Die Ebene oder Douglas-Flat, war hier etwa eine halbe Meile breit, und

nach den Hügeln zu von keinem Baume beschattet, hinter ihr aber dehnte

sich ein langer, an manchen Stellen steil aufsteigender Bergrücken

hin, der zur linken einen vollkommen abgerundeten Gipfel zeigte, nach

rechts zu aber unten mit Eichen und nach oben mit schlanken Fichten

ziemlich dicht bewaldet war. In diesen Bergen, an einer klaren, dort

aus dem Felsen sprudelnden Quelle, hatte bis dahin ein Stamm der

Kayota-Indianer ihr einfaches Buschlager gehabt, das jedoch von den

Zelten nicht zu sehen war; von der Richtung her aber sprang eine

wunderliche Gestalt und ihr folgten mit Bogen und Pfeilen, die sie aber

unbenützt in der linken Hand trugen, sonst aber schreiend und gellend,

ein halb Dutzend Indianer, und es war augenscheinlich daß sie den

Ersten, der übrigens fast dieselbe Hautfarbe mit ihnen trug, sonst aber

mehr europäisch gekleidet war, verfolgten.

Dieser Erstere verdient eine nähere Beschreibung. Ostindiens heiße

Sonne hatte ihn gebräunt; er war aus der Gegend von Bombay gebürtig und

seine Hautfarbe dunkelbraun und glänzend, das Haar schwarz und gelockt,

und sein Auge eben so dunkel und feurig, aber unstät, vielleicht von

der Angst sich von den braunen Söhnen der Wildniß also verfolgt zu

sehen, und er schien dabei sonderbarer Weise noch unschlüssig, ob er

den Zelten der Weißen, wo er doch jedenfalls Schutz fand, zufliehen,

oder rechts den kleinen Creek hinab, flüchten sollte -- wo er bis

Murphys Diggins weiter keine Zelte fand. Eine kleine Gruppe von

Indianern, die aber auch nach dort zu, vielleicht zufällig, vor ihm

auftauchte, machte seinen Zweifeln, wenn er die irgend noch gehabt, ein

rasches Ende und er nahm gerade die Richtung nach Rogers Zelt zu, als

die Zechenden darin sein gewahr wurden und vor den Eingang traten.

Sobald die Indianer das bemerkten, kehrten sie um, und nur zwei von

ihnen blieben noch, wie eine Art Vorposten, stehen, während sich die

andern nach den Bergen hinüber zogen. Sie schienen jeden Gedanken an

Verfolgung aufgegeben zu haben.

Der Ostindier trug eine, einst weiß gewesene Drillhose, ein

rothwollenes Hemd, Schuhe und Strümpfe und eine blauschottische wollene

Mütze, um den Leib auch noch statt des Gürtels, ein rothseidenes Tuch.

Kaum war er aber in Rufs-Nähe der Zelte gekommen, als er kläglicher

zu lamentiren anfing, und in sehr gebrochenem Englisch, aber doch so

daß man etwa verstehen konnte was er eigentlich wollte, schrie, er sei

bestohlen und beraubt und die Indianer hätten ihm neunzehn Tausend

Dollar in Goldstaub, den er bei sich gehabt, abgenommen.

„Neunzehn Tausend Dollar?“ schrie einer der Spieler -- „Donnerwetter

Mensch, das ist ein Heidengeld -- und das haben die braunen Schufte

dort?“ --

„All -- All“ -- kreischte der Indianer wieder und warf sich heulend dem

Spieler vor die Füße -- „all -- all -- todt -- todt - ich bin todt --

ich bin verloren!“

„Bei Gott!“ schwur der eine Texaner, dabei fast wie unwillkürlich nach

seiner Büchse greifend, die an dem Brunnen vor dem Zelte lehnte, --

„wenn die Canaillen dem armen Teufel Alles abgenommen haben, so sollte

man das ihnen doch nicht so ruhig hingehen lassen. Sie werden so immer

dreister. Ich habe verdammte Lust einmal zu versuchen, ob ich nicht

schneller laufen kann als sie -- Hallo Ben, was meinst Du dazu?“

„Neunzehn Tausend Dollar!“ murmelte Ben, der Spieler, dem das Geld im

Kopfe herumging, denn er wußte recht gut, daß es, wenn erst einmal in

seinen Krallen, zu seinem rechtmäßigen Eigenthümer schwerlich wieder

zurückkehren würde. „Der Schuft, der neunzehn Tausend Dollar in Gold

schleppt, kann auch nicht so rasch laufen als die Uebrigen -- hol’s der

Teufel, ich gehe mit -- wo ist meine Büchse Rogers?“ --

„Hilfe, Hilfe!“ schrie der Ostindier dazwischen, dessen dunkle Augen

indeß blitzesschnell von einem zum andern der Sprecher gezuckt waren --

„all, -- all -- ~I am lost~.“

„Neunzehn Tausend Dollar haben sie dem Schwarzen gestohlen?“ frug ein

anderer Amerikaner, ein Arkansas-Mann, der am nächsten Zelte gestanden

und den Lärmen gehört hatte -- „ei, da soll ja die Pest die diebische

Rotte holen -- wer geht mit?!“

„Halt, wir Alle!“ rief Ben, dem schon Angst war, es könnte ihm einer

der Uebrigen zuvor kommen. -- „Ich muß nur erst meine Büchse haben --

zum Teufel Rogers, Ihr macht eine Ewigkeit und die schuftigen Hallunken

bekommen zu vielen Vorsprung -- o da kommen noch mehr!“

In der That strömten auch jetzt von allen Ecken die Goldwäscher herbei,

und ohne weiter viel zu fragen, was der Lärm eigentlich bedeute, oder

ob die Anklage auch gegründet sei, wurde eine Verfolgung der Indianer

kaum schneller beschlossen, als ausgeführt.

„Aber der schwarze Schuft sieht gar nicht aus als ob er neunzehn

Tausend Dollar im Vermögen gehabt hätte!“ rief der Franzose und wollte

gegen ein so rasches Einschreiten der Amerikaner protestiren. Damit kam

er aber schlecht an. --

„Wenn’s blos nach dem Aussehen geht, dann seht Ihr noch viel lumpiger

aus,“ rief der Texaner. „Hol mich der Teufel, wenn’s nicht wahr ist,“

lachte der Spieler und warf die Büchse, die ihm Rogers eben gereicht

hatte, über die Schulter -- „zurück Mann -- eine Krähe hackt der andern

die Augen nicht aus, und uns, den Eigenthümern vom Boden, gebührt es

auch Gerechtigkeit zu üben. -- Hurrah Boys.“ --

„Eigenthümern vom Boden!“ wiederholte der Franzose zürnend, „und wie

zum Hohn vertreibt und mißhandelt Ihr dabei die wirklich rechtmäßigen

Eigenthümer, die armen harmlosen Indianer von den Gräbern ihrer

Väter. Hätte ich meinen Willen, ich wollte Euch da bald einen Riegel

vorschieben. Aber hallo Sir,“ unterbrach er sich plötzlich und vertrat

dem Ostindier den Weg, der sich, als er den einen Theil so eifrig mit

der Verfolgung der Indianer, den andern mit Zuschauen beschäftigt

sah, leise von dem Zelte ab, und nach einer ganz anderen Richtung

fortzudrücken suchte -- „wollt Ihr nicht abwarten, bis sie Euch die

neunzehn Tausend Dollar zurückbringen? -- he Rogers, der Kerl ist mir

verdächtig, ich glaube gar nicht, daß sie ihm Gold gestohlen haben.“

„Das kümmert mich nichts,“ sagte der Händler, und drehte ihm den Rücken

-- „was geht mich der Schwarze an -- aha, die braunen Canaillen riechen

Lunte. Hui, wie sie auskneifen.“

„Dann will wenigstens +ich+ mich um ihn kümmern,“ sagte der

Franzose und sich dann zu dem Ostindier wendend, der damit gar nicht

besonders einverstanden schien, rief er ihm zu: „Du Bursche bleibst

jetzt bei mir, bis die Amerikaner wieder zurückkommen, und dann wollen

wir einmal sehen, ob wir hier oben einen Alkalden blos zum Spaß haben,

oder ob er auch seiner Zeit ordentlich und gesetzlich einschreiten

kann.“ Damit nahm er ohne Weiteres den Ostindier beim Kragen und

führte den armen Teufel, der sich lieber ein paar Meilen von hier

fortzuwünschen schien, ohne ein Wort weiter mit ihm zu wechseln, in

sein Zelt.

Die Verfolgung.

Indessen bot die Ebene Interesse genug, die Aufmerksamkeit der bei

den Zelten Zurückgebliebenen zu fesseln. Die Indianer, die noch eine

Zeit lang zurückgeblieben waren, als ob sie den Rückzug der Anderen

decken, oder doch wenigstens beobachten wollten was von Seiten der

Weißen geschehe, stießen, als sie diese auf sich zueilen sahen, einen

eigenthümlich gellenden Schrei aus und flogen in nächster Richtung den

Bergen zu. Zu gleicher Zeit wurden die andern wieder auf einer kleinen

nackten Anhöhe sichtbar, und wandten sich dann ebenfalls rasch in die

Berge.

„+Das+ sind die Hallunken die das Gold haben,“ brummte Ben vor

sich hin, und lief schräg über die Ebene den letzteren zu, während

ihm einige seiner Kameraden, wie der Texaner und noch zwei andere

Amerikaner folgten. Die Uebrigen blieben hinter den zwei anderen,

weil ihnen diese näher schienen und sie dieselben leichter einzuholen

hofften. Noch immer mochten aber die Indianer glauben, es sei mit der

Verfolgung nicht so rechter Ernst, oder sie wollten ihren Verfolgern

auch vielleicht zeigen, daß sie sich nicht sonderlich vor ihnen

fürchteten, denn erstlich liefen sie gar nicht so rasch, wie sie es

sicher gekonnt hätten, und dann blieben sie auch manchmal stehen und

überschauten das Terrain, als ob sie die Zahl der Verfolger und ihren

Fortgang überzählen wollten.

Damit zogen sie sich aber nach und nach in die Berge hinein und waren

den Zelten lange schon aus den Augen gekommen, als plötzlich der eine

Indianer rasch über eine Anhöhe rannte, und hinter dieser verschwand.

Die Amerikaner folgten jetzt mit so größerem Eifer und Ben besonders

hatte gesehen, daß der Eine von ihnen etwas Schweres zu tragen schien.

„Das ist das Gold,“ dachte er bei sich, und ohne den Anderen ein Wort

von seiner gemachten Beobachtung mitzutheilen, beschloß er, diesen

Wilden ganz besonders im Auge zu behalten. Gerade hinter dem niederen

Hügel aber lag das indianische Dorf, und als die vier bewaffneten

Amerikaner auf der kahlen Anhöhe erschienen, sahen sie eben noch, wie

die Frauen mit den kleinsten Kindern auf dem Rücken, und andere hie

und da ängstlich an der Hand, nach allen Richtungen hinausstoben und

ihre Lagerfeuer, wie sie davon aufgesprungen, in den Händen der tollen

Verfolger zurückließen.

Im nächsten Augenblicke waren Ben und der Texaner, die ihren Begleitern

eine ganze Strecke vorausgeeilt waren, mitten dazwischen, der erste

hatte aber sein ausersehenes Opfer nicht aus den Augen verloren und als

er es gerade wieder den nächsten Hügelrücken hinanspringen sah, griff

er, laut dabei auflachend, einen der Brände, an denen er vorbeisetzte,

auf, und schleuderte ihn mit den Worten: „wir wollen den Canaillen doch

wenigstens leuchten!“ in die nächste Laubhütte.

Der Lagerplatz, wie ihn die aufgeschreckten Weiber verlassen hatten,

bestand aus niederen, mit trockenen Büschen dicht überdecken Hütten,

eng zusammen errichtet Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen zu

gewähren. Die kleinen Feuer, an denen auch hie und da Fleisch stak für

die einfache Mahlzeit brannten dicht dabei, und an mehreren Orten lag

Mais und Gebröckel trockenen Schiffszwiebacks, den sie sich theuer

genug für Gold von den Weißen eingehandelt. Auf einer wollenen

Decke lag etwa ein halber Büschel gelbes Maismehl, und in einer Ecke

befanden sich die flachen runden, mit Eichelmus gefüllten Erdgruben,

in denen die Frauen das gewöhnliche Eichelpoe auf gar geschickte und

eigenthümliche Weise zubereiten. Diese Gruben vernichteten die Tritte

der Verfolger, die noch wilde Flüche ausstießen, weil sie sich dabei

die Füße beschmutzten und wie Pulver fast zündeten dabei die dürren

ausgetrockneten Fichtennadeln und Eichenblätter, so daß kaum eine

Minute später das halbe Lager schon in Flammen stand und dem Ganzen

kaum mehr zu vermeidendes Verderben drohte. Der Spieler und der Texaner

sahen sich aber kaum darnach um.

„Hui, das flackert ja, wie ein Bund Schwefelhölzer,“ lachte der Erste,

als er leicht wie ein Hirsch, über einen quer vor ihm liegenden Baum

wegsetzte -- „wohl bekomm’s!“

„Ihr hättet das Lager nicht sollen anstecken,“ meinte aber der Texaner,

ohne sich jedoch selber darnach weiter umzuschauen -- „’s ist nur um

der armen Weiber willen.“

„Hol die schwarzbraunen Bestien der Teufel,“ lachte der Spieler, „sie

sollen froh sein, daß wir jetzt Besseres zu thun haben, uns nicht noch

weiter um sie zu bekümmern, -- alle Wetter, da biegt der Kerl rechts

ab,“ und ohne ein Wort weiter sprang der schnellfüßige Yankee seinem

Opfer nach, das eben wieder einen der Hügelgipfel erreicht hatte.

Der Texaner blieb etwas mehr links, um den andern vielleicht den Weg

abzuschneiden.

Indessen hatten die beiden anderen Amerikaner, die nicht so schnell auf

den Füßen waren, ebenfalls das jetzt hell aufflackernde Lager, in dem

schon die zurückgelassenen Provisionen und Decken brannten erreicht und

der Erste blieb stehen.

„Das ist nicht recht,“ rief dieser, ein junger kräftiger Mann, mit

braundichten Locken, während er mit der linken Hand den Strohhut

abnahm, die Büchse mit den Kolben auf die Erde stieß und in den

gebogenen linken Arm fallen ließ, und sich mit dem rechten Rockärmel

den Schweiß von der Stirne trocknete. „Die Frauen haben uns nichts

gethan, daß wir wie Banditen sengen und brennen sollten.“ -- Und von

einem besseren Gefühle ergriffen, warf er sein Gewehr in’s Gras nieder

und riß die eine Hütte, die etwas einzeln stand, und eben gleichfalls

an zu brennen fing, durch die aber dann auch das Feuer in den andern

Theil des Lagers gebracht worden wäre, auseinander. Sein Gefährte

half ihm dabei, und in wenigen Minuten hatten sie das Feuer so weit

gebändigt, daß es wenigstens nicht weiter mehr um sich greifen konnte.

Eben als der Erste seine Büchse wieder aufgriff, fiel ein Schuß.

„Alle Wetter!“ schrie da der Andere, „sie sind handgemein geworden --

da müssen wir dabei sein,“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten,

sprang er bergauf. Der Andere folgte ihm und sie standen Beide gleich

darauf auf dem Gipfel des Hügels, von wo aus sie das ganze Schauspiel

übersehen konnten.

Der Spieler kniete im nächsten kleinen Thal auf der Erde, griff etwas

auf, und schleuderte es dann ingrimmig wieder zu Boden; der Texaner

war ihm jetzt ein Stück voraus und zielte eben wieder auf einen andern

Indianer, der aber rasch, nachdem er seinen letzten Pfeil auf den

Feind abgedrückt hatte, hinter den Büschen verschwand. Ueber einen

andern Hügel schleppten aber vier Mann mit unglaublicher Schnelle einen

Verwundeten oder Todten, und sechs andere standen mit aufgelegten

Pfeilen, den Rückzug der Kameraden zu decken. Die ganze Verfolgung

hatte jedenfalls einen höchst ernsthaften Charakter angenommen -- es

war Blut geflossen und so harmlos und ruhig der Californische Indianer

sonst auch ist, und so selten er die Weißen belästigt, so krümmt sich

auch der Wurm, und wenn gestellt, greift selbst der scheue Hirsch

den Jäger an. Die beiden Amerikaner die es hier zu einem wirklichen

Gefecht kommen sahen, wollten sich jetzt aber mit einem lauten Hurrah

recht mitten hineinstürzen, und sprangen, die Büchsen über den Köpfen

schwingend, in langen Sätzen an dem Spieler vorbei. Dieser richtete

sich aber in dem Augenblicke auf, und rief ihnen mit mürrischer Stimme

zu:

„Halt an Boys -- Gott verdamme mich, wenn ich nicht an zu glauben

fange, daß die ganze Geschichte Humbug ist, und der Canaille von

Ostindier eben so wenig neunzehn Tausend Dollar gestohlen sind, wie

mir!“

„Kein Gold gestohlen?“ rief da der junge Amerikaner verwundert. „Habt

Ihr denn den Einen nicht verwundet, und schossen die Indianer nicht mit

Pfeilen herüber? Da stecken ja noch zwei in der Erde.“

„Ah bah“ -- sagte der Spieler verächtlich -- „was können sie denn mit

dem Kinderspielwerk für Schaden thun. -- Auf achtzig Schritte schießen

sie doch keinen Bogen Papier mehr durch -- und der eine Kerl -- nun

der, von dem ich glaubte, daß er das Gold trüge und dem ich eine Kugel

nachbrannte, -- hatte nur ein Stück eingewickeltes Fleisch -- ein Stück

von einem Ochsenbein unter dem Arme. Der Lump muß einen schmählichen

Hunger gehabt haben, eine Partie Knochen und Sehnen soweit mit herum

zu schleppen.“

„Und da habt Ihr den armen Teufel so ohne weiteres niedergeschossen?“

„Ei, zum Henker, ich konnte nicht mehr mitkommen und fortlassen wollte

ich die schwarze Bestie, die ich nun einmal für den Dieb hielt, auch

nicht. Nun, wenn er’s jetzt nicht verdient hat, schadet’s gar nichts,

an der Bande dann und wann ein Exempel zu statuiren; sie werden doch

mit der Zeit zu frech und übermüthig -- der Kerl schoß ja wahrhaftig

alle seine Pfeile nach mir ab, wie er die Kugel schon im Leibe hatte.“

„Ist er todt?“ frug ihn der Andere, tupfte seinen Finger in das Blut,

das auf dem Laube lag, und besah es dann aufmerksam.

„Ich weiß nicht,“ -- sagte der Spieler gleichgiltig, der indessen seine

Büchse wieder geladen hatte und nun schulterte, „ich habe ihm aber

auf’s Blatt gehalten und treffe sonst nicht übel.“

Damit wandte er sich und wollte der Richtung nach Douglas-Flat wieder

zu schlendern.

„Aber Gift und Klapperschlangen,“ rief der Amerikaner ärgerlich,

„sollen wir denn die Verfolgung schon aufgeben und sind wir nur

deshalb herausgekommen, daß wir den Frauen die Hütten über den Köpfen

ansteckten und dem armen Teufel eine Kugel durch den Leib jagten? --

was machen wir jetzt mit dem Ostindier, wenn es doch wahr ist?“

„Der Ostindier kann zu -- Grase gehn,“ brummte der Spieler und stieg

den Berg wieder hinan nach Rogers Zelt zurück, „des Lumps wegen habe

ich mir den Athem nicht aus der Lunge gerannt. Ich wollte nur sehen ob

die Canaillen wirklich das Gold hätten oder nicht.“

Er war bei den letzten Worten schon fast außer Sprechweite und den

andern Männern blieb jetzt, da die Indianer indessen auch zuviel

Vorsprung gewonnen hatten sie wieder einzuholen, nichts weiter übrig

als seinem Beispiele zu folgen.

„Der schwarze ostindische Schuft soll aber, wenn wir zurückkommen,

beweisen, daß ihm das Gold wirklich gestohlen worden ist,“ rief da ein

Amerikaner, den diese Art Gerechtigkeitspflege doch nicht so recht

gefallen mochte, entrüstet aus: „Und wenn er das nicht vermag, so kann

er sich darauf verlassen, das es ihm eine Weile schlecht geht.“

„Ja, der wird warten bis wir zurückkommen,“ lachte der Texaner, indem

er die dort in der Erde steckenden Pfeile herauszog und zusammen

nahm -- „der ist jetzt schon gewiß über alle Berge. Es sind aber

doch bösartige Dinger, diese gläsernen Pfeilspitzen, und wenn die

so in einer Wunde abbrechen wie hier im Boden, müssen sie verdammt

böse Folgen nach sich ziehen -- vergiften sie ihre Pfeilspitzen auch

manchmal?“

„Nein, ich glaube nicht,“ erwiederte ihm der Amerikaner, -- „habe

wenigstens nie davon gehört, und so bösartig sind diese Stämme nicht.

Aber kommt, es wird spät, und ich möchte nach dem Vorgefallenen hier

nicht im Walde campiren. Verdenken könnte man’s den braunen Burschen

wenigstens nicht wenn sie Rache nähmen.“

„O, hol’ sie der Böse, dazu sind sie zu feig,“ rief der Texaner,

beschleunigte seine Schritte aber doch, und die Sonne stand noch

ziemlich hoch am Himmel, als sie Douglas-Flat wieder erreichten.

Das Verhör.

Wie der Texaner glaubte, wäre es auch wohl geschehen, und der Ostindier

nach dem Vorgefallenen schwerlich mehr an dem Abend in Douglas-Flat

zu finden gewesen. Durch des Franzosen Dazwischenkunft war er aber

verhindert worden diesen löblichen Vorsatz auszuführen, und als die

Amerikaner zurückkamen und ihn noch vorfanden, ihr Gewissen überdies

von einer übereilten Handlung nicht frei wußten, beschlossen sie ihn

den Gerichten zu übergeben, damit diese die Sache jetzt (die nun doch

einmal verpfuscht war) wieder in Ordnung bringen könnten.

Der Ostindier sollte vorher übrigens noch gestehen ob er wirklich Gold

bei sich gehabt hätte oder nicht. Er schien aber urplötzlich jede

Kenntniß der englischen Sprache total verlernt zu haben, und fing

auf eine so fürchterliche Art an zu kauderwelschen, daß weder Sinn

noch Verstand in das was er sagte zu bringen war. Seine Inquisitoren

mußten es in Verzweiflung aufgeben, und ein paar Freiwillige wurden

aufgerufen, die ihn noch an dem Abend an den Alkalden in Murphys New

Diggins oder Stoutenburgk, wie der Ort genannt wurde, abliefern sollten.

Freiwillige fanden sich hiezu genug, denn die zahlreichen Spieltische

in Stoutenburgk lockten doch fast jeden Abend einen großen Theil der

Goldwäscher aus Douglas-Flat dort hinüber, und bald darauf wurde

der Ostindier, wegen dem vor ein paar Stunden die ganzen Minen in

Alarm gekommen, und auf dessen bloses Wort hin Menschenblut -- und

wahrscheinlich das Blut eines Unschuldigen -- vergossen war, mit auf

den Rücken gebundenen Händen nach Stoutenburgk geführt, und dort dem

Sheriff zu weiterer Untersuchung übergeben.

Noch an demselben Abend kamen aber zwei der Kayota-Indianer als

Abgesandte ihres Stammes nach Stoutenburgk. Beide sprachen etwas

englisch, ließen sich vor den Alkalden führen und brachten dort ihre

Klagen gegen die weißen Männer vor, die sie überfallen und auf sie

geschossen hätten. Sie frugen dabei, ob die Bleichgesichter wirklich

Krieg mit ihnen, die sie nie gekränkt oder beleidigt hätten, führen

wollten, oder ob das blos ein Paar „~bad men~“ gewesen wären, die ihren

armen Kameraden „~potolok~“ gemacht.

Major Lyatt, der Alkalde von Murphys New Diggins, ein kleiner dicker

Mann, der vielleicht manchen andern Platz -- besonders wo Fleisch

nöthig war -- vortrefflich ausgefüllt haben würde, hatte jedoch nicht

den mindesten Begriff von irgend einer Rechtssache, und stürzte sich

in alle dergleichen Geschichten mit wahrer Todesverachtung, nur der

Unzen wegen, die er nie versäumte daraus zu ziehen. Hier aber schien

ein ganz verwickelter Fall vorkommen zu sollen, und -- das schlimmste

bei der ganzen Sache -- weder Kläger noch Verklagte hatten Gold,

nicht einmal das übliche Honorar, eine einzelne lumpige Unze war

zu erwarten. Trotzdem konnte er hier, wo Blut vergossen war, die

Kläger nicht abweisen, noch dazu da die Regierung der Vereinigten

Staaten durch besondere Statuten die Indianer Californiens unter die

Gerichtsbarkeit, also auch unter den Schutz der respectiven Alkalden

oder Friedensrichter gestellt hatte. Er mußte also nothgedrungen in den

sauren Apfel beißen und versprach, die Sache morgen zu untersuchen;

auch den Angeklagten so lange in Verhaft zu halten und bewachen zu

lassen.

Davon wollten die Indianer aber nichts hören. Sie schienen den Weißen

insofern nicht zu trauen, daß diese den Ostindier vielleicht wieder

über Nacht entwischen ließen und damit auf eine geschickte Weise den

eigenen Nacken aus der unangenehm gewordenen Affaire zögen. Selber

erboten sie sich daher den Gefangenen, der die Ursache des vergossenen

Blutes gewesen sei, zu bewachen. Sie warteten auch gar keine Antwort

weiter ab, sondern nahmen jeder zwei Pfeile aus ihren Köchern von

Fuchsfellen, hielten diese auswendig am Köcher mit der linken Hand,

während die rechte den gespannten Bogen trug, und setzten sich so

gerüstet neben den Gefangenen nieder.

Diesem waren indessen die Hände losgebunden und er saß frei die ganze

Nacht zwischen seinen beiden Wächtern, aber er rührte sich nicht von

der Stelle. Er wußte recht gut was ihm bevorstand, wenn er versucht

hätte zu entfliehen. Die Indianer hatten übrigens noch keine Idee von

der gegen sie erhobenen Klage, dem Ostindier neunzehn Tausend Dollar

abgenommen zu haben -- ebenso schienen sie zu glauben daß er, und nicht

etwa einer von den Weißen, ihren Kameraden erschossen habe. Aus ihren

Reden ging das wenigstens hervor, und die Amerikaner hüteten sich ihnen

den Glauben zu benehmen.

Wie sie den Abend, wie sie die ganze Nacht gesessen, so saßen sie noch

am nächsten Morgen und hielten Wacht, und der Ostindier lag zwischen

ihnen und schlief. Er wußte, daß er keine Hinterlist von diesen rothen,

zwar wilden, aber noch unverdorbenen Kindern der Wildniß zu fürchten

hatte.

An diesem Nachmittage sollte das Verhör sein, vorher aber wurde eine

Jury erwählt, welche die Indianer in ihrem Lager besuchen und den

~status quo~ untersuchen sollte. Der Sheriff hatte den Richter darauf

aufmerksam gemacht, daß man +vor+ dem Verhöre jedenfalls Erkundigung

einziehen müsse, ob der geschossene Indianer wirklich todt, oder

vielleicht nur leicht verwundet sei, und indessen Zeugen aufsuchen,

den wirklichen Thäter -- jenen Spieler -- zu belangen und ihn dann

ebenfalls nach dem Gesetze zu bestrafen. Zu gleicher Zeit wollte er

sehen herauszubekommen, ob der Ostindier wirklich Gold bei sich geführt

habe oder nicht, und wo er die letzte Zeit, ehe er nach Douglas Flat

gekommen sei, sich aufgehalten.

Der Sheriff war zugleich der Fleischer des Orts, ein Irländer, und

ein höchst rechtlicher und unerschrockener Mann, der übrigens die

barocke Idee hatte, daß ihn der Richter, wie er selber auch gesonnen

sei Kopf und Kragen an Ausübung wirklicher Gerechtigkeit zu setzen,

dabei unterstützen müßte. Der Richter hatte weit wichtigere Sachen im

Kopfe -- er mußte kleine Stücke Land, acht Fuß lang und vier Fuß breit

~à~ zwei Dollar per Stück als „Claims“ in Murphys Flat an Stellen

verkaufen, die schon zwei- und dreimal über verkauft waren. Dabei

dachte er gar nicht daran es mit den Texanern etwa zu verderben, die

seine besten Kunden waren, und dem Gesetz zum Trotz, das jedem nur

+einen+ Claim in der Flat zusprach, nicht allein schon zehn und zwölf

nach allen Richtungen hin angekauft hatten, sondern noch dreimal mehr

beanspruchten.

Californische Skizzen · 第 15 / 18 段