Nachtzeit keineswegs bequemen Wege weiter. Der Mann blieb allerdings
manchmal stehen, zu horchen ob ihnen auch Niemand folge; Fischer
und Johnny aber waren viel zu vorsichtig, ihre Gegenwart ahnen zu
lassen. Sie hielten sich in der gehörigen Entfernung, und da sie
beide mit der Gegend umher bekannt genug waren, wurde es ihnen nach
kaum einstündigem Marsche nicht schwer zu errathen, wo eigentlich
das Ziel ihrer Wanderschaft liege. Endlich senkte sich auch der Weg
wieder thalab, und einem ziemlich steilen aber breiten Gulch zu,
woran fast noch gar nicht gearbeitet war. Untersucht hatten sie den
Gulch selbst schon einmal, aber, wie das gewöhnlich geschieht, nur
oberflächlich. Je weniger sie zweifelten daß Hilgen hier Halt machen
würde, um so behutsamer eben folgten sie. Der Esel, der über den
ungewohnten Nachtmarsch mißvergnügt sein mochte und fortwährend schnob
und prustete, stand schließlich an einem umgestürzten Baume still, ward
seines Gepäcks entladen, und bald loderte neben ihm ein lustiges Feuer
in die klare Nachtluft hinauf.
Fischer und John zogen sich jetzt zurück, zu berathen, was sie
eigentlich thun sollten. Wie sie aber leise den schmalen Hirschpfad,
den sie niedergekommen, wieder aufstiegen, außer Gehörsweite der
„flüchtigen Familie“ zu gelangen, rannten sie beinahe gegen Fuchs und
Starke an, die, der letztere voraus, etwas rascher vorwärts eilten,
ihre Vorgänger nicht zu verlieren.
„Herr Je!“ rief Starke -- Fischer packte ihn aber gleich und
bedeutete ihn stille zu sein und Fuchs lachte, während Johnny im
ersten Augenblick ein wenig verlegen schien. -- Das gab sich aber
bald, und die vier Verbündeten gingen nun etwa eine halbe Meile den
Berg wieder hinauf und hielten dort Kriegsrath, was sie jetzt thun
wollten. Es verstand sich von selber daß sie heute Nacht nach ihrem
Zelte zurückkehrten; Fischer und Fuchs stimmten aber dann dafür, daß
sie gleich am nächsten Morgen mit ihrem ganzen Geschirr herüberkämen
und der „Familie Hilgen“ einen Besuch abstatteten, während Johnny
vollkommen dagegen war.
„Verlassen wir jetzt ebenfalls den Mormongulch,“ schloß er ganz
richtig, „so ist der Teufel los. -- Alle Welt weiß dann auf einmal
daß die Deutschen einen neuen Platz gefunden haben, nach dem sie Alle
heimlich aufgebrochen sind, und das ganze Amerikanische Gesindel,
das ohnedieß den ganzen Tag in den Bergen herumliegt, stiebte
augenblicklich nach allen Richtungen auseinander, uns aufzufinden. Das
würde ihnen dann bald gelingen, denn dieser Gulch liegt gar nicht so
weit aus dem Weg. Ueberdieß wissen wir nicht ob der Platz wirklich so
reich ist, wie jetzt Hilgen zu glauben scheint, und das können wir also
jedenfalls erst einmal ruhig abwarten. Bleibt Hilgen hier, dann ist es
ein Beweis daß er recht hatte, und dann verlieren wir uns so langsam
ohne viel Aufhebens zu machen, vom Mormongulch weg, -- ist er aber
nicht so gut, dann kommt Hilgen schon früher wieder von selber zurück,
und dann können wir ihn eben so gut auslachen und haben noch außerdem
einen jedenfalls beschwerlichen Umzug erspart.“
Dieser Vorschlag war zu vernünftig, als daß sich die Andern nicht
vollkommen einverstanden damit erklärt hätten. -- Starke war es überdem
gleich, was sie machten, solange er nur nicht selber über etwas
nachzudenken brauchte.
„Aber wo ist denn Erbe eigentlich geblieben?“ frug Fischer, sich jetzt
erst nach diesem umsehend, „habt Ihr ihn mitgebracht? oder ist er
allein zurückgeblieben?“
„Mitgebracht?“ lachte Fuchs -- „habt Ihr +uns+ etwa auch
mitgebracht? Nein, Erbe sitzt jetzt noch wahrscheinlich bei den
Weinresten, und wartet auf unsere Zurückkunft, und ich glaube es ist
auch das gescheiteste was wir thun können, daß wir selbst noch heut
Abend in das Zelt zurückgingen und uns wenigstens dort zeigten, denn
übrig wird der Doktor wohl nichts gelassen haben.“
Dem stimmten die Andern bei und die vier Männer marschirten jetzt,
rascher als sie gekommen, und von dem aufsteigenden Mond begünstigt,
nach ihrem alten Lagerplatz, den sie etwa um zwei Uhr erreichten,
zurück. In dem Amerikanischen Trinkzelt war allerdings noch Licht
sowohl als Gesellschaft, denn die Spieler saßen dort oft bis zum hellen
Tageslicht -- von Erbe aber nicht die Spur mehr zu sehen und der Wirth
behauptete, daß er gleich unmittelbar nach den anderen Herren das Zelt
verlassen, vorher aber noch sämmtliche Rester ausgetrunken habe. Das
war viel zu wahrscheinlich, auch nur einen Augenblick an der Wahrheit
dieses Berichts zu zweifeln, und die Viere zerbrachen sich jetzt nur
den Kopf, was aus ihm könne geworden sein.
„Geworden?“ meinte Starke erfreut, -- „er wird in seinem Zelte liegen
und schlafen.“
Das war eine neue Möglichkeit und Starke wurde abgeschickt es zu
untersuchen. Starke kam indeß nach etwa zehn Minuten wieder zurück und
meldete, das Zelt sei nicht nur leer, sondern die darin liegende Decke
kalt und unberührt, und Erbe habe es keinen Falls heute Abend noch
betreten.
Was war nun aus ihm geworden? -- selbst der nächste Morgen, der nächste
Abend brachte keine Spur von dem Vermißten, und drei volle Tage
vergingen, ohne daß irgend Jemand hätte angeben oder auch nur muthmaßen
können, was aus ihm geworden sei. Die Deutschen dort fürchteten auch
schon, es könne ihm ein Unglück zugestoßen sein, als er eines schönen
Morgens, die Hände, wie immer in den Taschen, die Mütze wie immer auf
der Seite, das Gesicht, wie immer roth und fidel, den Gulch, wo die
Uebrigen noch arbeiteten, herauf kam. Als er bei Johnny’s und Fischers
Arbeitsplatz von diesen mit lautem Jubel begrüßt wurde und dort
anhielt, sprangen Starke und Fuchs herbei, und Alle wollten nun von
ihm wissen wo er die Zeit über gesteckt, und was er, ohne Decke, ohne
Provisionen, ohne Handwerkszeug, selbst ohne Zelt die ganze lange Zeit
über getrieben habe. Erst hielt er freilich zurück und suchte Ausreden
zu machen, meinte, er sei „prospectiren“ gewesen etc. Die Andern ließen
indessen nicht nach, und als sie ihn endlich, weil es doch bald Mittag
war, mit ins Trinkzelt nahmen, konnte er einigen rasch auf einander
folgenden Gläsern heißen Brandypunsches nicht länger widerstehen, und
die ganze Geschichte kam heraus.
„~Well~,“ fing er hier in seinem tollen Kauderwelsch zu erzählen
an, das ich dem Leser hier, nur der Probe wegen, einmal wörtlich
wiedergeben will[5] -- „~well~, ich saß noch ganz innocent bei den
Bottels und wußte von Nichts, bis Fuchs und Starke da auf einmal
aufrehsten[6] und weggingen, da fiel mir unsere geschworene Treue und
Einigkeit ein, und da kams mir in den Sinn, daß sie mich wohl hier
mit der ganzen Eintracht wollten bei mir selber[7] sitzen lassen. Ich
rehste also auch auf, und wie ich vor das Tent[8] komme, find’ ich da
einen von den Schwarzen, der mir auf die Sprünge half. Erst hatte er
zwei Männer den Hill[9] hinaufgehen sehen und oben auch noch einen
Mann, eine Frau und einen Jackaß[10] getroffen. Nun wußt ich ja gleich
woran ich war, und machte auf Curs[11] augenblicklich dahinter her. --
Es dauerte auch nicht lange, so sah ich zwei dunkle Gestalten vor mir
hintraweln[12] die alle Minuten schtoppten und horchten und dann wieder
vorwärts marschirten. Ich konnte mir wohl denken, daß das Fuchs und
Starke wären, und suchte nun mit ihnen aufzukiepen[13]. Gerade aber,
ehe man auf den Hill hinaufkommt, und wie ich so ruhig fortlaufe und
denke, daß Alles sicher ist, schtumble[14] ich und falle, weil ich
die Hände zufällig in den Pockets[15] hatte, in so ein verwünschtes
Hole[16] hinein, das dicht am Wege war. Glücklicher Weise fiel ich
blos auf den Kopf und wurde nicht weiter gehürtet[17], wie ich aber
wieder in die Höhe kam, mußte ich tüchtig zutraweln bis ich wieder
Jemand vor mir merkte. Diesmal wars aber kein Mensch, sondern ich
hörte das Schnauben eines Jackaß, und überlegte mir nun, daß Fuchs und
Starke wahrscheinlich meine Schritte hinter sich gehört hätten und
aus der Road[18] gegangen wären, um nicht gesehen zu werden. Das war
aber kein Matter[19] so lange ich nur hinter Hilgens Jakaß blieb, aber
auch das ein hart Stück Arbeit und kostete mir vielen Trubbel[20].
Einmal lief der Satan so rasch, daß ich kaum hinterher konnte, und dann
schtoppte er wieder und wartete, als ob sie nach mir herüberhorchten.
Ich hatte dann immer genug zu thun, daß ich mich irgendwo rasch hinter
einen Schtump[21] oder Busch drückte, und Hill auf- und runter durch
Wasserholes und Breiars[22] ging’s, bis er endlich, ganz oben auf einem
steilen Hügel für gut[23] zu schtoppen schien. „Nun +da+ sind die Minen
gewiß nicht“ dachte ich so bei mir selber, wollte mich aber auch nicht
melden und war überhaupt durch das Trinken vorher, und den langen
Marsch so vollkommen aufgenockt[24] daß ich, wie ich kaum eine halbe
Stunde so gesessen haben mochte, richtig in eine Dose fiel[25].
„Wo ist er ’nein gefallen?“ schrie aber jetzt Fuchs, der kein Englisch
verstand und dem die Sache zu bunt wurde, Fischer und Johnny hatten
überdieß schon Mühe gehabt, ihn abzuhalten, Erbe’s Bericht nicht alle
Augenblicke zu unterbrechen, -- „in eine +Dose+ ist er gefallen, -- was
zum Donnerwetter ist das?“
„Ruhig, störe Herrn Erbe nicht,“ rief aber Fischer, der sich natürlich
über die Erzählung köstlich amüsirte, „er ist eingeschlafen gewesen --
fahren Sie fort, Herr Erbe.“
„~Yes~,“ sagte Erbe, und nahm erst noch einmal einen tüchtigen Zug,
-- „da ist nicht viel fortzufahren. Wie ich wieder aufwachte war es
heller Tag, und clos zu mir[26] stand ein großer brauner Jackaß -- und
Hilgens haben einen grauen -- und schrie und schlenkerte immer mit dem
rechten Ohr, und dann sah er mich wieder an und schrie wieder. Ich
lukte[27] erst um mich her, und wußte nicht recht wo ich eigentlich
war; aber endlich fiel’s mir von gestern Abend ein, und nun schmellte
ich eine Ratte[28].“
Fuchs wollte wieder Einspruch thun, Fischer verhinderte ihn aber daran
und Erbe erzählte weiter.
„Durch Breiars und Wasserholes, über Hills und Rocks[29] hinweg, war
ich fast die ganze Nacht dem verkehrten Jackaß nachgestiefelt, und
einen Durscht hatt’ ich, o Herr Gott von Meißen, wie durschtig war ich.
Wie ich mich denn aber nun auszufinden suchte, wo ich eigentlich wäre,
krahlte[30] ich natürlich wieder den falschen Hill hinunter und kam an
den Stanislaus. Dort fand ich glücklicher Weise einen guten Bekannten,
und mit dem wollte ich, da ich doch gerade da drüben war, prospectiren
gehen. Wir kamen aber nicht dazu, denn im Anfang hatte er sehr
guten Brandy, und er sagte mir, er hätte sich schon lange Jemanden
gewünscht, mit dem er prospectiren gehen könnte, und wir wollten nur
erst den Brandy austrinken und dann lostraweln -- und damit war ich
auch vollkommen satisfeid[31]. Wie aber der Brandy alle war, kriegt ich
so eine Art Heimweh nach dem Mormongulch, und da bin ich denn wieder
herübergekommen.“
Erbe wurde natürlich seines Abenteuers wegen tüchtig ausgelacht, da
er indes so viel ausgestanden hatte, erzählten sie ihm auch jetzt wo
Hilgen und seine Frau arbeite, und daß sie Ende dieser Woche, wenn jene
bis dahin nicht zurückgekommen wären, dorthin aufbrechen wollten.
Erbe war damit vollkommen einverstanden, und fast mehr noch durch den
delikaten Punsch, als diese Mittheilung, über alles Ausgestandene
getröstet. Hilgen kam aber nicht wieder, ja hielt sich, weil er sich
noch vollkommen unentdeckt glaubte, so geheim, daß er nicht einmal
seine Provisionen aus der Nachbarschaft des Mormongulch holte, sondern
lieber einen viel weitern Weg nahm, von seinen „Verbündeten“ nicht
gesehen und aufgespürt zu werden. Er erschrack auch nicht wenig, als
diese am nächsten Sonntag plötzlich mit Sack und Pack vor seinem
Zelt erschienen und ihm sämmtlich der Reihe nach um den Hals fielen
und ihn umarmten, mußte übrigens wohl gute Miene zum bösen Spiel
machen. Wenn er sich auch ärgerte, so überlistet zu sein, noch
dazu da ihm Johnny wieder mit pathetischen Mienen sein gebrochenes
Schutz- und Trutzbündniß vorhielt, kam Erbe doch auch wieder mit der
Erzählung +seiner+ Fahrten als Balsam dahinter her, und die kleine
deutsche Colonie ließ sich an diesem Gulch jetzt gerade so nieder wie
vorher an dem Nachbarbach. Da nun der Bach doch auch getauft werden
mußte, und zwei Esel eine so bedeutende Rolle bei seiner Entdeckung
gespielt hatten, (Erbe’s und Hilgen’s, welcher letztere ja durch sein
fortwährendes Schnauben die Verfolger auf der richtigen Spur gehalten)
so wurde er der „Jackaßgulch“ genannt. Diesen Namen hat er bis auf den
heutigen Tag behalten, und in seinen Uferbetten sind selbst bis jetzt
noch die reichsten Stellen Californischer Schätze gefunden worden.
Von all den Deutschen freilich, die dort arbeiteten, haben nur sehr
wenige wirklichen Nutzen aus dem gezogen was sie damals gefunden;
Hilgen und seine Frau ausgenommen. Madame Hilgen hielt zusammen, was
sie Beide mit schwerer und wackerer Arbeit verdienten, errichtete
auch noch später ein Kaffeehaus und einen Schenkstand, in dessen Casse
manche Unze der Nachbarn floß. Beide Eheleute haben jetzt Häuser und
Grundstücke mit einem ~boarding~ oder Kosthaus in San Francisco und
sind auf dem besten Wege reich zu werden -- wenn sie es nicht schon
geworden.
Die Uebrigen verjubelten ihr Gold, wie sie es verdienten, hofften
immer auf mehr und fanden bald zu ihrem Schrecken, daß die früher
unerschöpflich geschienenen Minen in der That gar nicht unerschöpflich
gewesen wären.
Um aber dem Leser einen Begriff zu geben, wie wenig damals das Gold
geachtet wurde, und daß die ersten Berichte von Californien, so
übertrieben sie schienen, dennoch Thatsachen zum Grunde hatten, will
ich ihnen Starke’s Fall mittheilen.
Starke verließ, wie gesagt, den Mormongulch, nach dem Jackaßgulch
hinüberzugehen, trotzdem daß er einen ausgezeichnet ergiebigen Platz
auszubeuten hatte, ja noch an demselben Morgen, an welchem er sein
Werkzeug zusammenpackte, in wenigen Stunden zwei Unzen Gold mit der
Pfanne herauswusch. Die Unze Gold galt schon damals 16 Dollar. Nichts
desto weniger glaubte er aber wo anders besser zu thun, und verkaufte
das gegrabene und noch nicht halb ausgearbeitete Loch für +eine+
Unze an einen Amerikaner. Dieser nahm noch 5000 Dollar heraus und
verkaufte dann den Platz an einen Dritten für fünf Unzen, der ebenfalls
wieder einige Wochen darin arbeitete. Niemand erfuhr, was der Letzte
herausbekommen hatte, aber bald darauf verließ er Californien.
Der Mann an den es Starke verkaufte, stocherte schon in der ersten
Stunde über anderthalb Unzen nur mit seinem Messer heraus, und als ich
Starke ein Jahr später in Murphys Diggins fand, war er froh wenn er mit
harter Arbeit noch so viel Dollars werth Gold finden konnte, als er
früher in einem Tag +Unzen+ gewonnen.
Johnny hatte seit der Zeit noch dreimal ein wirkliches Vermögen
ausgegraben, und dreimal wieder verspielt und als ich ihn zuletzt sah,
nicht Geld genug, sich neues Handwerkszeug zu kaufen, soll aber nachher
eine reiche Stelle, jedenfalls zum Besten der nächsten Spielbank
aufgefunden haben.
Doch in Californien zieht man gar wild die kreuz und quer umher und es
würde mich gar nicht wundern, wenn der Leser und ich noch einmal Einem
oder dem Andern unserer alten Bekannten in irgend einer der übrigen
Minen begegneten.
Die französische Revolution.
Murphys neue Minen, oder Murphys New Diggins, wie sie von Amerikanern
wie Deutschen, Franzosen und Spaniern genannt wurden, (obgleich
sie auch manchmal sogar den allerdings noch nicht verdienten der
„reichen“ bekamen) liegen an Angelscreek -- der sich weiter unten in
den Stanislaus ergießt. Sie bestehen theils aus kleinen Bergbächen,
die von den Hügeln kommend in den größeren Bach oder Creek fließen,
theils und hauptsächlich in der sogenannten Flat oder Barre, die durch
eine Biegung von Angelscreek gebildet ist, und über deren Reichthum
die fabelhaftesten Gerüchte verbreitet wurden. In der Zeit wo unsere
kleine Erzählung spielt, Mitte Mai, war aber noch zu viel Wasser in den
Quellen wie Bächen, als daß man schon tief in den Grund der Erde hätte
hineingraben können. Für jetzt ließen sich also nur Vorbereitungen
treffen die Arbeit, wenn die rechte Zeit (d. h. der Spätsommer) einmal
kam, gleich mit Kraft und Energie zu beginnen. Solche Vorbereitungen
waren aber: Pumpen bauen, Wasserrinnen ausschlagen, die abgesteckten
Gruben bis auf das Wasser hinunterzugraben, u. s. w.
Während die Miner oder Goldwäscher selbst diesen Beschäftigungen
oblagen, gab es noch eine andere Menschenclasse in „Murphys“, die
nicht weniger eifrig ihren eigenen, von diesen aber verschiedenen
Interessen oblag. Es waren dieß die in den Minen nur unter dem Namen
„Store Keeper“ bekannten Händler oder Kaufleute, die Zelt nach Zelt
in der Nähe des Flats bauten, Provisionen und Getränke einlegten
und, den täglich mehr hinzuströmenden Arbeitern nach, hoffen durften
ein recht einträgliches Geschäft den Sommer hindurch zu machen. Ein
unternehmender Yankee stellte sogar eine Kegelbahn auf, Kosthäuser
wurden errichtet, und die Spieler, diese Aasgeier des Geldes, kamen von
allen Seiten herbei, um gleich an Ort und Stelle zu sein wenn die erste
Ausbeute beginnen würde.
Unmassen von Franzosen, und zum großen Theil Basken, hatten sich
ebenfalls in Murphys eingefunden, und eine Menge französischer
Läden sprangen zwischen den amerikanischen auf. In diesen figurirten
besonders einige Grisetten -- jedoch sämmtlich aus dem Mittelalter
-- und eine von ihnen, die Jüngste, ging sehr zum Ergötzen der eben
aus dem Innern Nordamerika’s kommenden Backwoodsburschen, denen bis
dahin noch nicht einmal der Gedanke in den Kopf gekommen war, daß ein
Frauenzimmer auch Mannskleider tragen könne, in kurzer Jacke, weiter
Hose und weißem kek auf die Seite gestülptem Filzhut umher.
Auch Deutsche, Spanier und Engländer befanden sich in Murphys, die
Franzosen waren ihnen aber an Zahl weit überlegen, und bildeten
jedenfalls drei Viertheil der totalen Bevölkerung dieses kleinen
Minenstädtchens.
Gerade zu demselben Zeitraum, und zwar in den letzten Tagen des April
oder ersten des Mai, war ein Gesetz von der Californischen Legislatur
erlassen worden, daß sämmtliche fremde Goldwäscher in den Minen
Californiens mit einer monatlichen Taxe von 20 Dollars belastet werden,
und falls sie das nicht bezahlen wollten, oder nicht im Stande seien
es zu entrichten, ohne weiteres die Minen verlassen sollten. Würden
sie hiernach aber dennoch wieder an einer andern Mine, ebenfalls mit
Goldwaschen beschäftigt betroffen, so sollte dieß als ein Vergehen
gegen den Staat angesehen und als solches bestraft werden etc.
Man kann sich denken welchen Eindruck die Bekanntmachung dieses
Gesetzes auf die „fremden Goldwäscher“ machte, und selbst die
Vernünftigen unter den Amerikanern schüttelten darüber den Kopf,
und meinten das sei ein unsinniges Gesetz und würde viel unnöthigen
Spectakel und Unfrieden machen. Die Franzosen besonders schimpften und
raisonnirten auf das freisinnigste; erklärten das Gesetz für infam,
und beschlossen nicht einen Cent zu zahlen. Unter den Deutschen waren
einige Elsasser die ihnen besonders beistimmten, und die Basken holten
ohne weiteres ihre Musketen und Flinten vor, indem sie erklärten: es
sei das Beste, sich gleich von vorn herein in den Vertheidigungszustand
zu setzen, damit die Amerikaner Respect bekämen.
Die Amerikaner kümmerten sich aber gar nicht um sie. Bis jetzt war die
ganze Sache überhaupt noch viel zu neu, um schon ernstere Maßregeln
im entferntesten nöthig zu machen. Dem Gesetze nach sollten gewisse
Collectoren die verschiedenen Minen bereisen, und bis diese, oder einer
von diesen nicht nach Murphys selber kam, ließ sich gar nichts in der
Sache thun.
Es war ein wundervoller Abend in der letzten Hälfte des Mai, die
Sonne sank eben hinter die stattlichen Fichtenstämme, die Murphys
Hügel bedeckten. Die Leute kamen von ihrer Arbeit zurück, hie und
da stieg vor den Zelten der blaue Rauch der Feuer auf, an denen
die Goldwäscher ihr frugales Abendbrod kochten. Aus verschiedenen
Seiten der Stadt (denn eines solchen Namens erfreute sich die
kleine Zeltgruppe wirklich, und zwar als Stadt +Stoutenburg+)
tönten zugleich die wunderbarsten Klänge -- Klänge wie von alten
zusammengeschlagenen eisernen Kochtöpfen, ein chinesischer Gong,
eine kleine blecherne Kindertrompete u. s. w. herüber -- es waren
die Zeichen der verschiedenen Kosthäuser, daß das Abendessen fertig
sei und der „Boarder“ harre. Dahinein mischten wieder eine Menge von
frei herumlaufenden Eseln, die von den Minern gehalten wurden, ihre
lieblichen Y-ahs, und mit dem Schlagen der Holzäxte die Feuerholz für
den nächsten Morgen hieben, mit den einzelnen Fragmenten französischer
Lieder, die aus Zelt und Busch hervorschallten, den lebendigen Gruppen
die in der breiten, durch die Kaufläden gebildeten Straße standen und
lachten und sangen und gestikulirten, mit der auf der langen über des
Sheriffs Zelt errichteten Stange wehenden amerikanischen Flagge, dem
sich immer dunkler schattirenden Nadelholz und dem herrlichen, nur
von leisen, goldenen Wölkchen bestreuten Abendhimmel gab es ein Bild,
das einem armen Teufel wohl in seiner Lieblichkeit auf kurze Zeit all
die Strapazen und Mühen konnte vergessen machen, die er den langen Tag
über in der heißen Sonnenhitze und bei der schweren, ungewohnten Arbeit
ausgestanden.
Das Abendessen in den meisten Häusern hatte schon lange begonnen -- was
standen die Leute da noch so eifrig vor den Thüren und gestikulirten so
lebhaft mitsammen?
„Die Franzosen haben’s heute recht eifrig miteinander,“ sagte ein
langer Texaner zu einem eben so langen „Down Easter“ (der amerikanische
Scherzname für die ächten Yankees, oder Bewohner der nordöstlichen
Staaten der Union), mit dem er zusammen die Straße hinunterschlenderte
und selbstgefällig vor sich hinlächelte -- „könnt Ihr nicht verstehen
was sie zusammen schwatzen?“
„Ich?“ sagte der Yankee erstaunt, daß sein Begleiter ihn auch nur im
Verdacht hatte er verstände französisch oder irgend eine andere Sprache
der Welt außer „amerikanisch“ -- „wie soll ich das Geschlabber kennen?
s’wird nichts Wichtiges sein.“
„Und wie sie dabei mit den Händen herum agiren“ meinte der Texaner, und
sah sich noch einmal nach der letztverlassenen Gruppe um -- „ohne das
geht es aber auch nicht, denn bind’ einem Franzosen die Hände auf den
Rücken zusammen, und er bringt kein Wort über die Zunge.“
Die beiden Männer traten gleich darauf in ein amerikanisches Spielhaus,
und dort, wo sie nur Landsleute von sich fanden, hatte das Spiel zu
viel Interesse für sie, sich noch um etwas anderes zu bekümmern.
Gar verschieden sah es dagegen in einem, diesem schräg gegenüber
liegenden französischen Zelt aus, das ein gewisser Louis mit einer
Grisette -- die man anstandshalber Madame Louis nannte -- hielt. Hier
wogten Franzosen, und besonders Basken und Deutsche bunt durcheinander,
und vermischte Ausbrüche des Zornes, wie: ~mechant, au secours, à bas
les Américains etc. etc.~ ließen eine nur sehr unbestimmte Ahnung in
dem eben Hinzutretenden aufkommen, um was es sich eigentlich handle und
was vorgefallen sei.
Die Unterhaltung wurde hauptsächlich französisch, doch auch hie und
da spanisch, natürlich mit den verschiedenen bunt durcheinander
gewürfelten Dialekten geführt, und die hauptsächlichste und
hervorragendste Gruppe waren ein Deutscher Namens Fuchs, mit großem
rothen Bart, ein kleiner Baske, pockennarbig mit hämischen, scharf
ausgeprägten Gesichtszügen, ein Schweizer, eine hohe stattliche
Gestalt, einen argentinischen Poncho über die Schulter geworfen, und
ein eben solches Messer hinten im Gürtel, und ein vierschrötiger
Baske, der eben den magern loyalen Wirth des Hauses, Mr. Louis, an der
Schulter herbeischleppte, und zum Beweis dessen was er wahrscheinlich
gesagt, gegen den Tisch stellte.
„Hier, Louis,“ rief er dann in allem Eifer, „zeige ihnen einmal den
Brief den wir heute bekommen -- sie wollens noch nicht glauben.“
„Ja es ist wahr,“ bestätigte der kleine Mann, nur vermuthend von was
bis dahin die Rede gewesen -- „meine Frau hat den Brief.“
„Und was steht darin?“ fragte der Schweizer.
„O es ist scheußlich, niederträchtig!“ rief Fuchs.
„Nur ruhig Blut,“ meinte aber der Schweizer -- „erst einmal genau hören
-- die ganze Geschichte kann auch übertrieben sein.“
„Uebertrieben?“ zürnte der Baske -- „Madame Louis, wären Sie wohl so
gut uns einmal auf einen Augenblick den Brief zu geben?“