Die Jury wurde gewählt, das Verhör auf den Nachmittag angesetzt, und

wir wanderten jetzt unserer sechse, von zwei Indianern, die den Morgen

noch in das Lager gekommen waren, begleitet den Bergen zu. Dort hinauf

hatten sich die verscheuchten Indianer so lange geflüchtet, bis ihnen

erst die Gewißheit werden sollte, ob die Weißen Krieg oder Frieden mit

ihnen beabsichtigten.

Der Halteplatz der flüchtigen Indianer.

Wir waren unserer sechse, hatten aber alle unsere Waffen, selbst die

Messer, zurückgelassen, die armen Teufel von Indianer nicht noch mehr

zu ängstigen. Nur der Sheriff trug seinen „Revolver,“ ein sechsläufiges

Pistol, hinten im Gürtel. Die beiden Indianer dagegen führten jeder

eine einläufige Flinte, Pulverhorn und Schrotbeutel, so daß es fast

aussah, als ob sie uns als Gefangene in die Berge escortirten.

Unterwegs schauten uns auch ein Paar Züge von wandernden Goldwäschern,

denen wir begegneten und die von dem ganzen Lärm noch gar nichts gehört

hatten, verwundert genug nach, wir hielten uns aber mit diesen nicht

auf, sondern wanderten rasch durch die weite Ebene, auf die der Sonne

Strahlen sengend niederbrannten, die schattigeren Hügel sobald als

möglich zu erreichen.

Unsere braunen Begleiter sprachen auch über die Ebene hin kein Wort.

Lautlos und mit gesenkten Köpfen gingen sie dicht hinter einander, aber

so rasch her, daß wir kaum zu folgen vermochten. Der eine Amerikaner,

ein dicker, wohlbeleibter Gesell, das Gesicht glühend und die großen

klaren Schweißperlen auf der Stirn, erklärte endlich feierlich -- d.

h. er schrie hinter uns drein -- er könne nicht mehr mit, und wenn

das Gericht den sechsten Theil der Jury auf so leichtsinnige Art

hinten lassen wollte, so möge es das auf seine eigene Verantwortung

thun, er aber wasche seine Hände in Unschuld. Dabei biß er in stiller

Resignation ein riesiges Priemchen von einer langen Stange Tabak, die

er bis dahin wie einen Dolch in der Hand gehalten, ab.

Die Indianer, denen das begreiflich gemacht wurde, gingen von jetzt an

zwar etwas langsamer, immer aber noch in einer Art kurzem Trab, und

erst als wir an den Hügel kamen, blieben sie zum ersten Mal stehen,

untersuchten rechts und links den schmalen Hirschpfad, den wir die

letzte halbe Stunde gefolgt waren, und bogen dann rechts nach einer

niedern Hügelkuppe, die von höheren Wänden umgeben war, ab.

Ziemlich auf dem Gipfel angekommen, hielt Einer von ihnen einen Moment

und stieß dann plötzlich einen scharfen, gellenden Schrei aus, der zu

unserem Erstaunen fast in derselben Secunde und zwar dicht neben uns

beantwortet wurde. Dabei sprang hinter einem Baumstamme, an dem wir so

nahe vorübergegangen waren, daß wir ihn hätten mit dem Fuße berühren

können, ein bewaffneter und bemalter Krieger mit Bogen und Pfeilen vor,

wechselte, ohne uns weiter auch nur eines Blicks zu würdigen, ein Paar

Worte mit unsern Begleitern, und schritt uns dann rasch voran.

Eine Meile mochten wir auf diese Art wieder gemacht haben, als er

einem von unseren früheren Führern ein Zeichen gab, und dieser gleich

darauf erst sein Gewehr losschoß und dann dicht danach einen gellenden

Kreisch, wie früher, ausstieß. Der Ruf wurde von beiden Seiten in der

Ferne beantwortet, und als wir schon wieder weiter schritten, sah ich

wie rechts und links an beiden Hügelhängen ein Paar bewaffnete braune

Gestalten über die Felsen fortsprangen und mit uns, ohne näher zu

kommen, Schritt zu halten suchten.

Der Indianer hatte wieder geladen, und der andere schoß bald darauf

sein Gewehr auf ähnliche Art ab, wonach wieder fremde Gestalten sich

unserem Zuge in der Ferne anschlossen. In solcher Weise zogen diese

braunen Söhne der Berge ihre Vorposten zusammen, und auf den Haupttrupp

zurück, und zeigten den Ihren dadurch zu gleicher Zeit an, daß die

Weißen friedlich gesinnt seien und sie weiter keinen Angriff zu

erwarten hätten.

Wir kamen jetzt an das angezündete indianische Lager. Es war ein

trauriger Anblick: halbverbrannte wollene Decken und Lederschürzen,

die noch an den verkohlten Zweigen hingen -- auf der Erde die

zerstreuten oder versengten Provisionen -- hier sogar noch die Stücken

eines kleinen Kinderkorbes, der zurückgeblieben war als die Mutter,

wahrscheinlich in Todesangst, ihr Kind aufgriff, sein und ihr Leben in

Sicherheit zu bringen.

Der Indianer mit Bogen und Pfeilen, der sich uns zuerst angeschlossen

hatte, blieb einen Moment stehen, sah auf sein Lager und dann auf uns

-- ich mochte seinem Blicke nicht begegnen -- aber er sprach kein Wort.

-- Die Andern schritten, ohne auch nur einen Blick auf ihr zerstörtes

Eigenthum zu werfen, schweigend und finster daran vorüber.

Wir stiegen von hier aus in der Schlucht eines kleinen Baches bis zu

dem Gipfel hinauf, an dem er entsprang. Unser Zug war dabei, schon

lange ehe wir den Ort unserer Bestimmung erreichten, angekündigt

worden, denn von verschiedenen Seiten wurden Rufe gethan und

beantwortet. Endlich näherten wir uns dem oberen Rücken des Berges,

und meine Begleiter hielten, denn hier standen einige zwanzig Krieger,

alle ihre Bogen in der Hand und mehrere sogar die Pfeile wie größerer

Bequemlichkeit wegen, schon aufgelegt. Ich kannte aber diese Indianer

schon und hatte mich ihnen in mancher Hinsicht freundlich bewiesen,

glaubte daher auch nicht etwas von ihnen fürchten zu dürfen. Außerdem

war es keineswegs gerathen, in einem solchen Augenblicke Furcht zu

zeigen, und ich sprang rasch den etwa noch hundert Fuß hohen Abhang

hinauf, gerade in ihre Mitte.

Nie werde ich den Anblick vergessen der sich mir hier bot, denn

wenn mir auch hie und da aus dunkelglühenden Augen finstere Blicke

entgegenblitzten, und besonders ein alter Krieger mit grauem Haar

und kalten starren Zügen gar keine üble Lust zu haben schien, die

Glasspitze seines Pfeils an meiner Haut zu versuchen, -- ja er spannte

sogar, wie unwillkürlich, die Sehne des Bogens, und nur als mein Blick

dem seinen fest begegnete, ließ er sie wieder, aber nur langsam und

widerstrebend, nach, -- nahm doch das Wunderbare, Wilde, Eigenthümliche

all der mich umgebenden Gruppen meine Aufmerksamkeit augenblicklich

und einzig und allein in Anspruch.

Den Mittelpunkt bildete der unglückliche Verwundete, der aufgerichtet

unter einer niedern Eiche stand, und seine linke Hand auf die Schulter

seines Weibes stützte. -- Er stand aufrecht, aber in seinen Zügen lag

der Tod, und die Lippen zuckten von nur mühsam verhaltenem Schmerz.

Sein Oberkörper war nackt, nur um die Hüften trug er ein altes,

blutbeflecktes Stück Cattun geschlagen, und seine Farbe hatte das

Braunglänzende verloren und mehr ein mattes Graubraun angenommen.

Seinem armen Weib perlten dabei die großen hellen Thränen die dunklen

Wangen herunter, aber sie sprach kein Wort, keine Klage kam über ihre

Lippen. Nur ihr Blick flog manchmal zu dem des Leidenden empor, und

senkte sich dann wieder still zur Erde nieder.

Um ihn her standen fünf oder sechs Männer, wie alle Anderen mit

ihren Bogen und Pfeilen in der Hand, und sahen vorwurfsvoll zu mir

herüber. -- „Das hat Einer von euch Weißen gethan!“ sagte der Aelteste

in gebrochenem Spanisch; ein Jüngerer aber vertheidigte mich --

„~Americano~“ sagte er -- „~no Alemano~“ -- Er hatte aber auch recht;

ich glaube nicht daß ein Deutscher so leichtsinnig auf einen armen

Teufel von Wilden geschossen hätte.

Etwa zwanzig Schritte zurück lagerten die Frauen mit ihren Kindern

und den wenig geretteten Habseligkeiten, und hie und da keuchten noch

andere mit den spitzen, um die Stirne mit Tragbändern befestigten

schwergeladenen Körben, hie und da auch noch ein Kind obendrauf,

herauf, und drückten sich scheu und furchtsam, so weit sie konnten von

den fremden Weißen zurück -- wußten die Armen doch nicht, ob ihnen aus

dem neuen Zusammentreffen nicht wieder ein Unglück und Kummer bereitet

werde. Und um sie her breiteten sich die weiten, mit den herrlichen

Fichten bedeckten Berge Californiens, und die Sonne lag weich und warm

auf den kühlen Schatten der Gebirge.

Armes Volk, es ist das nur das Vorspiel zu deinen spätern Leiden, und

du wirst einst das Schicksal deiner rothen Brüder in allen anderen

Ländern der Erde theilen müssen -- aber tröste dich, du wirst dafür

civilisirt. Wenn der Letzte deines Stammes, der vielleicht all die

Deinen, durch Stahl, Blei, ansteckende Krankheiten durch Habsucht und

Goldgier oder das vernichtende Feuerwasser der Weißen in die stille

Erde sinken sah, stumm und traurig an ihren Gräbern steht, mag er sich

damit trösten, daß er zwar Alles verloren was er auf dieser Welt sein

eigen nannte, -- aber die christliche Religion ist ihnen doch verkündet

worden, und -- der Versuch ist gemacht, ob sie nicht der Cultur

gewonnen werden könnten. Daß das nicht anging war allerdings traurig,

aber auch nicht der Christen Schuld. In der Bibel steht: „Gehet hin und

lehret alle Heiden,“ und dazu gehörten sie ebenfalls -- warum konnten

sie das nicht vertragen. -- -- Und nun die Entdeckung des Goldes gar:

Lieber Gott, in den anderen Ländern ließ man den armen Teufeln doch

noch Zeit, sich wenigstens selber unter einander aufzureiben, da aber,

wo das Gold die Leidenschaften noch außerdem anfachte -- nicht blos

die Fruchtbarkeit des Bodens oder der Reiz ihrer Weiber -- da ging die

Civilisation mit rasenden Schritten vorwärts -- nur das Resultat blieb

dasselbe.

Wir hatten unter unserer Jury einen Doktor -- wenigstens nannte er sich

so, und trug zum Beweis ein Besteck mit chirurgischen Instrumenten

bei sich; der untersuchte jetzt vor allen Dingen den Verwundeten. Die

Indianer schienen, als sie das sahen, großes Vertrauen in ihn zu setzen

-- die Frau wenigstens verschlang, während er die Wunde besichtigte,

mit gierigen Blicken den Ausdruck seiner Züge. Er wußte aber keinen

Rath dafür, und ich glaube auch kaum, daß noch ein Arzt auf der

Welt dem armen Burschen hätte helfen können. Die Kugel war hinten im

Rücken, dicht neben dem Rückgrat auf der rechten Seite etwa zwei Hände

hoch über der rechten Hüfte eingegangen, und saß allem Anschein nach

irgendwo an der linken Seite inwendig fest -- der Schießende hatte beim

Schuß etwa dreißig Fuß höher gestanden, als das Opfer. Die Oeffnung, wo

die Kugel eingegangen war klein -- die Büchse schoß etwa 35 Kugeln auf

das Pfund.

Der Doktor schüttelte mit dem Kopfe, stand auf und überließ den

Verwundeten seinen Freunden. Dieser konnte sich jetzt auch nicht mehr

länger aufrecht halten, und man sah ihm an welche entsetzliche Mühe er

sich dazu gegeben hatte. Langsam ließen sie ihn auf die Erde nieder und

die Frau breitete ihre Decke unter seinen Rücken und legte seinen Kopf

in ihren Schooß. Er schien das Alles freilich nicht mehr zu fühlen;

sein Blick sah starr in den grünen Wipfel der Eiche hinauf, unter der

er lag, und nur manchmal rang sich, so sehr er sich auch Mühe gab das

zu unterdrücken, ein leiser Seufzer aus seiner Brust.

Hier oben war weiter nicht viel zu thun, als herauszubekommen weshalb

die Indianer den Schwarzen eigentlich verfolgt hätten, und ob es

wahr sei daß dieser Gold bei sich gehabt habe. Einer der Weißen,

der schon drei Jahre in Californien lebte, sprach die Sprache der

Indianer ziemlich fertig und suchte nun Erkundigungen einzuziehen.

Nach Aussage der Indianer -- und später abgehörte Zeugen machten

das auch wahrscheinlich -- verhielt sich die Sache einfach so: Der

Ostindier war an dem vorigen Abend zu ihrem Lager gekommen und

hatte mit ihnen gegessen und die Nacht dort geschlafen. Schon am

Abend hatte er versucht, mit einer oder der anderen von den Frauen

anzuknüpfen -- und ich glaube, daß es wenig wilde Stämme giebt, von

denen die Frauen zurückgezogener und keuscher leben -- war aber von

allen zurückgewiesen, und mochte nun wohl geglaubt haben daß ihm die

Gegenwart der Männer blos hinderlich wäre. Er verhielt sich also die

Nacht ziemlich ruhig und verließ am nächsten Morgen das Lager, bis

er glaubte, daß die Männer etwa auf die Jagd oder ihren sonstigen

Beschäftigungen nachgegangen wären. Dann kehrte er zurück, und suchte

mit Gewalt das zu erreichen, was ihm durch Ueberredung nicht möglich

gewesen war.

Dabei kam er aber bös an, wie der Blitz waren ein Paar von den Männern

bei der Hand, und der Ostindier behielt eben nur noch Zeit, sein Bündel

aufzufassen und die Flucht zu ergreifen. Im Fliehen hatte er nachher,

wie Einer der Indianer sagte, das kleine Packet Kleidungsstücke

von sich geworfen, und es war in dem Lager zurückgeblieben, wo es

wahrscheinlich mit den übrigen Sachen verbrannte -- oder auch noch dort

lag -- es hatte sich Niemand weiter darum gekümmert. Von Gold wußten

sie gar nichts -- und hatten keines bei ihm gesehen. Der Golddiebstahl

war von dem Hallunken rein erfunden, und ihm sonst von den Indianern

gar kein Schaden zugefügt worden; nur aus ihrer Nähe hatten sie

ihn vertreiben wollen, und nicht einmal mit einem Pfeile nach ihm

geschossen -- und dafür dies Elend.

In einer recht trüben und wehmüthigen Stimmung verließen wir Alle das

Lager, jetzt aber von einer größeren Anzahl der Indianer begleitet.

Diese hatten nämlich nun erfahren, was der Ostindier von ihnen erzählt,

und wollten im Lager der Weißen ihre Unschuld beweisen und den Schurken

bestraft wissen. Ihr großer Häuptling, -- Jesus genannt, -- der unter

seiner Oberherrschaft die verschiedenen Stämme des Magualome, Calaveres

und Stanislaus vereinigte, war gerade jetzt leider nicht anwesend.

Der Häuptling der Kayotas ging aber mit uns hinunter und ihm folgten

etwa noch zwölf oder sechzehn seiner jungen Leute, Alle mit Bogen

und Pfeilen bewaffnet -- die meisten nackt, nur mit einem Tuch um die

Hüften, und einige mit einem bunten Hemd bekleidet.

Als wir den Hügel verließen blieben alle Indianer plötzlich stehen und

schauten zurück -- der Verwundete lag ausgestreckt auf der Decke und

athmete schwer -- sein Weib saß starr und regungslos ihm zu Häupten.

Keine Thräne hing mehr an ihren Wimpern aber ihr Blick haftete fest und

stier, fast ausdruckslos auf der wogenden Brust des Sterbenden. Ueber

diesen aber hingebeugt lag jetzt eine alte Frau -- seine Mutter -- und

ihr schrilles monotones Wehgeschrei zuckte mir durch die innersten

Nerven. Es war ein entsetzlicher Augenblick und ich floh, ihm so

schnell als möglich zu entgehen, mit raschen Sätzen den Berg hinunter.

Als ich unten ankam, folgten mir die übrigen Weißen und bald darnach

schlossen sich auch die Indianer wieder unserem Zuge an. Wir wanderten,

ohne weiter ein Wort mitsammen zu wechseln, jeder mit seinen eigenen

Gedanken beschäftigt, vorwärts. Ueber dem Gipfel des Berges aber

schwebten ein paar Aasgeier mit langsam faulen Flügelschlägen.

Das Urtheil.

Nachmittags drei Uhr etwa kamen wir zurück, und es wurde augenblicklich

eine neue Jury gewählt, das Verhör des Ostindiers zu beginnen. Indessen

hatten sich noch mehrere Zeugen von Carsons Flat, (etwa zehn Meilen

entfernte Minen) eingefunden. Die sechs Jurymänner, den Richter oben

an, nahmen an einem Tische Platz, und der Ostindier, dessen freiwillige

Wache noch immer die Indianer waren, wurde in dem zum Verhör bestimmten

Raum -- eines der gewöhnlichen Spiel- und Trinkzelte -- geführt.

Er sah fast stahlgrau aus, denn einige der Amerikaner hatten sich einen

Spaß daraus gemacht ihm zu sagen, seinetwegen sei ein Mensch erschossen

worden und er solle nun aufgehenkt werden. Obgleich er kein Wort darauf

erwiederte, und auch that als ob er es gar nicht verstehe, hatte er

seit der Zeit zum ersten Mal einen Versuch zu entwischen gemacht, der

aber natürlich an der Wachsamkeit der Indianer gründlich scheiterte. Er

war von jetzt an unruhig und ängstlich, und der kalte Schweiß stand ihm

auf der Stirne, aber er hatte diese Züchtigung in reichem Maß verdient.

Nachdem zum Eingang einigen Gesetzformen genügt war, und der Sheriff

gemeldet hatte daß der Indianer, der Mittags zwar noch lebte, jetzt

aber wahrscheinlich schon todt sei -- und so wies es sich auch später

aus -- von einem Weißen aus Douglas-Flat, dessen Namen er aber

habe noch nicht erfahren können, getödtet sei, erbat er sich einen

Verhaftsbefehl, den Mörder aufzugreifen. Dazu schien der Richter

indessen nicht die mindeste Lust zu haben. Die Texaner in Murphys

Diggins hatten nämlich an dem Nachmittage laut geäußert, daß sie dem,

der Hand an einen Weißen legen würde, weil er eine verdammte Rothhaut

umgeworfen, oder auch dem der nur den Befehl dazu geben sollte, mit

größtem Vergnügen eine Kugel durch den Pelz jagen würden, und dabei

schlenderten die wilden trotzigen Burschen in größter Gemüthsruhe mit

ihren Büchsen auf der Schulter in dem kleinen Minenstädtchen auf und ab.

Der Richter erklärte jetzt -- armer Major Lyatt -- er werde das

Gesetz jedenfalls aufrecht halten, könne aber keinen Verhaftsbefehl

ausstellen, ehe Jemand als wirklicher Kläger gegen den betreffenden

Mann, „der den Indianer verwundet haben sollte,“ auftreten und ihm

den vollen Namen desselben nennen würde, damit er danach einen

~Warrant~ ausstellen könne. Er wandte sich hierauf selber an die

Umstehenden und frug sie, ob Einer von ihnen den Namen vollständig

wisse -- als ihm dieß Niemand beantworten konnte, schwieg er etwa

eine halbe Minute und +erklärte dann diese Anklage plötzlich als

erledigt+. Auf eine Einsprache hernach erwiederte er mürrisch, daß

+er+ Richter sei und recht gut wisse was er zu thun oder zu lassen

habe, und daß sich Jeder nur um sich selber bekümmern solle.

Nach diesem Akte Californischer Gerechtigkeitspflege kam das Verhör des

Ostindiers, und dieß schien mit großem Eifer betrieben zu werden. Der

braune Bursche wurde hereingeführt, und vor allen Dingen hörte man die

weißen Zeugen gegen ihn ab. Hierzu gehörte erstens die Jury, die oben

in den Bergen gewesen war. Von dieser weigerte sich aber ein Theil,

gegen den Ostindier auszusagen, bis der weiße Mörder nicht verhaftet

wäre, und da sich der Richter hierauf nicht einlassen wollte, begnügte

er sich mit dem Zeugniß zweier Amerikaner, die ihm berichteten wie sie

die Amerikaner oben in den Bergen gefunden hätten, und daß sie glaubten

der Verwundete würde diese Nacht nicht überleben können.

Hiernach kamen die Zeugen von Carsons Flat, zwei Wirthe, die aussagten,

der Ostindier sei vor zwei Abenden in ihren Zelten gewesen und habe

ein Glas getrunken, nachher aber nicht Geld genug gehabt dafür zu

bezahlen, und sie hätten ihn hinausgeworfen. Der eine von diesen war

ein junger Mann, der schon lange Jahre zwischen den Indianern lebte,

ihre Sprache vollkommen gut redete, und auch, in indianischer Art,

einen breiten Perlmutterschmuck um den Hals trug. Er sagte aus, daß er

gerade diese Stämme, so lange er in Californien sei, kenne, und daß

er noch nie von ihnen gehört habe, wie sie entweder einen Menschen

beraubt noch sonst beschädigt hätten. Als vollkommen Fremder war er zu

ihnen gekommen und auf das gastlichste aufgenommen worden. Er sprach

zum Schluß seine feste Ueberzeugung aus, daß der Ostindier sie schwer

beleidiget haben müsse, ehe er sie dahin bringen konnte ihn gewaltsam

fortzujagen. Daß sie ihm neunzehn Tausend Dollar gestohlen haben

sollten sei reiner Unsinn -- er glaube nicht daß der schwarze Hallunke

neunzehn Cent bei sich gehabt hätte.

Hierauf wurden die Indianer vorgerufen, und der Richter entschuldigte

sich bei der Jury daß er Indianer zu Zeugen aufrufe, was, nach den

Gesetzen der Vereinigten Staaten, gegen +Weiße+ unter keiner Bedingung

geschehen könne; mit dem Ostindier, der aber doch ein „halber Nigger“

sei, glaube er, daß +er+ eine Ausnahme machen dürfe. Dieser sei,

seiner Ansicht nach, selber nicht besser wie ein Indianer und stünde

mit den letzteren auf vollkommen gleichem Fuße.

Die Indianer wurden auf spanisch verhört, was dem +Alkalden+ --

wunderbare Ironie des spanischen Titels -- erst übersetzt werden mußte.

Sie sagten das nämliche aus was wir schon oben auf den Bergen von ihnen

gehört hatten, und frugen dann, „wo der weiße Mann sei der ihren Bruder

geschossen habe.“

Da sie das, nach des Richters Meinung, gar nichts anging, hielt es

dieser auch nicht für nöthig ihnen darauf zu antworten, und wandte

sich nun mit der Bemerkung an den Protocollführer, Alles auch hübsch

ordentlich niederzuschreiben. Dieser hatte bis jetzt an der Feder

gekaut und den Datum noch nicht einmal auf dem Papiere.

Der Richter wandte sich hierauf gravitätisch und mit der

vortrefflichsten Amtsmiene an den Ostindier, der bis dahin die

jedesmaligen Sprecher, ob sie nun spanisch oder englisch sprachen, so

lange sie redeten starr und ängstlich beobachtet, aber sicherlich nicht

das zehnte Wort von dem Englischen und gar nichts von dem Spanischen

verstanden hatte, und frug ihn: „+was er auf die eben vorgebrachten

Zeugenaussagen zu erwiedern habe?+“

Der Indier schwieg natürlich, sah ihn aber mit den dunklen Augen

erschreckt an -- er glaubte wahrscheinlich, daß ihm jetzt das Urtheil

bekannt gemacht werden sollte.

„Aber Richter,“ -- meinte da der Sheriff trocken, „wenn er all das

Gesprochene nicht versteht, wie soll er denn da gegen die Zeugen sich

vertheidigen? -- wir brauchen einen Bombay-Dolmetscher -- weiter

Nichts. Hallo, da ist Einer der spricht deutsch, der wird ja auch wohl

bombaysch können.“

„Sein Sie so gut,“ antwortete ihm der Deutsche -- „Bombay liegt nicht

in unserm Kirchspiel.“

„Ja aber, was ist da zu thun?“ sagte der Richter, die Achsel zuckend;

„ich spreche auch nicht bombaysch -- versteht denn kein Mensch das

verdammte Kauderwelsch?“

„Laßt mich einmal zu ihm!“ sagte jetzt ein langer breitschulteriger

Yankee, der bis dahin, ohne eine Sylbe zu äußern, in der einen Ecke

gestanden und den Ostindier angeglotzt hatte als ob er ihn verschlingen

wollte. „Laßt mich einmal zu ihm!“

„Das ist recht, Barneywater, versucht’s einmal!“ sagte der Richter

aufmunternd; „schwört ihn als Dolmetscher ein. Sheriff -- schwört ihn

als Dolmetscher ein!“

Der Yankee arbeitete sich indessen zu dem Ostindier durch, und dieser,

als er den langen, bleichen Menschen mit dem finster entschlossenen

Gesicht auf sich eindrängen sah, schien das Schlimmste zu fürchten. Er

drückte sich, so weit es die ihn Umstehenden gestatteten, zurück, und

sah sich ängstlich nach Hülfe um. Die hie und da lächelnden Gesichter

die ihn umgaben, mochten ihm um so entsetzlicher vorkommen.

Der Yankee hatte ihn jetzt erreicht, faßte ihn mit der rechten Hand an

der Schulter und bog sich zu ihm nieder.

„~Solu gu’a orang~,“ stöhnte der Indier.

„~Never mind~,“ sagte der Yankee, und schrie ihm dann, als ob er ein

Schiff aus weiter See anriefe, in die Ohren: „He du! hast du was

dagegen einzuwenden, was die Zeugen da eben gegen dich ausgesagt haben?“

Der Indier stieß ein paar kurze, abgebrochene Worte heraus -- der kalte

Todesschweiß stand ihm auf der Stirn, die meisten der Umstehenden

lachten aber, und nur der Richter schrie:

„Das ist ja aber nicht bombaysch -- das versteh’ ich auch!“

„Na, +ich+ kann doch nicht bombaysch!“ sagte der Yankee, sich

verächtlich nach ihm umsehend; „in Connecticut sprechen sie rein

amerikanisch.“

„Ja dann hilft uns ja aber auch die ganze Geschichte Nichts!“ klagte

der Richter.

„Gentlemen!“ nahm hier plötzlich ein eben hinzugekommener Fremder,

der nicht wie einer der Goldwäscher aussah, sondern einen schwarzen

Frack und Seidenhut trug, das Wort, „ich protestire hier feierlich

gegen jedes solche Verfahren, als Sie ausüben zu wollen scheinen.

Sie dürfen den Mann nicht zum Tode verurtheilen, das steht nur dem

Distriktsgerichte zu „Double Spring“ zu, und Sie werden die Folgen,

die etwa daraus entstehen könnten, dann ganz sich selber zuzuschreiben

haben.“

„Wer ist denn das? -- wo kommt der auf einmal her? -- was will er hier?

--“ lief es von Mund zu Mund in der Versammlung, und „der Collecteur,

es ist der Licenzausgeber, der eben eingetroffen ist!“ lautete alsbald

die beruhigende Versicherung.

„Aber wer sagt Ihnen denn, daß der Mann auf ein todeswürdiges

Verbrechen angeklagt ist?“ fuhr der Richter erschreckt auf. „Dürfte ich

um ihren werthen Namen bitten?“

Californische Skizzen · 第 16 / 18 段