anklagen!“ fuhr der unverbesserliche Dazwischenredner keineswegs
eingeschüchtert fort. „Das steht, wie, ich Ihnen schon einmal die
Ehre hatte zu bemerken, nur dem Distriktsgericht in Double Spring
zu, und +wenn+ Sie es thun, so begehen sie als Friedensrichter eine
ungesetzliche Handlung -- wenn Sie mir die Bemerkung nicht übelnehmen.“
„+Dürfte+ ich um Ihren werthen Namen bitten?“ rief der Richter. „Sie
werden -- Sheriff, halten Sie gefälligst das Maul, ich will dem Herrn
die Sache schon auseinander setzen -- Sie werden mir doch erlauben Sie
zu bedeuten, daß wir noch gar nicht daran gedacht haben, den Mann auf
Leben und Tod zu --“
„Sie +haben+ auch gar nicht über Leben und Tod abzuurtheilen!“ schrie
der unverwüstliche Collektor, der eben so wenig wie der Ostindier zu
verstehen schien, was überhaupt gesagt wurde. „Ich habe schon die
Ehre gehabt Ihnen zu bemerken, daß das allein dem Distriktsgericht in
Double Spring zusteht, und ich protestire hiemit feierlich gegen jede
derartige, auf’s äußerste ungesetzliche Verhandlung.“ Und mit diesen
letzten Worten schoß er wie ein Pfeil aus dem Zelt. Ihm nach aber tönte
das Gelächter der Umstehenden und nur der Richter schrie jetzt, auf’s
äußerste erboßt und mit einem feuerrothen Kopf:
„Ich verweise hiemit den unberufenen Sprecher zur Ruhe -- ~Sheriff
order~ -- Donnerwetter, warum thut Ihr Euere Pflicht nicht; soll ich
nicht allein den Alkalde, sondern auch noch obendrein den Sheriff
spielen?“
Dies kleine Intermezzo, dem der Ostindier übrigens mit ängstlicher
Spannung zugehört, diente in etwas dazu, die sonst feindliche Stimmung
gegen den Angeklagten zu mildern. Verständlich war ihm dabei doch
nichts zu machen, da selbst die letzte Hoffnung auf Barneywater
fehlgeschlagen, die Beweise aber sämmtlich gegen ihn, daß seine Aussage
falsch gewesen, und durch seine Veranlassung Menschenblut vergossen
war. Die Jury verständigte sich deshalb dahin, daß ihm am nächsten
Morgen -- denn die Dämmerung fing jetzt schon an einzubrechen -- fünf
und zwanzig Peitschenhiebe gegeben, und er aus diesen südlichen Minen
für immer verwiesen würde.
Das Urtheil sollte ihm gerade bekannt gemacht werden, als ein anderer
kleiner Zwischenfall den Ernst der ganzen Verhandlung mit Tischen und
Stühlen über den Haufen zu werfen drohte. Zwei große Hunde nämlich, die
sich dicht vor dem Zelt schon eine ganze Weile dermaßen angeknurrt
hatten, daß die, im Innern desselben und ihnen am nächsten Stehenden
schon besorgliche Blicke nach der dünnen Leinwand warfen und aus der
Gegend wegzudrängen suchten, brachen, durch Muthwillige noch außerdem
gehetzt, in offene Feindseligkeiten aus. Natürlich nahmen sie dabei
mehr auf ihre eigene Haut, als auf die Beine der benachbarten Menschen
Rücksicht, und ehe nur irgend einer die Katastrophe verhindern konnte,
befanden sich die beiden Streiter unter dem löblichen Gerichtstische,
den sie augenblicklich aus seinen Angeln hoben, daß er wie ein
Schiff auf stürmischem Meere wogte und schwankte. Der Sheriff fing
mit merkwürdiger Geistesgegenwart das Dintenfaß in seinem Hute auf,
und Barneywater, der mit seinem langen Leichnam gerade die oberen
Zeltstützen erreichen konnte, erfaßte diese, hoch aufgreifend, und zog
seine langen Beine aus dem Bereich jeder möglichen Verletzung.
Dem Ostindier schien bei dieser allgemeinen Verwirrung eine Idee von
plötzlicher Flucht durch das Hirn zu zucken -- er warf die Blicke
rechts und links hinüber und richtete sich hoch auf. Wäre er auch nur
von Weißen bewacht gewesen, hätte es ihm am Ende in der mehr und mehr
zunehmenden Dämmerung vielleicht gelingen können, denn er war nicht
gebunden und sehnig genug gebaut, ein guter Läufer zu sein. So aber
standen ihm rechts und links ein paar eben so braune dunkeläugige
Burschen zur Seite als er selber war, und wenn sie auch ein Auge zum
Besten ihrer eigenen nackten Beine verwandten, damit die bissigen Hunde
denen nicht vielleicht unerwartet zu nahe kämen, hielten sie das andere
doch fest auf ihrem Gefangenen -- und dieser überzeugte sich bald, daß
er hier keine Aussicht auf Entrinnen habe.
Die Ruhe wurde indessen wieder hergestellt. Einzelne, die ihre Beine
sicher wußten, schienen sich allerdings das allergrößte Vergnügen
daraus zu machen, die Thiere noch mehr anzuhetzen. Glücklicher Weise
befanden sich aber die beiden Eigenthümer der Thiere in der Nähe,
erfaßten sie bei den Halsbändern und rissen die Blutenden von einander.
Dann wurden sie vor das Zelt spedirt, der Richter, der sich mit seiner
kleinen dicken Gestalt ungemein rasch aus dem Bereich der Beißenden
gewußt hatte fortzuarbeiten, kam wieder auf seinen Platz, frische
Dinte wurde in das Dintenfaß gegossen, denn die alte hatte der Sheriff
im Hut, und der Vormann der Jury verkündete dem, ihm mit stieren
Blicken zuhorchenden Ostindier, das über ihn gefällte Urtheil. Es
wurde ihm dabei angekündigt, daß er die Nacht über wieder in das Zelt
zurückgeführt und von den Indianern bewacht, am nächsten Morgen aber
die Strafe an ihm vollzogen werden sollte.
Ein Theil der Neugierigen, die bis dahin den Tisch umstanden, traten
theils zurück an den Schenktisch, sich dort in etwas wieder zu
erfrischen, theils vor das Zelt hinaus, und der Sheriff nahm den
Gefangenen am Arm, ihn wieder hinüber nach seinem alten Platz zu
führen. Dieser aber, der wahrscheinlich noch immer die fixe Idee hatte,
er solle jetzt geraden Wegs hinaus gebracht und gehangen werden,
warf sich dem auf’s Aeußerste Erstaunten zu Füßen und beschwor ihn,
wahrscheinlich mit den rührendsten Ausdrücken, sein junges Leben zu
schonen.
Nur sehr schwer konnte ihm begreiflich gemacht werden, daß er gar
nichts Besonderes zu fürchten habe, und dießmal mit einer Tracht
Schläge, Landesverweisung und Entziehung der Nationalkokarde wegkommen
solle. Als er dieß endlich zu verstehen schien, war seine Freude auch
desto ausgelassener, und er bat sich mit den deutlichsten Geberden
das ganze Viertelhundert augenblicklich aus. Dem konnte aber nicht
genügt werden, und er wurde wieder in seinen alten Gewahrsam unter der
Escorte der Indianer abgeführt.
Der vierte Juli.
Der vierte Juli, das Freiheitsfest der Amerikaner, der Jahrestag ihrer
Unabhängigkeits-Erklärung, brach hell und sonnig an. Von dem hohen
Fahnenstock Stoutenburgks, wie von den meisten Zelten flatterten
die „Sterne und Streifen“ der Union. Alle Minenarbeiter, und das
kleine Zeltstädtchen zählte wohl drei- bis vierhundert Einwohner, mit
Amerikanern, Franzosen, Deutschen, waren festlich geschmückt (d. h.
hatten reine Wäsche an) und die Arbeit war, ohne daß darüber vorher
irgend eine Bestimmung getroffen wäre, allgemein ausgesetzt. Nur die
Mexikaner arbeiteten hie und da in den einzelnen ~gulches~ -- erstens
wußten sie Nichts von dem Fest, und dann hätten sie sich auch wohl
wenig daran gekehrt. Um zehn Uhr hielt sogar ein langer Yankee, ein Mr.
Moos, dem sonntäglichen Fest ein kurze Predigt, und ein paar andere
Amerikaner sprachen einige Worte zum Andenken des für die Union so
wichtigen und bedeutungsvollen Tages.
Das war aber keinen Falls Alles; diese Masse von Menschen aller
Nationen, die sich hier herum drängte, besonders diese Unzahl von
Indianern, die heute von allen Lagerplätzen herbeigeströmt schienen,
rasch und geschäftig durch einander preßten, ein paar Worte mit
einander wechselten und wieder nach verschiedenen Richtungen aus
einander stoben, hatte jedenfalls noch einen andern Grund. Ein hier
eben ankommender Fremder -- und es kamen heute +viele+ an, da fast alle
Amerikaner aus den benachbarten Minen Stoutenburgk als den Mittelpunkt
dieses Theils zur Feier des vierten Juli gewählt hatten -- wäre aber
nicht lange in Zweifel geblieben, denn wo zwei Weiße zusammenstanden,
bildete die Ursache dieses eigenthümlichen Lebens den einzigen
Unterhaltungsstoff. Nur die Indianer schwiegen, wenn sich ein Europäer
oder Amerikaner ihren Gruppen näherte.
Die Ursache war übrigens doppelter Art -- die Weißen und auch viele
der Indianer, wie z. B. fast der ganze Stamm der Kayotas hatte sich
versammelt, die Abstrafung des Ostindiers mit anzusehen. Von Carsons
Creek herüber waren aber Boten der +Witongs+ gekommen und hatten eine
neue, viel gewichtigere Anklage gegen den braunen Sohn der Indischen
Wälder gebracht. Zuerst nahmen sie deshalb Rücksprache mit ihren
Nachbarn, und dann wandten sie sich an die Gerichte der Weißen, von
diesen Gerechtigkeit und Schutz zu verlangen. -- Der Alkalde war außer
sich.
Die neue Anklage lautete auf Mord, und zwar Meuchelmord. Der Ostindier
war vor zwei Tagen mit einem Indianer aus dem Stamme der Witongs von
Carsons Creek fortgegangen. Er selber hatte damals, wie das schon
bewiesen worden, keinen Cent Geld, wenigstens nicht einmal genug gehabt
ein Glas Brandy zu bezahlen. Der Indianer, der Gold in die Ecke eines
kleinen, rothbaumwollenen Taschentuchs geknüpft, bei sich geführt,
war nicht zu den Seinen zurückgekehrt; gestern Abend aber, gerade mit
Dunkelwerden, hatten ihn zwei vom Eichelsuchen zurückkehrende Frauen
mitten in einem der dürren Rothholzdickichte +erwürgt+ gefunden, und
die Schlinge, mit der die That vollbracht war, trug er noch um den
Hals. Dieselbe Nacht noch brachten die Frauen ihre Männer an Ort und
Stelle, und mit Tagesanbruch folgten diese den Spuren des Mörders --
denn Regen war seit der Zeit nicht gefallen -- nach Douglas-Flat.
Natürlich hörten sie dort gleich was vorgefallen, und eilten nun nach
Murphys Diggings herüber, wo sie gerade zur rechten Zeit vor der Strafe
des Verbrechers eintrafen.
Der Alkalde wollte sich aber auf Nichts weiter mit ihnen einlassen. Sie
sollten ihm erst einen weißen Mann zum Zeugen bringen, und überhaupt
wäre das auch eine „verdammt unsichere Geschichte,“ wie er meinte, daß
das gerade der Ostindier gewesen sein solle. Das könne auch einer von
ihnen gewesen sein, und jetzt wollten sie’s auf den andern Braunen
schieben.
Diesem Zweifel machte übrigens der Sheriff ein Ende, er visitirte
den Ostindier, dem gar nicht wohl bei der Sache zu sein schien, und
fand bei ihm etwa zwei Unzen Gold in +rothen Cattun+ eingebunden. Die
Witongs-Indianer erkannten und reclamirten das Gold, Major Lyatt nahm
es aber vor allen Dingen erst einmal selber in Beschlag und erklärte,
später darüber entscheiden zu wollen.
Mit dem Sheriff hielt er jetzt eine sehr lange und lebendige
Unterredung. Obgleich dieser aber darauf antrug, den Ostindier für sein
erstes Vergehen hier abzustrafen, und dann auf die neue Anklage hin
nach Double Spring an die Distrikt Court zu senden, wollte er darauf
unter keiner Bedingung eingehen -- er hätte das Gold ja sonst wieder
abliefern müssen -- und gab bald darauf den Befehl, den Indier hinaus
zu führen und ihm seine bestimmte Anzahl Schläge zuzutheilen.
Der zweite Sheriff oder Constabel ging jetzt in das Zelt, nahm den
Indier am Arm und führte ihn über die Straße nach der Einfriedigung
hin, die der Fleischer für sein Vieh gebaut. Erst an diesem Morgen
hatte er einen Ochsen darin geschossen und ausgeschlachtet, und der
Blutfleck war noch in der Mitte. Als der Indier in die hohe starke
Fenz, an der hie und da Pfosten in die Höhe standen und ein paar Bäume
hinüberhingen, hineingeführt wurde, als er den Blutfleck und seine
ganze Umgebung sah, und das Jubelgeschrei der Indianer hörte, wurde er
wieder aschgrau und die Kniee versagten ihm fast den Dienst. Da fiel
sein Blick auf einen dicht neben ihm stehenden Witong -- dieser trug
dieselbe Schlinge in der Hand, mit der er den Indianer gewürgt hatte,
und hob die Schnur, als er sah, daß er von dem Verbrecher bemerkt
wurde, drohend gegen ihn empor.
Ob aber nun der Indier glauben mochte, daß er jetzt mit derselben
Schnur, trotz aller frühern Versicherungen vom Gegentheil, gehenkt
werden solle, oder ob er nur darin den Beweis seiner entdeckten
Frevelthat sah, die ihn natürlich auch das Schlimmste mußte fürchten
lassen, kurz er sank plötzlich in die Knie, schlug vor dem Sheriff
zur Erde nieder, und richtete in Todesangst ein wildes Gemisch
fremdklingender und dem Mann natürlich total unverständlicher Worte an
ihn.
Die Indianer stießen, als sie das sahen, ein wildes, ohrzerreißendes
Freudengeschrei aus. Der Constabel versuchte ihn dabei zu beruhigen,
vermochte es aber nicht, und mußte ihn zuletzt mit Gewalt zu dem
hintern Theil der Fenz schleifen. Dort zog er ihm das Hemd herunter und
band ihn dann mit ausgespreizten Armen an zwei Pfosten, den Rücken dem
innern Raum zugekehrt.
Es war ein eigenthümlich malerisches, aber auch zugleich wildes und
schauderhaftes Bild, dessen Mittelpunkt ein gequältes, mit Todesangst
ringendes Menschenkind bildete. Es war allerdings ein Verbrecher, aber
doch auch ein Mensch, und litt in diesem Augenblick, wo er gar nicht
wußte, was man mit ihm vor hatte, und durch das teuflische Geschrei der
braunen mitleidlosen Wilden fast rasend gemacht wurde, sicherlich mehr
als Todesqual.
Der innere Raum der Fenz, wenigstens die Hälfte, in der der Delinquent
angebunden stand, und bis zu dem Blutfleck etwa, war ziemlich frei
geblieben, von dort an standen, besonders an der Fenz hin, die
Bewohner Stoutenburgks, und harrten der Dinge die da kommen sollten.
Die wunderlichsten Gruppen zeigten sich aber auf der Fenz selber.
Hier hingen auf den starken Balken, die schwer genug eingerammt waren,
einem mit voller Kraft dagegen rennenden Stier Trotz zu bieten, in den
tollsten Stellungen und den buntesten Trachten, die Männer der Kayotas
und Witongs. Die dunkelbraunen Gesichter glänzten von Fett und Freude,
und unter den grellrothen oder hellfarbenen Kopftüchern, die sie gern
trugen, glühten die schwarzen Augen in wilder blutgieriger Lust heraus.
Ihre Bogen und Pfeile hielten Alle in der Hand und Viele führten sogar
noch ein Messer im Gürtel. Ein alter Häuptling sah besonders trotzig
und kühn aus. Er hatte die langen, straffen, schwarzen Haare sämmtlich
hochauf gestrichen, und mit dicken Schnüren weißer Muscheln in der
Mitte des Kopfes festgebunden, so daß sie wie ein hoher wulstiger
Federbusch emporstanden. In diesem stacken zwei lange, nickende
Adlerfedern, und an der einen hing, aus der Spitze herab, eine kleine
rothverzierte und umwickelte Federspule, die im Winde hin- und
herflatterte. Sein Oberkörper war nackt, und nur um die Hüften hatte er
einen schmalen, baumwollenen Schurz geschlagen. Er führte dabei einen
außergewöhnlich langen Bogen, mit hellblinkender weißer Sehne bezogen,
und die Spitzen seiner Pfeile waren volle drei Zoll lang und schmal
und scharf. Um den Hals trug er vier dicke Reihen eben solcher Perlen,
als seine Haare zusammenhielten, und durch den Nasenknorpel und beide
Ohrenlöcher lange weiße Stücken zierlich geschnitzten Holzes. Er stand,
mit einem Arm um den Pfosten geschlagen, dicht über dem angebundenen
Verbrecher oben auf der Fenz.
Rechts und links von ihm hingen jüngere Leute, mit bunten Kopf- und
Lendentüchern, oben auf den Stangen. Von beiden Seiten der Fenz herüber
und aus dem Innern derselben heraus riefen sie sich dabei in ihrer
wunderlich klingenden, kurz abgestoßenen Sprache ihre Bemerkungen zu,
und lachten und jubelten vor lauter Freude über den fröhlichen Anblick
der sie erwartete.
Indessen hatte der Constabel seine kurzstielige Peitsche hergerichtet,
schritt auf den gebundenen Indier zu, der ihn dabei von der Seite mit
weit aufgerissenen, ängstlichen Augen erwartete, holte langsam aus
und zog dem Zusammenzuckenden einen scharfen Schlag über den Rücken.
Der Schrei, den die Indianer hiebei ausstießen, machte selbst den
Constabel erschreckt zusammenfahren; der alte Häuptling aber, mit den
zusammengebundenen Haaren, fing oben auf der Fenz an einen wunderlichen
Tanz aufzuführen, und die Augen leuchteten und blitzten ihm dabei,
und die Stangen über dem Gebundenen bogen sich und drohten jeden
Augenblick, mit dem springenden Wilden auf ihn hinab zu schlagen.
„Allah, Allah!“ schrie der Muhamedaner in seiner Noth, die Indianer
hielten das aber für ihren Gruß: ~Walle, Walle~, und glaubten, der
Indier wolle dadurch ihr Mitleiden erflehen -- „~no walle walle~“ --
schrieen sie von allen Seiten -- -„~no walle walle -- mucho mas --
mucho -- mucho~!“
Der Constabel fuhr, während dieses wirklichen Heidenlärmes, ruhig
in der Vollziehung seiner Pflicht fort, der Indier wand sich unter
den scharf und mit Kenntniß geführten Streichen, die jedesmal dicke
Schwielen hinterließen, und an einigen Stellen, wo sie sich kreuzten,
schon die Haut geöffnet hatten. Die Indianer jauchzten und jubelten,
die Sonne schien warm und freundlich von dem blauen, von keinem
Wölkchen getrübten Firmament hernieder, und die Amerikanische Flagge
flatterte munter in der frischen Brise über dem wilden Schauspiel --
zur Feier des vierten Juli. -- Die meisten Amerikaner schüttelten aber
auch mit dem Kopf und meinten, der Alkalde hätte die ganze Geschichte
wohl auf den nächsten Tag verschieben können.
Nach dem dreizehnten Schlage hörte der Constabel zu schlagen auf,
winkte einem der jungen Indianer, die ihn umstanden, heran, gab ihm die
Peitsche und bedeutete ihn fortzufahren. Das Urtheil war +dahin+
von dem Richter bestimmt, daß ihm der Sheriff +einen+ Theil,
und um die Indianer mehr zu versöhnen, Einer aus ihrer Mitte den
+andern+ geben solle.
Der Indianer griff die Peitsche mit wahrer Gier auf, warf dann seinen
Bogen und seine Pfeile nieder und schlug fast in demselben Moment auch
schon auf den Indier los, der jetzt wahrscheinlich glauben mochte, er
solle nun seinen Feinden ausgeliefert werden, und ein Zetergeschrei mit
„Allah Allah“ -- erhob.
„No Walle Walle!“ versicherte ihm aber der Californier bei jedesmaligem
aus vollen Kräften geführten Streiche, und die übrigen schrieen
ordentlich vor lauter Vergnügen, daß der Gepeitschte bei den Hieben
ihres Kameraden so viel mehr lamentirte, als bei denen des Constabels.
Der schlaue Indier war aber klug genug sie nur glauben zu machen er
litte mehr Schmerzen, denn nach den frühern Hieben konnte er diese kaum
fühlen. +Der Indianer verstand nicht zu prügeln+; seine Schläge
fielen, ohne daß sich die Peitsche über die Haut zog, nur gerade darauf
nieder und hinterließen keine Schwielen, war aber auf’s Aeußerste
entrüstet, als er nach dem zwölften Schlage, wo er sich nun erst recht
hinein und warm gearbeitet hatte, schon wieder aufhören sollte. Von
allen Seiten schrieen auch die Indianer: „~mas, mas, mucho mas!~“
aber es half nichts, der Constabel nahm die Peitsche an sich, band den
Gefangenen los und führte ihn fort.
Jetzt entstand ein anderer Streit. Die Indianer wollten ihn, wenn ihn
die Weißen nicht mehr bestraften, ausgeliefert haben -- die Witongs
verlangten ihn, weil er Einen ihres Stammes getödtet hatte, wenigstens
so lang, bis ihr großer Häuptling, Jesus, von Magualome zurückkommen
und darüber entscheiden würde. Die Weißen wollten sich aber darauf
nicht einlassen, und der Richter beauftragte den Constabel, den
Abgestraften freizulassen.
Hiergegen protestirte aber jetzt der Sheriff, indem er meinte, das sei
gerade so gut, als ihn an die Indianer ausliefern, die förmlich und
offen erklärt hatten, sie würden ihn unter keiner Bedingung lebendig
von hier fortlassen. Gäben sie den Angeklagten unter diesen Umständen
frei, so müßten sie gewärtig sein, daß er vor ihren Augen von den
aufgeregten heißblüthigen Rothhäuten mit Pfeilen erschossen würde, und
dann könnten sie nachher von dem Distriktsgericht, und mit Recht, zur
Verantwortung gezogen werden.
„Gut denn!“ rief der Richter endlich in Verzweiflung, „so behaltet ihn
heute noch hier und laßt ihn die Nacht oder morgen früh laufen -- +ich+
will aber von dem verdammten Kram nichts weiter hören, ich habe jetzt
gerade genug damit. Kommt Sheriff, wir wollen einen trinken.“
Der Sheriff lachte, gab die nöthigen Anweisungen und ging dann mit dem
Alkalden in das nächste Zelt. Dem Indier wurde indessen begreiflich
gemacht daß er frei sei, daß ihm aber die Indianer zu Leibe wollten
und es besser für ihn sei die Nacht noch bei den Weißen zu bleiben.
Wunderbarer Weise schien er hier ein jedes Wort zu verstehen, denn er
überflog mit den Blicken die Zahl der Rothhäute, die überall durch das
Städtchen und die Ebene zerstreut waren, und folgte dann schnell, und
jetzt mit ganz heiterem Gesicht dem Constabel, der ihn in sein eigenes
Zelt führte und ihm dort zu essen gab.
Dicht vor dem Zelte vertrat ihnen übrigens der alte Indianer den Weg
und verlangte von dem Constabel noch einmal den Mörder Eines der
Seinen. Dieser dagegen bedeutete ihn, daß heute „Sonntag“ sei und
nichts weiter gethan werden könne. Er solle morgen früh zum Alkalden
gehen, dann könnten sie das mit einander ausmachen, bis dahin bliebe
der Indier in Gewahrsam.
Der Indianer hatte, während er sprach, den Ostindier, gerade über dem
Gürtel vorn, mit zwei Fingern an dem wollenen Hemd festgehalten -- er
sah die Beiden scharf an, bog sich dann halb herum -- und plötzlich
sprang der Gefangene mit einem Schrei zurück. Der Indianer drehte sich
aber ab und ging, ohne weitere Notiz von den Beiden zu nehmen, zu
seinem Stamm zurück. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah indeß
der Constabel, daß der braune Bursche in dem einen Moment mit wirklich
fabelhafter Gewandtheit dem Indier das kleine Stück Zeug in einem
runden Fleckchen, vorn aus dem Hemd geschnitten hatte, das er zwischen
seinen Fingern gehalten.
Des Indiers Flucht.
Der vierte Juli ging laut und geräuschvoll genug vorüber; alle
Violinen, Flöten, Mundharmonikas und Akkordions, die nur irgend im
Städtchen vorräthig waren, spielten aus den verschiedenen Zelten
in eben so viel verschiedenen Tonarten den ~Yankee doodle~, ~hail
Columbia~ und ~the star spangled banner~. Eine Unmasse von Brandy und
Claret wurde dabei consumirt, und Abends brannten an allen Ecken und
Enden Freudenfeuer. Herrliches Material hierzu lieferten trockene und
verlassene Laubhütten, wie dürre Fichtenbäume, die die Flammen hoch
zum Himmel emporwirbelten, und an einer mitten in der Stadt stehenden,
riesigen Kiefer, der man bis auf den obersten stehen gelassenen Büschel
die Aeste alle um wenige Zoll vom Stamm abgesägt hatte, war sogar
hoch oben ein Transparent mit dem roth flammenden Worte ~Liberty~
angebracht. Gegen zehn Uhr Abends, als der Brandy sichtlich die
Oberhand gewonnen, bemühten sich sogar einige tolle Gesellen den ganzen
Baum in Brand zu setzen, der sich dann unvermeidlich quer über das
ganze Zeltdorf hinübergelegt hätte. Der Baum war aber klüger als die
Menschen, und weigerte sich hartnäckig Feuer zu fangen.
Die Indianer hatten sich indessen, wahrscheinlich der Versicherung des
Constabels trauend, in ihre verschiedenen Lagerplätze zurückgezogen,
wenigstens sah man keinen von ihnen mehr in der Stadt. Nur zwei
Betrunkene trieben sich mitten in der Straße, besonders aber vor des
Alkalden und Constabels Zelt noch umher, und Einer von diesen war der
alte Häuptling mit dem Muschelschmuck.
Der Constabel war mit dem Alkalden und Sheriff, dem Collektor, der
gestern in dem Verhör so kräftigen, wenn gleich ganz unnöthigen
Einspruch gethan, Barneywater und noch mehreren anderen Amerikanern,
bei einer fröhlichen Abendmahlzeit versammelt. Die ganze Gesellschaft
saß kreuzfidel um einen Tisch herum und lachte und sang, und Major
Lyatt erzählte komische Geschichten, wobei er selber lachte daß ihm die
Thränen in die Augen kamen und kein Mensch weiter auf ihn Achtung gab.
Toaste wurden ausgebracht und Gesundheiten getrunken, und um elf Uhr
lagen der Collektor und der Alkalde sich in den Armen und schwuren sich
unter Thränen ewige und unverbrüchliche Freundschaft.