Das Spiel selbst ist uns allerdings fremd; der Spanier an der anderen

Seite dagegen, der den Gang desselben und den Händen des Ausgebenden

mit einem feinen, kaum bemerkbaren Lächeln folgt, ohne bis jetzt

zu setzen, scheint es desto besser zu kennen. Es ist ~Monte~, ein

Spanisches Spiel, auch mit Spanischen Karten gespielt, und die

wunderlichen Figuren der Karten selber, die gekreuzten Schwerter und

goldenen Kugeln, die Reiter statt der Dame etc. etc., fesseln das Auge

des Fremden im Anfang vor allen Dingen, und geben den keck darauf

gesetzten Rollen und Säckchen von Silber und Gold einen noch viel

höheren und geheimnißvolleren Reiz.

Das Spiel selbst hat Aehnlichkeit mit unserem +Landsknecht+; die links

aufgeworfene Karte ist für den Banquier, die rechts geworfene für den

Spieler, und es wird dadurch ein doppeltes, daß er zwei oben und zwei

unten auswirft, dem einzelnen Spieler also auch Gelegenheit giebt, zwei

zu gleicher Zeit zu setzen.

Der junge Bursch, für den wir uns gleich von vornherein interessirten,

kann höchstens sechzehn Jahre alt sein. Er ist hoch und schlank

aufgeschossen, aber seine Züge hätten noch etwas weichliches,

kindliches, strafte den Gedanken nicht das dunkel und leidenschaftlich

glühende, eingesunkene Auge, wie die fest und krampfhaft

zusammengepreßten bleichen Lippen Lügen. Seine rechte Hand stützt sich

geballt auf das grüne Tuch des Tisches, in dessen Mitte aufgestapelte

Dollare eine Mauer um einen Haufen kleineren Goldes und Goldstücke,

sowie kleiner eingenähter Säckchen mit Goldstaub bilden, und drei

oder vier größere Klumpen Gold, und gemünzte kleine Barren, mehr als

Zierrath als zum wirklichen Gebrauch obenauf liegen. Seine Linke hat

er in der Weste, und der zurückgeschobene Filzhut läßt einzelne blonde

Locken, wie die hohe feuchte Stirn frei. Sein Gold, vielleicht zwanzig

oder fünfundzwanzig halbe „Eagles“ (5 Dollar), steht auf dem Reiter,

und die in ihren Höhlen glühenden Augen haften in peinlicher Spannung

auf den Händen des Spielenden.

Dieser, ein Amerikaner, sitzt kalt und ruhig hinter seinem Tisch, die

abzuziehende Karte schon im Griff, und nur mit den Augen noch den Satz

rings umher revidirend, ob Alles in Ordnung sei. Das Aß und die Dame

sind die obersten Karten -- der junge Bursche hat gewonnen, und ein

triumphirendes Lächeln zuckt um seine Lippen.

„Heut zahl ich Euch zurück, was Ihr mir neulich angethan, Robertson,“

lachte er heiser zwischen den kaum geöffneten Zähnen durch.

„Hoffentlich,“ erwiedert der Spieler ruhig, mit einem zweideutigen

Lächeln -- „Ihr seid im Glück heute, Lowel, und solltet es eigentlich

forciren.“

„Die Summe bleibt auf der Dame und +das+ da auf die Drei!“ -- Hier

und da am Tisch werden kleinere Umsätze ausgezahlt oder eingezogen, und

wieder fallen die Karten -- beide Sätze haben verloren.

„~Damn it~,“ knirscht der junge Bursch leise und kaum hörbar vor sich

hin, aber die Hand bringt fast unwillkührlich neue Beute zu Tage, ein

Säckchen mit Goldstaub, das der Spieler selbst keines Blicks würdigt.

Das Säckchen mochte etwa zwei Pfund enthalten, und der Spanier, der ihm

gegenübersteht, wirft jetzt ein Paar Unzen auf die entgegengesetzte

Karte.

„Ihr mißtraut dem Glück des Gentleman da, Señor,“ lächelte der Spieler,

die Karten fest und ruhig mit der linken Hand umspannt, den eigenen

Blick aber forschend auf die Augen des Californiers geheftet.

„~Quien sabe?~“ murmelt dieser gleichgültig, aber -- seine Karte hat

gewonnen.

„Teufel,“ zischte der junge Spieler zwischen den fest

zusammengebissenen Zähnen durch, und die Hand suchte in krampfhafter

Hast in seinen Taschen nach anderem Gold -- umsonst -- nicht in der --

nicht in der -- „Fort -- gestohlen!“ stammelt er dabei vor sich hin,

und die stieren Blicke schweifen mißtrauisch und scheu dabei von Einem

zum Andern der ihn dicht Umdrängenden. Er begegnet nur gleichgültigen

oder spöttischen Mienen.

„Kommt, Fremder -- wenn Ihr nicht mehr spielt laßt einem Anderen den

Platz!“ sagte ein in ein blaues, schmutziges und zerrissenes Staubhemd

gekleideter bärtiger Gesell, dem der arg mitgenommene zerknitterte

Filzhut seitwärts auf dem wirren Haar sitzt -- „es scheint mir, Ihr

seid fertig.“

„Ich stehe hier so lange als es mir gefällt.“

„Bitte, Sir, wenn Sie nicht mehr spielen, geben Sie Anderen Raum,“

-- sagte aber auch jetzt der neben ihm sitzende zweite Spieler

gleichgültig -- „unser Tisch ist überdies gedrängt voll.“

„Ich bin bestohlen worden,“ -- ruft der junge Mann jetzt, einen

ingrimmigen Blick dabei auf den im Staubhemd werfend -- „schändlich,

niederträchtig bestohlen worden.“

„Dann sieh mich nicht so dabei an, mein Bursch, wenn ich bitten darf,“

sagt der im Staubhemd ruhig.

„Ich sehe an, wen ich mag!“ -- trotzte der Aufgeregte -- „und wer den

Blick nicht ertragen kann, der sehe weg.“

„Platz da!“ -- brummte der Miner im Staubhemd, den Kopf halb

zurückdrehend zu den hinter ihm Stehenden, und den jungen Spieler mit

riesiger Kraft packend, hob er ihn auf und warf ihn hinter sich.

„Hab’ Acht -- hab’ Acht!“ -- schrieen in dem Augenblick mehrere

Stimmen, und zwei oder drei Hände fuhren zu und warfen den Arm

des Rasenden in die Höhe, der, mit einem Revolver bewaffnet und,

unbekümmert um die Folgen, gerade auf den Kopf des Angreifers gerichtet

war. Ob aber auch gefaßt, zuckte der Finger des jungen Verbrechers

zweimal, ehe sie ihm die Waffe entreißen konnten, und die eine Kugel

schmetterte die Glocke einer Astrallampe auf die Untenstehenden, die

lachend und fluchend auseinanderstoben, während die andere harmlos in

die Decke schlug, dort nur ein wenig Kalk niederwerfend. -- Es war

nicht das einzige derartige Zeichen da oben.

„Ich danke,“ -- sagte der Miner im blauen Jagdhemd ruhig zu den

Umstehenden, und ohne sich weiter um den Rasenden zu kümmern, der sich

in den Händen der ihn Haltenden wand und förmlich schäumte vor Wuth,

nahm er ein Päckchen Gold aus seiner Blouse und setzte es auf die ihm

nächste Karte.

Der junge Spieler, von dem man fürchtete daß er noch andere Waffen bei

sich haben könne, wurde indessen von einigen handfesten Irländern, die

sich der Sache freundlich unterzogen, bis an die Thür geschleppt, wo

ihn zwei durch den Schuß herbeigerufene Polizeidiener in Empfang nahmen

und fortführten.

Die Neugierigen im Saal hatten indessen alle dahin gepreßt wo der Schuß

gefallen war, so viel wie möglich von einem dort vermutheten Kampf

zu sehen, und die Spieler der nächsten Tische mußten ein Paar Minuten

wirklich Gewalt brauchen, die Andrängenden zurückzuhalten -- selbst der

Kuchentisch war für ein Paar Augenblicke leer geworden -- aber nicht

lange.

Zu viel des Neuen, zu viel des Interessanten bot sich indessen überall,

die Aufmerksamkeit der Zuschauer lange auf einem Punkt, an einen Platz

zu fesseln, selbst wenn ein solches Intermezzo mit einem Schuß gewürzt

war. Von einer andern Seite des Saales her tönte in diesem Augenblick

wieder Lärmen, Geschrei und Lachen -- was war dort geschehen?

„Das war brav gemacht -- bravo -- hurrah!“ schrie die Menge, und die

gellende Stimme eines Mannes, der gegen etwas eifrig protestirte, wurde

immer wieder auf’s Neue von dem Jubelruf unterbrochen.

Ein eigener Zwischenfall hatte sich hier ereignet, bei dem sich die

Menge bald zum Richter aufwarf und entschied.

Ein Mann in schwarzem Frack und dunklen Hosen, ganz anständig und

reinlich gekleidet, war schon seit mehreren Abenden -- heute am

siebenten -- regelmäßig um dieselbe Zeit zu ein und demselben Tisch

getreten, hatte dem Spiel eine Weile beobachtend zugesehen, bis er

zuletzt einen leinenen Sack aus seiner Brusttasche holte und ihn

auf eine Karte setzte. Die Karte gewann am ersten Abend, und er

schüttete den Sack, um das Geld zu zählen, auf den Tisch aus. Es waren

achtundzwanzig Spanische Dollar, die ihm der Spieler ruhig auszahlte,

und der „~gentleman~“ verließ mit seinem Gewinn, ohne Fortuna einen

zweiten Wurf anzuvertrauen, und wahrscheinlich gegen die Erwartung des

Spielers, den Tisch wieder.

Am zweiten Abend kam er wieder, setzte wieder und -- verlor. Mit

größter Kaltblütigkeit aber, ohne auch nur eine Miene zu verziehen,

öffnete er den Sack, faßte ihn an den beiden unteren Zipfeln,

schüttelte ihn aus -- und er enthielt genau die gleiche Summe, wie am

vorigen Abend -- rollte ihn dann wieder zusammen und verließ, ihn in

seine Tasche zurückschiebend, den Saal.

Am dritten, vierten und fünften Abend dieselbe Sache -- die Spieler

lernten den Mann kennen und amüsirten sich über sein wunderliches

Wesen; wieder verlor er und betrug sich genau wie die ersten Male, den

Sack nahm er jedesmal wieder mit sich fort.

Am sechsten Abend -- und so regelmäßig hielt er dabei seine Zeit, daß

die Spieler untereinander lachend sagten -- „es ist noch nicht acht

Uhr, der Mann hat uns seine achtundzwanzig Dollars noch nicht gebracht“

-- dasselbe Spiel. Wieder verlor er sein Geld, und der Barkeeper oder

Ausschenker am Spirituosentisch, dem gerade gegenüber dieser Spieltisch

stand, lachte laut auf, als der merkwürdige Gesell das Geld so ruhig

ausschüttete, als ob er für Jemand Anders hier seine regelmäßige

Zahlung zu leisten, und nicht das eigene Geld verspielt und weggeworfen

hätte.

Der siebente Abend kam. Es war schon eine volle Minute nach acht

Uhr, und der eine Spieler rief lachend dem andern zu: „Wir sind zu

hart mit ihm verfahren und haben ihn verscheucht;“ als sein Kamerad

lächelnd zur Seite zeigte und der Mann im schwarzen Frack, ohne eine

Miene zu verziehen oder auf das Kichern und Flüstern um ihn her zu

achten, zu seinem gewöhnlichen Platz am Tisch trat, den ihm einige der

zufällig schon früher mit ihm hier Zusammengetroffenen willig räumten,

gerade bis ein Viertel auf neun dem Spiel ruhig zusah und dann den

Allen wohlbekannten Leinwandsack neben die eben ausgeworfene Zwei

niedersetzte.

Ein paar Karten wurden indeß abgezogen, ohne daß die Zwei erschien --

jetzt fiel die Drei links, und rechts -- ein feines, kaum bemerkbares

Lächeln zuckte um des Spielers Lippen -- die Zwei. Der Fremde wurde

todtenbleich, aber ohne auch nur eine Sylbe über den endlichen Wechsel

seines Glücks zu äußern, streckte er ruhig wieder die Hand nach dem

Leinwandsack aus und war eben im Begriff ihn aufzubinden, die Dollar,

wie er das am ersten Abend gethan, überzuzählen, als der Spieler

lachend sagte:

„Laßt nur sein ich weiß schon wie viel d’rin sind. -- Achtundzwanzig --

hab’ ich nicht Recht?“

„Nein!“ sagte der Mann ruhig und schüttelte das Silber auf den Tisch

und schüttelte den Sack stärker, und hinter dem Silber her eine Rolle

fest zusammengewickelter Banknoten und ein fest ineinandergefaltetes

Papier.

„Was ist das?“ riefen die Spieler erschreckt, und die Umstehenden

drängten überrascht und neugierig hinzu.

„Mein Satz,“ sagte der Mann anscheinend gleichgültig und knüpfte das

Band auf, das die Banknoten zusammenhielt.

„Halt, das gilt nicht!“ schrie aber der Spieler, seine Karten

niederwerfend, „das ist falsches Spiel -- Ihr habt die vorigen Abende

nur achtundzwanzig Dollar gezahlt.“

„Falsches Spiel?“ -- rief der Mann, und seine Augenbrauen zogen sich

drohend zusammen -- „beweist mir falsches Spiel, Ihr Kartenmischer.

Hab’ ich den Sack nicht vollständig, wie er da ist, auf jene Karte

gesetzt? und habt Ihr Euch etwa geweigert, ihn uneröffnet anzunehmen?“

„Nein, das ist Alles in Ordnung -- Alles in Richtigkeit!“ riefen die

Umstehenden, immer gern bereit, gegen den Spieler Parthei zu nehmen.

Sie sind fest überzeugt, daß er nicht ehrlich spielt, und trotzdem

treten sie doch immer und immer wieder selber hinzu, ihr Geld ebenfalls

in den Brunnen zu werfen. „Er hat es gesetzt und gewonnen, und muß es

bekommen!“ riefen Andere.

„Zählt Euer Geld -- wie viel habt Ihr?“ sagte der Spieler, der rasch

ein Paar Worte mit dem Gegenübersitzenden geflüstert hatte -- „wie viel

ist es?“

„Erstlich achtundzwanzig Dollar in Silber,“ sagte dieser ruhig, und die

Anderen lachten -- „dann hier in Banknoten ein, zwei, drei, vier, fünf,

sechs, sieben, achthundert Dollar, und dann hier“ --

„Was noch?“

„Eine kleine Anweisung auf Dollsmith und Penneken, so gut wie Silber,

acceptirt und Alles; das Geld braucht nur abgeholt zu werden, auf --

drei Tausend.“

„Drei Tausend?“ -- schrie der Spieler, erschreckt von seinem Stuhl

aufspringend -- „das wären beinah vier tausend Dollar zusammen; seid

Ihr wahnsinnig? -- das brauch’ ich nicht zu zahlen.“

„+Braucht+ Ihr nicht?“ -- sagte der Fremde erstaunt -- „hättet Ihr’s

nicht +genommen+, wenn ich’s +verloren+?“

„Gewiß hätt’ er -- das versteht sich -- ob die’s nehmen? -- Alles, was

sie kriegen können und ein klein Bischen noch mehr,“ -- schrieen die

Stimmen um den Tisch herum. -- „Er muß zahlen, da hilft ihm kein Gott.“

„Gentlemen,“ -- protestirte aber der Spieler jetzt gegen die Schaar,

in der trostlosen Hoffnung diese zu seinen Gunsten zu lenken. --

„Gentlemen, der Herr da hat jeden Abend die ganze vorige Woche gesetzt

--“

„Und jedesmal verloren,“ -- fiel ein Anderer ihm in die Rede -- „ich

bin einige Male selber dabei gewesen und habe es von Anderen erzählen

hören, und er hat nie ein Wort dagegen eingewandt.“

„Aber das waren nur achtundzwanzig Dollar.“

„Und wenn es jetzt so viele Tausende wären.“

„Aber so lassen sie mich ausreden,“ -- schrie der Spieler, mit

Todtenblässe im Gesicht und funkelnden Augen -- „es waren nur

achtundzwanzig Dollar die er mir auf den Tisch schüttelte, und die

Papiere hielt er zurück -- dreimal schon hab’ ich die Summe von ihm

gewonnen.“

„Beweist mir, daß ich einen Cent mehr wie die achtundzwanzig Dollar

im Beutel gehabt!“ rief aber der Fremde verächtlich -- „mit solchen

Ausflüchten kommt Ihr nicht durch.“

„Warum hast Du den Sack nicht mitbehalten, ~compañero~,“ -- lachte ein

Spanier, der dabei stand -- „+wir+ behalten Alles was auf die Karte

gesetzt wird.“

„Hätt’ er wieder verloren, so wären nicht mehr aus dem alten verdammten

Leinwandbeutel herausgekommen, wie die Paar lumpigen Silberdollar“ --

fluchte der Andere.

„Möglich, aber nicht zu beweisen,“ -- lachten die Umstehenden -- „Ihr

müßt zahlen.“

„Verdammt, wenn ich’s thue,“ -- schrie der Spieler und schlug mit

der geballten Faust auf den Tisch. -- „Eine neue Art von Betrug und

Schurkerei ist’s, die sie an mir versuchen wollen -- aber sie sind an

den Unrechten gekommen. -- Ich zahle nicht.“

„Ich habe an Dich hundert Dollar die letzte halbe Stunde verloren“

-- schrie da ein langer riesiger Kentuckier, sich zum Tisch

durchdrängend, und über der Anderen Schultern fort -- „und hab’ sie Dir

zahlen müssen bis zum letzten Cent. Weigerst Du Dem die Zahlung, mußt

Du mir mein Geld auch wieder herausgeben.“

„Und mir auch -- mir auch!“ -- schrieen eine Menge Stimmen

durcheinander -- „ich habe auch verloren -- ich auch -- ich zehn Dollar

-- ich funfzig -- ich fünfundzwanzig -- ich ein Pfund Gold -- heraus

mit dem Geld, wenn er nicht zahlen will.“

Ein anderer Spieler vom Nachbartisch war indessen zu dem Kameraden

getreten und hatte, während der Tumult wuchs, einige Worte mit ihm

geflüstert. Der Verlierende stritt ebenfalls mit unterdrückter Stimme

dagegen an, wich aber doch zuletzt dessen Zureden und nahm das Geld,

um es noch einmal zu überzählen, wonach Beide die Banknoten wie

den fälligen Wechsel eines der ersten Banquierhäuser in der Stadt

sorgfältig prüften. Es war gegen beide Nichts einzuwenden, und

während der Fremde wieder, in dem Tumult um sich her, seine frühere,

vollkommen ruhige Stellung eingenommen hatte und dem Lärm scheinbar

so gleichgültig zusah, als ob ihn das Ganze auch nicht das mindeste

anging, zählte indessen einer der Spieler das Geld ab, das fast die

ganze prahlerisch aufgestapelte Baarschaft des Tisches mit fortnahm.

Mehrere Pakete mit Goldstaub mußten sogar noch dazu gelegt werden, die

der Fremde, ehe er sie acceptirte, aufschnitt, aufmerksam betrachtete

und an dem Spirituosentisch, wo er sich zugleich ein Glas Brandy;

einschenken ließ, abwog. Es war Alles in Richtigkeit, und das Gold in

den verschiedenen Taschen bergend, schüttete er, was übrig blieb, in

den verhängnißvollen Leinenbeutel, schob die Banknoten und Papiere in

seine Brusttasche zurück und verließ jetzt mit einem freundlichen Dank

gegen die Umstehenden, der mit einem donnernden Hurrah erwiedert wurde,

den Saal.

Die Uebrigen lachten und plauderten noch eine Weile über den Fall. Von

allen Gegenwärtigen waren vielleicht nicht drei der Meinung, daß er

die Banknoten und den Wechsel, wie der Spieler behauptete, die vorigen

Abende nicht auch schon im Beutel gehabt, die wohl zu Tage gekommen

wären, wenn er nur einmal gewonnen hätte; aber es galt ihnen das nicht

als Betrug; es war Schlauheit. Der Spieler wahrte sich ebenfalls jeden

rechtlichen oder unrechtlichen Vortheil den er gewinnen konnte; dafür

hatte jeder seine Augen, daß er aufpasse.

Oben im Saal und so weit erhöht, daß es von allen darin Befindlichen

gesehen werden konnte, befand sich das Orchester, eine etwas

zusammengewürfelte Schaar von Streich- und Blaseinstrumenten, die,

nur mittelmäßig eingeübt, da oben, wie es der Amerikaner nennt „einen

angenehmen Spektakel,“ machten. Die Musici spielten Tänze und Märsche

aus Französischen und Deutschen Opern, Negerlieder und Englische

Balladen, was gerade vorkam; und der Zweck war viel weniger eine

Unterhaltung, als ein Halten des Publikums, das sich in dem warmen,

hell erleuchteten und von Musik durchströmten Raum wohl fühlen

sollte. Blieben die Leute dann lange da, so ließen sie sich auch wohl

verleiten, wie fest Viele auch im Anfang zum Gegentheil entschlossen

waren, einmal zu setzen; und das Honorar der Musiker zahlte reichlich

die entsetzlich hohe Miethe der Spieltische.

Das Publikum drängte auch gleichgültig unter der Musik hin und her.

Nur die Backwoodsmen, die, wie ein Yankee meinte, lange genug vor dem

Kuchentisch gestanden, „ihren Schatten an der Wand zu lassen,“ machten

auch hier Front und schauten erst in stummer Verwunderung zu den

vielen Trompeten hinauf, bis die Posaune anfing aus- und einzuziehen,

und stießen sich dann feixend in die Rippen und lachten über den

wunderlichen Mann mit der Trompete von „glänzendem Gummi“.

Jetzt schwiegen die Blas-Instrumente. Die der Mitte Nächsten traten ein

wenig zurück, und mit einem kleinen leichten Notenpult in der rechten,

einer Violine mit dem Bogen unter dem linken Arm, trat ein junges,

bildschönes Mädchen auf das Orchester.

„Da ist sie wieder -- da oben steht sie“ -- flüsterten die

Nächststehenden einander zu, und die Augen von Hunderten richteten

sich, wie die Worte unten von Mund zu Mund liefen, oben auf die

liebliche Erscheinung. Selbst der Thee wurde in diesem Augenblick

vernachlässigt, und nur ein langer Yankee blieb, eine volle Tasse

vor sich -- es war die siebzehnte heute Abend -- beide Ellbogen auf

den Ladentisch gestemmt, allein und als Sieger zurück. So starrte er

in das freundliche Gesicht der Verkäuferin -- die allerdings hart an

sich halten mußte nicht gerad’ herauszulachen, und dadurch einen ihrer

besten Kunden zu verscheuchen.

Die Violinspielerin oben begann jetzt auf dem Orchester ein

Adagio-Solo, dessen leise, schwellende Töne aber in dem Murmeln der

Versammlung gänzlich verschwammen. -- „Bst -- bst“ -- tönte es von

den Lippen der Zunächststehenden; aber was kümmerte die Spieler die

Melodie da oben. Wenn in diesem Augenblick ein Engel niedergestiegen

wäre, seine himmlischen Weisen anzustimmen, Karten und Würfel würden

ihre Augen gefesselt, ihre Ohren verschlossen gehalten haben, und leise

gemurmelte oder laut ausgestoßene Flüche waren die einzige Antwort,

wenn Jemand etwa gar direkt gemahnt wurde weniger Geräusch zu machen

„der Musik wegen“.

„~Damn the music~,“ -- lautete dann wohl die barsche Antwort, mit einem

noch schlimmeren Fluch als Träger -- „was zum Teufel hab’ ich damit zu

thun -- die Fiedelspieler geben +mir+ mein verlorenes Gold nicht wieder

-- geht zum Teufel.“

Das Mädchen oben aber kümmerte sich nicht um den Lärm und spielte ruhig

weiter. Ihre Töne hoben sich und drangen zitternd und weich und doch

so mächtig, bis in den entferntesten Winkel des weiten Raumes, und die

Musici oben saßen still und schweigend und lauschten tief ergriffen den

wunderbaren Lauten.

Es war ein junges Mädchen von etwa siebzehn Jahren, jedenfalls

südlicher Abkunft, mit dunklen rabenschwarzen Locken und eben solchen

Augen, aber marmorbleichen und doch so zarten, fast durchsichtigen

Zügen, die jetzt in der Erregung des Augenblicks, wie tief unter der

Haut, von einem schwachen rothen Schimmer durchzogen wurden. Wie kam

das arme Kind hier in diesen entsetzlichen Aufenthalt des Lasters? wie

hatte sich die Nachtigall dazu hergeben können, ihren Ton zu leihen,

die Beute in die Fänge der Eule zu locken? -- Was hatte sie überhaupt

an diese wilden, ungastlichen Ufer getrieben, wo die Gier nach Gold

jedes edle Gefühl, jede zarte Sitte und stille Weiblichkeit unter die

Füße trat? -- Ein Lockvogel in einem Spielhaus -- trauriges, trauriges

Brod, das sie vielleicht mit ihren Thränen netzte. Oder wäre auch

dieses junge Herz schon verdorben gewesen von dem Gifthauch des ~El

Dorado~? Das seelenvolle, unschuldige Auge strafte den Verdacht Lügen,

und die milden schwellenden Töne des Instruments klangen doch wieder

wie wehzerrissene Klagen schuldiger Brust.

„Verdammt feines Mädchen das da oben,“ -- sagte ein Miner zum Andern,

mit dem er unter dem Orchester stand und hinaufschaute, „wollte ein

Paar Pfund drum geben, wenn ich die mit oben in unserm Winterzelt

hätte. Donnerwetter, wie die Jungens droben schauen würden, wenn ich

solch einen Brodverzehrer mit hinaufbrächte.“

„Würde auch theuer zu kaufen sein,“ -- meinte Anderer -- „sie sieht

stolz und vornehm aus, die ist Nichts für unsereins.“

„Bah,“ -- sagte der Andere verächtlich -- „Nichts für unsereins!

weshalb? -- mit Gold kauf’ ich Alles -- möchte wissen, wo sie herkommt?“

„Aus dem alten Lande,“ -- sagte ein Dritter, der das Gespräch überhört

hatte, leise zu den beiden Minern, -- „ist aber nicht zu bekommen. Das

hat schon Mancher versucht. Dort steht ihr Alter.“

„Wo? -- der da mit dem schwarzen abgetragenen Rock und den dunklen

langen Haaren? -- Das ist ein Spanier.“

„Ja wohl, und so stolz, als ob er der König selber wäre.“

„Aber er spielt hoch --“

„Beide,“ -- lachte der Amerikaner -- „die Eine da oben, der Andere

hier unten, nur mit dem einen Unterschied, daß die Dirne dort der

Brodverdiener ist, und der Alte hier das Geld allabendlich schon im

Voraus verspielt, was sie da oben von den Spielern bekommt, um Grüne

hereinzulocken.“

„Und wovon leben die Leute?“

„Gott weiß es -- keinenfalls kostbar, und ich glaube, sie haben ein

Zimmerchen hier im Hause irgendwo, hoch oben unterm Dach.“

„Aber was zum Teufel spielt sie für Zeug?“ -- sagte der Erste wieder --

„hübsch ist sie, aber mit der Fiedel weiß sie nicht umzugehen; da kann

ja kein Mensch einen Tackt dazu tanzen.“

„Ja, zum Tanzen spielt sie’s auch wohl eigentlich nicht,“ -- sagte der

Hinzugekommene -- „wer geht mit, eins zu trinken?“

„Wer geht +nicht+ mit?“ -- lachte der Erste -- „Trinken ist immer

besser wie Musik!“

Ein klein wenig oberhalb der Bar oder dem Schenktisch, schien jetzt

etwas vorzugehen, und die Neugierigen sammelten sich bald um eine

Stelle, wo ein junger Bursch von vielleicht dreizehn Jahren hinter

einem kleinen Tisch stand und mit einigen „~green mountain boys~“[34]

~vingt-un~ spielte. Die beiden Burschen sahen aus wie ein Paar

Farmerssöhne aus dem Gebirg, die eben noch nicht viel von dem Leben und

Treiben in der Welt gesehen; hier aber, mit den Französischen Karten,

die sie eher kannten wie die Spanischen, und mit einem Spiel, das sie

selber schon oft in New-York hatten spielen sehen, oder vielleicht

selbst gespielt hatten, ihr Geld glaubten „finden“ zu können, ohne

gerade in die Berge zu gehen und hart danach zu graben.

Die ersten vier fünf Male gewannen sie auch kleine Summen, und der Eine

von ihnen fing an Gewissensbisse zu fühlen, daß sie dem „Kind“ das Geld

abnähmen.

Californische Skizzen · 第 10 / 18 段