Die beiden Ausgesandten hätten etwa wieder zurück sein können, noch

immer aber ließ sich nichts von ihnen sehen. Einzelne gingen den

halben Weg ihnen entgegen, doch umsonst, sie mußten ohne sie getroffen

zu haben, wieder umkehren. Was war aus ihnen geworden? Freiwillige

meldeten sich jetzt, das feindliche Terrain zu recognosciren, unter

ihnen Fischer, der an demselben Morgen von einem der ihnen begegnenden

Spanier ein Pferd mit Sattel und Zaum gekauft hatte. Rasch schwangen

sie sich in die Sättel und galopirten auf Sonora zu, erwarteten auch

dabei nichts weniger, als die Stadt in Vertheidigungszustand und alle

Punkte von amerikanischen Scharfschützen besetzt zu finden. Im Anfang

erstaunten sie nun zwar, daß man sie so weit und ungehindert in die

Stadt hineinließ, ihr Erstaunen wuchs aber, als sie Sonora endlich,

den letzten Hügel übersteigend, ansichtig wurden und auch nicht das

geringste Auffällige darin bemerkten. Allerdings standen hie und da

Gruppen von Menschen zusammen, denn es war in Sonora kein Geheimniß

geblieben wie eine bewaffnete Macht im Anzug dagegen sei, man schien

aber weiter gar keine Notiz davon zu nehmen, und die Abgesandten

ritten, etwas verdutzt darüber, die Hauptstraße hinunter vor allen

Dingen einmal ihre ersten beiden Boten aufzusuchen und dann bei ihren

Landsleuten anzufragen wie es mit den Gefangenen stände.

Die Nachrichten die sie hier erhielten, waren indessen wohl geeignet,

sie den jetzt versuchten friedlichen Schritt, nicht bereuen zu lassen.

Die Geschichte mit den gefangenen und gefährdeten Franzosen war rein

aus der Luft gegriffen. Einen Deutschen hatte man allerdings vorgestern

aufgegriffen, aber auch gleich wieder losgelassen, da ihn mehrere dort

kannten, und er nur im Trunk gegen einen Amerikaner angeritten sein

sollte, um ihn vom Pferd zu werfen. Der Angegriffene brachte das im

Anfang mit den in letzterer Zeit häufig vorgefallenen Räubereien in

Verbindung, und klagte deßhalb, zog aber seine Klage augenblicklich

zurück, als er erfuhr wer der Mann, und in welchem Zustande er gewesen

sei. Die in Sonora zahlreich wohnenden Franzosen wußten dabei gar

nichts von dem Brief und der ausgesandten Botschaft, und waren aufs

äußerste entrüstet darüber. Eben so wenig konnten die beiden Boten

wiedergefunden werden; sie blieben trotz der genauesten Nachforschungen

spurlos verschwunden, und es unterlag gar keinem Zweifel mehr, daß

dies Gerücht boshafter oder doch wenigstens unkluger und vielleicht

selbstsüchtiger Ursachen wegen verbreitet worden.

Allerdings hatte vor zwei Tagen eine Demonstration zwischen

Mexicanern und Amerikanern stattgefunden, und die ersteren ihre

Flagge aufgepflanzt und erklärt, sie würden die ihnen an Zahl weit

unterlegenen Amerikaner aus den Minen treiben, wenn sie die Taxgesetze

in Kraft wollten treten lassen. Wie es aber gewöhnlich mit den

Mexicanern ist, so hörten sie sich gerne reden, und als es zur That

kam, wollte Niemand bei der einmal erfaßten Sache, bei der sie übrigens

auch wie sie recht gut wußten, im Unrecht waren, Stand halten. Die

Amerikaner rückten mit ihrer Flagge und klingendem Spiel gegen die

Mexicaner an, und diese gingen ruhig auseinander, und ließen ohne

Widerstand geschehen, daß ihre Flagge gestrichen und die amerikanische

dafür aufgezogen wurde. Es fiel kein Schuß bei der ganzen Sache, eben

so wenig war der Sheriff, wie das Gerücht gegangen, erstochen, oder

auch nur bedroht worden. Die ganze Geschichte lief auf einen großen

Humbug aus, und Amerikaner und Fremde kamen dadurch in Gefahr, sich

ganz ohne hinreichenden Grund feindlich gegenüber zu stehen.

Die von dem Zug zum zweitenmal abgesandten Männer beschlossen jetzt, da

sich die Boten aus dem Staub gemacht hatten, und sie den Ihrigen doch

bestimmte Nachricht zurückbringen mußten, wenigstens den unberufenen

Briefschreiber mit hinaus zu nehmen, damit er sich dort selber

vertheidigen und eine Erklärung seines Betragens abgeben könne. Dieser

zeigte sich allerdings nichts weniger als geneigt, der Aufforderung

Folge zu leisten; weder Ausreden noch Sträuben halfen ihm aber, denn

indessen hatten sich auch die meisten seiner Landsleute und eine Menge

Amerikaner, welche die Ursache des Zusammenlaufs erfahren, vor und in

dem Zelte versammelt, und man drohte, ihn, wenn er nicht gutwillig

ginge, zu binden und gewaltsam hinauszuschaffen. Der arme Teufel war

durch diese Alternative nichts weniger als beruhigt, und suchte nach

allerlei Ausflüchten, all sein Sträuben war aber umsonst und er mußte

wohl oder übel, seinen Führern folgen. Diese brachten ihn denn auch

von vielen der Sonorier gefolgt, hinaus zu den Ihrigen, dort über das

Begangene Rede zu stehen.

Seinen Empfang dort kann man sich denken. In der ersten halben Stunde

war allerdings kein Wort, weder von der einen noch andern Partei zu

verstehen. Alles schrie und gesticulirte wild durcheinander, und man

bekümmerte sich fast gar nicht um den Gefangenen; er hätte in diesem

Gewirr, wenn er überhaupt Geistesgegenwart genug behalten, sogar

entwischen können. Nach und nach regelte sich aber das Getöse etwas

mehr, einzelne Stimmen drangen schon hie und da durch, und es bildete

sich zuletzt, durch im Gespräch selbst aufgerufene Wahl, eine Art Jury,

die über den Beklagten zu Gericht sitzen sollte.

So manche komische Seite die ganze Sache auch vom ersten Anfang bis

zuletzt gehabt haben mochte, so ernsthaft wurde sie jetzt, denn

es handelte sich in diesem Augenblick um nichts weniger als ein

Menschenleben. Dem Gefangenen hielt man sein Vergehen vor, wie er,

durch einen lügenhaften Brief, dessen nähere Gründe sie gar nicht

weiter untersuchen wollten, da sie in der Hauptsache nichts ändern

könnten, das ganze Land in Aufruhr gebracht, seine zu vermeinter

Hülfe eilenden Landsleute und andere Freunde nicht allein lächerlich

gemacht, sondern auch beinahe Blutvergießen herbeigeführt, und jetzt

jedenfalls nach diesem Schritt Mißtrauen zwischen Amerikanern und

Fremden ausgesäet hätte. Vergebens entschuldigte er sich dagegen,

daß er die ganze Sache mit zu schwarzen Farben gesehen, daß es nur

übereilter Eifer gerade für seine Landsleute gewesen sei, der ihn dazu

getrieben; daß man ihm selber die Nachricht gebracht, zwei Franzosen

seien wirklich grundlos verhaftet worden, wonach er gleich in der

ersten Aufregung Brief und Boten abgesandt habe. Es half ihm nichts,

die Jury sprach ihr +Schuldig+ über ihn aus; er wurde einstimmig

+zum Strange+ verurtheilt, und das Urtheil sollte gleich an Ort

und Stelle vollzogen werden.

Stumm und regungslos standen die Männer um den Verurtheilten her,

und sahen starr vor sich nieder -- vergebens suchte sein ängstlicher

Blick Mitleiden in einem der rauhen bärtigen Gesichter -- Todtenstille

herrschte, und nur außerhalb des Kreises stand der Bäcker und wickelte

einen Lasso vom Halse des nächsten Pferdes los. Der Mann trug noch

den gestrigen Aerger mit sich herum, und schien jetzt eine Art von

Genugthuung darin zu finden, denselben an irgend etwas, das ihn mit

hervorgerufen, auslassen zu können.

„Ihr wollt mich doch nicht mit kaltem Blut morden?“ sagte der Gefangene

endlich mit leiser, heiserer Stimme zu den ihn nächst Stehenden, „ich

habe Frau und Kind daheim.“

Keiner antwortete ihm; Manchem mochte es wohl ins Herz schneiden, aber

sie fühlten auch wie strafbar er sei, und wollten dem gethanen Spruche

nicht entgegenstehen.

„Dieß ist ein guter Baum,“ sagte der Bäcker, der sich indessen den

benachbarten Holzwuchs angeschaut hatte, „über den Ast dort können wir

den Lasso leicht hinüberwerfen.“

Die beiden Männer, die neben dem Verurtheilten standen, und deren

Bewachung er anvertraut war, nahmen jetzt seine Hände und banden ihm

die Ellbogen auf dem Rücken zusammen.

„Landsleute, Freunde, Ihr wollt mich doch nicht morden?“ rief jetzt

der Unglückliche zum erstenmal mit lauter, aber immer noch heiserer

Stimme. Sein Antlitz hatte Leichenblässe überzogen, und wie Fieberfrost

schüttelte es seine Glieder.

Der Kreis öffnete sich indeß geräuschlos dem Baume zu; der geschäftige

Bäcker hatte das kleine mitgenommene Brandyfaß als Springbret unter den

vorragenden Ast einer Eiche, über dem der Lasso hing, gestellt. Die

Schlinge wehte, von dem leichten Luftzug bewegt, hin und her.

„O Gott!“ stöhnte der Mann, und zum erstenmal brach eine Thräne aus

seinen Augen.

Da trat plötzlich aus der Schaar der umstehenden Männer ein Franzose,

ein schlanker Gesell mit gutmüthigem Gesicht und braunem Bart hervor.

Er streckte die linke Hand gegen den Gefangenen aus und sagte mit

herzlicher Stimme:

„Laßt den Mann gehen, Freunde. Der arme Teufel hat jetzt Angst genug

ausgestanden, und die ganze Sache doch eigentlich keinenfalls so bös

gemeint, den Tod zu verdienen. Laßt ihn gehen; er wird in Zukunft

vorsichtiger sein, und mit seinem Tode wär’ doch nichts weiter gut

gemacht.“

„Allerdings wird damit gut gemacht,“ riefen indessen einige Stimmen

von verschiedenen Seiten her; „die Folgen seines Leichtsinns hätten zu

furchtbar sein können, und deshalb verdient er die Strafe.“

„Ja,“ sagte der freiwillige Vertheidiger hier wieder mit ruhiger

Stimme; „aber straft Ihr dadurch, daß Ihr +ihn+ richtet, nicht seine

unschuldige Frau und Kinder weit mehr als ihn?“

„Und haben wir nicht auch Frau und Kinder?“ riefen andere, aber schon

ruhiger als vorher, „und war er nicht auf dem besten Weg unser aller

Leben zu riskiren?“

Der Gefangene sagte kein Wort mehr, aber sein Auge fuhr mit neu

auflebender Hoffnung im Kreise umher; er wagte kaum zu athmen. Hie und

da wurden jetzt noch Einwürfe gegen eine Begnadigung gemacht; der erste

Zorn war aber einmal gebrochen, der ersten Rachlust Genüge geschehen,

und die in den meisten vorherrschende Gutmüthigkeit, die zwar in dem

hitzigen Blut leicht einmal untergehen konnte, aber doch zuletzt immer

wieder oben schwamm, siegte endlich. Die Wächter des Gefangenen selber

schnitten seine Bande entzwei, und kaum fühlte er seine Arme frei,

als er die Hände der ihm nächststehenden griff und sie drückte, und

einzelne der wilden Gestalten sogar an die Brust zog, und im Uebermaaß

seines Gefühls des neugeschenkten Lebens küßte.

Hiermit hatte aber auch die ganze Revolution ein Ende. Einzelne

beschlossen zwar nun, da sie doch einmal so nahe bei Sonora

wären, hineinzugehen und den Ort zu besuchen, jetzt in allerdings

freundlicherer Absicht, als sie gestern Abend gedacht. Viele mochte

auch wohl der Hunger hineintreiben. Die meisten schämten sich aber

doch den Ort, wo sie auf so verzweifelte Art angekündigt waren, zu

betreten, und entschlossen sich lieber mit leerem Magen den weiten Weg

nach Murphys zurückzulegen. Dort mußte außerdem das Gerücht, daß alles

Humbug gewesen, schon vor ihnen eingetroffen sein, und je stiller sie

wieder in ihre alte Heimath einrückten, und mit je weniger Aufsehen,

desto besser war es.

Sie machten sich also ohne weiteres auf den Rückweg, und kamen nach

einem tüchtigen Marsch fast sämmtlich noch an dem nämlichen Abend, oder

doch vor Tagesanbruch am nächsten Morgen wieder nach Murphys.

Die Franzosen sandten später den Amerikanern eine Art brieflicher

Entschuldigung über ihr allerdings gegen die Gesetze der Vereinigten

Staaten verstoßendes „bewaffnetes Ausrücken,“ und die Amerikaner hatten

ein paar „Meetings,“ worin über diesen Gegenstand eine Masse von

Anträgen gestellt und nicht ein einziger angenommen wurde. Dabei blieb

es aber auch; später lachte man darüber, und der Zug selber erhielt den

Namen der „französischen Revolution.“

Eine Nacht in einer Californischen Spielhölle.

Auf der Plaza von San Francisco wogte eine halb geschäftige, halb

mäßige Menschenmasse herüber und hinüber. Kaufleute und Mäkler, die

Waaren erstehen oder an den Mann bringen wollten; neue Ankömmlinge,

frisch von den Schiffen herunter, die in stummem Erstaunen oder

lauten Ausrufen der Ueberraschung die Wunder der neuen Welt, des

so ganz anders erträumten „Eldorados“ vor und um sich auftauchen

sahen, und noch nicht im Stande waren, die in einander fließenden

Wirren zu einem festen Ganzen zu gestalten; die wettergebräunten,

in Kleidungsstücken arg vernachlässigten, kräftigen Gestalten der

aus den Minen zurückgekehrten Goldwäscher, die, den kleinen strammen

und schweren Lederbeutel im Gurt, in ruhigem Selbstbewußtsein durch

die Straßen schlenderten; und dazwischen der Californische Spanier

in seiner bunten Serape und mit den schweren klingenden Sporen, der

bezopfte Chinese in seiner dünnen, weiten, blauen Jacke, wie dem, jeden

Hemdkragen verschmähenden, nackten Hals -- die Schwärme reinlich und

drall gekleidet Matrosen von einem der Amerikanischen Kriegsschiffe

in der Bai, Franzosen, Amerikaner, Deutsche, Engländer, Argentiner,

Spanier, Südseeländische Indianer, Neger und Mulatten, das Alles

drängte und preßte in müßiger Eile auf und ab; Gold die Nadel, um die

sich Alles drehte, Gold das Ziel, dem die Masse, welches Vaterland,

welche Farbe auch immer, entgegen strebte.

Der erste wilde Rausch war aber vorüber, der die Menschen wie blind

und toll hinauf in die Berge jagte, um selber zu sehen, selber zu

graben. Die Meisten „~had seen the elephant~“[32] und waren vollkommen

befriedigt zurückgekehrt; d. h. sie hatten nicht allein kein Gold

oben gefunden, sondern das wenige, was sie mit hinaufgenommen, noch

obendrein zugesetzt, und schienen nun zu der Ueberzeugung gelangt zu

sein, daß es auch andere Mittel und Wege in Californien gäbe, ihren

„~pile~“[33] zu bekommen.

Diese warfen sich jetzt in die Städte und wurden Kaufleute oder Makler,

Handarbeiter oder Handwerker, Bootsleute, Straßenarbeiter, Markthelfer,

Polizeidiener, Händler, Köche, Holzhacker, Conditoren, Restauranten,

Kellner, Commis, kurz Alles, was sich nur denken ließ, um so rasch als

möglich Geld zu verdienen und -- dann damit nach Hause zurückzukehren?

-- Nein, sondern noch einmal damit in die Minen zu gehen, denn sie

„hatten es das erste Mal nicht richtig angefangen.“

Nur +eine+ Klasse Menschen von all den Herübergekommenen dachte nicht

daran, weder zu arbeiten noch zu handeln, weder zu kaufen noch zu

verkaufen. Mit eigends dazu in den Vereinigten Staaten präparirten

falschen Karten, wo ganze Fabriken in diesem Geschäft arbeiten, das

innere Blatt durch die Punktirungen auf der Rückseite gleich erkennen

zu können, kamen sie nach Californien, und sie thaten Nichts von dem

Augenblick an, wo sie das Land, ja das Schiff selber betraten, das sie

hinüberführen sollte, als Karten zu mischen und Gold zu zählen oder zu

wiegen.

Es waren und sind dies die +privilegirten Spieler+, die ihre

Centralmacht in San Francisco selber haben, und von hier aus in

Strahlen nach den verschiedenen Minen in +jeder+ Richtung hin

ausschießen. Menschen, die mit dem Betrug als Grundlage ihres

Geschäfts, Californien betraten, um Gold zu verdienen und reich zu

werden, und die fest entschlossen dieser Bahn folgen, und wenn ihnen

Mord und Raub dazu helfen müßte.

Werft den Engländern die Deportirten Australiens vor -- sie sind

Heilige gegen diesen Auswurf der Amerikanischen Bevölkerung, zu der

merkwürdiger Weise keineswegs Engländer und Irländer gehören --

eine +sehr+ kleine Zahl vielleicht ausgenommen. Die verworfensten

dieser Spieler und die einzigen in der That, die mit dem schlauen,

im Hazardspiel so merkwürdig kaltblütigen Spanier concuriren können,

sind Amerikanische „~Boys~,“ wie die Jugend der Städte der Vereinigten

Staaten genannt wird.

Von dem prachtvoll ausgestatteten Salon San Franciscos mit seinen

üppigen Gemälden und Verzierungen und hunderten von goldbelasteten

Tischen, bis zu dem dünnen Zelt in den letzten Bergen oben, wo die

Serape, über einen dürftig zusammengenagelten Tisch geworfen, als

Spieltuch die Nacht hindurch, und mit dem dämmernden Morgen als Bett

und Decke dienen muß, überall sind sie zu finden, jeden Augenblick

bereit, dem armen Miner den eben mühsam ausgewaschenen Lohn durch

falsches Spiel wieder zu entwenden. Der Spanische Mantel verbirgt

dabei das erbeutete Gut sowohl, wie den sechsläufigen Revolver und das

scharfe Bowiemesser als Vertheidigungs- oder Angriffswaffe, wie es der

Augenblick oder die Aussicht auf Gewinn gerade erfordern.

Doch mit den Minen haben wir es jetzt nicht zu thun; wir sind auf

der Plaza von San Francisco, und die Dämmerung ist blitzesschnell

hereingebrochen über das Land, wie die Sonne kaum hinter der niederen

„~coast range~“ verschwunden und in das Meer getaucht war, um

Indien seinen Morgen zu bringen. Aber welch’ reges Leben beginnt da

plötzlich in den gewaltigen Gebäuden, die Kearneystreet mit der Plaza

abschneiden? -- Weit öffnen sich die mächtigen Flügelthüren, und von

einer Masse Astrallampen blendend hell erleuchtet, schwimmt und glüht

darin ein Meer von Licht, dem die Menschenmenge fluthend entgegenströmt.

Rechts und links liegen ähnliche Gebäude, aus Backsteinen aufgebaut

und mit eisernen Balkonen und Fensterladen, dem nächsten Feuer, das

diese Reihen nun schon dreimal in Asche gelegt, trotzig und mit Erfolg

die Stirn bieten zu können. Aus allen quillt ein Strom von Licht; aus

allen tönt wilde rauschende Musik, in allen wogen dichte Schwärme von

Menschen herüber und hinüber, und die Wahl wird dem Schauenden schwer,

welches zu betreten. Aber das prachtvollste und großartigste ist jenes

dort, über dessen Eingang mit großen goldblitzenden Buchstaben der Name

~El Dorado~ prangt, und noch unentschlossen, ob wir uns in die „Höhle

des Löwen“ wagen sollen, läßt uns, die Schwelle einmal betreten, die

Neugier nicht mehr zurück, und die nächsten Minuten führen den Neuling,

förmlich trunken von Allem was er sieht, in die Mitte des Raumes, ehe

er sich dessen selber klar und bewußt ist.

Ein ungeheurer Saal, dessen Decke von zwei Reihen weiß lackirter Säulen

getragen wird, breitet sich um uns aus; überall hängen Astrallampen und

geben dem Raum fast Tageshelle, und die Wände sind mit üppigen Gemälden

geschmückt. Nackende schlafende Frauen zeigen sich dort; badende

Nymphen und bacchantische Mädchengestalten; bunte Bilder, die Sinne zu

reizen, und darauf berechnet, mit der rauschenden Musik Schaulustige

hereinzulocken. Einmal dann im Innern, mögen die goldbeladenen Tische

das Ihrige thun, die Fremden zu +halten+. Die Masse, die hereindrängt,

achtet auch wahrlich im Anfang nicht auf die Tische, die einzeln

zerstreut und nur immer weit genug von einander entfernt sind, um einer

Anzahl Menschen zu gestatten, zwischen ihnen zu stehen oder zu sitzen,

und zugleich einen Gang für die Auf- und Abwandernden zu lassen. Zu

viel des Neuen bietet sich außer dem Spiel, und die Sinne müssen das

erst erfassen und verdauen, ehe sie sich mit Andacht dem Spiele selber

zuwenden können.

Rechts im Saal, hinter dem langen Ladentisch, steht ein +Mädchen+, ein

wirklich lebendiges, junges, recht hübsches und anständig aussehendes

Mädchen in schwarzem, enganschließenden Seidenkleid, die zarten

weißen Finger mit Ringen bedeckt, dort Thee, Kaffee und Chocolade

auszuschenken, wie Kuchen, Confekt und Candy oder andere Näschereien

zu verkaufen, während in der anderen Ecke des Saales, hinter einem

entsprechenden Tisch ein +Mann+ angestellt ist, Weine und Spirituosen

zu verabreichen.

An dem Thee- oder Kuchentisch lehnen aber vier oder fünf lange,

ungeschlachte Gestalten und schmachten nach der jungen Dame hinüber,

gießen eine Tasse Thee ~à~ ¼ Dollar nach der andern hinunter, um eine

passende Entschuldigung zu haben dort zu bleiben, und verderben sich

den Magen aus eben dem Grunde an dem süßen Gebäck und den Näschereien,

die sie in Gedanken verzehren.

Ein Trupp von Hinterwäldlern steht ein Paar Schritt zurück von dem

Tisch, hartnäckig den Weg versperrend, und, allerdings auf billigere

Art, den Genuß mit den Schmachtenden theilend. Es sind meist derbe,

kräftige Gestalten, in ihre selbstgewebten Stoffe gekleidet, die hier

in stummem Staunen all’ das Neue, nie Gesehene anstarren. Sie kommen

aber auch +direkt aus dem Wald+. Im fernen Westen der Vereinigten

Staaten erzogen, trieb sie der Ruf nach Californien durch die weiten

Steppen und über die Felsengebirge. So erreichten sie die Minen,

fanden dort im Walde, außer dem Golde, nichts Anderes, als was sie

von Jugend auf gekannt: Bäume und Berge, Thäler und Quellen, ein

Rindendach zum Schlafen und Wild zum Schießen, und erst, nachdem sie

sich etwas verdient, oder auch das Leben voll harter Arbeit in den

Bergen satt hatten, stiegen sie in’s Thal hinab, um die berühmte Stadt

San Francisco zu besuchen. Daß sie hier staunten, darf ihnen nicht

verdacht werden; staunte ja doch der Europäer, der, an großstädtisches

Leben gewohnt, kaum etwas Unerwartetes hier zu finden glaubte, und

sich jetzt plötzlich mitten in einem Treiben sah, das die tollste,

überspannteste Phantasie nicht toller, nicht überspannter sich hätte

ausmalen können.

Aber um das Mädchen drehte sich nach und nach der ganze Saal. Wenn auch

schon einmal gesehen, sie Alle kehrten noch einmal hierher zurück,

und Wenige verlassen den Platz wieder, ohne nicht wenigstens ihren

Viertel Dollar für irgend etwas Genießbares oder Ungenießbares da

zurückgelassen zu haben. Wäre es auch nur, die Paar Worte mit ihr zu

reden die sie sprechen mußte, ihnen den Preis der Waare zu sagen.

Und weshalb? das Mädchen hatte ein recht liebes, freundliches Gesicht

und war hübsch gewachsen, sonst aber keinesweges eine besondere

Schönheit, und wir brauchen in anderen Städten keine Straße entlang

zu gehen, in der wir nicht drei oder vier ebenso hübschen oder

hübscheren begegneten, aber -- es war ein weibliches Wesen, mit all der

sorgfältigen Sauberkeit gekleidet und ausgestattet, wie sie dieselben

wohl zu Hause -- aber seitdem nicht wieder -- gesehen hatten. In ganz

San Francisco existirten in jener Zeit nur erst sehr wenig ordentliche

Frauen, und diese kamen selten oder nie auf die Straße; die Schiffe

brachten fast gar keine, und durch die Prärien kamen nur sehr wenige.

Es war ein Staat von Männern, rauh und kräftig, wüst und verwildert,

-- Männer, meist alle mit den geladenen Waffen in den Taschen, oder im

Gürtel unter Jagdhemd und Rock, die sich viele lange Monate in Wald

und Wildniß herumgeschlagen nur mit ihres Gleichen, und die nun nach

langem mühseligen Marsche, nach schwerer Arbeit in den Bergen, nach

Kämpfen vielleicht mit den gereizten Eingeborenen, oder auch nach

langer monotoner Seefahrt, zum ersten Mal wieder ein freundliches

Mädchengesicht in einem reich eingerichteten, hell erleuchteten Hause

-- hinter Geschirr und Tassen sahen. Kein Wunder, daß sie eine Weile

dabei stehen blieben, um sich satt zu schauen an den freundlichen und

doch so dunklen Augen, und dann vielleicht seufzend weiter gingen. Sie

seufzten nicht des fremden Mädchens wegen, das da aufgeputzt hinter dem

Laden- oder Schenktisch stand, sondern die eigene Heimath, Alles, was

sie dort zurückgelassen, fiel ihnen dabei ein, und um das Gefühl wieder

abzuschütteln, wandten sie sich zu den Bildern oder Spieltischen.

Die Bilder waren aber das beste Mittel gegen jedes derartige wehmüthige

Gefühl -- das junge Mädchen in fast unmittelbarer Nähe mit den

frivolen, ja halb obscönen Gemälden, zerstörte jeden derartigen

Zauber. Die in stiller Anschauung bis dahin Versunkenen wandten sich

kopfschüttelnd ab, Anderen Raum zu geben -- und die junge Dame goß Thee

auf die Anbetung.

Aber halt, was ist das? -- um jenen Tisch dort drängen sich die Spieler

oder Neugierigen -- dort wird wahrscheinlich hoch gespielt, und wer

noch einen Platz bekommen kann, sei es auch nur um auf den Zehen zu

stehen und über die Glücklicheren weg zu schauen, der preßt hinan,

einen Blick von dem zu gewinnen was da vorgeht.

Ein junger Bursche steht dort am Tisch, zwischen den Spielenden und

seinen Helfershelfern. Langsam mischt er die Karten, eine Beschäftigung

zu haben bis das Spiel beginnt, und überwacht dann mit den kleinen,

scharfen, grauen Augen, während die Hände fast unwillkührlich die

Bewegung fortsetzen, die gesetzten Karten.

Californische Skizzen · 第 9 / 18 段