Dieser Nation wurden auch, besonders in den ersten Jahren, eine Menge

Mordthaten vor die Thür gelegt, die sie an Minern verübt und sie

beraubt haben sollten. Gewiß ist, daß es auch unter ihr, wie bei allen

Nationen, eine Masse Gesindel gab, das sich den ungeregelten Zustand

der Minen zu Nutzen zu machen suchte und manches Verbrechen verübte.

Ihnen allein darf aber wahrlich nicht die Schuld gegeben werden, denn

auch jener von Amerika herübergezogene Schwarm von Spielern, die,

wenn sie kein Gold mit falschem Spiel erbeuten konnten, eben so gern

bereit waren mit Blut und Raub ihre Säckel zu füllen, ferner die

von Australien in nicht unbeträchtlicher Zahl hierher verschifften

Deportirten, die sich glänzende Aerndten mit Aufnahme ihres alten

Geschäfts versprechen durften, suchten, wenn sie eine solche That

verübt, den Verdacht auf Mexikaner zu lenken, indem sie irgend ein

kurzes Brecheisen, am häufigsten eine hölzerne Waschschüssel oder auch

eine Sandale als ~corpus delicti~ zurückließen, und nun vielleicht gar

mit die waren, welche gleich von Anfang an Zeter über die blutdürstigen

„~Mexicans~“ schrieen. Mehrere Mordthaten haben sich, besonders in der

Gegend des Sonora-Camp und der benachbarten Minen, anfänglich mit den

Beweisen mexikanischer Hände, endlich doch auf jene Bande zurückführen

lassen, deren Hauptstamm später in San-Francisco durch die ~Vigilance

Committee~ aufgehoben und zerstört oder wenigstens zerstreut wurde.

Nichts destoweniger war jenem amerikanischen Gesindel, das in Masse

von den Vereinigten Staaten mit eingeschmuggelt worden, ein solcher

Verdacht gerade gegen diese fleißigen und für die Bearbeitung der Minen

so geeigneten Stämme nur höchst wünschenswerth, denn sie machten nicht

selten ordentlich Jagd auf solche mexikanische Lager, in deren Nähe sie

stets, und oft nicht mit Unrecht, die reichsten oder doch reichhaltige

Stellen vermutheten. Wo sich das bestätigte, griffen sie dann irgend

ein altes Gerücht eines verübten Mordes auf, und vertrieben die armen

Teufel von ihren mühsam bearbeiteten Plätzen.

Der Haß der Mexikaner gegen die Amerikaner fand dadurch immer neue

Nahrung, aber nur in einzelnen und sehr wenigen Fällen wagten sie, sich

ihnen wirklich ernstlich zu widersetzen; Tapferkeit gehört nicht zu

ihren vorwiegenden Eigenschaften, und sie räumten meist immer das Feld,

sobald die tollköpfigen Amerikaner gegen sie anrückten. Dann zogen sie

sich wieder, um auch besonders der den Fremden auferlegten monatlichen

Steuer zu entgehen, in noch unbearbeitete Berge zurück, und es war

ihnen solcher Art schwer beizukommen. So viel aber ist gewiß, daß sie

mit ihrem Fleiß und ihrer Ausdauer, wie zugleich mit ihren mäßigen

Ansprüchen an das Leben, in den meisten Fällen vortreffliche Geschäfte

machten. Ob sie nun in den Bergen gruben oder als Maulthiertreiber

Waaren und Provisionen in die Minen schafften, sie verdienten Geld

und, was mehr ist, sie bewahrten was sie verdienten, bis sie für ihre

Bedürfnisse genug hatten und in ihr Vaterland zurückkehren konnten.

* * * * *

An den Wassern des Stanislaus, in den südlichen Minen und an ziemlich

reichen Stellen arbeiteten auch, während meines dortigen Aufenthalts,

in der Nähe eines kleinen Minenstädtchens oder großen Lagers mehrere

Gesellschaften Mexikaner und einige Deutsche und Amerikaner. Der Platz,

wo das meiste Gold, auch wieder durch die Mexikaner, gefunden worden,

war eine große „~Flat~,“ d. h. eine ebene Strecke in einem Thal, wo

diese schon mehrere tiefe Löcher gegraben und, wie es hieß, viel Gold

herausgenommen hatten. Herzuwandernde Miner fingen dort ebenfalls an

nach Gold zu suchen, und die Bewohner des Camps oder Lagers stellten,

wie das fast immer geschieht, ein Gesetz zwischen sich fest, daß ein

einzelner Arbeiter nicht berechtigt sein sollte mehr Terrain zum

Niedergraben zu beanspruchen, als eine gewisse Anzahl Quadratfuß

(gewöhnlich 48-64, höchstens 80). Hatten sie die ausgearbeitet, so

konnten sie einen neuen „~Claim~,“ wie derartige Plätze genannt wurden,

beanspruchen.

Drei Deutsche arbeiteten ebenfalls in dieser „Flat,“ hatten sich ihre

drei „~Claims~“ gleich zusammen an einer Stelle genommen und ein weites

bequemes Loch ausgeworfen, bis auf den goldhaltigen Kies hinunter zu

arbeiten, wonach sie erst, jedenfalls die bequemste und auch sicherste

Art, wollten zu waschen anfangen. Einige zwanzig Schritt von ihnen

entfernt arbeiteten mehrere Mexikaner, und der Platz zwischen den

beiden Parteien lag noch, wenn auch schon belegt, doch noch nicht in

Angriff genommen.

Die Deutschen, Wolf, Meier und Ehrhardt, hatten da begonnen, wo das

höhere Land anfing aufzulaufen, und zwei Bäche, aus beiden Thälern

kommend, niederliefen. Unter ihnen arbeiteten die Mexikaner, die schon

wochenlang da thätig gewesen waren und viel Gold herausgeschafft haben

mußten, sie wären sonst nicht so lange auf der einen Stelle geblieben.

Das hier aufsteigende Land zwang die Deutschen aber auch, bei der

großen Anlage ihres ~Claims~, eine große Masse Erde auszuwerfen, und

sie hatten mit angestrengtem Fleiß ziemlich acht Tage gehackt und

gegraben, ausgeworfen und weggefahren, als sie endlich auf lehmhaltigen

Kies, fast stets die goldhaltige Erdart, stießen und nun zu probiren

anfingen.

Wolf hatte eine Pfanne voll heraus und zum Wasser genommen, sie dort

zu untersuchen, und die beiden Anderen saßen unten auf dem Kies, die

Rückkehr des Kameraden abzuwarten und das Resultat zu erfahren, ob der

Kies „lohne,“ d. h. ob es der Mühe werth wäre mit Waschen anzufangen,

oder ob sie erst lieber noch einen „Spatenstich“ hinauswerfen sollten.

Wenn die Pfanne voll Erde nicht wenigstens etwa ein Sechstel Thaler

Goldwerth enthielt, wurde der Grund gewöhnlich noch nicht für gut

befunden, und selbst das „zahlte nicht,“ sobald man ihn weit zum Wasser

zu schaffen hatte.

Wolf kam jetzt zurück, blieb oben am Rand des etwa zehn oder eilf Fuß

tiefen Loches stehen und sagte, die Blechpfanne vor sich haltend und

langsam mit dem Kopfe schüttelnd: „’s Große ist’s noch nicht!“

„Nun wie macht sich’s Wolf?“ fragte ihn Meier, aufstehend und den Arm

nach der Pfanne ausstreckend um sich von dem Goldbestand zu überzeugen,

„sollen wir anfangen?“

„Ich weiß nicht,“ meinte Wolf, die Pfanne hinabreichend, in der

Beide unten die paar Körner Gold, die sie enthielt, herüber- und

hinüberschoben, „wenn’s nicht mehr ausgiebt kann’s noch Nichts helfen,

und wir werfen den Quark lieber zu Tag, als daß wir uns den Buckel

damit wund schleppen. Das lohnt nicht.“

„Hm, wir wollen lieber erst noch einmal eine andere Pfanne voll

probiren,“ sagte Meier, „am Ende werfen wir uns sonst selbst das Gold

hinaus und behalten nachher nur ein paar Zoll Erde zum Waschen übrig.

Ich glaube gar nicht, daß wir so schrecklich weit vom Fels ab sind, und

nachher ist’s Essig.“

„Gut, dann können wir noch eine Pfanne voll aus der Ecke da drüben

versuchen,“ meinte Ehrhardt. „Nach +der+ Seite hin hab’ ich so das

meiste Vertrauen.“

„Das weiß der Henker,“ sagte Meier jetzt, sich überall umsehend, „mir

ist es immer, als ob ich hier unten so was bubbern und klopfen höre,

und es regt sich doch Nichts -- ob es hier Maulwürfe giebt?“

„Maulwürfe?“ lachte Ehrhard, der zu gleicher Zeit seinen Spaten

aufgegriffen hatte und die Pfanne (aus der er vorher die paar

Goldkörner auf einen flachen, trockenen Stein gelegt) wieder auffüllte,

„wo sollen hier Maulwürfe herkommen? und +wenn+ sie da wären, machten

sie doch keinen Spektakel; wo ist denn was?“

„Jetzt ist es wieder ruhig,“ meinte Meier, der ein paar Sekunden

aufmerksam gehorcht hatte, „aber ich habe es den ganzen Morgen schon

gehört.“

„Wer weiß was Dir in den Ohren gebrummt hat,“ sagte sein Kamerad, mit

dem Spaten dabei die aufgefüllte Erde auf die Pfanne festschlagend, daß

sie nicht herunterfiel -- „der Grund wird übrigens hier tüchtig lehmig,

und es sollte mich nicht etwa wundern, wenn wir bald auf den Felsen

kämen.“

„Stoß doch einmal mit der Brechstange in das Loch hinein, das Du

jetzt eben ausgeworfen hast,“ rief Wolf, der sich am Rand der Grube

hingekauert hatte und den Beiden zusah, von oben nieder -- „da kannst

Du zugleich fühlen, wie weit wir noch etwa haben, und ob Du festen

Grund oder Fels kriegst.“

„Na, sei so gut,“ sagte Ehrhard, „das wäre nicht übel, wenn wir jetzt

schon auf den Fels kämen; die paar Spatenstiche zahlten dann auch die

ganze Arbeit nicht, denn jetzt ist es ja nicht einmal der Mühe werth

anzufangen. Nein, ich habe starke Hoffnung daß wir noch ein paar Ellen

tiefer müssen und dann eine Zeitlang tüchtig hinter einander waschen

können.“

Meier hatte indeß die Brechstange, die an der Wand lehnte, und die

sie manchmal gebrauchten größere Quarz- oder Kiesblöcke bei Seite zu

wälzen, aufgenommen, ging damit zu der Stelle, wo die letzte Pfanne

voll Erde hinausgeschaufelt und der Grund dadurch etwa sechs Zoll

tiefer geworden war als in dem übrigen Theil ihres Claims, und stieß

hinein.

„Fühlst Du was?“ fragte ihn Wolf.

„Noch nicht,“ sagte der Andere, mit der eingestoßenen Brechstange

in dem etwas harten Boden herumarbeitend, die begonnene Oeffnung zu

erweitern und einen zweiten Stoß zu versuchen. -- „Das wär’ auch zu

früh, aber der Lehm wird zu zähe sein, die Stange geht nicht durch,“

und mit den Worten hob er das lange Eisen aufs neue und stieß es mit

aller Kraft in das aufgedrehte Loch hinein, wäre aber beinahe vornüber

gefallen, denn die Stange schwand ihm plötzlich fast unter den Händen

fort und sank wohl einen Fuß tiefer, als er erwartet hatte.

„Hallo,“ rief Wolf von oben herunter, „~no bottom~[38], eh?“

„Jesus, Maria und Joseph!“ schrie aber Meier, ließ die Brechstange los

und sprang mit ein paar Sätzen an dem eingestellten Baum, der ihnen als

Treppe diente, hinaus aus dem Loch, an dessem Rande er, ein Bild des

Entsetzens, mit todtenbleichen Zügen und stieren Augen stehen blieb,

während Ehrhard, der nicht anders glaubte als die Wand fiele ein, seine

Pfanne, die er eben aufreichen wollte, fallen ließ und ihm, so rasch

ihn seine Beine trugen, folgte.

„Alle Wetter,“ lachte Wolf oben, als er die Beiden so im Sturm ankommen

und nicht die mindeste Ursache dafür sah, „wer ist todt und wo

brennt’s? -- Mensch, Meier, was machst Du für ein Gesicht? -- Hast Du

am hellen, lichten Tage einen Geist gesehn?“

„Wolf,“ stöhnte aber Meier und strich sich mit der linken Hand, noch

immer in Schrecken und Entsetzen, die Haare aus der Stirn, während

er mit der anderen, und stieren Blicks in das ausgeworfene Loch

hinunterdeutete. -- „Da unten -- da unten hat was -- da unten hat was

geschrieen.“

„Hahahahaha!“ lachte Wolf, „das ist gut -- das ist kostbar -- und was

hat +Dich+ heraufgejagt, Ehrhard?“

„Mich?“ fragte dieser verdutzt -- „mich? -- ich weiß nicht -- aber,

wie Meier so auskniff, da glaubt’ ich, die verdammte Bank fiele ein,

und seit ich dabei war wie der Neger verschüttet wurde, hab’ ich allen

Respekt vor solchem Einsturz bekommen -- was war denn los, Meier?“

„Ich sage Euch, Menschen!“ rief aber dieser, noch immer todtenbleich

und an allen Gliedern zitternd -- „so wahr ich hier stehe und lebe und

gesund zu bleiben hoffe, dort, unter der Erde d’runten -- Du brauchst

nicht zu lachen, Wolf -- da unten hat, bei Gott! was geschrieen.“

„Na nu setz mich mal an Land!“ rief Wolf, der einige Seereisen gemacht

und noch gern Schiffs- und See-Ausdrücke in seiner Rede gebrauchte --

„Junge, Du hast Dir heute die Brandyflasche zu genau gegen das Licht

gehalten.“

„Ich bin bei meinen fünf Sinnen,“ betheuerte aber Meier -- „ich

lebe und sterbe darauf, und es ist mir den ganzen Morgen schon so

vorgekommen, als ob da unten etwas laut wäre.“ --

„Hallo, was ist da vorgegangen!“ riefen jetzt von den benachbarten

Gruben ein paar Amerikaner, die die Aufregung der Deutschen sahen und

rasch herbeigesprungen kamen, -- „wer hat einen Klumpen gefunden?“

„Ja Klumpen gefunden,“ lachte Wolf noch immer -- „mein Compagnon da hat

mit der Brechstange in den Grund gestoßen und behauptet jetzt, es hätte

Jemand da unten geschrieen.“

„Geschrieen? -- wo? -- unter der Erde?“

„So wahr ich selig zu werden hoffe,“ betheuerte Meier.

„Aber Menschen, weshalb steht Ihr denn da hier oben?“ rief der

Amerikaner, „hat’s Euch gebissen? -- weshalb seht Ihr denn nicht nach?“

„Was soll denn da schreien?“ rief Wolf.

„Was da schreien soll? -- ja, weiß ich’s?“ rief der Nachbar, „aber

horchen kann man doch einmal;“ und rasch an dem zackigen Stamm,

der in der Ecke lehnte, niedergleitend, sprang er, jetzt von den

Deutschen gefolgt, in die Grube hinunter und blieb, die linke Hand, zu

Stillschweigen mahnend erhoben, einen Augenblick lauschend stehen.

„Dort war’s wieder!“ rief Meier plötzlich, nach der Ecke deutend,

„gerade, wo die Stange steckt!“

„Bei Gott!“ rief aber auch jetzt der Amerikaner, der sich bei den

ebenfalls gehörten Lauten mit dem Ohr auf die Erde geworfen hatte und

jetzt gerade über der ausgeworfenen kleinen Grube lag, -- „da unten

stöhnte Etwas, gerade wie ein Mensch.“

„Ein Mensch,“ -- rief Wolf, der ebenfalls mit heruntergekommen war,

„wie soll ein Mensch da unten hingekommen sein, -- der müßte jetzt ein

paar tausend Jahre unter der Erde liegen und sollte wahrscheinlich das

Schreien verlernt haben.“

„Spaten her, meine Burschen!“ rief aber der Amerikaner jetzt, in

die Höhe springend, -- „Spaten her, da unten liegt irgend etwas

Lebendiges, das wir heraushaben müssen, -- vielleicht ist’s eine

Naturmerkwürdigkeit, und dann bekommt Ihr mehr Geld dafür, als ob es

Gold wäre.“

„Das ist ein Mensch!“ rief aber auch Meier jetzt, der sich ebenfalls

auf den Boden geworfen und sein Ohr in die Oeffnung hineingehalten

hatte, „ich kann deutlich sein Wimmern hören.“

„Nur zwei Dinge sind möglich,“ lachte der Amerikaner, „entweder ist’s

ein Cayota oder ein Mexikaner, und in beiden Fällen wollen wir bald

wissen woran wir sind. Zugepackt meine Burschen, am Ende steckt doch

ein Menschenleben da unten.“

Er brauchte die Deutschen aber wahrlich nicht mehr anzufeuern, denn

nun über die erste, ziemlich natürliche Bestürzung hinweg, gingen sie

mit vollem Eifer daran, die Erde aus und in die andere Ecke der Grube

zu werfen. Wie sie aber an der Stelle kaum einen Fuß tiefer gegraben

hatten, wich der Boden plötzlich unter ihnen fort, und wenn sie bis

dahin noch irgend einen Zweifel gehabt, wurde er durch das aus der

Oeffnung tönende „~Ave Maria purisima~“ gehoben.

Sehen konnten sie allerdings noch Nichts, aber wie sie den Kies jetzt

nur etwas vorsichtiger weggeräumt, kam ein blau gestreiftes Hemd zum

Vorschein, und etwa funfzehn Minuten später förderten sie richtig

einen Mexikaner zu Tage, der sich unter ihrer Grube durchgewühlt und

glücklicher Weise mit seinem Kopf eben unter die noch von ihnen stehen

gelassene Wand gerathen war, der niederstürzende Kies hätte ihn sonst

ersticken müssen. So, obgleich von der schweren Erde böse gedrückt,

war ihm doch wenigstens genug Luft zum Leben geblieben, und nach

tüchtigem Einreiben mit Brandy, von dem sie ihm auch etwas einflößten,

nach Waschen mit kaltem Wasser, wie Reiben seiner Glieder mit wollenen

Lappen, die Ehrhard lieferte, indem er sein wollenes Hemd auszog

und in Stücke riß, brachten sie den armen Teufel nach etwa einer

Viertelstunde wieder wenigstens so weit, daß er die Augen aufschlug.

Seine Kameraden mußten indessen geholt werden, denn obgleich sie den

Auflauf der Miner gesehen, die fast sämmtlich von allen Ecken und Enden

herbeiströmten, zu erfahren was es da gebe, hielten sich die Mexikaner

fern von dergleichen. Sie mochten mit den Amerikanern in keine

Berührung kommen, und hatten in der That keine Ahnung daß sie die Sache

so nahe anging. Unter der Erde nämlich, der Goldader folgend, ist es

ungemein schwer ohne Kompaß die genaue Richtung zu wissen, welche der

bald rechts, bald links hinüberzweigende Stollen genommen. Kümmerten

sie sich doch auch nicht darum, wenn sie eben nur die goldhaltige Erde

zu Tage förderten.

Mit dem Bewußtsein des Betäubten, der dort unten jedenfalls Todesangst

ausgestanden, gewann aber auch Meier seine Sprache wieder, und kaum

sah er daß er lebte und außer Gefahr war, als er auch an die Ursache

dachte, die den Burschen dort unter ihren Claim geführt und daß nun

all ihre Mühe, den weiten Platz niederzugraben, vergebens gewesen

wäre. Hatten doch diese „diebischen mexikanischen Schufte,“ wie er sie

in vollem Grimm nannte, ihnen die „Butter vom Brod geleckt“ oder im

wahren Sinne des Worts das „Gold aus der Pfanne gestohlen.“

Ueber die Art wie der Mexikaner dahin gekommen, blieb denn auch in

der That kein Zweifel mehr. Nach alter Gewohnheit hatten er und seine

Kameraden, der Goldader folgend, in den harten festen Boden sich

eingewühlt und waren so nach und nach weit über ihren Claim hinaus,

unter den ihrer nächsten Nachbarn gerathen, die jetzt umsonst ihre

ganze Arbeit an dieser Stelle gethan hatten. Das, was die Mexikaner

übrig gelassen, lohnte allerdings nicht mehr der Mühe es auszuwaschen.

Die komischste Figur war übrigens jedenfalls der Mexikaner, der, einer

in einer Falle gefangenen Ratte nicht unähnlich, zuerst, als er seine

Besinnung wieder erlangte, gar nicht begreifen zu können schien, wie er

dahin gelangt sei und wo er sich eigentlich befinde, und nur langsam

und nach und nach zu einem ihm allerdings höchst fatalen Verständniß

gebracht werden konnte.

Als sich übrigens diese Mexikaner später weigerten, das Gold, was

sie unter dem Claim der Deutschen ausgegraben, diesen, als den

rechtmäßigen Eigenthümern, zurückzuerstatten, und bei ihrer Behauptung

blieben, sie hätten nicht zehn Dollars Werth darunter gefunden,

wurden sie von den also Uebervortheilten (eigentlich sollte man hier

sagen „Untervortheilten“) bei dem amerikanischen Alkalde verklagt und

mußten eine nicht unbeträchtliche +Strafe+ zahlen: über ihren Claim

hinausgegangen und in den einer anderen Gesellschaft eingebrochen zu

sein. Das Strafgeld aber behielt der Alkalde natürlich für sich selbst,

und die Deutschen konnten auf einer anderen Stelle wieder von vorn

anfangen.

Der Ostindier.

Die Julisonne brannte heiß und sengend auf Douglas-Flat -- ein kleiner

Thalgrund an einem der Calaveres-Arme -- nieder, und die Mittagszeit

hatte die meisten der Minenarbeiter oder Goldwäscher, wie man sie

eigentlich nennen sollte, von ihren Maschinen unter den Schutz

der Zelte oder der einzeln stehenden Eichen gejagt, ihr einfaches

Mittagsmahl zuzubereiten und dann ein paar Stunden süßer Ruhe zu

pflegen, ehe die „Quälerei“ auf’s Neue begann.

Douglas-Flat lag in der Nähe von Murphys neuen Diggings, und zwar nur

zwei Meilen davon entfernt, über den ersten Hügel hinüber, der sie im

Südosten umzog. Bis dahin waren auch häufig „Prospektirer“ mit Pfanne,

Spitzhacke und Schaufel dort hinübergezogen, und hatten hie und da

eingeschlagen, noch nie aber etwas Erkleckliches gefunden; jetzt aber,

da eine große Anzahl von Arbeitern in Murphys Diggings selber nicht so

gut „ausmachten,“ als sie wohl erwartet haben mochten, und schon große

Lust bezeigten die Gegend ganz wieder zu verlassen, zu gleicher Zeit

aber eine wahre Unzahl von Waaren und Provisionen durch Spekulanten

dort hinaufgeschafft waren, läßt sich denken daß diese letzteren, die

ihnen zur Consumirung ihrer Vorräthe nöthigen Arbeiter nicht gern

wieder ziehen ließen, ohne wenigstens ihr Möglichstes zu thun sie

zurückzuhalten. Allwöchentlich tauchten deshalb neue Gerüchte von ganz

in der Nähe von Murphys gefundenen, fabelhaft reichhaltigen Minen auf,

die Alle etwas leicht Exaltirte in einer wahren fieberhaften Aufreizung

hielten, und ihrem Zweck auch vollkommen entsprachen. Ehe die Leute mit

Sack und Pack weiter zogen, wollten sie das, was sich ihnen hier ganz

in der Nähe bieten sollte, doch wenigstens erst noch einmal probiren,

und ein Sack Mehl nach dem andern wurde aufgezehrt, während die Masse,

weil hie und da Einzelne doch wirklich manchmal etwas fanden, eine Zeit

lang unverdrossen weiter arbeitete, bis sich endlich im September die

meisten von ihren nutzlosen Anstrengungen überzeugt hatten, und selbst

Fletscherism und Mesmerism, beides mit Erfolg eine Zeit lang angewandt

nicht mehr zogen.

Am 2. Juli befand sich Douglas-Flat aber gerade in seiner Glanzperiode,

d. h. die ersten Gerüchte von, bis jetzt durch ein paar Mexikaner

entdeckten, und bis dahin geheim gehaltenen Reichthümern waren eben

nach Murphys Diggings gedrungen, und in wenigen Tagen standen schon

dort, außer den zahlreichen kleinen Leinwand- und Buschhütten der

Goldwäscher selber, drei größere „Store“-Zelte, nicht allein mit Mehl,

Fleisch, Zucker und Salz, sondern auch mit Luxusartikeln der Minen, mit

Zwiebeln, Kartoffeln, „Pickles,“ in Oel eingesetzte Sardines, Butter,

Essig und vor allen Dingen mit Brandy, Genevre, Rum und Wein reichlich

und vollauf versehen. Es war eine Pracht, die bunt geschmückten

Schenktische nur anzuschauen. Wo aber das Aas ist sammeln sich die

Adler, und kaum verbreitet sich das Gerücht neu entdeckter Minen --

ob nun gegründet oder ungegründet -- so kann man auch sicher darauf

rechnen, auf halb todt gehetzten Thieren ein paar Exemplare von dem

„Fluch Californiens“ -- ein Paar +Spieler+ ansprengen zu sehen, die

ihre bunte Californische Serape als Teppich auf einen der Tische eines

Schenkzeltes breiten, zur Lockspeise ein paar hundert spanische Dollar

d’rauf häufen, und nun geduldig der Dinge harren, die da kommen sollen.

In ein solches Zelt mag mir der Leser jetzt auch einen Augenblick

folgen, denn es ist, wenn auch schon ziemlich spät am Nachmittag, heiß,

und ich glaube selber nicht daß uns ein Glas Wein und Wasser schaden

wird.

„Hol’s der Teufel, Rogers, Euer Wein ist sauer!“ rief der eine Spieler,

der sich eben ein Glas gefüllt und es hinuntergestürzt hatte -- „das

ist Essig -- verdammt will ich sein, wenn Ihr Euch nicht vergriffen

habt -- gebt einmal die andere Flasche dort her!“

„Sauer?“ wiederholte der Wirth ungläubig und versuchte sein Getränk

selber mit prüfender Lippe, während er dabei leise vor sich hinlächelnd

in das schauerlich verzogene Gesicht des „Gamblers“ schaute -- „sauer?

-- der soll sauer sein? -- da weiß ich denn doch wahrhaftig nicht, was

Ihr vom Weine verlangen wollt -- natürlich +Syrup+ ist’s nicht.“

„Nein, bei Gott nicht,“ bestätigte ein anderer -- „ich hätte auch schon

lange d’rüber geschimpft, wenn er mir nicht die ganze Kehle wie einen

Geldbeutel zugeschnürt hätte.“

„Dann hat mich der verwünschte Franzose damit angeschmiert,“

entgegnete der Wirth mit einem derben Fluche -- „ich weiß überhaupt

nicht, weshalb wir sie hier noch ihr Wesen in den Minen treiben lassen.

Zu Hunderten kommen sie angeströmt, und ob Einer von den Hallunken wohl

etwas von einem Amerikaner kaufte, -- Gott bewahre, und wenn der ihm

dicht auf der Nase sitzt, läuft das französische Gesindel doch lieber

fünf Meilen, um nur irgend einem Landsmanne die paar Bit zuzutragen.

Man hat keinen Nutzen, nur Schaden von den Parlevuß.“

„Ich wollte überhaupt wir Amerikaner hielten einmal ordentlich

zusammen,“ meinte da ein langer Texaner, der sich phlegmatisch auf

einen der Tische hinflegelte, „und trieben die ganze Fremdenbande zum

Teufel -- Franzosen, Mexikaner, Deutsche und wie sie alle heißen --

sie gehören nicht in’s Land, und wenn alle Amerikaner dächten wie ich,

wären sie lange draußen.“

„Wenns mit dem Munde abgethan wäre,“ entgegnete ruhig ein Franzose,

der gerade eingetreten war, sein Gold -- ein paar Unzen -- an der Bar

wiegen zu lassen.

„Hallo,“ sagte der Texaner, hob, ohne seine bequeme Stellung zu

verändern, den Kopf etwas in die Höh’ und sah den Sprecher erstaunt

an -- „habt Ihr gesprochen?“ -- der würdigte ihn aber keiner Antwort

weiter, wog sein Gold und verließ das Zelt.

„So, das ist recht,“ brummte Rogers -- „läßt sein Gold wiegen, trinkt

nicht einmal ein Glas und ist dann auch noch obendrein prutzig -- hol

Euch Alle der“ --

„Alle Wetter, was ist dort los?“ unterbrach ihn da plötzlich der eine

Spieler, der sich eben dem Eingange des Zeltes zugewandt hatte, und

hinaus über die Ebene hin nach den Hügeln zu zeigte, wo sich allerdings

etwas Außergewöhnliches zuzutragen schien. Wenigstens versammelten sich

die im Zelt befindlich Gewesenen augenblicklich vor dem Eingang, und

schienen an dem ganzen Vorgange besonderes Interesse zu nehmen.

Californische Skizzen · 第 14 / 18 段