nach den Hügeln zu von keinem Baume beschattet, hinter ihr aber dehnte
sich ein langer, an manchen Stellen steil aufsteigender Bergrücken
hin, der zur linken einen vollkommen abgerundeten Gipfel zeigte, nach
rechts zu aber unten mit Eichen und nach oben mit schlanken Fichten
ziemlich dicht bewaldet war. In diesen Bergen, an einer klaren, dort
aus dem Felsen sprudelnden Quelle, hatte bis dahin ein Stamm der
Kayota-Indianer ihr einfaches Buschlager gehabt, das jedoch von den
Zelten nicht zu sehen war; von der Richtung her aber sprang eine
wunderliche Gestalt und ihr folgten mit Bogen und Pfeilen, die sie aber
unbenützt in der linken Hand trugen, sonst aber schreiend und gellend,
ein halb Dutzend Indianer, und es war augenscheinlich daß sie den
Ersten, der übrigens fast dieselbe Hautfarbe mit ihnen trug, sonst aber
mehr europäisch gekleidet war, verfolgten.
Dieser Erstere verdient eine nähere Beschreibung. Ostindiens heiße
Sonne hatte ihn gebräunt; er war aus der Gegend von Bombay gebürtig und
seine Hautfarbe dunkelbraun und glänzend, das Haar schwarz und gelockt,
und sein Auge eben so dunkel und feurig, aber unstät, vielleicht von
der Angst sich von den braunen Söhnen der Wildniß also verfolgt zu
sehen, und er schien dabei sonderbarer Weise noch unschlüssig, ob er
den Zelten der Weißen, wo er doch jedenfalls Schutz fand, zufliehen,
oder rechts den kleinen Creek hinab, flüchten sollte -- wo er bis
Murphys Diggins weiter keine Zelte fand. Eine kleine Gruppe von
Indianern, die aber auch nach dort zu, vielleicht zufällig, vor ihm
auftauchte, machte seinen Zweifeln, wenn er die irgend noch gehabt, ein
rasches Ende und er nahm gerade die Richtung nach Rogers Zelt zu, als
die Zechenden darin sein gewahr wurden und vor den Eingang traten.
Sobald die Indianer das bemerkten, kehrten sie um, und nur zwei von
ihnen blieben noch, wie eine Art Vorposten, stehen, während sich die
andern nach den Bergen hinüber zogen. Sie schienen jeden Gedanken an
Verfolgung aufgegeben zu haben.
Der Ostindier trug eine, einst weiß gewesene Drillhose, ein
rothwollenes Hemd, Schuhe und Strümpfe und eine blauschottische wollene
Mütze, um den Leib auch noch statt des Gürtels, ein rothseidenes Tuch.
Kaum war er aber in Rufs-Nähe der Zelte gekommen, als er kläglicher
zu lamentiren anfing, und in sehr gebrochenem Englisch, aber doch so
daß man etwa verstehen konnte was er eigentlich wollte, schrie, er sei
bestohlen und beraubt und die Indianer hätten ihm neunzehn Tausend
Dollar in Goldstaub, den er bei sich gehabt, abgenommen.
„Neunzehn Tausend Dollar?“ schrie einer der Spieler -- „Donnerwetter
Mensch, das ist ein Heidengeld -- und das haben die braunen Schufte
dort?“ --
„All -- All“ -- kreischte der Indianer wieder und warf sich heulend dem
Spieler vor die Füße -- „all -- all -- todt -- todt - ich bin todt --
ich bin verloren!“
„Bei Gott!“ schwur der eine Texaner, dabei fast wie unwillkürlich nach
seiner Büchse greifend, die an dem Brunnen vor dem Zelte lehnte, --
„wenn die Canaillen dem armen Teufel Alles abgenommen haben, so sollte
man das ihnen doch nicht so ruhig hingehen lassen. Sie werden so immer
dreister. Ich habe verdammte Lust einmal zu versuchen, ob ich nicht
schneller laufen kann als sie -- Hallo Ben, was meinst Du dazu?“
„Neunzehn Tausend Dollar!“ murmelte Ben, der Spieler, dem das Geld im
Kopfe herumging, denn er wußte recht gut, daß es, wenn erst einmal in
seinen Krallen, zu seinem rechtmäßigen Eigenthümer schwerlich wieder
zurückkehren würde. „Der Schuft, der neunzehn Tausend Dollar in Gold
schleppt, kann auch nicht so rasch laufen als die Uebrigen -- hol’s der
Teufel, ich gehe mit -- wo ist meine Büchse Rogers?“ --
„Hilfe, Hilfe!“ schrie der Ostindier dazwischen, dessen dunkle Augen
indeß blitzesschnell von einem zum andern der Sprecher gezuckt waren --
„all, -- all -- ~I am lost~.“
„Neunzehn Tausend Dollar haben sie dem Schwarzen gestohlen?“ frug ein
anderer Amerikaner, ein Arkansas-Mann, der am nächsten Zelte gestanden
und den Lärmen gehört hatte -- „ei, da soll ja die Pest die diebische
Rotte holen -- wer geht mit?!“
„Halt, wir Alle!“ rief Ben, dem schon Angst war, es könnte ihm einer
der Uebrigen zuvor kommen. -- „Ich muß nur erst meine Büchse haben --
zum Teufel Rogers, Ihr macht eine Ewigkeit und die schuftigen Hallunken
bekommen zu vielen Vorsprung -- o da kommen noch mehr!“
In der That strömten auch jetzt von allen Ecken die Goldwäscher herbei,
und ohne weiter viel zu fragen, was der Lärm eigentlich bedeute, oder
ob die Anklage auch gegründet sei, wurde eine Verfolgung der Indianer
kaum schneller beschlossen, als ausgeführt.
„Aber der schwarze Schuft sieht gar nicht aus als ob er neunzehn
Tausend Dollar im Vermögen gehabt hätte!“ rief der Franzose und wollte
gegen ein so rasches Einschreiten der Amerikaner protestiren. Damit kam
er aber schlecht an. --
„Wenn’s blos nach dem Aussehen geht, dann seht Ihr noch viel lumpiger
aus,“ rief der Texaner. „Hol mich der Teufel, wenn’s nicht wahr ist,“
lachte der Spieler und warf die Büchse, die ihm Rogers eben gereicht
hatte, über die Schulter -- „zurück Mann -- eine Krähe hackt der andern
die Augen nicht aus, und uns, den Eigenthümern vom Boden, gebührt es
auch Gerechtigkeit zu üben. -- Hurrah Boys.“ --
„Eigenthümern vom Boden!“ wiederholte der Franzose zürnend, „und wie
zum Hohn vertreibt und mißhandelt Ihr dabei die wirklich rechtmäßigen
Eigenthümer, die armen harmlosen Indianer von den Gräbern ihrer
Väter. Hätte ich meinen Willen, ich wollte Euch da bald einen Riegel
vorschieben. Aber hallo Sir,“ unterbrach er sich plötzlich und vertrat
dem Ostindier den Weg, der sich, als er den einen Theil so eifrig mit
der Verfolgung der Indianer, den andern mit Zuschauen beschäftigt
sah, leise von dem Zelte ab, und nach einer ganz anderen Richtung
fortzudrücken suchte -- „wollt Ihr nicht abwarten, bis sie Euch die
neunzehn Tausend Dollar zurückbringen? -- he Rogers, der Kerl ist mir
verdächtig, ich glaube gar nicht, daß sie ihm Gold gestohlen haben.“
„Das kümmert mich nichts,“ sagte der Händler, und drehte ihm den Rücken
-- „was geht mich der Schwarze an -- aha, die braunen Canaillen riechen
Lunte. Hui, wie sie auskneifen.“
„Dann will wenigstens +ich+ mich um ihn kümmern,“ sagte der
Franzose und sich dann zu dem Ostindier wendend, der damit gar nicht
besonders einverstanden schien, rief er ihm zu: „Du Bursche bleibst
jetzt bei mir, bis die Amerikaner wieder zurückkommen, und dann wollen
wir einmal sehen, ob wir hier oben einen Alkalden blos zum Spaß haben,
oder ob er auch seiner Zeit ordentlich und gesetzlich einschreiten
kann.“ Damit nahm er ohne Weiteres den Ostindier beim Kragen und
führte den armen Teufel, der sich lieber ein paar Meilen von hier
fortzuwünschen schien, ohne ein Wort weiter mit ihm zu wechseln, in
sein Zelt.
Die Verfolgung.
Indessen bot die Ebene Interesse genug, die Aufmerksamkeit der bei
den Zelten Zurückgebliebenen zu fesseln. Die Indianer, die noch eine
Zeit lang zurückgeblieben waren, als ob sie den Rückzug der Anderen
decken, oder doch wenigstens beobachten wollten was von Seiten der
Weißen geschehe, stießen, als sie diese auf sich zueilen sahen, einen
eigenthümlich gellenden Schrei aus und flogen in nächster Richtung den
Bergen zu. Zu gleicher Zeit wurden die andern wieder auf einer kleinen
nackten Anhöhe sichtbar, und wandten sich dann ebenfalls rasch in die
Berge.
„+Das+ sind die Hallunken die das Gold haben,“ brummte Ben vor
sich hin, und lief schräg über die Ebene den letzteren zu, während
ihm einige seiner Kameraden, wie der Texaner und noch zwei andere
Amerikaner folgten. Die Uebrigen blieben hinter den zwei anderen,
weil ihnen diese näher schienen und sie dieselben leichter einzuholen
hofften. Noch immer mochten aber die Indianer glauben, es sei mit der
Verfolgung nicht so rechter Ernst, oder sie wollten ihren Verfolgern
auch vielleicht zeigen, daß sie sich nicht sonderlich vor ihnen
fürchteten, denn erstlich liefen sie gar nicht so rasch, wie sie es
sicher gekonnt hätten, und dann blieben sie auch manchmal stehen und
überschauten das Terrain, als ob sie die Zahl der Verfolger und ihren
Fortgang überzählen wollten.
Damit zogen sie sich aber nach und nach in die Berge hinein und waren
den Zelten lange schon aus den Augen gekommen, als plötzlich der eine
Indianer rasch über eine Anhöhe rannte, und hinter dieser verschwand.
Die Amerikaner folgten jetzt mit so größerem Eifer und Ben besonders
hatte gesehen, daß der Eine von ihnen etwas Schweres zu tragen schien.
„Das ist das Gold,“ dachte er bei sich, und ohne den Anderen ein Wort
von seiner gemachten Beobachtung mitzutheilen, beschloß er, diesen
Wilden ganz besonders im Auge zu behalten. Gerade hinter dem niederen
Hügel aber lag das indianische Dorf, und als die vier bewaffneten
Amerikaner auf der kahlen Anhöhe erschienen, sahen sie eben noch, wie
die Frauen mit den kleinsten Kindern auf dem Rücken, und andere hie
und da ängstlich an der Hand, nach allen Richtungen hinausstoben und
ihre Lagerfeuer, wie sie davon aufgesprungen, in den Händen der tollen
Verfolger zurückließen.
Im nächsten Augenblicke waren Ben und der Texaner, die ihren Begleitern
eine ganze Strecke vorausgeeilt waren, mitten dazwischen, der erste
hatte aber sein ausersehenes Opfer nicht aus den Augen verloren und als
er es gerade wieder den nächsten Hügelrücken hinanspringen sah, griff
er, laut dabei auflachend, einen der Brände, an denen er vorbeisetzte,
auf, und schleuderte ihn mit den Worten: „wir wollen den Canaillen doch
wenigstens leuchten!“ in die nächste Laubhütte.
Der Lagerplatz, wie ihn die aufgeschreckten Weiber verlassen hatten,
bestand aus niederen, mit trockenen Büschen dicht überdecken Hütten,
eng zusammen errichtet Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen zu
gewähren. Die kleinen Feuer, an denen auch hie und da Fleisch stak für
die einfache Mahlzeit brannten dicht dabei, und an mehreren Orten lag
Mais und Gebröckel trockenen Schiffszwiebacks, den sie sich theuer
genug für Gold von den Weißen eingehandelt. Auf einer wollenen
Decke lag etwa ein halber Büschel gelbes Maismehl, und in einer Ecke
befanden sich die flachen runden, mit Eichelmus gefüllten Erdgruben,
in denen die Frauen das gewöhnliche Eichelpoe auf gar geschickte und
eigenthümliche Weise zubereiten. Diese Gruben vernichteten die Tritte
der Verfolger, die noch wilde Flüche ausstießen, weil sie sich dabei
die Füße beschmutzten und wie Pulver fast zündeten dabei die dürren
ausgetrockneten Fichtennadeln und Eichenblätter, so daß kaum eine
Minute später das halbe Lager schon in Flammen stand und dem Ganzen
kaum mehr zu vermeidendes Verderben drohte. Der Spieler und der Texaner
sahen sich aber kaum darnach um.
„Hui, das flackert ja, wie ein Bund Schwefelhölzer,“ lachte der Erste,
als er leicht wie ein Hirsch, über einen quer vor ihm liegenden Baum
wegsetzte -- „wohl bekomm’s!“
„Ihr hättet das Lager nicht sollen anstecken,“ meinte aber der Texaner,
ohne sich jedoch selber darnach weiter umzuschauen -- „’s ist nur um
der armen Weiber willen.“
„Hol die schwarzbraunen Bestien der Teufel,“ lachte der Spieler, „sie
sollen froh sein, daß wir jetzt Besseres zu thun haben, uns nicht noch
weiter um sie zu bekümmern, -- alle Wetter, da biegt der Kerl rechts
ab,“ und ohne ein Wort weiter sprang der schnellfüßige Yankee seinem
Opfer nach, das eben wieder einen der Hügelgipfel erreicht hatte.
Der Texaner blieb etwas mehr links, um den andern vielleicht den Weg
abzuschneiden.
Indessen hatten die beiden anderen Amerikaner, die nicht so schnell auf
den Füßen waren, ebenfalls das jetzt hell aufflackernde Lager, in dem
schon die zurückgelassenen Provisionen und Decken brannten erreicht und
der Erste blieb stehen.
„Das ist nicht recht,“ rief dieser, ein junger kräftiger Mann, mit
braundichten Locken, während er mit der linken Hand den Strohhut
abnahm, die Büchse mit den Kolben auf die Erde stieß und in den
gebogenen linken Arm fallen ließ, und sich mit dem rechten Rockärmel
den Schweiß von der Stirne trocknete. „Die Frauen haben uns nichts
gethan, daß wir wie Banditen sengen und brennen sollten.“ -- Und von
einem besseren Gefühle ergriffen, warf er sein Gewehr in’s Gras nieder
und riß die eine Hütte, die etwas einzeln stand, und eben gleichfalls
an zu brennen fing, durch die aber dann auch das Feuer in den andern
Theil des Lagers gebracht worden wäre, auseinander. Sein Gefährte
half ihm dabei, und in wenigen Minuten hatten sie das Feuer so weit
gebändigt, daß es wenigstens nicht weiter mehr um sich greifen konnte.
Eben als der Erste seine Büchse wieder aufgriff, fiel ein Schuß.
„Alle Wetter!“ schrie da der Andere, „sie sind handgemein geworden --
da müssen wir dabei sein,“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten,
sprang er bergauf. Der Andere folgte ihm und sie standen Beide gleich
darauf auf dem Gipfel des Hügels, von wo aus sie das ganze Schauspiel
übersehen konnten.
Der Spieler kniete im nächsten kleinen Thal auf der Erde, griff etwas
auf, und schleuderte es dann ingrimmig wieder zu Boden; der Texaner
war ihm jetzt ein Stück voraus und zielte eben wieder auf einen andern
Indianer, der aber rasch, nachdem er seinen letzten Pfeil auf den
Feind abgedrückt hatte, hinter den Büschen verschwand. Ueber einen
andern Hügel schleppten aber vier Mann mit unglaublicher Schnelle einen
Verwundeten oder Todten, und sechs andere standen mit aufgelegten
Pfeilen, den Rückzug der Kameraden zu decken. Die ganze Verfolgung
hatte jedenfalls einen höchst ernsthaften Charakter angenommen -- es
war Blut geflossen und so harmlos und ruhig der Californische Indianer
sonst auch ist, und so selten er die Weißen belästigt, so krümmt sich
auch der Wurm, und wenn gestellt, greift selbst der scheue Hirsch
den Jäger an. Die beiden Amerikaner die es hier zu einem wirklichen
Gefecht kommen sahen, wollten sich jetzt aber mit einem lauten Hurrah
recht mitten hineinstürzen, und sprangen, die Büchsen über den Köpfen
schwingend, in langen Sätzen an dem Spieler vorbei. Dieser richtete
sich aber in dem Augenblicke auf, und rief ihnen mit mürrischer Stimme
zu:
„Halt an Boys -- Gott verdamme mich, wenn ich nicht an zu glauben
fange, daß die ganze Geschichte Humbug ist, und der Canaille von
Ostindier eben so wenig neunzehn Tausend Dollar gestohlen sind, wie
mir!“
„Kein Gold gestohlen?“ rief da der junge Amerikaner verwundert. „Habt
Ihr denn den Einen nicht verwundet, und schossen die Indianer nicht mit
Pfeilen herüber? Da stecken ja noch zwei in der Erde.“
„Ah bah“ -- sagte der Spieler verächtlich -- „was können sie denn mit
dem Kinderspielwerk für Schaden thun. -- Auf achtzig Schritte schießen
sie doch keinen Bogen Papier mehr durch -- und der eine Kerl -- nun
der, von dem ich glaubte, daß er das Gold trüge und dem ich eine Kugel
nachbrannte, -- hatte nur ein Stück eingewickeltes Fleisch -- ein Stück
von einem Ochsenbein unter dem Arme. Der Lump muß einen schmählichen
Hunger gehabt haben, eine Partie Knochen und Sehnen soweit mit herum
zu schleppen.“
„Und da habt Ihr den armen Teufel so ohne weiteres niedergeschossen?“
„Ei, zum Henker, ich konnte nicht mehr mitkommen und fortlassen wollte
ich die schwarze Bestie, die ich nun einmal für den Dieb hielt, auch
nicht. Nun, wenn er’s jetzt nicht verdient hat, schadet’s gar nichts,
an der Bande dann und wann ein Exempel zu statuiren; sie werden doch
mit der Zeit zu frech und übermüthig -- der Kerl schoß ja wahrhaftig
alle seine Pfeile nach mir ab, wie er die Kugel schon im Leibe hatte.“
„Ist er todt?“ frug ihn der Andere, tupfte seinen Finger in das Blut,
das auf dem Laube lag, und besah es dann aufmerksam.
„Ich weiß nicht,“ -- sagte der Spieler gleichgiltig, der indessen seine
Büchse wieder geladen hatte und nun schulterte, „ich habe ihm aber
auf’s Blatt gehalten und treffe sonst nicht übel.“
Damit wandte er sich und wollte der Richtung nach Douglas-Flat wieder
zu schlendern.
„Aber Gift und Klapperschlangen,“ rief der Amerikaner ärgerlich,
„sollen wir denn die Verfolgung schon aufgeben und sind wir nur
deshalb herausgekommen, daß wir den Frauen die Hütten über den Köpfen
ansteckten und dem armen Teufel eine Kugel durch den Leib jagten? --
was machen wir jetzt mit dem Ostindier, wenn es doch wahr ist?“
„Der Ostindier kann zu -- Grase gehn,“ brummte der Spieler und stieg
den Berg wieder hinan nach Rogers Zelt zurück, „des Lumps wegen habe
ich mir den Athem nicht aus der Lunge gerannt. Ich wollte nur sehen ob
die Canaillen wirklich das Gold hätten oder nicht.“
Er war bei den letzten Worten schon fast außer Sprechweite und den
andern Männern blieb jetzt, da die Indianer indessen auch zuviel
Vorsprung gewonnen hatten sie wieder einzuholen, nichts weiter übrig
als seinem Beispiele zu folgen.
„Der schwarze ostindische Schuft soll aber, wenn wir zurückkommen,
beweisen, daß ihm das Gold wirklich gestohlen worden ist,“ rief da ein
Amerikaner, den diese Art Gerechtigkeitspflege doch nicht so recht
gefallen mochte, entrüstet aus: „Und wenn er das nicht vermag, so kann
er sich darauf verlassen, das es ihm eine Weile schlecht geht.“
„Ja, der wird warten bis wir zurückkommen,“ lachte der Texaner, indem
er die dort in der Erde steckenden Pfeile herauszog und zusammen
nahm -- „der ist jetzt schon gewiß über alle Berge. Es sind aber
doch bösartige Dinger, diese gläsernen Pfeilspitzen, und wenn die
so in einer Wunde abbrechen wie hier im Boden, müssen sie verdammt
böse Folgen nach sich ziehen -- vergiften sie ihre Pfeilspitzen auch
manchmal?“
„Nein, ich glaube nicht,“ erwiederte ihm der Amerikaner, -- „habe
wenigstens nie davon gehört, und so bösartig sind diese Stämme nicht.
Aber kommt, es wird spät, und ich möchte nach dem Vorgefallenen hier
nicht im Walde campiren. Verdenken könnte man’s den braunen Burschen
wenigstens nicht wenn sie Rache nähmen.“
„O, hol’ sie der Böse, dazu sind sie zu feig,“ rief der Texaner,
beschleunigte seine Schritte aber doch, und die Sonne stand noch
ziemlich hoch am Himmel, als sie Douglas-Flat wieder erreichten.
Das Verhör.
Wie der Texaner glaubte, wäre es auch wohl geschehen, und der Ostindier
nach dem Vorgefallenen schwerlich mehr an dem Abend in Douglas-Flat
zu finden gewesen. Durch des Franzosen Dazwischenkunft war er aber
verhindert worden diesen löblichen Vorsatz auszuführen, und als die
Amerikaner zurückkamen und ihn noch vorfanden, ihr Gewissen überdies
von einer übereilten Handlung nicht frei wußten, beschlossen sie ihn
den Gerichten zu übergeben, damit diese die Sache jetzt (die nun doch
einmal verpfuscht war) wieder in Ordnung bringen könnten.
Der Ostindier sollte vorher übrigens noch gestehen ob er wirklich Gold
bei sich gehabt hätte oder nicht. Er schien aber urplötzlich jede
Kenntniß der englischen Sprache total verlernt zu haben, und fing
auf eine so fürchterliche Art an zu kauderwelschen, daß weder Sinn
noch Verstand in das was er sagte zu bringen war. Seine Inquisitoren
mußten es in Verzweiflung aufgeben, und ein paar Freiwillige wurden
aufgerufen, die ihn noch an dem Abend an den Alkalden in Murphys New
Diggins oder Stoutenburgk, wie der Ort genannt wurde, abliefern sollten.
Freiwillige fanden sich hiezu genug, denn die zahlreichen Spieltische
in Stoutenburgk lockten doch fast jeden Abend einen großen Theil der
Goldwäscher aus Douglas-Flat dort hinüber, und bald darauf wurde
der Ostindier, wegen dem vor ein paar Stunden die ganzen Minen in
Alarm gekommen, und auf dessen bloses Wort hin Menschenblut -- und
wahrscheinlich das Blut eines Unschuldigen -- vergossen war, mit auf
den Rücken gebundenen Händen nach Stoutenburgk geführt, und dort dem
Sheriff zu weiterer Untersuchung übergeben.
Noch an demselben Abend kamen aber zwei der Kayota-Indianer als
Abgesandte ihres Stammes nach Stoutenburgk. Beide sprachen etwas
englisch, ließen sich vor den Alkalden führen und brachten dort ihre
Klagen gegen die weißen Männer vor, die sie überfallen und auf sie
geschossen hätten. Sie frugen dabei, ob die Bleichgesichter wirklich
Krieg mit ihnen, die sie nie gekränkt oder beleidigt hätten, führen
wollten, oder ob das blos ein Paar „~bad men~“ gewesen wären, die ihren
armen Kameraden „~potolok~“ gemacht.
Major Lyatt, der Alkalde von Murphys New Diggins, ein kleiner dicker
Mann, der vielleicht manchen andern Platz -- besonders wo Fleisch
nöthig war -- vortrefflich ausgefüllt haben würde, hatte jedoch nicht
den mindesten Begriff von irgend einer Rechtssache, und stürzte sich
in alle dergleichen Geschichten mit wahrer Todesverachtung, nur der
Unzen wegen, die er nie versäumte daraus zu ziehen. Hier aber schien
ein ganz verwickelter Fall vorkommen zu sollen, und -- das schlimmste
bei der ganzen Sache -- weder Kläger noch Verklagte hatten Gold,
nicht einmal das übliche Honorar, eine einzelne lumpige Unze war
zu erwarten. Trotzdem konnte er hier, wo Blut vergossen war, die
Kläger nicht abweisen, noch dazu da die Regierung der Vereinigten
Staaten durch besondere Statuten die Indianer Californiens unter die
Gerichtsbarkeit, also auch unter den Schutz der respectiven Alkalden
oder Friedensrichter gestellt hatte. Er mußte also nothgedrungen in den
sauren Apfel beißen und versprach, die Sache morgen zu untersuchen;
auch den Angeklagten so lange in Verhaft zu halten und bewachen zu
lassen.
Davon wollten die Indianer aber nichts hören. Sie schienen den Weißen
insofern nicht zu trauen, daß diese den Ostindier vielleicht wieder
über Nacht entwischen ließen und damit auf eine geschickte Weise den
eigenen Nacken aus der unangenehm gewordenen Affaire zögen. Selber
erboten sie sich daher den Gefangenen, der die Ursache des vergossenen
Blutes gewesen sei, zu bewachen. Sie warteten auch gar keine Antwort
weiter ab, sondern nahmen jeder zwei Pfeile aus ihren Köchern von
Fuchsfellen, hielten diese auswendig am Köcher mit der linken Hand,
während die rechte den gespannten Bogen trug, und setzten sich so
gerüstet neben den Gefangenen nieder.
Diesem waren indessen die Hände losgebunden und er saß frei die ganze
Nacht zwischen seinen beiden Wächtern, aber er rührte sich nicht von
der Stelle. Er wußte recht gut was ihm bevorstand, wenn er versucht
hätte zu entfliehen. Die Indianer hatten übrigens noch keine Idee von
der gegen sie erhobenen Klage, dem Ostindier neunzehn Tausend Dollar
abgenommen zu haben -- ebenso schienen sie zu glauben daß er, und nicht
etwa einer von den Weißen, ihren Kameraden erschossen habe. Aus ihren
Reden ging das wenigstens hervor, und die Amerikaner hüteten sich ihnen
den Glauben zu benehmen.
Wie sie den Abend, wie sie die ganze Nacht gesessen, so saßen sie noch
am nächsten Morgen und hielten Wacht, und der Ostindier lag zwischen
ihnen und schlief. Er wußte, daß er keine Hinterlist von diesen rothen,
zwar wilden, aber noch unverdorbenen Kindern der Wildniß zu fürchten
hatte.
An diesem Nachmittage sollte das Verhör sein, vorher aber wurde eine
Jury erwählt, welche die Indianer in ihrem Lager besuchen und den
~status quo~ untersuchen sollte. Der Sheriff hatte den Richter darauf
aufmerksam gemacht, daß man +vor+ dem Verhöre jedenfalls Erkundigung
einziehen müsse, ob der geschossene Indianer wirklich todt, oder
vielleicht nur leicht verwundet sei, und indessen Zeugen aufsuchen,
den wirklichen Thäter -- jenen Spieler -- zu belangen und ihn dann
ebenfalls nach dem Gesetze zu bestrafen. Zu gleicher Zeit wollte er
sehen herauszubekommen, ob der Ostindier wirklich Gold bei sich geführt
habe oder nicht, und wo er die letzte Zeit, ehe er nach Douglas Flat
gekommen sei, sich aufgehalten.
Der Sheriff war zugleich der Fleischer des Orts, ein Irländer, und
ein höchst rechtlicher und unerschrockener Mann, der übrigens die
barocke Idee hatte, daß ihn der Richter, wie er selber auch gesonnen
sei Kopf und Kragen an Ausübung wirklicher Gerechtigkeit zu setzen,
dabei unterstützen müßte. Der Richter hatte weit wichtigere Sachen im
Kopfe -- er mußte kleine Stücke Land, acht Fuß lang und vier Fuß breit
~à~ zwei Dollar per Stück als „Claims“ in Murphys Flat an Stellen
verkaufen, die schon zwei- und dreimal über verkauft waren. Dabei
dachte er gar nicht daran es mit den Texanern etwa zu verderben, die
seine besten Kunden waren, und dem Gesetz zum Trotz, das jedem nur
+einen+ Claim in der Flat zusprach, nicht allein schon zehn und zwölf
nach allen Richtungen hin angekauft hatten, sondern noch dreimal mehr
beanspruchten.