt, schlug

hohe Wellen, und von den im Boot befestigten Rollen liefen rauschend die

starken Bastseile in die Tiefe hinab.

Ein rasender Beifallssturm ertönte jetzt von allen Booten. Die Neger

klatschten in die Hände, trampelten mit den Füßen, jauchzten und

schrieen um die Wette. Von allen Seiten stürzten sich schwarze Gestalten

in das Wasser und tauchten wie Enten, um die Todeszuckungen des erlegten

Tieres zu beobachten; ein lauter Zuruf begrüßte die Spitzen der

wiedererscheinenden Harpunen. Nun war das Wild tot und konnte ans Land

geschafft und verzehrt werden.

Zehn Hände befestigten unter der Oberfläche des Wassers Schlingen von

Bast; der Zauberer saß wieder in seiner früheren unbeweglichen Ruhe, und

unter allgemeiner Fröhlichkeit ruderte man dem Dorfe zu.

Das gefangene Tier glitt schwimmend durch die Fluten. Als es an das Ufer

gezogen wurde, zeigte sich ein sonderbarer, nur wenigen Gattungen

eigener Körperbau. Bei einer Länge von vier Metern und einem Durchmesser

von mehr als einem halben Meter war es beinahe zwei Meter breit und

spindelförmig gestaltet. Der ungeheure Körper fand sich mit einzelnen

straffen Borsten besetzt und war bläulich grau, auf dem Rücken fast

schwarz.

»Ein Lamantin!« rief Holm, »nun erkläre ich mir diese allgemeine

Jagdfreude. Die Tierart ist fast ausgestorben; wir können uns Glück

wünschen, noch ein Exemplar gesehen zu haben.«

Die vier treulos gewordenen Kruneger fanden sich jetzt auch wieder vor,

das Gepäck wurde an's Land geschafft, und nun konnte man nach

Herzenslust ein echtes, wirkliches Negerdorf in Augenschein nehmen.

Vorher aber beobachteten die Reisenden, wie das getötete Tier in aller

Eile seiner Haut entkleidet und ausgenommen ward. Nachdem das geschehen,

drängten sich die Neger schnatternd und schreiend, nicht selten sogar

unter Anwendung von Faustschlägen scharenweise herzu, und nach ganz

kurzer Zeit lag an der Schlachtstelle nur noch das blutige Gerippe;

alles Fleisch dagegen kochte in eisernen, auf drei oder vier

zusammengelegten Steinen stehenden Töpfen, und um die fortgeworfenen

Eingeweide balgten sich zahlreiche Hunde.

Unsere Freunde wurden in aller Form bewillkommnet. Der alte König, dem

schon mehr als ein weißer Reisender vorgestellt sein mochte, empfing sie

sitzend mit der ganzen Würde seiner nackten, nur von einem schmalen

Lendenschurz verhüllten Persönlichkeit. Er stellte in schwerfälliger

Rede das Dorf mit allem, was darin war, den Gästen zur Verfügung und bat

sie, jede Hütte als ihr Eigentum zu betrachten. Beim Abschied fragte er

aber etwas verstimmt, ob man ihm denn nichts mitgebracht habe. -- Und

nun kamen die Geschenke zum Vorschein; die Fremden hatten sie nur des

Spaßes halber versteckt, um zu sehen, wie weit die königliche

Selbstverleugnung gehen würde. Spiegel und Scheren, Metallknöpfe und

brennend roter Kattun wanderten in die unersättlichen Hände der

schwarzen Majestät, Kopf an Kopf standen im Kreise die Dorfbewohner und

schnalzten mit den Zungen oder schlugen sich vor Entzücken auf die

Brust, wenn wieder ein neuer glänzender Tand ausgepackt wurde, aber ihr

Herr und Gebieter teilte mit keinem, sondern knurrte wie ein

angeketteter Vierfüßler, sobald sich nur seine Frauen oder Kinder

begehrlich näherten. Als er endlich den letzten Gegenstand hinter sich

verborgen, streckte er die Hand aus und bat auch noch um Doktor Boltens

Uhrkette. Nachdem ihm aber der Besitzer derselben die daran befindliche

Uhr gezeigt und diese an das königliche Ohr gehalten hatte, da

veränderte sich die Sache plötzlich. Seine Majestät mochte

höchstwahrscheinlich einen solchen lebenden Fetisch früher schon

gelegentlich einmal gesehen haben, aber weit davon war doch gut vorm

Schuß. Er murmelte noch einige verworrene Laute, dann aber verschwand er

hinter einer Matte, vorsichtig mit der schwarzen Hand einen seiner

erbeuteten Schätze nach dem andern in das Versteck ziehend.

Unsere Freunde verteilten, nach Herzenslust lachend, draußen noch den

Inhalt eines zweiten Packens an das Volk und zwar zumeist an Frauen und

Kinder, die sich dafür mit den Gesichtern in den Sand warfen und

durchaus den Gästen die Füße küssen wollten.

Nachdem sich der König von seinem jähen Schrecken einigermaßen erholt

hatte, schickte er Abgesandte, welche die üblichen Gegengeschenke

brachten, Straußfedern, Elfenbein und zum großen Ergötzen der Knaben

auch zwei mit Bastseilen gefesselte, hübsche kleine Äffchen, die

neugierig und beweglich umhersahen und, als ihnen versuchsweise eine

Vorderhand gelöst wurde, sogleich die kräftigsten Ohrfeigen verteilten.

Der Dolmetscher wollte sie nach Palma mitnehmen, zumal Holm versicherte,

daß sich diese Art sehr leicht zähmen lasse. Möglicherweise konnten ja

die drolligen Tiere während der ganzen Reise als unterhaltende

Gesellschafter dienen; die Knaben tauften sie wenigstens zu diesem Zweck

schon jetzt.

Schwarznase wurde dem älteren der beiden Brüder, Wickelschwanz dem

jüngeren zugesprochen. Dieser war der drolligste. An allen vier Händen

gefesselt, glaubten ihn die Knaben zur Flucht unfähig, aber ehe sie sich

dessen versahen, hatte er den langen Schweif um einen herabhängenden

Baumast geschlungen und blickte von dort zähnefletschend auf seine

Bändiger hinab. Nach dieser schnellen That erhielt er seinen Namen, und

da nun doch auch der andere benannt werden mußte, so hieß man ihn

Schwarznase.

Der Dolmetscher hatte einen Neger, welcher geläufig Englisch sprach, an

seiner Stelle als weiteren Führer gemietet, und nun nahm er selbst,

beladen mit den fürstlichen Geschenken, Abschied, ohne erst den

Lamantinbraten kosten zu wollen. »Essen Sie nur nicht zu viel von den

schwarzen Kugeln aus Maniokmehl, die hier als Brot gelten,« warnte er,

»dergleichen kann nur ein Negermagen überwinden. Und schlafen Sie unter

keinen Umständen auf dem Erdboden, trinken Sie auch kein Wasser, ohne

etwas Chinin hinterher zu nehmen.«

Nachdem man versprochen, alle diese Anordnungen pünktlich zu befolgen,

ruderten ein paar Neger den jungen Hamburger wieder über die Lagune

zurück. Das Boot der »Hammonia« sollte in Palma liegen bleiben und die

aus Lagos mitgebrachten Kruneger den kleinen Zug als Gepäckträger

begleiten. Es war den Reisenden ein etwas seltsames Gefühl, als sie nun

unter der schwarzen Horde im afrikanischen Urwalde allein blieben, aber

dem ließ sich doch bei dem ganzen Unternehmen nicht aus dem Wege gehen

und mußte daher überwunden werden. Überdies war auch das Verhalten der

Neger ein durchaus vertrauenerweckendes, freundliches. Sie kamen von

allen Seiten mit dampfenden Fleischstücken herbei, brachten das

kugelförmige Maniokbrot und noch verschiedene landesübliche Gerichte

außerdem, die zum Teil gar nicht schlecht schmeckten, so z. B. halbreife

Maiskörner, unzerquetscht mit Fett, Pfeffer und Salz geschmort, Bataten,

Melonen und ein Getränk wie Kaffee aus den Früchten der Kolanuß.

Die vier Weißen saßen auf ihren mitgebrachten Schlafdecken unter den

wogenden Kronen der großen, vielgestaltigen Waldbäume, deren Arten nicht

zu zählen waren, und in deren Blättergewirre die verschiedensten Vögel

ihre Nester bauten. Papageien, besonders der schöne aschgraue mit

purpurnen Schwanzfedern, die prachtvollen Whaidafinken, deren Schweif

sechsmal so lang ist wie der Vogel selbst, Mandelkrähen mit blauem

Gefieder, Bienenfresser und Halmvögel, alles rauschte und schwirrte

durcheinander; dazwischen stolzierten zahme Perlhühner, und ringsum

blühte es in nie gesehener Schöne.

Unsere Freunde führten natürlich Blechteller, Löffel, Messer, und Gabel

mit sich, sonst hätten sie wie die Wilden das Fleisch mittels der Zähne

zerreißen und es aus dem Kochtopf weg ohne Teller verzehren müssen. Der

Manati schmeckte leidlich, fast wie ein feiner Schweinebraten, desto

weniger aber wollten die Maniokkugeln munden. Bleischwer, noch feucht,

ohne Fett oder Hefe gebacken, glichen sie rohem, festen Teig und wurden

daher dankend abgelehnt. Die in Blechbüchsen von Hamburg mitgebrachten

Cakes schmeckten denn doch besser.

»Warum wohl die Neger über den Lamantin so begierig herfielen?« fragte

Hans. »Ein besonderer Leckerbissen ist er keineswegs?«

»Für uns,« versetzte Holm, »aber für die Neger ist alles Fleisch ein

Leckerbissen. Sie betreiben keine Landwirtschaft, also gibt es auch kein

Schlachtvieh. Das, was an genießbarem Wild frei herumläuft, verzehren

größtenteils die Raubtiere; es bleiben den Menschen daher nur die Affen,

deren zähes Fleisch einen außerordentlich schlechten Braten gibt.

Bisweilen steigt die Not so sehr, daß eine schreckliche Krankheit, der

Guambo oder Fleischhunger, sich der Unglücklichen bemächtigt; sie werden

tiefsinnig und fallen über Tiere her, um sie roh zu verzehren. Viele

Gelehrte behaupten, daß daraus die ersten Anfänge des Menschenfressens

entstanden sind.«

»Findet man denn auch den Lamantin nur selten?« fragte Franz.

»Sehr selten. Die Gattung der Fischsäugetiere besitzt in der Familie der

Seekühe oder Sirenen einen aussterbenden Zweig. Lamantin und Dugong

werden noch zuweilen, das Borkentier gar nicht mehr angetroffen. Dieser

Seeriese wurde acht Meter lang und lieferte, an den Grenzen des

Eismeeres lebend, den Walfischfahrern einen so vortrefflichen, frischen

Braten, daß er ausgerottet worden ist. -- Dabei fällt mir übrigens ein,

daß ich den Zauberer doch um ein wenig von seinem Pulver bitten will.

Was bieten wir ihm nur als Tauschmittel?«

»Ein Rasiermesser!« riet Hans. »Niemand trägt hier einen Bart, daher

sind alle diese Messer übrig geblieben.«

»Eine Pistole,« meinte Franz. »Dann thut er es sicher.«

»Aber er schießt vielleicht später auf uns selbst,« zögerte Holm, »alle

diese schwarzen Kerle sind falsch oder wenigstens doch unzuverlässig.«

»Ich habe es!« rief Doktor Bolten. »Ein Hundehalsband aus Messingdraht

mit kleinen Glocken, das kann er zur Erhöhung seines Ansehens persönlich

tragen.«

Alle lachten, und nun wurde das Dorf besichtigt, um die Höhle des

Zauberers zu finden. Sämtliche Bambushütten ruhten etwa einen halben

Meter hoch über dem Erdboden auf Pfählen, waren spitz wie Bienenkörbe,

mit Pflanzenfasern nach Art deutscher Bauernhäuser gedeckt, fensterlos

und mit einer niedrigen, zum Kriechen eingerichteten Thür versehen. Eng

gedrängt in ununterbrochener Reihe lagen diese elenden Wohnstätten

nebeneinander und bildeten zusammen ein geschlossenes Viereck, dem kein

Feind vom Rücken her sich nähern konnte.

Vor jeder Thür lagen Feldsteine zum Gebrauch als Feuerherd, und an den

untersten Baumzweigen hing eine Art von aufgeklappter, einem Feigenkorb

ähnlicher Matte, -- die Wiege der schwarzen Säuglinge, deren lautes

Geschrei erst den Reisenden das Geheimnis verriet. In den Hütten selbst

waren nirgends Mobilien zu finden, nur ein Lager aus trocknen

Bambusblättern und ein ausgehöhlter Kürbis, als Wassereimer dienend.

Der schwarze Dolmetscher schüttelte zweifelnd den Kopf. Er glaubte

nicht, daß es gelingen werde, den Zauberer zur Herausgabe seines Mittels

zu bewegen, aber er fragte nach der Hütte desselben und führte dann die

Gäste dorthin. Am äußersten Ende der ganzen Reihe stand ein etwas

größeres Gebäude, das nach allen Seiten offen, nur von Pfeilern getragen

wurde, und dessen Dach nicht so steil herabging. Ein seitwärts belegener

Anbau erwies sich als die Behausung des Zauberers, das offene Rondell

aber war der Tempel. An den Wänden standen Fetische aus Holz, Elfenbein

und Thon, sämtlich Tier- oder Menschenbilder in zwerghafter Form und mit

der bekannten, keinem heidnischen Götzen fehlenden, scheußlichen Fratze;

es waren aber auch lebende, als göttlich verehrte Wesen vorhanden und

zwar Schlangen sonder Zahl. An den Wänden, um die Pfeiler geringelt,

unter dem Dach, auf dem Fußboden und den nächsten Baumzweigen, überall

kroch und schlüpfte es, hatte sich sogar um die Fetische geringelt oder

lag zusammengerollt wie eine schleimige Masse im Winkel.

Aus der niederen Thür sah das verschmitzte Gesicht des Zauberers. Er

streckte den Ankömmlingen gebieterisch die Rechte entgegen und rief ein

befehlendes Wort, natürlich das Verbot, den Tempel zu betreten; das

verstanden alle.

»War wahrhaftig nicht nötig!« sagte lebhaft Doktor Bolten. »Man hätte

Lust, das Schlangengezücht mit dem Absatz zu zertreten.«

»Giftige sind nicht darunter,« versicherte der Dolmetscher. »Sie werden

gleich sehen, daß sich die Tiere um des Zauberers ganzen Körper

ringeln.«

[Illustration: Beim schwarzen Zauberer.

»An den Wänden, um die Pfeiler geringelt, unter dem Dach, auf dem

Fußboden und den nächsten Baumzweigen, überall kroch und schlüpfte es

...«]

Er rief nun den listigen Patron aus seiner Hütte hervor und sobald

dieser kam, krochen ihm die Schlangen überall an den nackten Gliedern

empor, legten sich um Hals und Arme, hingen in den Stacheln des Gürtels

und bedeckten förmlich die schwarzen Beine, ohne dadurch den Neger aus

seiner künstlich angenommenen Würde irgendwie herausschrecken zu können.

Er fragte, was die Weißen von ihm verlangten, und nachdem er es

erfahren, schüttelte er den Kopf. »Nein, durchaus nicht. Das

Zauberpulver wollte er behalten.«

Dann aber kam das Lockmittel zum Vorschein. Franz nahm den Strohhut ab

und setzte sich das Hundehalsband auf den Kopf. Die kleinen Glöckchen

klangen lustig.

Der Schwarze reckte den Hals. Erst bot er Pfeffer, Palmöl und Elfenbein,

als aber alles verschmäht und zugleich das begehrte Band wieder in die

Tasche spediert wurde, da kroch er trotz Schlangen und rasselndem

Muschelputz eilends in das Innere der Höhle und kam gleich darauf mit

der Bambusdose zurück. Der Dolmetscher mußte den Tausch vermitteln, und

nun wurde die niedere Thür der Wohnung auffallend schnell geschlossen.

Es schien als fürchte er, daß die Weißen den Handel bereuen könnten.

Holm steckte sehr erfreut die Büchse zu sich. »Jetzt müssen wir beraten,

wo unser Nachtlager aufgeschlagen werden soll,« sagte er, »hier im Dorfe

oder im freien Walde. Was meint ihr dazu? Ich bin dafür, daß wir einen

Ausflug machen und dann zurückkehren, um unsere Matten an diese Bäume zu

hängen.«

Alle stimmten bei, und so ließ man denn einen der Neger mit dem Gepäck

im Dorfe zurück, nahm nur etwas Lebensmittel und machte sich auf den

Weg, tiefer und tiefer in den Urwald hinein.

»Jetzt denkt daran, eure Kapseln und Behälter zu füllen,« ermahnte Holm.

»Einer sammelt Pflanzen und der andere Insekten. Die Gewehre

schußfertig.«

»Aber wenn uns ein Löwe begegnet!« rief Hans, dem doch in so weiter

Entfernung von der Küste etwas zaghaft zu Sinn wurde. »Dann sind wir

alle verloren.«

»Löwen gibt es im äquatorialen Afrika nicht, Hänschen. Nur rechts und

links von diesem mittleren Erdgürtel werden sie angetroffen, -- in

Sierra Leone sehen wir vielleicht späterhin den König der Tiere.«

Man schritt vorwärts, bis plötzlich ein Ausruf des Erstaunens die

Schritte hemmte. Vor den Reisenden erhob sich ein Baum von sonderbarem

Aussehen. Kein grünes Blatt war zu bemerken, keine Frucht und in den

Zweigen nicht das mindeste Leben. Wie mit schwarzgrauen, starren Klumpen

bedeckt, stand der Riese inmitten seiner grünenden, farbenprangenden

Umgebung da.

Der Dolmetscher nahm das Gewehr und feuerte mitten in die anscheinend

kahlen Äste hinein. Was nun folgte, läßt sich kaum beschreiben. Tausende

und abertausende von Fledermäusen schwirrten empor, etliche fielen tot

oder verwundet auf den Boden, die Luft schien im Augenblick beinahe

verfinstert von all diesen Flügelschlägen, und als sich die unheimliche

Sippschaft entfernte, da stand der Baum völlig abgestorben da. Die

Knaben sammelten einige der verendeten Fledermäuse, aber Holm wollte

kein Exemplar ausstopfen. »Es ist die gewöhnliche Art,« sagte er, »nur

hier etwas größer wie bei uns im Norden. Wir werden für das Museum zu

Hause in Hamburg schon noch einen echten Vampyr auftreiben.«

Man ging weiter und blieb bald hier stehen, bald dort. Von einem Zweige,

der unvorsichtig berührt wurde, fielen prachtvolle, purpurrote Blüten,

fein wie Haare, auf den Hals und das Gesicht des jüngeren Knaben herab.

Hans schrie, als werde er gespießt. »Ich verbrenne! ich verbrenne!«

Das waren Dolichesranken, ein wundervoller Baumschmuck, so farbenreich

wie wenige andere, aber auch eben so heimtückisch als schön. Die

getroffenen Hautstellen schwollen an wie von der Berührung unserer

Brennessel und empfanden dabei ein quälendes, schmerzendes Jucken, dem

indessen die Neger einigermaßen abzuhelfen wußten. Sie zerquetschten

eine breitblätterige, hellgrüne Pflanze und legten die Masse auf Hände

und Nacken des Knaben, der denn auch mannhaft den Schmerz verbiß und

sogar mit dem Taschentuch eine Ranke des verräterischen Gewächses

behutsam pflückte und in die Trommel legte, nachdem er sie für sich in

festes, dünnes Papier eingewickelt hatte, damit ihre Brennhaare sich

nicht unter die noch zu sammelnden Pflanzen mischten.

Franz hatte während dieser Zeit einige große, prachtvolle Schmetterlinge

eingefangen, die er in viereckige Schachteln that, jetzt hielt er

zwischen den Fingern einen rotbraunen Käfer von etwa anderthalb

Zentimeter Länge. Das kleine Geschöpf hatte hinten am Körper ein paar

respektable Kneipzangen und strampelte außerordentlich, um seine

Freiheit wieder zu gewinnen. »Karl,« rief er, »wie heißt der Bursche?«

Einer der Neger hatte das Tier gesehen. Sein durchdringender

Schreckensruf lockte die anderen herbei und veranlaßte sie zu gleichen

Äußerungen des Entsetzens. Die kindische, unselbständige, ratlose Natur

der schwarzen Menschenrasse trat blitzschnell zu Tage, indem einer der

Neger hierhin sprang, der andere dorthin, aber alle sinnlos, zitternd,

wie aufgeschreckte Schafe, wenn der Wolf in die Hürde eingebrochen ist.

»Baschikuays!« schrien sie jämmerlich lamentierend und heulend,

»Baschikuays!«

Franz hatte im ersten Schrecken den für giftig gehaltenen Käfer fallen

lassen, Holm aber suchte ihn wieder auf und schien nun selbst etwas

bedenklich auszusehen. »Ein Heerwurm!« rief er, »aber möglicherweise war

das Tier versprengt.«

Der Dolmetscher schüttelte den Kopf. »Das kommt bei den Baschikuays nie

vor, Sir! Der Heerwurm ist in der Nähe, und wenn er zufällig auf seiner

Wanderung einen Kreis beschreibt, so sind wir verloren.«

»Aber man klettert in diesem Fall auf die Bäume!«

»Das können Sie nicht, Sir. Der Zug hat eine Länge von zwölf bis zwanzig

Stunden und ist zu breit, um ihn zu überspringen.«

»So wollen wir die Sache untersuchen, aber doch nicht gleich den Mut

verlieren!« rief Holm. »Gehen die Baschikuays über das Wasser?«

»Nie!« versicherten einstimmig die Neger.

»Gut, so halten wir uns am Rande dieses Flüßchens. Kommt uns dann der

Heerwurm auf einer Seite entgegen, so waten wir hinüber auf die andere.«

Er sprang bei diesen Worten voran auf einen schmalen Fußweg, den Bäume

und Gesträuch fast verdeckten. »Mir nach,« rief er, »die Sache muß sich

ja doch in ganz kurzer Zeit ausweisen.«

Er hatte kaum die Worte gesprochen, als schon einer der Neger jubelnd

auf das andere Ufer hinüber deutete und vor Vergnügen hüpfte und tanzte.

Unsere Freunde sahen nun ganz aus der Nähe das gefürchtete Ungeheuer

aufmarschieren. In einer Breite von wenigstens fünf Fuß wälzte der

Heerwurm seine braunen Massen heran. Solche Käfer, wie einer durch

irgend einen Zufall, wahrscheinlich indem ihn ein Vogel herübergetragen,

in Franzens Hände gelangt war, wanderten zu vielen Millionen in gerader

Linie vorwärts. Dabei waren die Reihen so dicht bevölkert, daß man vom

Erdboden nichts sah, und die einzelnen Glieder hielten sich in streng

geschlossener Form. Zu beiden Seiten des Zuges gingen in bestimmten

Entfernungen je zwei der größten Exemplare dieser Tiere, gewissermaßen

wie Offiziere und Häuptlinge, und ganz inmitten der Reihen sah man

Geschöpfe von hellerer Farbe, vermutlich also der junge Nachwuchs.

»Und davor ergreift ihr das Hasenpanier?« rief Franz. »Was ist es denn

mit diesen harmlos aussehenden Tieren?«

»Geben Sie acht!« rief der Dolmetscher, indem er aus seiner Basttasche

eine der getöteten Fledermäuse hervorzog und mit schneller Bewegung über

den Fluß warf. »In einer Minute wird nur noch das Skelett übrig sein.«

Alle sahen gespannten Blickes auf die Stelle, wo sich eben der Knäuel

für kurze Zeit sammelte, die braunen Gesellen schossen neben und über

einander her, es entstand eine Art von Getümmel oder Kampf, und dann

wurde eine weiße Masse aus den Reihen hinausgedrängt, -- der Zug ordnete

sich und marschierte weiter.

Einer der Neger sprang ins Wasser, watete hinüber und ergriff vorsichtig

die abgenagte Fledermaus. Nur das Knochengerüst war zurückgeblieben,

nicht eine einzige Fleischfaser hing mehr daran.

»So ergeht es allen lebenden oder toten Geschöpfen, welche diesem

Heerwurm in den Weg kommen und ihm nicht ausweichen können,« erläuterte

Holm. »Selbst Elefanten werden von den blutgierigen Käfern angefallen

und durch Hineinkriechen in den Rüssel vor Schmerz rasend gemacht. Wirft

sich dann das riesige Tier, um seinen Qualen zu entgehen, ins Gras, so

nehmen Legionen der winzigen Gegner von dem gestürzten Koloß Besitz, und

in längerer oder kürzerer Zeit wird auch er skelettiert. Menschen, die

z. B. im Schlafe von dem Heerwurm überfallen werden, sind verloren, wenn

es ihnen nicht gelingt, ihre Kleider rechtzeitig abzuwerfen und, wie sie

Gott geschaffen hat, zu flüchten. Dreht sich die furchtbare Kette, durch

Hindernisse gezwungen, zufällig im Kreise, so gibt es daraus kein

Entrinnen. Sechs bis acht dieser Geschöpfe auf der bloßen Haut genügen,

um ein lebendes Wesen zur Verzweiflung zu bringen.«

»Und die greulichen Gesellen fressen nur Fleisch?« fragte Franz.

»Alle Lebensmittel überhaupt. Eine verwandte Art dagegen zieht das

trockene Holz und namentlich das Papier vor. Ganze Bambusgebäude,

Bücherkisten und Möbeln verschwinden über Nacht. Diese letztere Sorte

bildet die euch dem Namen nach bekannten Termiten, sie marschiert auch

in Zügen, aber nur während der Dunkelheit und unter der Erde, indem sie

maulwurfsartige Gänge aufwirft. Ferner lebt in den Blättern niederer

Bäume eine rote Art, die sich in ganzen Wolken herabfallen läßt, und im

Sande eine graue, die von unten her ihr Opfer angreift. Zu dieser

entsetzlichen Familie gehört auch die bei uns in Europa leider

neuerdings wieder aufgetauchte Wanderheuschrecke. -- Termitenbauten

möchte ich übrigens doch gern in Augenschein nehmen,« setzte er hinzu.

»Achilles, gibt es hier herum dergleichen?«

Der Dolmetscher nickte. »Es ist ein ganzes unbewohntes Termitendorf in

der Nähe, Sir,« versetzte er. »Wir können es in einer Stunde erreichen.«

»In Papas Museum sind übrigens auch solche Bauten!« warf Franz ein.

»Hast du sie nicht gesehen, Karl?«

»O ja, mein Lieber, aber ebensogut könntest du einen Riesen und einen

Zwerg ohne weiteres vergleichen, indem du beide einfach Menschen nennst.

Die Exemplare von Termitenbauten, welche Papas Kapitäne ihm für sein

Museum aus Afrika mitgebracht haben, sind vielleicht so groß wie ein

Wassereimer, die völlig fertigen, bewohnt gewesenen Höhlen dagegen sind

höher, geräumiger und besser erbaut als Negerhütten.«

»Man könnte also ordentlich hineingehen?« riefen voll Neugier die

Knaben.

»Das natürlich nicht, ihr Voreiligen! Die Termiten haben sämtliche Gänge

für den eigenen Bedarf, aber weniger für die Höhe junger,

wissensdurstiger Naturforscher eingerichtet.«

»Freund Achilles,« setzte er gegen den Dolmetscher hinzu, »könnten Sie

mir einen jener Generale, die dort an den Seiten des Zuges marschieren,

herüberlangen? Ein recht großes Exemplar möchte ich gern haben und ein

unausgewachsenes Junges außerdem.«

Man blieb an geeigneter Stelle stehen, und der Neger brachte zuerst

einen der stattlichsten Braunröcke, ein Tier von 1½ Zentimeter Länge;

dann aber mußte er, um ein Junges zu erreichen, in die Mitte des Zuges

hineingreifen, und das konnte er nur, indem er auf den äußersten Rand

der lebenden Masse trat. Binnen Sekunden war das unbekleidete Bein bis

zum Knie mit den blutsaugenden Geschöpfen bedeckt, eben so schnell aber

tauchte der Neger das gefährdete Glied ins Wasser und entledigte sich

dadurch der sofort verendenden Quälgeister. Ohne die mindeste

Unterbrechung, geräuschlos, unabsehbar wanderte mit Milliarden von Füßen

der scheußliche Heerwurm. Die eingefangenen Exemplare wanderten in ein

weithalsiges, halb mit starkem Spiritus gefülltes Glas, in welchem sie

nach wenigen Zuckungen verendeten.

Unsere kleine Reisegesellschaft brach auf. Wenn das nahe Termitendorf

besehen war, so mußte man den Heimweg antreten, um noch vor Nacht wieder

bei den Negerhütten zu sein. Erst morgen sollte ein größerer Ausflug in

aller Frühe unternommen werden.

Eine weite Lichtung dehnte sich vor den Blicken, ordentlich wohlthuend

nach soviel undurchdringlichem Gewirre von Stämmen und Ranken, Blumen

und Gebüsch, aber ungleich heißer freilich als unter dem Blätterdach. »O

was doch der Schatten thut!« rief Hans.

»Freilich, mein lieber Junge,« lächelte Holm. »Die Pflanzen wehren den

Sonnenstrahlen, so daß nur ein Bruchteil bis auf den Boden gelangt. Das

ist das Geheimnis der Waldkühle und zugleich das der regenlosen

Gegenden, wie z. B. der Wüste Gobi, der Kergueleninsel und anderer

Landstrecken. Die bewaldeten Höhenzüge stehlen dem Wind alle und jede

Feuchtigkeit, so daß er auf der entgegengesetzten Seite völlig trocken

ankommt. Ich will euch -- --«

Ein gellender Schrei, ein Rauschen und Krachen in den nächsten Zweigen

unterbrach plötzlich die angefangene Rede. Papageien flogen kreischend

in die höchsten Spitzen der Bäume, Früchte, dürre Äste und Schalen

prasselten, offenbar als Geschosse verwendet, auf den Boden herab, und

eine Schar ganz kleiner Affen floh behende über die Wipfel dahin. Einen

Augenblick schien es, als husche an einem der Stämme ein dunkles,

seltsam gestreiftes und geflecktes größeres Tier hinauf, dann war im

Augenblick alles still.

»Schleichkatzen!« sagten die Neger, »Virenen!« und darauf umringten sie

von mehreren Seiten den Baum, indem zugleich die Weißen mit geladenen

Gewehren Posto faßten und alles, was ihre Führer thaten, scharf

beobachteten.

»Ein Jagd in aller Form!« flüsterte Doktor Bolten. »Wer hätte gedacht,

daß man in seinen alten Tagen noch am Äquator Zibetkatzen schießen

würde!«

»Pst! Klang das nicht ganz wie Kindergeschrei?«

»Die jungen Kätzchen sind also in unmittelbarer Nähe!« raunte Holm.

»Auf, ihr beiden, sucht das Nest!«

Mit Mühe einen lauten Jubelschrei unterdrückend, verschwanden die Knaben

am Rande des Unterholzes, und nun wurde minutenlang alles so totenstill,

daß man sein eigenes Herz schlagen hörte und das leichte Flüstern der

Blätter im Winde.

Achilles schlich an den Doktor heran, zwei Finger auf die Lippen gelegt

und so leise, als sei er selbst ein Kater, der das Wild überrumpeln

wolle. Die anderen Neger folgten ihm. »Pythonschlange!« hauchte er.

»Dort!«

Aller Blicke folgten dem ausgestreckten Finger. Durch das meterhohe,

üppig wachsende Gras der Lichtung wand sich's braunschillernd,

gelbgefleckt mit schuppigen Ringeln dahin, wenigstens zehn Meter lang

und vom Durchmesser eines tüchtigen Baumstammes. Lautlos glitt die

Schlange bis an den Stamm, darauf die Zibetkatze saß, und begann

denselben zu umschlingen, indem sie sich dabei auf die Stummelfüße des

Schwanzes stützte. Ein Schnaufen und Prusten der überlisteten Katze

bewies, wie sehr sich das Tier fürchtete. -- Die nächsten, stärkeren

Zweige konnte es springend nicht erreichen, an den Erdboden gelangen

auch nicht; was blieb ihm also übrig, als widerstandslos auszuharren,

bis sein Körper durch die kalten, glatten Schlangenglieder umstrickt und

ihm alle Knochen im Leibe zerbrochen sein würden?

»Wollen wir die Schlange erobern oder die Katze?« fragte Doktor Bolten.

»Eins ist nur denkbar!«

»Die Bälge beider Tiere,« gab Holm zurück. »Die Schlangen können ihre

Beute nicht kauen, sondern verschlucken sie ganz. Wenn die Katze

zermalmt, mit Geifer überzogen und verschlungen ist, läßt sich die

Schlange träge herabsinken und leicht durch einen Schuß in den Kopf

töten.«

Wieder wurde alles still, nur ein Angstschrei aus den Zweigen gellte

zuweilen herab, und einige Papageiennester mit Eiern oder erwürgten,

halbflüggen Jungen fielen ins Gras. Dann aber folgte ein Knirschen und

Krachen, der ganze Baum zitterte unter den heftigen Bewegungen da oben,

und endlich sank die Schlange unförmlich angeschwollen wie ein Klumpen

auf den Boden herab.

Ehe einer der Männer Zeit bekam, das Gewehr an die Wange zu legen,

krachte von der Seite her ein Schuß, und Franz sprang mit lautem Hurra

der erlegten Riesin näher, um durch einen Kolbenschlag sein Werk zu

vollenden, -- Holm konnte ihm kaum zur rechten Zeit in den Arm fallen.

»Um des Himmels willen nicht, du tapferer Nimrod!« rief er. »Ich will ja

die Bestie für das Museum ausstopfen, also muß mir der Kopf heil

bleiben.«

»Ihr Teil hat sie!« nickte der Doktor. »Die wütenden Schwanzschläge

verraten es.«

»Aber wo ist Hans?« rief in diesem Augenblick der junge Naturforscher.

»Mein Himmel, er wird doch nicht« --

»Hier!« antwortete die Stimme des jüngeren Knaben. »Hier!«

Und Hans trat aus dem Gebüsch hervor, in jedem Arm ein spielendes,

braunfleckiges Kätzchen, das er fest an die Brust drückte. »Du darfst

sie nicht töten, Vetter Karl,« rief er, »ich habe sie gefunden und kann

es nicht sehen, daß ihnen ein Leides geschieht!«

Der junge Gelehrte lachte. »Bewahre,« rief er, »Hans, wohin denkst du?

Die sollen mit hoffentlich noch manchem anderen Tropenbewohner als

Erinnerung an die wissenschaftliche Reise des Naturforscherschiffes den

Hamburger Zoologischen Garten verherrlichen helfen. Wir nehmen alles

hier Erbeutete, lebende oder tote Schätze, mit nach Lagos und schicken

es von da durch den nächsten Postdampfer nach Hause. Papa wird sich

freuen, wenn für die großen Kosten dieses Unternehmens schon so bald

Erfolge einlaufen.«

Die beiden niedlichen Kätzchen gingen von Hand zu Hand. Sie waren noch

sehr jung, konnten nicht essen und nicht so recht laufen, daher

verursachte es wenig Schwierigkeit, sie fortzubringen. In dem Lendentuch

des einen Negers, der es hier im Urwalde mit der üblichen Sitte der

Bekleidung nicht so genau nahm, wurden sie weich gebettet, und während

nun die Schwarzen sich daran machten, die unterdes verendete Schlange

abzuhäuten und auch die alte Zibetkatze wieder ans Tageslicht zu

befördern, gingen die vier Weißen mit dem Dolmetscher über die Lichtung,

dem nahe belegenen Termitendorfe zu. Als man den zerstreut liegenden

Pyramiden bis auf wenige Schritte gegenüberstand, erhoben sich aus dem

Gebüsch mehrere kleine, zwerghafte Gestalten von gelbgrauer Farbe, nur

einen bis anderthalb Meter hoch, kränklich aussehend und vollkommen

unbekleidet, von erschreckender Häßlichkeit. Sie streckten mit einer Art

von Bettlergebärde und kläglich wimmerndem Tone den Schwarzen sowohl wie

den Weißen ihre Hände entgegen.

»Zwerge!« rief voll Erstaunen der Doktor. »Es ist also doch wahr, daß im

Innern Afrikas ganze Zwergvölker leben.«

Achilles mußte nun die kleinen, schmutzigen Menschen ausfragen, und was

er erfuhr, war folgendes. Die Zwerge nannten sich Obongos, sprachen von

ihren Verwandten, den Akkas und Dokos, aber sie hatten, so lange sie

lebten, nie ein Dorf bewohnt, einen König gehabt oder zu ihrem

Lebensunterhalt durch Arbeit das Geringste beigetragen, ja sie waren

daran gewöhnt, auf Bäumen zu schlafen und ohne alle Kleidung

einherzugehen. Ihre Nahrung bestand aus Wurzeln, Beeren und

Heuschrecken, die roh in zerquetschtem Zustande verzehrt wurden.

»Ob es viele von ihnen gebe?« fragte begierig der Doktor durch den Mund

des Dolmetschers.

Sie schüttelten die Köpfe, und ihre trübseligen Mienen wurden immer

trübseliger. Die Sonne versank unzählige Male, bevor sie in den Wäldern

einen einzigen ihrer Brüder antrafen.

Man schenkte ihnen von den mitgebrachten Cakes und Fleisch und sah dann

die kleinen Gestalten wie in den Boden hinein verschwinden. Diese ganze

Art stand offenbar auf der niedrigsten Stufe menschlicher Entwickelung.

Jetzt waren auch die Termitenbauten erreicht. Schwarze, spitze Hütten,

an den Außenseiten vielfach höckerig und wie mit Stufen, zahllosen

Einschnitten und Erhöhungen versehen, so zeigten sie sich den

Beschauern, die vergeblich versuchten, mittels ihrer Messer Stücke

dieser Wände loszubrechen. Das Gemäuer war von fester Thonerde, und erst

als Franz einen schweren Stein aufhob und ihn gegen die höchste Spitze

warf, fiel ein schwarzer Klumpen zu Boden. Inwendig zeigten sich solche

Gänge oder Rinnen, wie man sie als die Zerstörungswege der Maden im Käse

kennt, natürlich nur bedeutend breiter.

Die Beute wurde der anderen zugefügt, und dann wanderte man dem Saume

des Waldes wieder zu. Die schillernde Schlangenhaut sowohl als auch der

Balg der Zibetkatze lagen schon zum Trocknen auf dem Rasen und waren

nach Holms zufriedener Bestätigung wie vom besten Kürschner abgezogen

worden. Das Fell des Raubtieres hatte eine schöne graue Grundfarbe mit

launenhaft und unregelmäßig darüber hergestreuten schwarzen Flecken und

Streifen; es zeigte die starke, schwarze Rückenmähne, den spitzen Kopf

und den schlanken Körperbau der Gattung und maß von der Schnauze bis zur

Schwanzspitze etwas mehr als einen Meter. Holm sagte, daß man eine

afrikanische, eine amerikanische und eine asiatische Zibetkatze kenne,

ebenso eine sehr selten gefundene europäische, und daß diese Tiere den

in der Medizin bekannten Zibet lieferten. Die Nubier und Abessinier

zähmen sie und drücken ihr wöchentlich zweimal den in einer Blase am

Bauch befindlichen Zibet heraus, -- in der Freiheit thut es das Tier

selbst.

Mit Schlangenhaut, Balg und Kätzchen beladen, wanderte die

Jagdgesellschaft zum Dorf zurück, nicht ohne jenseits des Baches

nochmals den braunen Heerwurm ziehen zu sehen. Gottlob ließ er die

Negerhütten weit links liegen.

Als man ankam, war die Sonne fast versunken, und um das Dorf herum

lagerte eigentümliche Stille. Alle Feuer schienen erloschen, alle

Bastvorhänge waren geschlossen und auf den Straßen niemand zu sehen,

obgleich noch die letzten Sonnenstrahlen den Waldrand umsäumten. »Wie

kommt das?« fragte Holm.

Die Neger thaten sehr geheimnisvoll. »Ilogo!« flüsterten sie und

beeilten sich, so rasch als möglich die Hängematten der Weißen an den

Bäumen zu befestigen. Dann waren sie über alle Berge, und kein Rufen

oder Bitten brachte sie zurück.

Die Weißen sahen einander erwartungsvoll an. Was mochte jetzt

bevorstehen und was konnte das Wort »Ilogo« bedeuten?

Sie sollten es sehr bald erfahren. Immer tiefer senkte sich die Nacht,

am Himmel glänzte mit hellem Schein der Vollmond und weiß und silbern

lag auf den Hütten das milde Licht. Aus der Wohnung des Königs hervor

trat in diesem Augenblick ein Mann, dessen schwarzer Körper vom Kopf bis

zu den Füßen mit abwechselnd weißen und roten runden Flecken übermalt

war. Die Arme gekreuzt, den Kopf zurückgebeugt und die Blicke zum Himmel

erhoben, so begann der schwarze Monarch langsam die Dorfstraße

hinabzutanzen. Kein Laut begleitete dies sonderbare Vornehmen, tiefe

Totenstille lag auf der ganzen Umgebung, und selbst unsere Freunde

unterhielten sich nur flüsternd. Was da der arme, unwissende Neger that,

das war zwar für den ersten Anblick komisch genug, aber trotzdem

schimmerte immer hindurch eine Ahnung von höheren Gewalten, der er

diesen seltsamen Ausdruck verlieh.

»Alle Naturerscheinungen finden unter diesen Heidenvölkern göttliche

Verehrung,« belehrte der Doktor. »Die für böse gehaltenen werden

gefürchtet, und die guten denkt man sich gewissermaßen wie Heilige. Gott

selbst heißt: »Mawu«, der Himmel »Osi«, die Sternschnuppen »Nyikpla«,

der Blitz »Nebroso«, der Donner »Agtui«, die Erde »Anyigba«, die Luft

»Thama« und endlich der Fürst der Finsternis »Abosam«. -- Ilogo wird

also wohl der Mond sein; ich finde diese Art von Naturkultus zum

mindesten poetischer als die Anbetung von Götzenbildern. Ist er nicht

eine >Stimme von oben<, der alte lächelnde Geselle, dessen Rund jetzt

über der Villa eurer Eltern in Dockenhuden ebenso hell glänzt wie hier

unter dem Äquator, Tausende von Meilen weit?«

»Oder auch tief unter grauen, nordischen Wolken versteckt ist,« sagte

etwas erzwungen der junge Gelehrte, und damit war glücklich die ernst

gewordene Stimmung verscheucht. Man schlief, als der tanzende König den

Blicken entschwunden war, sanft von linden Lüften geschaukelt, ruhig und

ungestört bis an den hellen Morgen.

Hans erkundigte sich, sobald er aufgestanden, d. h. fünf Fuß tief auf

den Erdboden hinabgesprungen war, zuerst nach seinen Kätzchen. Achilles

hatte sie einer säugenden Hündin in die Mutterpfoten gelegt, und hier

teilten sie brüderlich mit einer Schar krabbelnder, noch blinder

Hündchen, ihren Erzfeinden, die labende Milch; der jugendliche

Eigentümer wußte also seine Jagdbeute vollkommen in Sicherheit und

konnte sich mit Muße anderen Angelegenheiten widmen, namentlich der

komischen Verzweiflung des Doktors, welcher Kaffee, Handtücher und

warmes Wasser äußerst schmerzlich vermißte. Den Trank der Kolanuß

erklärte er für Lehmwasser und die Maniokkugeln für Steine; erst als der

grüne Wald ihn wieder umgab, und der Blick des Botanikers in ihm so

viele neue Schätze entdeckte, da taute er auf. Heute sollte das

Mittagsmahl aus eigenen Vorräten im Freien gehalten werden, man wollte

den ganzen Tag jagen und hatte noch zu aller Vorsicht ein halbes Dutzend

Neger mehr mitgenommen. Der Ausflug versprach daher eine Reihe von

Genüssen, vielleicht auch von Gefahren, aber das schreckte nicht. Wer

eine wissenschaftliche Weltreise mitmachte, der mußte die Furcht zu

Hause lassen.

Heute ging es nach völlig veränderter Richtung vorwärts; man wandte sich

einer schilfumwachsenen Sumpffläche zu, und zwar um womöglich ein paar

Krokodile aus der Nähe zu sehen. Hier war nun zum erstenmale der

wirkliche Urwald zu durchklettern. Schönheit überall, mehr Formenfülle

und Farbenpracht als sonst irgendwo bei einander sind, aber dafür

nirgends jener majestätische, ruhige Zauber des deutschen Hochwaldes.

Aus ungezählten Baumarten bestehend, hier hoch, dort niedrig, hier mit

breiten, dunklen, lederartigen Blättern, dort hellgrün und kraus wie

Riesenfarne im ersten Frühlingsschmuck, so erglänzte das Laub in allen

erdenklichen Schattierungen. Orchideen mit ihren zierlichen Luftwurzeln,

purpurrot und violett, die Blütentrauben der Fuchsie, Magnolien,

ungeheure Lilien und Kommelinen, alles kletterte von Stamme zu Stamm,

schaukelte in den Lüften und hing wie ein dichter, bunter Teppich, von

den Ästen herab. Tausend kleine Singvögel schwirrten dazwischen, alle

Farben glänzten im Sonnenlicht, alle Formen zeigten die reiche tropische

Vollentfaltung.

Besonders erschwerten die überall zu Tage tretenden Luftwurzeln das

Gehen. So ein einziger Armleuchter-Pandang verursachte für sich allein

einen weiten Umweg. Etwa zwei Meter vom Erdboden schlossen sich die

strahlenförmigen Ausläufer wie ein ungeheurer Hühnerkorb zusammen und

bildeten den glatten Stamm, dessen Äste erst ganz in der Krone begannen.

Sechs bis zehn regelmäßig stehende Arme trugen wie die eines

Kronleuchters je einen Büschel steifer, dunkelgrüner, geradeausstehender

Blätter, und zwischen diesen befand sich die Blüte, eine weiße,

länglichrunde, große Blume, die genau wie eine Lampenglocke aussah. Der

Baum war hübsch und eigentümlich, aber die Mühe ihn zu umgehen desto

unangenehmer. Überall stolperte der Fuß, überall blieben die Kleider in

Fetzen an den Gebüschen hängen, und zuweilen versank man bis ans Knie

jählings in einen vermoderten, außen mit den verlockendsten Blüten

überzogenen, alten Baumstamm. Dabei füllte sich die Luft mehr und mehr

mit einem Etwas, das sich die Wanderer durchaus nicht erklären konnten.

Bald kam es, bald verschwand es, aber was es eigentlich war, das wußte

keiner, bis endlich Holm ausrief: »Das ist Rauch!«

»Ich dachte es längst!« nickte Franz, »und wollte nur das Wort nicht

aussprechen, um keine Dummheit zu Markt zu bringen. Woher sollte im

Urwald Rauch kommen?«

»Freund Achilles, weißt du es?«

»Gallinas!« antwortete der Dolmetscher. »Elefantenjäger. Sie treiben die

umzingelte Herde bis an den versumpften See und stecken hinter ihnen das

Gras in Brand. Die Tiere, vom Feuer auf das äußerste erschreckt, sind

dann leichter zu töten.«

»Der Rauch kommt von Osten her,« rief Franz. »Achilles, gibt es eine

Stelle, von wo wir die Jagd mit ansehen könnten?«

»Aber, aber,« wehrte Doktor Bolten, »kann man den Gallinas trauen?«

»Sie greifen uns wenigstens nicht an,« versetzte der Dolmetscher.

Obgleich die Antwort etwas seltsam klang, war doch das Verlangen nach

dem aufregenden Jagdgenuß zu groß, um lange Bedenken zu hegen. Achilles

glitt voran, die übrigen folgten, und nach einer halben Stunde

anstrengenden Marschierens war der Rand des Sumpfes erreicht. Ein

unbewachsener, von Büffel- und Elefantenspuren bedeckter freier Platz,

gedörrt fast durch die senkrecht fallenden Sonnenstrahlen, lehmfarbig

und fahl, abstechend von der farbenprächtigen Umgebung, lag genau in der

Mitte eines halbmondförmigen Sees, dessen trübe, grünliche Wellen ihn

bis auf einen schmalen Zugang völlig einschlossen. Vor diesem Platz

dehnte sich grasüberwuchert in den stechenden Sonnengluten eine kahle

nur hier und da mit Reis oder Zuckerrohr bestandene Fläche.

Am jenseitigen Ufer lagerten unter den schattenspendenden Stammkolonien

des in mehr als fünfzig Säulen aus _einer_ Wurzel aufschießenden

Dubabelbaumes unsere Freunde. Der Rauch schlug jetzt in hohen,

blaugrauen Wellen über die Lichtung dahin, und zuweilen war es auch, als

höre man fernes Donnern.

»Das sind die Elefanten,« sagte Achilles, »sie kommen hierher, weil

ihnen jeder andere Weg abgeschnitten wird. Hinein in den See wagen sie

sich aber nicht, -- die Gallinas machen sich ihre Furcht vor den

Alligatoren zur Verbündeten.«

»Welche Waffen führen diese Leute?« fragte Franz.

»Vergiftete Pfeile,« antwortete der Dolmetscher. »Man trifft den

Elefanten ins Auge, und er verendet sofort. Die Gallinas sind

vortreffliche Schützen.«

Jetzt stampfte die Schar der Kolosse heran. Helles, offenbar angstvolles

Trompeten mischte sich mit dem kläglichen Geschrei anderer Tiere, die

ungeheuren Füße ließen den Boden erdröhnen, und das Knistern der Flammen

wurde hörbar. Am Himmel sammelte sich während dessen eins der in den

Tropenländern so zahlreich und so überaus schnell entstehenden Gewitter.

Schwarze Wolken hingen tief herab, Blitze zuckten über den Horizont

dahin, und krachende Donnerschläge übertönten allen andern Lärm. Jetzt

entstand ein Durcheinander, dessen tausendstimmiger Chor alles in sich

schloß, was an Tönen überhaupt gedacht werden kann. Schwere Regentropfen

schmetterten die Früchte von den Zweigen, ein sausender Wind bog und

schüttelte die Laubkronen, Tiere flüchteten und schrieen, Affen in

ganzen Scharen duckten sich zitternd an einander, Insekten suchten ihre

Schlupflöcher, und scheue Vögel verbargen sich im Dickicht. Jetzt

erschienen auch in fliegender Eile die vom Feuer aus dem hohen Gras

vertriebenen Tiere; wenigstens zwanzig Elefanten, große Männchen mit den

gewaltigen Zähnen und der Trompetenstimme, säugende Kühe mit noch

kleinen Kälbern, ein paar Büffel und Antilopen, grunzende Warzenschweine

und eine schlanke, scheue, vor Angst zitternde Giraffe. Neben und durch

einander, sich überstürzend, drängend, schossen sie vorwärts, und

hinterher wälzte sich die Flammenwoge, niedergepeitscht, raucherfüllt,

mit gierigen, roten Zungen nach allen Seiten leckend, ein Ungeheuer,

raublustiger und gefährlicher als irgend ein Tier der Schöpfung.

Es war ein schrecklicher und doch schöner Anblick. Zitternd in

grenzenloser Angst die Riesen der vierfüßigen Gattung, vergessen aller

Vernichtungskampf der Geschöpfe unter einander, gelöst alle Bande und

machtlos der drohende Blick des Todfeindes, des sonst so gefürchteten.

Schleichkatze und Antilope stehen neben einander, die gefleckte falsche

Hyäne, das treuloseste Tier der Schöpfung, duckt sich unter die bebende

Giraffe, und ein versprengter Strauß huscht hier und dort zwischen den

großen Elefanten umher.

Nur die Krokodile lauern. Träge im Uferschlamme liegend, wissen sie, daß

es ihnen nicht gelingt, auf festem Boden die Beute zu besiegen. List

allein kann ihnen helfen, in offenbarem Angriff ziehen sie den kürzeren.

Die raublustigen Augen blinzeln, die schmutzfarbenen, altem Holze nicht

unähnlichen Körper schieben sich mehr und mehr aus dem Wasser heraus.

Vielleicht kommt ja eines der Tiere dem gefahrbringenden Ufer zu nahe,

vielleicht läßt sich ein in seiner Todesangst wehrloses Geschöpf im

Rücken fassen und hinabziehen in das nasse Grab.

Abgesondert von dem eigentlichen Waldrande, der brennenden Grasfläche

ganz nahe, steht ein hoher, alter Tamarindenbaum. Zehn Fuß hoch über dem

Erdboden, hinaushängend auf den See, beugt sich ein schlanker, starker

Ast. -- Jetzt hat ihn die rote Lohe beinahe erreicht, -- wird der Riese

unter seiner Umgebung, der Uralte des Waldes, dem gefräßigen Elemente

zum Opfer fallen?

Da zuckt ein Blitz herab, greller und stärker als alle früheren,

blendend und purpurn, zischend und vom betäubenden Donner gefolgt. Das

ist, als wolle die Erde in ihren Tiefen bersten, als breche furchtbar

und urplötzlich der jüngste Tag herein.

Weit zurück geschleudert in das Feuermeer ist die Krone des

Tamarindenbaumes, in der Mitte geknickt der Stamm, und nur noch jener

starke, untere Ast ragt über das Wasser dahin. Glut mischt sich mit

Glut; jetzt schlägt eine Feuergarbe hoch empor, es bäumt und regt sich

rauchverhüllt und von Blättern bedeckt, der Ast schwankt und auf ihm

sitzt geduckt, glänzende Augen rollend, mit schweratmenden Flanken ein

Leopard.

[Illustration: Der Waldbrand.

»Neben- und durcheinander, sich überstürzend, drängend, schossen sie

vorwärts, und hinterher wälzte sich die Feuerwoge ...«]

Hinter dem Feuer, vom Waldrande kommend und über die rotglühenden

Stoppeln dahinblickend, erscheinen schwarze Gestalten in arabischer

Kleidung, weiß beturbant und mit langen Wurfspießen, mit Bogen und

vergiftetem Pfeil.

Hin und her über die Angehörigen der vernunftlosen Schöpfung messen sich

die Blicke erstaunter Menschen.

Sind sie Feinde, die Gallinas?

* * * * *

Franz sah nur den Leopard. Von diesem Ast konnte er nicht fort, weder in

die brodelnde Glut noch in den See hinein! Das Herz des jugendlichen

Jägers schlug mit verdoppelter Eile, er sprach nicht, dachte nicht

einmal, sondern handelte unter dem Eindruck des Augenblickes. Das Gewehr

an die Backe legend, zielte er sekundenlang, der Schuß krachte, -- und

der Leopard fiel, sich überschlagend, bis ganz nahe an den Sumpf. Obwohl

seine hastigen Bewegungen zeigten, daß er noch lebte, so war doch

jedenfalls sein baldiger Tod gewiß.

Zwei Gallinas sprangen herzu, um die Beute den Krokodilen zu entreißen.

Die anderen berieten flüsternd, offenbar mit Bezug auf die Weißen.

Doktor Bolten und Holm waren von dem Jagdeifer ihres jungen Gefährten

unterdessen angesteckt worden, ebenso Hans. Schuß krachte auf Schuß,

zwei der größten Elefanten wälzten sich in ihrem Blute, ein Büffel hatte

schon mehrere Kugeln auf den Pelz bekommen, doch ohne sich sonderlich

darum zu kümmern, und auch eine Antilope war getötet. Die Wilden

schossen ihrerseits gar nicht. Es schien ihnen offenbar bequemer, sich

das Wild vor die Füße legen zu lassen, als selbst ihre wertvollen Pfeile

zur Erlegung desselben zu verschwenden; ganz in aller Stille aber teilte

sich der Trupp, und ohne daß es die Weißen merkten, waren sie

eingeschlossen.

Das Getümmel vor dem See nahm indessen zu. Einer der Elefanten stürzte

ganz in der Nähe der Giraffe, und diese trat erschreckend zurück bis an

den Rand des Sumpfes. Sofort erhoben sich zwei der scheußlichen

Ungeheuer halben Leibes aus dem Schlamm und packten mit ihren

fürchterlichen Rachen das lautschreiende Tier, welches sich aus allen

Kräften, aber natürlich vergebens, gegen diese Übermacht zu sträuben

versuchte. Ehe eine Minute verging, gurgelte das grünliche Wasser und

trieb Blasen, dann aber schloß es sich über dem Opfer, dessen Verderben

die Schützen nicht gewollt hatten, und das nun von den blutdürstigen

Räubern der Tiefe in Stücke zerrissen wurde. Zuweilen tauchte aber bei

dem erbitterten Kampfe, welcher ohne Zweifel auf dem Grunde des Sees

entstanden war, der Kopf des einen oder anderen Krokodils plötzlich

hervor, und um einen solchen Augenblick zum wohlgezielten Schusse zu

verwenden, schlich Franz mit leisen Schritten in das Gebüsch hinein. Die

hintere Mitte des Halbmondes war bedeutend breiter als die beiden

Ausläufer, daher hoffte er am Rande der letzteren im gegebenen Fall

sicherer zielen zu können.

Die Gallinas waren um den glücklich geretteten Leoparden so beschäftigt

und so eifrig dabei, die Antilope auf dem Fleck auszuweiden und am Spieß

zu braten, daß sie vielleicht, auf die Feuerwaffen der Europäer

allzusicher vertrauend, für sich selbst die nötige Vorsicht ein wenig

außer Augen ließen. Einer der großen, männlichen Elefanten, angeschossen

aber nicht getötet und aus diesem Grunde vor Schmerz rasend, drehte sich

plötzlich gegen die zur Seite befindliche Negerschar, erhob

herausfordernd den Rüssel und stürzte mit lautem Wutgeheul den

vermeintlichen Feinden entgegen. Die erschreckte Schar empfing ihn mit

Schüssen und wohlgezielten Würfen, -- drei Pfeile zitterten am langen

Schaft in seiner Hornhaut, das Blut rann stromweise von dem kolossalen

Körper herab, aber dennoch gelang es ihm, mit schwindenden Kräften den

nächsten der Neger zu erfassen. Er hob ihn hoch über den Kopf und

schleuderte ihn dann mit solcher Kraft auf den Erdboden, daß sich die

Glieder des Unglücklichen zuckend dehnten und ohne weitere Bewegung

liegen blieben. Der Sieger überlebte aber seine Rachethat nur um einige

Minuten, die Riesengestalt drehte sich schwindelnd im Kreise und stürzte

mit dumpfem Dröhnen zu Boden.

Jetzt nahm der ganze Vorgang einen abschreckenden Charakter an. Das war

keine Jagd mehr, sondern ein Blutbad. Die Krokodile, halben Leibes an

das Ufer kletternd, bemächtigten sich lebender und toter Körper, die

Elefanten wurden von den Gallinas ihrer Zähne beraubt und abgebalgt, das

halbgare Antilopenfleisch mit den Fingern zerrissen und der getötete

Neger nicht mehr beachtet, als sei er eins der gefallenen Tiere. Unsere

Freunde erhoben sich, um diese Stätte sich entfaltender Barbarei zu

verlassen, und jetzt erst bemerkten die übrigen, daß Franz noch immer

fehlte.

Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee. · 第 2 / 21 题