schlanke, schwarzäugige Gestalt von ungefähr 26 Jahren, indem sie
hinter dem Schenktisch vorkam und zu der Gruppe trat. „Die beiden
Männer die ihn brachten, haben ihn, ihrem Auftrage zufolge, weiter nach
Angels Camp hinunter genommen.“
„Und der Inhalt?“
„War kurz folgender. In Sonora haben die Amerikaner an Franzosen, die
sich weigerten die Taxe zu zahlen, gewaltsam Hand gelegt. Zwei von
ihnen und ein Deutscher liegen im Gefängniß, und man erwartet, daß
gegen Recht und Gesetz des Lynch law an ihnen vollzogen werden wird,
noch dazu, da auch der Sheriff von Sonora, ein Amerikaner, gestern von
einem Spanier erstochen wurde. Die Franzosen in Sonora fordern nun
in jenem Brief ihre Landsleute in den Minen auf, ihnen ohne weiteres
Säumen bewaffnet zu Hülfe zu eilen, wenn sie nicht die scheußlichste
Gewaltthat vor ihren Augen wollen verübt sehen. Das ist der Inhalt des
Briefes, und unterzeichnet hat ihn ein sehr achtbarer Franzose, der ein
Geschäft dort hat, ein gewisser Ledroy. Machen Sie sich übrigens fertig
denn es wird spät,“ fuhr die junge Dame etwas lebhafter fort, „und in
einer Stunde etwa brechen wir alle auf.“
„Und wollen Sie denn auch mit?“ -- sagte der Schweizer verwundert.
„~Certainement; ma vie pour mes paysans.~“
„Wer wird denn da zurückbleiben,“ schrie Fuchs kirschroth vor Eifer.
„Das ist ja eine niederträchtige Scheußlichkeit, die nur mit Blut
ausgewaschen werden kann.“
„Erst sehen und dann glauben,“ brummte aber, immer noch ungläubig, der
Schweizer; „es haben in letzter Zeit hier so viele Lügen circulirt
und überall gleich Aufnahme gefunden, daß man wohl Ursache hat ein
wenig mißtrauisch zu werden. Kaltes Blut ist bei solchen Dingen die
Hauptsache.“
„Kaltes Blut? Fischblut!“ zürnte, in kampflustigem Eifer, Fuchs, und
goß ein Glas Claret die durstige Kehle hinab. „Wer kann bei solcher
Nachricht noch an Ueberlegen denken. Und liegt denn Sonora etwa am
andern Ende der Welt, daß „falsche Gerüchte“ so leicht zu uns herüber
kommen könnten? Sonora ist kaum 25 Meilen von hier entfernt, und die
beiden Männer, die sich dort auf ihre Pferde geworfen und uns die
Nachricht gebracht haben, sind uns Bürge genug.“
„Wie wär’s, wenn ich mich heute Abend einmal hinüber machte,“ sagte
da ein anderer Deutscher auf spanisch, denn er war der französischen
Sprache nicht mächtig. -- „Bis morgen früh kann ich drüben sein, und
genaue Erkundigung über die Sache einziehen. Verhält sich dann Alles
so, wie’s in dem Briefe steht, so bring’ ich die Bestätigung bis morgen
gegen Mittag hierher. Nachher brechen wir alle auf, und dann wollen wir
schon sehen ob eine Bande gesetzloser Amerikaner, ihrem eigenen Gesetz
zum Trotz, mit den verachteten Fremden thun kann, was sie eben will.
Dann sind +wir+ auch noch da.“
Fuchs wollte hiergegen eben wieder eine grimmige Erwiederung machen,
Madame schnitt ihm aber mit einer graciösen Bewegung der Hand, die
gewissermaßen als Entschuldigung dienen sollte, hier aber etwa so
viel sagte als: nachher, dann kannst du reden so viel du willst, das
Wort ab, indem sie sich ohne weiteres zwischen die Männer drängte und
besonders den letzten Sprecher anredete.
„Monsieur Fisher,“ sagte sie in ziemlich geläufigem Spanisch --
„weitere Erkundigungen sind gar nicht nöthig. Der Brief, den wir fast
alle gelesen haben, wie das mündliche Zeugniß der Ueberbringer verbürgt
uns die Thatsachen. Also, wem noch ein muthiges Herz in der Brust
schlägt, der reihe sich unserer Fahne an -- ~Allons enfans de la
patrie, le jour de gloire est arrivé!~“
Fuchs fiel mit ein paar Umstehenden augenblicklich in das Lied ein,
ein Gedränge nach dem Schenktische entstand zugleich, und das Gespräch
wurde jetzt allgemein, lief aber auch in allen Richtungen auf den einen
Punkt hinaus, daß sich sämmtliche Franzosen rüsten wollten, noch an dem
nämlichen Abend nach Sonora, das sie dann am nächsten Morgen mit der
Morgendämmerung erreichen konnten, aufzubrechen.
Fischer, von dem Schlachtenmuth der übrigen angesteckt, traf ebenfalls
alle nöthigen Vorbereitungen, kaufte sich in aller Eile eine
Doppelflinte und Pulverhorn für 40 Dollars, womit ihn ein Landsmann aus
reiner Gefälligkeit, eben so in Eile, übers Ohr hieb, schaffte sich
noch Pulver und Blei genug an, im schlimmsten Fall eine Belagerung von
drei Wochen auszuhalten, und fand sich zur bestimmten Zeit pünktlich in
Louis Zelt zum Aufbruch ein.
Dort ging es indessen bunt genug her; ein großer Theil hatte des
Guten in Wein und Brandy schon weit mehr gethan, als sich mit seinen
sonstigen Bedürfnissen und Gewohnheiten vertrug. Deutsche, Spanier
und Franzosen waren dabei wild durcheinander gemischt, alle möglichen
Sprachen wurden gesprochen, denn selbst Englisch mußte manchmal
zwischen einzelnen, und nicht selten gemißhandelt genug, zur Aushülfe
dienen.
Unter den Deutschen zeichnete sich jetzt besonders -- denn Fuchs war
seit der letzten halben Stunde, und als es wirklich zum Ausbruch
kam, merkwürdig ruhig geworden -- ein langer Barbier, Namens Frei,
~alias~... ~alias~ ... aus, der diesen Abend angelegentlich dazu
benutzt hatte die Zähigkeit seines bis dahin schon etwas sehr
ausgedehnten Credits bis auf das Aeußerste zu erschöpfen. Er stand
solcher Art jetzt auch wirklich im Begriff mit geborgter Flinte,
geborgtem Messer, geborgtem Hut und geborgten Schuhen in die Schlacht
zu ziehen.
„Brüder!“ sagte er dabei, denn der geborgte Wein lag ihm schwer
auf Herzen und Zunge, „wenn ich bleibe, so seid überzeugt, -- ich
bin -- ich bin für +Deutsche+ geblieben. -- Mein Blut, mein ganzer
Körper schlägt nur für Deutsche -- und ein Hundsfott, wer kein ächter
Deutscher ist.“
Diese letzte Redensart wäre nun allerdings etwas umfassend zu deuten
gewesen, hätte sich überhaupt Jemand um ihn oder seine Reden bekümmert.
So, als er sah daß die übrigen mit ihren eigenen Vorbereitungen
beschäftigt waren, trank er, in seinen tiefen Schmerz versenkt,
sämmtliche im Bereich seines Armes stehende Gläser aus, drückte einem
kleinen Negerjungen, der neugierig hereingekommen war zu sehen was die
bewaffneten Männer alle wollten, die Hand mit solcher Wärme, daß der
kleine Kerl laut aufschrie, steckte dann noch einen Genickfänger, der
auf dem Tisch lag, und der, wie er vielleicht fürchten mochte, hätte
verloren gehen können, in seine eigene Tasche, und verschwand in der
draußen indeß vollkommen eingebrochenen Dunkelheit. Und seine Ahnung
hatte ihn nicht betrogen, er blieb wirklich -- d. h. er blieb fort; in
jenem Minenstrich hat ihn wenigstens Niemand wieder gesehen, und etwas
später erkundigten sich noch mit einiger Theilnahme Wirthe und sonstige
Händler nach ihm, doch vergebens. Wie er gesagt, er war für Deutsche
+geblieben+.
Der Plan des Zuges lag aber nicht darin ~en masse~ von Mr. Louis
Schenkzelt, der dadurch später leicht hätte in Unannehmlichkeiten
verwickelt werden können, aufzubrechen. Der Sammelplatz war deßhalb im
Freien, etwa eine halbe Meile vom „Camp“ weg, an einen bestimmten Pfad
verlegt worden, wohin man sich einzeln oder in kleinen Gruppen begeben,
und von dort dann vereint den Marsch antreten wollte.
Die meisten Männer waren schon voraus und Louis Zelt hatte sich fast
ganz geleert, so daß nur noch Herr und Madame Louis, und unser alter
Bekannter Fuchs darin zurückblieben, und diese drei Personen hielten
eben einen ernsten, entscheidungsvollen Kriegsrath. Madame Louis stand
dabei schon in Amazonentracht, in dunkler Hose, rothwollenem Hemd und
dunklem breiträndigen Filzhut, an dem keck eine schwarze Straußenfeder
schwankte, eine Doppelflinte über der Schulter, zwei Pistolen und ein
Messer im Gürtel und einen kleinen gestickten Arbeitsbeutel -- den
Fouragesack -- in der Hand. Ihr Mann dagegen schien mehr zum „schweren
Getränk“ zu gehören. Er hatte nämlich nur eine Flinte, dafür aber drei
Feldflaschen umhängen, und überwachte zugleich auch das Aufschnallen
eines zwölf gallonigen Fäßchens Brandy, was dicht vor der Zeltthür zwei
andere Franzosen besorgten.
Der Kriegsrath in Louis Zelt handelte sich aber um nichts geringeres
als ein an Fuchs gestelltes Verlangen seine sämmtlichen Ansprüche an
Ruhm und Heldentod für diesen Zug aufzugeben, und, während Herr und
Madame Louis Abwesenheit, statt Blut aus den Adern der Amerikaner, die
Korke aus den Flaschen zu ziehen, d. h. indessen an Madame Louis Stelle
die Schenke zu versehen, und etwa einsprechende Kunden zu bedienen.
Ihre Grausamkeit erstreckte sich nicht so weit, die auswärtigen
Amerikaner zu vernichten und die zurückbleibenden verdursten zu
lassen, nein, das konnten sie nicht übers Herz bringen und Fuchs war
ausersehen diese gute Absicht ins Leben treten zu lassen. Madame Louis
hatte hierbei, und daß sie diesen gerade wählte, einen tieferen Grund
-- „einen anderen müßten wir besonders bezahlen,“ flüsterte sie ihrem
„Gatten“ leise zu, „und der ist uns doch noch genug schuldig.“
Herrn Louis leuchtete das vollkommen ein, obgleich er allem Anscheine
nach am allerliebsten selber geblieben wäre. Seine Frau konnte er aber
unmöglich dem Schutz eines anderen anvertrauen, und da sich Fuchs nach
einigem Zureden nur schwach sträubte, hatten sie das bald geordnet.
Fuchs stellte seine Flinte in die Ecke und war eben im Begriff seine
Ärmel aufzustreifen, ein nöthig gewordenes Gläserspülen vorzunehmen,
als Pferdegetrampel vor der Thür gehört wurde, gleich darauf der Kopf
eines Pferdes und dicht darüber ein Frauenkopf, ebenfalls mit schwarzem
Filzhut und breitem rothem Band geschmückt, sichtbar wurde, und eine
feine, aber resolut genug klingende Stimme rief.
„~Traversons la „creek,“ ma chère, traversons la creek, a parbleu nous
sommes les denières -- et Monsieur Fuchs?~ was machen +Sie+ da? -- wo
ist Ihr Gewehr -- wir haben keinen Augenblick Zeit mehr zu verlieren.“
„Im Augenblick, ~ma chère~, im Augenblick“ antwortete die Amazone, für
den etwas verlegen dastehenden Stellvertreter -- „Monsieur Fuchs will
indessen die Güte haben unser Haus zu bewachen -- und ich wollte nur“ --
„~Ah quelle galanterie~,“ lachte die Dame zu Pferd, „~mais montez,
montez~. Es wird wahrhaftig zu spät, und wir können doch nicht allein
nachreiten.“
Madame Louis steckte nur in der Eile noch etwas Eau de Cologne,
Heftpflaster und Leinwand in ihren Arbeitsbeutel, warf einen flüchtigen
Blick in den kleinen, am mittleren Pfosten hängenden Spiegel, einen
flüchtigeren Gruß dem verlassenen Kellner zu, bückte sich dann rasch
unter dem noch immer zum Zelt hereinschauenden Pferdekopf weg. Dabei
stieß sie dieses mit der auf der Schulter hängenden Flinte dermaßen
an die Nüstern, daß es schnaubend zurückfuhr und seine schwere Last
bald sehr unceremoniös abgeladen hätte. Madame achtete aber nicht
darauf, trat an ihr eigenes Thier hinan, schwang sich dort, von dem
herbeieilenden Louis unterstützt, leicht in den Sattel, und die beiden
Amazonen galopirten lachend und singend die Straße hinunter. Mr. Louis
band indessen sein eigenes Pferd los, rückte die verschobene Brille
wieder zurecht, rief noch einmal ein: ~bon soir, monsieur Fuchs~ in
das Zelt zurück, das von da aus mit einer Art Knarren beantwortet
wurde, und folgte dann in einem ungemein harten Trab den Damen, wobei
er alle Hände voll zu thun hatte die Flaschen und das Gewehr an seinem
auf und niederfliegenden Körper fest zu halten.
„~Well if I ever~,“ -- sagte ein kleiner dünner Amerikaner, der bis
dahin ganz erstaunt und stumm, im Schatten der gegenüberliegenden Zelte
gestanden und die Damen hatte abreiten sehen, „~what the devil is the
matter with the French?~ haben denn die heute alle den Teufel im Leib?
die wollen wohl Californien stürmen?“
„Californien nicht, aber Sonora,“ sagte eine andere Stimme neben ihm,
und als sich der Kleine nach ihm umschaute, stand der Aelteste der dort
in der Flat arbeitenden Texaner Compagnie, ein Mann Namens Fletcher
neben ihm.
„Sonora? -- zum Henker auch,“ rief der Kleine, „woher wißt Ihr denn
das“ --
„Oh, Kurnel der Canadier da drüben hat mirs gesagt. Der spricht
französisch.“
„Aber was ist denn da drüben vorgefallen?“ sagte der kleine Mann etwas
ängstlich. „Da müßte man ja lieber gleich eine Meeting zusammenrufen
und Gegenmittel ergreifen. Wenn sie nur“ --
„Ah was,“ brummte der Texaner phlegmatisch -- „die ganze Sache wird auf
einen Unsinn hinauslaufen. -- Wirds aber ernsthaft, und brauchen sie
uns drüben, so werden sie’s uns schon wissen lassen!“
„Hallo Fletcher, wißt Ihr’s schon?“ schrieen diesen jetzt ein paar
junge 19 oder 20jährige Burschen an, die einen Fleischerladen in
Compagnie hielten, und sich außerdem in dieser Compagnie noch täglich
ein- bis zweimal prügelten. Der eine von ihnen trug eine mexicanische,
an den Außennäthen offene Hose und eine sechsläufige Pistole im Gürtel.
„Die Franzosen sind ausgezogen und wollen Sonora stürmen -- jetzt nur
alle unsere Jungen zusammengetrommelt und nach, nachher bekommen wir
sie zwischen zwei Feuer.“
„Unsinn“ entgegnete ihm hierauf aber der andere, ein dickes
rothbäckiges Gesicht mit glanzlosen nichtssagenden blauen Augen --
„unsere Jungen werden dort schon allein mit ihnen fertig werden,
aber ein amerikanisches Lager wollen wir hier indessen machen, eine
Verschanzung aufwerfen, und keinen von den gottverdammten Franzosen
wieder hereinlassen.“
„Unsinn?“ rief aber erzürnt sein Compagnon -- „Du Holzkopf weißt wohl
was Unsinn ist -- nein zu feige bist Du mit auszurücken, und willst
Dich lieber hier hinter einem Dutzend Baumstämme verschanzen.“
„Zu feige?“ entgegnete jetzt aber auch ingrimmig der mit den blauen
Augen und der mexikanischen Hose -- „Du verdammter“ --
„Ruhig, Boys, ruhig!“ mischte sich hier aber Fletcher, der bis dahin
den beiderseitigen Ansichten und dem späteren Wortwechsel, ohne
eine Miene zu verziehen, zugehört hatte, in das zu drohend werdende
Gespräch. -- „Seid vernünftig und geht ruhig zu Hause -- Morgen wird
die Sache ganz anders aussehen. Wer weiß auf was für einen blinden Lärm
hin die ausgezogen sind, und morgen kommen sie dann wie die begossenen
Pudel wieder heim.“
Einige andere wollten noch dagegen anstreiten, sprachen von
„amerikanischer Flagge aufpflanzen und darunter sterben,“ von „Beispiel
geben“ und „Undankbarkeit der Fremden,“ die man je eher je besser aus
dem Lande jagen müsse. Die Vernünftigeren gewannen aber doch endlich
die Oberhand, und erwirkten, daß die Uebrigen ruhig zu Hause gingen und
der Sache, für heut Abend wenigstens, ihren Lauf ließen.
Die Franzosen sammelten sich indessen unverdrossen an dem bestimmten
Ort, und die beiden Amazonen kamen gerade noch zeitig genug, sich an
die Spitze der Bewegung zu stellen.
Unter der Zeit waren aber auch die beiden, von Sonora ausgesandten
Emissäre nicht müßig gewesen -- und hatten die Nachricht, theils selber
theils durch andere Gelegenheiten, an den Calaveres hinüber, nach
Angels und Carsons und Douglas Flat geschickt. Von allen Seiten kamen
in der That die ganze Nacht hindurch Franzosen, ihre Decken und Flinten
mit ein paar spärlichen Provisionen zusammengepackt auf dem Rücken,
anmarschirt, verlangten in Murphys die Bestätigung des Gehörten, und
wanderten dann rasch der ungewissen Gefahr entgegen, weiter.
So wenig das Ganze auch in seinem Erfolg dem entsprach was man davon
erwartet hatte, so gaben die Franzosen in dieser Zeit den Amerikanern
doch eine ganz heilsame Lehre, +wie+ sie, wenn wirklich einmal
Noth sein sollte, zusammenhielten; und mehrere Amerikaner meinten
später auch wirklich erstaunt, sie hätten nie geglaubt, daß so viele
Franzosen noch einzeln in den Minen stäcken, denn wie aus dem Boden
seien sie von allen Seiten und Ecken in der Nacht und am nächsten Tage,
ja nach zwei Tagen noch, aufgetaucht.
Dieser, von Murphys ausgehende erste Zug war übrigens abenteuerlich und
romantisch genug. Lauter kräftige, wild aussehende Gestalten, meistens
in rothe wollene Hemden und eben solche Mützen, oder schwarze oder
graue Filzhüte gekleidet. Dabei hatten sie sich mit jeder nur möglichen
Wehr bewaffnet, die sie im Augenblick aufgetrieben. Die meisten trugen
jedoch Doppelflinten, andere auch Büchsen oder nur ordinäre Musketen,
viele sogar noch ihre französischen Seitengewehre, wie auch Säbel,
Dolche und Pistolen.
Viele dieser Waffen waren nun gar nicht in Stand. Aus allen Winkeln, wo
sie bis dahin in Staub und Rost unbeachtet gelegen, hatte man sie heute
Abend vorgesucht; Zeit sie zu reinigen, wurde natürlich nicht gegeben,
und viele nahmen sich nicht einmal die Mühe, zu untersuchen ob das alte
Feuereisen, mit dem sie jetzt in den Kampf eilten, geladen gewesen oder
nicht. Ruhig stießen sie noch eine andere Patrone oben auf und eilten
dann weiter.
Der pockennarbige Bäcker hatte übrigens die meiste Noth mit seiner
Waffe, die unter keiner Bedingung losgehen wollte.
Er ging, wie fast alle seine Cameraden, zu Fuß, und blieb alle
Augenblicke stehen seine alte Muskete in Ordnung zu bringen. Freilich
wurde er nie damit fertig, mußte dann eine Strecke aus vollen Kräften
laufen, die Uebrigen wieder einzuholen, und holte nur wieder Athem,
sich auf’s Neue mit dem alten Schießeisen abzuquälen. In diesen
Zwischenräumen schüttete er dann gewöhnlich zwei oder dreimal Pulver
auf die Pfanne, nachdem er jedesmal vorher das Zündloch wohl aufgerührt
hatte, blitzte es ab, versuchte einen anderen Ladestock mit einem
Krätzer daran, den er sich geborgt, der aber, wie er recht gut wußte,
zu kurz war, immer wieder von neuem, bis er ihn endlich abbrach, und
blies dann endlich, als letzten verzweifelten Versuch, in den Lauf
hinein, daß ihm das Gesicht dick und roth aufschwoll. Dieß war auch für
solche Pausen die Schlußoperation, hiernach stieß er nur noch einen
kräftigen Fluch aus, und eilte dann, schon durch das Blasen athemlos
gemacht, keuchend hinter den Seinigen her.
Allerdings war es von Anfang an der Plan der Ausrückenden gewesen,
nicht eher zu rasten bis sie in Sonora selber wären. Durch die
ungewohnte Anstrengung aber ermüdet und, da sie weiter gar keine
Provisionen mitgenommen und sich dafür desto mehr an den Brandy
gehalten hatten, auch dadurch mehr als gewöhnlich erschlafft, machte
der Zug um eilf Uhr etwa Halt, lagerte sich um mehrere, rasch
entzündete gewaltige Feuer und campirte im Freien.
Toll genug ging es dabei her, die Flaschen kreisten, und muntere Lieder
verscheuchten alle trüben Gedanken. Nur der pockennarbige Bäcker war
mürrisch, sein widerspenstiges Gewehr aber doch endlich, Dank seinen
unausgesetzten Bemühungen zum Losgehen bewogen. Freilich schlug er sich
dabei den eigenen Backen und verlor den Hahn vom Schloß, den er in der
Dunkelheit nicht wieder finden konnte.
Kaum besser ging es Mr. Louis mit seiner Frau. Sie war ihm, oder er
ihr plötzlich abhanden gekommen, und der arme, kurzsichtige Teufel
hatte jetzt nicht wenig Müh, unter all den roth wollenen Hemden das
herauszufinden was seine zweite Hälfte umschloß. Durch das halbe Lager
forschte er den Leuten dicht unter die großen Hüte und in die bärtigen,
verdutzt nach ihm umschauenden Gesichter, bis er Madame endlich an der
Seite ihrer Freundin, unter einem Baume ausgestreckt fand, und sich
nun ebenfalls, über die dort Umhergestreuten erbarmungslos hinüber
stolpernd, zu Ruhe begab.
Am nächsten Morgen brach der ganze Zug mit der ersten Dämmerung, und
zwar ohne Frühstück, nur wieder durch einen Brandy gestärkt, auf,
und selbst in der Nacht stießen noch mehrere ihrer Landsleute aus
den benachbarten Minen zu ihnen. Keine Stunde waren sie aber noch
marschirt, als ihnen plötzlich ein Trupp Mexicaner begegnete.
„~Donde vais, amigos~,“ riefen ihnen die ersten Franzosen erstaunt
entgegen, „wo wollt Ihr hin und wo kommt Ihr her? Wißt Ihr nicht, daß
wir Euch zu Hülfe ziehen gegen die Amerikaner? Wir wollen einmal sehen
ob sie Euch wegtreiben sollen?“
Die Spanier schienen betreten und wollten nicht recht mit der Sprache
heraus. So viel ließ sich übrigens endlich verstehen, daß man sie noch
nicht förmlich vertrieben hatte, sondern daß sie vielmehr gutwillig
gegangen waren.
Die Franzosen redeten ihnen ernstlich zu wieder mit ihnen umzukehren,
und ihre eigene Sache nicht auf so schmähliche Art im Stich zu lassen.
Nur bei sehr wenigen half aber dieses Zureden, die meisten meinten,
sie wären nicht der Unruhen, sondern der Minen wegen fortgegangen. Die
Sonora-Minen seien doch meistens ausgearbeitet, und es lohnte nicht
mehr der Mühe noch viel Zeit darauf zu verschwenden.
Unter dem Fluchen und Schimpfen der entrüsteten Franzosen kehrten sie
sich endlich ab, und zogen nach Murphys zu durch den Wald, während
den wenigen die wieder mit umkehrten, die Rolle die sie jetzt als
heldenmüthige Vertheidiger ihrer Rechte zu spielen hatten, keineswegs
zu behagen schien. Viele davon wußten es auch noch wirklich unterwegs
möglich zu machen, seitab in die Büsche zu verschwinden, und nur sehr
wenige hielten bis Sonora aus.
Noch begegnete der Zug mehrern kleinen Trupps, wie vielen einzelnen
Spaniern, Mexikanern wie Chilenen. Diese ließen sich aber auf gar keine
weitern Demonstrationen ein, und die einzelnen drückten sich gewöhnlich
gleich seitab, irgend einen kleinen Abhang hinunter oder hinter die
dichten Rothholzbüsche.
Um 10 Uhr etwa erreichten sie den Stanislausfluß, über den ein alter
Amerikaner die Fähre hatte, und dieser war, wie man leicht denken
kann, nicht wenig erstaunt und auch bestürzt, so viele Bewaffnete in
jedenfalls feindlicher Absicht gegen Sonora rücken zu sehen.
„Um Gottes Willen, Kinder,“ sagte er gutmüthig, „macht keinen Unsinn,
bedenkt was Ihr thut, und gerade im Begriff seid zu unternehmen. Noch
wißt Ihr nicht einmal ob das, was Ihr über Sonora gehört habt wirklich
alles so wahr ist, und wenn es wirklich der Fall wäre, so bedenkt,
daß immer auch nur einzelne wieder daran die Schuld tragen. Rückt Ihr
aber jetzt, wie Ihr da seid, in Sonora ein, so kann es nicht ohne
Blutvergießen abgehen, und wenn erst Blut vergossen worden ist, wer
steht dann für das Uebrige? Handelt also nicht gleich so leichtsinnig,
sondern prüft vorher und haltet Euer Gewissen frei, daß Ihr Euch nicht
später Euer ganzes Leben hindurch bittere Vorwürfe über die Folgen
machen müßt, die ein einziger unüberlegter Schritt herbeigeführt.“
Gestern Abend hätte der alte Mann jedenfalls in den Wind gesprochen;
heute Morgen hatte sich das schnell erregte Blut aber schon bedeutend
abgekühlt, wozu denn auch der nüchterne Magen nicht wenig beitragen
mochte. Sie versicherten den Alten sie wollten seinem Rath folgen,
und ehe sie nach Sonora einzögen und Gewalt brauchten, vorher
einen Parlamentär hineinschicken, der sich dort nach allen näheren
Verhältnissen noch einmal genau erkundigte. Der alte Amerikaner
wollte nun freilich, daß die Andern so lange an dieser Seite des
Flusses bleiben sollten. Dagegen waren aber alle; im Fall sie wirklich
gebraucht würden, wollten sie auch gleich bei der Hand sein.
Noch während des Uebersetzens stießen die beiden Franzosen wieder zu
ihnen, die gestern Brief und Nachricht von Sonora nach Murphys und der
dortigen Gegend gebracht hatten. Als diese die Absicht ihrer Landsleute
hörten, erboten sie sich augenblicklich vorauszureiten, und ihnen
bestimmte Nachricht, wie die Sachen +jetzt+ ständen, unverweilt zu
bringen. Hiergegen opponirten indessen einige, und besonders Deutsche,
und meinten es wäre besser, dießmal andere hineinzusenden, da man der
beiden Männer Urtheil über Sonora schon gehört habe. Sie wurden aber
überstimmt; die zwei Franzosen gaben ihren Pferden die Sporen und
sprengten voraus, der Zug rückte bis auf 1½ Meilen von Sonora, als dem
mit den Abgesandten verabredeten Sammelplatz vor, und lagerte dort, die
Rückkehr dieser zu erwarten. Alle unter der Zeit noch nachfolgenden
Franzosen zogen sie indessen an sich heran, und es mochten damals wohl
auf solche Art 4 bis 500 Bewaffnete vor Sonora versammelt liegen, von
denen jedenfalls drei Viertheile Franzosen waren.